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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

31. Oktober 2017 Der Standard

Cukrowicz Nachbaur Architekten: Münchens Konzerthaus wird im Ländle geplant

Bregenzer Architekten schlagen massive Kastenform mit Glasfassade vor Letzten Freitag war Andreas Cukrowicz (48) mit seiner Familie auf Urlaub in Umbrien und besuchte die Eremitage des Franz von Assisi. „Ich dachte mir, genau jetzt wird der Wettbewerb zum neuen Konzertsaal in München juriert. Sollten wir gewinnen, werde ich Francesco noch einmal einen Besuch abstatten.“ Das Schicksal nahm seinen Lauf, und der Architekt löste sein Versprechen noch am Sonntag ein.

Mit seinem Büropartner Anton Nachbaur-Sturm (52) gewann der Bregenzer Planer den Wettbewerb zum Neubau des Konzertsaals in München. Seit 15 Jahren geht die Weißwurstmetropole mit der Idee schwanger, ein neues Musikzentrum zu errichten. Das Konzept, dieses auf dem ehemaligen Fabrikareal des Kartoffelknödelproduzenten Pfanni zu errichten und sich auf diese Weise in Form von Erbpachtrecht auf ewig an die Pfanni-Erben zu binden, macht nicht alle glücklich. Genauso wenig wie das prämierte Architekturprojekt. Von einem gläsernen Sarg sprechen die einen, von einem „nicht so spektakulären, aber auch nicht hässlichen“ Entwurf die anderen.

Da das Haus mitten in einem ehemaligen Industrieareal entstehen soll, haben sich die Architekten von der Idee eines transparenten, lichtdurchlässigen Klangspeichers inspirieren lassen: „Wir haben uns bewusst für eine einfache, prägnante Form entschieden. Das liegt uns mehr als das Spektakuläre.“

Die Zurückhaltung spiegelt sich in den Projekten des 1996 gegründeten Büros Cukrowicz/Nachbaur wider – darunter viele Wohnbauten, Sporthallen, Volksschulen, Kirchen, Gemeindeämter, Industriebauten und sogar Bühnenbilder. Das Einfache siegt über das Komplizierte. Zu den wichtigsten Projekten der letzten Jahre zählen Uni- und Laborgebäude in München sowie das Vorarlberg-Museum in Bregenz, bei dem die Betonfassade mithilfe von ganz normalen PET-Flaschenböden eingeschalt und entsprechend blumig ausformuliert wurde.

Aktuell arbeiten die beiden an einer Bischofsgruft in Rottenburg am Neckar, die mit 1.500 Jahre alter Friedhofserde errichtet wird. „In diesem Lehm sind sogar kleine Knochensplitter drinnen. Dieser Ort hat wirklich Energie!“ Und wo finden die beiden Architekten ihre eigene Energie? „Im Yoga und im einsamen Wandern durch die Berge. In allem, was uns erdet, denn unser Job ist schon aufregend genug.“

21. Oktober 2017 Der Standard

„Wie Iggy, barfuß raus und pinkeln“

Gerade ging in Osttirol die sechste Österreichische Leerstandskonferenz zu Ende. Die deutsche Architektin Kerstin Schultz über Pferde, Ideen zur Nachnutzung und den Begriff der Landerwartungshaltung.

Standard: Sie treten selbstbewusst auf und sagen in Ihren Vorträgen stets: „Ja, ich bin sowohl Architektin als auch Landbewohnerin. Ich lebe in der Odenwaldhölle.“ Was macht den Odenwald zur Hölle?

Schultz: Den Begriff Odenwaldhölle hat die FAZ- Journalistin Antonia Baum geprägt. Sie hat einen Artikel über den Odenwald geschrieben und damit sowohl einen Shitstorm als auch eine Solidarisierungswelle mit der Region ausgelöst. Die Odenwaldhölle ist eine Anspielung auf unser aller Klischeebild vom Land – auf die geistige Verarmung ländlicher Regionen, auf die zum Teil kulturelle Verwahrlosung und auf die herrschende Bautentristesse abseits der Boomregionen.

Standard: Wie viel ist wahr?

Schultz: Einiges, aber nicht alles. Ich bin Optimistin, sonst wäre ich nie aufs Land hinausgezogen. Wir haben früher in Darmstadt gelebt, in einer Architektur- und Kulturhochburg, mitten in einem relativ homogenen Stadtviertel mit Menschen mit ähnlicher Ausbildung, ähnlichem Konsumverhalten und sehr ähnlichen Wertvorstellungen. Fakt ist: Die schönsten Ecken in den Städten sind von Menschen besetzt, die sich das auch leisten können. Hier im Odenwald ist alles anders. Ich lebe in einem Dorf mit 300 Einwohnern, und beim Bäcker unterhalte ich mich über das Wetter und das tägliche Leben – und nicht über meinen Beruf. Das tut gut. Es ist ein Leben mit räumlichen und geistigen Freiräumen. Und mit Kühen und Pferden, die dann plötzlich im eigenen Garten stehen und einen fragend ansehen, was man da tut.

Standard: Beim Vortrag der Leerstandskonferenz meinten Sie, das Land sei heute in einer Identitätskrise. Was heißt das?

Schultz: Wir erleben heute zwei sehr interessante, einander bedingende Phänomene, erstens die Urbanisierung des Landes und zweitens die Verdörflichung der Stadt. Während wir am Land jeden Leerstand mit Galerien, Yoga-Studios und Coworking-Spaces füllen wollen, beobachte ich, wie die Menschen in der Stadt immer gesünder und immer ländlicher leben und sogar damit anfangen, neben der Straße Gurken und Tomaten anzubauen. Damit verändert sich unser komplettes Verständnis von Stadt und Land.

Standard: Gut oder schlecht?

Schultz: Sehr gut sogar! Jeder Impuls, jede Konfrontation und jede ungewöhnliche Herangehensweise – und sei sie auf Dauer noch so unwahrscheinlich und unrealistisch wie die Implementierung eines schicken Fitnesscenters in einen leerstehenden Bauernhof – ist ein Versuch, unsere Köpfe aufzumachen und unsere gewohnten Denkmuster aufzubrechen. Aber wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass sich mit dem Wandel des Stadt- und Landbildes und mit dem Selbstverständnis, dass man an allen Orten auf der Welt alles kriegt, auch die Erwartungshaltung ändert. Das haben viele noch nicht begriffen.

Standard: Sie haben den Begriff Landerwartungshaltung geprägt. Was bedeutet der?

Schultz: Wenn ich heute aufs Land rausfahre, erwarte ich mir Ruhe, Pferde und Kühe, Kartoffelbauern und die Möglichkeit, Äpfel zu klauen und jeder Zeit gegen den Zaun pinkeln zu dürfen. Iggy Pop macht das auch. In einem Interview hat er mal gesagt, dass er jeden Morgen barfuß rausgeht und in die Natur pinkelt. Das ist unsere Landerwartungshaltung.

Standard: Wird das Land dieser Erwartungshaltung noch gerecht?

Schultz: Nein. Man muss heute schon gezielt nach spezifischen Orten und Höfen suchen, um diese alten Qualitäten noch zu finden. Die Realität sieht anders aus.

Standard: Und zwar?

Schultz: Erstens befindet sich das Land – wie schon erwähnt – in einer zunehmenden Verstädterung. Zweitens ist in den letzten Jahrzehnten viel Wissen verloren gegangen, denn die heutige Landgeneration weiß heute kaum noch, wie man Kühe melkt, Quitten einkocht und einen Wald bewirtschaftet. Und drittens hat sich die Landschaft dramatisch verändert. Was früher die Kornkammer war, ist heute oft nur eine Geld- und Energiemaschine. Wenn Sie durch Norddeutschland fahren, werden Sie sehen, dass es fast nur noch Windbauern, Solarbauern, Maisbauern und Biogasbauern gibt. Einen Kartoffelbauern werden Sie vergeblich suchen. Das sind Strukturen, die es braucht, keine Frage. Aber nicht in diesen Ausmaßen und Monokulturen! Diese Gigantomanie lehne ich ab.

Standard: Das klingt dramatisch.

Schultz: Das ist es auch. Die Stadt hat gelernt, das Land hat verlernt.

Standard: Aufgrund des demografischen Wandels und der zunehmenden Verstädterung wird das Land mehr und mehr ausgedünnt. Die Folge ist Leerstand. Schrumpfende Regionen wie der Odenwald sind betroffen. Was tun?

Schultz: Wenn wir am Land von Leerstand sprechen, dann sind dies entweder Gebäude, die heute keine Funktion mehr haben – wie leerstehende Bauernhöfe, Landwirtschaftsbetriebe oder Bahnhöfe entlang aufgelassener Strecken. Oder aber Bauwerke mitten im Ortskern, die zwar am Land sind, aber im Charakter etwas Städtisches haben – ohne Grünland und ohne Freiraumbezüge. Beide Formen des Leerstandes sind schwierig zu managen. So wie es Leerstandsmanager in der Stadt gibt, würde es meines Erachtens auch entsprechende Manager am Land brauchen. Das fehlt komplett.

Standard: Welche Nutzungen schlagen Sie vor?

Schultz: In Luckenwalde im ehemaligen Ostdeutschland wurde ein ehemaliger Bahnhof in eine Bücherei umgebaut. Im Odenwald haben wir viele gastronomische und touristische Betriebe. Das geht immer. Vor allem aber träume ich von verschiedenen Formen des Miteinanderlebens – beispielsweise von klassischen Wohngemeinschaften, aber auch von Jugend- und Senioren-WGs, die das Thema der Vereinsamung, des Wegsterbens und des kulturellen Verödens aktiv und kreativ in die Hand nehmen. Dieses Wohnangebot fehlt am Land komplett.

Standard: Schrumpfende Gemeinden in Deutschland gehen mittlerweile dazu über, Bauland zu verschenken. Ist das eine Lösung?

Schultz: Das ist eine sehr kurzfristig gedachte Strategie, um Neubürger anzuziehen. Ich lehne das total ab. Es muss den Menschen etwas wert sein, aufs Land zu ziehen. Immerhin sprechen wir hier von Qualitäten. Mit dem Verschenken von Grund und Boden und mit dem Verkauf zu Dumpingpreisen geht das letzte Fünkchen Wertschätzung verloren. Es ist die Aufgabe von uns Architektinnen, Stadtplanern und Raumplanern, aber auch von Investoren, Betreibern und Vermietern, auf diese Qualitäten aufmerksam zu machen und sie nicht zu verschenken. Meine Forderung lautet: Kein Bauen ohne Prozess! Sowohl die Spekulation als auch der Ausverkauf in dörflichen Strukturen gehören dringend verboten!

Standard: Wie lautet Ihre Vision vom Land?

Schultz: Meine Vision wäre, Landschaft und räumliche Freiheit zu einem Alleinstellungsmerkmal und Entscheidungskriterium auszubauen. Derzeit sind wir am besten Weg, das Gegenteil zu erreichen. Da reicht nur ein Blick auf die Baulandbevorratung, Bodenversiegelung und Zunahme von großstrukturellen Betrieben. Das ist der Weg in die Hölle – und zwar nicht nur im FAZ- Jargon.

Standard: Was kommt nach der Hölle?

Schultz: Nach der Hölle geht’s bergauf.

21. Oktober 2017 Der Standard

Vom Schweinestall zum Kindergarten: Leerstand im Fokus

Konferenz in Osttirol widmete sich Bauernhöfen

Innervillgraten – In Europa schließen jedes Jahr 350.000 Bauernhöfe. Allein in Österreich sind jährlich rund 2400 Landwirte gezwungen, ihren Betrieb aufzugeben oder zu verkaufen. Die Folge: Während die ländlichen Lebensmittelproduzenten immer größer und größer werden (1970 ernährte ein österreichischer Bauer im Durchschnitt zwölf Menschen, 2016 bereits mehr als 80), nimmt der ländliche Leerstand kontinuierlich zu. Doch was tun mit den leerstehenden Bauernhöfen?

Dieser Frage widmete sich kürzlich die sechste Leerstandskonferenz in Innervillgraten, die unter dem Motto „Leerstand ab Hof! Strategien für einen Umbau in der Landwirtschaft“ stand. Die vom Architekturbüro Nonconform organisierte Veranstaltung lockte fast 200 Besucher in die Osttiroler Berge, wo allein rund um Lienz derzeit mehr als hundert Bauernhöfe leer stehen und auf eine Nachnutzung warten. Im Fokus der Konferenz standen Best-Practice-Beispiele aus den deutschsprachigen Ländern, das gemeinsame Brainstormen zu möglichen Nachnutzungsideen sowie die Analyse funktionaler Möglichkeiten und raumplanerischer und baujuristischer Unmöglichkeiten.

„Aus architektonischer Sicht mag die Umnutzung alter Bauernhöfe sehr stimmig und reizvoll erscheinen, aber aus raumplanerischer Sicht muss man sich sehr genau ansehen, ob das Gebäude im Grünland oder in einem Siedlungsgebiet steht“, erklärte die Wiener Raumordnungsexpertin Gerlind Weber und brachte mit dieser Aussage die größte Krux leerstehender landwirtschaftlicher Betriebe auf den Punkt. „So hart das auch klingen mag, aber wo die nötige Infrastruktur nicht vorhanden ist, haben Wohnen, Tourismus und Gewerbe nichts verloren.“

Dass selbst die schwierigste Lage im Einzelfall zu interessantesten Ergebnissen führen kann, zeigten etwa der zu einem Apartmenthaus umgebaute Giatla-Hof in Innervillgraten, eine revitalisierte alte Hofkäserei in Südtirol oder ein ehemaliger Schweinestall am Münchner Stadtrand, der heute ein Kindergarten ist. Trostpflaster: Wenn die Lage nicht taugt, hilft im Notfall immer noch der Adresswechsel. Nicht wenige Bauernhöfe und Scheunengebäude wurden ab- und an anderer Stelle wieder neu aufgebaut. (woj)

14. Oktober 2017 Der Standard

Das Haus als mentales Kraftwerk

Vor kurzem wurde der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit vergeben. Die fünf ausgezeichneten Projekte beweisen, dass die Symbiose von Baukultur und sozialen, technischen sowie ökologischen Überlegungen immer selbstverständlicher wird.

Angefangen hat alles mit der Suche nach neuen, größeren Räumlichkeiten fürs eigene Architekturbüro. Doch dann stieß der Salzburger Architekt Simon Speigner durch Zufall auf ein stillgelegtes Sägewerk am Ortsrand von Thalgau, für das schon seit den 1980er-Jahren eine Bewilligung zur Errichtung eines Kleinwasserkraftwerks bestand. Und so entwickelte sich das Immobilienprojekt zu einem interdisziplinären, umfassenden Energiecluster mit Bürohaus, Turbinenhaus und angrenzender Fischtreppe.

„Hätte ich inseriert, dass ich ein Grundstück suche, auf dem man neben einem Bürohaus auch ein Kraftwerk errichten darf, wäre die Suche gewiss erfolglos geblieben“, sagt Speigner (SPS Architekten). „Aber so fügte sich das eine zum anderen, und ich konnte das Projekt in Personalunion als Investor, Architekt und Nutzer realisieren.“ Entwickelt und errichtet wurde das Projekt mit Fördermitteln im Rahmen des Programms „Haus der Zukunft Plus“.

Hinter der schlichten Lärchenschindelfassade verbirgt sich ein warmes, wohnliches Arbeitsrefugium mit handelsüblichen OSB-Platten, innenliegenden Lehmputzwänden und baulich integrierter Wandheizung. Durch das eigene Wasserkraftwerk, das die nötige Energie für Heizung, Warmwasser und Elektroautos bereitstellt, und die ins Dach eingebettete Photovoltaikanlage erreicht das Haus Plusenergie-Standard. Der überschüssige Strom wird ins öffentliche Netz gespeist.

Letzte Woche wurde das dreigeschossige Experimentallabor namens oh456 – als eines von insgesamt fünf Projekten – mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Auslober des Preises, der heuer bereits zum fünften Mal vergeben wurde, ist das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW).

Mehrfach nachhaltig

„Der biennal vergebene Preis richtet sich an gesamtheitlich geplante Bauwerke, die sich sowohl durch hochwertige Architektur als auch durch soziale, funktionale und vor allem ökologische Nachhaltigkeit auszeichnen“, sagt der Juryvorsitzende Roland Gnaiger, Professor an der Kunstuniversität Linz, im Gespräch mit dem Standard . „Der Fokus liegt auf der Symbiose von Baukultur und Technik. Es braucht die höchste Zustimmung von beiden Seiten.“

Unter den 76 Einreichungen finden sich Projekte aus ganz Österreich, wobei Wien, Tirol und Vorarlberg deutlich dominieren. Zum Teil schlägt sich die geografische Verteilung auch in den fünf Preisträgern nieder: Neben dem Bürohaus oh456 in Thalgau sind dies das Obdachlosenwohnheim Neunerhaus in Wien-Landstraße (Pool Architektur), die Sanierung des Gemeindeamts Zwischenwasser (Hein Architekten), die Erweiterung der Volksschule Edlach in Dornbirn (Dietrich Untertrifaller Architekten) sowie das Kultur- und Veranstaltungszentrum Montforthaus in Feldkirch aus der Feder des Berliner Büros Hascher Jehle und der Bludenzer Mitiska Wäger Architekten. Letztere drei Preisträger stammen allesamt aus dem Ländle.

Das für Vorarlberger Verhältnisse ungewöhnlich futuristische, organisch geschwungene Montforthaus vor den Toren der Feldkircher Altstadt besticht nicht nur in funktionaler und städtebaulicher Hinsicht, sondern überzeugte die sechsköpfige Jury vor allem durch seine inneren – weil haustechnischen – Werte. Das umfassende Nachhaltigkeitskonzept beinhaltet ein dichtes Paket an energie- und ressourcenschonenden Maßnahmen, ein eigenes Produkt- und Chemikalienmanagement sowie eine konsequente Abwärme- und Energierückgewinnung. So wird beispielsweise die Bremsenergie der Aufzüge in elektrische Energie umgewandelt und ins hauseigene Stromnetz gespeist.

Auch bei der Sanierung des Gemeindeamts Zwischenwasser spielten ökologische Überlegungen eine große Rolle: Die Energieversorgung kommt vom gemeindeeigenen Biomasseheizkraftwerk sowie von der Photovoltaikanlage auf dem Dach des benachbarten Kindergartens. Statt eines herkömmlichen Wärmedämmverbundsystems wurde das Gebäude innen mit Calziumsilikatplatten und Lehmputz verkleidet. Die Summe der ergriffenen Maßnahmen bescherte dem Projekt bei der Zertifizierung nach dem Vorarlberger Kommunalgebäudeausweis 980 von 1000 möglichen Punkten – die beste Bewertung, die ein Gebäude je erzielt hat.

Auch die Erweiterung der Volksschule in Edlach in Dornbirn erreichte dank Fernwärme, kontrollierter Lüftung mit Wärmerückgewinnung und eigener Photovoltaikanlage, die 22 Prozent des Energiebedarfs der Schule abdeckt, eine sehr hohe Punkteanzahl. Die Anreize im Ländle jedenfalls sind groß: Seit 2011 gibt es in Vorarlberg für kommunale Projekte, die in den Kategorien Prozess- und Planungsqualität, Energie und Versorgung, Gesundheit und Komfort sowie Baustoffe und Konstruktion mindestens 600 von 1000 Punkten erreichen, erhöhte Bedarfszuweisungen vom Land. Je besser der Wert, desto höher der Prozentsatz der Förderung.

Nicht zu vernachlässigen sind zudem die sozialen Aspekte: Während sich die Volksschule durch den Verzicht von Klassen und die Anordnung von Lernclustern auszeichnet, „die förmlich nach Bildungsreform schreien“, wie dies der Juryvorsitzende Roland Gnaiger formuliert, wartet das Neunerhaus in Wien mit insgesamt 73 Kleinstwohnungen auf, mit denen ehemalige Obdachlose wieder eine Starthilfe ins sogenannte normale Leben genießen können.

Ermutigung zur Nachahmung

„In den Anfangsjahren war es noch schwer, Projekte zu finden, die sowohl architektonisch als auch im Bereich der Nachhaltigkeit überzeugen konnten“, sagt Robert Lechner, Jurymitglied und Leiter des Österreichischen Ökologie-Instituts. „In seiner fünften Auflage jedoch hat der Staatspreis deutlich an Reife und Glaubwürdigkeit dazugewonnen. Die Projekte werden immer vielschichtiger und komplexer und leisten einen ernst zu nehmenden Beitrag zu Energieeffizienz und Klimaschutz.“ Da solle noch jemand sagen, dass es einen Widerspruch zwischen Architektur und Ökologie gebe, so Lechner.

verknüpfte Auszeichnungen
- Staatspreis Architektur & Nachhaltigkeit 2017

23. September 2017 Der Standard

Neue Grätzelzellen für Grazer Grätzel

Am Donnerstag wurde der Science Tower eröffnet. Der 60 Meter hohe Büroturm versteht sich als Visitenkarte und Technologielabor für das Forschungsprojekt „Smart City Graz“, das hier bis 2024 realisiert werden soll.

Auf dem Stundenplan stehen heute Englisch, Geschichte und Urban Smartness. Wie jede Woche lernen die Schüler dabei, wie Stadt funktioniert und wie die Zukunft der Stadt im Kontext von Mensch, Verkehr, Baukultur, Wirtschaft und Technologie geplant und optimiert werden kann. Was heute noch utopisch klingt und wie aus einer fernen Schulwelt anmutet, könnte bald Realität sein. Der erste Baustein des Forschungs- und Stadtverdichtungsprojekts „Smart City Graz“ wurde vorgestern feierlich eröffnet.

Unscheinbar und auch befremdlich technoid ragt der 60 Meter hohe Science Tower in den Grazer Himmel. „Der Science Tower ist mehr als nur ein klassischer Büroturm“, sagt der Architekt und Projektinitiator Markus Pernthaler. „Er ist in erster Linie ein Beispiel dafür, wie Architektur in Zukunft nicht nur Energie verbrauchen, sondern auch selbst produzieren kann. Wir haben das Haus mit den neuesten, derzeit am Markt erhältlichen Systemen und Technologien ausgestattet. Und ich kann mir gut vorstellen, dass wir das eine oder andere Detail in ein paar Jahren schon nachrüsten werden.“ Pernthaler sieht das Projekt als eine Art Labor in progress.

Und tatsächlich ist der Turm, der über Geothermie gespeist wird und weder über Heizkörper noch Klimageräte verfügt, die Summe von Innovationen und weltweiten Premieren. Es fängt bei der braun-orangen Glasfassade an, die sich wie ein Gruß aus den Siebzigerjahren um den Turm wickelt und gleich einem geblähten Segel nach oben ragt. Was auf den ersten Blick wie ein mäßig geglücktes Stilzitat anmutet, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein kleines Kraftwerk, das in der Lage ist, mittels technisch nachgebildeter Fotosynthese Strom zu produzieren.

Im Gegensatz zu herkömmlicher Photovoltaik nämlich wird bei der sogenannten Grätzelzelle das Sonnenlicht nicht etwa über Silizium oder andere Halbleiter absorbiert, sondern über organische und synthetische Farbstoffe. Die von Michael Grätzel 1992 entwickelte und patentierte Technologie, die mit Chlorophyll, Hibiskusextrakten oder Brombeer-Anthocyanen betrieben wird, hat den Vorteil, dass sie auch bei geringem und indirektem Licht – und sogar unabhängig von der Einstrahlrichtung – funktioniert.

„Noch hat die Grätzelzelle einen sehr geringen Wirkungsgrad“, sagt Pernthaler und beziffert diesen mit sechs Prozent. „Aber früher oder später muss man mal anfangen, neue Technologien einzusetzen und empirische Alltagswerte zu sammeln, sonst findet Entwicklung niemals statt.“ Ursprünglich habe man die Grätzelzellen in den obersten Geschoßen des Turms grün färben, also mit Chlorophyll beschichten wollen, aber das wäre in diesen Dimensionen, in denen die Farbstoffsolarzelle übrigens erstmals zum Einsatz kommt, zu teuer gewesen.

Auch in den unteren Etagen hat der 16 Millionen Euro teure Science Tower, in dem unter anderem Forschungsbetriebe und Start-up-Unternehmen aus dem Bereich Green Technologies eingemietet sind, ein Novum zu bieten. Die vom steirischen Unternehmen SFL Technologies entwickelte, doppelschalige Glasfassade besteht aus hauchdünnen, chemisch gehärteten Gläsern. Durch das besondere Verfahren kann die Glasstärke auf zwei Millimeter (!) reduziert werden. Das entspricht der Stärke von 15 Blatt Papier. Der Strapazierfähigkeit und Belastbarkeit durch Wind und Wetter tut dies keinen Abbruch.

„Langfristig lassen sich auf diese Weise Tonnage, Konstruktionsmaterial und letztendlich auch Baukosten einsparen“, sagt Mario Müller, Geschäftsführer und Prokurist bei SFL Technologies. „Doch es geht nicht nur um Effizienz. Wir sehen den Turm vor allem als Forschungsprojekt, an dem wir unsere eigenen Entwicklungen ausprobieren können, und als Aushängeschild für die Smart City Graz, die hier in den kommenden Jahren errichtet werden soll.“

Bis 2024 soll die Smart City Graz, die sich auf mehr als 400 Hektar über die Bezirke Gries, Lend, Eggenberg und Wetzelsdorf erstreckt, in Zusammenarbeit mit privaten Investoren und öffentlicher Hand Stück für Stück realisiert werden. Geplant sind Wohnungen für mehr als 7000 Menschen, Büros, Schulen, Kindergärten und diverse Nahversorger im Bereich Gewerbe und Gastronomie. Mit sämtlichen Grundstückeigentümern wurde die Vereinbarung getroffen, dass 50 Prozent aller Umwidmungsgewinne in soziale und ökologische Nachhaltigkeit investiert werden müssen. Dieser Ansatz ist radikal. Und er beweist, dass die Privatwirtschaft auch ohne städtebauliche Verträge in die Verantwortung genommen werden kann, wenn es um die Errichtung und Finanzierung städtischer Infrastruktur geht.

Das Planungs- und Forschungskonsortium der Smart City besteht aus zwölf nationalen und internationalen Partnern unter der Führung der Stadt Graz. Neben Architekt Markus Pernthaler und SFL Technologies sind das Holding Graz, Energie Graz, Stadtlabor Graz, TU Graz, AVL und Eco World Styria. Das zu erwartende Investitionsvolumen beläuft sich auf 330 Millionen Euro. Gefördert wird das Mammutprojekt von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit) mit 4,2 Millionen Euro.

Über intelligente Städte und die Sinnhaftigkeit von dünnen Gläsern und bunten Solarzellen lässt sich streiten, keine Frage. Doch der hier gewählte Ansatz, das neue Grätzel als verwegenes Experimentallabor für künftige Technologien zu nutzen, ist überzeugender als viele andere Smart-City-Konzepte, die in den letzten Jahren gestartet wurden. All das, so der Plan, soll die kommende Generation hier eines Tages bereits im Schulunterricht vermittelt bekommen.

„Die drei Schwerpunkte der Smart City Graz sind Forschung und Entwicklung, Kunst und Kultur sowie der große Themenbereich der Education“, sagt Kai-Uwe Hoffer, Grazer Stadtbaudirektor und Projektleiter der Smart City Graz, im Gespräch mit dem STANDARD . „Unsere Vision ist ein Stadtquartier, in dem die Zukunft holistisch gedacht, ausprobiert und vermittelt werden kann. Dazu gehört auch Urban Smartness auf dem Stundenplan.“

9. September 2017 Der Standard

Tom Turbo und die Welt der Wunder

Nach drei Monaten schließt die Expo 2017 ihre Pforten. Angedacht war ein weltumspannender Dialog über einen nachhaltigeren Umgang mit Energie. Das Resultat ist zum Schämen. Österreich aber ist ein fröhlicher Lichtblick.

Der kleine Zhomart ist begeistert. Die nicht mehr ganz so junge Benazir ebenso. Wie von der Tarantel gestochen treten die beiden in die Pedale und erzeugen auf diese Weise, so lernt man im österreichischen Pavillon, bis zu 100 Watt Leistung. Je schneller die beiden radeln, desto mehr lösen sich die Pixel auf den Bildschirmen vis-à-vis in immer feinere Kristalle auf, bis sie sich schließlich – die ersten Schweißperlen stehen bereits auf der Stirn – zu einem klaren, scharfen Bild aus der Kaiserschmarrnküche fügen. Willkommen auf der Expo 2017 in Astana, die morgen, Sonntag, nach insgesamt drei Monaten zu Ende geht.

„Über Energie ist schon vieles gesagt worden, und wenn 140 Länder und Organisationen sich zu diesem Thema äußern, dann kann man davon ausgehen, dass viele Kommentare sehr ähnlich ausfallen werden“, sagt Johann Moser, Partner bei BWM Architekten. „Gerade auf einer Weltausstellung, auf der sich alles um Hightech und Innovation dreht und auf der man von Zahlen und Informationen erschlagen wird, wollten wir mit Überraschung und positivem Schock arbeiten. Also haben wir beschlossen, uns der Energie spielerisch anzunehmen.“

Unter dem Titel Mit Hirn, Herz & Muskelkraft bauten die BWM Architekten ein hallenfüllendes Fitnesscenter oder, wie Moser meint, ein „bewegungs- und geräuschintensives Energietheater“. Als Vorbild diente die sogenannte Weltmaschine, an der der steirische Bauer Franz Gsellmann die letzten 23 Jahre seines Lebens bastelte. Im Fokus, so Moser, stehe die Produktion von Freude und Energie und nicht so sehr eine unmittelbare Sinnhaftigkeit, wie man dies von Maschinen sonst kenne.

Und so gibt es neben den schweißtreibenden Fahrrädern eine ganze Batterie an Zugseilen und Wippschaukeln, mit denen man allerhand Materie bewegt: Riesenräder mit Schwarzenegger, Stephansdom und glücklichen Lipizzanern, dutzende Windräder und jede Menge Luftpumpen, die über Schläuche und Orgelpfeifen Musik in den unterschiedlichsten Tönen erzeugen. Eingepackt ist die ganze Maschinerie, die ein bisschen an Thomas Brezinas Wunderfahrrad Tom Turbo erinnert, in bunte Bilder und quietschgrelle Neonfarben. Die perfekte Kakocollage.

„Man kann nicht von jedem Expo-Besucher erwarten, dass er über Österreich bestens Bescheid weiß“, erklärt Rudolf Ruzicka, Expo-Projektleiter in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO). „Daher fangen wir bei null an, und somit auch bei ein paar Klischeebildern, die vielleicht jeder kennt.“ Sinn und Zweck sei es, Österreich als innovatives, querdenkendes Land zu positionieren und den Leuten zu vermitteln, dass die allererste Veränderung und Energieoptimierung nicht in einer neuen Technologie, sondern bei uns selbst liege. „Wenn wir auf diese Weise in Erinnerung bleiben, dann ist schon ein großer Teil unseres Auftrags erfüllt“, so Ruzicka.

Loblied auf Wind und Sonne

Und das ist schon mehr, als man von der gesamten Expo behaupten kann. Das heurige Motto „Future Energy. Action for Global Sustainability“, mit dem sich die kasachische Hauptstadt als Austragungsort der Weltausstellung beworben hatte, wäre eine Riesenchance gewesen, sich fundamentalen Fragestellungen zu widmen, die bisherige Energiekultur kritisch zu beleuchten und mögliche Modelle für eine planetenfreundliche Zukunft zu diskutieren. Doch so weit sollte es nicht kommen.

Stattdessen rühmen sich die 114 teilnehmenden Länder in besten Superlativen, präsentieren sich als Hochburg nachhaltiger Energieproduktion, frönen dem heutigen Technikstand in Sachen Wind- und Sonnenkraft und deklinieren fröhlich die Mythen der Ersten Welt auf und ab. Deutschland machte einen auf „Wir wissen, wie’s geht“, Tschechien bietet Einblick in seine Kraftwerke und Pumpenindustrie, Italien gedenkt seines Batterieerfinders Alessandro Volta, Iran, Türkei und Turkmenistan rühren die Werbetrommel für ihre Kraftwerksanlagen, Aserbaidschan stellt Modelle seiner Bohrinseln aus, und Saudi-Arabien holt seine behaupteten Schwerpunkte Bildung, Forschung und Entwicklung vor den Vorhang.

Richtig infam wird es, wenn der bisweilen ahnungslose Expo-Besucher als Marionette der Bau- und Energieindustrie instrumentalisiert wird. Etwa in Monaco, das zuerst einen wunderbar gemachten Film über die so perfekte Koexistenz von Festland und Mittelmeer herzeigt, nur um den solcherart mit fliegenden Walen und Mantarochen eingelullten Besucher gleich im Anschluss für die Pläne des drei Hektar großen Landgewinnungsprojekts „Anse du Partier“ empfänglich zu machen, für das ein großer Teil der Meeresfauna und -flora umgesiedelt werden muss. Auch Frankreich lässt keine Unappetitlichkeit aus und bietet seinen Hauptsponsoren Peugeot, Total und Saint-Gobain eine aufwendig gemachte und konkurrenzlos großartige Werbeplattform.

Doch das alles ist nichts im Vergleich zu China und Russland. Das Reich der Mitte drückt auf die Tränendrüse und lässt auf der Leinwand eine Mutter sterben, um sie wenig später mit der Kraft des Atomkerns wieder zu reanimieren. Und Putinland füllt seinen Pavillon mit einer riesengroßen Kugel, die dank Lichtprojektionen zwischen Erdball und Atömchen oszilliert, und bläst die Fanfare für seine ganz und gar klima- und umweltverträgliche, nuklearbetriebene Eisbrecherflotte. Es ist zum Schämen und zum Heulen.

Viele, viele Lebensbäume

Des Horrors gäbe es noch viel zu zitieren. Da tut es schon mal gut, wenn man die schönen, subtil gestalteten Pavillons von Großbritannien, Israel und der Schweiz betritt oder sich alternativ in Ungarn, Vietnam und Malaysia an den zwar naiv, wiewohl friedvoll inszenierten „Lebensbäumen“ ergötzt. Oder man macht es gleich wie Afrika und Lateinamerika und lockt die Besucher mit einem touristischen Bazar voller Masken, Figuren und Kokosnussöl.

Ilya Urazakov jedenfalls, seines Zeichens International Participiants Department Director der Expo, ist mit der globalen Nabelschau zufrieden. Im Gespräch mit dem Standard erklärt er: „Mit 3,8 Millionen Besuchern in drei Monaten, davon 17 Prozent aus dem Ausland, wurden all unsere Erwartungen übererfüllt. Das Echo war sehr positiv, und ich denke, wir haben viel Publikum für das Thema Energie sensibilisieren können.“

Größenwahn und Muskelkraft

Rund vier Milliarden Euro hat sich Kasachstan die Expo kosten lassen. Ein Großteil davon fließt in die Bebauung des 170 Hektar großen Areals, das bis vor drei Jahren noch Steppe war. Die 80 Meter große Kugel, die als kasachischer Pavillon diente und als größte Glaskugel der Welt gilt, soll als Energiemuseum erhalten bleiben. An der Errichtung war auch das österreichische Photovoltaik-Unternehmen Ertex Solar beteiligt. Alle anderen Pavillons sollen zum Teil an die Nasarbajew-Universität übergeben und zum Teil als Center of Green Technologies sowie als internationales Finanzzentrum genutzt werden.

Die Pläne sind ambitioniert und setzen fort, was die Expo vorexerziert hat: Größenwahn und Muskelkraft. Chancen für einen seriösen Dialog mit der Welt hätte es viele gegeben. Österreichs Denkeinladung, in Zukunft mehr Herz und mehr Hirn einzusetzen, kommt wie gerufen.

2. September 2017 Der Standard

Eine Ahnung von Planung ohne Widerhall

Bei den Alpbacher Baukulturgesprächen sprach man über Weltkulturerbe, Baurecht und Digitalisierung

„Nairobi ist eine riesige Stadt, hat aber ein kaum funktionierendes öffentliches Verkehrsnetz“, sagte der philippinisch-amerikanische Stadtplaner Benjamin de la Peña. „Aus diesem Grund haben wir die informellen Busse und Taxis, die sogenannten Matatus, vor einigen Jahren digital vernetzt.“ Unter dem Titel Digital Matatu können sich Stadtbewohner und Touristen ein Bild davon machen, auf welchen Routen die Matatus verkehren und wo sich die inoffiziellen Haltestellen befinden.

„Schön und gut“, meinte Adam Greenfield, seines Zeichens Stadtforscher und Autor des Pamphlets Against the Smart City, „aber durch die Registrierung im Netz befinden sich nun sämtliche Matatu-Fahrer auf dem Radar von Steuerbehörde und korrupter Polizei. Das erschwert das Leben einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Der technische Fortschritt hat seinen Preis. Er macht die einen glücklich auf Kosten der anderen.“

Kontroversielle Debatte war das heuer gewählte Format der Alpbacher Baukulturgespräche, die am Freitag zu Ende gingen und traditionellerweise das Europäische Forum Alpbach abschlossen. Unter dem Generaltitel Konflikt und Kooperation diskutierten Befürworter und Gegner über die Sonnen- und Schattenseiten der urbanen Digitalisierung sowie über den Umgang mit Bauvorschriften, Weltkulturerbe und dem immer knapper werdenden Grund und Boden.

„Wir reden immer von Stadtplanung“, sagte Architekt Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au. „Aber dieser Begriff beinhaltet einen fundamentalen Fehler. Er implementiert, dass Planung immer etwas mit Ahnung zu tun hat. In Wahrheit aber haben wir heute viel zu wenig Vorstellung davon, wie wir morgen wohnen und leben wollen.“ Um das herauszufinden, brauche es mehr Mut. Herwig Spiegl (AWG Architekten) plädierte für „mehr Experimente jenseits der Norm. Doch leider sind wir in einer Zeit angelangt, da keine Fehler und Misserfolge mehr geduldet werden.“

Was kontroversiell begonnen hatte, führte nach zwei Tagen zu einem überraschenden Konsens. Die Diskutanten waren sich darin einig, dass es dringend einer neuen Gesprächskultur und Vernetzungsbereitschaft bedarf. Es sei quasi unmöglich, Architekten, Stadtplaner, Forscher, Projektentwickler, Investoren und Politik an einen Tisch zu bekommen. Die Baukulturgespräche waren symptomatisch dafür. Die Entscheider und Gesetzgeber konzentrierten sich auf die Wirtschafts- und Finanzgespräche und blieben – bis auf wenige Ausnahmen – auch heuer wieder der Baukultur fern. Da kann man sich den Mund fusselig reden. Wenn die Verantwortlichen fehlen, verpufft jeder noch so wertvolle Konsens ohne Widerhall über den Tiroler Alpen.

26. August 2017 Der Standard

Stadt der Angsträume

Nach dem terroristischen Anschlag in Barcelona letzte Woche stellt sich die Frage: Welche Auswirkungen haben Angst und Gewalt auf die Zukunft unserer Städte? Wird der Terror zum Architekten?

Vor rund einer Woche fuhr ein Attentäter mit einem Lieferwagen über die Fußgängerzone La Rambla und tötete dabei 13 Menschen. Mindestens 119 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Es ist nicht der erste Terroranschlag seiner Art. Auch in Nizza und Berlin raste ein Lkw in eine mal sommerlich ausgelassen, mal weihnachtlich beschaulich feiernde Menschenmenge. Hinzu kommen Terrorattacken in Paris, Brüssel, Stockholm, London, Manchester und Istanbul. Am vorläufigen Ende dieser zwei Jahre dauernden Anschlagserie stellt sich die Frage: Wie können Architekten und Stadtplanerinnen darauf reagieren? Und welche Spuren werden Angst und Terror in der europäischen Stadt langfristig hinterlassen haben?

„Die meisten Städte sind auf die neuen urbanen Terrorangriffe kaum vorbereitet“, sagt Jon Coaffee, Professor für urbane Geografie und Leiter des Resilient Cities Laboratory an der University of Warwick, im Gespräch mit dem STANDARD . „Und das, obwohl der IS schon vor über einem Jahr Leitlinien zum Töten mit Autos und Trucks veröffentlicht hat. Da hilft es auch nicht, die Security an den großen öffentlichen Plätzen zu verstärken. Damit kann man bestenfalls ein, zwei hochfrequentierte Orte einer Stadt sichern. Doch was ist mit dem Rest?“

Die meisten Anschlagsorte werden unmittelbar nach dem Unglück mit Betonblöcken und diversen massiven Rammschutzpollern umzingelt. Meistens, so sind sich Experten einig, ist dies eine vor allem politische Maßnahme, um die Menschen zu beruhigen und das subjektive Sicherheitsempfinden in der Stadt zu stärken. „Kein Terrorist wird am gleichen Ort ein zweites Mal zuschlagen“, so Coaffee, „aber zugleich wird auch keine Stadtregierung diese Garantie abgeben und das Risiko einer ängstlichen und wütenden Bevölkerung auf sich nehmen wollen.“

Die Folge: Immer mehr öffentliche Räume in der Stadt werden mit sichtbaren, tonnenschweren Schutzmaßnahmen umzingelt. Zur „Hostile Vehicle Mitigation“ (HVM), so der Fachausdruck, zählen sogenannte Bremerwände, Jersey-Walls und Texas-Barriers, mobile und immobile Stahlpoller sowie ausfahrbare Rampen, Platten und Nagelsperren. Immer mehr private Anbieter bieten die Antiterrorpoller auch für den Privatbereich an und garantieren, damit einen Lkw mit bis zu 50 km/h aufhalten zu können. Ab 3000 Euro pro Stück ist man mit dabei.

„Ich halte die allmähliche Verpollerung und Betonverkübelung der Stadt für höchst zweischneidig“, erklärt Coaffee. „Einerseits fühlen sich manche Menschen dadurch zwar gut aufgehoben, andererseits aber schrecken mindestens genauso viele Menschen vor diesen Maßnahmen zurück, weil sie damit Angst und Terror assoziieren. Ganz generell stellt sich die Frage, die nicht nur technisch und politisch, sondern auch stadtpsychologisch und gesamtgesellschaftlich beantwortet gehört: Wollen wir wirklich, dass das die Zukunft der westlichen Stadt ist?“

Möbel gegen den Terror

Für die Antiterrorgestaltung auf der Wall Street in New York City – längst haben sich in Fachkreisen die Begriffe „Counterterrorism“ und CPTED („Crime Prevention through Environmental Design“) etabliert – hat das lokale Büro Rogers Partners Architects and Urban Designers eine etwas elegantere Tarnung in Form von kubischen Bronzeskulpturen vorgeschlagen (Foto links) . Die gute Nachricht: Die multifunktionalen Stadtmöbel werden von Brokern und Touristen zum Sitzen, Lehnen und Picknicken verwendet. Die schlechte Nachricht: Ihre primäre Counterterrorism-Funktion vermögen die windschiefen Würfel trotzdem nicht zu verbergen.

Dass es auch anders geht, beweist ein Projekt in Paris: Im Herbst starten die Bauarbeiten für die Sicherheitsmaßnahmen rund um den Eiffelturm. Entlang der Verkehrsachsen wird der österreichische Architekt Dietmar Feichtinger, der aus einem Wettbewerb als Sieger hervorgegangen ist, Stahlpoller und 200 Meter lange, transparente Wände aus schusssicherem Panzerglas aufstellen. Ein Eingriff in die Aura der Eisernen Dame ist das 20 Millionen Euro teure Projekt, das bis Sommer nächsten Jahres abgeschlossen sein soll, dennoch.

„Tatsache ist: Wir müssen uns dem Terror stellen und darauf auf architektonischer und stadtplanerischer Ebene reagieren, denn diese Attacken werden so bald nicht verschwinden“, sagt Daveed Gartenstein-Ross, Professor an der Georgetown University in Washington D.C. und Terroranalyst der Foundation for Defense of Democracies, im Interview mit dem STANDARD . „Mehr noch: Die Terrorangriffe nehmen nicht nur in der Häufigkeit zu, sondern auch in der Brutalität und Unvorhersehbarkeit.“

Als einzig mögliche Antwort darauf nennt Gartenstein-Ross den Begriff „Crisis Architecture“, also eine Architektur, die zwar dem Terrorismus geschuldet ist, sich aber ohne Stacheldraht und Nagelsperren harmonisch ins Stadtbild fügt. Prominentestes Beispiel dafür ist der sich derzeit in Bau befindliche Neubau der US-Botschaft in London (Visualisierung rechts) . Dass sich hinter dem von Kieran Timberlake Architects geplanten Projekt ein noch nie dagewesener Sicherheitsbunker verbirgt, ist dem Haus kaum anzumerken.

Nach dem Vorbild von mittelalterlichen Burgen steht das zwölfstöckige Gebäude auf einem leicht erhabenen Hügel, der rundum von Teichen und Wassergräben umgeben ist. Um hohe Zufahrtsgeschwindigkeiten zu vermeiden, sind sämtliche Wege und Straßen spiralförmig angelegt. Hinzu kommen diverse Geländesprünge, als Sitzbank getarnte Barrieren sowie mit Stahlseilen bespannte Büsche und Hecken. Die 15 (!) Zentimeter dicken Fassadengläser können sogar Schussbomben standhalten.

„Das ist ein gutes Beispiel für „Crisis Architecture“, die ihr Potenzial keineswegs in Form von Pollern und Barrieren mächtig nach außen kehrt“, meint Gartenstein-Ross. „Das ist ein holistischer Ansatz, wie wir unsere Städte auf stadtplanerischer Ebene ertüchtigen können, ohne sie dabei gleichzeitig zu brutalisieren. Wir befinden uns heute in einer Situation, in der solche Maßnahmen unerlässlich sind. Leider.“

Soll Barcelona London werden?

Die City of London ist seit vielen Jahren von einem hochkontrollierten „Ring of Steel“ umgeben. Das Stadtgebiet Greater London ist mit 500.000 Videokameras das am dichtesten bewachte Flächengebiet der Welt. Und schon heute bezeichnen viele Fachleute die Stadt an der Themse als „Fortress of London“. Die neue US-Botschaft als Pionierprojekt und womöglich normatives Best-Practice-Beispiel fügt sich perfekt in diese längst reale Paranoiopolis. Ist London die neue Vorzeigestadt für Nizza, Berlin und Barcelona?

„Architektur ist der Wille einer Epoche, ausgedrückt in Raum“, hat Ludwig Mies van der Rohe einmal gesagt. Die Frage, ob und inwiefern wir den Terror zum Planer unserer Städte ermächtigen wollen, ist noch nicht beantwortet.

12. August 2017 Der Standard

Der Turmbau zu Babel

Mitten in den Schweizer Alpen steht ein 30 Meter hoher Theaterturm. Der blutrote Wahnsinnsbau zählt zu den ungewöhnlichsten Projekten der letzten Jahre.

Ich bin der Sieg, ich bin der Sieg, ich bin der Held im Todesritt“, heißt es. „Und dann ging die Sonne hinab, und der Himmel wurde rot wie Blut, und der Himmel verschwand.“ Die zeitgenössische Oper Apocalypse des Schweizer Komponisten Gion Antoni Derungs handelt von Hunger, Krieg und Tod, vom Fall Babylons, vom infernalen Untergang der Welt. Eindringlich prasseln die Noten aufs Trommelfell, sperrig klingen die mal deutschen, mal lateinischen, mal rätoromanischen Worte. „Noli timere! Und die Trümmer der Stadt krachten in sich zusammen.“

Besser hätte man Ort und Oper nicht zusammenbringen können. Schon die Eröffnungspremiere vor einer Woche brachte die Potenziale dieses so unwirklich wirkenden Theaters an das sich langsam zu Ende neigende Tageslicht. Und es ist mitnichten Zufall, dass Text und Zeit fast auf die Minute genau aufeinander abgestimmt waren. Und der Himmel wurde rot wie Blut, nicht nur drüben in Mesopotamien, sondern auch hüben in den Schweizer Bergen, am Julierpass auf 2284 Meter Seehöhe.

Der Postbus kämpft sich mit 30 km/h die Kehren hoch, mit jeder Kurve wird die Luft kühler und die Landschaft karger, und spätestens, als man nach zwanzig Minuten die Baumgrenze passiert, kann man sich kaum noch vorstellen, dass in diesem gottverlassenen Hochland jemals Heidi über Stock und Stein gehüpft sein soll. Sils, Surlej, Silvaplana und das Millionärsstädtchen St. Moritz sind längst hinter den Bergen verschwunden, als am Horizont plötzlich ein ochsenblutroter Turm auftaucht.

Abweisend. Bedrohlich. Geheimnisvoll. Und von so einer ruhigen, minimalistischen Ästhetik gezeichnet, wie sie nur die Schweizer beherrschen. Nicht von ungefähr erinnert das 30 Meter hohe Objekt mit seinen übereinanderliegenden Rundbogenfenstern an den Turmbau zu Babel. Und als wäre das alles nicht schon genug der schauderhaften Mystik, muss man, als man endlich am Tor angekommen ist und kopfüber in den Himmel hochblickt, an den schwarzen Monolithen denken, der dereinst im Kino-Epos 2001: Odyssee im Weltraum den Affen zum Affen machte.

Mit einem Knarren öffnet sich die Tür. Der tiefrote Pinselstrich ist in der Holzoberfläche noch deutlich zu erkennen. Ein wenig braucht das Auge, um sich an die Enge des Innenraums zu gewöhnen. Nach wenigen Sekunden offenbart sich ein zehneckiges Panoptikum mit Nischen und Bogenfenstern hinaus in die Welt. In der Mitte ist ein großes, leeres Nichts, in dem eine kreisrunde Plattform von der Decke hängt. Während der Vorstellungen kann die mobile Bühne mittels Kettenzugs wie ein Lift auf und ab fahren. Die Ähnlichkeit zum elisabethanischen Globe Theatre in London ist nicht von der Hand zu weisen. Bis zu 220 Personen fasst der Saal.

„In jedem anderen Theaterhaus ist man von der Welt abgeschirmt, und zwischen Publikum und Fiktionsraum hängt ein Vorhang, der das Geschehen noch ferner abrückt und noch distanzierter erscheinen lässt“, sagt Giovanni Netzer. „Doch hier verschmelzen Bühne, Kulisse und Landschaft zu einem grenzenlosen Ganzen. Dieser Raum ist alles andere als ein Guckkasten, alles andere als eine Blackbox. Es ist ein Ort, an dem wir üben können, uns den Naturgewalten zu fügen und mit ihnen zu arbeiten.“

Archaische Themen

Netzer ist Intendant des 2005 gegründeten Theaterfestivals Origen. Wie der Name schon sagt, hat man sich zur Aufgabe gemacht, die darstellenden Künste in ihrer Ursprünglichkeit auf die Bühne zu bringen. Gezeigt werden traditionelle Formate aus dem Engadin, regionale Ressourcen aus den Bereichen Oper, Tanz und Theater, aber auch archaische Themen aus der Historie – mit Vorliebe gregorianische Gesänge, Parabeln über die sieben Todsünden, Apokalyptisches aus dem Alten Testament.

„Ich habe Theologie studiert und kann meine Wurzeln nicht leugnen“, sagt der 50-Jährige. „Doch auch ohne diesen Hintergrund wird man hier oben in den Bergen, an diesem so geschichtsträchtigen Julierpass, über den einst die Seidenstraße verlief und an dem heute noch verschiedene Sprach- und Kulturkreise aufeinanderprallen, einer höheren Gewalt gewahr. Hier kann man über das eigene Leben und die Ewigkeit der Steine nachdenken. In den Städten hat man dafür keine Zeit.“

Doch wozu braucht man inmitten dieser wie auch immer gearteten, weltlichen oder geistlichen Gewalten überhaupt Architektur? „Der Julierturm ist weniger ein Haus als vielmehr ein Bühnenbild, das die Funktionen Bühne, Kulisse und Zuschauerraum in sich vereint“, widerspricht der Gesamtkünstler, der in diesem Projekt höchstselbst in die Rolle des Architekten schlüpfte und sich dem Entwurf in hunderten Skizzen und 80 verschiedenen Kartonmodellen näherte. Wie jedes Schaustück ist auch dieses nur ein temporäres. Nach vier Jahren soll der Julierturm, der auf einem bereits bestehenden Parkplatz neben dem Bergsee errichtet wurde und sich als höchstgelegenes Opernhaus Europas rühmt, abgebaut und das Grundstück wieder renaturiert werden.

„Nichts ist ewig. Nicht auf der Bühne. Und schon gar nicht hier oben in den Bergen, wo der Winter brutal hart ist und der Wind mit bis zu 250 km/h über den Pass fegt“, sagt Netzer. „Der Turm wird so unvollendet bleiben wie jener in Babylon. Denn wenn man hier oben Theater macht, dann muss man auch akzeptieren, dass am Ende die Naturgewalten siegen werden.“ Schon bald, hofft der Theatermacher, wird die ochsenblutrote Lasur die erste Patina angelegt haben. Und tatsächlich ist die Konstruktion nicht für die Ewigkeit bestimmt: Der Graubündner Bauingenieur Walter Bieler baute nach den Plänen Netzers eine einschalige Konstruktion aus zwölf Zentimeter dickem Brettschichtholz, die mittels 28.000 Schrauben zusammengehalten wird. Die einzelnen Module wurden mittels Schwertransporter auf den Pass hochgefahren. Die den Himmel und das Gesteinsmassiv reflektierenden Glasscheiben wurden per Autokran an Ort und Stelle eingehängt. Der Rest ist ein Langzeitprovisorium.

Vier Wochen hat die Bauzeit gedauert – von der Fundamentplatte bis zum letzten Scheinwerfer. Ein paar Details wie etwa Aufzug, Heizung und Bühnentechnik werden sich noch bis in den Herbst ziehen. In Summe wird der Julierturm, der sich ausschließlich über Firmensponsoring, Privatspenden und gestiftete Sitzplätze und Fensterlogen finanziert, drei Millionen Schweizer Franken (2,6 Millionen Euro) gekostet haben. „Ego sum alpha et omega, principium et finis“, heißt es am Ende der Apocalypse. Diesen Wahnsinn muss man gesehen haben.

Der Julierturm wird ganzjährig bespielt. Um den Individualverkehr einzudämmen, ist der Besuch der Aufführungen ausschließlich mit Shuttlebus oder öffentlichem Postbusverkehr möglich. Routen ab Chur und St. Moritz. Die Fahrt ist im Eintrittspreis inbegriffen.

29. Juli 2017 Der Standard

Reden, retten, reparieren

Auf dem ehemaligen Nordbahnhofareal in Wien sollen Stadtplanung und Stadtentwicklung neu gedacht werden. Die Ausstellung „Care + Repair“ macht konkrete Vorschläge, wie das gehen könnte.

Die Wechselkröte ist ein nicht sonderlich hübscher Lurch in militanter Tarnoptik. Doch Bufo viridis hat ein Ass im Schenkel. Das zehn Zentimeter große Tier, eine von rund 700 geschützten, in Wien beheimateten Arten, ist ein regelrechter Baustopper. Schon einmal sorgte es auf den ehemaligen Nordbahnhofgründen, nachdem es sich auf dem sandigen und erdigen Areal bequem gemacht hatte, für eine monatelange Bauverzögerung. Das freute zwar die Naturschützer, mitnichten aber die Baggerfahrer und Bauträgerkonsortien, die hier bis 2025 rund 4500 Wohnungen errichtet wollen.

Wenn das Architekturzentrum Wien (AzW) nun seinen Heimatstandort im Muqua verlässt und in die Leopoldstadt ausrückt, um in der Nordbahnhalle die interaktive Ausstellung Care+Repair zu präsentieren, dann kann das durchaus auch als Rettungsaktion für Quaxi und Konsorten verstanden werden. Sechs Wochen dauert die Aktion, an der sich lokale und internationale Künstler und Architekten beteiligen und in die auch so mancher Bewohner des benachbarten Robert-Uhlir-Hofs miteinbezogen wurde.

„Die produktive Stadt braucht auch etwas Reproduktives“, sagt Angelika Fitz, Direktorin des AzW. Gemeinsam mit der Wiener Kunsttheoretikerin Elke Krasny kuratierte sie die stetig wachsende Ausstellung, die sie selbst als „Arbeitslabor“ bezeichnet und die nun im Rahmen der Vienna Biennale 2017 und des dreijährigen Forschungsprojekts „Mischung: Nordbahnhof“ zu sehen ist. „In den Politik- und Sozialwissenschaften beschäftigt man sich schon seit langer Zeit mit der Pflege, Reinigung und Reparatur des Bestandes. Im Urbanismus jedoch ist diese Idee noch ziemlich neu.“

Oder, wie Co-Kuratorin Krasny meint: „Üblicherweise baut man die Stadt der Zukunft, indem man zunächst all das zerstört, was schon da ist. Wie schon in der Moderne machen wir Tabula rasa, ohne soziale, kulturelle, materielle, ökologische oder wie auch immer geartete Ressourcen zu berücksichtigen.“

Care+Repair, so der Anspruch, macht sich auf die Suche nach jenem unbezahlbaren Schatz namens Geschichte und Identität, der in der Regel von Baggern und Bulldozern zu Tode planiert wird, sobald der Natur wieder einmal ein Stückchen Land abgerungen wird. Architekten, Stadtplaner, Künstler, Kulturtheoretiker, Biologen, Ornithologen, Schriftsteller und Forscher zogen gemeinsam durch die Büsche, spazierten über Gleise und stillgelegte Kohlerutschen und ließen sich in Tunnels, Unterführungen und aufgelassenen Bahnwärterhäuschen nieder, um das Areal des ehemaligen Nordbahnhofs zu erforschen und sich mit seinen dokumentierten und auch undokumentierten Potenzialen vertraut zu machen.

Zissis Kotionis und Phoebe Giannisi aus Volos (Griechenland) studierten die Sprache der Vögel und führten einen ornithologischen Dialog zwischen Federvieh und Aristophanes auf. Cristian Stefanescu reaktivierte eine der Gleisunterführungen und veranstaltete in der sogenannten Zukunfts-Kwizin einen Galabrunch für Anrainer, Migranten und Kulturschaffende. Meike Schalk aus Stockholm konzentrierte sich auf das Thema Gemeinschaftsräume und fragte sich gemeinsam mit den Bewohnern des Robert-Uhlir-Hofs, warum diese so selten angenommen werden. Und Rosario Talevi von der Urban School Ruhr (USR) suchte vor Ort nach bereits bestehenden baulichen Manifestationen von Stadtraum, Infrastruktur und Bühne.

Das vielleicht interessanteste, weil auch zum jetzigen Zeitpunkt greifbarste Projekt stammt vom Brüsseler Büro Rotor. Das interdisziplinäre Kollektiv zog mit Kalkfarbe eine weiße Linie durch die Landschaft und definierte so die künftige Grenze zwischen urbanem Wohnbiotop und unberührter Natur. Und es ist kein Zufall, dass das solcherart markierte Areal mit der sogenannten „Freien Mitte“ zusammenfällt, wie sie im aktuellen städtebaulichen Masterplan von Studio Vlay vorgesehen ist. Innerhalb dieser zwölf Hektar großen „Freien Mitte“, so der Plan, soll die Gstätten Gstätten bleiben dürfen. „Non-Design-Park“ nennt sich das im Fachjargon.

Zudem begab sich Rotor auf Recherche- und Forschungsexpedition durch den österreichischen Osten – zu Altholzhändlern, Pflastersteinfriedhöfen und nostalgisch veranlagten Baustoffsammlern, in deren Lagerhallen Schätze aus Abbruchhäusern der letzten hundert Jahre schlummern. Das Resultat dieser Suche ist eine mehrere tausend Quadratmeter große Sammlung an Parkettholz, Granitplatten und handkolorierten Zementfliesen von anno dazumal, die zu neuem Leben erweckt werden sollen.

„Unser Projektansatz beschäftigt sich sehr stark mit der urbanen Entropie“, sagt Renaud Haerlingen, Mastermind bei Rotor, „mit der Ungleichheit zwischen Alt und Neu, zwischen Groß und Klein, zwischen System und Singularität. Daher haben wir uns bewusst damit beschäftigt, wie wir wieder das Alte, das Kleinteilige, das Unverwechselbare ins Bauen zurückbringen können. Alte, bereits verwendete Baustoffe haben bereits Geschichte und Identität. Im reinen Neubau ist so eine Qualität kaum zu erzielen.“

Die Sammlung ist ein erster Schritt. Damit weiterzuarbeiten, meint Haerlingen, wäre ein absolutes Umdenken in der gesamten Architektur- und Baubranche. Eine Möglichkeit wäre, die Bauträgerwettbewerbe im Stadtentwicklungsgebiet Nordbahnhof zu nutzen und die Reusing- und Recyclingansätze in der Ausschreibung zu verankern. Eine andere, weitaus realistischere Variante wird sein, Architekten und Bauträger an einen Tisch zu setzen und mit ihnen eine neue Baustoffkultur auszuhandeln.

„Das sind wunderschöne Ansätze, die unserer Planung sehr entgegenkommen“, meint Lina Streeruwitz auf Anfrage des Standard. Gemeinsam mit dem Stadtplaner Bernd Vlay erstellte sie 2012 den ungewöhnlichen Nordbahnhofmasterplan mit dem Nichts in der Mitte. „Dass wir dafür plädieren, zwölf Hektar Land so zu belassen, wie sie sind und mit alten Baustoffen zu arbeiten, hat nicht nur romantische Gründe. Das ist auch billiger und ressourcenschonender.“ Damit werde viel Budget frei, das man andernorts besser und sinnvoller nutzen könne.

„Es ist so naheliegend, und trotzdem bedarf es irrsinnig viel Anstrengung von allen Seiten, um alte, festgefahrene Gewohnheiten der Stadtentwicklung zu überdenken“, sagt Streeruwitz. „So viel Energie, nur, um das zu retten, was schon da ist. Ist das nicht eigenartig?“ So gesehen ist Care+Repair nicht zuletzt auch ein Reparaturappell an die Baubranche und Verwaltung.

Die Ausstellung „Care + Repair“ schließt morgen, Sonntag. Die Kuratorinnen laden um 19 Uhr zum Abschlussgespräch „Wie weiter?“. Nordbahnhalle beim Wasserturm, Leystraße Ecke Taborstraße.

15. Juli 2017 Der Standard

Allah für alle

Das Werk ist vollbracht: Nach acht Jahren Bauzeit und ewigen Grabenkämpfen vor Gericht ist die Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld nun endlich in Betrieb. Es soll ein Ort des Dialogs sein, ein Gotteshaus für alle.

Das allererste Freitagsgebet im neuen Kuppelsaal wurde in einem sechsminütigen Youtube-Video festgehalten. Dass die Amateuraufnahme ausgerechnet in der Kategorie „Komödie“ ins Netz gestellt wurde, ist ein fulminanter Seitenhieb auf die achtjährige Bauzeit, die von Baustopps, Baumängeln, Streitigkeiten, gegenseitigen Anschuldigungen und unzähligen Rechtsanwaltskorrespondenzen geprägt war. Nun, fünf Jahre nach der geplanten Eröffnung, kann Allah erstmals angerufen werden – nicht ohne einen leicht fahlen Nachgeschmack, der nach wie vor in der Luft liegt.

Die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld hätte einst stolzes Symbol für den interkulturellen und interreligiösen Dialog in Deutschland werden sollen. Und die ersten Schritte schienen vielversprechend. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz Ditib, hatte einen Wettbewerb ausgelobt, den Paul Böhm, Spross einer alten Kölner Kirchenbaudynastie, gewann. Gemeinsam trotzten Bauherr und Architekt den anfänglichen Widerständen der Kölner Konservativen und den in den Folgemonaten aufkeimenden Bürgerprotesten. Immer wieder trat man gemeinsam vor Mikrofone, um den einen Hoffnung zu geben und die anderen zu beschwichtigen.

Doch schon bald tauchten die ersten sprichwörtlichen und buchstäblichen Risse auf. In der Fassade, in der Kuppel, in den Minaretten. Die Fenster wurden morsch, der Betonkanten brüchig, die Stufen am Weg hinauf aufs Plateau wackelig und lose. So mancher Blick aufs Detail ist schauderhaft. Und das bei einer zwar nicht offiziell kommunizierten, aber kolportierten Bausumme von über 40 Millionen Euro.

„Ich werde Ihnen jetzt keine Mängelführung geben, denn dazu ist der Zeitpunkt ein viel zu schöner und viel zu feierlicher“, sagt Ayse Aydin, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Ditib. „Aber lassen Sie mich nur so viel sagen: Die Liste des gerichtlich bestellten Gutachters umfasst rund 2000 Baumängel, von denen ein Teil bereits behoben und ein Teil wohl nie wieder wirklich repariert werden kann. Es ist nicht lustig. Wir prozessieren.“

Im Abseits des juristischen Hickhacks, das wohl noch Jahre in Anspruch nehmen wird und zu dem sich das Architekturbüro Böhm am Telefon nicht äußern möchte, ist die Kölner Zentralmoschee ein in der Tat überwältigender Bau, der weithin sichtbar zelebriert, wie moderner Islam aussehen kann. 35 Meter hoch ragen die in Sichtbeton belassenen Kuppelschalenfragmente in den Himmel und fügen sich zu einer imposanten Skulptur, die ein bisschen an Darth Vader und ein bisschen an die TV-Verkehrspuppe Helmi erinnert. Ergänzt wird der Bau von zwei 55 Meter hohen, luftig gewickelten Minaretten. Die beiden vergoldeten, scheinbar frei schwebenden Serviettenringe sind ein Zitat der üblicherweise umlaufenden Muezzinbalkone.

Kuppel mit Suren und Sternen

Doch die Neudefinition konzentriert sich in erster Linie auf das Äußere: Während in Berlin-Moabit die deutsche Frauenrechtlerin Seyran Ateş erst kürzlich eine auch inhaltlich revolutionäre Moschee mit gemeinsamem Gebetsraum für Frauen und Männer eröffnete, herrscht in Köln-Ehrenfeld nach wie vor strikte Geschlechtertrennung. Die Männer sitzen unten in unmittelbarer Nähe des Minbars, wie die getreppte Kanzel korrekterweise bezeichnet wird, die Frauen oben auf der Galerie.

Zu diesem konservativen Bild passt auch die Gestaltung des Innenraums. Im Gegensatz zum schlichten, fast schon minimalistischen Außenraum nämlich ist der Kuppelsaal, der bis zu 1200 Menschen Platz bietet, innen ganz klassisch mit Sternornamenten und arabischen Koransuren gesäumt. Die Komposition in Gold, Creme und Türkis stammt vom Istanbuler Künstler und Dekorateur Semih Irteş. Immerhin eine schöne, himmlisch anmutende Abwechslung zum sonst vorherrschenden Rotkanon, den man in vielen anderen Moscheen vorfindet.

„Architektur und Technik dieses Hauses sind sehr modern“, sagt Selim Mercan, Leiter der Ditib-Abteilung für Bauwesen und Liegenschaften, beim Rundgang kurz vor dem Freitagsgebet. „Innen jedoch ist von dieser gestockten Betontechnik, von der Fußbodenheizung und von den vielen Erdsonden, die wir in den Boden gerammt haben, nichts zu spüren. Dieser Raum ist ganz und gar der Schönheit des Gebets gewidmet.“ Eine feine, wohlige Wärme macht sich breit, wenn Mercan von seiner Moschee schwärmt. Oben hängt ein zehnstrahliger Stern am Firmament.

„Wissen Sie, die Architektur ist das eine, aber hier geht es nicht nur darum, wie die Moschee aussieht, sondern auch darum, was sie alles leistet“, erklärt Bekir Alboğa. Schon seit 2004 ist er Abteilungsleiter für interreligiöse Zusammenarbeit und Generalsekretär im Bundesvorstand der Ditib. „Wir sind mehr als nur eine Moschee. Wir sind ein kleines Stadtteilzentrum mit Konferenzräumlichkeiten, Geschäften und Gastronomie. Und zwar nicht nur für Muslime, sondern für alle.“

Das Konferenzzentrum im Erdgeschoß bietet Platz für bis zu 700 Menschen. Und in der in Eichenholz und Marmor gehaltenen Einkaufspassage findet man eine clevere Ergänzung zum brummenden Multikultiviertel Ehrenfeld: Boutique, Buchhandlung, ein Geschäft mit Trockenfrüchten, ein Lokal mit Halal-Gerichten und sogar eine Filiale der kuwaitisch-türkischen KT Bank. Zwei Drittel der insgesamt 20 Geschäftslokale sind bereits vermietet. Zum „modernen, quirligen Bazar“, wie die Passage von den hier tätigen Ditib-Angestellten gerne beschrieben wird, ist es zwar noch ein Weg, aber gewiss kein weiter.

„In Köln leben weit über 120.000 Muslime“, sagt Generalsekretär Alboğa. „Und allein in unserem unmittelbaren Einzugsgebiet haben wir 500 bis 600 regelmäßig praktizierende Mitgliedsfamilien. Hinzu kommen die vielen, vielen Menschen, die uns allein deshalb schon besuchen, weil hier Ortsgemeinde, Landesverband und Bundesverband an einem Ort gebündelt sind.“ Besonders stolz ist Alboğa auf die Kölner Touristenbusse: „Mittlerweile machen die auf ihrer Standardroute sogar einen Bogen, um an uns vorbeizufahren. Wir sind ein Wahrzeichen geworden.“

Bleibt abzuwarten, ob die neue Moschee imstande ist, seine Mission zu erfüllen. „Der Wunsch, ein Gotteshaus zu erstellen, das die unterschiedlichen Kulturen zusammenbringen sollte, ist durch die Streiterei ums Geld nicht mehr realisierbar“, beklagt Gustav Menninger, Baumeister beim von der Ditib ebenfalls geklagten Bauunternehmen Nuha. Die Risse im Beton sind gekittet. Und auch die Wogen in den konservativen Kreisen der Kölner Bevölkerung sind in der Zwischenzeit geglättet. Jetzt geht es darum, die Gräben zwischen den Projektbeteiligten zu schließen und den viel beschworenen Dialog zu starten. Die offizielle Eröffnung der Ditib-Moschee ist für Ende 2017 geplant.

8. Juli 2017 Der Standard

Paolo Piva 1950–2017

Der österreichisch-italienische Architekt und Designer hinterlässt ein umfangreiches Werk im Bereich Möbel- und Industriedesign. In Wien wirkte er seit 1991 auch als Professor an der Universität für angewandte Kunst.

Er war ein Kämpfer, ein Besessener, ein Eroberer der Materie. „Es geht nicht um ein gemütliches Leben“, sagte er. „Es geht um den ständigen Kampf, jemanden zu überzeugen, dass ein Objekt so und so sein muss. Das ist hart. Aber auch eine Besessenheit von der Freude, etwas zu machen.“ Gestern, Freitag, ist der österreichisch-italienische Architekt und Designer Paolo Piva im Alter von 67 Jahren in Wien gestorben. Piva hinterlässt ein recht kleines Architektur-Œuvre, dafür aber ein umso umfangreicheres Werk im Bereich Möbel- und Industriedesign.

Zu seinen regelmäßigen Kunden zählten italienische Möbelhersteller wie Poliform, De Sede und B&B Italia, der italienische Küchenproduzent Varenna sowie die österreichischen Möbelwerkstätten Wittmann. Seine Entwürfe waren meist klassisch und orientierten sich in der Regel an der Moderne beziehungsweise an der Wiener Werkstätte. Immer wieder blitzte als Zitat der Würfel oder die charakteristische Steppnaht durch. Vor allem bei den für Wittmann entworfenen Sitzmöbeln war der mentale Übervater Josef Hoffmann nicht zu übersehen.

Piva, 1950 in Adria geboren, studierte Architektur bei Carlo Scarpa in Venedig und beschäftigte sich mit Architektur und Baukultur im sozialistischen Wien. 1975 macht er in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte und Architektur in Venedig und der Akademie für angewandte Kunst in Wien die Ausstellung Vienna rossa (Rotes Wien).

Wenige Architekturprojekte

Es folgen einige wenige Architekturprojekte wie etwa ein Wettbewerb für die Wiener Internationale Gartenschau WIG 74, die kuwaitische Botschaft in Katar (1980), die Corporate-Designs für eine italienische Warenhauskette (1981) sowie die Renovierung des Palazzo Remer in Venedig (1986). Im Hintergrund kümmerte er sich zudem um den Ideenwettbewerb der denkmalgeschützten Fiat-Fabrik Lingotto in Turin.

Doch schon bald kehrt Piva dem großen Maßstab den Rücken und widmet sich fortan dem Innenraum. Viele Fauteuils, viele Sofas, viele Couchtische werden durch seinen strengen Strich zum Leben erweckt. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, doch das Werk wird wohl in die Hunderte gehen. „Design“, sagte er, „sei ein kontinuierlicher Prozess, der mit der Bewusstwerdung anfängt. Ein Designer ist jemand, der immer wieder von neuem erfindet. Es geht um eine Art Eroberung des Objekts.“

Seit 1991 war Piva Designprofessor an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Für nächstes Jahr, heißt es, habe er geplant, sich aus dem Unterrichten zurückziehen. Unter seinen Absolventen galt er als streng und fordernd. Nicht selten kommentierte er einen Entwurf, wenn er ihn nicht goutierte, mit italienischem Akzent und beharrlichem Fallfehler mit den Worten: „Machen Sie einfach einen Lampe daraus!“

Piva lebte in Wien, in Biella (Piemont) und in Venedig. „In Italien“, sagte er, „profitiere ich von der Vitalität, Österreich hingegen motiviert mich intellektuell.“ Täglich drehte der Herr mit Schnurrbart seinen Spaziergang durch die Wiener Innenstadt – stets elegant gekleidet und meist mit Zigarre in der Hand – und verbrachte viele Stunden in seinem geliebten Kleinen Café am Franziskanerplatz. In einem STANDARD -Interview meinte er vor vielen Jahren: „Jeder soll versuchen, sich mehr oder weniger zu entwurzeln, um dann wieder Wurzeln zu schlagen, die vielleicht in die Luft wachsen.“

1. Juli 2017 Der Standard

Der Architekt als Krisenmanager

Wie ist es um die Zukunft des Bauens bestellt? Gar nicht gut. So zumindest sieht es eine aktuelle Ausstellung in Graz, die acht dystopische Perspektiven auf einem Haufen versammelt.

Es regnet an diesem Nachmittag in Montreal. Die Häuser sind so grau und so farblos wie der heulende Himmel. Doch plötzlich tut sich vor der Baugrube in der Rue Sainte-Catherine ein kleines Paradies auf. Immobilienentwickler bauen gerade an einem neuen Stückchen Luxus für die Superreichen. Mit Efeu, mit Pool, mit wie zufällig über den Liegestuhl drapiertem Badetuch. Unweigerlich blickt man auf den planschenden Bewohner links im Fenster und möchte sofort in eine Zeitmaschine steigen und dieser hässlich verregneten Realität mit Baukran und Parkometer entfliehen.

„Mich faszinieren diese Bautafeln schon seit vielen Jahren“, sagt der kanadische Foto- und Videokünstler Paul Landon, „denn sie transportieren eine Stimmung und eine künftige Wunschwirklichkeit, die so niemals eintreten wird. In diesem Spagat zwischen Sehnsucht und Realität ist meine Arbeit zu Hause.“ Rund 500 Fotografien aus aller Welt hat der 54-Jährige, dessen Fotozyklus kürzlich von der Future Architecture Platform im Rahmen eines internationalen Calls ausgewählt und ausgezeichnet wurde, zusammengetragen: Wohnungen, Penthouses, Luxusapartments, Bürotürme und exklusive Shoppinggalerien.

„Es geht hier nicht nur um eine visualisierte, computergenerierte Vorwegnahme der Architektur, sondern auch um eine ganz bestimmte Konstruktion von Zukunft“, meint Landon, der in seiner Heimatstadt Montreal vor zehn Jahren die atmosphärischen Tricks der Immobilienbranche zu dokumentieren begann und mittlerweile schon einen ganzen Immo-Weltatlas damit füllen könnte. Dissolving Futures, auf Deutsch am besten mit dem Begriff „Zukunftsauflösungen“ zu umschreiben, nennt sich Landons Kompendium.

Country-Chic und Nostalgie

„Es gibt große geografische Unterschiede, denn je größer und je futuristischer die Stadt, desto traditioneller und nostalgischer werden die künftigen Bauprojekte dargestellt“, erzählt der Fotograf. Am stärksten sei dieser Trend in China zu beobachten, wo das neue Wohnen mit Country-Chic und Gipsstuck beworben wird. „Da ist es manchmal schon schwer zu sagen, was das Neue und was das Alte ist. Im Kontext einer wachsenden, sich ständig verändernden Gesellschaft finde ich diese Entwicklung hochgradig verwirrend.“

Vor allem aber, erklärt Landon, habe sich in letzter Zeit die Darstellungsweise gewandelt. Ging es früher um eine lebendige, städtische Stimmung mit Menschen, Bäumen und Schanigärten (im Fachjargon spricht man auch von People-Washing, Green-Washing und Mood-Washing), so dominieren auf den Bautafeln heute Sicherheitsaspekte und Wohnkomfort. „Offenbar haben die Konsumenten nach den politischen Ereignissen der letzten Jahre genug von sozialer Öffentlichkeit. Sie sehnen sich nach kontrolliertem Rückzug, nach Alarmanlage und Videoüberwachung.“ Und die Immobilienbranche reagiert darauf mit entsprechenden Bildern.

„Genau das ist der Punkt“, sagt die Grazer Kuratorin Ana Jeinić. „Die heutige Architektur befindet sich in einer tiefen Krise, weil sie keine Visionen mehr hat, sondern nur noch auf funktionale und kapitalistisch bedingte Scheinbedürfnisse reagiert. Das ist ein Zusammenbruch jeglicher Zukunftsvorstellungen sowie des Zukunftsbegriffs an sich. Wie es scheint, haben wir heute Angst vor zukunftsorientiertem Denken. Wir stehen still.“

Um auf dieses soziale wie auch kulturelle Defizit hinzuweisen, hat Jeinić im Haus der Architektur (HDA) in Graz vor wenigen Tagen eine zum Nachdenken anregende Ausstellung eröffnet. Architecture after the future, so der Titel der Schau, beschäftigt sich mit der Frage, welche Auswirkungen der Stillstand der postfuturistischen Gesellschaft künftig auf Architektur und Städtebau haben wird. Gezeigt werden acht ganz unterschiedliche, teils aktiv gestaltende, teils kritisch beobachtende Arbeiten, die von der Future Architecture Platform – einem europaweiten Netzwerk, dem auch das HDA angehört – aus insgesamt 330 Projekteinreichungen ausgewählt wurden. Paul Landons Fotodokumentation ist eine davon.

Angst vor Amazon

„Wir schrecken davor zurück, die Zukunft in die Hand zu nehmen“, sagt Jeinić. „Viele Architekten bauen nichts mehr, sondern setzen sich nur noch reflexiv oder im besten Fall provisorisch mit der Welt auseinander.“ Und so gibt es in der Ausstellung temporäre Pop-up-Zelte für Menschen in Not, geopolitische Lösungsansätze für den Territorialkonflikt zwischen Chile und Peru und süffisante Gedankenkonstrukte zu einer Archäologie der Europäischen Union. Man muss schon viel Zeit und viel Hirnschmalz in die Ausstellung mitbringen, um im mitunter verkopften Textdschungel den Überblick zu bewahren.

Spannend, weil so naiv wie auch bösartig hinters Licht führend ist Florian Bengerts Entwurf für einen Paketsilo mitten in der Stadt. Unter dem Titel Space in Time. The Future of Logistic Landscapes liefert der 27-jährige Architekt aus Karlsruhe eine zugleich praktische wie auch zutiefst verstörende Antwort auf den zunehmenden Onlinehandel und auf das damit verbundene, bevorstehende Verschwinden traditioneller Handelsstrukturen aus der Stadt. Seine mit Werbung illuminierten Betonsilos, die sogar über Kapelle und Kapselhotel verfügen, sind eine dystopische Reaktion auf Amazon und Zalando.

Und im sehr kontemplativen Projekt I would prefer not to – ein Zitat aus Herman Melvilles Buch Bartleby, The Scrivener – trägt der slowenische Architekt Miloš Kosec unterschiedliche Fälle aus der Vergangenheit zusammen, in denen sich Architekten verweigert haben zu planen und zu bauen. Da gibt es Fassaden, die bewusst nicht entworfen wurden (Jean Nouvel), Häuser, die bewusst nur zur Hälfte errichtet wurden (Alejandro Aravena), oder Platzgestaltungen, bei denen die Architekten bewusst entschieden haben, alles so zu belassen, wie es ist (Lacaton & Vassal).

So nihilistisch wie die zusammengetragenen Projekte ist auch die Ausstellung an sich. Inmitten der inszenierten Verweigerung kriegt man als Besucher früher oder später selbst unweigerlich die Krise. Wie sagt doch Kuratorin Ana Jeinić? „Wenn es tatsächlich stimmt, dass wir uns in einer Zukunftskrise befinden, dann ist der erste Schritt, sich dieser Krise bewusst zu werden.“

17. Juni 2017 Der Standard

„Keine Konkurrenz zwischen Berater und Beratenen“

Vor zehn Jahren wurde der BIG-Architekturbeirat gegründet. BIG-Geschäftsführer Wolfgang Gleissner und die beiratsvorsitzende Architektin Elsa Prochazka reflektieren über Erfolge und Hoffnungen.

Standard: Der BIG-Architekturbeirat (BAB) wurde vor genau zehn Jahren gegründet. Was waren die Beweggründe, ihn einzurichten?

Gleissner: Mit der Zeit und mit den Projekten wird man leicht betriebsblind. Dem wirken wir mit dem Beirat entgegen. Er hält uns den Spiegel vor und ist ein Mittel zur Selbstreflexion, damit wir in unseren Prozessen noch besser werden und noch klarer kommunizieren.

Standard: Nach welchen Kriterien und Statuten gehen Sie im BAB vor?

Prochazka: Unsere wichtigste Aufgabe ist, immer wieder daran zu erinnern, dass die BIG als öffentlicher Auftraggeber auch eine gewisse kulturelle und gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt. Dazu gehört auch, dass man die Nutzerinnen und Nutzer schon in der Vorbereitung einbezieht.

Gleissner: Eine wichtige Aufgabe, die der BAB wahrnimmt, ist auch die Überlegung, zu welchem Projekt welches Verfahren der Planerfindung am besten passt.

Standard: Wie viele unterschiedliche Verfahren wendet die BIG denn bei ihren Projekten an?

Gleissner: Insgesamt haben wir seit Bestehen des BAB sechs verschiedene Verfahren angewandt, wobei mehr als die Hälfte aller Projekte über einen offenen, einstufigen Realisierungswettbewerb ausgelobt wurden.

Standard: Die BIG investiert jährlich 500 Millionen Euro in Neubauten und Sanierungen. Wie viel Prozent dieses Budgets marschieren über den Beiratstisch?

Gleissner: Seit 2007 haben wir zu 84 Großprojekten Planer gesucht, bei 68 davon haben wir das über den BAB gemacht.

Prochazka: Was ich generell kritisiere, ist, dass viele Projekte – nicht nur bei der BIG, sondern überhaupt – lediglich technisch saniert werden, wie es so schön heißt. Ich halte rein technische Sanierungen für zu kurz gegriffen. Was nützt es mir beispielsweise, wenn ich ein Schulgebäude technisch auf den neuesten Stand bringe, aber damit veraltete pädagogische Konzepte konserviere? Auch bei solchen Aufgaben darf man die kulturelle Gesamtverantwortung nicht außer Acht lassen.

Gleissner: Über 20 Prozent des Bauvolumens der BIG sind reine Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten, die in unseren 2200 Liegenschaften regelmäßig anfallen. Da sind viele Kleinstaufträge dabei. Dazu brauchen wir keinen Architekturbeirat.

Standard: Können Sie sich an ein konkretes Projekt erinnern, das durch den BAB maßgeblich beeinflusst wurde?

Gleissner: Da gab es viele. Spontan fällt mir das Schulzentrum Wien West ein, wo eine aufgelassene, denkmalgeschützte Kaserne ins Schulkonzept integriert wird. Da war der BAB sehr rigoros. Oder die Auslobung und Jurierung der Erweiterung der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Ohne den BAB hätten sich diese zwei Projekte ganz anders entwickelt.

Prochazka: Ich bin nicht streng. Wir sind einfach sehr konsequent in unseren ausdiskutierten Grundhaltungen. Aber ich muss auch sagen, dass die BIG ein sehr guter Gesprächspartner ist, der auch vor Konflikten nicht zurückscheut.

Standard: Bei öffentlichen Bauprojekten passiert es immer wieder, dass Kosten und Zeitrahmen überschritten werden. Kann man diese Gefahr mit einem Architekturbeirat schmälern?

Gleissner: Nein. Ein Beirat ist dazu da, um in der Konzeptions- und Planungsphase eine hohe Architekturqualität zu sichern. Die Handschlag- und Ausführungsqualität auf der Baustelle ist ein anderes Kapitel.

Prochazka: Für mich ist der Beirat kein Konkurrenzkampf zwischen dem Berater und den Beratenen, sondern ein Gremium, in dem gemeinsam und auf Augenhöhe Probleme und Herausforderungen bestmöglich gelöst werden können. Ich denke, dass viele Planer und Architektinnen manchmal ein unscharfes Bild von Beiräten haben.

Standard: In Österreich gibt es gerade einmal 50 kommunale und einige weitere gewerbliche Architekturbeiräte. Warum nicht mehr?

Gleissner: Gute Frage. Ich kann nur so viel sagen: Der qualitative Gewinn aufgrund des Beirats ist klar sichtbar. Die Kosten sind gemessen daran ein verschwindend kleiner Teil.

Standard: Was können Sie den Kommunen und Unternehmen mit auf den Weg mitgeben?

Prochazka: Machen Sie! Tun Sie! Gerade kleinere Gemeinden, in denen der Bürgermeister die oberste Bauinstanz ist, verbunden mit Interessenkonflikten oder fachlicher Unsicherheit, können von einem unabhängigen Beirat – vielleicht im regionalen Zusammenschluss – nur profitieren.

10. Juni 2017 Der Standard

Tür an Tür mit Robinson

Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Eine Ausstellung im Vitra-Design-Museum schlägt konkrete Formen gemeinschaftlichen Wohnens vor und trifft damit nicht nur ins Schwarze, sondern auch ins Herz.

Es ist, als hätte man in einer Hotellobby Platz genommen. Das cognacfarbene Leder knarzt und knautscht, die Deckenlampen haben einen schillernden Messingglanz, und jeden Moment, so scheint es, kommt der Kellner mit Keksen und Café crème vorbei. „Nein, das nicht, aber luxuriös ist dieser Raum allemal“, sagt Res Keller. „Doch unser Luxus ist nichts Exklusives, sondern ganz im Gegenteil etwas sehr Inklusives. Hier laufen sich die Bewohnerinnen und Bewohner über den Weg, hier treten sie miteinander in Kontakt. Es gibt viele Menschen, die uns um diesen Raum beneiden.“

Die Lobby ist nicht der einzige Ort, der das Wohnprojekt Kalkbreite in Zürich-Wiedikon auszeichnet. Darüber hinaus gibt es ein kleines Restaurant, eine große Gemeinschaftsküche auf jeder Etage, diverse Werkstätten, mehrere verglaste Waschküchen, individuell anmietbare Bürozimmer sowie ein integriertes Hotel für den Tantenbesuch aus Luzern und St. Gallen. „Doch am häufigsten“, sagt Keller, einer der Projektinitiatoren und ehemaliger Geschäftsführer der Wohnbaugenossenschaft Kalkbreite, „passiert es, dass die Bewohner das Minihotel selbst nutzen, wenn sie mal mit dem Partner Zoff haben oder den pubertierenden Sohn für ein paar Monate ausquartieren wollen.“

Das Wohnhaus Kalkbreite, das vor drei Jahren fertiggestellt und bereits mit etlichen internationalen Auszeichnungen überhäuft wurde, ist eines von insgesamt 27 Projekten, die seit letztem Wochenende in der Ausstellung Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein zu sehen sind. Und es ist eine fröhliche, eine extrem lustvolle Ausstellung mit fast schon comic- und cartoonhaften Elementen, die es schafft, dem eigenen thematischen Anspruch gerecht und selbst schon zu einem Ort der Sozialisation zu werden.

„Das ist keine klassische Nabelschau“, sagt Andreas Ruby, Direktor des Schweizer Architekturmuseums und einer der vier Kuratoren der Ausstellung. „Wir wollten eine niederschwellige, ansprechende Ausstellung für interessierte Menschen machen. Bei uns kann man herumflanieren und sich inspirieren lassen, als würde man durch einen Ikea gehen. Mit dem Unterschied, dass es keine Möbel und Haushaltsgegenstände mitzunehmen gibt, sondern Ideen für ein alternatives, kollektives Wohnen.“ Selten hat Ausstellung so viel Freude bereitet wie hier.

Allein, die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens – ob in Mitteleuropa, Fernost oder den USA – ist nicht neu. Sie ist ein immer wiederkehrendes Thema, das von Epoche zu Epoche mal mehr, mal weniger dem Diktat der Selbstverwirklichung zu trotzen trachtet. Schon Arthur Schopenhauer erkannte: „Der Mensch für sich allein vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson: Nur in der Gemeinschaft mit den andern ist und vermag er viel.“ Und so verwundert es nicht, dass die ersten Ideen eines kollektiven Miteinander-Wohnens bis ins früher 19. Jahrhundert zurückreichen.

Robert Owen entwarf 1825 eine Mustersiedlung für eine Gemeinschaft ohne Besitz und Eigentumsanspruch. Jean-Baptiste André Godin errichtete in Guise, Frankreich, die sogenannte Familistère, eine rechteckige Wohnhausanlage mit Laubengängen und riesigen Glaskuppeln über den Innenhöfen. Und Samuel und Henrietta Barnett boten in ihrer Toynbee Hall angehenden Akademikern die Möglichkeit, für begrenzte Zeit in einem Armenviertel Londons zu wohnen und sich für die Verbesserung der Wohnverhältnisse der lokalen Bevölkerung zu engagieren.

Hinzu kommen diverse Leuchtturmprojekte des 20. Jahrhunderts wie etwa der Freistaat Christiania in Kopenhagen, die Unité d’Habitation von Le Corbusier in Marseille oder das Edifício Copan von Oscar Niemeyer in São Paulo. Auch Wiener Projekte wie etwa der Karl-Marx-Hof, Harry Glücks Alt-Erlaa oder die kompromisslos orange Sargfabrik, die mit sämtlichen Tabus brach und das Modell Wohnheim ein für alle Mal gesellschaftlich verankerte, haben ihren Platz inmitten der vielen raumfüllenden Wohn- und Gebäudemodelle, in die man am liebsten hineinkriechen und sofort zu wohnen beginnen würde.

Milch und Eier vor der Tür

Das wohl außergewöhnlichste Projekt in dieser Riege ist das 1904 errichtete Wohnhaus The Ansonia am Broadway in New York. Das heute noch bestehende Haus, das vielen anderen Wohnmodellen als Vorbild diente, bestand aus allesamt küchenlosen Apartments. Dafür aber gab es auf jeder Etage große Gemeinschaftsküchen und Gemeinschaftssalons. Auf dem Dach des 15-stöckigen Palais gab es zudem eine Farm mit Enten, Ziegen, Kühen und mehr als 500 Hühnern. Jeden Morgen lieferte ein Hausmeister den Bewohnern Milch und Eier vor die Tür.

Es ist dieser transnationale und transtemporale Blick über das Hier und Jetzt hinaus, der Together! so spannend macht und von bisherigen Ausstellungen über gemeinschaftliches Wohnen unterscheidet. „Ich finde den internationalen Vergleich sehr erkenntnisreich“, so Kurator Ruby. „Denn tatsächlich variiert der Begriff des Gemeinschaftlichen von Land zu Land. In gewisser Weise ist jeder einzelne Ansatz ein wertvolles Lernmodell.“

In japanischen und südkoreanischen Großstädten sind es meist alleinstehende Erwachsene, die immer häufiger Wohngemeinschaften gründen, weil sie weder die hohen Wohnkosten noch die Einsamkeit ertragen. Ganz anders Berlin, wo in den letzten Jahren mehr als hundert Baugruppen entstanden sind, die gemeinsam Grundstücke kaufen und ganze Wohnhausanlagen nach ihren eigenen Plänen und Wohnvorstellungen errichten. Oder etwa Wien, wo die individuelle und partizipative Planung längst zu einem Standardtool im sozialen Wohnbau geworden ist.

„Am meisten jedoch beeindruckt mich die Schweiz“, sagt Ruby. „In einem Land mit einer 100 Jahre alten Wohnbaugenossenschaftskultur ist es gelungen, die eigene Tradition und die eigenen Werte innerhalb von ein, zwei Jahrzehnten völlig neu zu programmieren.“ Das hat nicht zuletzt mit den 68er-Kommunen und der Hausbesetzerbewegung der Achtzigerjahre zu tun. In den meisten Fällen sind es genau diese protestierenden Protagonisten, damals schon für eine leistbarere und lebenswertere Stadt kämpfend, die nun selbst Wohnbaugenossenschaften anführen und damit alternative, innovative Wohnprojekte entwickeln und realisieren. „Und das Schöne“, so Ruby, „ist, dass die Kraft dieser Wohnideen nicht nur auf die Wohnhausanlage beschränkt ist, sondern längst schon in den öffentlichen Straßenraum ausstrahlt. Es tut was mit der Stadt, wenn plötzlich Trauben von Menschen vor dem Haus sitzen und gemeinsam eine Grillparty schmeißen.“ Oder wenn sich, wie im Falle des Wohnhauses Kalkbreite, einige Bewohner zusammentun und einen Koch als Vollzeitkraft einstellen. Dieser schwingt wochentags den Löffel und bereitet Mittags- und Abendmenüs für seine Arbeitgeber zu.

Die Idee Together! ist ein wertvoller Impuls für eine alternde Gesellschaft mit immer mehr Singles und immer mehr Robinsons. Wo die Politik versagt, greift das Kollektiv ein. Das macht Hoffnung.

3. Juni 2017 Der Standard

„Die Spezies Architekt wird aussterben“

Der italienische Architekt und MIT-Forscher Carlo Ratti plädiert für einen offeneren Umgang mit Wissen und Wahrheit. Sein Ziel ist eine kollektiv gelebte Kultur des Teilens. Ein Appell für Open Source Architecture.

Standard: Haben Sie jemals eine Idee geklaut oder gegen das Urheberrecht verstoßen?

Ratti: Das ist eine große Frage für einen Gesprächsbeginn! Intuitiv würde ich sagen: nein. Aber tatsächlich wird es wohl ein Ja sein. Sämtliche Ideen in unserem Büro und auch am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickeln wir im Team. Da kann man nie genau sagen, welche Idee von wem stammt. Ich fürchte, da werden einige Urheberrechtsverletzungen darunter sein.

Standard: Und wie stehen Sie zum Hacken?

Ratti: Hacking ist eine der Kernkompetenzen der MIT-Kultur. Wir alle hacken, und zwar nach Möglichkeit alles. Das ist unser Job. Durch Hacken werden Fehler aufgedeckt und neue Ideen und Mutationen geboren. Hacken und Kreativität sind untrennbar miteinander verbunden. Das ist Evolution!

Standard: Sie machen sich für Crowd Creativity und für eine Öffnung und Lockerung des Copyrights stark. Warum eigentlich?

Ratti: Crowd Creativity hat es immer schon gegeben. Bloß gab es dafür andere Bezeichnungen. In der italienischen Kunstgeschichte sind manche Werke nicht eindeutig einem Meister zuzuordnen. Raffael beispielsweise hatte in seiner Werkstatt so viele Schüler, dass bei einigen Madonnen und Papstbildnissen gar nicht klar ist, was tatsächlich von ihm stammt und was nicht. Und doch sprechen wir immer von Raffael. Eigentlich müssten wir Raffael-Crowd dazu sagen. Das ist Open-Source-Kunst!

Standard: In Ihrem Buch „Open Source Architecture“ schlagen Sie vor, die Architektur und Stadtplanung zu öffnen und ebenfalls in Form von Open Source jedem zugänglich zu machen. Wie genau kann man sich das vorstellen?

Ratti: Ich vergleiche die Idee der Open Source Architecture gerne mit dem Softwareprogramm Linux oder dem Online-Lexikon Wikipedia. Es geht darum, kostenlos und ohne Hürden Wissen zu teilen. Dadurch soll Architektur einer großen Zahl an Menschen zur Verfügung gestellt werden. Auf Wikipedia sind es die User selbst, die Content produzieren.

Standard: Werden wir dann alle zu Architekten?

Ratti: Das ist einer der heikelsten Punkte. Natürlich braucht es hier nicht nur die Wahrheit und Korrektheit von Daten wie im Fall von Wikipedia, sondern auch technisches Know-how und planerische Kompetenz. Ich denke, diese Daten können aus ganz unterschiedlichen Disziplinen kommen – von Architektinnen, Stadtplanerinnen, Soziologen, Ingenieuren und Ökonomen. Aber natürlich braucht es ein gewisses Mindestmaß an Wissen. Die richtige Dosierung zu finden ist eine der großen Herausforderungen für die Zukunft.

Standard: Wo passiert das heute schon?

Ratti: Die bekannteste und medial am häufigsten diskutierte Plattform ist mit Sicherheit WikiHouse. Außerdem gibt es Goteo, Brickstarter, Estate Guru, Open Architecture Network und viele andere. All diese Plattformen bemühen sich um eine Multiplizierung von Wissen und Wahrheit. Es tut sich schon sehr viel, aber noch ist das Thema tabuisiert und zu wenig verbreitet.

Standard: Welche Einsatzgebiete können Sie sich für Open Source Architecture vorstellen?

Ratti: Aus heutiger Sicht sehe ich einen sinnvollen Einsatz im Bereich von Notquartieren, die im Zuge natürlicher und politischer Krisen und Katastrophen benötigt werden. Sehr sinnvoll erachte ich Open Source Architecture im Bereich Entwicklungshilfe. Für die indisch-amerikanische Prajnopaya Foundation haben wir vor einigen Jahren das sogenannte „Tsunami Safe(r) House“ entwickelt. Die Pläne und das technische Know-how werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Allein in Sri Lanka wurden auf dieser Basis mehr als 1000 tsunamisichere Häuser errichtet.

Standard: Und was bringt Open Source Architecture außerhalb dieses Katastrophenkontextes?

Ratti: Seit der Industrialisierung und seit der Moderne steigen die Produktionszahlen und der da-mit verbundene wirtschaftliche Druck rasant an – ob das nun im Design, in der Industrie oder in der Baubranche ist. Es wird permanent produziert, und wir haben überhaupt keine Möglichkeit mehr, das Produzierte auf seine Richtigkeit und auf seine Angemessenheit zu überprüfen. Die Öffnung des Wissens wäre für mich ein Mittel zur Reflexion, eine Art Gradmesser, mit dem wir überprüfen könnten, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Standard: Das müssen Sie bitte erklären!

Ratti: Schauen Sie sich nur einmal die Kommentare auf Trip Advisor und die Kundenbewertungen in den vielen Suchmaschinen an, die wir heute im Internet vorfinden! Es ist die Crowd, die beurteilt, ob ein Produkt attraktiv und wettbewerbsfähig ist oder nicht. Diese Qualität, diese interdisziplinäre Kundenkompetenz ist auch auf die Architektur und Stadtplanung übertragbar.

Standard: Und das wird zwangsweise zu besseren Häusern und zu schöneren Städten führen?

Ratti: Ja, davon bin ich überzeugt. Evolution erzeugt Vielfalt und Qualität – und zwar unabhängig davon, ob wir nun von natürlicher oder von künstlicher Selektion sprechen. Diese Evolution würde die gebaute Umwelt massiv bereichern.

Standard: Indem dann jeder sein eigenes Einfamilienhaus in die Landschaft druckt?

Ratti: Gehen Sie davon aus, dass die neuen Technologien in der Baubranche wie etwa Building Information Modeling (BIM), Customized Production und 3D-Druck erst der Anfang sind! Die Entwicklung wird uns noch viele Überraschungsmomente bescheren.

Standard: Laufen wir mit dieser Banalisierung und Egalisierung von Schaffenskraft nicht Gefahr, dass früher oder später die ganze Welt gleich ausschaut?

Ratti: Aber nein! Ganz im Gegenteil. Befragen wir doch einmal Mutter Natur: Wie viele Spezies gab es vor 3,5 Milliarden Jahren? Und wie viele gibt es heute auf der Welt? Na also! Indem wir das Wissen öffnen und die Konsumenten zur Selektion bevollmächtigen, steigern wir die Vielfalt unserer gebauten Umwelt. Es geht ja nicht ums Klonen von einigen wenigen, unveränderlichen – weil urheberrechtlich geschützten – Prototypen, wie uns das die Moderne aufoktroyieren wollte, sondern um Mutation, also um das kontinuierliche, emanzipierte Weiterentwickeln.

Standard: Und was passiert dann mit der Spezies Architekt? Die wird aussterben?

Ratti: Das wird sie sowieso.

Standard: Weil?

Ratti: Gerade mal zwei Prozent des globalen Bauvolumens werden von Architekten geplant. Das ist fast nichts. Es gibt zwar einige wenige Stararchitekten, die Ruhm und Ehre genießen, aber deren Einfluss auf das Bauen ist verschwindend gering. Im Übrigen können wir davon ausgehen, dass durch Robotik und künstliche Intelligenz ein Großteil der heute bestehenden Jobs ohnehin aussterben wird – oder zumindest neu definiert werden wird müssen. Je früher und je aktiver wir das anpacken, desto besser.

Standard: Ihr Buchmanifest „Open Source Architecture“ hat weltweit Beachtung gefunden. Was sind die nächsten Schritte?

Ratti: Ausprobieren und Experimentieren. Die Studierenden und Theoretiker sind von der Abschaffung des Copyrights und der Öffnung im Sinne von Creative Commons sehr angetan. Sie sehen darin einen inspirierenden Handlungsspielraum für die Zukunft. Gleichzeitig jedoch werde ich von Architekten und Professionellen angefeindet, weil sie darin eine Gefährdung ihrer Disziplin sehen. Der nächste Schritt wird sein, zwischen dieser Angst und Euphorie die Wahrheit zu finden.

Standard: Wie lange geben Sie sich dafür Zeit?

Ratti: Bis zur Selbstverständlichkeit von Linux und Wikipedia ist es noch ein weiter Weg.

13. Mai 2017 Der Standard

Die Zukunftsmacherin

Der Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ porträtiert sechs Personen, die beschlossen haben, den Lauf der Dinge selbst zu gestalten. Eine davon ist die Salzburger Lehmbauarchitektin Anna Heringer.

In der 51. Minute springt plötzlich das Rüttelgerät an. Ohrenbetäubender Lärm macht sich im Kinosaal breit. Anna Heringer, eine schlanke Gestalt mit Salzburger Dialekt, Muckis an den Oberarmen, Arbeitsschuhen, zerrissenen Jeans und um die Hüfte geknotetem Pulli, stopft den patzigen, noch feuchten Lehm in die Schalung. Erst wird die Stampflehmwand mit der Maschine verdichtet, später dann noch einmal manuell mit Rüttelstangen nachgestochen.

„Wenn wir so weitertun, wie wir tun, dann sind die Ressourcen bald einmal zu Ende“, sagt Heringer vor der Kamera. „China zum Beispiel hat in den letzten drei Jahren so viel Zement und Beton verbraucht wie die USA im ganzen 20. Jahrhundert. Das sind Dimensionen, die man sich nur schwer vorstellen kann.“ Mit den Sand- und Schottermafias, wie sie beispielsweise in China, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig sind, hat sich zuletzt sogar ein eigener Berufszweig etabliert, der unentwegt auf der Suche nach chemisch passenden Zuschlagstoffen für die Betonindustrie ist. Und diese werden immer rarer. Damit, so Heringer, müsse man sich dringend befassen.

Die 40-jährige Architektin ist eine von insgesamt sechs Personen, die im soeben angelaufenen Dokumentarfilm Die Zukunft ist besser als ihr Ruf in all ihrem Tun und Machen porträtiert werden. Gezeigt werden Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit, für partizipative Demokratie, für innovative wirtschaftliche Denkmodelle sowie für nachhaltige Lösungen in der Gastronomie und Lebensmittelversorgung engagieren. Der größte gemeinsame Nenner der Protagonisten ist der Glaube und die Überzeugung, den Lauf der Dinge selbst mitgestalten zu können. Die Salzburger Spezialistin für Lehmbau und lokale Rohstoffe ist damit in bester Gesellschaft.

Prominent ignoriert

Ein paar Wasserbüffel, vier Bohrmaschinen, Bambus aus den umliegenden Hainen und der buchstäbliche Dreck unter den Füßen – mit diesen Ressourcen hat Anna Heringer vor 13 Jahren ihr allererstes Projekt realisiert. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Eike Roswag und einem Dutzend Handwerker aus dem Dorf hat sie in Rudrapur, Bangladesch, eine 500 Quadratmeter große Schule aus Lehm hochgezogen. Das Projekt wurde unter anderem mit dem Aga Khan Award, einem der renommiertesten und höchstdotierten Architekturpreise der Welt, ausgezeichnet.

„Fast drei Milliarden Menschen auf der Welt leben in Lehmbauten“, sagt Heringer im Gespräch mit dem Standard. „Hauptsächlich sind dies Menschen in Entwicklungsländern beziehungsweise Menschen aus unteren sozialen Schichten. Aus diesem Grund ist dieser – älteste – Baustoff der Welt leider stark stigmatisiert. Er wird prominent ignoriert. Und das ist in sozialer, ökologischer und auch wirtschaftlicher Hinsicht ziemlich tragisch.“

Im Gegensatz zu Lehm nämlich, sagt Heringer, die an der Kunstuniversität studiert hat und mittlerweile als Unesco-Honorarprofessorin für Lehmbau, Konstruktionskultur und nachhaltige Entwicklung tätig ist, seien die imagemäßig höher situierten und somit häufig angestrebten Baustoffe Ziegel und Beton in der Produktion deutlich energie-, rohstoff- und CO2-intensiver. Doch dieses Argument wird von der globalen Baustoffindustrie und ihren potenten Lobbys massiv überschattet. Die in Bollywood produzierte Traumwelt der Reichen und Schönen tut ihr Übriges.

54. Minute. Anna Heringer wandert über die Baustelle. Greift mit der Hand in die Erde hinein. Zerreibt das Material zu kleinen klebrigen Brocken. „Der eigene Hausbau ist für jede Familie die größte Investition in ihrem Leben. Und das ist ein Potenzial. Das Budget kann man so anwenden, dass irgendwelche Großfirmen davon profitieren, oder man kann es so anwenden, dass möglichst viele Menschen im eigenen Umfeld profitieren. Wenn man das im Kopf behält, dann ist es möglich, mit Architektur viel Veränderung zu bewirken.“

So wie zum Beispiel in Baoxi, Ostchina, rund 400 Kilometer südwestlich von Schanghai. Erst kürzlich stellte Heringer dort im Rahmen der Longquan International Biennale eine Jugendherberge aus Lehm und Bambus fertig. Die drei Bambushäuser, die wie überdimensionale Reiskörbe in der Landschaft stehen, sind nicht nur eine Anknüpfung an die Bautradition der Region, sondern auch ein Beitrag zur lokalen Wertschöpfung. Im Inneren der bis zu 18 Meter hohen Bambushüllen verbergen sich mehrgeschossige zylindrische Lehmtürme. Über eine Wendeltreppe gelangt man direkt zu den Schlafkojen, die wie stoffverkleidete Waben an der Lehmfassade hängen.

„Es gibt in China eine sehr reichhaltige Tradition für Lehm- und Bambusbau“, so Heringer. „Die Longquan International Biennale soll dazu beitragen, diese Kultur zu erhalten und in die Zukunft weiterzutragen. Und ich denke, das macht sie mit Erfolg. Mittlerweile kommen viele Schüler, Studierende und Architekten nach Baoxi, um die Bauten zu besichtigen und zu studieren.“ Und auch, um in einer der hängenden Schlafkojen, die sich im Land längst herumgesprochen haben, zu übernachten.

Langfristig, so der Plan der Architektin und der Biennale-Initiatoren, soll in Baoxi die Lehmbau- und Korbflechtkunst zelebriert werden. Und zwar auf eine Art und Weise, die sicherstellt, dass die damit eingenommenen Gelder in der Region bleiben. 57. Minute: „Man kann etwas Schönes bauen und damit gleichzeitig die lokale Wirtschaft ankurbeln und das Image von lokalen Baumaterialien verbessern. Das macht Mut und stärkt das Selbstvertrauen. Das ist Wertschöpfung in ihrer menschlichsten Form.“

Anna Heringer sitzt in ihrem Studio im Salzburger Oberndorf, direkt an der österreichisch-bayrischen Grenze, drei Gehminuten von der Salzach entfernt. Sie nimmt ein Tonmodell zur Hand, drückt mit dem Finger in die Oberfläche hinein. „Ich will kompostierbare Architektur schaffen“, sagt sie mit strahlenden Augen. „Wenn ein Gebäude nicht mehr gebraucht wird, kann es wieder in die Erde zurück. Von der Idee, dass meine Häuser bis in die Ewigkeit stehen, habe ich mich schon lange verabschiedet. So wichtig sind wir nicht.“

„Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ von Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg ist derzeit im Kino zu sehen. Am Dienstag, den 16. Mai, um 19.30 wird der Film im Wiener Gartenbaukino gezeigt. Mit Livemusik von Federspiel.

6. Mai 2017 Der Standard

Der Raum vor der Linse

Gestern, Freitag, wurde der Europäische Architekturfotografie-Preis vergeben. Ein Appell an die gebaute (und zerstörte) Umwelt.

Fast möchte man ins Foto hineingreifen, sich des Gestrüpps erbarmen und die Lampe wieder ins Lot stellen. Doch irgendetwas an diesem hässlich eingefangenen Blick scheint zu kommunizieren, dass es dafür schon zu spät ist, dass das Business-Center längst nicht mehr in jener messingfarbenen Würde erstrahlt wie dereinst zu gastgewerblichen Zeiten. Es ist eine traurige, deprimierende Subtilität, die sich hier über Flatscreen und Raufasertapete dem Betrachter mitteilt.

Die Vermutung ist wahr: Vor einigen Jahren wurde das Hotel President, ein angegammeltes Best-Western-Hotel mit Vertreter-Charme in allerbester Lage, nur wenige Schritte vom Kudamm entfernt, geschlossen. Heute wird der einstige Klotz als Notunterkunft für geflüchtete Menschen genutzt. Es ist eines von insgesamt vier Orten dieser Art, die der Berliner Fotograf Andreas Gehrke unter dem Titel Arrival eingefangen hat. Gestern Abend wurde die vierteilige Fotoserie im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis 2017 ausgezeichnet.

„Mich interessieren Orte, die von Mangel, Abwesenheit und Unbestimmtheit geprägt sind“, sagt Gehrke im Interview mit dem STANDARD . Seit langer Zeit schon porträtiert der 41-Jährige städtische und ländliche Lebensräume, dokumentiert mit seiner großformatigen Plattenkamera vergängliche und auch längst vergangene Orte. „Das Faszinierende und Berührende an diesem Hotel ist, dass sich seine Nutzung gewandelt hat und dass es heute einer großen Zahl an Menschen als Wohnort dient.“

Für ein paar Sekunden verstummt das Gespräch. „Doch ja, es ist ein artifizieller Blick, den ich da habe. Es ist ein künstlicher Kommentar zu den Lebensumständen der nach Deutschland geflüchteten Menschen. Viele von ihnen haben ihren Lebensmittelpunkt aufgegeben und müssen nun monatelang, oft ohne Aussicht auf mittelfristige Besserung, in einem alten, aufgelassenen Mittelklassehotel in auf engstem Raum zusammengepferchten Stockbetten ausharren. Meine Fotos sind nur der Versuch, mich in die Lage der Flüchtlinge hineinzuversetzen.“

Vier Annäherungsversuche hat Gehrke für den heuer ausgeschriebenen Fotografie-Wettbewerb un-ternommen. Sie sind so unterschiedlich wie auch die von ihm gewählten Farbwelten und Formate. Neben dem aufgelassenen Hotel President sind dies die ehemalige Stasi-Zentrale in der Ostberliner Ruschestraße, eine provisorische Mehrzweckhalle auf dem Flugfeld in Berlin-Tempelhof sowie eine temporäre Unterkunft auf dem Berliner Messegelände. Die palästinensische Flagge, die über der behelfsmäßigen Abzäunung flattert, ist der Beweis dafür, dass auch in der prekärsten Situation die Sehnsucht nach Heimat nicht abreißt.

„Es deutet alles darauf hin, dass Migration eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden wird“, sagt Gehrke. „Meist fokussieren wir unseren Blick zu diesem Thema auf die politischen Grenzen. Doch ein großer Teil der Migration und der damit leider verbundenen Abgrenzung und Abschottung gegen das Fremde findet mittendrin in unseren Städten statt – in meinem Fall mitten in Berlin.“ Das Ausmaß der Entfremdung und der sozialen Härte in Gehrkes Bildern ist beschämend.

„Die europäische, aber auch globalpolitische Diskussion der letzten Jahre und Monate hat sehr stark mit Grenzen – mit Grenzöffnung, Grenzziehung und Grenzschließung – zu tun“, sagt Christina Gräwe, Erste Vorsitzende des Vereins Architekturbild, der den Preis in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Baukultur und dem DAM in Frankfurt seit 1995 biennal vergibt. „Daher haben wir uns entschieden, die Grenze zum diesjährigen Generalthema zu erheben. Die künstlerischen Annäherungen sind sehr unterschiedlich. Doch die Gemeinsamkeit aller 133 eingereichten Arbeiten ist, dass sie nie den anwesenden, sondern fast immer nur den abwesenden und ausgegrenzten Menschen darstellen. Das gibt mir zu denken und beweist, dass das Thema sehr präsent ist.“

Auch Matthias Jungs Fotoserie Revier , die mit einem weiteren Preis ausgezeichnet wurde, dreht sich um den verschwundenen Menschen. Gezeigt werden ausgestorbene Gemeinden im größten Braunkohletagebaugebiet Europas. Rund um die Tagebauwerke Garzweiler, Hambach und Inden im Westen Kölns fallen immer mehr Ortschaften den riesigen Baggern und den von ihnen aufgerissenen, bis zu 400 Meter tiefen Schürflöchern zum Opfer. Insgesamt wurden in den letzten Jahrzehnten bereits 40.000 Menschen enteignet und umgesiedelt.

„Was tut die Menschheit in einem so reichen und demokratischen Land ihrer Bevölkerung an“, sagt Matthias Jung, „dass hier ohne größere Not tausenden Menschen ihre Identität und Heimat geraubt wird?“ Die verbarrikadierten Fenster und Auslagen in den nächtlichen, nur durch Laternenschein erleuchteten Backsteinfassaden zeugen von einer entleerten Tristesse. So mancher Ort in Jungs Fotoserie ist längst schon im unaufhaltsam wachsenden Loch der fossilen Rohstoffgewinnung verschwunden. „Die Tagebauwerke wurden im Kalten Krieg gegründet und hatten damals durchaus ihre Berechtigung. Doch in der heutigen politischen Situation erscheint die Braunkohleförderung auf diese Weise mehr als anachronistisch.“

Es ist genau dieser reflektierte, zum Nachdenken anregende Blick auf die von uns gebaute (und zerstörte) Umwelt, den der Europäische Architekturfotografie-Preis vor den Vorhang holen will. „Hinter der klassischen Auftragsarbeit der Architekturfotografie“, erklärt Gräwe, „lauert ein sensibler künstlerischer Impetus, der für uns alle ein wertvoller Spiegel ist. Diesen anschaulich zu machen ist unsere Aufgabe.“

Die insgesamt 28 ausgezeichneten und gewürdigten Fotoarbeiten zum Thema „Grenzen“ sind bis 6. August im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt zu sehen. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen. AV Edition, 128 Seiten, € 24,80.

15. April 2017 Der Standard

„Loos würde verstummen“

Der Wiener Künstler Peter Sandbichler schafft mit seinem „Haus mit Augenbrauen“ ein dramatisches Kunstprojekt im öffentlichen Raum. Und er zeigt auf, wie uninspiriert die heutige Stadt geworden ist. Eine Kampfansage.

Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Ein Haus wie jedes andere auch in dieser Straße. Stuck, Gesims, Voluten, Figürchen und Vasenbalustraden, so weit das Auge reicht. Doch mit jedem Schritt, der einen näherbringt, beginnt das Auge zunehmend zu zweifeln. Die im Kopf mit so großer Sicherheit abgespeicherten Versatzstücke der Gründerzeit wollen sich nicht so recht ins Bild fügen. Die Formen werden immer fragwürdiger, die Konturen immer kantiger, die Schatten immer schnippischer. Am Ende dann die totale Verstörung.

„Ich wollte mich mit großer Subtilität an das scheinbar gängige Bild von Fassade heranschleichen“, sagt der Wiener Künstler Peter Sandbichler. „Mein Wunsch war es, auf den ersten Blick überhaupt nicht aufzufallen. Das Haus sollte sich ganz selbstverständlich in die üppig ornamentierte Straßenzeile des Getreidemarktes und der Mariahilfer Straße fügen. Erst in der Nähe, erst im unmittelbaren Kontakt sollte die Irritation augenscheinlich werden.“

Und das wird sie. Statt der klassizistischen Elemente, die üblicherweise auf einem Gebäude dieses Baujahres prangen, spitzen sich an der 1400 Quadratmeter großen Fassade dramatische Geometrien zu, lassen die zweidimensionale Haut des Hauses zu einer dreidimensionalen, von unzähligen scharfkantigen Pyramiden und Kristallen überzogenen Oberfläche anschwellen und sogleich erstarren. Es ist, als schaute man durch ein Kaleidoskop, das statt der bunten Steinchen, die in der Linse liegen, mit unterschiedlich grauen Licht- und Schattenfragmenten gefüllt ist.

Unweigerlich denkt man an die fetten Medici-Palazzi in Florenz, die mit von oben bis unten bedrohlich hinauswachsenden Bossen den Fußgänger vom Gehsteig zu schieben scheinen wollen, sowie an die expressionistischen kubistischen Villen in der tschechischen Hauptstadt. „Der Prager Kubismus hat mich immer schon fasziniert“, sagt Sandbichler, der sich schon seit Jahren mit modularen Texturen und Strukturen beschäftigt. „In gewisser Weise ist diese kubistische Annäherung eine Neuinterpretation und Neuentwicklung der klassischen Wiener Gründerzeitfassade.“

Neu ist auch die Materialwahl. Anders als in der Vergangenheit nämlich besteht der Stuck nicht aus Gips oder Zement und auch nicht aus Styropor, wie dies bei den meisten Fassadenrekonstruktionen heute praktiziert wird, sondern aus aufgeschäumtem, zu Platten gepresstem und anschließend geschnittenem Glasgranulat, sogenanntem Poraver. Das Material, das gerade mal 190 Kilogramm pro Kubikmeter wiegt, besteht aus recyceltem Altglas.

Hinter dem prominenten Gemäuer, besser bekannt unter dem Namen Varta-Haus, befindet sich das Reich des Investors und Immobilienentwicklers Michael Tojner, der hier mit seiner Firma Wertinvest sowie mit der von ihm geleiteten Industriegruppe Montana Tech Components AG und Varta AG beheimatet ist. Das Kunstprojekt, eines von mehreren, die in den letzten paar Monaten am und im Haus realisiert wurden, dient nicht zuletzt als weithin sichtbare Visitenkarte.

Eine gewisse Leidenschaft

„Die Kunstprojekte am Haus sind Ausdruck einer gewissen Leidenschaft“, sagt Daniela Enzi, Geschäftsführerin der Wertinvest GmbH. „Es geht nicht darum, uns ein Denkmal zu setzen, sondern darum, der Stadt einen gewissen Mehrwert zu geben.“ Neben Peter Sandbichlers „Haus mit Augenbrauen“, so der offizielle Titel des Kunstwerks, gibt es auch den nächtens leuchtenden Tomorrow -Schriftzug von Arnold Reinthaler sowie Roland Kodritschs Skulptur Reasons to believe , eine Figur, die an der Gesimskante steht und wohl kurz davor scheint, sich in den Tod zu stürzen.

„Die schmucklose, im Zweiten Weltkrieg zerstörte Fassade unseres Firmensitzes hat mir nie gefallen“, sagt Tojner auf Anfrage des Standard. „Das aus einem kleinen geladenen Wettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt von Peter Sandbichler war so überzeugend, dass ich mich entschlossen habe, nicht nur einen Teil, wie ursprünglich geplant, sondern gleich die gesamte Fassade gestalten zu lassen.“ Die Investitionskosten dafür beziffert Tojner mit „einigen Hunderttausend Euro“. Näheres möchte er nicht verraten.

Mehr als ein Kunstprojekt jedoch – Kunst im öffentlichen Raum ist in Wien glücklicherweise längst keine Seltenheit mehr – ist Peter Sandbichlers urbane Intervention eine wertvolle Anregung, um über Schönheit in der Stadt nachzudenken. Markus Rumelhart, Bezirksvorsteher von Mariahilf, bezeichnet das Projekt als „zeitgemäße Fassade, die den Menschen ein schönes Bild zur Betrachtung gibt“. Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums, der vor Kurzem die Eröffnungsrede hielt, vergleicht die Radikalität und Konsequenz des Kunstwerks sogar mit jener, die Adolf Loos einst bei seinem Haus am Michaelerplatz („Haus ohne Augenbrauen“) hat walten lassen: „Loos würde verstummen.“ Starke Worte.

„Neuinterpretierte Gründerzeitfassaden sind oft peinliche Stilkopien, doch dieser Ansatz zeigt, was mit heutigen technischen Mitteln und heutigem Verständnis von Stadt möglich ist“, sagt Robert Kniefacz von der MA19, zuständig für Architektur und Stadtgestaltung. „Vor allem aber sehe ich dieses Projekt als Einladung an Architekten, Bauherren, Bauträger, Investoren und Projektentwickler, nicht nur verwertbare Wohn- und Bürofläche zu bauen, sondern sich auch wieder vermehrt der Fassade als Gesicht der Stadt zu widmen.“ „Haus mit Augenbrauen“ ist ein Gestaltungsansatz von vielen. Ein radikaler gewiss. Und er ist eine Kampfansage an den zunehmenden Analphabetismus von Architekten und Bauherren, die die Stadt mit gesichtslosem Vollwärmeschutzsondermüll vollpfropfen. Mögen sich die Übeltäter angesprochen fühlen.

12. April 2017 Der Standard

Mit dem Pilzkopf durch die Ziegelwand

Das Biologiezentrum der Universität Wien wird übersiedeln. Ab 2021 sollen zukünftige Forscherinnen und Forscher in einem Neubau in St. Marx ausgebildet werden. Der Bio-Cluster bekommt damit ein neues Puzzlestück. Nun wurden die Pläne präsentiert.

Wien – Der Bio-Cluster in St. Marx bekommt Zuwachs. Zum Institute of Molecular Biotechnology, dem Gregor-Mendel-Institut, zu den Max F. Perutz Laboratories und zum kürzlich eröffneten Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie gesellt sich ab dem Wintersemester 2021 das neue Biologiezentrum der Universität Wien. Letzte Woche wurden die Pläne der Öffentlichkeit vorgestellt. Der 19.000 Quadratmeter große Neubau gibt sich in massiver Klinkeroptik und bietet mit seinen organischen Rundungen willkommene Abwechslung zur unterkühlten Schwarz-Weiß-Ästhetik, die in den letzten Jahren in Wien dominierte.

„Das bestehende Biologiezentrum in der Althanstraße war schon seit Jahren dringend sanierungsbedürftig“, sagte Heinz W. Engl, Rektor der Universität Wien, dem STANDARD . Kalkulationen hätten aber ergeben, dass ein Neubau viel billiger ausfallen würde. „Dazu kommt, dass die Sanierung bei laufendem Betrieb mit 5000 Studierenden alles andere als optimal ist. Nun bekommen wir für weniger Geld ein komplett neues Gebäude mit modernster Technik, hoher Flexibilität und perfekter Anbindung an den öffentlichen Verkehr und an den Bio-Cluster St. Marx.“ Kurze Pause. „Und ja, mir gefällt das Gebäude gut. Ich bin mir sicher, dass der Klinkerbau zu einer gerngesehenen Landmark in der Gegend wird.“

Der Wettbewerbsentwurf dazu stammt von den Berliner Architekten Marcel Backhaus und Karsten Liebner. Mit ihrem fast 180 Meter langen Ziegelriegel konnten sich die beiden gegen 40 Mitbewerber durchsetzen. „Die Ausschreibung war sehr komplex“, erzählt Liebner. „Allen Forderungen gerecht zu werden war fast eine mathematische Aufgabe mit mehreren Unbekannten.“ Das Resultat der Bemühungen: Zur Schlachthausgasse hin gibt sich der sechsgeschoßige Baukörper wuchtig und städtisch, zu den Wohnhäusern im Osten hin wird das Bauvolumen in quergestellten Riegeln mehr und mehr aufgelockert.

Déjà-vu für Kenner

„Mit der Klinkerfassade wollen wir die historischen Bauten der Umgebung wie die ehemalige Viehmarkthalle aufgreifen“, sagt Liebner. „Damit fügt sich der Bau ins bestehende Ensemble.“ Architekturkenner werden angesichts der Visualisierung ein Déjà-vu haben, erinnert das Haus doch an die 1939 eröffnete Bürozentrale von S. C. Johnson Wax in Racine, Wisconsin. Damals hatte Architekt Frank Lloyd Wright mit Ziegelfassade, schmalen Fensterbändern und unverwechselbaren Pilzkopfsäulen gearbeitet. Das denkmalgeschützte Gebäude zählt heute zu Wrights bekanntesten Objekten.

„Die Ähnlichkeit ist sicher kein Zufall“, sagt Liebner. „Große Universitätsbauten in Europa und in den USA wurden lange Zeit im Stil der klassischen Moderne errichtet. Heute suggerieren diese Bauformen Nachhaltigkeit und Beständigkeit.“ Nicht nur im Außenraum werden die charakteristischen Pilzkopfsäulen das Gebäude tragen, sondern auch innen: Geplant sind – wie schon bei Frank Lloyd Wright – hohe, zweigeschoßige Arbeitsräume, die laut Liebner nicht nur funktional, sondern auch schön und atmosphärisch ansprechend sein sollen.

Das Biologiezentrum soll laut Rektor Engl 5000 Studierenden und 600 bis 700 Forschern und Angestellten Platz bieten. Dank Fernwärme, Erdwärme, Wärmerückgewinnungsanlage, Regenwassernutzung, LED-Beleuchtung, integrierter PV-Anlage und ideal gedämmten Außenwänden will man Niedrigenergiestandard erreichen. Die Ziegelklinker im schlanken Langformat werden die Architekten eigens für dieses Projekt produzieren lassen.

„Ich denke, dass wir mit dem Neubau in St. Marx einen sehr guten Weg einschlagen“, sagt Hans-Peter Weiss, Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die das 146 Millionen Euro teure Gebäude entwickeln und errichten wird.

Funktional angeordnet

„Entscheidend für den einstimmigen Juryentscheid war vor allem die funktionale Anordnung von Bibliothek, Mensa, Verwaltung, Hörsälen und Laborbereichen.“ Und dass das Projekt spätere Umbauten ermögliche. „Wir wissen noch nicht, in welche Richtung sich die Labortechnik in 20, 30 Jahren entwickeln wird.“

Die Verhandlungsgespräche mit den Architekten haben jedenfalls gerade begonnen. Im Sommer 2018 werden die Bauarbeiten gestartet, die Fertigstellung ist für das Wintersemester 2021/22 geplant. Der Altbau in der Althanstraße soll mittelfristig als Ausweichquartier für andere Unis und Fakultäten genutzt werden. Langfristig, heißt es seitens der BIG, sei es nicht unwahrscheinlich, das derzeitige Biologiezentrum durch einen Neubau zu ersetzen – etwa durch ein Studierendenheim.

8. April 2017 Der Standard

Adresse mit Ablaufdatum

Man nehme ein unbebautes Grundstück, vereinbare mit dem Eigentümer eine Nutzungsdauer und setze darauf ein Studentenheim in Kistenbauweise. Letzte Woche wurden die Pop-up Dorms in der Seestadt Aspern eröffnet.

A pproved for transport under customs seal“ steht auf einer kleinen Metallplakette, die an die Containertür geschraubt ist. Darunter ist die eingravierte Zahlenchiffre D/GL-1220-62/2000 zu lesen. Der Rost hat dem Schild zugesetzt. „Ich überlege mir manchmal, wo dieser Container schon überall gewesen sein muss“, sagt Benoît Bouchet. „Er ist ramponiert und hat echt viel Charakter. Aber das muss so sein. Ohne Kratzer und Beulen kann ich mir so etwas gar nicht vorstellen.“

Benoît kommt aus Lyon und studiert Material Sciences an der TU Wien. Vor ein paar Wochen erst ist er eingezogen. Er ist einer von insgesamt 86 Studierenden, die im Studentenheim Pop-up Dorms in der Seestadt Aspern im Nordosten Wiens wohnen. Wie die meisten seiner Wohnkollegen sitzt auch er abends an einem der runden Tische in der großen Halle, im atmosphärischen Schlagschatten des ausrangierten 40-Fuß-Containers, und büffelt aus seinen Skripten.

Das wirklich Ungewöhnliche an diesem Ort ist aber nicht der räudige Überseecontainer, sondern sein Rundherum: Benoîts Wohnadresse nämlich hat ein Ablaufdatum. In drei Jahren soll das modular aufgebaute Heim abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Jede einzelne Studenten-WG lässt sich per Kran auf einen Tieflader verfrachten und kann dann von A nach B gerollt werden. Vor einer Woche wurde das mobile Studentenheim, das Erste seiner Art in Österreich, im Beisein der Projektpartner feierlich eröffnet.

Bauland mit Engpass

„Was Bauland betrifft, haben wir es derzeit mit einem der größten Engpässe und mit entsprechend explodierenden Grundstückspreisen zu tun“, sagte Christoph Chorherr, Wiener Gemeinderat und einer der Initiatoren dieses Projekts, bei der Eröffnung. „Dieses Konzept ist eine gute Möglichkeit, um leerstehende Parzellen, die aus welchen Gründen auch immer erst in einigen Jahren zur Verwertung kommen, temporär zu nutzen.“

Das Konzept dafür stammt von F2 Architekten und Obermayr Holzkonstruktionen. Sie konnten sich vor zwei Jahren im Wettbewerb gegen mehr als 40 Konkurrenten aus ganz Europa durchsetzen. Schon seit 2005 bieten die beiden oberösterreichischen Firmen das selbstentwickelte System an. 35 solcher Projekte konnten bislang realisiert werden. Mit 22 Holzmodulen ist das Studentenheim in der Seestadt Aspern das bislang größte Projekt.

„Die Idee war, ein Fertigteilsystem zu entwickeln, das nicht nach Container aussieht, sondern gewisse wohnliche, architektonische Qualitäten bietet“, sagt Markus Fischer, F2 Architekten. „Es ist, wenn Sie so wollen, die bestmögliche Kombination aus Ästhetik und wirtschaftlicher Vorfertigung.“ Jede Einheit misst exakt 16,80 Meter in der Länge und 5,50 Meter in der Breite. Die Höhe des im Werk komplett vorgefertigten Holzriegelbaus beträgt 3,50 Meter. Die Außenmaße liegen weniger in der Architektur als in der Straßenverkehrsordnung begründet: „Das ist die größtmögliche Größe, die man transportieren kann, ohne dass dabei horrend hohe Kosten für Sondertransporte anfallen“, so Fischer.

Jede einzelne Kiste wiegt rund 30 Tonnen und verfügt über acht Aufhänge- und acht Fundamentpunkte, an denen sie per Autokran aufs Grundstück gehievt werden kann. Die 75 Quadratmeter großen Wohnmodule umfassen jeweils vier Studentenzimmer, zwei Bäder und eine kleine Wohnküche. Dank 36 Zentimeter dick gedämmter Außenwände und einer integrierten Luftwärmepumpe erreicht jedes Modul Passivhausqualität. Auf dem Dach gibt es zudem eine Photovoltaik-Anlage, die Strom zuspeist.

„Mich hat das System von Anfang an fasziniert“, meint Günther Jedliczka, Geschäftsführer der OeAD Wohnraumverwaltung. Gemeinsam mit home4students kümmert er sich um Betrieb und Vermietung. Die Module wurden in Oberösterreich komplett fertig eingerichtet und dann in einem Stück nach Wien gefahren – mitsamt Küchenzeile, Badmobiliar, Schreibtisch, Schrank und Bett. „Am Ende mussten nur noch Bettwäsche und Handtücher ergänzt werden“, so Jedliczka.

175.000 Euro pro WG

„Die 22 Wohnmodule sind in sich so perfekt geplant, dass der Bauaufwand vor Ort auf ein absolutes Minimum reduziert werden konnte“, sagt Sabine Straßer, Geschäftsführerin von home4students. Die Investitionskosten betragen 175.000 Euro pro Wohneinheit beziehungsweise 2300 Euro pro Quadratmeter. „Die geringen Errichtungskosten und die entsprechend niedrige Miete, die wir an den Bauträger zu zahlen haben, können wir eins zu eins an unsere Bewohner weitergeben.“ 355 Euro kostet ein Studentenzimmer pro Monat – Betriebskosten und WLAN inklusive.

„Der günstige Mietpreis war definitiv ein Argument dafür, hierherzuziehen, auch wenn das Heim ziemlich weit draußen liegt“, sagt der 19-jährige bosnische Informatik-Student Lazar Petrović. Seine Klamotten liegen gerade in der Waschmaschine. Die Schleudergeräusche dringen aus dem Inneren des Containers. „Der einzige Nachteil der provisorischen Bauweise ist die Akustik. Man hört überall alles durch. Aber für Studenten ist das eh okay.“

Mit am Tisch sitzt Jaccoline Zegers aus den Niederlanden. Die 21-jährige Studentin deutet auf die komplett verglasten, einsehbaren WG-Küchen, die im Erdgeschoß und ersten Stock die zentrale Halle säumen. „Als Holländerin ist man ja eine gewisse Offenheit und Transparenz gewohnt. Trotzdem ist es am Anfang ziemlich irritierend, beim Nudelkochen quasi in der Auslage zu stehen. Aber man gewöhnt sich daran. Letztendlich schauen beim Kochen alle Menschen gleich aus.“

Das Studentenheim ist für eine technische Nutzungsdauer von 40 Jahren ausgelegt. Jedes einzelne Wohnmodul ist so ausgelegt, dass es theoretisch fünf Umzüge übersteht. „Wir haben uns ausgerechnet, dass sich die Finanzierung nach 20 Jahren amortisiert haben wird“, erklärt Michael Gehbauer, Geschäftsführer der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA), die das Projekt entwickelt und errichtet hat. „Damit haben wir einen gewissen Spielraum für Unvorhergesehenes, und den werden wir auch brauchen, denn noch haben wir keine Erfahrung, wie sich die permanenten Auf- und Abbauten auf die Konstruktion auswirken werden.“

Temporäre Kiste für alle?

Die Pop-up Dorms könnten Schule machen. Vorausgesetzt natürlich, die betroffenen Eigentümer sind bereit, es der Wien 3420 Aspern Development AG gleichzutun und ihre bisweilen unbebauten Grundstücke für bestimmte Zeit kostenlos beziehungsweise günstig zur Verfügung zu stellen. „Meine Vision ist, das Projekt zu einem Best-Practice-Beispiel für sozial Bedürftige und Geflüchtete auszubauen“, sagt Chorherr. „Damit könnte es uns gelingen, die kurzfristigen Wohnungsengpässe zu überbrücken.“

Sollte es die Stadt Wien damit ernst meinen, wäre sie gefordert, sich ein Anreizmodell für Eigentümer zu überlegen und die schamlos grassierende Grundstücksspekulation in der Großstadt charmant auszunützen.

25. März 2017 Der Standard

In Dystopolis herrscht Helmpflicht

Studenten der TU Wien haben dieses Semester die „Baubehörde für totale Sicherheit“ ins Leben gerufen und stellen damit die Frage: Wie sicher wollen wir planen, bauen und leben? Eine Polemik.

Gefahr im Verzug. Wer möchte dafür schon die Haftung übernehmen? Also wird der spitze Taubenschutz am Gesims nutzerinnenkonform nachgerüstet und mit verletzungssicherem Prallschutz aus der Rebensaftindustrie versehen. Zugleich bekommt das Großstadttier einen Bauhelm ums Köpfchen geschnallt. Fertig ist Fall #1045, den Ing. Kurt Sichtig – der Name des Sachbearbeiters wird am Anfang des Films kurz eingeblendet – heute auf dem Tisch liegen hat, nur um sich wenig später der Fallnummer 1356 zu widmen. Diesmal sollen die Turmspitzen des Stephansdoms mit Schaumstoff, Signalfarbe Rot, aufgepolstert werden. Sicher ist sicher.

„Die Stadt entwickelt sich immer mehr zu einer extremen Hochsicherheitszone“, sagt Sylvia Winter, Architekturstudentin an der TU Wien. „Das bezieht sich nicht nur auf immer schärfere Bauvorschriften, sondern greift auch mehr und mehr in den eigenen Privatbereich ein. Als Stadtbewohnerin wird mir damit das instinktive Denken abgenommen. Man wird für unmündig erklärt. Ist es das, was wir wollen?“

Gemeinsam mit ihren beiden Studienkollegen Christoffer Buchebner und Theresa Laber erstellte die 25-Jährige einen provokanten einminütigen Film unter dem dystopischen Titel Baubehörde für totale Sicherheit. Die durchaus bewegenden Bilder, die zurzeit auf der Website des Filmfestivals Diagonale zu sehen sind, sind die Reaktion auf eine bereits lang anhaltende, schwelende Diskussion unter Österreichs Architekten, Fachplanerinnen, Baubeteiligten und Behörden. Entstanden ist der Film im Zuge eines von Gastprofessorin Katja Schechtner (MIT) geleiteten Seminars zum Thema „Data, Tech & the City“ an der TU Wien. Ziel des Semesterprojekts war, über die Stadt der Zukunft nachzudenken und mögliche Auswirkungen von Standardisierung zu skizzieren.

„Als angehende Architektin kann ich den Bedarf von Sicherheitsvorkehrungen auf der Baustelle und im fertigen Gebäude gut nachvollziehen, und der Großteil dieser Maßnahmen ist nützlich und extrem wichtig“, so Winter. „Allerdings frage ich mich: Wie kommt es immer wieder zu den wirklich absurden Ausreißern? Wieso ist ein altes Stiegengeländer heute plötzlich zu niedrig? Wieso müssen Fenster in historischen Häusern nachträglich mit Brüstungen versehen und verbarrikadiert werden? Und wieso dürfen wir schräge und geböschte Wege in der Stadt nicht mehr eigenverantwortlich benützen?“ Der Film ist als Anregung zum Nachdenken gedacht.

„Die totale Sicherheit gibt es nicht, denn es wird immer einen Bereich geben, der in Relation zu anderen Bereichen als unsicher gelten wird“, meint Christian Aulinger, Präsident der Österreichischen Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, im Gespräch mit dem Standard . „Dennoch legen wir schon seit Jahren ein übertriebenes Sicherheitsdenken an den Tag, das nicht nur absurd ist, sondern in einer Kosten-Nutzen-Rechnung – also in der Gegenüberstellung des Ressourcenaufwands und des realen Sicherheitsgewinns – wirklich fraglich ist.“

Schon heute sind sich Experten aus diversen Normen- und Bauvorschriftengremien darin einig, dass man in puncto Sicherheit bereits weit übers Ziel hinausgeschossen habe. „Fakt ist, dass in vielen Gremien die Industrie mitdiskutiert und aufgrund ihrer Eigeninteressen nicht gerade zur Mäßigung der Normen- und Vorschriftenflut aufruft“, so Aulinger. „Also müssen wir Planer und Behörden uns aktiv darum bemühen, hier eine Kehrtwende einzuleiten.“

Mit Erfolg. Im Zuge des sogenannten Dialogforums Bau, einer Initiative der WKO und des Normungsinstituts Austrian Standards, wurden bereits manche Bauvorschriften und Normen gelockert. Vor allem im Bereich des Brandschutzes („In Wien brennen die Häuser schneller und heißer als im Rest der Welt“, ein häufig gehörtes Bonmot) wurden viele überambitionierte Schritte der letzten Jahre wieder rückgängig gemacht oder auf ein vernünftiges Level herabgesetzt.

„Es gibt in Österreich rund 20.000 Normen“, erklärt Heimo Ellmer, der Leiter des Bereichs Bauwirtschaft/Vergabewesen bei Austrian Standards, „und davon sind rund 3000 für die Baubranche relevant. Ich würde sagen, dass wir mit dieser Zahl einen Plafond erreicht haben. Wir sehen, dass die Entwicklung bereits leicht rückläufig ist und dass die zu lesenden Seiten wieder weniger werden.“ Doch das wirklich große Problem, so Ellmer, ist nicht die Fülle an gesetzlichen Vorschriften, Richtlinien und Normen, sondern die Tatsache, dass viele dieser Punkte und Paragrafen einerseits redundant sind und andererseits einander teilweise widersprechen. Da den Überblick zu bewahren ist nicht immer leicht.

„Abgesehen davon, dass wir in einer Normenflut untergehen, haben sich in den letzten zehn Jahren 650 relevante Baunormen durch Novellierungen und neue Kennzahlen verändert“, sagt Peter Bauer, Ingenieurkonsulent für Bauingenieurwesen an der Wiener Architektenkammer. „Das heißt also: Pro Woche gibt es mehr als eine neue Norm zu lesen und zu lernen. Die Definition von Sicherheit verändert sich offenbar im Wochenrhythmus. Das ist absurd.“

Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sich Studierende der TU Wien mit diesen normativen Abgründen beschäftigen. „Wenn wir nicht heute schon aktiv zurückrudern, werden die Architekten von morgen in einem totalen Sicherheitssystem arbeiten müssen“, sagt Rudolf Scheuvens, Professor für örtliche Raumplanung und Stadtentwicklung sowie Dekan der Fakultät für Architektur. „Um das zu verhindern, müssen wir uns alle gegenseitig wachrütteln. Ich appelliere an Gesetzesgeber und Industrie. Etwas mehr Mut zur Gelassenheit wäre angebracht.“

Oder, wie Sylvia Winter, eine der Erfinderinnen der Baubehörde für totale Sicherheit, sagt: „À la longue stiehlt die permanente Übervorsicht dem Lebensraum Stadt die Lust und Lebensfreude. Sie zwingt uns alle in ein System, in das wir nicht hineinwollen. Wir jedenfalls wünschen uns eine Stadt mit Vielfalt und Eigenständigkeit. Es sind diese Widersinnigkeiten, diese Ausnahmen im System, die eine Stadt besonders machen.“

Im Architekturzentrum Wien wird gerade an der kommenden Herbstausstellung gearbeitet: Form folgt Paragraph. Sie widmet sich der Frage, wie sich Sicherheitsnormen und Bauvorschriften auf Stadt und Architektur auswirken. Die Diskussion ist eröffnet.

12. März 2017 Der Standard

Bauten für den dänischen Way of Life

Seit Jahren bestechen Kopenhagener Architekten mit ungewöhnlichen, innovativen Konzepten. Die „dänische Sichtweise auf die Welt“ sorgt international für Furore und spielt auch bei den Mipim-Awards eine große Rolle.

Wien – Jahrzehntelang hat die dänische Presse auf Papirøen ihre Rohstoffe und Zeitungen gelagert. Doch seitdem die Lagerhäuser 2013 geleert wurden, steht die Papierinsel bis auf wenige Häuser leer. Nun soll das 45.000 Quadratmeter große Areal im Kopenhagener Stadtteil Christiansholm revitalisiert und neu bebaut werden. Das dänische Büro Cobe Architects, das sich in einem Wettbewerb gegen OMA, MVRDV, Henning Larsen, C. F. Møller, Adept und Holscher Nordberg Polyform durchsetzen konnte, plant darauf einen lebendigen Stadtteil mit öffentlich nutzbaren Einrichtungen, Büroräumlichkeiten und Wohnungen.

Großer Wert wurde auf die Landschaftsarchitektur gelegt. Wie auch in der HafenCity Hamburg, die europaweit immer wieder als Best-Practice-Beispiel herangezogen wird, sollen die Freiflächen begrünt und bestuhlt werden und Platz für Flohmärkte und Open-Air-Veranstaltungen bieten. Zum Wasser hin soll die Kante zu Sitztribünen ausgebildet werden. Während in der hohen Erdgeschoßzone eine Schwimmhalle, eine Markthalle, Eventräumlichkeiten und Hallen für Gewerbetreibende und Kreativwirtschaftler untergebracht werden, sind die oberen fünf bis zehn Etagen, die ein wenig an die Häusersilhouetten in der historischen Innenstadt erinnern, für Wohnungen und Büros reserviert.

„Unsere Vision ist, Christiansholm und vor allem Papirøen zu einem First-Class-Beispiel für urbanes Leben auszubauen und Touristen sowie Besucher aus der ganzen Stadt anzuziehen“, erklärt Dan Stubbergaard, Gründer und Chefarchitekt von Cobe, der mit seinem Büro selbst auf der kleinen Insel eingemietet ist und spätestens bei Baustart 2018 seine kreativen Hallen räumen wird müssen. „Das Projekt soll ein Beitrag zum Kopenhagener Way of Life werden.“

Kronjuwel

Jens Kramer Mikkelsen, CEO des Grundeigentümers und Auftraggebers CPH City & Port Development, bezeichnet den Siegerentwurf sogar als „Kronjuwel des inneren Hafens“ und als logische Ergänzung zum benachbarten Königlichen Opern- und Theaterhaus. Kein Wunder also, dass das Stadtentwicklungsprojekt, das in Zusammenarbeit mit Inside Outside, Via Trafik und dem deutschen Klima-Engineering-Büro Transsolar geplant wird, derzeit unter den vier Finalisten für die Mipim-Awards 2017 in der Kategorie „Best Futura Project“ rangiert. In wenigen Tagen wird im Palais des Festivals in Cannes der Gewinner gekürt.

Es ist nicht das erste Mal, dass dänische Architektur weit über ihre Grenzen hinweg Bekanntheit erlangt. Der Kopenhagener Marketingzampano Bjarke Ingels und das von ihm 2005 gegründete Büro BIG (Bjarke Ingels Group) haben der dänischen Hauptstadt mit ungewöhnlichen Wohn- und Büroentwicklungen bereits mehrfach Aufmerksamkeit beschert. Aktuell baut Ingels für den Heizkraftwerkbetreiber Amagerforbrænding eine Müllverbrennungsanlage, deren Dach im Winter als 1,5 Kilometer lange Ski- und Snowboardpiste dienen wird. Noch heuer, so der Plan, soll das 800 Millionen Euro teure Pionierprojekt in Betrieb gehen.

BIG ist längst schon international tätig. Im Herbst letzten Jahres wurde in der West 57th Street in New York ein 142 Meter hohes Wohnhaus fertiggestellt, dessen geböschte Fassade sich wie ein dreieckiges Segel gegen den angrenzenden Hudson River stemmt. Aktuell arbeitet der 42-jährige Bjarke Ingels am neuen World Trade Center 2 sowie an „The Big U“ entlang des gesamten Ufers von Manhattan. Die Hochwasserschutzanlage soll den Big Apple künftig vor Hurrikans und steigendem Meeresspiegel schützen. „Es geht in der Architektur darum, unsere Träume zu realisieren“, so Ingels, der sogar schon einmal vom Magazin Rolling Stone interviewt wurde. Auch das kommt nicht alle Tage vor. „Und ja, vielleicht haben wir Dänen eine etwas offenere, unvoreingenommenere Sichtweise auf die Welt.“

Dänische Vorherrschaft

Damit erklärt sich auch, warum auf der Liste der heurigen Mipim-Awards-Finalisten gleich noch zwei weitere dänische Projekte auffallen: In Slagelse, 100 Kilometer westlich von Kopenhagen, planten Karlsson Arkitekter für die Region Sjælland das psychiatrische Krankenhaus GAPS (nominiert in der Kategorie „Best Healthcare Development“). Das 44.000 Quadratmeter große, überaus warm und angenehm gestaltete Haus, das mit DGNB Silber zertifiziert wurde, besticht durch Tageslicht, farbige Kunstlichtführung und viel helles Holz.

Eines der vielleicht aufregendsten Projekte unter den Finalisten ist jedoch der Neubau des Parkhauses Lüders im Nordhavn, Kopenhagen. Anders als bei den meisten Hochgaragen nämlich handelt es sich dabei nicht um einen monofunktionalen Klotz in der Stadt, sondern um eine im wahrsten Sinne des Wortes verspielte, begehbare Skulptur: Das gesamte Dach im achten Stock wurde als knapp 2000 Quadratmeter großer, öffentlich zugänglicher Spielplatz ausgebildet. Mit ihrem Park ’n’ Play – so der offizielle Titel der ungewöhnlichen Revitalisierung – haben JaJa Architects und Rama Studio die Messlatte für städtische Infrastruktur hochgelegt. Das rote Park- und Spielhaus ist sogar für den Mies-van-der-Rohe-Award 2017 der EU nominiert.

2. März 2017 Der Standard

Der Nobelpreis der Architektur erfindet sich neu

Der Pritzker-Preis geht an das spanische Architekten-Trio Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta

Die Überraschung war groß. Zum dritten Mal in der Geschichte des Pritzker-Preises, der seit 1979 jährlich vergeben wird, wurde nicht eine Einzelperson, sondern ein Büro gewürdigt. Und zum allerersten Mal fällt der Lorbeer auf ein Trio: Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta sitzen im 30.000-Einwohner-Städtchen Olot in den katalanischen Pyrenäen, irgendwo zwischen Andorra und Barcelona, in ihrem Büro RCR Arquitectes.

Auf den ersten Blick wirken die drei Gestalten, die sich bislang vor allem in der Fachwelt einen Namen gemacht haben, freundlich und unscheinbar. Doch die Projekte, die RCR – die Bürobezeichnung steht für die Vornamen – bislang realisiert hat, sind gewaltige, visuell und atmosphärisch beeindruckende Gratwanderungen zwischen Archaik, regionaler Verbundenheit und materieller Frechheit. Mal ducken sich die Bauten mit Stein und Stahl in das ländliche Katalonien, mal fallen die an Skulpturen erinnernden Baukörper nur durch ihre Glasflächen und Spiegelungen auf, dann wieder werden die Häuser mutig mit Kunststoff, recycelten Baustoffen und grellen Neonfarben collagiert. Die Kombinationsgabe schockiert.

Zu den bekanntesten Projekten der drei durchschnittlich 56-Jährigen zählen das Weingut Bell-Lloc in Palamós (2007), das hochelegante Senioren- und Bibliothekszentrum Sant Antoni in Barcelona (2007), der Kindergarten El Petit Comte in Besalú (2010), das Soulage Museum in Rodez (2014) sowie das Cuisine Art Center in Nègrepelisse (2014).

Für Furore sorgte vor allem das 2011 eröffnete Open-Air-Theater La Lira in Ripoll. Wie ein rostiges, dreigeschoßiges Skelett aus Corten-Stahl prangt der urbane Bühnenplatz rotzig und kompromisslos zwischen den Feuermauern und Wäscheleinen der angrenzenden Wohnhäuser.

Auch das Büro von RCR ist sehenswert, handelt es sich doch um eine revitalisierte Gießerei, die sogenannte Espai Barberí, im historischen Stadtzentrum von Olot. Da treffen kaputtes Mauerwerk und neuer Beton aufeinander, aus alten Innenhöfen sprießt ein urbaner Dschungel, eine meterlange Glasfassade wird vor kunstvoll ornamentierte gusseiserne Säulen gestellt. Allein für das Erlebnis dieser atemberaubend sakralen Räume möchte man im Sommer sofort als Volontär anheuern. Wie steht doch auf der Homepage von RCR geschrieben? „Univers de la creativitat compartida“ – Universum der gemeinsamen Kreativität.

Angst vor Werteverlust

„Wir leben in einer globalisierten Welt, in der wir auf internationale Geschäfte, Einflüsse und Diskussionen angewiesen sind“, heißt es im Statement der Jury unter Vorsitz des australischen Architekten und 2002-Pritzker-Preisträgers Glenn Murcutt. „Und immer mehr Menschen haben Angst vor genau dem, denn wir sind dabei, nach und nach unsere lokalen Werte zu verlieren. Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta jedoch sagen uns mit ihrer Arbeit, dass man diese Gegensätze auch vereinen kann.“ Die von der Jury zitierte Schönheit und Poesie von RCR erschließt sich einem in jedem einzelnen, auch noch so kleinen Projekt.

Dass der mit 100.000 Dollar dotierte Preis heuer an eine gemischtgeschlechtliche Gruppe vergeben wird, ist wohl kein Zufall. Immer wieder wird die geldgebende Hyatt Foundation dafür kritisiert, Architektinnen zu ignorieren, meist nur Männer vor den Vorhang zu holen. Zaha Hadid (2004) und Kazuyo Sejima (2010) waren in 40 Jahren die einzigen Preisträgerinnen. Sogar die Nachnominierung einiger Frauen, die Seite an Seite mit ihren preisgekrönten Männern arbeiten, aber beim Pritzker-Preis leer ausgingen, wurde bereits diskutiert, von der Stiftung aber abgelehnt.

Vielleicht ist der wichtigste Preis, der als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet wird, in der Gegenwart angekommen. Vergeben wird die Auszeichnung an Aranda, Pigem und Vilalta am 20. Mai im Akasaka-Palast in Tokio.

1. März 2017 Der Standard

Smarte Wohnung, unsmarte Etikette

Eine Anlage mit 245 Wohnungen darf ihr ökologisches Potenzial nicht erfüllen

Wien – „Wenn wir von jungem Wohnen sprechen“, sagt Ewald Kirschner, Generaldirektor der Gesiba, „dann vor allem von Smart-Wohnungen, also von der Kombination aus kompakten Grundrissen und verträglichen Bruttomieten.“ Die von der Gesiba entwickelten Wohnbauten auf den Parzellen G2 und G3 umfassen 138 geförderte Mietwohnungen, 61 Smart-Wohnungen sowie 46 Gemeindewohnungen neu. Die monatliche Miete für die 47 bis 73 Quadratmeter großen Wohneinheiten liegen unter 7,50 Euro pro Quadratmeter.

Der Gesiba-Bauteil zeichnet sich schon jetzt durch soziale Kompetenz aus, handelt es sich doch um ein kooperativ entwickeltes Projekt der Architekten Georg Reinberg, Huss Hawlik, Sophie und Peter Thalbauer sowie des Wiener Büros Superblock. Das Programm umfasst nicht nur Wohnungen, sondern auch Gemeinschaftsräume, Geschäftsflächen und Arztpraxen. Sogar drei nächteweise anmietbare Gästezimmer für den Tantenbesuch aus Vorarlberg sind geplant. Ein bestehender Altbau, in dem sich einst die Dienstwohnungen der Gaswerkmitarbeiter befanden, soll revitalisiert und ins Gesamtkonzept einbezogen werden. In Erinnerung an die ehemalige Nutzung soll er gelb und resedagrün gestrichen werden.

„Die größte Besonderheit ist die gute, intelligente Flächenwidmung auf diesem Areal“, erklärt Architekt Andreas Hawlik. „Pro Bauplatz durften wir deutlich mehr Kubatur als Wohnnutzfläche entwickeln. Das hat die Bauträger angespornt, die Dichte nicht komplett auszureizen, sondern auch alternative Nutzungen einzuplanen. Es ist eine schöne Wohnhausanlage – und keine Paragrafenorgie mit Gaupen, Erkern und Balkonen.“

Einen Schönheitsfehler gibt es dennoch. „Der Bauträger-Wettbewerb hat vorgesehen, dass die hier tätigen Architekten Arbeitsgruppen bilden und gemeinsam Ideen für Städtebau, Freiraumplanung und alternative Energiegewinnung entwickeln“, erzählt Reinberg. „Es sind komplexe, ausgetüftelte Konzepte entstanden. Wir wollten ein Forschungsprojekt in die Praxis umsetzen und mithilfe solarer Energie umweltfreundlich Gas produzieren. Doch kurz vor Ende wurde das Projekt von Wien Energie und Wiener Netze gestoppt.“

Grund: Die Anlage sei unwirtschaftlich, denn russisches Gas sei derzeit sehr billig. „Das ist eine vertane Chance“, so Reinberg. „Erst lässt man die Architekten unentgeltlich arbeiten und lädt sie ein, Pionierarbeit zu leisten, und dann sagt man Danke. Das ist nicht nachhaltig, sondern frustrierend.“

Publikationen

2026

Stadt Natur Rechte
Was Bienen und Bäume dürfen müssen

In Mexico City finden sich zwei Prozent aller weltweit lebenden Tier- und Pflanzenarten, und die Biodiversität von New York City hat sich seit seiner Gründung mehr als verdoppelt. In Zeiten von Klimawandel und Artensterben stellt sich zunehmend die Frage, wie wir in der Stadt – einem der unterschätztesten
Autor: Wojciech Czaja, Katja Schechtner, Alex Putzer
Verlag: Birkhäuser Verlag

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag