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Spielräume der Grazer Bachlandschaft
Spielräume der Grazer Bachlandschaft, Foto: Bettina Wanschura
Spielräume der Grazer Bachlandschaft, Foto: Bettina Wanschura
Spielräume der Grazer Bachlandschaft, Foto: Bettina Wanschura
zolltexte

Ökomorphologische Situation und freiraumplanerische Betrachtungen.

30. März 1999 - Bettina Wanschura
Die Grazer Stadtregierung setzt erste Zeichen, die der steigenden Wertschätzung der Gewässer Rechnung tragen. Indem die Bäche in das Blickfeld gerückt werden, ändert sich das Bewußtsein und steigt die Verantwortlichkeit des/r einzelnen. Denn nicht nur Hochwässer prägen sich als negative Erinnerungen ein. Auch positive Gefühle wie Beruhigung, Stimulation, Erholung, Ermunterung durch die Bäche sind dann möglich und setzen sich fest.

Durch die ökomorphologische Kartierung von rund dreißig Grazer Fließgewässern im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung/Abt. Wasserwirtschaft konnte ich einen guten Überblick über das Gewässernetz von Graz gewinnen (WANSCHURA, WEILER, 1998). Sehr unterschiedlich sind Zustand der Bäche und der Grad ihrer Beeinträchtigung, die in enger Wechselwirkung mit den angrenzenden Freiräumen bzw. Gebäuden stehen.

Die ökomorphologische Kartierung wurde gemäß Auftrag nach der Methode von Werth durchgeführt. Diese und zusätzliche Untersuchungen der Hochwasser-Abflußsituationen (SACKL, 1998) sollen die Basis für Planungsschritte in Richtung Revitalisierung und Sanierung der städtischen Fließgewässer sowie von Hochwasserschutzmaßnahmen legen.
Dabei sind naturgemäß umfangreiche Freilanderhebungen notwendig. Die ersten Monate des Jahres ‘98 zeichneten sich durch kaltes, stabiles, meist sonniges Wetter aus. Optimal für Kartierungsarbeiten von Bächen, die zu anderen Jahreszeiten nur nach Überwindung eines dichten Uferbewuchses aus Himbeer, Brombeer, Brennessel etc. erreichbar sind. Von der begehbaren, gefrorenen Bachoberfläche eröffneten sich ungewohnte Perspektiven.

Der Focus der Werth’schen Betrachtungsweise ist auf Sohl- und Uferzustand gerichtet. Generalisierbar ist, daß Sohle und Ufer deutlich mit der Siedlungsentwicklung korrelieren. Nachzuzeichnen ist außerdem, daß sich die Intensität der Einflußnahme von Stadtplanung und Flußbau während dieses Jahrhunderts deutlich änderte. Im Zuge der nachgründerzeitlichen Siedlungsentwicklung wurde der Boden für die weitere Besiedlung aufbereitet, indem Gewässer geradlinig in engen Regelprofilen reguliert wurden. Links- und rechtsufrig konnte dann bis knapp an die Uferlinie herangebaut werden.

Die heute manifesten Zeichen dieser intensiven Planungs- und Flußbauphase sind Regelprofile, trapez- bis kastenförmig, aus Beton- bzw. Naturstein. Während sich im Bachbett sehr kleinräumig differenziert unterschiedliche Korngrößen des Geschiebematerials einstellen können, sind die Ufer in ihrer Funktion als Austausch-/Wechselzone zwischen Bach und Umland weitgehend in ihrer dynamischen Entwicklung begrenzt. Der Uferberwuchs ist je nach baulicher Situation verschieden. Er fehlt entweder gänzlich oder es gibt stark eingewachsene Abschnitte mit mehrschichtigem Vegetationsaufbau.

Die durch geradlinige Ufer gesicherten Gewässer täuschten Sicherheit und Handlungsfreiheit für die Besiedelung der bachnahen Parzellen vor. Die Bebauungsweise läßt im nachhinein nur mehr wenige Spielräume offen.
Später wurde nicht mehr in dieser Dimension auf weite Strecken reguliert. Heute zeichnet sich ab, daß erst im Zuge von Neubauten Sicherungsmaßnahmen vorgenommen werden.

Allerdings wird auch so noch nicht sichergestellt, daß zwischen Flußraum und Gebäuden eine größere Distanz freigehalten wird. Resultat ist, daß ebenfalls viele Häuser sehr nahe am Gewässer stehen und die Sicherungsmaßnahmen einschränkend auf die Uferdynamik wirken. Individuelle Schutzmaßnahmen wie Blechwände, Holzverschläge, Autoreifen sollen die Fluten von Mensch und Gebäude fernhalten. Eine Gesamtbetrachtung der Flußräume ist an dieser Stelle zu fordern. Weder die Verrohrung noch die Kanalisierung in Regelprofilen bzw. das Verschweigen von Wassermassen (indem Bauen hart an der Uferlinie gewährt wird) läßt Wasser tatsächlich verschwinden. Irgendwo taucht es sicher wieder auf, sei es in Nachbars Garten oder einem entfernter gelegenen.

Ergebnisse der ökomorphologischen Kartierung

Die wesentlichen Einflußgrößen auf Gewässer im Stadtgebiet sind die Art der Besiedelung entlang der Bäche, Versiegelungsflächen in den Böschungsbereichen bzw. im unmittelbaren Einflußbereich des Gewässers, die Sicherungsmaßnahmen der Ufer bzw. der Gewässersohle sowie die Ausdehnungsmöglichkeiten für einen Vegetationsgürtel.
Während in den oberen Bachabschnitten vorwiegend die Morphologie des Einzugsgebietes und der unmittelbaren Uferböschungen auf die Gewässerstrukturen wirken, sind die mittleren und unteren Abschnitte stark von der Intensität der Besiedelung beeinflußt. Allerdings wurden auch in den Gebieten nahe dem Stadtrand – also in den oberen Abschnitten – vielfach künstliche Versteilungen durch Anschüttungen durchgeführt.

Reize der Bachlandschaft

Die Bachräume wirken anziehend und strahlen Spannung aus. Jeden Tag gibt es dort Neues, Verändertes, aber auch Beständiges zu erleben. Die Mischung aus Bekanntem und Fremdem, das Sich-Verlassen-Können auf die eigene Ortskenntnis, die informellen Treffpunkte und Überraschungseffekte – das sind die Orte der Kinder, der Randgruppen, der Jugendlichen. Gewässer und Ufer sind nicht überall leicht zugänglich. Besonders für Kinder ist der Reiz der Aneignung gegeben, denn dies sind Orte, die zwar in der Öffentlichkeit liegen, aber immer auch Verstecke und Freiräume bieten. Das Hinterlassen von Spuren und Zeichen bedeutet auch Information an andere, die diese Orte aufsuchen, weiterzugeben. Denn „fremde“ Spuren werden gelesen und interpretiert. Für die Älteren sind diese Orte nicht minder spannend. Was im privaten Garten leicht zu organisieren ist, ist in den meisten öffentlichen Räumen noch nicht zur Genüge beachtet. Zugänge zu Gewässern und Wege entlang von Bächen waren über lange Zeiträume die „naheliegenden“ Verbindungen zwischen inneren und äußeren Stadtteilen. Solche noch existenten Alltagswege sind höchst beliebt. In Graz sind sie in Restbeständen noch zu finden.

Empfehlungen aus Sicht der Freiraumplanung

Die Raumansprüche der Menschen sind unterschiedlich. Dies wird durch eine Planung respektiert, die einen Wechsel von zugänglichen und verborgenen Orten vorsieht. In Flächenwidmungs- und Bebauungsplänen für neue Siedlungen sind die Gewässer und ihr unmittelbares Umland eine wesentliche Vorgabe. Die Bewegung entlang von Gewässern hat erwiesenermaßen einen hohen Erlebnis- und Erholungseffekt. In der Diskussion über alltägliche Erholungsmöglichkeiten werden die Regenerationsmöglichkeiten während des Zurücklegens von täglichen Wegen wenig bedacht; als Kompensationsleistung wird die Erholung in stadtfernen Erholungsgebieten nahegelegt und planlich reglementiert.
Wasser hat Qualität in der Stadtgestaltung. Die Öffnung von überdeckten Bachläufen in Gebieten, wo entsprechende räumliche Voraussetzungen existieren, geht Hand in Hand mit der Entwicklung von zusätzlichen städtischen Freiräumen.
Bei der Gestaltung neuer Parkanlagen ist Wasser ein beliebtes Element. Mancherorts werden bestehende Gewässer abgegrenzt. Statt dessen werden innerhalb des Parks neue Wasserflächen mit hohem technischen und finanziellen Aufwand geschaffen (vgl. „Oeverseepark“ in dieser Ausgabe). Wichtig ist der Bezug zum Bestand und die Einbindung der Fließgewässer in Gestaltungsmaßnahmen statt die Schaffung von neuen Wasserflächen in öffentlichen Parkanlagen.
Eine Revitalisierung von Gewässern erhöht die Attraktivität dieser städtischen Freiräume:
- das „Wohnen im Grünen“ – ein Lockmittel neuer Siedlungsgebiete – kann auch in dichteren Stadtgebieten zum Qualitätsmerkmal avancieren.
- Spiel- und Aufenthaltsorte im unmittelbaren Wohnumfeld erleichtern die alltägliche Beaufsichtigung von Kindern (keine Wege zu den Spielplätzen etc.).

Bachlandschaft von morgen

Die Planung von Verbesserungsmaßnahmen wird immer bei der Frage nach der Verfügbarkeit über angrenzende Grundstücke für Retentionszwecke ansetzen. Die Palette wird von kleinen Eingriffen bis zu größeren baulichen Maßnahmen reichen (Öffnung der Gewässersohle, Verzicht auf Ufermauern, Rückbau einzelner Abschnitte, Verringerung der Versiegelung in den Einzugsgebieten). Auf großer Maßstabsebene stellen Gewässerleitbilder die ersten Handlungsanweisungen bereit. Im kleineren Maßstab bieten sich Gewässer- und Uferpflegekonzepte (Vitalisierung und Strukturierung), die auf die lokale, sehr differenzierte Umland- und Hochwassersituation differenziert eingehen, an.

Im Dickicht der Stadt

Auch im dichtbebauten Stadtgebiet sind Abschnitte zu finden, wo Bach und Besiedlung vorbildhaft zusammenspielen. Dort werden sich auch zukünftig Entfaltungsmöglichkeiten auf das Niederwasserbett beschränken müssen, sofern keine zusätzlichen Uferstreifen für die Bachentwicklung verfügbar sind. Allerdings sind dynamische Prozesse der Sohlstrukturen auch bei beengten Verhältnissen möglich und wirken positiv auf die Gewässerökologie. Im Bereich der Ufermauern sichert ein Vegetationsgürtel aus Bäumen, der zugleich die Funktion einer Allee entlang von Fußwegen und Straßen erfüllt, die Beschattung für das Gewässer.

Aufgelockerte Stadtteile

Für diese Gebiete sind Flächen zur Sicherstellung der Retentionsleistung und Gehölzstrukturen zur Beschattung der Gewässer und der Sicherung der Ufer wesentlich. Hier sind im Flächenwidmungs- und Bebauungsplan die Rahmenbedingungen für solche Abschnitte und die Art der Zonierung (vgl. WANSCHURA, 1995) der angrenzenden Grundstücke festzulegen.

Flüsse fördern Kommunikation

Wie weit die Erkenntnisse der Studien in konkrete Planungen einfließen, wird sich zeigen. Eine verbesserte Kommunikation und Kooperation zwischen den Planungsabteilungen der Stadt (Wasserbau, Stadtplanung, Naturschutz, ...) würde das Freihalten von möglichst großen Spielräumen für Bach und Mensch fördern.

Literatur:
SACKL, B. (1998): Hochwasser-Abflußuntersuchungen Grazer Bäche.
WANSCHURA, B. (1995): Siedeln in der Aue – Freiraumplanerische und landschaftsplanerische Zonierungen entlang des Leonhard- und Ragnitzbaches in Graz. Diplomarbeit am Institut für Landschaftsplanung u. Ingenieurbiologie, Univ. f. Bodenkultur, Wien. WANSCHURA, B., WEILER, M. (1998): Ökomorphologische Kartierung der Grazer Fließgewässer. Im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung, Abt. III Wasserwirtschaft, Referat IV – Oberflächengewässer, Graz.

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