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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

3. Juni 2017 Der Standard

„Die Spezies Architekt wird aussterben“

Der italienische Architekt und MIT-Forscher Carlo Ratti plädiert für einen offeneren Umgang mit Wissen und Wahrheit. Sein Ziel ist eine kollektiv gelebte Kultur des Teilens. Ein Appell für Open Source Architecture.

Standard: Haben Sie jemals eine Idee geklaut oder gegen das Urheberrecht verstoßen?

Ratti: Das ist eine große Frage für einen Gesprächsbeginn! Intuitiv würde ich sagen: nein. Aber tatsächlich wird es wohl ein Ja sein. Sämtliche Ideen in unserem Büro und auch am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickeln wir im Team. Da kann man nie genau sagen, welche Idee von wem stammt. Ich fürchte, da werden einige Urheberrechtsverletzungen darunter sein.

Standard: Und wie stehen Sie zum Hacken?

Ratti: Hacking ist eine der Kernkompetenzen der MIT-Kultur. Wir alle hacken, und zwar nach Möglichkeit alles. Das ist unser Job. Durch Hacken werden Fehler aufgedeckt und neue Ideen und Mutationen geboren. Hacken und Kreativität sind untrennbar miteinander verbunden. Das ist Evolution!

Standard: Sie machen sich für Crowd Creativity und für eine Öffnung und Lockerung des Copyrights stark. Warum eigentlich?

Ratti: Crowd Creativity hat es immer schon gegeben. Bloß gab es dafür andere Bezeichnungen. In der italienischen Kunstgeschichte sind manche Werke nicht eindeutig einem Meister zuzuordnen. Raffael beispielsweise hatte in seiner Werkstatt so viele Schüler, dass bei einigen Madonnen und Papstbildnissen gar nicht klar ist, was tatsächlich von ihm stammt und was nicht. Und doch sprechen wir immer von Raffael. Eigentlich müssten wir Raffael-Crowd dazu sagen. Das ist Open-Source-Kunst!

Standard: In Ihrem Buch „Open Source Architecture“ schlagen Sie vor, die Architektur und Stadtplanung zu öffnen und ebenfalls in Form von Open Source jedem zugänglich zu machen. Wie genau kann man sich das vorstellen?

Ratti: Ich vergleiche die Idee der Open Source Architecture gerne mit dem Softwareprogramm Linux oder dem Online-Lexikon Wikipedia. Es geht darum, kostenlos und ohne Hürden Wissen zu teilen. Dadurch soll Architektur einer großen Zahl an Menschen zur Verfügung gestellt werden. Auf Wikipedia sind es die User selbst, die Content produzieren.

Standard: Werden wir dann alle zu Architekten?

Ratti: Das ist einer der heikelsten Punkte. Natürlich braucht es hier nicht nur die Wahrheit und Korrektheit von Daten wie im Fall von Wikipedia, sondern auch technisches Know-how und planerische Kompetenz. Ich denke, diese Daten können aus ganz unterschiedlichen Disziplinen kommen – von Architektinnen, Stadtplanerinnen, Soziologen, Ingenieuren und Ökonomen. Aber natürlich braucht es ein gewisses Mindestmaß an Wissen. Die richtige Dosierung zu finden ist eine der großen Herausforderungen für die Zukunft.

Standard: Wo passiert das heute schon?

Ratti: Die bekannteste und medial am häufigsten diskutierte Plattform ist mit Sicherheit WikiHouse. Außerdem gibt es Goteo, Brickstarter, Estate Guru, Open Architecture Network und viele andere. All diese Plattformen bemühen sich um eine Multiplizierung von Wissen und Wahrheit. Es tut sich schon sehr viel, aber noch ist das Thema tabuisiert und zu wenig verbreitet.

Standard: Welche Einsatzgebiete können Sie sich für Open Source Architecture vorstellen?

Ratti: Aus heutiger Sicht sehe ich einen sinnvollen Einsatz im Bereich von Notquartieren, die im Zuge natürlicher und politischer Krisen und Katastrophen benötigt werden. Sehr sinnvoll erachte ich Open Source Architecture im Bereich Entwicklungshilfe. Für die indisch-amerikanische Prajnopaya Foundation haben wir vor einigen Jahren das sogenannte „Tsunami Safe(r) House“ entwickelt. Die Pläne und das technische Know-how werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Allein in Sri Lanka wurden auf dieser Basis mehr als 1000 tsunamisichere Häuser errichtet.

Standard: Und was bringt Open Source Architecture außerhalb dieses Katastrophenkontextes?

Ratti: Seit der Industrialisierung und seit der Moderne steigen die Produktionszahlen und der da-mit verbundene wirtschaftliche Druck rasant an – ob das nun im Design, in der Industrie oder in der Baubranche ist. Es wird permanent produziert, und wir haben überhaupt keine Möglichkeit mehr, das Produzierte auf seine Richtigkeit und auf seine Angemessenheit zu überprüfen. Die Öffnung des Wissens wäre für mich ein Mittel zur Reflexion, eine Art Gradmesser, mit dem wir überprüfen könnten, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Standard: Das müssen Sie bitte erklären!

Ratti: Schauen Sie sich nur einmal die Kommentare auf Trip Advisor und die Kundenbewertungen in den vielen Suchmaschinen an, die wir heute im Internet vorfinden! Es ist die Crowd, die beurteilt, ob ein Produkt attraktiv und wettbewerbsfähig ist oder nicht. Diese Qualität, diese interdisziplinäre Kundenkompetenz ist auch auf die Architektur und Stadtplanung übertragbar.

Standard: Und das wird zwangsweise zu besseren Häusern und zu schöneren Städten führen?

Ratti: Ja, davon bin ich überzeugt. Evolution erzeugt Vielfalt und Qualität – und zwar unabhängig davon, ob wir nun von natürlicher oder von künstlicher Selektion sprechen. Diese Evolution würde die gebaute Umwelt massiv bereichern.

Standard: Indem dann jeder sein eigenes Einfamilienhaus in die Landschaft druckt?

Ratti: Gehen Sie davon aus, dass die neuen Technologien in der Baubranche wie etwa Building Information Modeling (BIM), Customized Production und 3D-Druck erst der Anfang sind! Die Entwicklung wird uns noch viele Überraschungsmomente bescheren.

Standard: Laufen wir mit dieser Banalisierung und Egalisierung von Schaffenskraft nicht Gefahr, dass früher oder später die ganze Welt gleich ausschaut?

Ratti: Aber nein! Ganz im Gegenteil. Befragen wir doch einmal Mutter Natur: Wie viele Spezies gab es vor 3,5 Milliarden Jahren? Und wie viele gibt es heute auf der Welt? Na also! Indem wir das Wissen öffnen und die Konsumenten zur Selektion bevollmächtigen, steigern wir die Vielfalt unserer gebauten Umwelt. Es geht ja nicht ums Klonen von einigen wenigen, unveränderlichen – weil urheberrechtlich geschützten – Prototypen, wie uns das die Moderne aufoktroyieren wollte, sondern um Mutation, also um das kontinuierliche, emanzipierte Weiterentwickeln.

Standard: Und was passiert dann mit der Spezies Architekt? Die wird aussterben?

Ratti: Das wird sie sowieso.

Standard: Weil?

Ratti: Gerade mal zwei Prozent des globalen Bauvolumens werden von Architekten geplant. Das ist fast nichts. Es gibt zwar einige wenige Stararchitekten, die Ruhm und Ehre genießen, aber deren Einfluss auf das Bauen ist verschwindend gering. Im Übrigen können wir davon ausgehen, dass durch Robotik und künstliche Intelligenz ein Großteil der heute bestehenden Jobs ohnehin aussterben wird – oder zumindest neu definiert werden wird müssen. Je früher und je aktiver wir das anpacken, desto besser.

Standard: Ihr Buchmanifest „Open Source Architecture“ hat weltweit Beachtung gefunden. Was sind die nächsten Schritte?

Ratti: Ausprobieren und Experimentieren. Die Studierenden und Theoretiker sind von der Abschaffung des Copyrights und der Öffnung im Sinne von Creative Commons sehr angetan. Sie sehen darin einen inspirierenden Handlungsspielraum für die Zukunft. Gleichzeitig jedoch werde ich von Architekten und Professionellen angefeindet, weil sie darin eine Gefährdung ihrer Disziplin sehen. Der nächste Schritt wird sein, zwischen dieser Angst und Euphorie die Wahrheit zu finden.

Standard: Wie lange geben Sie sich dafür Zeit?

Ratti: Bis zur Selbstverständlichkeit von Linux und Wikipedia ist es noch ein weiter Weg.

13. Mai 2017 Der Standard

Die Zukunftsmacherin

Der Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ porträtiert sechs Personen, die beschlossen haben, den Lauf der Dinge selbst zu gestalten. Eine davon ist die Salzburger Lehmbauarchitektin Anna Heringer.

In der 51. Minute springt plötzlich das Rüttelgerät an. Ohrenbetäubender Lärm macht sich im Kinosaal breit. Anna Heringer, eine schlanke Gestalt mit Salzburger Dialekt, Muckis an den Oberarmen, Arbeitsschuhen, zerrissenen Jeans und um die Hüfte geknotetem Pulli, stopft den patzigen, noch feuchten Lehm in die Schalung. Erst wird die Stampflehmwand mit der Maschine verdichtet, später dann noch einmal manuell mit Rüttelstangen nachgestochen.

„Wenn wir so weitertun, wie wir tun, dann sind die Ressourcen bald einmal zu Ende“, sagt Heringer vor der Kamera. „China zum Beispiel hat in den letzten drei Jahren so viel Zement und Beton verbraucht wie die USA im ganzen 20. Jahrhundert. Das sind Dimensionen, die man sich nur schwer vorstellen kann.“ Mit den Sand- und Schottermafias, wie sie beispielsweise in China, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig sind, hat sich zuletzt sogar ein eigener Berufszweig etabliert, der unentwegt auf der Suche nach chemisch passenden Zuschlagstoffen für die Betonindustrie ist. Und diese werden immer rarer. Damit, so Heringer, müsse man sich dringend befassen.

Die 40-jährige Architektin ist eine von insgesamt sechs Personen, die im soeben angelaufenen Dokumentarfilm Die Zukunft ist besser als ihr Ruf in all ihrem Tun und Machen porträtiert werden. Gezeigt werden Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit, für partizipative Demokratie, für innovative wirtschaftliche Denkmodelle sowie für nachhaltige Lösungen in der Gastronomie und Lebensmittelversorgung engagieren. Der größte gemeinsame Nenner der Protagonisten ist der Glaube und die Überzeugung, den Lauf der Dinge selbst mitgestalten zu können. Die Salzburger Spezialistin für Lehmbau und lokale Rohstoffe ist damit in bester Gesellschaft.

Prominent ignoriert

Ein paar Wasserbüffel, vier Bohrmaschinen, Bambus aus den umliegenden Hainen und der buchstäbliche Dreck unter den Füßen – mit diesen Ressourcen hat Anna Heringer vor 13 Jahren ihr allererstes Projekt realisiert. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Eike Roswag und einem Dutzend Handwerker aus dem Dorf hat sie in Rudrapur, Bangladesch, eine 500 Quadratmeter große Schule aus Lehm hochgezogen. Das Projekt wurde unter anderem mit dem Aga Khan Award, einem der renommiertesten und höchstdotierten Architekturpreise der Welt, ausgezeichnet.

„Fast drei Milliarden Menschen auf der Welt leben in Lehmbauten“, sagt Heringer im Gespräch mit dem Standard. „Hauptsächlich sind dies Menschen in Entwicklungsländern beziehungsweise Menschen aus unteren sozialen Schichten. Aus diesem Grund ist dieser – älteste – Baustoff der Welt leider stark stigmatisiert. Er wird prominent ignoriert. Und das ist in sozialer, ökologischer und auch wirtschaftlicher Hinsicht ziemlich tragisch.“

Im Gegensatz zu Lehm nämlich, sagt Heringer, die an der Kunstuniversität studiert hat und mittlerweile als Unesco-Honorarprofessorin für Lehmbau, Konstruktionskultur und nachhaltige Entwicklung tätig ist, seien die imagemäßig höher situierten und somit häufig angestrebten Baustoffe Ziegel und Beton in der Produktion deutlich energie-, rohstoff- und CO2-intensiver. Doch dieses Argument wird von der globalen Baustoffindustrie und ihren potenten Lobbys massiv überschattet. Die in Bollywood produzierte Traumwelt der Reichen und Schönen tut ihr Übriges.

54. Minute. Anna Heringer wandert über die Baustelle. Greift mit der Hand in die Erde hinein. Zerreibt das Material zu kleinen klebrigen Brocken. „Der eigene Hausbau ist für jede Familie die größte Investition in ihrem Leben. Und das ist ein Potenzial. Das Budget kann man so anwenden, dass irgendwelche Großfirmen davon profitieren, oder man kann es so anwenden, dass möglichst viele Menschen im eigenen Umfeld profitieren. Wenn man das im Kopf behält, dann ist es möglich, mit Architektur viel Veränderung zu bewirken.“

So wie zum Beispiel in Baoxi, Ostchina, rund 400 Kilometer südwestlich von Schanghai. Erst kürzlich stellte Heringer dort im Rahmen der Longquan International Biennale eine Jugendherberge aus Lehm und Bambus fertig. Die drei Bambushäuser, die wie überdimensionale Reiskörbe in der Landschaft stehen, sind nicht nur eine Anknüpfung an die Bautradition der Region, sondern auch ein Beitrag zur lokalen Wertschöpfung. Im Inneren der bis zu 18 Meter hohen Bambushüllen verbergen sich mehrgeschossige zylindrische Lehmtürme. Über eine Wendeltreppe gelangt man direkt zu den Schlafkojen, die wie stoffverkleidete Waben an der Lehmfassade hängen.

„Es gibt in China eine sehr reichhaltige Tradition für Lehm- und Bambusbau“, so Heringer. „Die Longquan International Biennale soll dazu beitragen, diese Kultur zu erhalten und in die Zukunft weiterzutragen. Und ich denke, das macht sie mit Erfolg. Mittlerweile kommen viele Schüler, Studierende und Architekten nach Baoxi, um die Bauten zu besichtigen und zu studieren.“ Und auch, um in einer der hängenden Schlafkojen, die sich im Land längst herumgesprochen haben, zu übernachten.

Langfristig, so der Plan der Architektin und der Biennale-Initiatoren, soll in Baoxi die Lehmbau- und Korbflechtkunst zelebriert werden. Und zwar auf eine Art und Weise, die sicherstellt, dass die damit eingenommenen Gelder in der Region bleiben. 57. Minute: „Man kann etwas Schönes bauen und damit gleichzeitig die lokale Wirtschaft ankurbeln und das Image von lokalen Baumaterialien verbessern. Das macht Mut und stärkt das Selbstvertrauen. Das ist Wertschöpfung in ihrer menschlichsten Form.“

Anna Heringer sitzt in ihrem Studio im Salzburger Oberndorf, direkt an der österreichisch-bayrischen Grenze, drei Gehminuten von der Salzach entfernt. Sie nimmt ein Tonmodell zur Hand, drückt mit dem Finger in die Oberfläche hinein. „Ich will kompostierbare Architektur schaffen“, sagt sie mit strahlenden Augen. „Wenn ein Gebäude nicht mehr gebraucht wird, kann es wieder in die Erde zurück. Von der Idee, dass meine Häuser bis in die Ewigkeit stehen, habe ich mich schon lange verabschiedet. So wichtig sind wir nicht.“

„Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ von Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg ist derzeit im Kino zu sehen. Am Dienstag, den 16. Mai, um 19.30 wird der Film im Wiener Gartenbaukino gezeigt. Mit Livemusik von Federspiel.

6. Mai 2017 Der Standard

Der Raum vor der Linse

Gestern, Freitag, wurde der Europäische Architekturfotografie-Preis vergeben. Ein Appell an die gebaute (und zerstörte) Umwelt.

Fast möchte man ins Foto hineingreifen, sich des Gestrüpps erbarmen und die Lampe wieder ins Lot stellen. Doch irgendetwas an diesem hässlich eingefangenen Blick scheint zu kommunizieren, dass es dafür schon zu spät ist, dass das Business-Center längst nicht mehr in jener messingfarbenen Würde erstrahlt wie dereinst zu gastgewerblichen Zeiten. Es ist eine traurige, deprimierende Subtilität, die sich hier über Flatscreen und Raufasertapete dem Betrachter mitteilt.

Die Vermutung ist wahr: Vor einigen Jahren wurde das Hotel President, ein angegammeltes Best-Western-Hotel mit Vertreter-Charme in allerbester Lage, nur wenige Schritte vom Kudamm entfernt, geschlossen. Heute wird der einstige Klotz als Notunterkunft für geflüchtete Menschen genutzt. Es ist eines von insgesamt vier Orten dieser Art, die der Berliner Fotograf Andreas Gehrke unter dem Titel Arrival eingefangen hat. Gestern Abend wurde die vierteilige Fotoserie im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis 2017 ausgezeichnet.

„Mich interessieren Orte, die von Mangel, Abwesenheit und Unbestimmtheit geprägt sind“, sagt Gehrke im Interview mit dem STANDARD . Seit langer Zeit schon porträtiert der 41-Jährige städtische und ländliche Lebensräume, dokumentiert mit seiner großformatigen Plattenkamera vergängliche und auch längst vergangene Orte. „Das Faszinierende und Berührende an diesem Hotel ist, dass sich seine Nutzung gewandelt hat und dass es heute einer großen Zahl an Menschen als Wohnort dient.“

Für ein paar Sekunden verstummt das Gespräch. „Doch ja, es ist ein artifizieller Blick, den ich da habe. Es ist ein künstlicher Kommentar zu den Lebensumständen der nach Deutschland geflüchteten Menschen. Viele von ihnen haben ihren Lebensmittelpunkt aufgegeben und müssen nun monatelang, oft ohne Aussicht auf mittelfristige Besserung, in einem alten, aufgelassenen Mittelklassehotel in auf engstem Raum zusammengepferchten Stockbetten ausharren. Meine Fotos sind nur der Versuch, mich in die Lage der Flüchtlinge hineinzuversetzen.“

Vier Annäherungsversuche hat Gehrke für den heuer ausgeschriebenen Fotografie-Wettbewerb un-ternommen. Sie sind so unterschiedlich wie auch die von ihm gewählten Farbwelten und Formate. Neben dem aufgelassenen Hotel President sind dies die ehemalige Stasi-Zentrale in der Ostberliner Ruschestraße, eine provisorische Mehrzweckhalle auf dem Flugfeld in Berlin-Tempelhof sowie eine temporäre Unterkunft auf dem Berliner Messegelände. Die palästinensische Flagge, die über der behelfsmäßigen Abzäunung flattert, ist der Beweis dafür, dass auch in der prekärsten Situation die Sehnsucht nach Heimat nicht abreißt.

„Es deutet alles darauf hin, dass Migration eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden wird“, sagt Gehrke. „Meist fokussieren wir unseren Blick zu diesem Thema auf die politischen Grenzen. Doch ein großer Teil der Migration und der damit leider verbundenen Abgrenzung und Abschottung gegen das Fremde findet mittendrin in unseren Städten statt – in meinem Fall mitten in Berlin.“ Das Ausmaß der Entfremdung und der sozialen Härte in Gehrkes Bildern ist beschämend.

„Die europäische, aber auch globalpolitische Diskussion der letzten Jahre und Monate hat sehr stark mit Grenzen – mit Grenzöffnung, Grenzziehung und Grenzschließung – zu tun“, sagt Christina Gräwe, Erste Vorsitzende des Vereins Architekturbild, der den Preis in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Baukultur und dem DAM in Frankfurt seit 1995 biennal vergibt. „Daher haben wir uns entschieden, die Grenze zum diesjährigen Generalthema zu erheben. Die künstlerischen Annäherungen sind sehr unterschiedlich. Doch die Gemeinsamkeit aller 133 eingereichten Arbeiten ist, dass sie nie den anwesenden, sondern fast immer nur den abwesenden und ausgegrenzten Menschen darstellen. Das gibt mir zu denken und beweist, dass das Thema sehr präsent ist.“

Auch Matthias Jungs Fotoserie Revier , die mit einem weiteren Preis ausgezeichnet wurde, dreht sich um den verschwundenen Menschen. Gezeigt werden ausgestorbene Gemeinden im größten Braunkohletagebaugebiet Europas. Rund um die Tagebauwerke Garzweiler, Hambach und Inden im Westen Kölns fallen immer mehr Ortschaften den riesigen Baggern und den von ihnen aufgerissenen, bis zu 400 Meter tiefen Schürflöchern zum Opfer. Insgesamt wurden in den letzten Jahrzehnten bereits 40.000 Menschen enteignet und umgesiedelt.

„Was tut die Menschheit in einem so reichen und demokratischen Land ihrer Bevölkerung an“, sagt Matthias Jung, „dass hier ohne größere Not tausenden Menschen ihre Identität und Heimat geraubt wird?“ Die verbarrikadierten Fenster und Auslagen in den nächtlichen, nur durch Laternenschein erleuchteten Backsteinfassaden zeugen von einer entleerten Tristesse. So mancher Ort in Jungs Fotoserie ist längst schon im unaufhaltsam wachsenden Loch der fossilen Rohstoffgewinnung verschwunden. „Die Tagebauwerke wurden im Kalten Krieg gegründet und hatten damals durchaus ihre Berechtigung. Doch in der heutigen politischen Situation erscheint die Braunkohleförderung auf diese Weise mehr als anachronistisch.“

Es ist genau dieser reflektierte, zum Nachdenken anregende Blick auf die von uns gebaute (und zerstörte) Umwelt, den der Europäische Architekturfotografie-Preis vor den Vorhang holen will. „Hinter der klassischen Auftragsarbeit der Architekturfotografie“, erklärt Gräwe, „lauert ein sensibler künstlerischer Impetus, der für uns alle ein wertvoller Spiegel ist. Diesen anschaulich zu machen ist unsere Aufgabe.“

Die insgesamt 28 ausgezeichneten und gewürdigten Fotoarbeiten zum Thema „Grenzen“ sind bis 6. August im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt zu sehen. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen. AV Edition, 128 Seiten, € 24,80.

15. April 2017 Der Standard

„Loos würde verstummen“

Der Wiener Künstler Peter Sandbichler schafft mit seinem „Haus mit Augenbrauen“ ein dramatisches Kunstprojekt im öffentlichen Raum. Und er zeigt auf, wie uninspiriert die heutige Stadt geworden ist. Eine Kampfansage.

Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Ein Haus wie jedes andere auch in dieser Straße. Stuck, Gesims, Voluten, Figürchen und Vasenbalustraden, so weit das Auge reicht. Doch mit jedem Schritt, der einen näherbringt, beginnt das Auge zunehmend zu zweifeln. Die im Kopf mit so großer Sicherheit abgespeicherten Versatzstücke der Gründerzeit wollen sich nicht so recht ins Bild fügen. Die Formen werden immer fragwürdiger, die Konturen immer kantiger, die Schatten immer schnippischer. Am Ende dann die totale Verstörung.

„Ich wollte mich mit großer Subtilität an das scheinbar gängige Bild von Fassade heranschleichen“, sagt der Wiener Künstler Peter Sandbichler. „Mein Wunsch war es, auf den ersten Blick überhaupt nicht aufzufallen. Das Haus sollte sich ganz selbstverständlich in die üppig ornamentierte Straßenzeile des Getreidemarktes und der Mariahilfer Straße fügen. Erst in der Nähe, erst im unmittelbaren Kontakt sollte die Irritation augenscheinlich werden.“

Und das wird sie. Statt der klassizistischen Elemente, die üblicherweise auf einem Gebäude dieses Baujahres prangen, spitzen sich an der 1400 Quadratmeter großen Fassade dramatische Geometrien zu, lassen die zweidimensionale Haut des Hauses zu einer dreidimensionalen, von unzähligen scharfkantigen Pyramiden und Kristallen überzogenen Oberfläche anschwellen und sogleich erstarren. Es ist, als schaute man durch ein Kaleidoskop, das statt der bunten Steinchen, die in der Linse liegen, mit unterschiedlich grauen Licht- und Schattenfragmenten gefüllt ist.

Unweigerlich denkt man an die fetten Medici-Palazzi in Florenz, die mit von oben bis unten bedrohlich hinauswachsenden Bossen den Fußgänger vom Gehsteig zu schieben scheinen wollen, sowie an die expressionistischen kubistischen Villen in der tschechischen Hauptstadt. „Der Prager Kubismus hat mich immer schon fasziniert“, sagt Sandbichler, der sich schon seit Jahren mit modularen Texturen und Strukturen beschäftigt. „In gewisser Weise ist diese kubistische Annäherung eine Neuinterpretation und Neuentwicklung der klassischen Wiener Gründerzeitfassade.“

Neu ist auch die Materialwahl. Anders als in der Vergangenheit nämlich besteht der Stuck nicht aus Gips oder Zement und auch nicht aus Styropor, wie dies bei den meisten Fassadenrekonstruktionen heute praktiziert wird, sondern aus aufgeschäumtem, zu Platten gepresstem und anschließend geschnittenem Glasgranulat, sogenanntem Poraver. Das Material, das gerade mal 190 Kilogramm pro Kubikmeter wiegt, besteht aus recyceltem Altglas.

Hinter dem prominenten Gemäuer, besser bekannt unter dem Namen Varta-Haus, befindet sich das Reich des Investors und Immobilienentwicklers Michael Tojner, der hier mit seiner Firma Wertinvest sowie mit der von ihm geleiteten Industriegruppe Montana Tech Components AG und Varta AG beheimatet ist. Das Kunstprojekt, eines von mehreren, die in den letzten paar Monaten am und im Haus realisiert wurden, dient nicht zuletzt als weithin sichtbare Visitenkarte.

Eine gewisse Leidenschaft

„Die Kunstprojekte am Haus sind Ausdruck einer gewissen Leidenschaft“, sagt Daniela Enzi, Geschäftsführerin der Wertinvest GmbH. „Es geht nicht darum, uns ein Denkmal zu setzen, sondern darum, der Stadt einen gewissen Mehrwert zu geben.“ Neben Peter Sandbichlers „Haus mit Augenbrauen“, so der offizielle Titel des Kunstwerks, gibt es auch den nächtens leuchtenden Tomorrow -Schriftzug von Arnold Reinthaler sowie Roland Kodritschs Skulptur Reasons to believe , eine Figur, die an der Gesimskante steht und wohl kurz davor scheint, sich in den Tod zu stürzen.

„Die schmucklose, im Zweiten Weltkrieg zerstörte Fassade unseres Firmensitzes hat mir nie gefallen“, sagt Tojner auf Anfrage des Standard. „Das aus einem kleinen geladenen Wettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt von Peter Sandbichler war so überzeugend, dass ich mich entschlossen habe, nicht nur einen Teil, wie ursprünglich geplant, sondern gleich die gesamte Fassade gestalten zu lassen.“ Die Investitionskosten dafür beziffert Tojner mit „einigen Hunderttausend Euro“. Näheres möchte er nicht verraten.

Mehr als ein Kunstprojekt jedoch – Kunst im öffentlichen Raum ist in Wien glücklicherweise längst keine Seltenheit mehr – ist Peter Sandbichlers urbane Intervention eine wertvolle Anregung, um über Schönheit in der Stadt nachzudenken. Markus Rumelhart, Bezirksvorsteher von Mariahilf, bezeichnet das Projekt als „zeitgemäße Fassade, die den Menschen ein schönes Bild zur Betrachtung gibt“. Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums, der vor Kurzem die Eröffnungsrede hielt, vergleicht die Radikalität und Konsequenz des Kunstwerks sogar mit jener, die Adolf Loos einst bei seinem Haus am Michaelerplatz („Haus ohne Augenbrauen“) hat walten lassen: „Loos würde verstummen.“ Starke Worte.

„Neuinterpretierte Gründerzeitfassaden sind oft peinliche Stilkopien, doch dieser Ansatz zeigt, was mit heutigen technischen Mitteln und heutigem Verständnis von Stadt möglich ist“, sagt Robert Kniefacz von der MA19, zuständig für Architektur und Stadtgestaltung. „Vor allem aber sehe ich dieses Projekt als Einladung an Architekten, Bauherren, Bauträger, Investoren und Projektentwickler, nicht nur verwertbare Wohn- und Bürofläche zu bauen, sondern sich auch wieder vermehrt der Fassade als Gesicht der Stadt zu widmen.“ „Haus mit Augenbrauen“ ist ein Gestaltungsansatz von vielen. Ein radikaler gewiss. Und er ist eine Kampfansage an den zunehmenden Analphabetismus von Architekten und Bauherren, die die Stadt mit gesichtslosem Vollwärmeschutzsondermüll vollpfropfen. Mögen sich die Übeltäter angesprochen fühlen.

12. April 2017 Der Standard

Mit dem Pilzkopf durch die Ziegelwand

Das Biologiezentrum der Universität Wien wird übersiedeln. Ab 2021 sollen zukünftige Forscherinnen und Forscher in einem Neubau in St. Marx ausgebildet werden. Der Bio-Cluster bekommt damit ein neues Puzzlestück. Nun wurden die Pläne präsentiert.

Wien – Der Bio-Cluster in St. Marx bekommt Zuwachs. Zum Institute of Molecular Biotechnology, dem Gregor-Mendel-Institut, zu den Max F. Perutz Laboratories und zum kürzlich eröffneten Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie gesellt sich ab dem Wintersemester 2021 das neue Biologiezentrum der Universität Wien. Letzte Woche wurden die Pläne der Öffentlichkeit vorgestellt. Der 19.000 Quadratmeter große Neubau gibt sich in massiver Klinkeroptik und bietet mit seinen organischen Rundungen willkommene Abwechslung zur unterkühlten Schwarz-Weiß-Ästhetik, die in den letzten Jahren in Wien dominierte.

„Das bestehende Biologiezentrum in der Althanstraße war schon seit Jahren dringend sanierungsbedürftig“, sagte Heinz W. Engl, Rektor der Universität Wien, dem STANDARD . Kalkulationen hätten aber ergeben, dass ein Neubau viel billiger ausfallen würde. „Dazu kommt, dass die Sanierung bei laufendem Betrieb mit 5000 Studierenden alles andere als optimal ist. Nun bekommen wir für weniger Geld ein komplett neues Gebäude mit modernster Technik, hoher Flexibilität und perfekter Anbindung an den öffentlichen Verkehr und an den Bio-Cluster St. Marx.“ Kurze Pause. „Und ja, mir gefällt das Gebäude gut. Ich bin mir sicher, dass der Klinkerbau zu einer gerngesehenen Landmark in der Gegend wird.“

Der Wettbewerbsentwurf dazu stammt von den Berliner Architekten Marcel Backhaus und Karsten Liebner. Mit ihrem fast 180 Meter langen Ziegelriegel konnten sich die beiden gegen 40 Mitbewerber durchsetzen. „Die Ausschreibung war sehr komplex“, erzählt Liebner. „Allen Forderungen gerecht zu werden war fast eine mathematische Aufgabe mit mehreren Unbekannten.“ Das Resultat der Bemühungen: Zur Schlachthausgasse hin gibt sich der sechsgeschoßige Baukörper wuchtig und städtisch, zu den Wohnhäusern im Osten hin wird das Bauvolumen in quergestellten Riegeln mehr und mehr aufgelockert.

Déjà-vu für Kenner

„Mit der Klinkerfassade wollen wir die historischen Bauten der Umgebung wie die ehemalige Viehmarkthalle aufgreifen“, sagt Liebner. „Damit fügt sich der Bau ins bestehende Ensemble.“ Architekturkenner werden angesichts der Visualisierung ein Déjà-vu haben, erinnert das Haus doch an die 1939 eröffnete Bürozentrale von S. C. Johnson Wax in Racine, Wisconsin. Damals hatte Architekt Frank Lloyd Wright mit Ziegelfassade, schmalen Fensterbändern und unverwechselbaren Pilzkopfsäulen gearbeitet. Das denkmalgeschützte Gebäude zählt heute zu Wrights bekanntesten Objekten.

„Die Ähnlichkeit ist sicher kein Zufall“, sagt Liebner. „Große Universitätsbauten in Europa und in den USA wurden lange Zeit im Stil der klassischen Moderne errichtet. Heute suggerieren diese Bauformen Nachhaltigkeit und Beständigkeit.“ Nicht nur im Außenraum werden die charakteristischen Pilzkopfsäulen das Gebäude tragen, sondern auch innen: Geplant sind – wie schon bei Frank Lloyd Wright – hohe, zweigeschoßige Arbeitsräume, die laut Liebner nicht nur funktional, sondern auch schön und atmosphärisch ansprechend sein sollen.

Das Biologiezentrum soll laut Rektor Engl 5000 Studierenden und 600 bis 700 Forschern und Angestellten Platz bieten. Dank Fernwärme, Erdwärme, Wärmerückgewinnungsanlage, Regenwassernutzung, LED-Beleuchtung, integrierter PV-Anlage und ideal gedämmten Außenwänden will man Niedrigenergiestandard erreichen. Die Ziegelklinker im schlanken Langformat werden die Architekten eigens für dieses Projekt produzieren lassen.

„Ich denke, dass wir mit dem Neubau in St. Marx einen sehr guten Weg einschlagen“, sagt Hans-Peter Weiss, Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die das 146 Millionen Euro teure Gebäude entwickeln und errichten wird.

Funktional angeordnet

„Entscheidend für den einstimmigen Juryentscheid war vor allem die funktionale Anordnung von Bibliothek, Mensa, Verwaltung, Hörsälen und Laborbereichen.“ Und dass das Projekt spätere Umbauten ermögliche. „Wir wissen noch nicht, in welche Richtung sich die Labortechnik in 20, 30 Jahren entwickeln wird.“

Die Verhandlungsgespräche mit den Architekten haben jedenfalls gerade begonnen. Im Sommer 2018 werden die Bauarbeiten gestartet, die Fertigstellung ist für das Wintersemester 2021/22 geplant. Der Altbau in der Althanstraße soll mittelfristig als Ausweichquartier für andere Unis und Fakultäten genutzt werden. Langfristig, heißt es seitens der BIG, sei es nicht unwahrscheinlich, das derzeitige Biologiezentrum durch einen Neubau zu ersetzen – etwa durch ein Studierendenheim.

8. April 2017 Der Standard

Adresse mit Ablaufdatum

Man nehme ein unbebautes Grundstück, vereinbare mit dem Eigentümer eine Nutzungsdauer und setze darauf ein Studentenheim in Kistenbauweise. Letzte Woche wurden die Pop-up Dorms in der Seestadt Aspern eröffnet.

A pproved for transport under customs seal“ steht auf einer kleinen Metallplakette, die an die Containertür geschraubt ist. Darunter ist die eingravierte Zahlenchiffre D/GL-1220-62/2000 zu lesen. Der Rost hat dem Schild zugesetzt. „Ich überlege mir manchmal, wo dieser Container schon überall gewesen sein muss“, sagt Benoît Bouchet. „Er ist ramponiert und hat echt viel Charakter. Aber das muss so sein. Ohne Kratzer und Beulen kann ich mir so etwas gar nicht vorstellen.“

Benoît kommt aus Lyon und studiert Material Sciences an der TU Wien. Vor ein paar Wochen erst ist er eingezogen. Er ist einer von insgesamt 86 Studierenden, die im Studentenheim Pop-up Dorms in der Seestadt Aspern im Nordosten Wiens wohnen. Wie die meisten seiner Wohnkollegen sitzt auch er abends an einem der runden Tische in der großen Halle, im atmosphärischen Schlagschatten des ausrangierten 40-Fuß-Containers, und büffelt aus seinen Skripten.

Das wirklich Ungewöhnliche an diesem Ort ist aber nicht der räudige Überseecontainer, sondern sein Rundherum: Benoîts Wohnadresse nämlich hat ein Ablaufdatum. In drei Jahren soll das modular aufgebaute Heim abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Jede einzelne Studenten-WG lässt sich per Kran auf einen Tieflader verfrachten und kann dann von A nach B gerollt werden. Vor einer Woche wurde das mobile Studentenheim, das Erste seiner Art in Österreich, im Beisein der Projektpartner feierlich eröffnet.

Bauland mit Engpass

„Was Bauland betrifft, haben wir es derzeit mit einem der größten Engpässe und mit entsprechend explodierenden Grundstückspreisen zu tun“, sagte Christoph Chorherr, Wiener Gemeinderat und einer der Initiatoren dieses Projekts, bei der Eröffnung. „Dieses Konzept ist eine gute Möglichkeit, um leerstehende Parzellen, die aus welchen Gründen auch immer erst in einigen Jahren zur Verwertung kommen, temporär zu nutzen.“

Das Konzept dafür stammt von F2 Architekten und Obermayr Holzkonstruktionen. Sie konnten sich vor zwei Jahren im Wettbewerb gegen mehr als 40 Konkurrenten aus ganz Europa durchsetzen. Schon seit 2005 bieten die beiden oberösterreichischen Firmen das selbstentwickelte System an. 35 solcher Projekte konnten bislang realisiert werden. Mit 22 Holzmodulen ist das Studentenheim in der Seestadt Aspern das bislang größte Projekt.

„Die Idee war, ein Fertigteilsystem zu entwickeln, das nicht nach Container aussieht, sondern gewisse wohnliche, architektonische Qualitäten bietet“, sagt Markus Fischer, F2 Architekten. „Es ist, wenn Sie so wollen, die bestmögliche Kombination aus Ästhetik und wirtschaftlicher Vorfertigung.“ Jede Einheit misst exakt 16,80 Meter in der Länge und 5,50 Meter in der Breite. Die Höhe des im Werk komplett vorgefertigten Holzriegelbaus beträgt 3,50 Meter. Die Außenmaße liegen weniger in der Architektur als in der Straßenverkehrsordnung begründet: „Das ist die größtmögliche Größe, die man transportieren kann, ohne dass dabei horrend hohe Kosten für Sondertransporte anfallen“, so Fischer.

Jede einzelne Kiste wiegt rund 30 Tonnen und verfügt über acht Aufhänge- und acht Fundamentpunkte, an denen sie per Autokran aufs Grundstück gehievt werden kann. Die 75 Quadratmeter großen Wohnmodule umfassen jeweils vier Studentenzimmer, zwei Bäder und eine kleine Wohnküche. Dank 36 Zentimeter dick gedämmter Außenwände und einer integrierten Luftwärmepumpe erreicht jedes Modul Passivhausqualität. Auf dem Dach gibt es zudem eine Photovoltaik-Anlage, die Strom zuspeist.

„Mich hat das System von Anfang an fasziniert“, meint Günther Jedliczka, Geschäftsführer der OeAD Wohnraumverwaltung. Gemeinsam mit home4students kümmert er sich um Betrieb und Vermietung. Die Module wurden in Oberösterreich komplett fertig eingerichtet und dann in einem Stück nach Wien gefahren – mitsamt Küchenzeile, Badmobiliar, Schreibtisch, Schrank und Bett. „Am Ende mussten nur noch Bettwäsche und Handtücher ergänzt werden“, so Jedliczka.

175.000 Euro pro WG

„Die 22 Wohnmodule sind in sich so perfekt geplant, dass der Bauaufwand vor Ort auf ein absolutes Minimum reduziert werden konnte“, sagt Sabine Straßer, Geschäftsführerin von home4students. Die Investitionskosten betragen 175.000 Euro pro Wohneinheit beziehungsweise 2300 Euro pro Quadratmeter. „Die geringen Errichtungskosten und die entsprechend niedrige Miete, die wir an den Bauträger zu zahlen haben, können wir eins zu eins an unsere Bewohner weitergeben.“ 355 Euro kostet ein Studentenzimmer pro Monat – Betriebskosten und WLAN inklusive.

„Der günstige Mietpreis war definitiv ein Argument dafür, hierherzuziehen, auch wenn das Heim ziemlich weit draußen liegt“, sagt der 19-jährige bosnische Informatik-Student Lazar Petrović. Seine Klamotten liegen gerade in der Waschmaschine. Die Schleudergeräusche dringen aus dem Inneren des Containers. „Der einzige Nachteil der provisorischen Bauweise ist die Akustik. Man hört überall alles durch. Aber für Studenten ist das eh okay.“

Mit am Tisch sitzt Jaccoline Zegers aus den Niederlanden. Die 21-jährige Studentin deutet auf die komplett verglasten, einsehbaren WG-Küchen, die im Erdgeschoß und ersten Stock die zentrale Halle säumen. „Als Holländerin ist man ja eine gewisse Offenheit und Transparenz gewohnt. Trotzdem ist es am Anfang ziemlich irritierend, beim Nudelkochen quasi in der Auslage zu stehen. Aber man gewöhnt sich daran. Letztendlich schauen beim Kochen alle Menschen gleich aus.“

Das Studentenheim ist für eine technische Nutzungsdauer von 40 Jahren ausgelegt. Jedes einzelne Wohnmodul ist so ausgelegt, dass es theoretisch fünf Umzüge übersteht. „Wir haben uns ausgerechnet, dass sich die Finanzierung nach 20 Jahren amortisiert haben wird“, erklärt Michael Gehbauer, Geschäftsführer der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA), die das Projekt entwickelt und errichtet hat. „Damit haben wir einen gewissen Spielraum für Unvorhergesehenes, und den werden wir auch brauchen, denn noch haben wir keine Erfahrung, wie sich die permanenten Auf- und Abbauten auf die Konstruktion auswirken werden.“

Temporäre Kiste für alle?

Die Pop-up Dorms könnten Schule machen. Vorausgesetzt natürlich, die betroffenen Eigentümer sind bereit, es der Wien 3420 Aspern Development AG gleichzutun und ihre bisweilen unbebauten Grundstücke für bestimmte Zeit kostenlos beziehungsweise günstig zur Verfügung zu stellen. „Meine Vision ist, das Projekt zu einem Best-Practice-Beispiel für sozial Bedürftige und Geflüchtete auszubauen“, sagt Chorherr. „Damit könnte es uns gelingen, die kurzfristigen Wohnungsengpässe zu überbrücken.“

Sollte es die Stadt Wien damit ernst meinen, wäre sie gefordert, sich ein Anreizmodell für Eigentümer zu überlegen und die schamlos grassierende Grundstücksspekulation in der Großstadt charmant auszunützen.

25. März 2017 Der Standard

In Dystopolis herrscht Helmpflicht

Studenten der TU Wien haben dieses Semester die „Baubehörde für totale Sicherheit“ ins Leben gerufen und stellen damit die Frage: Wie sicher wollen wir planen, bauen und leben? Eine Polemik.

Gefahr im Verzug. Wer möchte dafür schon die Haftung übernehmen? Also wird der spitze Taubenschutz am Gesims nutzerinnenkonform nachgerüstet und mit verletzungssicherem Prallschutz aus der Rebensaftindustrie versehen. Zugleich bekommt das Großstadttier einen Bauhelm ums Köpfchen geschnallt. Fertig ist Fall #1045, den Ing. Kurt Sichtig – der Name des Sachbearbeiters wird am Anfang des Films kurz eingeblendet – heute auf dem Tisch liegen hat, nur um sich wenig später der Fallnummer 1356 zu widmen. Diesmal sollen die Turmspitzen des Stephansdoms mit Schaumstoff, Signalfarbe Rot, aufgepolstert werden. Sicher ist sicher.

„Die Stadt entwickelt sich immer mehr zu einer extremen Hochsicherheitszone“, sagt Sylvia Winter, Architekturstudentin an der TU Wien. „Das bezieht sich nicht nur auf immer schärfere Bauvorschriften, sondern greift auch mehr und mehr in den eigenen Privatbereich ein. Als Stadtbewohnerin wird mir damit das instinktive Denken abgenommen. Man wird für unmündig erklärt. Ist es das, was wir wollen?“

Gemeinsam mit ihren beiden Studienkollegen Christoffer Buchebner und Theresa Laber erstellte die 25-Jährige einen provokanten einminütigen Film unter dem dystopischen Titel Baubehörde für totale Sicherheit. Die durchaus bewegenden Bilder, die zurzeit auf der Website des Filmfestivals Diagonale zu sehen sind, sind die Reaktion auf eine bereits lang anhaltende, schwelende Diskussion unter Österreichs Architekten, Fachplanerinnen, Baubeteiligten und Behörden. Entstanden ist der Film im Zuge eines von Gastprofessorin Katja Schechtner (MIT) geleiteten Seminars zum Thema „Data, Tech & the City“ an der TU Wien. Ziel des Semesterprojekts war, über die Stadt der Zukunft nachzudenken und mögliche Auswirkungen von Standardisierung zu skizzieren.

„Als angehende Architektin kann ich den Bedarf von Sicherheitsvorkehrungen auf der Baustelle und im fertigen Gebäude gut nachvollziehen, und der Großteil dieser Maßnahmen ist nützlich und extrem wichtig“, so Winter. „Allerdings frage ich mich: Wie kommt es immer wieder zu den wirklich absurden Ausreißern? Wieso ist ein altes Stiegengeländer heute plötzlich zu niedrig? Wieso müssen Fenster in historischen Häusern nachträglich mit Brüstungen versehen und verbarrikadiert werden? Und wieso dürfen wir schräge und geböschte Wege in der Stadt nicht mehr eigenverantwortlich benützen?“ Der Film ist als Anregung zum Nachdenken gedacht.

„Die totale Sicherheit gibt es nicht, denn es wird immer einen Bereich geben, der in Relation zu anderen Bereichen als unsicher gelten wird“, meint Christian Aulinger, Präsident der Österreichischen Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, im Gespräch mit dem Standard . „Dennoch legen wir schon seit Jahren ein übertriebenes Sicherheitsdenken an den Tag, das nicht nur absurd ist, sondern in einer Kosten-Nutzen-Rechnung – also in der Gegenüberstellung des Ressourcenaufwands und des realen Sicherheitsgewinns – wirklich fraglich ist.“

Schon heute sind sich Experten aus diversen Normen- und Bauvorschriftengremien darin einig, dass man in puncto Sicherheit bereits weit übers Ziel hinausgeschossen habe. „Fakt ist, dass in vielen Gremien die Industrie mitdiskutiert und aufgrund ihrer Eigeninteressen nicht gerade zur Mäßigung der Normen- und Vorschriftenflut aufruft“, so Aulinger. „Also müssen wir Planer und Behörden uns aktiv darum bemühen, hier eine Kehrtwende einzuleiten.“

Mit Erfolg. Im Zuge des sogenannten Dialogforums Bau, einer Initiative der WKO und des Normungsinstituts Austrian Standards, wurden bereits manche Bauvorschriften und Normen gelockert. Vor allem im Bereich des Brandschutzes („In Wien brennen die Häuser schneller und heißer als im Rest der Welt“, ein häufig gehörtes Bonmot) wurden viele überambitionierte Schritte der letzten Jahre wieder rückgängig gemacht oder auf ein vernünftiges Level herabgesetzt.

„Es gibt in Österreich rund 20.000 Normen“, erklärt Heimo Ellmer, der Leiter des Bereichs Bauwirtschaft/Vergabewesen bei Austrian Standards, „und davon sind rund 3000 für die Baubranche relevant. Ich würde sagen, dass wir mit dieser Zahl einen Plafond erreicht haben. Wir sehen, dass die Entwicklung bereits leicht rückläufig ist und dass die zu lesenden Seiten wieder weniger werden.“ Doch das wirklich große Problem, so Ellmer, ist nicht die Fülle an gesetzlichen Vorschriften, Richtlinien und Normen, sondern die Tatsache, dass viele dieser Punkte und Paragrafen einerseits redundant sind und andererseits einander teilweise widersprechen. Da den Überblick zu bewahren ist nicht immer leicht.

„Abgesehen davon, dass wir in einer Normenflut untergehen, haben sich in den letzten zehn Jahren 650 relevante Baunormen durch Novellierungen und neue Kennzahlen verändert“, sagt Peter Bauer, Ingenieurkonsulent für Bauingenieurwesen an der Wiener Architektenkammer. „Das heißt also: Pro Woche gibt es mehr als eine neue Norm zu lesen und zu lernen. Die Definition von Sicherheit verändert sich offenbar im Wochenrhythmus. Das ist absurd.“

Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sich Studierende der TU Wien mit diesen normativen Abgründen beschäftigen. „Wenn wir nicht heute schon aktiv zurückrudern, werden die Architekten von morgen in einem totalen Sicherheitssystem arbeiten müssen“, sagt Rudolf Scheuvens, Professor für örtliche Raumplanung und Stadtentwicklung sowie Dekan der Fakultät für Architektur. „Um das zu verhindern, müssen wir uns alle gegenseitig wachrütteln. Ich appelliere an Gesetzesgeber und Industrie. Etwas mehr Mut zur Gelassenheit wäre angebracht.“

Oder, wie Sylvia Winter, eine der Erfinderinnen der Baubehörde für totale Sicherheit, sagt: „À la longue stiehlt die permanente Übervorsicht dem Lebensraum Stadt die Lust und Lebensfreude. Sie zwingt uns alle in ein System, in das wir nicht hineinwollen. Wir jedenfalls wünschen uns eine Stadt mit Vielfalt und Eigenständigkeit. Es sind diese Widersinnigkeiten, diese Ausnahmen im System, die eine Stadt besonders machen.“

Im Architekturzentrum Wien wird gerade an der kommenden Herbstausstellung gearbeitet: Form folgt Paragraph. Sie widmet sich der Frage, wie sich Sicherheitsnormen und Bauvorschriften auf Stadt und Architektur auswirken. Die Diskussion ist eröffnet.

12. März 2017 Der Standard

Bauten für den dänischen Way of Life

Seit Jahren bestechen Kopenhagener Architekten mit ungewöhnlichen, innovativen Konzepten. Die „dänische Sichtweise auf die Welt“ sorgt international für Furore und spielt auch bei den Mipim-Awards eine große Rolle.

Wien – Jahrzehntelang hat die dänische Presse auf Papirøen ihre Rohstoffe und Zeitungen gelagert. Doch seitdem die Lagerhäuser 2013 geleert wurden, steht die Papierinsel bis auf wenige Häuser leer. Nun soll das 45.000 Quadratmeter große Areal im Kopenhagener Stadtteil Christiansholm revitalisiert und neu bebaut werden. Das dänische Büro Cobe Architects, das sich in einem Wettbewerb gegen OMA, MVRDV, Henning Larsen, C. F. Møller, Adept und Holscher Nordberg Polyform durchsetzen konnte, plant darauf einen lebendigen Stadtteil mit öffentlich nutzbaren Einrichtungen, Büroräumlichkeiten und Wohnungen.

Großer Wert wurde auf die Landschaftsarchitektur gelegt. Wie auch in der HafenCity Hamburg, die europaweit immer wieder als Best-Practice-Beispiel herangezogen wird, sollen die Freiflächen begrünt und bestuhlt werden und Platz für Flohmärkte und Open-Air-Veranstaltungen bieten. Zum Wasser hin soll die Kante zu Sitztribünen ausgebildet werden. Während in der hohen Erdgeschoßzone eine Schwimmhalle, eine Markthalle, Eventräumlichkeiten und Hallen für Gewerbetreibende und Kreativwirtschaftler untergebracht werden, sind die oberen fünf bis zehn Etagen, die ein wenig an die Häusersilhouetten in der historischen Innenstadt erinnern, für Wohnungen und Büros reserviert.

„Unsere Vision ist, Christiansholm und vor allem Papirøen zu einem First-Class-Beispiel für urbanes Leben auszubauen und Touristen sowie Besucher aus der ganzen Stadt anzuziehen“, erklärt Dan Stubbergaard, Gründer und Chefarchitekt von Cobe, der mit seinem Büro selbst auf der kleinen Insel eingemietet ist und spätestens bei Baustart 2018 seine kreativen Hallen räumen wird müssen. „Das Projekt soll ein Beitrag zum Kopenhagener Way of Life werden.“

Kronjuwel

Jens Kramer Mikkelsen, CEO des Grundeigentümers und Auftraggebers CPH City & Port Development, bezeichnet den Siegerentwurf sogar als „Kronjuwel des inneren Hafens“ und als logische Ergänzung zum benachbarten Königlichen Opern- und Theaterhaus. Kein Wunder also, dass das Stadtentwicklungsprojekt, das in Zusammenarbeit mit Inside Outside, Via Trafik und dem deutschen Klima-Engineering-Büro Transsolar geplant wird, derzeit unter den vier Finalisten für die Mipim-Awards 2017 in der Kategorie „Best Futura Project“ rangiert. In wenigen Tagen wird im Palais des Festivals in Cannes der Gewinner gekürt.

Es ist nicht das erste Mal, dass dänische Architektur weit über ihre Grenzen hinweg Bekanntheit erlangt. Der Kopenhagener Marketingzampano Bjarke Ingels und das von ihm 2005 gegründete Büro BIG (Bjarke Ingels Group) haben der dänischen Hauptstadt mit ungewöhnlichen Wohn- und Büroentwicklungen bereits mehrfach Aufmerksamkeit beschert. Aktuell baut Ingels für den Heizkraftwerkbetreiber Amagerforbrænding eine Müllverbrennungsanlage, deren Dach im Winter als 1,5 Kilometer lange Ski- und Snowboardpiste dienen wird. Noch heuer, so der Plan, soll das 800 Millionen Euro teure Pionierprojekt in Betrieb gehen.

BIG ist längst schon international tätig. Im Herbst letzten Jahres wurde in der West 57th Street in New York ein 142 Meter hohes Wohnhaus fertiggestellt, dessen geböschte Fassade sich wie ein dreieckiges Segel gegen den angrenzenden Hudson River stemmt. Aktuell arbeitet der 42-jährige Bjarke Ingels am neuen World Trade Center 2 sowie an „The Big U“ entlang des gesamten Ufers von Manhattan. Die Hochwasserschutzanlage soll den Big Apple künftig vor Hurrikans und steigendem Meeresspiegel schützen. „Es geht in der Architektur darum, unsere Träume zu realisieren“, so Ingels, der sogar schon einmal vom Magazin Rolling Stone interviewt wurde. Auch das kommt nicht alle Tage vor. „Und ja, vielleicht haben wir Dänen eine etwas offenere, unvoreingenommenere Sichtweise auf die Welt.“

Dänische Vorherrschaft

Damit erklärt sich auch, warum auf der Liste der heurigen Mipim-Awards-Finalisten gleich noch zwei weitere dänische Projekte auffallen: In Slagelse, 100 Kilometer westlich von Kopenhagen, planten Karlsson Arkitekter für die Region Sjælland das psychiatrische Krankenhaus GAPS (nominiert in der Kategorie „Best Healthcare Development“). Das 44.000 Quadratmeter große, überaus warm und angenehm gestaltete Haus, das mit DGNB Silber zertifiziert wurde, besticht durch Tageslicht, farbige Kunstlichtführung und viel helles Holz.

Eines der vielleicht aufregendsten Projekte unter den Finalisten ist jedoch der Neubau des Parkhauses Lüders im Nordhavn, Kopenhagen. Anders als bei den meisten Hochgaragen nämlich handelt es sich dabei nicht um einen monofunktionalen Klotz in der Stadt, sondern um eine im wahrsten Sinne des Wortes verspielte, begehbare Skulptur: Das gesamte Dach im achten Stock wurde als knapp 2000 Quadratmeter großer, öffentlich zugänglicher Spielplatz ausgebildet. Mit ihrem Park ’n’ Play – so der offizielle Titel der ungewöhnlichen Revitalisierung – haben JaJa Architects und Rama Studio die Messlatte für städtische Infrastruktur hochgelegt. Das rote Park- und Spielhaus ist sogar für den Mies-van-der-Rohe-Award 2017 der EU nominiert.

2. März 2017 Der Standard

Der Nobelpreis der Architektur erfindet sich neu

Der Pritzker-Preis geht an das spanische Architekten-Trio Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta

Die Überraschung war groß. Zum dritten Mal in der Geschichte des Pritzker-Preises, der seit 1979 jährlich vergeben wird, wurde nicht eine Einzelperson, sondern ein Büro gewürdigt. Und zum allerersten Mal fällt der Lorbeer auf ein Trio: Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta sitzen im 30.000-Einwohner-Städtchen Olot in den katalanischen Pyrenäen, irgendwo zwischen Andorra und Barcelona, in ihrem Büro RCR Arquitectes.

Auf den ersten Blick wirken die drei Gestalten, die sich bislang vor allem in der Fachwelt einen Namen gemacht haben, freundlich und unscheinbar. Doch die Projekte, die RCR – die Bürobezeichnung steht für die Vornamen – bislang realisiert hat, sind gewaltige, visuell und atmosphärisch beeindruckende Gratwanderungen zwischen Archaik, regionaler Verbundenheit und materieller Frechheit. Mal ducken sich die Bauten mit Stein und Stahl in das ländliche Katalonien, mal fallen die an Skulpturen erinnernden Baukörper nur durch ihre Glasflächen und Spiegelungen auf, dann wieder werden die Häuser mutig mit Kunststoff, recycelten Baustoffen und grellen Neonfarben collagiert. Die Kombinationsgabe schockiert.

Zu den bekanntesten Projekten der drei durchschnittlich 56-Jährigen zählen das Weingut Bell-Lloc in Palamós (2007), das hochelegante Senioren- und Bibliothekszentrum Sant Antoni in Barcelona (2007), der Kindergarten El Petit Comte in Besalú (2010), das Soulage Museum in Rodez (2014) sowie das Cuisine Art Center in Nègrepelisse (2014).

Für Furore sorgte vor allem das 2011 eröffnete Open-Air-Theater La Lira in Ripoll. Wie ein rostiges, dreigeschoßiges Skelett aus Corten-Stahl prangt der urbane Bühnenplatz rotzig und kompromisslos zwischen den Feuermauern und Wäscheleinen der angrenzenden Wohnhäuser.

Auch das Büro von RCR ist sehenswert, handelt es sich doch um eine revitalisierte Gießerei, die sogenannte Espai Barberí, im historischen Stadtzentrum von Olot. Da treffen kaputtes Mauerwerk und neuer Beton aufeinander, aus alten Innenhöfen sprießt ein urbaner Dschungel, eine meterlange Glasfassade wird vor kunstvoll ornamentierte gusseiserne Säulen gestellt. Allein für das Erlebnis dieser atemberaubend sakralen Räume möchte man im Sommer sofort als Volontär anheuern. Wie steht doch auf der Homepage von RCR geschrieben? „Univers de la creativitat compartida“ – Universum der gemeinsamen Kreativität.

Angst vor Werteverlust

„Wir leben in einer globalisierten Welt, in der wir auf internationale Geschäfte, Einflüsse und Diskussionen angewiesen sind“, heißt es im Statement der Jury unter Vorsitz des australischen Architekten und 2002-Pritzker-Preisträgers Glenn Murcutt. „Und immer mehr Menschen haben Angst vor genau dem, denn wir sind dabei, nach und nach unsere lokalen Werte zu verlieren. Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta jedoch sagen uns mit ihrer Arbeit, dass man diese Gegensätze auch vereinen kann.“ Die von der Jury zitierte Schönheit und Poesie von RCR erschließt sich einem in jedem einzelnen, auch noch so kleinen Projekt.

Dass der mit 100.000 Dollar dotierte Preis heuer an eine gemischtgeschlechtliche Gruppe vergeben wird, ist wohl kein Zufall. Immer wieder wird die geldgebende Hyatt Foundation dafür kritisiert, Architektinnen zu ignorieren, meist nur Männer vor den Vorhang zu holen. Zaha Hadid (2004) und Kazuyo Sejima (2010) waren in 40 Jahren die einzigen Preisträgerinnen. Sogar die Nachnominierung einiger Frauen, die Seite an Seite mit ihren preisgekrönten Männern arbeiten, aber beim Pritzker-Preis leer ausgingen, wurde bereits diskutiert, von der Stiftung aber abgelehnt.

Vielleicht ist der wichtigste Preis, der als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet wird, in der Gegenwart angekommen. Vergeben wird die Auszeichnung an Aranda, Pigem und Vilalta am 20. Mai im Akasaka-Palast in Tokio.

1. März 2017 Der Standard

Smarte Wohnung, unsmarte Etikette

Eine Anlage mit 245 Wohnungen darf ihr ökologisches Potenzial nicht erfüllen

Wien – „Wenn wir von jungem Wohnen sprechen“, sagt Ewald Kirschner, Generaldirektor der Gesiba, „dann vor allem von Smart-Wohnungen, also von der Kombination aus kompakten Grundrissen und verträglichen Bruttomieten.“ Die von der Gesiba entwickelten Wohnbauten auf den Parzellen G2 und G3 umfassen 138 geförderte Mietwohnungen, 61 Smart-Wohnungen sowie 46 Gemeindewohnungen neu. Die monatliche Miete für die 47 bis 73 Quadratmeter großen Wohneinheiten liegen unter 7,50 Euro pro Quadratmeter.

Der Gesiba-Bauteil zeichnet sich schon jetzt durch soziale Kompetenz aus, handelt es sich doch um ein kooperativ entwickeltes Projekt der Architekten Georg Reinberg, Huss Hawlik, Sophie und Peter Thalbauer sowie des Wiener Büros Superblock. Das Programm umfasst nicht nur Wohnungen, sondern auch Gemeinschaftsräume, Geschäftsflächen und Arztpraxen. Sogar drei nächteweise anmietbare Gästezimmer für den Tantenbesuch aus Vorarlberg sind geplant. Ein bestehender Altbau, in dem sich einst die Dienstwohnungen der Gaswerkmitarbeiter befanden, soll revitalisiert und ins Gesamtkonzept einbezogen werden. In Erinnerung an die ehemalige Nutzung soll er gelb und resedagrün gestrichen werden.

„Die größte Besonderheit ist die gute, intelligente Flächenwidmung auf diesem Areal“, erklärt Architekt Andreas Hawlik. „Pro Bauplatz durften wir deutlich mehr Kubatur als Wohnnutzfläche entwickeln. Das hat die Bauträger angespornt, die Dichte nicht komplett auszureizen, sondern auch alternative Nutzungen einzuplanen. Es ist eine schöne Wohnhausanlage – und keine Paragrafenorgie mit Gaupen, Erkern und Balkonen.“

Einen Schönheitsfehler gibt es dennoch. „Der Bauträger-Wettbewerb hat vorgesehen, dass die hier tätigen Architekten Arbeitsgruppen bilden und gemeinsam Ideen für Städtebau, Freiraumplanung und alternative Energiegewinnung entwickeln“, erzählt Reinberg. „Es sind komplexe, ausgetüftelte Konzepte entstanden. Wir wollten ein Forschungsprojekt in die Praxis umsetzen und mithilfe solarer Energie umweltfreundlich Gas produzieren. Doch kurz vor Ende wurde das Projekt von Wien Energie und Wiener Netze gestoppt.“

Grund: Die Anlage sei unwirtschaftlich, denn russisches Gas sei derzeit sehr billig. „Das ist eine vertane Chance“, so Reinberg. „Erst lässt man die Architekten unentgeltlich arbeiten und lädt sie ein, Pionierarbeit zu leisten, und dann sagt man Danke. Das ist nicht nachhaltig, sondern frustrierend.“

1. März 2017 Der Standard

Wohnhaus für Exhibitionisten

In Neu-Leopoldau entsteht ein Wohnhaus mit komplett verglasten Wohnungseingängen. Die offenen Schaufensterräume sind als Kreativzone für Selbstverwirklichung der jungen Mieter gedacht.

Wien – Die Niederländer, sagt man, wohnen in der Auslage. Das calvinistische Wohnverständnis ohne Scham und ohne Vorhänge mutet hierzulande in der Tat seltsam an. In Kürze wird auch Wien sein erstes extrovertiertes Haus haben. Am südwestlichen Zipfel von Neu-Leopoldau, Parzelle H1, entsteht ein Wohnbau mit 65 geförderten Wohnungen, die zum Stiegenhaus hin raumhoch verglast sind. Sämtliche Wohneinheiten werden über eine Glastür mit anschließendem Fenster erschlossen. Die ersten Visualisierungen verheißen einen Hauch von urbaner Setzkasten-Atmosphäre.

„Dieses Haus richtet sich speziell an junge Leute, die sich danach sehnen, kreativ zu sein und einen Teil der Wohnung als Schaufenster in den sozialen, halböffentlichen Raum zu nutzen“, erklärt Richard Scheich, Projektleiter im Wiener Architekturbüro feld72. Angedacht sind Ateliers, Hobbyräume, Hausbibliotheken, ausgefallene Sammlungen oder kleine gewerbliche Einheiten wie etwa Minifriseur oder Tätowierstudio. „Es geht um Selbstverwirklichung“, so Scheich. „Und wenn es nur der eigene Weinkeller oder ein kleiner Hausflohmarkt ist, den man einmal in der Woche veranstaltet.“

Züricher Vorbild

Was in Österreich exotisch anmutet, ist in der Schweiz All- tag. Viele innovative Wohnbaugenossenschaften praktizieren genau das: Offenheit gegenüber den Nachbarn. Und die Mieter scheinen das Angebot zu lieben. Am Hunzikerareal in Zürich, mit dem das Projekt feld72 große Ähnlichkeit aufweist, sieht man die ausgiebige Experimentierlust der Bewohnerinnen – und weit und breit weder Vorhänge noch Jalousien.

„Das ist progressiv und sicher nicht jedermanns Geschmack“, meint der Architekt, der den fünf bis acht Quadratmeter großen, verglasten Vorraum als „Plusbereich“ bezeichnet. „Auch der Wohnfonds Wien hat in der Entwicklungsphase Bedenken gehabt. Aber es reicht schon, wenn wir aus ganz Wien ein paar Dutzend Junge und Junggebliebene für diese Idee begeistern können.“ Hinter dem „Plusbereich“ wird es übrigens einen baulich fix eingeplanten, undurchsichtigen Vorhang geben. Dahinter darf sich dann jeder in klassischer Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit üben.

Hinter dem ungewöhnlichen Projekt, das mit dem Architektursoziologen Jens Dangschat entwickelt wurde, steckt die Wohnbaugenossenschaft Schwarzatal. Mit außergewöhnlichen Wohnprojekten hat der gemeinnützige Bauträger bereits Erfahrung. Das als Baugruppe entwickelte Wohnprojekt Wien am Nordbahnhofareal wurde bereits mit etlichen Preisen überhäuft – darunter auch mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit.

„Wir wollen etwas Neues ausprobieren“, sagt Benjamin Heinrich, Projektmanager bei Schwarzatal. „Und das heißt, dass man sich auch trauen muss, experimentell zu arbeiten und ein gewisses Risiko einzugehen. Wir sind davon überzeugt, dass wir Menschen finden werden, die sich für genau diese Form des Wohnens interessieren.“ Der Großteil der Wohnungen hat zwischen 39 und 75 Quadratmeter und wird bei knapp acht Eure Miete pro Quadratmeter liegen. Hinzu kommen ein paar Wohnungen mit zwei separaten Eingängen – für Homeoffices, Airbnb-Kandidaten und renitente Pubertierende. „Den Mietern wird schon was einfallen“, meint Heinrich. „Hier ist Kreativität gefragt.“

1. März 2017 Der Standard

Wenn das Gaswerk unter Strom steht

Die beiden Bauträger Frieden und BWS errichten in der Mitte von Neu-Leopoldau 266 Wohnungen mit irgendwie energetischer Thematik. Besonders spannend: Den Mix aus Eigenmitteln und Miethöhe wird jeder Mieter selbst bestimmen können.

Wien - Bis 1969 wurde im Gaswerk Neu-Leopoldau in Wien-Floridsdorf aus Kohle Stadtgas hergestellt. Im Zuge von Produktion, Kriegsbeschädigung und Auflassung der Anlage kam es auf dem 42 Hektar großen Areal zur Kontaminierung des Untergrunds. Nachdem die Fläche von den Wiener Netzen saniert wurde, sollen hier ab Ende des Jahres – aufgeteilt auf mehrere Bauträger und Architekturbüros – rund tausend geförderte Wohnungen errichtet werden. Das Gesamtinvestitionsvolumen beträgt 121 Millionen Euro.

Zentrum der Anlage bildet der Bauplatz P, wo die beiden gemeinnützigen Bauträger Frieden und BWS-Gruppe 189 geförderte Wohnungen und 77 Smart-Wohnungen realisieren werden. Hinzu kommen ein Heim für Kinder und Jugendliche, ein Studentenwohnheim sowie ein Wohnheim mit kurzfristig anmietbaren Startwohnungen. Wie auf dem gesamten restlichen Areal steht das Projekt unter dem Generalmotto des jungen Wohnens. Die Idee ist fürwahr elektrisierend.

„Das Angebot umfasst vor allem leistbares Wohnen und richtet sich an Jungfamilien sowie an Interessenten, die sich in einem jungen, urbanen Umfeld wohlfühlen“, sagt Christoph Scharinger, Prokurist und Leiter der technischen Abteilung der Baugenossenschaft Frieden. „Dazu gehört auch, dass sich die Mieter den Mix aus Eigenmittelanteil und Miete individuell aussuchen können werden.“ Das Modell funktioniert nicht anders als bei einem Leasingwagen: Je höher das Startkapital, desto niedriger die Leasingrate – und umgekehrt.

„Wir haben uns an der Geschichte des Ortes orientiert und definieren unseren Bauplatz als Energiebündel“, erklärt Architektin Regina Freimüller-Söllinger. Gemeinsam mit ihrem Büro plant sie drei Wohnbauten, die unter einem energetischen Motto stehen. „Die drei Häuser heißen Gleichstromgebäude, Wechselstromgebäude und Energietwist und spielen mit genau jenen Bildern, die sie evozieren.“ Mal ist es die gleichförmige Belichtung von allen Seiten, mal die wechselnde, hin und her springende Erschließung, mal die sich verdrehende Struktur des gesamten Hauses. Der Kurzschluss ist vorprogrammiert. Ob die Metaphern über die Konzeptionsphase hinaus Bestand haben und von den künftigen Bewohnerinnen entsprechend verstanden werden, sei dahingestellt.

Mit Brücken verbunden

Ungewöhnlich ist jedenfalls, dass die einzelnen Bauteile mittels Brücken miteinander verbunden werden und über eine ganze Batterie an quartiersübergreifenden Gemeinschaftsräumen verfügen, die den Bewohnerinnen und Bewohnern des gesamten Planungsareals zur Verfügung gestellt werden sollen. Ergänzt wird das Angebot von sogenannten Pop-up-Boxen im Erdgeschoß. „Hier werden die Bewohner die Möglichkeit haben, auch sehr kurzfristig Räume und Gewerbeflächen anzumieten“, so Freimüller-Söllinger. „Ganz gleich, ob das nun ein Büro, ein kleiner Imbissstand oder eine Punsch- und Glühweinhütte ist.“

Drei weitere Bauten, die die BWS errichtet, stammen aus der Feder der group of young architects (goya). Auch hier folgen die einzelnen Häuser mit Wohnungen zwischen ein und vier Zimmern mehr oder weniger spannungsgeladenen Ideen. Highlight ist sicherlich das zwölfgeschoßige Hochhaus mit einem breiten Spektrum an ganz unterschiedlich konfigurierten Wohnungen. „Wir kombinieren Wohnungen mit einer minimalen Trakttiefe von nur fünf Metern mit solchen, die bis zu zwölf Meter tief sind“, erklärt Architekt Paul Preis von goya. „Auf diese Weise können wir innerhalb eines Bauteils einen maximalen Mix an Wohnungscharakteren anbieten.“ Bonuszuckerl für junge Paare: In puncto Fensteraufteilung und Vorinstallation sind die meisten Wohnungen so konzipiert, dass sich ein Teil des Wohnzimmers eines Tages für ein kleines Kabinett abzwacken lässt.

25. Februar 2017 Der Standard

Alle sind Architekten

Das Bildungszentrum Pestalozzi in Leoben blickt auf eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte zurück. Die Schulsanierung ist das Produkt vieler unterschiedlicher Ideen aus Fachwelt und lokaler Bevölkerung.

Es war im Oktober 2013. Nach vier Tagen intensivster Ideenwerkstatt fischte Caren Ohrhallinger die anonymen Wunschzettel aus dem Ideenglas. Auf einem der Zettel war zu lesen: „Jeder hat das Recht auf eine schöne Schule.“ Die Schrift, erinnert sich die Architektin, war die eines Kindes. „Mich hat dieser Satz so berührt, dass wir beschlossen haben, dem Ideengeber diesen Wunsch zu erfüllen.“ Nach drei Jahren Entwicklungs-, Planungs- und Bauzeit startet dieser Tage das zweite Semester im neuen, rundum revitalisierten Bildungszentrum Pestalozzi in Leoben.

„Das war keine klassische Schulbauplanung, sondern ein intensiver Planungsprozess, dem zu Beginn ein Bürgerbeteiligungsverfahren zuvorgegangen war“, erklärt Ohrhallinger, Partnerin im Wiener Architekturbüro nonconform. „Vier Tage lang haben wir mit Lehrerinnen, Direktoren, Eltern, Schülerinnen und Schülern, Behörden, Bundesdenkmalamt und Pädagoginnen diskutiert und Ideen gesammelt. Am Ende ist der Großteil der Visionen in eine erste Entwurfsstudie eingeflossen.“

Eine der wichtigsten Entscheidungen war, mehrere Schulstandorte und Schultypen zusammenzufassen und an den Standort der ehemaligen, denkmalgeschützten Pestalozzi-Schule in Leoben-Donawitz zu übersiedeln, denn aufgrund der demografischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte sind die Kinder weniger und die Schulen leerer geworden. „Doch so eine Zusammenlegung“, so die Architektin, „ist nicht einfach nur die Summe der notwendigen Klassenzimmer. Das ist ein Hybrid mit fließenden Übergängen und möglichen Synergien, die sorgfältig vorbereitet und begleitet werden müssen.“

Acht Uhr. Nach der Schulglocke spitzt man die Ohren vergeblich. Längst hat sich das Schulgebäude, in dem nun Volksschule, Neue Mittelschule und Polytechnische Schule unter einem Dach vereint sind und sich sogar ein gemeinsames Lehrerzimmer teilen, mit einigen hundert Kindern und Jugendlichen gefüllt. „So viele Schülerinnen und Schüler habe ich hier seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt“, sagt Volksschuldirektorin Petra Kail. Als sie 1976 zu unterrichten begonnen hat, gab es 32 Klassen: „In den letzten Jahren konnten wir gerade acht Klassen füllen. Hinzu kommt, dass das Haus desolat und abgelebt war. Das war ein Geisterschloss.“

Die Zeit des Fürchtens, als die leeren Terrazzokorridore an eine Mischung aus Schlachthof und psychiatrischer Anstalt erinnerten, ist vorbei. Wo bei Eröffnung des Hauses 1927 Mädchen und Buben streng voneinander getrennt und noch mit Rohrstock gezüchtigt wurden, entfaltet sich nun eine heterogene Lernlandschaft mit Stufen, Nischen, Glaswänden, Filzpölstern, aufklappbaren Kommoden und riesigen Bullaugen in der Wand.

„Das sind unsere Leselöcher“, sagen Amy (11), Jamie (11) und Adam (10). „Da können wir uns von beiden Seiten reinsetzen – einmal in der Klasse und einmal am Gang – und uns beim Lesen durch die Glasscheibe zuschauen. Das ist voll lustig.“ Und der Lieblingsplatz der 15-jährigen Diana sind die beweglichen Sitzmöbel am Gang. „In den Strandkörben verbringen meine beste Freundin und ich die Pause. Da sind wir dann mittendrin und doch auch ganz allein.“ Statt einen Teil des Sanierungsbudgets in eine kostspielige kontrollierte Klassenraumbelüftung zu investieren, wie dies ursprünglich vorgesehen war, entschieden sich die Planer, auf ganz normale, händisch öffenbare Fenster zurückzugreifen und das Geld lieber für eine „Verwohnraumlichung“ (nonconform) des historischen Schulgebäudes auszugeben. Dazu zählen nicht nur die verspielten Kernbohrungen in den Wänden, sondern auch der Einsatz von Parkettböden, selbst entwickelten Schulmöbeln und abgehängten Schaumstoffbaffeln, die wie Baumstämme von der Decke baumeln. Schallschutz kann auch schön sein.

Das war ein Geisterschloss

Dass die ungewöhnliche Sanierung (Gesamtinvestitionskosten 14 Millionen Euro) überhaupt möglich war, sei vor allem dem steirischen Schulbaugesetz zu verdanken. „Die Steiermark ist das einzige Bundesland, wo es bis heute keine Schulbauverordnung gibt“, sagt Michael Zinner, Schulbauforscher an der Kunstuniversität Linz. „Entsprechend frei sind die wenigen Richtlinien und Vorschriften zu interpretieren. Wenn man so will, ist dieses Schulhaus ein ursteirisches Pilotprojekt.“

Das trifft auch auf die gesamte Abwicklung des Projekts zu. Anstatt die Planung und Sanierung laut Bundesvergabegesetz auszuschreiben, entschied sich der Leobener Baudirektor Heimo Berghold, den gesamten Planungsprozess zu tranchieren und an mehrere unterschiedliche Architektinnen, Einreich- und Detailplaner, Innenraumgestalterinnen, Projektsteuerer und lokale Vertreter zu vergeben. Auch die Kunstuni Linz war beratend mit von der Partie – und begleitet den Schulbetrieb nun ein Jahr lang in Form von Nachbetreuung und Evaluierung. Das ist ein Novum im deutschsprachigen Raum.

Viele Köche verderben den Brei, heißt es. In diesem Fall jedoch haben viele kommunikative Köche nicht nur Schule, sondern auch Furore gemacht. „Partizipation ist Beziehungsarbeit“, sagt Zinner, „und diese Kultur hat sich auch auf die Planungs- und Bauphase übertragen. Das Projekt war ein einziges kommunizierendes Gefäß, in dem sich jeder mit seiner jeweiligen Expertise eingebracht hat. In einem klassischen Wettbewerb wäre diese feinstoffliche Qualität niemals zu erreichen gewesen.“

Alles paletti? Von wegen. Die Lehrer und Direktorinnen klagen über den bis heute nicht funktionierenden Server, über die ungeschickt platzierten Turnsaalgarderoben sowie über die manuell umsteckbaren Kreidetafeln, die sich die Architekten eingebildet hätten und die vor allem kleinere Lehrerinnen vom ersten Tag an verfluchen. So manches Detail ist nervig. Wie bei jedem anderen Projekt auch.

Fragt sich am Ende: Warum also soll man sich so einen komplizierten Partizipationsprozess antun? „Weil die Schulplanung noch immer nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist“, meint Michael Zinner. „Weil es immer noch formale Systeme gibt, die die Schulplanung auf ein Pauschalrezept reduzieren und neue pädagogische Lernformen erfolgreich ignorieren. Angesichts der Tatsache, dass die Gesellschaft immer differenzierter wird, ist die Schulplanung von der Stange nicht genügend.“ Jeder hat das Recht auf eine schöne Schule.

18. Februar 2017 Der Standard

Vom Luftschloss zur Luftmaschine

Diese Woche präsentierten Chris Müller und Coop Himmelb(l)au ihre gemeinsamen Pläne für ein Gesundheitsresort für Mukoviszidose-Patienten. Das Luxusresort am Meer soll kranken Menschen Atem spenden.

Gute Architektur, sagt man, sei atemberaubend. „In diesem Fall aber“, meint Chris Müller, „wünsche ich mir ein atemspendendes Projekt, bei dessen Anblick jedem der Mund offen bleibt. Wir möchten einen Ort bauen, den es in dieser Form noch nie zuvor gegeben hat. Einen biomechanischen Musentempel, der in der Lage ist, nicht nur geistige Kreativität, sondern auch körperliche Gesundheit zu fördern. Ja, es ist ein Kampf mit den Elementen. Und nein, niemand hat gesagt, dass das leicht werden wird. Gott ist ja kein Magistrat.“

Die Rede ist von Atmos, einem sogenannten Selfness-Resort direkt an der Meeresküste. Im Gegensatz zu den meisten Anlagen dieser Art jedoch ist der hier angestrebte Urlaubsluxus kein Selbstzweck, sondern vielmehr Mittel zum Zweck, um kranken Menschen auf die Sprünge zu helfen. Dank der exponierten Lage, vor allem aber dank der speziellen Bauweise und Haustechnik des Resorts sollen Mukoviszidose- Patienten – in Österreich ist die Krankheit besser als Cystische Fibrose (CF) bekannt – tief durchatmen und sich auf diese Weise eine Verschnaufpause von ihren Strapazen gönnen können.

Chris Müller, Leiter des Theaters Hausruck und künstlerischer Direktor der auf Kreativwirtschaft spezialisierten Tabakfabrik Linz, initiierte die rund 30 Hektar große Luftmaschine aus gutem Grund. Seine sechsjährige Tochter leidet selbst an Mukoviszidose. So wie rund 20 weitere Kinder, die in Österreich mit der tödlichen, bis dato unheilbaren Erbkrankheit jährlich auf die Welt kommen. Mit Atmos, so Müller, möchte er die Welt für das Thema sensibilisieren und Partner und Unterstützer finden.

Einer davon ist Wolf Prix vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au. „Ich bin ein Fan der kretisch-minoischen Kultur, und wie der weit verzweigte Königspalast auf Knossos soll sich auch Atmos über die Landschaft erstrecken und einen Lebensort kreieren“, sagte Prix am Dienstag bei einer Pressekonferenz, bei der das Projekt erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. „Wichtig bei diesem Palast ist lediglich, dass er sich in einer gestaffelten Höhenlage über dem Meer befindet, damit die Winde und die solcherart mit Salz angereicherten Aerosole über die offenen Häuser streifen und die Menschen mit salzhaltiger Luft versorgen.“

Mukoviszidose ist eine angeborene Stoffwechselkrankheit, bei der der Wasser- und Salzhaushalt der Schleimhäute gestört ist. Dadurch werden Lunge und Bauchspeicheldrüse permanent mit zähem Schleim verklebt. Regelmäßige Salzinhalationen helfen dabei, den Schleim zu verdünnen und abzutransportieren. Dadurch wird auch die Zahl der im Schleim nistenden Lungenbakterien reduziert. Atmos ist nichts anderes als eine Inhalationsmaschine im Maßstab XXL.

Die charakteristische Tonnenform der zum Teil frei stehenden Häuser soll die thermische Luftzirkulation verstärken und den Luftwechsel auf diese Weise erhöhen. Durch eigens aufgesetzte Luftkamine – eine Konstruktion, die sich Prix offenbar von den in der arabischen Welt typischen Lufttürmen abgeschaut hat – soll die frische Meeresbrise ins Haus gesaugt werden. Salzwasserhaltige Pools zwischen den Häusern sollen die Luft durch Verdunstung zusätzlich mit Salz anreichern und das Mikroklima auf diese Weise verbessern. Sogar ein salzhaltiger Wasserfall ist geplant.

„Ich sage nicht, was ich mir das erste Mal gedacht habe, als ich von dieser Idee gehört habe“, erinnert sich Arzt Franz Eitelberger, Leiter der CF-Ambulanz der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Klinikum Wels. „Das Projekt ist ambitioniert und muss extrem sorgfältig geplant und gebaut werden, damit es medizinische Wirkung zeigt. Auf jeden Fall aber kann ich aus meiner Erfahrung bestätigen, dass eine mit Salz angereicherte Luft für CF-Patienten krankheitsmildernd ist.“

Eine physiologische Kochsalzlösung, so Eitelberger, habe einen Salzgehalt von 0,9 Prozent. Meeresluft hingegen liege mit einem Salzgehalt von drei bis vier Prozent in einem durchaus Symptome lindernden und gesundheitsfördernden Bereich. Studien belegen, dass Menschen am Meer einen verzögerten Krankheitsverlauf und somit auch eine deutlich höhere Lebenserwartung haben. „Atmos ist ein großartiges Projekt und ein schöner Hoffnungsschimmer, den ich von ganzem Herzen unterstütze. Bloß die Sache mit dem Salzwasserfall ist mehr eine emotionale als eine medizinische Angelegenheit.“

Aktuell ist Projektinitiator Chris Müller auf der Suche nach Projektpartnern und Investoren. Sie sollen das bisherige Team rund um das oberösterreichische Consulting-Unternehmen Delta, den Hotel- und Tourismusberater PKF sowie die auf Immobilienberatung spezialisierte Soravia Group ergänzen und gemeinsam eine Lösung finden, wie Atmos zu einem sich selbst finanzierenden Betreibermodell entwickelt werden kann.

„Der Bau soll keinen einzigen Cent aus dem Spendentopf der Mukoviszidose-Forschung kosten“, versichert Müller. „Ganz im Gegenteil. Das Resort soll sich als Destination für Ruhe- und Kreativitätssuchende selbst finanzieren können. Und zwar so gut, dass wir aus den Gewinnen einen Teil der Anlage Mukoviszidose-Patienten und ihren Familien kostenlos zur Verfügung stellen möchten.“ Diesen Deal, so Müller, werde man mit den Betreibern und Projektbeteiligten vertraglich einzementieren.

Ziel ist eine rund 15.000 Quadratmeer große Anlage mit 132 Apartments und diversen Annehmlichkeiten wie Pool und Spa-Bereich sowie etlichen Notwendigkeiten wie etwa Therapiezentrum und medizinischen Einrichtungen. Das Investitionsbudget soll sich ersten Berechnungen zufolge auf rund 35 Millionen Euro belaufen. Fehlt nur noch das nötige Stückchen Land.

Man sei bereits mit einigen Bürgermeistern im Gespräch, heißt es auf Anfrage des Standard . Zur Auswahl stehen derzeit sechs konkrete Grundstücke in Italien, Kroatien und Portugal sowie in Israel und Gambia. Für weitere Vorschläge sei man offen. Doch die Initiatoren sind zuversichtlich. „Unsere Aufgabe ist es, den Turmbau zu Babel fertigzustellen“, sagt Architekt Wolf Prix in den für ihn so typischen Worten. „Diese Vision ist es, die mich antreibt.“ Und Chris Müller appelliert zum Schluss der Präsentation an die versammelte Presse: „Wir möchten das Unmögliche wagen. Gehen wir gemeinsam dorthin, wo noch nie jemand war.“

Es ist eine schöne, aber womöglich strapaziöse Reise. Man wird einen langen Atem brauchen. Damit die Luftmaschine am Ende nicht zum Luftschloss wird.

17. Februar 2017 mit Nina Egger
Viola John
TEC21

Altruist

Sieht so die Zukunft aus? Weil Architekten zu Forschern wurden und ein Gebäude zum ­selbstlosen Energieversorger, entstanden allerlei technische ­Neuerungen. Das Wohnhaus ist ein Ideenpool für künftige Energiesysteme.

Viele Jahre vergehen für Planung und Bau, getragen von Akteuren, die man nicht unbedingt erwarten würde: Im Zentrum von Vaduz entsteht derzeit das Active Energy Building von Falkeis Architects – Anton Falkeis und Cornelia Falkeis-Senn und einem Team von Forschern, Entwicklern, ­Schlossern, Maschinenbauern, Robotikern und vielen mehr. Das Gebäude setzt sich aus zwölf Wohneinheiten zusammen und produziert mehr erneuerbare Energie für Heizung und Kühlung, als es selbst verbraucht. Dabei versorgt es gleichzeitig sich selbst und bildet einen Versorgungsknoten für die Nachbargebäude. Das Energiekonzept des Gebäudes basiert einerseits auf bewährten Prin­zipien und Systemen, beispielsweise Geothermie zur Bereitstellung von Wärmeenergie sowie Photovoltaikzellen für Strom. Andererseits sind einige der ein­gebauten Technologiekomponenten eigens für dieses Gebäude entwickelte Prototypen, deren Anwendung für zukünftige Energiesysteme als Vorlage dienen kann, etwa jene für die Klimaregulierung.

Gebaut wird im Energy Cluster

Das Areal, auf dem das Bauwerk errichtet ist, beinhaltet Wohn- und Bürogebäude, Grünanlagen und überbaute Tiefgaragen. Hier soll durch die ausschliessliche Verwendung von erneuerbaren Energiequellen sowie durch die Verknüpfung mit einem Pumpspeicherwerk und E-Mobility die CO2-Bilanz künftig auf vorbildlich niedrigem Niveau gehalten werden. Das Active Energy Building steht im Verbund mit den anderen Gebäuden des Areals und bildet mit ihnen einen sogenannten ­Energy Cluster (Abb.). Der Vorteil: Die dezentrale Energieversorgung kann innerhalb dieses Netzwerks besser genutzt werden als von einem Einzelobjekt. Denn je nach Nutzung der Wohn- und Büroräume entstehen zu unterschiedlichen Tageszeiten Energiebedarfsspitzen. In Summe sind sich die Energieverbräuche auf dem Areal am Vormittag und Abend dadurch viel ähnlicher, als dies im Einzelfall für Wohngebäude oder Büros zutrifft, wo sich der Bedarf im Tagesverlauf von tiefen Tälern zu hohen Spitzen und wieder talwärts schwingt.

Bewährte Systeme weisen den Weg zu Innovationen in der Energietechnik

Für die Nutzung von Geothermie wird dem Erdreich an zwei Stellen Wärme entnommen bzw. zugeführt. Einmal mit einer Entnahmetiefe von 13 m und einer Förder­leistung von 900 l/min, im anderen Fall mit einer ­Entnahmetiefe von 15 m und einer Förderleistung von 1800 l/min. Die Verteilung der thermischen Energie im Cluster erfolgt je nach Aktivität der Nutzungen.

Für die Bereitstellung von PV-Strom sind die schmale Südseite und das gesamte Dach als aktive Flächen ausgebildet. Um bei jedem Sonnenstand für einen maximalen Energieertrag zu sorgen, spielt die ideale Ausrichtung der PV-Zellen zur Sonne eine grosse Rolle. Daher wurden die energiegewinnenden Elemente so konzipiert, dass sie sich mit dem Sonnenstand mit­drehen (Abb.). Die Photovoltaikflügel wurden speziell für dieses Projekt entwickelt. Die Solarzellen selbst sind zwar weitläufig erhältlich, doch für die ­Konstruktion der gebäudeintegrierten, dreiachsigen Nachführung wurde das Planungsteam um Robotik­ingenieure und Maschinenbauer erweitert.

Für die Klimaregulierung an der Ost- und Westseite des Gebäudes wurden in Zusammenarbeit mit Forschern der Hochschule Luzern spezielle Fassadenmodule mit Latentwärmespeicher entwickelt. Die Tests und Simulationen mit den mit einem Phase-Change-Material (siehe Kasten «Phase Change Materials» unten) auf Paraffinbasis gefüllten Flügelelementen nahmen fast drei Jahre in Anspruch. Die Recherche gestaltete sich schwierig, denn die meisten PCM-Hersteller am Markt rieten von dieser noch kaum erforschten Technologie ab. Nachdem sich keine Partner aus der Industrie gefunden hatten, musste die erforderliche Kompetenz für Forschung, Entwicklung und Umsetzung von falkeis.architects selbst aufgebaut werden.

Als Vorbild dient die Natur

Um die im obersten Geschoss angebrachte Energie- und Klimatechnik aufzunehmen, entwickelten die Planer ein Tragwerk aus Stahl, das sie auf das Gebäude setzten. Die Konstruktion umspannt das Dachgeschoss sowie Teile der Ostfassade und ermöglicht zudem die elf Meter lange, südseitige Auskragung des Attikageschosses.

Die Stahlstruktur basiert auf einem Vorbild aus der Natur: dem Voronoi, das organischen Zellen ähnelt. Zum Beispiel bestehen die Flügel einer Libelle aus einer solchen Struktur aus einzelnen Feldern, die so zusammengesetzt sind, dass sie bei geringem Gewicht eine sehr hohe Stabilität aufweisen. Nur so kann die Libelle fliegen. Als Voronoi-Algorithmus bezeichnet man eine Zerlegung des Raumes in bestimmte Regionen. Jede Region wird durch genau ein Zentrum bestimmt und umfasst alle Punkte des Raumes, die näher am Zentrum der Region liegen als an jedem anderen Zentrum.

Die Voronoi-Tragstruktur besteht aus einzelnen zusammengeschweissten Blechträgern. Hierzu wurden die Einzelteile entweder über Kopfplatten mit Schraubverbindungen gefügt oder an ihren Flanschen mit V-Nähten zusammengeschweisst. Alle Träger weisen eine gleichbleibende Höhe von 80 cm auf, bei variabler Neigung der Stege von bis zu 42°. Sie sind im Stahl­betonverbund mit der Gebäudehülle verschnitten. Die Dach- und Fassadenelemente sind über Metalllaschen untereinander verbunden.

Wie Blütenköpfe drehen sich die PV-Elemente zur Sonne

In die polygonalen Felder der Voronoi-Struktur fügen sich Fenster, Oberlichter und alle beweglichen Elemente ein. Darunter sind mehrere Arten von PV- und PCM-Modulen. An der Lamellenfassade im Süden und auf den Balkonelementen im Osten sind polykristalline Zellen installiert, die zusammen 11 kWp liefern. Elf mit monokristallinen Modulen ausgestattete Oberlichter kommen auf 5.4 kWp. Der Grossteil des PV-Ertrags kommt aber von 13 dreiachsig nachgeführten Photovoltaikflügeln mit Flächen von bis zu 12 m², die in der Voronoi-Struktur des Dachs untergebracht sind. Sie folgen, ähnlich den Blütenköpfen von Blumen, während des Tages dem Sonnenverlauf.

Mit einem seit 2014 installierten Mock-up konnten Forscher der HSLU einen Ertragsfaktor von 2.9 nachweisen. Die 34.79-kWp-Anlage wird somit den jährlichen Solarertrag einer gleich grossen, fix ­montierten Solaranlage nahezu verdreifachen. Damit soll das gesamte Areal mit Solarstrom versorgt werden können. Überschüsse, die nicht genutzt werden, nimmt die Kraftwerks AG ab.

Die Klimaregulierung funktioniert phasenweise verschoben

Sieben mit einem Phase Change Material (PCM) als Latentwärmespeicher ausgestattete Klimaflügel sind an der Ost- und Westseite des Gebäudes in die polygonalen Zwischenräume der Voronoi-Struktur eingepasst. In ihrer Ruheposition liegen die Flügel flach in der Trag­struktur und dienen dem Schutz vor sommerlicher Überwärmung. Mit von Solarstrom betriebenen Spindelmotoren, die die Flügel bis zu 110° aufklappen und dem Himmel beziehungsweise der Sonne entgegenstrecken, wird das Potenzial des Phase Change Materials maximal ausgeschöpft.

Die vier Heizflügel (Abb.) befinden sich an der Westfassade des Gebäudes und klappen in den Morgenstunden auf, während das darin enthaltene PCM noch fest ist. Dank der Ausrichtung zur Sonne wird das Paraffin im Material erhitzt und verflüssigt sich bei einer Temperatur von 32 °C. Sobald das geschmolzene PCM am Ende des Tages den maximalen Wärmeeintrag erreicht hat, schliessen sich die Flügel automatisch und docken mittels eines Ventils an das Lüftungssystem an. Über einen Wärmelufttauscher wird die freigegebene Energiemenge an das Haus abgegeben. Die PCM-Flügel decken rund 10 % der gesamten Heizlast ab.

Genau umgekehrt verhält es sich bei den drei ostseitigen Kühlflügeln (Abb.). Diese liegen untertags plan in der Fassade und klappen sich nachts auf, wenn das Material aufgrund der absorbierten Gebäudewärme vollständig geschmolzen ist. In den Nachtstunden wird die überschüssige Energie abgestrahlt. Bei 21 °C verfestigt sich das Paraffin und erstarrt. Noch vor Sonnenaufgang klappen die abgekühlten und erstarrten PCM-Module wieder ein und tragen zur Kühlung der zweigeschossigen Attikawohnung bei. Auf diese Weise können 16 % der Gesamtkühllast des Hauses eingespart werden.

Sowohl bei den Heiz- als auch bei den ­Kühl­flügeln handelt es sich um polygonale Carbon­faserrahmen, die mit waagerecht montierten Alu­minium­lamellen bestückt sind. Der Querschnitt der stranggepressten Lamellen erinnert an jenen von Flugzeugflügeln: Die Wölbung kann sich leicht verformen und nimmt auf diese Weise die zehnprozentige Volumen­änderung auf, die das darin enthaltene Paraffin zwischen flüssigem und festem Zustand aufweist.

Bei der Konstruktion zählt die digitale Innovation

Für das Tragwerk des Gebäudes kamen zwei verschiedene Stützenmodelle zum Einsatz: eine gleichschenk­lige symmetrische Betonfreiformstütze sowie ein asymmetrisches Modell mit einem diagonalen und einem ­vertikalen Schenkel (Abb.). Durch die mal A-, mal V-förmige Verbauung verdoppelt sich das Repertoire auf insgesamt vier Varianten.

Die genaue Position jeder einzelnen A- und V-Stütze wurde in einem iterativen digitalen Berechnungsverfahren, gesteuert durch einen genetischen Algorithmus, so lange optimiert, bis eine Synthese aus minimalem Materialeinsatz und maximalem Sonneneintrag über die Ost-, Süd- und Westfassaden erreicht war ­(siehe Kasten «Digitaler Entwurf» unten).

Die Stützen verbinden sich untereinander zu komplexen Baumgebilden mit Verästelungen und Verzweigungen. Mit jeder Etage nimmt nicht nur die abzutragende Eigen- und Nutzlast ab, sondern auch die Zahl der dafür verantwortlichen Stützen. Die Spannweiten zwischen den Fuss- beziehungsweise Kopfpunkten betragen bis zu 12 m.

Die Freiformgeometrie mit der gedrehten Naht verleiht den Säulen ein weiches, organisches Erscheinungsbild. Zu verdanken ist die hohe Zeichnungsfähigkeit des ­Materials dem selbstverdichtenden High-Performance-­Beton (HP-Beton) mit hohem Quarzanteil, harter Gesteinskörnung und beigemischten Polypro­pylen­fasern (PP-Fasern). Entwickelt wurde die Betonrezeptur ­namens «alphapact P080» in Kooperation mit Holcim Schweiz.

Für den ungleichmässigen Querschnitt der ­Stütze wurde eine dreiteilige Gussform als Schalung entwickelt, die auf Basis der 3-D-Daten aus Epoxidharz gegossen wurde und keinerlei Hinterschneidungen enthält. ­Eingeschweisste und einbetonierte Anker- und Anschlussplatten mit integrierten Messpunkten erleichterten nicht nur die Montage vor Ort, sondern sorgten auch dafür, dass die geringe Bautoleranz von zwei Millimetern sogar noch unterschritten werden konnte.

Ein interessantes Experiment

Das Active Energy Building ist zweifellos interessant hinsichtlich seiner technischen Funktionen und Entstehungsgeschichte. Seine Erstellung erforderte einen hohen planerischen und bautechnischen Aufwand, was nur durch die finanzielle Unterstützung der Bauherren möglich wurde, die als Forschungsmäzene wirkten.

Das Ehepaar Marxer, das den Auftrag für das Bauwerk erteilte, appellierte an den Erfindungsreichtum der Architekten und bot ihnen die Chance, die Grenzen des technisch Möglichen auszureizen. Das ­Active Energy Building ist nicht als klassisches Architekturprojekt zu verstehen, sondern als ein Experiment, das zur Architektur- und Wohnbauforschung beiträgt. Nach dem Bezug des neuen Gebäudes wird über einen Zeitraum von zwei Jahren ein externes Monitoring zur weiteren Optimierung der Energieproduktion und -einsparung eingesetzt werden. Schon jetzt gibt es dank dem Active Energy Building einige neue Patente für Bauelemente. Es bleibt spannend und abzuwarten, wie sich die Forschungsergebnisse zukünftig auf die Baubranche auswirken werden.

8. Februar 2017 Der Standard

Des Architekten neue Denkbausteine

Wie wird Architektur unterrichtet? Das europäische Forschungsprojekt NeST analysiert die EU-weite Vereinheitlichung des Studiums seit der Bologna-Reform und stellt neue, innovative Denkschulen vor. Österreich ist ganz vorne mit dabei.

Vaduz/Wien – „Die Bologna-Reform ist ein angekündigter Unfall mit Fahrerflucht“, sagte der Hamburger Universitätspräsident Dieter Lenzen kürzlich im Gespräch mit der deutschen Tageszeitung Die Welt . Seine Kritik: „Die Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge statt des Diploms und Magisters war vor allem ein Zugeständnis an die Briten.“

Immer noch sei die Kompatibilität des Studiums in verschiedenen Ländern nicht so reibungs- los wie dereinst versprochen. Vor allem aber mangle es durch die Segmentierung des Studiums an Persönlichkeitsbildung. Die-ser Umstand hat die Universität Liechtenstein dazu bewogen, die europäische Architekturausbildung nach der 1999 eingeführten Hochschulreform zu untersuchen und in einem Forschungsprojekt über Alternativen zum klassischen Studium nachzudenken.

„Wir haben die Beobachtung gemacht, dass die Bologna-Reform über die Jahre zu einer Homogenisierung der europäischen Architekturausbildung geführt hat“, sagt Peter A. Staub, Professor für Architektur an der Universität Liechtenstein in Vaduz. „Das hat eine gewisse Frustration erzeugt. Daher haben wir beschlossen, uns das genauer anzuschauen.“

Entstanden ist das für die Dauer von zwei Jahren anberaumte Forschungsprojekt New Schools of Thoughts (NeST), was man am ehesten wohl mit „Schule neu denken“ übersetzen könnte. Das 2015 gestartete Projekt wird mit 200.000 Euro vom Forschungsförderungsfonds Liechtenstein finanziert und soll im April vorgestellt werden. Hinzu kommen weitere 250.000 Euro an Eigen- und Drittmitteln. Als Kooperationspartner fungieren die renommierte Architectural Association (AA) in London, die Umeå University School of Architecture in Schweden, die Universität Antwerpen sowie die Universität der bildenden Künste in Wien.

Es fehlt an Lokalkolorit

„Die reformierte Architekturausbildung in Europa umfasst sehr klassische Fächer wie etwa Architekturgeschichte, Konstruktion, Bautechnik und Entwurfslehre“, sagt der 39-jährige Projektinitiator Staub. „Doch diese Vereinheitlichung, die den didaktischen Erfolg in ECTS-Punkten misst, hat nicht nur Vorteile. Es fehlt das Lokalkolorit, es fehlt das Reagieren auf aktuelle Tendenzen wie etwa Digitalisierung, Architekturpolitik und neue Bautechnologien, vor allem aber wird die Disziplin sehr klassisch im Sinne einer Auftraggeber-Auftragnehmer-Dienstleistung gelehrt.“

Alternative Kooperationsmodelle wie etwa Baugruppen, Bürgerinitiativen und partizipative Entwicklungsmodelle mit Kindern, Jugendlichen, Bürgerinnen und spezifischen Benutzergruppen, die in den vergangenen Jahren immer öfter anzutreffen sind und häufig als Best-Practice-Beispiele zitiert und mit Preisen überhäuft werden, blieben in den Bologna-Richtlinien und EU-Direktiven unberücksichtigt. Und damit, so Staub, habe man es verpasst, auf Trends und innovative Entwicklungen reagieren zu können.

Geht es nach NeST, soll sich das nun ändern. „Wir haben vier alternative Lehrmodelle beziehungsweise innovative Institutionen unter die Lupe genommen und analysiert, was diese anders machen und welche Ideen und Methoden auch auf klassische Hochschulen und Universitäten anwendbar wären“, sagt Staub. Die vier ausgewählten und hier beispielhaft untersuchten Exempel sind im Bereich Vorbildung, Ausbildung, Weiterbildung und Fernbildung angesiedelt.

Die Kunst- und Architekturschule Bilding im Innsbrucker Rapoldipark, die aufgrund ihrer außergewöhnlichen Architektur mit dem Österreichischen Bauherrenpreis 2016 ausgezeichnet wurde (siehe Foto) , richtet sich an Kinder und Jugendliche von vier bis 19 Jahren und unterstützt sie im kreativen Denken. Der Anspruch macht sich auch in der Gestaltung des Hauses bemerkbar.

Hochschule ohne Professor

Das Confluence Institute for Innovation and Creative Strategies in Architecture in Lyon ist eine private Hochschule, die auf die Initiative der Pariser Architektin Odile Decq zurückgeht. Hier lernen die Studierenden nicht nur Architektur, sondern auch Selbstorganisation, denn die Schule, die derzeit noch nicht zertifiziert ist, kommt ohne Professoren aus. Diese werden – projektbezogen – aus aller Welt eingeflogen.

Beim Aedes Campus in Berlin handelt es sich nicht nur um einen Ausstellungs- und Galerien-Cluster, sondern auch um eine niederschwellige Diskussionsplattform, die sich an Architektinnen und Laien gleichermaßen richtet. Noch lange vor der Ausstellung Blumen für Kim Il Sung im Mak in Wien war Aedes das erste Haus in Europa, das sich diskursiv mit Kunst und Architektur aus dem tabuisierten Nordkorea beschäftigte. Innochain, die letzte der vier Institutionen, ist eine dezentral organisierte Forschungsstätte mit elf Standorten in sechs Ländern.

„Noch können wir keine endgültigen Resultate vorwegnehmen“, sagt der Wiener Architekt Wolfgang Tschapeller, der das Forschungsprojekt NeST an der Universität der bildenden Künste mitbetreut. „Nur so viel: Wir haben erkannt, dass es in der Ausbildung wieder mehr Bekenntnis zu Forschung und Experiment geben muss.“ Vor allem aber zeichnen sich die untersuchten – und sehr positiv evaluierten – Ausbildungsstätten dadurch aus, ergänzt Staub, dass didaktischer Inhalt und Form eine kohärente Einheit bilden. „Diese Schulen leben genau das vor, was sie lehren. Das klingt so selbstverständlich, ist aber eine Seltenheit in Europa.“

Prozesse mit Partizipation

Das Neudenken der Architekturausbildung ist kein Einzelfall. An der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn wurde im April 2016 das Institut für Prozessarchitektur (IPA) gegründet. Das interdisziplinäre Programm, das vom deutschen Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung mit 750.000 Euro gefördert wurde und an dem sich etwa auch der österreichische Baukulturverein LandLuft beteiligt, lehrt nicht klassische Architektur, sondern widmet sich dem Prozess und dem Management – mit einem Schwerpunkt auf Bürgerbeteiligung und Partizipation.

In Wien arbeitet das Architekturbüro nonconform, das sich einen Namen im Bereich Partizipation und etwas unorthodoxer Vor-Ort-Planung mit Bürgerinnen und Bürgern machte, an einer nonconform akademie, an der die Erkenntnisse und Erfahrungen aus zehn Jahren Bürgerbeteiligungsarbeit vermittelt werden sollen. Das Projekt wird von der Wirtschaftsagentur Wien mit 70.000 Euro gefördert. Das Going-public ist für nächstes Jahr anvisiert.

4. Februar 2017 Der Standard

Die Wunderstadt als Prophylaxe

Der dänische Stadtplaner Jan Gehl hat sein neues Buch „Leben in Städten“ präsentiert. Der Meister der Fußgängerzonen im Interview. Ein Gespräch über Gummireifen, Cappuccino und Reanimation am toten Patienten.

Standard: Sie reisen viel. In wie vielen Städten waren Sie bereits beruflich tätig?

Gehl: Es werden wohl an die 200 Städte sein. Böse Menschen unterstellen mir, ich würde jeden Stop-over mitzählen. Das tue ich nicht. Ich bin 80. Da kommt schon was zusammen im Leben.

Standard: Und? Haben Sie eine Lieblingsstadt?

Gehl: Definitiv meine Heimatstadt. Kopenhagen hat schon sehr früh damit begonnen, selbstkritisch zu sein und die Entwicklung des 20. Jahrhunderts zu hinterfragen. Seit den Sechzigerjahren schon legt die Stadt Wert darauf, ihren Einwohnern eine hohe Lebensqualität zu bieten – und zwar nicht nur durch nachträgliche Korrekturen, wie dies andernorts passiert, sondern als Prophylaxe. Beispielsweise werden jedes Jahr drei Prozent der Parkplätze eliminiert, ohne dies öffentlich an die große Glocke zu hängen. Schon die amerikanische Stadtplanerin Jane Jacobs hat gesagt: „Wenn wir die Planung den Autos überlassen, dann ist dies das Ende der öffentlichen Stadt.“

Standard: Was passiert mit dem gewonnenen Platz?

Gehl: Vieles! Von 1960 bis 1980 stand das Gehen im Vordergrund. Es ging in erster Linie um das Erreichen der Shops und um die Nutzung der Stadt als Einkaufszentrum. Die nächsten 20 Jahre wurde vor allem gesessen und den ganzen Tag lang Cappuccino getrunken. Es ist unglaublich, wie viel Cappuccino ein einzelner Mensch trinken kann! Heute sind wir in der dritten Phase. Seit 2000 wird die Stadt mehr und mehr als Aktivitätszone genutzt. Es ist wie beim menschlichen Organismus. Wenn man früh genug dafür sorgt, dass der Herzschlag passt und die Blutgefäße gut durchströmt werden, dann bleibt das Herz gesund. Kopenhagen zählt heute zu den lebenswertesten Städten der Welt.

Standard: Das war jetzt der Heimatbonus.

Gehl: Auf Platz zwei würde ich Melbourne sehen. Melbourne hat vor 15 Jahren damit begonnen, sich neu zu erfinden und einen kompletten Turnaround zu machen. Es wurden Autos verbannt, es wurden acht Meter breite Gehsteige angelegt, Gastgärten errichtet, Bäume gepflanzt, neue Straßenmöbel ausgesucht, und es wurde beschlossen, die Straßen im Stadtzentrum mit Kunst- und Kulturinitiativen zu füllen. Außerdem wurden besonders behutsame, privat initiierte Gebäudesanierungen steuerbefreit. Das Resultat all dieser Maßnahmen ist eine Art Wohnzimmer für alle. Und es ist eines der schönsten und innovativsten Wohnzimmer, die ich kenne.

Standard: Das klingt nach einer Luxussanierung.

Gehl: Ja. Aber dieser Luxus sollte Standard sein.

Standard: Was haben die Maßnahmen gebracht?

Gehl: Heute leben in der Innenstadt von Melbourne zehnmal so viele Menschen wie vor zehn Jahren. 60 Supermärkte sind nach Downtown zurückgezogen. Und es gibt mehr als 15.000 Schanigarten-Sitzplätze. Muss man noch mehr sagen?

Standard: Was braucht es, um so ein umfassendes Projekt durchzuziehen?

Gehl: Es braucht ein Gesicht. Es braucht einen starken Charakter, der mit aller Kraft dahintersteht und so ein Projekt verteidigt und auch durch schwierige Momente durchboxt. Das kann ein Bürgermeister, ein Stadtplaner, ein Investor sein. Im normalen Beamtenalltag ist so etwas nicht durchführbar.

Standard: Sie haben die „Partitur des öffentlichen Raums“ in der Seestadt Aspern in Wien erstellt. Hatten Sie in Wien einen solchen starken Ansprechpartner?

Gehl: Nein.

Standard: Wie hat sich das Projekt seit damals entwickelt?

Gehl: Das weiß ich nicht. Ich war schon lange nicht mehr dort.

Standard: In Ihrem Vortrag haben Sie eine Studie für die Wiener Innenstadt präsentiert. Davon haben wir noch nie etwas gehört.

Gehl: Ja, das war eine Studie im Auftrag des grünen Stadtplanungsressorts 2015. Unsere Aufgabe war es, die Ringstraße zu untersuchen und die Zugänge und Zufahrten in die historische Innenstadt zu analysieren.

Standard: Was kam dabei heraus?

Gehl: Es könnte besser sein. Die Straßen und Fußgängerzonen innerhalb des Rings sind wunderschön, aber die Portale und Schnittstellen sind absolut unterverkauft. Fakt ist: Entlang der Ringstraße gibt es sehr wenig Abwechslung und Verweilqualität. Außerdem gibt es eine sehr schwache und nicht ausgearbeitete Interaktion zwischen Fußgänger und Baudenkmal. Es ist schade, dass die Potenziale dieses so wunderbaren Ortes nicht genutzt werden.

Standard: Sie werden oft eingeladen, um Fehler zu korrigieren und tote Stadtquartiere zu reanimieren. Waren Sie jemals schon zu spät beim Patienten?

Gehl: Den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht – und den zu späten auch nicht. Zwei Städte beweisen, dass man auch dann noch etwas bewirken kann, wenn alle der Meinung sind, dass der Patient längst schon tot und absolut unwiederbelebbar ist: Moskau und New York. In New York haben wir uns beteiligt, als der Times Square verkehrsberuhigt wurde. Niemand hätte das in dieser Stadt je für möglich gehalten. „Das ist doch der Big Apple“, haben alle gesagt. „Unmöglich!“ Doch es war möglich. Und der Times Square hat sogar Schule gemacht. Mittlerweile gibt es am Broadway einige Verkehrsberuhigungen, und es werden mehr.

Standard: Und in Moskau?

Gehl: Als ich das erste Mal in Moskau zu Besuch war, war ich absolut schockiert. Die Großartigkeit dieser Stadt war in Abgasen verpufft. Die Stadt war ein einziger Parkplatz. Überall standen Autos. Es war entsetzlich.

Standard: Und dann?

Gehl: 2013 wünschte sich Bürgermeister Sergei Semjonowitsch Sobjanin, dass Moskau wieder vermenschlicht wird. Wir haben Fußgängerzonen, Verkehrsberuhigungen und neues Stadtmobiliar wie etwa Bänke, Beete, Blumen, Bäume und Laternen vorgeschlagen. In den zwei Jahren danach wurden etliche Fußgängerzonen nach unserem Vorbild angelegt. Heute ist die Stadt voller Menschen. Es ist ein Wunder!

Standard: Wie bewirkt man so ein Wunder?

Gehl: Entweder durch sehr effiziente Demokratie wie am Beispiel Russland. Oder aber – und das ist das, was ich allen empfehle – durch einen Mix aus Verboten, Geboten und Anreizen. Wo auch immer Sie einem Autofahrer etwas wegnehmen, müssen Sie dem Fußgänger, Radfahrer und Öffi-Benutzer etwas zurückgeben. Mit Verboten allein wird es nicht gehen – aber ohne Verbote auch nicht.

Standard: Weil?

Gehl: Weil Autofahrer ziemlich resistente Gewohnheitstiere sind. Sobald man einem Menschen vier Gummireifen gibt, verblödet er. In Mexiko-Stadt verbringen die Menschen durchschnittlich 3,5 Stunden pro Tag im Auto. Was für eine wunderbare Art, die eigene Zeit zu vergeuden!

Standard: Wie nutzen Sie selbst den öffentlichen Raum?

Gehl: Ich habe in meinem Leben schon zu viel Cappuccino getrunken. Das Sitzen ist vorbei. Ich nutze die Stadt vor allem zum Gehen und Fortbewegen. Mein Arzt sagt immer: 10.000 Schritte pro Tag. Mindestens!

Standard: Und? Hilft’s?

Gehl: Und wie! 10.000 steps a day keeps the doctor away. Oder haben Sie schon einmal einen fettleibigen Venezianer gesehen? Das ist Stadtplanung!

21. Januar 2017 Der Standard

„Diese verdammte Küche!“

Die Wiener Architektin und Widerstandskämpferin Margarete Schütte-Lihotzky setzte sich ihr Leben lang für eine soziale und menschenwürdige Welt ein. Zum 120. Geburtstag wird nun ihrer gedacht.

Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“ Kaum ist die Wohnungstür geöffnet, ist die 100-jährige Margarete bereits in der Küche verschwunden. „Nehmen Sie schon mal Platz, ich bin gleich da.“ Wenig später kommt sie mit einem Tablett mit Kaffee und Kuchen ins Wohnzimmer getrappelt. „Wo sind Sie denn? Ich sehe ja fast nichts mehr.“ Setzt sich aufs Sofa, schnauft einmal durch und legt los. „Nun sagen Sie! Was wollen Sie denn wissen?“

Margarete Schütte-Lihotzkys wechselhaftes Leben überdauerte ein Jahrhundert. 1897 geboren, 2000 im Alter von stattlichen 103 Jahren verstorben, gilt sie bis heute als unangefochtener Mythos der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Nachschlagewerke rühmen sie als „erste Architektin Österreichs“, als „Pionierin der sozialen Architektur“, als „Erfinderin der Frankfurter Küche“, als „Aktivistin der Frauenbewegungen“, als „Heldin des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur“. Morgen, Sonntag, wird sie anlässlich ihres 120. Geburtstags mit einer Lesung im Wiener Filmcasino geehrt.

Die Architektin, Stadtplanerin und Widerstandskämpferin Schütte-Lihotzky ist mit Adolf Loos, Béla Bártok und Max Reinhardt befreundet. Sie arbeitet in Wien und Frankfurt, wo sie sich vor allem im sozialen Wohnbau engagiert, in Rotterdam, Paris, Sofia, Moskau und Magnitogorsk. Sie unternimmt Reisen nach Chicago, nach Japan und nach China, wo sie für das chinesische Unterrichtsministerium Richtlinien für den Bau von Kindergärten erstellt. 1939 wird sie an die Académie des Beaux Arts nach Istanbul berufen.

„Es war schön“, sagt sie im Interview. „Ich habe Herbert Eichholzer kennengelernt und mich seiner antifaschistischen Widerstandsgruppe angeschlossen. Doch ich konnte dort einfach nicht bleiben.“ In ihren 1985 erschienenen Erinnerungen aus dem Widerstand schreibt sie dazu: „Oft fragten mich nach 1945 verschiedenste Leute, auch solche, die keineswegs Nazis waren, warum ich denn aus dem sicheren Ausland nach Wien gefahren bin. Immer wieder empört mich diese Frage, immer wieder bin ich entsetzt über die mir so fremde Welt, in der diese Frage überhaupt eine Frage ist.“

Nach nur wenigen Wochen in Wien, wo sie im Untergrund gegen das Nazi-Regime zu kämpfen beginnt, wird Schütte-Lihotzky verhaftet. Sie wird ins Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz gebracht. Sie wird verhört, geschlagen und gefoltert. Nach einigen Monaten in der Gefängniszelle muss sie sich vor dem Berliner Volksgericht verantworten. „Endlich betraten die Mitglieder des Volksgerichtshofes den Saal. Es waren sieben Gestalten, wie sie für einen Film nicht hätten typischer ausgewählt werden können“, schreibt sie in ihren Memoiren. „Hinter diesen gespenstischen Gestalten prangte ein großes Hitlerbild.“

Schütte-Lihotzky wird zu Tode verurteilt. Der Enthauptung, die ihren Kollegen widerfahren ist, entkommt sie nur knapp, indem ihr Mann Wilhelm Schütte im türkischen Unterrichtsministerium in Ankara für sie einen Arbeitsvertrag mit Briefpapier und Stempel fälscht. Nachdem das Nazi-Deutschland damals um die Gunst der neutralen Türkei buhlte, wird Schütte-Lihotzkys Todesurteil zu 15 Jahren Zuchthaus umgewandelt. „Eine Lebensrettung aus lauter glücklichen Umständen und Zufällen. Wäre ein einziger dieser Umstände ausgefallen … ich wäre seit Jahrzehnten tot.“

Margarete Schütte-Lihotzky sitzt auf der Couch, erzählt aus ihrem Leben, nimmt einen Schluck Kaffee. Über ihre unzähligen Wohnbauten und Kindergärten in Deutschland und Russland, über ihre Tätigkeit in Kuba, in der DDR sowie für die Uno, über die ihr aufgrund ihrer kommunistischen Vergangenheit entgegengebrachte Ignoranz im Österreich der Nachkriegsjahre spricht sie wenig. Die stets mit ihr in Verbindung gebrachte Frankfurter Küche jedoch, die mit ihren kurzen Wegen, ausgewählten Materialien und wohl überlegten Handgriffen den Alltag vieler Frauen revolutionierte und die in den Frankfurter Wohnsiedlungen der späten Zwanzigerjahre rund 10.000 Mal gebaut wurde, erwähnt sie mit keinem einzigen Wort.

Die unausweichliche Frage. Es muss sein. Wie sind Sie eigentlich damit umgegangen, dass Ihre Arbeit so oft auf die Frankfurter Küche reduziert wird? Das beschwingte und beredte Lächeln erstarrt. Kurz wird der Kopf geschüttelt. Dann wird lauter Ärger in die Stimme gepresst: „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut!“ Schweigende Sekunden der Reue.

„Margarete Schütte-Lihotzky war nicht nur eine großartige und unverzichtbare Architektin“, sagt die Wiener Schauspielerin Katharina Stemberger, „sondern vor allem auch eine Pionierin im Widerstand gegen böse Kräfte. Sie war frei von jedem Dogma und hat mit Mut und Vitalität in die Zukunft geblickt – auch in solchen Momenten, wo es für sie kaum noch eine Zukunft zu geben schien.“ Stemberger wird am morgigen Sonntag aus Schütte-Lihotzkys Memoiren lesen. Die Jubiläumsveranstaltung geht auf eine Initiative der Bezirksvertretung Margareten zurück.

„Angesichts der politischen Situation, die heute in vielen Teilen der Erde zu beobachten ist und die die Demokratie mehr und mehr zu untergraben droht“, so Stemberger, „ist Schütte-Lihotzkys Erbe hochaktuell. Die Nationalstaatlichkeit blüht, der Rassismus und Rechtsextremismus nimmt zu, und wenn ich mir die weltweit zynischen Ungenauigkeiten über angebliche Wirtschaftsmigration ansehe, die vor laufender Kamera breitgetreten werden, dann komme ich aus dem Speiben nicht mehr heraus.“

Wie dereinst die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, meint Stemberger, müsse uns klar werden, dass wir alle einen aktiven und realen Beitrag für jene Welt leisten müssen, in der wir leben wollen. „Das ist in nur wenigen Köpfen und Herzen angekommen. Die neoliberale Biedermeier-Blase, in der wir heute leben, wird bald platzen.“

„Und jetzt? Zum 120. Geburtstag von Margarete Schütte-Lihotzky“, Sonntag, 22. Jänner, um 11 Uhr. Begleitet wird die Veranstaltung von Kurzdokus (Robert Rotifer, Uwe Bolius, Robert Angst) und Musik (Maren Rahmann). Filmcasino, Margaretenstraße 78, 1050 Wien.

7. Januar 2017 Der Standard

Der schöne Klang der Elbdisharmonie

Kommenden Mittwoch wird nach fast zehn Jahren Bauzeit und einer Vervielfachung der Kosten die Hamburger Elbphilharmonie eröffnet. Eine Geschichte voller Stolz und Skandale.

Schon die erste Minute hat es in sich. Auf der 80 Meter langen Rolltreppe, die erst steil ansteigt, um in einer sanften Kurve nach und nach zu verflachen, ehe sie am Ende fast schon einem stufenlosen Förderband gleicht, zeigt sich bereits die kompositorische Anstrengung und Außergewöhnlichkeit des ganzen Hauses. Die Höhenüberwindung könnte dramatischer nicht sein. Denn während der Winkel der elektrisch dahingleitenden Treppe immer flacher und flacher wird, offenbaren sich im groben Putz an den Tunnelwänden runde, eingelassene Glasscheiben. Immer wieder klopfen die Fahrgäste mit den Fingerknöcheln dagegen. Die Fahrt lässt sie ehrfürchtig um sich blicken und verstummen.

Ehrfurchtsgebietend ist nicht nur die architektonische Wirkung des Bauwerks, sondern auch seine skandaldurchtränkte Entstehungsgeschichte. Einst hätte die Elbphilharmonie, Hamburgs jüngstes und stolzestes Wahrzeichen, 77 Millionen Euro kosten sollen. Die Bauzeit war damals für vier Jahre anberaumt. Heute steht fest, dass das in den Himmel ragende Konzerthaus der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron nach zehn Jahren Bauzeit und einem zwischenzeitlich verhängten Baustopp samt gerichtlicher Vertragsaufkündigung mit 866 Millionen Euro zu Buche schlägt. 789 Millionen Euro davon trägt die öffentliche Hand, weitere 77 Millionen Euro lukrieren sich aus Privatinvestitionen und Spenden.

„Die in den Medien kolportierten Kosten sind verzerrend und ärgerlich“, korrigiert Ascan Mergenthaler, Partner bei Herzog & de Meuron, im Gespräch mit dem Standard . „Tatsache ist, dass die Stadt Hamburg die erste Kostenschätzung gegen unseren Rat viel zu früh veröffentlicht hat. Unsere erste Ausschreibung hat ergeben, dass mit Baukosten in der Höhe von mindestens 240 Millionen Euro zu rechnen sei. Heute liegen wir bei 576 Millionen Euro, also durchaus im Bereich internationaler Konzerthäuser.“

Die restlichen 190 Millionen Euro, die die Differenz auf die so oft veröffentliche Horrorsumme ausmachen, entfallen auf Hotel und Gastronomie, auf Wohnungen und Garage, auf die gesamten Planungs- und Entwicklungskosten sowie auf einen Facility-Management-Vertrag für die nächsten 20 Jahre. Nun hat die ausgiebig ausgetragene Zahlen- und Ziffernschlacht, die die Hamburger Bevölkerung längst schon in euphorische Musikliebhaber und enttäuschte Wutbürger gespalten hat, ein Ende. Kommenden Mittwoch, den 11. Jänner, wird die Hamburger Elbphilharmonie mit einem bislang unter Verschluss gehaltenen Konzertprogramm feierlich eröffnet.

„Das Außergewöhnliche an diesem Gebäude“, sagt Mergenthaler, „ist seine Öffnung zur Stadt. Das ist kein elitäres Haus für Klassik, keine hermetische Schmuckschatulle mit samtbezogenen Sitzen, sondern eine Bühne für jeden Geschmack.“ Einerseits plant Intendant Christoph Lieben-Seutter, vormals zuständig fürs Wiener Konzerthaus und Opernhaus Zürich, eine Bandbreite von Jazz über World Music bis hin zu experimentellen Klängen. Andererseits richtet sich das Haus auch an konzertfremde Besucher. Die Aussichtsplattform in 37 Meter Höhe ist öffentlich zugänglich.

„Das Plateau, das wir auf dem Dach des alten Kaispeichers errichtet haben, ist ein Stückchen Stadt mit Treppen, Gassen, Plätzen, gläsernen Vorhängen und rundumlaufender Empore“, so Mergenthaler. Mit Stolz verweist man auf die dramatisch inszenierten Blickbeziehungen zur Nikolaikirche und zum Hamburger Michel, die sich in der 20.000 Quadratmeter großen, raffiniert gebauchten und spielerisch gepunkteten Glasfassade spiegeln. Die schwersten Glaselemente wiegen 1,2 Tonnen und kosteten bis zu 20.000 Euro pro Stück.

110 Meter misst das Haus an seiner höchsten und zugleich geografisch exponiertesten Stelle. Als würden sich die Wogen hier oben zu einer gefährlichen Brandung aufschaukeln, markiert die Elbphilharmonie unmissverständlich den Auftakt zur dahinterliegenden, Unesco-geschützten Speicherstadt. Die charakteristische wellenartige Kontur ist kein Zufall. Nicht von ungefähr erinnert die Linie an die 1963 eröffnete Philharmonie in Berlin, die seinerzeit einen radikalen Umbruch in der Konzerthausarchitektur markierte.

Eine Haut wie Krokoleder

„In der Berliner Philharmonie von Hans Scharoun wurden die Zuschauertribünen erstmals in der Geschichte rund um die Bühne gruppiert“, erzählt Ascan Mergenthaler. „Diese sogenannte Weinbergarchitektur haben auch wir uns zunutze gemacht.“ Und tatsächlich: Als hätte jemand Weinterrassen in den Beton geschlagen, steigt der Große Saal, der bis zu 2100 Menschen fasst, rund um die Bühne in asymmetrisch angeordneten Tribünen hoch.

Trotz der schier riesigen Größe wirkt der 25 Meter hohe Saal warm und gemütlich. Das liegt auch an seiner ausgetüftelten Akustik. „Wir wollten den Menschen möglichst nah an den Musiker bringen“, sagt der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota, der den Saal rundum in eine, wie er sagt, „weiße Haut“ hüllte. Die hochverdichteten Gipsfaserpaneele, 10.000 Stück an der Zahl, weisen zig Millionen Mulden auf. Die ersten Tests erfolgten noch mit Luftballons, die in flüssigen Zement gedrückt wurden. Später dann generierte der Computer einen sogenannten Voronoi-Algorithmus. Die Struktur, die an einen Krokoleder-Negativabdruck erinnert, lässt den Schall ähnlich brechen wie in einem stark ornamentierten Barocksaal.

Symphonie mit Hartgummi

Um Brahms und Mendelssohn Bartholdy gegen vorbeischippernde Schiffshörner abzuschotten, wurde die gesamte Betonstruktur vom Rest des Gebäudes schalltechnisch komplett entkoppelt. Der Musikgenuss ruht und schwingt nun auf 60 Zentimeter großen Feder- und Hartgummi-Paketen. Allein dafür schon musste der in den Sechzigerjahren errichtete Backsteinbau, in dem einst Tee, Tabak und Kakao gelagert wurden, mit 600 Pfählen statisch ertüchtigt werden.

Die Initiative zum Bau der Hamburger Elbphilharmonie geht auf den New Yorker Projektentwickler Alexander Gérard und die Linzer Kunsthistorikerin Jana Marko zurück. Es war ihre Idee, Herzog & de Meuron zu einer Studie einzuladen und den alten, ungenutzten Kaispeicher zwischen Sandtorhafen und Grasbrookhafen – ohne internationalen Wettbewerb, wohlgemerkt – mit einem Konzerthaus aufzustocken.

Die eine Wahrheit ist: Die Elbphilharmonie ist ein Skandalprojekt mit Direktvergabe, Kostenexplosionen und unzähligen Bauverzögerungen. Die andere Wahrheit ist: Hinter dem kolossalen Jahrhundertbau standen jahrelang starke Frauen und Männer, die den medialen und politischen Angriffen mit beachtlichem Rückgrat Widerstand leisteten. Oder, wie Hamburgs Bürgermeister meint: „Zur großen Welle der Zustimmung, die das Projekt heute trägt, gehört, dass wir das schlingernde Schiff wieder auf Kurs gebracht haben.“ Und das ist der eklatante Unterschied zu anderen deutschen Baublamagen wie Stuttgart 21 und Flughafen Berlin.

[ Eröffnungsfestival am 11. und 12. Jänner 2017. Die Reise erfolgte auf Einladung von Hamburg Marketing. ]

7. Januar 2017 Der Standard

„Eine urtypisch wienerische Geschichte“

Nach der „Nachdenkpause“ ist das Projekt auf dem Areal Intercont und Eislaufverein in Wien geschrumpft. Reicht das, um die Unesco milde zu stimmen? Ein Gespräch mit dem Schweizer Städtebauer Christoph Luchsinger, der das monatelange Vermittlungsverfahren zwischen Stadt und Investor leitete.

Standard: Durch Ihre Leitung im Vermittlungsverfahren wurde der Turm auf dem Areal Intercont-Hotel und Eislaufverein um zehn Meter gestutzt. Ist das Projekt dadurch wirklich besser geworden?

Luchsinger: Deutlich besser sogar. Der Turm ist mit 66 Metern nun niedriger und hat auch eine maßvolle Verschlankung erlebt. Die übrigen Baukörper wurden neu arrangiert. Dadurch wirkt das gesamte Ensemble rund um Intercont, Heumarkttrakt, Eislaufverein und Konzerthaus stadträumlich kompakter.

Standard: Das Projekt des brasilianischen Architekten Isay Weinfeld hat unter anderem deshalb gewonnen, weil es das Intercont-Hotel erhalten und sanieren wollte. Nach der Überarbeitung soll das Gebäude abgerissen werden.

Luchsinger: Die vertieften Studien der Gebäudestruktur haben ergeben, dass vom Originalbestand lediglich zehn bis 15 Prozent erhalten werden könnten, nämlich Teile des Rohbaus. Diese wären auch bei der von ihm geplanten Sanierung nicht sichtbar gewesen. Entscheidend ist nicht der Erhalt der Originalsubstanz, sondern des städtebaulichen Arrangements. Diese Qualität war auch für Weinfeld ausschlaggebend.

Standard: Wird sich die Umplanung auf die Realisierbarkeit des Bauvorhabens auswirken?

Luchsinger: Ich denke ja. Erstens: Auf der Ebene der Flächenwidmung und der behördlichen Einreichung spricht nun nichts mehr gegen das Projekt. Die allermeisten Bedenken wurden aus dem Weg geräumt. Zweitens: Die Stadt Wien wollte eine Pause, um nachzudenken, und diese wurde auch effizient genutzt. Daher sehe ich auch hier keinen Einwand.

Standard: Und drittens?

Luchsinger: Und drittens gibt es noch die Unesco und ihr Weltkulturerbe. In diesem Punkt ist die Realisierbarkeit des Projekts am schwierigsten einzuschätzen. Das hängt davon ab, wie die Unesco die Umplanungen beurteilen wird und wie Wien die Stellungnahme der Unesco aufgreifen wird.

Standard: Eva Nowotny, Präsidentin der Österreichischen Unesco-Kommission, hat sich in einer Presseaussendung gegen das Resultat der Umplanung ausgesprochen. Sie meinte, das Höhenlimit liege nach wie vor bei 43 Metern.

Luchsinger: Und das ist auch meine größte Kritik. Sowohl Unesco als auch Icomos haben sich in dieser Position eingebunkert und sich in den letzten viereinhalb Jahren keinen Deut bewegt. Beide Institutionen arbeiten nach einem Prinzip: No centimeter more! 43 Meter sind ein quantitatives und kein qualitatives Kriterium. Das ist keine Diskussionsgrundlage. Auf dieser Basis kann man nicht verhandeln.

Standard: Was wünschen Sie sich stattdessen?

Luchsinger: Ich wünsche mir, dass auch einmal über die konkrete Aufwertung der gesamten Anlage diskutiert wird. Weder Unesco noch Icomos haben je auch nur mit einem Wort erwähnt, dass durch das geplante Bauvorhaben mitsamt Sport- und Kongresszentrum das gesamte Areal funktional und gesellschaftlich enorm aufgewertet wird.

Standard: Wie wird es weitergehen?

Luchsinger: Aufgrund unterschiedlicher Mängel wird die Unesco in ihrer nächsten Sitzung im Sommer, die in Krakau stattfinden wird, Wien auf die Rote Liste setzen. Das hat sie schon bei ihrer letzten Sitzung in Istanbul angekündigt.

Standard: Wien ist kein Einzelfall. Auch im Umgang mit anderen Orten ist die Unesco unzufrieden.

Luchsinger: Weltweit gibt es ein gutes Dutzend Städte und Denkmale, die bereits verwarnt wurden und die demnächst auf die Rote Liste gesetzt werden könnten – darunter auch Liverpool und Venedig. In Liverpool hegt man Bedenken ob eines geplanten Hochhauses, denn dieses soll in jenem Uferbereich errichtet werden, von dem aus früher Sklaven nach Amerika verschifft wurden. Das sei mit der Geschichte der Stadt nicht vereinbar. Und Venedig soll auf die Rote Liste gesetzt werden, weil es dort mittlerweile zu viele Touristen gibt, die die Stadt nach und nach zerstören.

Standard: Es war die Unesco, die Venedig 1987 zum Weltkulturerbe ernannt und den touristischen Zustrom damit verstärkt hat.

Luchsinger: Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Da merkt man, wie technokratisch und unreflektiert die Unesco agiert.

Standard: Wie meinen Sie das?

Luchsinger: Ich vergleiche die Unesco gerne mit der Fifa. Da wie dort sprechen wir von einem Machtinstrument einer nicht wirklich demokratisch legitimierten Compagnie, die mit einer derartigen Präzision an offenen Diskussionen vorbeientscheidet, dass es einfach absurd ist. Es lohnt sich übrigens, die Rote Liste des gefährdeten Welterbes zu studieren. Ohne zynisch sein zu wollen: Das liest sich wie ein alternativer Reiseführer.

Standard: Was tun? Haben Sie einen Ratschlag für die Stadt Wien?

Luchsinger: Im Jänner wird es einen Bericht darüber geben, ob das Projekt Intercont und Heumarkt das Weltkulturerbe gefährdet oder nicht. Unabhängig davon würde ich Wien empfehlen, die Wartezeit bis Sommer zu nutzen, um einen Managementplan aufzusetzen, in dem ganz genau festgehalten ist, wie Wien in Zukunft mit dem städtebaulichen und kulturellen Erbe umzugehen gedenkt. Ein solches – aktives – Bekenntnis vermisse ich. Bislang hat Wien immer nur passiv und defensiv auf das reagiert, was Unesco und Icomos so von sich geben.

Standard: Gesetzt den Fall, Wien landet auf der Roten Liste, was dann?

Luchsinger: Dann wird man der Stadt spätestens mit Baubeginn des Intercont-Projekts den Titel Weltkulturerbe aberkennen. Das ist das, was die Unesco angekündigt hat.

Standard: Und wäre das schlimm?

Luchsinger: Nein.

Standard: Was wäre dann anders?

Luchsinger: Nichts. Es gibt viele andere, auch dynamischere Methoden, mit dem kulturellen Erbe einer Stadt umzugehen. Schauen Sie sich nur einmal das Beispiel Innsbruck an! Innsbruck hat sich immer schon gegen eine Unterschutzstellung ausgesprochen, weil es der Meinung ist, selbst entscheiden zu können, was möglich ist und was nicht. Das Resultat dieser jahrzehntelangen Eigenverantwortung ist eine historisch wunderbar bewahrte Altstadt mit ein paar sehr guten zeitgenössischen Impulsen.

Standard: Eine gute Stadtplanung braucht also keine Unesco?

Luchsinger: Genau das heißt es. Eine Stadtplanung, die keinerlei Kompromisse eingeht und die mit Investoren, Projektentwicklern und Architekten in erster Linie nicht über Quantität, sondern über Qualität diskutiert, kann selbst gestalten und braucht dazu keine Unesco.

Standard: Auf Expertenseite hört man immer wieder, die Stadtplanung in Wien sei zu wenig präzise.

Luchsinger: Ganz generell muss ich sagen, dass in Wien die Dinge mit extrem großem Aufwand seriös abgewickelt werden. Die Wiener Stadtplanung nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Das Problem liegt nicht in einer fehlenden Präzision, sondern schlicht und einfach darin, dass in Wien zu viele Instanzen mitmischen.

Standard: Mit Instanzen meinen Sie die Magistratsabteilungen?

Luchsinger: Ja. Und mittlerweile gibt es nicht nur die MA 21, die Stadtentwicklung betreibt, sondern auch die MA 18, MA 19, MA 20, MA 22, MA 25, MA 28, MA 37 und MA 50 – und vielleicht noch ein paar andere. Und oft weiß die eine Magistratsabteilung nicht, was die andere macht. Diese Zerstückelung von Zuständigkeit ist ein Problem. Ich würde der Stadt empfehlen, ihre Kompetenzen zu bündeln und den Apparat zu verschlanken.

Standard: Ist das realistisch?

Luchsinger: Kaum. Wien ist historisch eine Stadt der Stände, und ich fürchte, der Stadtplanungsapparat wird noch viel komplexer werden. Wien hat immer schon gesudert und eine Art produktiven Durchwurstelns praktiziert. Sudern und Durchwursteln ist eigentlich ein zutiefst produktiver Prozess. So – und zwar nur genau so – ist Wien zu dem geworden, was es heute ist.

Standard: Auch dem Wiener Hochhauskonzept, das im Rahmen des Stadtentwicklungsplans 2025 erstellt wurde und an dem Sie maßgeblich mitgewirkt haben, wird von Experten nachgesagt, es wirke durchgewurstelt. Manche Passagen darin wirken schwammig.

Luchsinger: Eine aggressiv proaktive Stadtplanung in einer jahrhundertelang gewachsenen Stadt ist ein Ding der Unmöglichkeit. In einer Stadt wie Wien darf man nicht nur offensiv sein. Man muss an die Sache auch reaktiv herangehen.

Standard: Genau das ist auch das Problem beim Intercont-Projekt. Die fehlende Schärfe und Präzision haben dazu geführt, dass die Wogen hochgegangen sind.

Luchsinger: Das kann man so nicht sagen. Die Emotionen kommen, weil sich das Projekt in einer prominenten, sensiblen Lage befindet. Der Turm steht genau in der Achse zwischen Belvedere und Innenstadt und nimmt im sogenannten Caneletto-Blick eine zentrale Position ein. Nicht zuletzt sind die meisten von uns im Eislaufverein schon einmal eisgelaufen. Das macht natürlich nostalgisch und sentimental.

Standard: Sind die Emotionen angemessen?

Luchsinger: Nein, das sind sie nicht. Es gibt in Österreich viele Projekte, bei denen weniger transparent gearbeitet wird. Die Emotionen, die hier sichtbar wurden, sind Stellvertreteremotionen.

Standard: Denken Sie, dass das Projekt Intercont und Eislaufverein realisiert wird?

Luchsinger: Wenn dieses Bauvorhaben realisiert wird, dann so, wie es jetzt geplant ist.

Standard: Und wenn nicht?

Luchsinger: Plan B ist, dass alles so bleibt, wie es ist. Das wäre dann eine urtypisch wienerische Geschichte.

31. Dezember 2016 Der Standard

Indianer, Fatalist und Rebell

23 Jahre lang war Dietmar Steiner Direktor des Architekturzentrums Wien. Heute, Samstag, tritt der Gründer der weltweit renommierten Institution zurück. Über rasante Züge, explosiven Lehm und die Wichtigkeit von Guerilla.

Standard: Heute ist Ihr letzter Arbeitstag. Wie geht es Ihnen?

Steiner: Ab morgen bin ich in Pension. Ein eigenartiges Gefühl. Ich muss zugeben, dass ich im Zuge des Abschiednehmens ein paar schlaflose Nächte hatte.

Standard: Warum gerade jetzt?

Steiner: Ich hatte 2014 einen medizinisch geforderten neuen Lebensbeginn. Da wurde mir klar, dass ich mein bisheriges Leben zu beenden hatte. Nun habe ich das juristische Pensionsalter erreicht, und damit ist es Zeit, meinen Sessel zu räumen. Danke, es war sehr schön und hat mich sehr gefreut!

Standard: Nach 23 Jahren Architekturzentrum Wien (AzW): Was ist hängengeblieben?

Steiner: Ein unglaubliches Glück, dass dieser Job und meine Person sich gefunden haben. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass mir damals die Chance geboten wurde, dieses Haus zu gründen und ein Wissenszentrum zu etablieren, das mittlerweile international bekannt und reputiert ist.

Standard: Auf welche Erfolge blicken Sie zurück?

Steiner: Wir haben eine umfangreiche Sammlung und ein fundiertes Archiv aufgebaut. Und wir haben es geschafft, das AzW als internationales Podium für zeitgenössische Architektur zu etablieren. Die Indianer haben gesagt: Du kannst eh nichts anderes tun, als einfach nur dein Ohr auf die Schienen zu legen und möglichst früh den herannahenden Zug zu hören. Zwei Ausstellungen, die Furore gemacht und einen wertvollen Beitrag zur Kultur- und Architekturszene geleistet haben, waren Rural Studio und Sowjetmoderne . Mit der Präsentation des Rural Studio (2004) aus Alabama haben wir die sozial engagierte Design-Build-Bewegung angestoßen. Sowjetmoderne (2013) war ein umfangreiches Forschungsprojekt zur Moderne in den ehemaligen Sowjetrepubliken zwischen 1955 und 1991. Diese Ausstellung hat die Wiederentdeckung des Brutalismus befördert.

Standard: Und auf welche Misserfolge blicken Sie zurück?

Steiner: Generell nicht genügend Kenntnisse über Architektur und Stadtplanung vermittelt zu haben. Der Diskurs ist hierzulande noch immer nicht sachlich begründet.

Standard: Österreichische Architektur 1993 und heute: Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Steiner: In den 1990ern gab es eine Aufbruchstimmung. Mit Helmut Zilk, Ursula Pasterk und Hannes Swoboda gab es in Wien drei Politiker, die extrem architekturaffin waren und diese Kultur auch gefördert haben. Österreichische Architektur hatte damals ein sehr gutes Standing. International gesehen war das eine Marke! Diese Qualität ist – auch mangels politischen Engagements – verlorengegangen. Heute ist österreichische Architektur nicht besser oder schlechter als anderswo. Pionierarbeit allerdings findet anderswo statt: in der Schweiz, in Deutschland und Flandern, wo es eine bemerkenswerte Architekturpolitik gibt.

Standard: Das klingt traurig für Österreich.

Steiner: Ist es auch. Ich orte eine zunehmende Respektlosigkeit gegenüber der architektonischen Arbeit. Man verlangt immer mehr für immer weniger Geld. Und die Architekten sagen Ja, weil der Konkurrenzdruck ganz enorm geworden ist.

Standard: Wo stehen wir heute?

Steiner: Die Architektur hat viele Kompetenzen abgegeben und an Techniker, Manager, Bauingenieure und Generalplaner verloren. Nun wäre sie gefordert, diese Felder wieder zurückzuerobern.

Standard: Wird das gelingen?

Steiner: Ich fürchte, Diversifizierung und Technisierung werden weiter zunehmen. Schuld daran sind das immer strenger werdende Kosten- und Zeitmanagement, das die Immobilienwirtschaft vorschreibt, das neue Planungsinstrument Building Information Modeling (BIM) sowie immer schärfere Vorschriften und Planungsrichtlinien. Wer heute Architektur macht, muss von Jus und Wirtschaft mehr Ahnung haben als vom Bauen. Mit Architektur im klassischen Sinne hat das alles bald nicht mehr viel zu tun.

Standard: Was tun?

Steiner: Ich bin Fatalist. Das einzig positive Symbol für mich ist Lehm. Das ist das älteste, archaischste und in gewissen Teilen der Welt am weitesten verbreitete Baumaterial mit der größten globalpolitischen Sprengkraft. Lehmbau, Bottom-up-Projekte und Guerilla-Strömungen sind eine sehr wertvolle und auch dringend benötigte Gegenbewegung zur Technokratisierung und Vereinheitlichung. Rebellen gegen das Imperium: Bitte mehr davon!

Standard: In Ihrem 400-Seiten-Wälzer „Steiner’s Diary“, den Sie sich jüngst von der Seele geschrieben haben, verschriftlichen Sie die Architekturgeschichte von fast sechs Jahrzehnten. Haben Sie eine Lieblingsepoche?

Steiner: Die intensive Theoriedebatte der 1970er-Jahre war schon etwas sehr Besonderes. Das gab es in diesem Ausmaß nie wieder und ist auch nicht mehr rekonstruierbar. Nicht von ungefähr werde ich oft mit einem meiner wohl häufigsten Sätze zitiert: „Das hamma schon in den Siebzigerjahren gemacht.“

Standard: Einer Ihrer berühmtesten Texte, der auch im Buch zu finden ist, trägt den Titel „Von Huren und Heiligen. Thesen zur Praxis zukünftiger Architektur“. Wer von beiden hat denn heute das Sagen?

Steiner: 1992 hat der Text viele aufgeregt. Er handelt davon, dass man als angehender Architekt auf der Uni als Heiliger ausgebildet wird, während man im Berufsleben die schmerzhafte Erfahrung macht, eine Hure geworden zu sein. Es gibt Ausnahmen. Und diese Ausnahmen sind meist nicht einmal gute Architekten, sondern in erster Linie gute Strategen, die die Medien- und Marketingklaviatur perfekt beherrschen.

Standard: Seit zehn Jahren setzen Sie sich für die Gründung eines österreichischen Architekturmuseums ein. Bislang vergeblich. Woran scheitert es?

Steiner: Das AzW ist bereits ein Architekturmuseum und wird auch weltweit als solches anerkannt. Das ist endlich auch politisch zur Kenntnis zu nehmen.

Standard: Das klang schon mal feuriger. Sie haben sich lange Zeit dezidiert für ein Architekturmuseum im Semperdepot ausgesprochen, weil das AzW diese Aufgaben nicht abdecken könne. Sind diese Pläne nun ad acta gelegt?

Steiner: Vor zehn Jahren gab es ein historisches Zeitfenster, wo das möglich gewesen wäre. Doch aktuell stehen in der Universität der bildenden Künste, die ja Mieterin des Semperdepots ist, so viele Umbauten und Renovierungen an, dass an ein Architekturmuseum mittelfristig nicht zu denken ist. Ich kann nur sagen: Das wäre das schönste Architekturmuseum der Welt.

Standard: Ihre Nachfolgerin ist die Kulturtheoretikerin Angelika Fitz. Über welchen frischen Wind durch die neue Direktorin würden Sie sich besonders freuen?

Steiner: Diese Frage zu beantworten wäre falsch. Ich habe mich über die Ernennung von Angelika Fitz riesig gefreut. Sie ist sehr kompetent und kann selbst entscheiden, welche neuen Impulse dem AzW guttun werden. Ich muss und will mich überraschen lassen. Einzumischen habe ich mich nicht mehr.

Standard: Wird das gelingen? Sie sind ja doch jemand, der regelmäßig Kommentare und offene Briefe schreibt und das aktuelle Geschehen in diversen Medien und Kanälen kommentiert.

Steiner: Wenn die Architektur in Bedrängnis kommt, werde ich sie immer verteidigen.

Standard: Vor kurzem ist Andrea Maria Dusls „Zeitreisen: Ein Film über Dietmar Steiner“ erschienen. Im Vorspann hört man Sie auf einer Tastatur tippen. Ein Ausblick auf Ihre Zukunft?

Steiner: Ich werde mich aus Wien zurückziehen und möchte in den kommenden Monaten mein Archiv und meine Bibliothek ordnen. Ich brauche eine Pause von der zeitgenössischen Architekturproduktion. Ich will Zeit zum Nachdenken haben. Das Tippen wird später wiederkommen.

Standard: Der 31. Dezember 2016 ist nicht nur Ihr letzter Arbeitstag, sondern auch Ihr 65. Geburtstag. Gibt es einen Geburtstagswunsch?

Steiner: Nein. Ich bin so ziemlich wunschlos glücklich. Um bei der Metapher des Films zu bleiben: Ich habe in meinem Leben einen Stein ins Wasser geworfen. Und dieser Stein hat hoffentlich ein paar Wellen bewirkt.

24. Dezember 2016 Der Standard

Aladins Animationsmaschine

Wie viel Realität sickert durch die Mauern der All-inclusive-Clubs und feuchtfröhlichen Resorts? Eine Ausstellung in Innsbruck befasst sich mit den touristischen Folgen der Terroranschläge und Putschversuche in Tunesien, Ägypten und der Türkei.

Um 11.00 Uhr startet die Aquagymnastik. 38 Menschen wurden hier kaltblütig ermordet. Von 14.30 bis 17.30 Uhr steht Box-Animation auf dem Programm. Ein tunesischer Student hatte die Urlauber und Sonnenbaderinnen damals am Strand erschossen. Und um 17.00 Uhr lädt die Hoteldirektion zum feuchtfröhlichen Wasserpolo. Das Maschinengewehr vom Typ Kalaschnikow hatte der Attentäter unter einem Sonnenschirm versteckt, den er beim Strandspaziergang bei sich trug.

Die beiden Orte von Jubel, Trubel, Heiterkeit und einem weiteren Unglück in der Serie unzähliger Anschläge, zu denen sich der IS bekannt hat, liegen nur weniger Meter voneinander entfernt. Doch im ewigen Sommer, so scheint es, vergisst man schnell. Auf den Schicksalstag am 26. Juni 2015, der dem tunesischen Tourismusstädtchen Port El-Kantaoui eine Katastrophe bescherte, ist kaum ein Hinweis, geschweige denn eine erinnernde Gedenktafel zu finden. Heute wie damals wird geplanscht, geplätschert und gerutscht.

Massiv getroffen

„Die Anschläge im arabischen Raum sowie die politischen Unruhen und Putschversuche in Nordafrika und Kleinasien haben die klassischen Urlaubsdestinationen der Europäer massiv getroffen“, sagen Andreas Zißler, Pia Prantl und Anna Lerchbaumer, die in Wien und Innsbruck Architektur, Videokunst und Arts and Science studieren und im letzten Halbjahr immer wieder in Badehose und Bikini geschlüpft sind. „Wir wollten uns anschauen, welche Auswirkungen die Ereignisse auf den Tourismus haben und wie Hotels, Regionen und ganze Länder darauf reagieren.“

Dreimal stiegen die angehenden Architektinnen in den Charter-Flieger, dreimal hatten sie Notizbücher, Diktiergerät und Fotoapparate im Gepäck, dreimal recherchierten sie an Ort und Stelle über Aladdins Aquaparks und Animationshotels, über den politisch und wirtschaftlich einschneidenden Moment des Terrors sowie über die potenzielle Neuerfindung und Neupositionierung am Tag danach. Das Ergebnis dieser Foto- und Sound-Dokumentation aus Tunesien, Ägypten und der Türkei ist nun in Form einer Ausstellung im Innsbrucker Architekturhaus aut zu sehen.

„Es passiert nicht jeden Tag“, sagt Anna Lerchbaumer, „dass jemand mit einer Hasselblad-Mittelformatkamera samt Stativ im Swimming-Pool oder am Rutschturm steht und das Auf-Urlaub-Sein der anderen fotografiert. In einem All-inclusive-Club, in dem sonst jede Minute durchgetaktet und durchchoreografiert ist, wirkt dieses Bild wahrscheinlich ziemlich verstörend.“ So manches Mal, erinnert sie sich, seien die drei Invasoren zum Hoteldirektor zitiert worden.

„Jede Aktion, die nicht ins Konzept von Ferienstimmung und All-inclusive passt, wird sofort unterbunden“, meint Andreas Zißler. „Kaum haben wir die Kamera ausgepackt, wurden wir schon von Animateuren gestürmt, die uns um jeden Preis in ein belangloses Feriengespräch verwickeln wollten. Aber auch Beleuchtung, knarrende Lautsprecher und schlechte Schlagermusik in Endlosschleife wurden immer wieder eingesetzt, um uns zu vertreiben und unsere Arbeit zu behindern.“

Es sind dies, erklärt Zißler, die ganz normalen Werkzeuge, mit denen auch der Hotelgast von A nach B durchgelotst wird: Licht, Musik, Buffet, Happy Hour und Animationsprogramm. „Auf diese Weise wird die große Masse im Revier Ferienanlage zusammengehalten und kontrolliert. Ein Ausbrechen aus diesem System ist quasi unmöglich. Jeder Fluchtversuch wird mit aller Kraft zu stoppen versucht.“ Und ja, es sei erstaunlich, wir rasch man sich als Außenstehender und kritischer Beobachter diesem absolutistischen, zentralistischen Regime beuge und selbst zur Marionette des oktroyierten Glücklich-Seins verkomme.

Neben dem El-Mouradi Palm Marina in Port El-Kantaoui reisten die drei Kuratoren auch ins Happy Life Village in Sharm-el-Sheikh, Ägypten, sowie ins Dream World Aqua in Antalya, Türkei. „Wir waren an drei vollkommen unterschiedlichen Orten, doch die Hotelanlagen mit ihren zentralen Pool-Landschaften waren jedes Mal zum Verwechseln ähnlich“, sagt Pia Prantl.

„Es spielt keine Rolle, wo welches Hotel steht. Es spielt nur eine Rolle, welche Aufgabe es zu erfüllen hat.“ Das All-inclusive-Hotel sei nichts anderes als ein programmatischer Filter, der für die Touristen die Realität des Ortes aussiebt. Ganz so wie in Disneyland oder im 1998 erschienenen Kinoklassiker Truman Show.

„Und das Erschreckende ist“, so Andreas Zißler, „dass wir diese künstliche Parallelwelt, die uns einen bestimmten Verhaltens-code vorschreibt, längst nicht nur im Pauschalurlaub vorfinden. Sie ist überall. Jeder Bahnhof, jeder Flughafen, jeder Supermarkt, jedes Shoppingcenter, ja sogar jede Einkaufsstraße in der Stadt ist darauf ausgerichtet, unsere Wege zu kontrollieren und unser Konsumverhalten zu beeinflussen.“

Ohne Ort, ohne Kontext

Es reicht allein schon ein Blick in die Stadtkultur turbokapitalistischer Gesellschaften: China, USA, Vereinigte Arabische Emirate. „Städte wie Dubai und Las Vegas entbehren einer jeden Vergangenheit und jeder Realität. Sie sind Fabriken der Sehnsuchtsproduktion und der Wunscherfüllung – ohne Ort, ohne Kontext, ohne Vergangenheit. Und diese Nichtorte, in denen nur noch das ästhetisierte Abbild einer Wirklichkeitskonstruktion zählt, werden immer mehr.“

Auf genau diese Fehlentwicklung will die Innsbrucker Ausstellung – über ihre eigenen ästhetischen Bilder hinaus – aufmerksam machen. Die Fotografien, die Tagesabläufe mit Boccia, Volleyball und Wasseraerobic und das Stück Plastikrutsche, das wie ein ausgetrocknetes Relikt im Raum steht, sind demaskierend.

Die Ausstellung „LSF 50. Entspannung pauschal im arabischen Sommer“ ist im aut noch bis 12. Februar 2017 zu sehen. Am 13. Jänner 2017 findet ein Diaabend zum Thema Wasser statt.

16. Dezember 2016 Der Standard

Der Industriepark als kleines Universum

Der Steinmetzbetrieb Kampichler in Theresienfeld wurde mit dem Österreichischen Bauherrenpreis ausgezeichnet. Das liegt nicht nur, aber auch daran, dass der Industriebetrieb zu einem Firmenpark mit anmietbaren Betriebsflächen ausgebaut wurde.

Wien – Lkws, Lagerhallen, Logistikzentren. Und immer wieder tauchen dazwischen, als hätte jemand unabsichtlich das falsche Objekt aufs falsche Grundstück gestellt, Einfamilienhäuser und weihnachtlich dekorierte Carports auf. Das Industriegebiet Theresienfeld zwischen Leobersdorf und Wiener Neustadt gehört wahrlich nicht zu den schönsten Landschaftsecken Niederösterreichs. Hier zählt die Produktionseffizienz mehr als jedes noch so kleine Bekenntnis zur Baukultur.

Doch plötzlich wachsen am Straßenrand ein paar vereinzelte Betonskulpturen aus dem Feld. Die schrägen Wandscheiben und schief eingeschnittenen Fensterschlitze lassen Großes, lassen Ungewöhnliches erahnen. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Museumsdependance für zeitgenössische Kunst, entpuppt sich bei der Lektüre der frei aufgestellten Adress- und Werbepylonen als Gewerbepark und Firmenareal des Steinmetzbetriebs Kampichler.

„Der Betrieb ist hier schon seit langer Zeit angesiedelt“, sagt Matthias Raiger, Partner und Projektleiter im für die Planung zuständigen Architekturbüro gerner gerner plus. „Unsere Aufgabe war, die unterschiedlichen Hallen und Ausbaustufen zu einem großen Ganzen zusammenzufassen und um neue Flächen zu erweitern.“ Das Ergebnis ist eine 7000 m² große Halle mit Büro- und Produktionsflächen. Vor kurzem wurde der ungewöhnliche Industriepark von der Zentralvereinigung der ArchitektInnen (ZV) mit dem Österreichischen Bauherrenpreis 2016 ausgezeichnet.

Unterschiedliche Mieter

„Den Architekten ist es gelungen, die wirklich großen Volumina, die für so einen Gewerbebetrieb typisch sind, mit bestechend einfachen Mitteln zu einer faszinierenden Gesamtkomposition zu verbinden“, erklärt der Wiener Architekt und Bauherrenpreisjuror Martin Kohlbauer. „Vor allem aber hat uns fasziniert, wie ein Bauherr mit Vision und Qualitätsbewusstsein an ein Projekt herangeht und den eigenen Flächenbedarf mit dem Ausbau zu einem kleinen Firmenpark mit fremdeingemieteten Unternehmen ausbaut. Hinter den skulpturalen Betonscheiben verbergen sich raffinierte Lagerplätze, die von außen zwar nicht einsehbar, dafür aber mit dem Gabelstapler befahrbar sind. Hier ist ein kleines Universum entstanden.“

Von außen betrachtet, sind die unterschiedlichen Bauphasen und Funktionsgrenzen kaum wahrnehmbar. Erst im Inneren des Gebäudes geben sich Hallengröße, Tragstruktur und unterschiedliche Mieternutzungen verräterisch redselig. Während ein Teil des Areals (knapp 4000 m²) von Kampichler selbst für Lagerung, Zuschnitt und Feinbearbeitung von Naturstein – vom Bodenpflaster über Küchenarbeitsplatten bis hin zu mal schönen, mal weniger schönen Grabsteinen – genutzt wird, sind andernorts Glaserei, Dreherei und Motorenhersteller eingemietet.

„Als wir das Projekt gestartet haben, hatte ich die Idee, vielleicht eine, maximal zwei kleine Hallen fremdzuvermieten“, erklärt Bauherr Josef Kampichler auf Anfrage des Standard . „Doch nachdem sich in der Planungs- und Bauphase mehr und mehr Betriebe nach Miethallen erkundigt haben, entstand quasi spontan die Idee, das Bauprojekt zu erweitern. Jedes Mal, wenn ein neuer Mietinteressent dazugekommen ist, bin ich gedanklich wieder eine Halle weitergezogen.“ Am Ende belief sich die Gesamtinvestition in den Bau auf rund 4,5 Millionen Euro.

Konstruktion und Brandabschnitte sind so gestaltet, dass der 180 Meter lange Bau in 1000 m² große Hallenabschnitte gegliedert werden kann. Jeder Abschnitt wiederum hat jeweils einen Zugang von Nord und Süd. Damit ist auch diese kleine Mieteinheit noch einmal quer unterteilbar. In einer Nische hinter schwarz lasierter Holzfassade kann jeder Mieter, falls betrieblich nötig, seine eigene Haustechnikanlage aufstellen. Auf diese Weise entsteht maximale Flächenflexibilität. Von dieser wird Josef Kampichler allerdings, wie es aussieht, länger nicht Gebrauch machen müssen. Der Firmenpark ist mit sechs Betrieben vollvermietet. Schon jetzt befinden sich zahlreiche Mietinteressenten auf der Warteliste.

In einer der Hallen ist der Motorenhersteller Cummins Diesel Kögler Antriebstechnik eingemietet. Die Halle ist lichtdurchflutet und hell. Überall stehen knallrot und tiefschwarz lackierte Motorblöcke auf Holzpaletten. Im hinteren Teil der Halle befindet sich das großzügig verglaste Meisterhäuschen. Als stünde man auf einer Dachterrasse, die mit einer seitlichen Treppe zu erreichen ist, befinden sich darüber Pausenfläche, Toiletten und Duschen für die Mitarbeiter. Rundum ist alles offen.

Kein Kitsch-Schönbrunn

„Aufgrund der Betonbrüstung sieht man von unten eh nicht hinauf“, sagt Projektleiter Matthias Raiger. „Aber dafür hat man von oben eine fantastische Aussicht auf das Geschehen in der Halle. Man verbringt die Pause mit Licht und Luft und Panoramaausblick.“ Das ist nur eine der vielen schönen Kleinigkeiten, die dem Gewerbepark Kampichler eine Auszeichnung und nicht zuletzt einen Platz in der aktuellen Ausstellung im Wiener Ringturm gesichert haben. „Und auch“, ergänzt Kampichler, „dass wir alle eine gewisse Disziplin an den Tag gelegt und dafür gesorgt haben, dass ein der Bauaufgabe angemessener, schöner Ort entstanden ist – und keine seelenlose Halle oder irgendein Kitsch-Schönbrunn wie überall sonst.“

15. Dezember 2016 Der Standard

Architekt von der Wiege bis zur Bahre

Kopf des Tages

Eislaufen war er noch nie. Das würde er gern einmal ausprobieren, sagt der 64-Jährige, der in São Paulo ein Büro mit knapp 40 Mitarbeitern betreibt und einer der bekanntesten und umtriebigsten Architekten Südamerikas ist.

Zu seinen Projekten zählen Bars, Boutiquen, Bibliotheken, Hotels, Museen, Galerien, Restaurants, viele, viele Einfamilienhäuser – und vor allem Wohntürme. Mit einem solchen hat sich der sympathisch grinsende Mann mit Halbglatze und Hornbrille auch in Österreich einen Namen gemacht.

Isay Weinfeld ist jener Mann, der sich im Februar 2014 gegen 140 Architekten aus aller Welt durchsetzen konnte und für den Wiener Investor Michael Tojner (Wertinvest) einen Vorschlag für die Bebauung des Areals Eislaufverein und Hotel Intercontinental machte. Er punktete vor allem mit einer bedächtigen, sensiblen Architektursprache sowie mit dem Vorschlag, das bestehende Hotel zu erhalten und zu sanieren. So wie in seinem Eröffnungsjahr 1964 sollte das alte Intercont wieder als „Ikone von globaler Eleganz“ erstrahlen. Daraus wird nichts.

Weinfeld, der die Ruhe eines jüdischen Mischpoche-Papas ausstrahlt, nimmt die jüngste Entwicklung neben dem Stadtpark mit Gelassenheit. „Man kann nie allen gefallen. Befürchtungen, Ängste und Anfeindungen sind immer da, und diese gilt es zu respektieren. Ich bin offen für Dialog.“

Mit genau dieser Einstellung ist es ihm gelungen, eine so große Tätigkeitsbandbreite wie kaum ein anderer abzudecken. Zu seinen Auftraggebern zählen die brasilianische Hautevolee, Schönheitschirurgen, weltweit bekannte Konzerne wie der Flipflop-Produzent Havaianas, aber auch NGOs und öffentliche Kulturinstitutionen. Er hat schon Wiegen und Särge designt. Und sogar als Filmregisseur hat er sich bereits verdingt. In seiner Komödie Fogo e Paixão (Feuer und Leidenschaft) lässt er eine Horde von Touristen eine Großstadt erkunden.

Auch dem Essen und der Musik ist der passionierte Cineast nicht abgeneigt. Er hört Mozart, Beethoven und Arvo Pärt und lernt die Destinationen, an denen er tätig ist, am liebsten über den Magen kennen. „Wenn das Essen gut ist, dann habe ich auch großen Appetit auf Architektur.“ Und wie ist es um den Appetit auf Eis bestellt? „Die ersten Eislaufschuhe würde ich mir natürlich am liebsten in meinem eigenen Projekt in Wien anziehen“, so Weinfeld. „Mal schauen, wann das möglich sein wird.“

3. Dezember 2016 Der Standard

Schule macht Schule

Das Schul- und Kulturzentrum in Feldkirchen an der Donau wurde kürzlich mit dem Österreichischen Bauherrenpreis ausgezeichnet. Das liegt zum einen an der Architektur von fasch & fuchs, zum anderen am ungewöhnlichen pädagogischen Ansatz.

Lasst euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr.

Diese Ansprache zum Schulbeginn stammt aus dem Jahre 1968. Erich Kästners Worte haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Kaum hat man das Schulhaus betreten, entdeckt man in der Aula Textfragmente daraus in Form von silberfarben applizierten Buchstaben auf der Empore im ersten und zweiten Stock. Die Kunst-am-Bau-Arbeit stammt vom Wiener Künstler Hermann Staudinger.

Der Lehrer ist kein Schulwebel und kein lieber Gott. Er weiß nicht alles, und er kann nicht alles wissen. „Aber wir haben viel gelernt“, sagt Brigitte Rechberger, Direktorin des neuen Schul- und Kulturzentrums im oberösterreichischen Feldkirchen. „Die Bauphase und das Gebäude, in dem wir nun arbeiten, haben uns so geprägt, das ich mit Stolz sagen kann: Unsere Lehrer sind keine Einzelkämpfer wie in vielen anderen Schulen, sondern Teamplayer. Hier arbeitet jeder mit jedem. Das liegt nicht nur, aber auch an der außergewöhnlichen Architektur.“

Misstraut euren Schulbüchern!

Für genau diesen einzigartigen Ansatz wurde die Marktgemeinde Feldkirchen an der Donau, nur ein paar Steinwürfe von Linz entfernt, kürzlich mit dem Österreichischen Bauherrenpreis 2016 ausgezeichnet. Der Preis, der jährlich von der Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs (ZV) vergeben wird, möchte genau jene Menschen vor den Vorhang holen, die die hohe Kunst guter Architektur überhaupt erst ermöglichen – die Auftraggeberinnen und Auftraggeber.

Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern. Sie sind nicht auf dem Berge Sinai entstanden. Hinter dem Lernlabor für rund 400 Schülerinnen und Schüler verbirgt sich ein Hybrid aus Neubau und Sanierung aus der Feder des Wiener Architekturbüros fasch & fuchs. Während die alte Volksschule abgerissen und neu aufgebaut wurde, handelt es sich bei der Neuen Mittelschule um eine sehr schöne, gut funktionierende Hallenschule aus den Siebzigerjahren, die thermisch saniert und in den Neubau integriert wurde. Der angrenzende Turnsaal wurde generalsaniert und erweitert. Ein ganz neues Element ist die Musikschule mit angrenzendem Kulturzentrum.

„Der österreichische Schul- und Bildungsbau hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt“, sagt Hemma Fasch. „Es sind viele innovative Projekte entstanden. Oft ist es aber so, dass die architektonischen und pädagogischen Konzepte nicht ganz zusammenpassen, weil das eine dem anderen irgendwie hinterherhinkt, weil Architekt und Nutzerin nicht miteinander kommunizieren. Bei diesem Projekt jedoch war es anders. Wir haben miteinander gearbeitet, wir haben alle an einem Strang gezogen, und das sieht man dem Haus auch an.“

Seid nicht zu fleißig!

Seid nicht zu fleißig! Bei diesem Ratschlag müssen die Faulen weghören. Er gilt nur für die Fleißigen, aber für sie ist er sehr wichtig. „Das Schöne ist, dass wir uns gemeinsam mit der Schulleitung und den Lehrenden austoben konnten. Von Anfang an war ein Haus gefordert, das räumlich in der Lage ist, auf die Erfordernisse neuer pädagogischer Konzepte zu reagieren“, ergänzt Jakob Fuchs. „Damit werden alle Klischees von Schule hintangestellt.“

Wie eine rote Zunge klappt vom ersten Stock eine breite Treppe herab, die mit ihren gebeizten Sitzbohlen als Tribüne für Schulaufführungen und diverse Veranstaltungen genutzt werden kann. Die boomerangförmigen Lampen, die wie leuchtende Ufos im Raum zu schweben scheinen, lösen im Betrachter den kindlichen Reflex des Hingreifenwollens aus. Und die nackten Betonwände mit ihren rot und violett gepolsterten Lümmellandschaften erwecken den Eindruck, als sei man in einem Wissens- und Spaßlabor à la MIT und Apple-Campus – und nicht in einer öffentlichen Schule irgendwo in Oberösterreich.

Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch. Statt klassischer Schulklassen gibt es unterschiedliche, kombinierbare und auch voneinander abtrennbare Lernzonen, die sich um einen sogenannten Marktplatz gruppieren. Während die Lernbereiche mit mobilen, rollbaren Einzeltischen ausgestattet sind, bricht die Gestaltung des Marktplatzes mit allen schulischen Konventionen: Round Tables, Bullaugen im Boden, Computer-Terminals zum Stehen, Teeküchen mit ausklappbaren Tischchen, fahrbare Schrankmöbel mit abschließbaren Privatfächern und rundum Zugänge auf Terrasse und Balkon.

Manche von euch rutschen unruhig hin und her, als säßen sie auf Herdplatten. Andere hocken wie angeleimt auf ihren Plätzen. Einige kichern blöde, und der Rotkopf in der dritten Reihe starrt, Gänsehaut im Blick, auf die schwarze Wandtafel, als sähe er in eine sehr düstere Zukunft. Allein schon die Tatsache, dass sich hinter den schicken, weißen Designer-Hockern nichts anderes als auf den Kopf gestellte Kunststoffmistkübel vom Ikea verbergen, gibt einen Einblick in die unorthodoxe Genese dieses Projekts.

Lösung aus der Notlösung

Ungewöhnlich war auch die Bauphase. Ursprünglich wollte die Gemeinde für die Zeit der Sanierung Container ankaufen und den Schulbetrieb auslagern. Schließlich jedoch hatte man die glorreiche – und auch weitaus billigere – Idee, die Klassenzimmer auf den gesamten Immobilienleerstand im Ort zu verteilen. Fündig wurde man in diversen leer stehenden Geschäftslokalen, im Sitzungssaal der Gemeinde, in der Samariter-Rettungsdienststelle sowie im Pfarrhaus, direkt unter der Bedienstetenwohnung des Gemeindepfarrers.

Haltet das Katheder weder für einen Thron noch für eine Kanzel. „Es war eine lustige Zeit, in der wir viel improvisieren mussten“, erinnert sich Schuldirektorin Brigitte Rechberger. Die Zeit im Ausnahmezustand habe Lehrerinnen und Kinder zusammengeschweißt. „Im Rückblick kann ich sagen, dass aus der Notlösung die beste Lösung aller Zeiten geworden ist. Und sie beweist, dass Lehren und Lernen überall stattfinden kann.“

Eure Stunde X hat geschlagen. Der Unterricht in Elektrogeschäften und Pfarrsälen während der Bauphase zeigt bis heute Wirkung. Der Anteil klassischen Frontalunterrichts im Schul- und Kulturzentrum Feldkirchen beträgt nach Auskunft der Lehrerinnen und Lehrer aktuell nur noch zehn Prozent. Erst kürzlich wurde in der Volksschule und Neuen Mittelschule Feldkirchen die Pausenglocke abgeschafft.

Die einfachen Dinge sind schwer begreiflich zu machen. Sehr gut.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag