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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

2. September 2017 Der Standard

Eine Ahnung von Planung ohne Widerhall

Bei den Alpbacher Baukulturgesprächen sprach man über Weltkulturerbe, Baurecht und Digitalisierung

„Nairobi ist eine riesige Stadt, hat aber ein kaum funktionierendes öffentliches Verkehrsnetz“, sagte der philippinisch-amerikanische Stadtplaner Benjamin de la Peña. „Aus diesem Grund haben wir die informellen Busse und Taxis, die sogenannten Matatus, vor einigen Jahren digital vernetzt.“ Unter dem Titel Digital Matatu können sich Stadtbewohner und Touristen ein Bild davon machen, auf welchen Routen die Matatus verkehren und wo sich die inoffiziellen Haltestellen befinden.

„Schön und gut“, meinte Adam Greenfield, seines Zeichens Stadtforscher und Autor des Pamphlets Against the Smart City, „aber durch die Registrierung im Netz befinden sich nun sämtliche Matatu-Fahrer auf dem Radar von Steuerbehörde und korrupter Polizei. Das erschwert das Leben einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Der technische Fortschritt hat seinen Preis. Er macht die einen glücklich auf Kosten der anderen.“

Kontroversielle Debatte war das heuer gewählte Format der Alpbacher Baukulturgespräche, die am Freitag zu Ende gingen und traditionellerweise das Europäische Forum Alpbach abschlossen. Unter dem Generaltitel Konflikt und Kooperation diskutierten Befürworter und Gegner über die Sonnen- und Schattenseiten der urbanen Digitalisierung sowie über den Umgang mit Bauvorschriften, Weltkulturerbe und dem immer knapper werdenden Grund und Boden.

„Wir reden immer von Stadtplanung“, sagte Architekt Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au. „Aber dieser Begriff beinhaltet einen fundamentalen Fehler. Er implementiert, dass Planung immer etwas mit Ahnung zu tun hat. In Wahrheit aber haben wir heute viel zu wenig Vorstellung davon, wie wir morgen wohnen und leben wollen.“ Um das herauszufinden, brauche es mehr Mut. Herwig Spiegl (AWG Architekten) plädierte für „mehr Experimente jenseits der Norm. Doch leider sind wir in einer Zeit angelangt, da keine Fehler und Misserfolge mehr geduldet werden.“

Was kontroversiell begonnen hatte, führte nach zwei Tagen zu einem überraschenden Konsens. Die Diskutanten waren sich darin einig, dass es dringend einer neuen Gesprächskultur und Vernetzungsbereitschaft bedarf. Es sei quasi unmöglich, Architekten, Stadtplaner, Forscher, Projektentwickler, Investoren und Politik an einen Tisch zu bekommen. Die Baukulturgespräche waren symptomatisch dafür. Die Entscheider und Gesetzgeber konzentrierten sich auf die Wirtschafts- und Finanzgespräche und blieben – bis auf wenige Ausnahmen – auch heuer wieder der Baukultur fern. Da kann man sich den Mund fusselig reden. Wenn die Verantwortlichen fehlen, verpufft jeder noch so wertvolle Konsens ohne Widerhall über den Tiroler Alpen.

26. August 2017 Der Standard

Stadt der Angsträume

Nach dem terroristischen Anschlag in Barcelona letzte Woche stellt sich die Frage: Welche Auswirkungen haben Angst und Gewalt auf die Zukunft unserer Städte? Wird der Terror zum Architekten?

Vor rund einer Woche fuhr ein Attentäter mit einem Lieferwagen über die Fußgängerzone La Rambla und tötete dabei 13 Menschen. Mindestens 119 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Es ist nicht der erste Terroranschlag seiner Art. Auch in Nizza und Berlin raste ein Lkw in eine mal sommerlich ausgelassen, mal weihnachtlich beschaulich feiernde Menschenmenge. Hinzu kommen Terrorattacken in Paris, Brüssel, Stockholm, London, Manchester und Istanbul. Am vorläufigen Ende dieser zwei Jahre dauernden Anschlagserie stellt sich die Frage: Wie können Architekten und Stadtplanerinnen darauf reagieren? Und welche Spuren werden Angst und Terror in der europäischen Stadt langfristig hinterlassen haben?

„Die meisten Städte sind auf die neuen urbanen Terrorangriffe kaum vorbereitet“, sagt Jon Coaffee, Professor für urbane Geografie und Leiter des Resilient Cities Laboratory an der University of Warwick, im Gespräch mit dem STANDARD . „Und das, obwohl der IS schon vor über einem Jahr Leitlinien zum Töten mit Autos und Trucks veröffentlicht hat. Da hilft es auch nicht, die Security an den großen öffentlichen Plätzen zu verstärken. Damit kann man bestenfalls ein, zwei hochfrequentierte Orte einer Stadt sichern. Doch was ist mit dem Rest?“

Die meisten Anschlagsorte werden unmittelbar nach dem Unglück mit Betonblöcken und diversen massiven Rammschutzpollern umzingelt. Meistens, so sind sich Experten einig, ist dies eine vor allem politische Maßnahme, um die Menschen zu beruhigen und das subjektive Sicherheitsempfinden in der Stadt zu stärken. „Kein Terrorist wird am gleichen Ort ein zweites Mal zuschlagen“, so Coaffee, „aber zugleich wird auch keine Stadtregierung diese Garantie abgeben und das Risiko einer ängstlichen und wütenden Bevölkerung auf sich nehmen wollen.“

Die Folge: Immer mehr öffentliche Räume in der Stadt werden mit sichtbaren, tonnenschweren Schutzmaßnahmen umzingelt. Zur „Hostile Vehicle Mitigation“ (HVM), so der Fachausdruck, zählen sogenannte Bremerwände, Jersey-Walls und Texas-Barriers, mobile und immobile Stahlpoller sowie ausfahrbare Rampen, Platten und Nagelsperren. Immer mehr private Anbieter bieten die Antiterrorpoller auch für den Privatbereich an und garantieren, damit einen Lkw mit bis zu 50 km/h aufhalten zu können. Ab 3000 Euro pro Stück ist man mit dabei.

„Ich halte die allmähliche Verpollerung und Betonverkübelung der Stadt für höchst zweischneidig“, erklärt Coaffee. „Einerseits fühlen sich manche Menschen dadurch zwar gut aufgehoben, andererseits aber schrecken mindestens genauso viele Menschen vor diesen Maßnahmen zurück, weil sie damit Angst und Terror assoziieren. Ganz generell stellt sich die Frage, die nicht nur technisch und politisch, sondern auch stadtpsychologisch und gesamtgesellschaftlich beantwortet gehört: Wollen wir wirklich, dass das die Zukunft der westlichen Stadt ist?“

Möbel gegen den Terror

Für die Antiterrorgestaltung auf der Wall Street in New York City – längst haben sich in Fachkreisen die Begriffe „Counterterrorism“ und CPTED („Crime Prevention through Environmental Design“) etabliert – hat das lokale Büro Rogers Partners Architects and Urban Designers eine etwas elegantere Tarnung in Form von kubischen Bronzeskulpturen vorgeschlagen (Foto links) . Die gute Nachricht: Die multifunktionalen Stadtmöbel werden von Brokern und Touristen zum Sitzen, Lehnen und Picknicken verwendet. Die schlechte Nachricht: Ihre primäre Counterterrorism-Funktion vermögen die windschiefen Würfel trotzdem nicht zu verbergen.

Dass es auch anders geht, beweist ein Projekt in Paris: Im Herbst starten die Bauarbeiten für die Sicherheitsmaßnahmen rund um den Eiffelturm. Entlang der Verkehrsachsen wird der österreichische Architekt Dietmar Feichtinger, der aus einem Wettbewerb als Sieger hervorgegangen ist, Stahlpoller und 200 Meter lange, transparente Wände aus schusssicherem Panzerglas aufstellen. Ein Eingriff in die Aura der Eisernen Dame ist das 20 Millionen Euro teure Projekt, das bis Sommer nächsten Jahres abgeschlossen sein soll, dennoch.

„Tatsache ist: Wir müssen uns dem Terror stellen und darauf auf architektonischer und stadtplanerischer Ebene reagieren, denn diese Attacken werden so bald nicht verschwinden“, sagt Daveed Gartenstein-Ross, Professor an der Georgetown University in Washington D.C. und Terroranalyst der Foundation for Defense of Democracies, im Interview mit dem STANDARD . „Mehr noch: Die Terrorangriffe nehmen nicht nur in der Häufigkeit zu, sondern auch in der Brutalität und Unvorhersehbarkeit.“

Als einzig mögliche Antwort darauf nennt Gartenstein-Ross den Begriff „Crisis Architecture“, also eine Architektur, die zwar dem Terrorismus geschuldet ist, sich aber ohne Stacheldraht und Nagelsperren harmonisch ins Stadtbild fügt. Prominentestes Beispiel dafür ist der sich derzeit in Bau befindliche Neubau der US-Botschaft in London (Visualisierung rechts) . Dass sich hinter dem von Kieran Timberlake Architects geplanten Projekt ein noch nie dagewesener Sicherheitsbunker verbirgt, ist dem Haus kaum anzumerken.

Nach dem Vorbild von mittelalterlichen Burgen steht das zwölfstöckige Gebäude auf einem leicht erhabenen Hügel, der rundum von Teichen und Wassergräben umgeben ist. Um hohe Zufahrtsgeschwindigkeiten zu vermeiden, sind sämtliche Wege und Straßen spiralförmig angelegt. Hinzu kommen diverse Geländesprünge, als Sitzbank getarnte Barrieren sowie mit Stahlseilen bespannte Büsche und Hecken. Die 15 (!) Zentimeter dicken Fassadengläser können sogar Schussbomben standhalten.

„Das ist ein gutes Beispiel für „Crisis Architecture“, die ihr Potenzial keineswegs in Form von Pollern und Barrieren mächtig nach außen kehrt“, meint Gartenstein-Ross. „Das ist ein holistischer Ansatz, wie wir unsere Städte auf stadtplanerischer Ebene ertüchtigen können, ohne sie dabei gleichzeitig zu brutalisieren. Wir befinden uns heute in einer Situation, in der solche Maßnahmen unerlässlich sind. Leider.“

Soll Barcelona London werden?

Die City of London ist seit vielen Jahren von einem hochkontrollierten „Ring of Steel“ umgeben. Das Stadtgebiet Greater London ist mit 500.000 Videokameras das am dichtesten bewachte Flächengebiet der Welt. Und schon heute bezeichnen viele Fachleute die Stadt an der Themse als „Fortress of London“. Die neue US-Botschaft als Pionierprojekt und womöglich normatives Best-Practice-Beispiel fügt sich perfekt in diese längst reale Paranoiopolis. Ist London die neue Vorzeigestadt für Nizza, Berlin und Barcelona?

„Architektur ist der Wille einer Epoche, ausgedrückt in Raum“, hat Ludwig Mies van der Rohe einmal gesagt. Die Frage, ob und inwiefern wir den Terror zum Planer unserer Städte ermächtigen wollen, ist noch nicht beantwortet.

12. August 2017 Der Standard

Der Turmbau zu Babel

Mitten in den Schweizer Alpen steht ein 30 Meter hoher Theaterturm. Der blutrote Wahnsinnsbau zählt zu den ungewöhnlichsten Projekten der letzten Jahre.

Ich bin der Sieg, ich bin der Sieg, ich bin der Held im Todesritt“, heißt es. „Und dann ging die Sonne hinab, und der Himmel wurde rot wie Blut, und der Himmel verschwand.“ Die zeitgenössische Oper Apocalypse des Schweizer Komponisten Gion Antoni Derungs handelt von Hunger, Krieg und Tod, vom Fall Babylons, vom infernalen Untergang der Welt. Eindringlich prasseln die Noten aufs Trommelfell, sperrig klingen die mal deutschen, mal lateinischen, mal rätoromanischen Worte. „Noli timere! Und die Trümmer der Stadt krachten in sich zusammen.“

Besser hätte man Ort und Oper nicht zusammenbringen können. Schon die Eröffnungspremiere vor einer Woche brachte die Potenziale dieses so unwirklich wirkenden Theaters an das sich langsam zu Ende neigende Tageslicht. Und es ist mitnichten Zufall, dass Text und Zeit fast auf die Minute genau aufeinander abgestimmt waren. Und der Himmel wurde rot wie Blut, nicht nur drüben in Mesopotamien, sondern auch hüben in den Schweizer Bergen, am Julierpass auf 2284 Meter Seehöhe.

Der Postbus kämpft sich mit 30 km/h die Kehren hoch, mit jeder Kurve wird die Luft kühler und die Landschaft karger, und spätestens, als man nach zwanzig Minuten die Baumgrenze passiert, kann man sich kaum noch vorstellen, dass in diesem gottverlassenen Hochland jemals Heidi über Stock und Stein gehüpft sein soll. Sils, Surlej, Silvaplana und das Millionärsstädtchen St. Moritz sind längst hinter den Bergen verschwunden, als am Horizont plötzlich ein ochsenblutroter Turm auftaucht.

Abweisend. Bedrohlich. Geheimnisvoll. Und von so einer ruhigen, minimalistischen Ästhetik gezeichnet, wie sie nur die Schweizer beherrschen. Nicht von ungefähr erinnert das 30 Meter hohe Objekt mit seinen übereinanderliegenden Rundbogenfenstern an den Turmbau zu Babel. Und als wäre das alles nicht schon genug der schauderhaften Mystik, muss man, als man endlich am Tor angekommen ist und kopfüber in den Himmel hochblickt, an den schwarzen Monolithen denken, der dereinst im Kino-Epos 2001: Odyssee im Weltraum den Affen zum Affen machte.

Mit einem Knarren öffnet sich die Tür. Der tiefrote Pinselstrich ist in der Holzoberfläche noch deutlich zu erkennen. Ein wenig braucht das Auge, um sich an die Enge des Innenraums zu gewöhnen. Nach wenigen Sekunden offenbart sich ein zehneckiges Panoptikum mit Nischen und Bogenfenstern hinaus in die Welt. In der Mitte ist ein großes, leeres Nichts, in dem eine kreisrunde Plattform von der Decke hängt. Während der Vorstellungen kann die mobile Bühne mittels Kettenzugs wie ein Lift auf und ab fahren. Die Ähnlichkeit zum elisabethanischen Globe Theatre in London ist nicht von der Hand zu weisen. Bis zu 220 Personen fasst der Saal.

„In jedem anderen Theaterhaus ist man von der Welt abgeschirmt, und zwischen Publikum und Fiktionsraum hängt ein Vorhang, der das Geschehen noch ferner abrückt und noch distanzierter erscheinen lässt“, sagt Giovanni Netzer. „Doch hier verschmelzen Bühne, Kulisse und Landschaft zu einem grenzenlosen Ganzen. Dieser Raum ist alles andere als ein Guckkasten, alles andere als eine Blackbox. Es ist ein Ort, an dem wir üben können, uns den Naturgewalten zu fügen und mit ihnen zu arbeiten.“

Archaische Themen

Netzer ist Intendant des 2005 gegründeten Theaterfestivals Origen. Wie der Name schon sagt, hat man sich zur Aufgabe gemacht, die darstellenden Künste in ihrer Ursprünglichkeit auf die Bühne zu bringen. Gezeigt werden traditionelle Formate aus dem Engadin, regionale Ressourcen aus den Bereichen Oper, Tanz und Theater, aber auch archaische Themen aus der Historie – mit Vorliebe gregorianische Gesänge, Parabeln über die sieben Todsünden, Apokalyptisches aus dem Alten Testament.

„Ich habe Theologie studiert und kann meine Wurzeln nicht leugnen“, sagt der 50-Jährige. „Doch auch ohne diesen Hintergrund wird man hier oben in den Bergen, an diesem so geschichtsträchtigen Julierpass, über den einst die Seidenstraße verlief und an dem heute noch verschiedene Sprach- und Kulturkreise aufeinanderprallen, einer höheren Gewalt gewahr. Hier kann man über das eigene Leben und die Ewigkeit der Steine nachdenken. In den Städten hat man dafür keine Zeit.“

Doch wozu braucht man inmitten dieser wie auch immer gearteten, weltlichen oder geistlichen Gewalten überhaupt Architektur? „Der Julierturm ist weniger ein Haus als vielmehr ein Bühnenbild, das die Funktionen Bühne, Kulisse und Zuschauerraum in sich vereint“, widerspricht der Gesamtkünstler, der in diesem Projekt höchstselbst in die Rolle des Architekten schlüpfte und sich dem Entwurf in hunderten Skizzen und 80 verschiedenen Kartonmodellen näherte. Wie jedes Schaustück ist auch dieses nur ein temporäres. Nach vier Jahren soll der Julierturm, der auf einem bereits bestehenden Parkplatz neben dem Bergsee errichtet wurde und sich als höchstgelegenes Opernhaus Europas rühmt, abgebaut und das Grundstück wieder renaturiert werden.

„Nichts ist ewig. Nicht auf der Bühne. Und schon gar nicht hier oben in den Bergen, wo der Winter brutal hart ist und der Wind mit bis zu 250 km/h über den Pass fegt“, sagt Netzer. „Der Turm wird so unvollendet bleiben wie jener in Babylon. Denn wenn man hier oben Theater macht, dann muss man auch akzeptieren, dass am Ende die Naturgewalten siegen werden.“ Schon bald, hofft der Theatermacher, wird die ochsenblutrote Lasur die erste Patina angelegt haben. Und tatsächlich ist die Konstruktion nicht für die Ewigkeit bestimmt: Der Graubündner Bauingenieur Walter Bieler baute nach den Plänen Netzers eine einschalige Konstruktion aus zwölf Zentimeter dickem Brettschichtholz, die mittels 28.000 Schrauben zusammengehalten wird. Die einzelnen Module wurden mittels Schwertransporter auf den Pass hochgefahren. Die den Himmel und das Gesteinsmassiv reflektierenden Glasscheiben wurden per Autokran an Ort und Stelle eingehängt. Der Rest ist ein Langzeitprovisorium.

Vier Wochen hat die Bauzeit gedauert – von der Fundamentplatte bis zum letzten Scheinwerfer. Ein paar Details wie etwa Aufzug, Heizung und Bühnentechnik werden sich noch bis in den Herbst ziehen. In Summe wird der Julierturm, der sich ausschließlich über Firmensponsoring, Privatspenden und gestiftete Sitzplätze und Fensterlogen finanziert, drei Millionen Schweizer Franken (2,6 Millionen Euro) gekostet haben. „Ego sum alpha et omega, principium et finis“, heißt es am Ende der Apocalypse. Diesen Wahnsinn muss man gesehen haben.

Der Julierturm wird ganzjährig bespielt. Um den Individualverkehr einzudämmen, ist der Besuch der Aufführungen ausschließlich mit Shuttlebus oder öffentlichem Postbusverkehr möglich. Routen ab Chur und St. Moritz. Die Fahrt ist im Eintrittspreis inbegriffen.

29. Juli 2017 Der Standard

Reden, retten, reparieren

Auf dem ehemaligen Nordbahnhofareal in Wien sollen Stadtplanung und Stadtentwicklung neu gedacht werden. Die Ausstellung „Care + Repair“ macht konkrete Vorschläge, wie das gehen könnte.

Die Wechselkröte ist ein nicht sonderlich hübscher Lurch in militanter Tarnoptik. Doch Bufo viridis hat ein Ass im Schenkel. Das zehn Zentimeter große Tier, eine von rund 700 geschützten, in Wien beheimateten Arten, ist ein regelrechter Baustopper. Schon einmal sorgte es auf den ehemaligen Nordbahnhofgründen, nachdem es sich auf dem sandigen und erdigen Areal bequem gemacht hatte, für eine monatelange Bauverzögerung. Das freute zwar die Naturschützer, mitnichten aber die Baggerfahrer und Bauträgerkonsortien, die hier bis 2025 rund 4500 Wohnungen errichtet wollen.

Wenn das Architekturzentrum Wien (AzW) nun seinen Heimatstandort im Muqua verlässt und in die Leopoldstadt ausrückt, um in der Nordbahnhalle die interaktive Ausstellung Care+Repair zu präsentieren, dann kann das durchaus auch als Rettungsaktion für Quaxi und Konsorten verstanden werden. Sechs Wochen dauert die Aktion, an der sich lokale und internationale Künstler und Architekten beteiligen und in die auch so mancher Bewohner des benachbarten Robert-Uhlir-Hofs miteinbezogen wurde.

„Die produktive Stadt braucht auch etwas Reproduktives“, sagt Angelika Fitz, Direktorin des AzW. Gemeinsam mit der Wiener Kunsttheoretikerin Elke Krasny kuratierte sie die stetig wachsende Ausstellung, die sie selbst als „Arbeitslabor“ bezeichnet und die nun im Rahmen der Vienna Biennale 2017 und des dreijährigen Forschungsprojekts „Mischung: Nordbahnhof“ zu sehen ist. „In den Politik- und Sozialwissenschaften beschäftigt man sich schon seit langer Zeit mit der Pflege, Reinigung und Reparatur des Bestandes. Im Urbanismus jedoch ist diese Idee noch ziemlich neu.“

Oder, wie Co-Kuratorin Krasny meint: „Üblicherweise baut man die Stadt der Zukunft, indem man zunächst all das zerstört, was schon da ist. Wie schon in der Moderne machen wir Tabula rasa, ohne soziale, kulturelle, materielle, ökologische oder wie auch immer geartete Ressourcen zu berücksichtigen.“

Care+Repair, so der Anspruch, macht sich auf die Suche nach jenem unbezahlbaren Schatz namens Geschichte und Identität, der in der Regel von Baggern und Bulldozern zu Tode planiert wird, sobald der Natur wieder einmal ein Stückchen Land abgerungen wird. Architekten, Stadtplaner, Künstler, Kulturtheoretiker, Biologen, Ornithologen, Schriftsteller und Forscher zogen gemeinsam durch die Büsche, spazierten über Gleise und stillgelegte Kohlerutschen und ließen sich in Tunnels, Unterführungen und aufgelassenen Bahnwärterhäuschen nieder, um das Areal des ehemaligen Nordbahnhofs zu erforschen und sich mit seinen dokumentierten und auch undokumentierten Potenzialen vertraut zu machen.

Zissis Kotionis und Phoebe Giannisi aus Volos (Griechenland) studierten die Sprache der Vögel und führten einen ornithologischen Dialog zwischen Federvieh und Aristophanes auf. Cristian Stefanescu reaktivierte eine der Gleisunterführungen und veranstaltete in der sogenannten Zukunfts-Kwizin einen Galabrunch für Anrainer, Migranten und Kulturschaffende. Meike Schalk aus Stockholm konzentrierte sich auf das Thema Gemeinschaftsräume und fragte sich gemeinsam mit den Bewohnern des Robert-Uhlir-Hofs, warum diese so selten angenommen werden. Und Rosario Talevi von der Urban School Ruhr (USR) suchte vor Ort nach bereits bestehenden baulichen Manifestationen von Stadtraum, Infrastruktur und Bühne.

Das vielleicht interessanteste, weil auch zum jetzigen Zeitpunkt greifbarste Projekt stammt vom Brüsseler Büro Rotor. Das interdisziplinäre Kollektiv zog mit Kalkfarbe eine weiße Linie durch die Landschaft und definierte so die künftige Grenze zwischen urbanem Wohnbiotop und unberührter Natur. Und es ist kein Zufall, dass das solcherart markierte Areal mit der sogenannten „Freien Mitte“ zusammenfällt, wie sie im aktuellen städtebaulichen Masterplan von Studio Vlay vorgesehen ist. Innerhalb dieser zwölf Hektar großen „Freien Mitte“, so der Plan, soll die Gstätten Gstätten bleiben dürfen. „Non-Design-Park“ nennt sich das im Fachjargon.

Zudem begab sich Rotor auf Recherche- und Forschungsexpedition durch den österreichischen Osten – zu Altholzhändlern, Pflastersteinfriedhöfen und nostalgisch veranlagten Baustoffsammlern, in deren Lagerhallen Schätze aus Abbruchhäusern der letzten hundert Jahre schlummern. Das Resultat dieser Suche ist eine mehrere tausend Quadratmeter große Sammlung an Parkettholz, Granitplatten und handkolorierten Zementfliesen von anno dazumal, die zu neuem Leben erweckt werden sollen.

„Unser Projektansatz beschäftigt sich sehr stark mit der urbanen Entropie“, sagt Renaud Haerlingen, Mastermind bei Rotor, „mit der Ungleichheit zwischen Alt und Neu, zwischen Groß und Klein, zwischen System und Singularität. Daher haben wir uns bewusst damit beschäftigt, wie wir wieder das Alte, das Kleinteilige, das Unverwechselbare ins Bauen zurückbringen können. Alte, bereits verwendete Baustoffe haben bereits Geschichte und Identität. Im reinen Neubau ist so eine Qualität kaum zu erzielen.“

Die Sammlung ist ein erster Schritt. Damit weiterzuarbeiten, meint Haerlingen, wäre ein absolutes Umdenken in der gesamten Architektur- und Baubranche. Eine Möglichkeit wäre, die Bauträgerwettbewerbe im Stadtentwicklungsgebiet Nordbahnhof zu nutzen und die Reusing- und Recyclingansätze in der Ausschreibung zu verankern. Eine andere, weitaus realistischere Variante wird sein, Architekten und Bauträger an einen Tisch zu setzen und mit ihnen eine neue Baustoffkultur auszuhandeln.

„Das sind wunderschöne Ansätze, die unserer Planung sehr entgegenkommen“, meint Lina Streeruwitz auf Anfrage des Standard. Gemeinsam mit dem Stadtplaner Bernd Vlay erstellte sie 2012 den ungewöhnlichen Nordbahnhofmasterplan mit dem Nichts in der Mitte. „Dass wir dafür plädieren, zwölf Hektar Land so zu belassen, wie sie sind und mit alten Baustoffen zu arbeiten, hat nicht nur romantische Gründe. Das ist auch billiger und ressourcenschonender.“ Damit werde viel Budget frei, das man andernorts besser und sinnvoller nutzen könne.

„Es ist so naheliegend, und trotzdem bedarf es irrsinnig viel Anstrengung von allen Seiten, um alte, festgefahrene Gewohnheiten der Stadtentwicklung zu überdenken“, sagt Streeruwitz. „So viel Energie, nur, um das zu retten, was schon da ist. Ist das nicht eigenartig?“ So gesehen ist Care+Repair nicht zuletzt auch ein Reparaturappell an die Baubranche und Verwaltung.

Die Ausstellung „Care + Repair“ schließt morgen, Sonntag. Die Kuratorinnen laden um 19 Uhr zum Abschlussgespräch „Wie weiter?“. Nordbahnhalle beim Wasserturm, Leystraße Ecke Taborstraße.

15. Juli 2017 Der Standard

Allah für alle

Das Werk ist vollbracht: Nach acht Jahren Bauzeit und ewigen Grabenkämpfen vor Gericht ist die Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld nun endlich in Betrieb. Es soll ein Ort des Dialogs sein, ein Gotteshaus für alle.

Das allererste Freitagsgebet im neuen Kuppelsaal wurde in einem sechsminütigen Youtube-Video festgehalten. Dass die Amateuraufnahme ausgerechnet in der Kategorie „Komödie“ ins Netz gestellt wurde, ist ein fulminanter Seitenhieb auf die achtjährige Bauzeit, die von Baustopps, Baumängeln, Streitigkeiten, gegenseitigen Anschuldigungen und unzähligen Rechtsanwaltskorrespondenzen geprägt war. Nun, fünf Jahre nach der geplanten Eröffnung, kann Allah erstmals angerufen werden – nicht ohne einen leicht fahlen Nachgeschmack, der nach wie vor in der Luft liegt.

Die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld hätte einst stolzes Symbol für den interkulturellen und interreligiösen Dialog in Deutschland werden sollen. Und die ersten Schritte schienen vielversprechend. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz Ditib, hatte einen Wettbewerb ausgelobt, den Paul Böhm, Spross einer alten Kölner Kirchenbaudynastie, gewann. Gemeinsam trotzten Bauherr und Architekt den anfänglichen Widerständen der Kölner Konservativen und den in den Folgemonaten aufkeimenden Bürgerprotesten. Immer wieder trat man gemeinsam vor Mikrofone, um den einen Hoffnung zu geben und die anderen zu beschwichtigen.

Doch schon bald tauchten die ersten sprichwörtlichen und buchstäblichen Risse auf. In der Fassade, in der Kuppel, in den Minaretten. Die Fenster wurden morsch, der Betonkanten brüchig, die Stufen am Weg hinauf aufs Plateau wackelig und lose. So mancher Blick aufs Detail ist schauderhaft. Und das bei einer zwar nicht offiziell kommunizierten, aber kolportierten Bausumme von über 40 Millionen Euro.

„Ich werde Ihnen jetzt keine Mängelführung geben, denn dazu ist der Zeitpunkt ein viel zu schöner und viel zu feierlicher“, sagt Ayse Aydin, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Ditib. „Aber lassen Sie mich nur so viel sagen: Die Liste des gerichtlich bestellten Gutachters umfasst rund 2000 Baumängel, von denen ein Teil bereits behoben und ein Teil wohl nie wieder wirklich repariert werden kann. Es ist nicht lustig. Wir prozessieren.“

Im Abseits des juristischen Hickhacks, das wohl noch Jahre in Anspruch nehmen wird und zu dem sich das Architekturbüro Böhm am Telefon nicht äußern möchte, ist die Kölner Zentralmoschee ein in der Tat überwältigender Bau, der weithin sichtbar zelebriert, wie moderner Islam aussehen kann. 35 Meter hoch ragen die in Sichtbeton belassenen Kuppelschalenfragmente in den Himmel und fügen sich zu einer imposanten Skulptur, die ein bisschen an Darth Vader und ein bisschen an die TV-Verkehrspuppe Helmi erinnert. Ergänzt wird der Bau von zwei 55 Meter hohen, luftig gewickelten Minaretten. Die beiden vergoldeten, scheinbar frei schwebenden Serviettenringe sind ein Zitat der üblicherweise umlaufenden Muezzinbalkone.

Kuppel mit Suren und Sternen

Doch die Neudefinition konzentriert sich in erster Linie auf das Äußere: Während in Berlin-Moabit die deutsche Frauenrechtlerin Seyran Ateş erst kürzlich eine auch inhaltlich revolutionäre Moschee mit gemeinsamem Gebetsraum für Frauen und Männer eröffnete, herrscht in Köln-Ehrenfeld nach wie vor strikte Geschlechtertrennung. Die Männer sitzen unten in unmittelbarer Nähe des Minbars, wie die getreppte Kanzel korrekterweise bezeichnet wird, die Frauen oben auf der Galerie.

Zu diesem konservativen Bild passt auch die Gestaltung des Innenraums. Im Gegensatz zum schlichten, fast schon minimalistischen Außenraum nämlich ist der Kuppelsaal, der bis zu 1200 Menschen Platz bietet, innen ganz klassisch mit Sternornamenten und arabischen Koransuren gesäumt. Die Komposition in Gold, Creme und Türkis stammt vom Istanbuler Künstler und Dekorateur Semih Irteş. Immerhin eine schöne, himmlisch anmutende Abwechslung zum sonst vorherrschenden Rotkanon, den man in vielen anderen Moscheen vorfindet.

„Architektur und Technik dieses Hauses sind sehr modern“, sagt Selim Mercan, Leiter der Ditib-Abteilung für Bauwesen und Liegenschaften, beim Rundgang kurz vor dem Freitagsgebet. „Innen jedoch ist von dieser gestockten Betontechnik, von der Fußbodenheizung und von den vielen Erdsonden, die wir in den Boden gerammt haben, nichts zu spüren. Dieser Raum ist ganz und gar der Schönheit des Gebets gewidmet.“ Eine feine, wohlige Wärme macht sich breit, wenn Mercan von seiner Moschee schwärmt. Oben hängt ein zehnstrahliger Stern am Firmament.

„Wissen Sie, die Architektur ist das eine, aber hier geht es nicht nur darum, wie die Moschee aussieht, sondern auch darum, was sie alles leistet“, erklärt Bekir Alboğa. Schon seit 2004 ist er Abteilungsleiter für interreligiöse Zusammenarbeit und Generalsekretär im Bundesvorstand der Ditib. „Wir sind mehr als nur eine Moschee. Wir sind ein kleines Stadtteilzentrum mit Konferenzräumlichkeiten, Geschäften und Gastronomie. Und zwar nicht nur für Muslime, sondern für alle.“

Das Konferenzzentrum im Erdgeschoß bietet Platz für bis zu 700 Menschen. Und in der in Eichenholz und Marmor gehaltenen Einkaufspassage findet man eine clevere Ergänzung zum brummenden Multikultiviertel Ehrenfeld: Boutique, Buchhandlung, ein Geschäft mit Trockenfrüchten, ein Lokal mit Halal-Gerichten und sogar eine Filiale der kuwaitisch-türkischen KT Bank. Zwei Drittel der insgesamt 20 Geschäftslokale sind bereits vermietet. Zum „modernen, quirligen Bazar“, wie die Passage von den hier tätigen Ditib-Angestellten gerne beschrieben wird, ist es zwar noch ein Weg, aber gewiss kein weiter.

„In Köln leben weit über 120.000 Muslime“, sagt Generalsekretär Alboğa. „Und allein in unserem unmittelbaren Einzugsgebiet haben wir 500 bis 600 regelmäßig praktizierende Mitgliedsfamilien. Hinzu kommen die vielen, vielen Menschen, die uns allein deshalb schon besuchen, weil hier Ortsgemeinde, Landesverband und Bundesverband an einem Ort gebündelt sind.“ Besonders stolz ist Alboğa auf die Kölner Touristenbusse: „Mittlerweile machen die auf ihrer Standardroute sogar einen Bogen, um an uns vorbeizufahren. Wir sind ein Wahrzeichen geworden.“

Bleibt abzuwarten, ob die neue Moschee imstande ist, seine Mission zu erfüllen. „Der Wunsch, ein Gotteshaus zu erstellen, das die unterschiedlichen Kulturen zusammenbringen sollte, ist durch die Streiterei ums Geld nicht mehr realisierbar“, beklagt Gustav Menninger, Baumeister beim von der Ditib ebenfalls geklagten Bauunternehmen Nuha. Die Risse im Beton sind gekittet. Und auch die Wogen in den konservativen Kreisen der Kölner Bevölkerung sind in der Zwischenzeit geglättet. Jetzt geht es darum, die Gräben zwischen den Projektbeteiligten zu schließen und den viel beschworenen Dialog zu starten. Die offizielle Eröffnung der Ditib-Moschee ist für Ende 2017 geplant.

8. Juli 2017 Der Standard

Paolo Piva 1950–2017

Der österreichisch-italienische Architekt und Designer hinterlässt ein umfangreiches Werk im Bereich Möbel- und Industriedesign. In Wien wirkte er seit 1991 auch als Professor an der Universität für angewandte Kunst.

Er war ein Kämpfer, ein Besessener, ein Eroberer der Materie. „Es geht nicht um ein gemütliches Leben“, sagte er. „Es geht um den ständigen Kampf, jemanden zu überzeugen, dass ein Objekt so und so sein muss. Das ist hart. Aber auch eine Besessenheit von der Freude, etwas zu machen.“ Gestern, Freitag, ist der österreichisch-italienische Architekt und Designer Paolo Piva im Alter von 67 Jahren in Wien gestorben. Piva hinterlässt ein recht kleines Architektur-Œuvre, dafür aber ein umso umfangreicheres Werk im Bereich Möbel- und Industriedesign.

Zu seinen regelmäßigen Kunden zählten italienische Möbelhersteller wie Poliform, De Sede und B&B Italia, der italienische Küchenproduzent Varenna sowie die österreichischen Möbelwerkstätten Wittmann. Seine Entwürfe waren meist klassisch und orientierten sich in der Regel an der Moderne beziehungsweise an der Wiener Werkstätte. Immer wieder blitzte als Zitat der Würfel oder die charakteristische Steppnaht durch. Vor allem bei den für Wittmann entworfenen Sitzmöbeln war der mentale Übervater Josef Hoffmann nicht zu übersehen.

Piva, 1950 in Adria geboren, studierte Architektur bei Carlo Scarpa in Venedig und beschäftigte sich mit Architektur und Baukultur im sozialistischen Wien. 1975 macht er in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte und Architektur in Venedig und der Akademie für angewandte Kunst in Wien die Ausstellung Vienna rossa (Rotes Wien).

Wenige Architekturprojekte

Es folgen einige wenige Architekturprojekte wie etwa ein Wettbewerb für die Wiener Internationale Gartenschau WIG 74, die kuwaitische Botschaft in Katar (1980), die Corporate-Designs für eine italienische Warenhauskette (1981) sowie die Renovierung des Palazzo Remer in Venedig (1986). Im Hintergrund kümmerte er sich zudem um den Ideenwettbewerb der denkmalgeschützten Fiat-Fabrik Lingotto in Turin.

Doch schon bald kehrt Piva dem großen Maßstab den Rücken und widmet sich fortan dem Innenraum. Viele Fauteuils, viele Sofas, viele Couchtische werden durch seinen strengen Strich zum Leben erweckt. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, doch das Werk wird wohl in die Hunderte gehen. „Design“, sagte er, „sei ein kontinuierlicher Prozess, der mit der Bewusstwerdung anfängt. Ein Designer ist jemand, der immer wieder von neuem erfindet. Es geht um eine Art Eroberung des Objekts.“

Seit 1991 war Piva Designprofessor an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Für nächstes Jahr, heißt es, habe er geplant, sich aus dem Unterrichten zurückziehen. Unter seinen Absolventen galt er als streng und fordernd. Nicht selten kommentierte er einen Entwurf, wenn er ihn nicht goutierte, mit italienischem Akzent und beharrlichem Fallfehler mit den Worten: „Machen Sie einfach einen Lampe daraus!“

Piva lebte in Wien, in Biella (Piemont) und in Venedig. „In Italien“, sagte er, „profitiere ich von der Vitalität, Österreich hingegen motiviert mich intellektuell.“ Täglich drehte der Herr mit Schnurrbart seinen Spaziergang durch die Wiener Innenstadt – stets elegant gekleidet und meist mit Zigarre in der Hand – und verbrachte viele Stunden in seinem geliebten Kleinen Café am Franziskanerplatz. In einem STANDARD -Interview meinte er vor vielen Jahren: „Jeder soll versuchen, sich mehr oder weniger zu entwurzeln, um dann wieder Wurzeln zu schlagen, die vielleicht in die Luft wachsen.“

1. Juli 2017 Der Standard

Der Architekt als Krisenmanager

Wie ist es um die Zukunft des Bauens bestellt? Gar nicht gut. So zumindest sieht es eine aktuelle Ausstellung in Graz, die acht dystopische Perspektiven auf einem Haufen versammelt.

Es regnet an diesem Nachmittag in Montreal. Die Häuser sind so grau und so farblos wie der heulende Himmel. Doch plötzlich tut sich vor der Baugrube in der Rue Sainte-Catherine ein kleines Paradies auf. Immobilienentwickler bauen gerade an einem neuen Stückchen Luxus für die Superreichen. Mit Efeu, mit Pool, mit wie zufällig über den Liegestuhl drapiertem Badetuch. Unweigerlich blickt man auf den planschenden Bewohner links im Fenster und möchte sofort in eine Zeitmaschine steigen und dieser hässlich verregneten Realität mit Baukran und Parkometer entfliehen.

„Mich faszinieren diese Bautafeln schon seit vielen Jahren“, sagt der kanadische Foto- und Videokünstler Paul Landon, „denn sie transportieren eine Stimmung und eine künftige Wunschwirklichkeit, die so niemals eintreten wird. In diesem Spagat zwischen Sehnsucht und Realität ist meine Arbeit zu Hause.“ Rund 500 Fotografien aus aller Welt hat der 54-Jährige, dessen Fotozyklus kürzlich von der Future Architecture Platform im Rahmen eines internationalen Calls ausgewählt und ausgezeichnet wurde, zusammengetragen: Wohnungen, Penthouses, Luxusapartments, Bürotürme und exklusive Shoppinggalerien.

„Es geht hier nicht nur um eine visualisierte, computergenerierte Vorwegnahme der Architektur, sondern auch um eine ganz bestimmte Konstruktion von Zukunft“, meint Landon, der in seiner Heimatstadt Montreal vor zehn Jahren die atmosphärischen Tricks der Immobilienbranche zu dokumentieren begann und mittlerweile schon einen ganzen Immo-Weltatlas damit füllen könnte. Dissolving Futures, auf Deutsch am besten mit dem Begriff „Zukunftsauflösungen“ zu umschreiben, nennt sich Landons Kompendium.

Country-Chic und Nostalgie

„Es gibt große geografische Unterschiede, denn je größer und je futuristischer die Stadt, desto traditioneller und nostalgischer werden die künftigen Bauprojekte dargestellt“, erzählt der Fotograf. Am stärksten sei dieser Trend in China zu beobachten, wo das neue Wohnen mit Country-Chic und Gipsstuck beworben wird. „Da ist es manchmal schon schwer zu sagen, was das Neue und was das Alte ist. Im Kontext einer wachsenden, sich ständig verändernden Gesellschaft finde ich diese Entwicklung hochgradig verwirrend.“

Vor allem aber, erklärt Landon, habe sich in letzter Zeit die Darstellungsweise gewandelt. Ging es früher um eine lebendige, städtische Stimmung mit Menschen, Bäumen und Schanigärten (im Fachjargon spricht man auch von People-Washing, Green-Washing und Mood-Washing), so dominieren auf den Bautafeln heute Sicherheitsaspekte und Wohnkomfort. „Offenbar haben die Konsumenten nach den politischen Ereignissen der letzten Jahre genug von sozialer Öffentlichkeit. Sie sehnen sich nach kontrolliertem Rückzug, nach Alarmanlage und Videoüberwachung.“ Und die Immobilienbranche reagiert darauf mit entsprechenden Bildern.

„Genau das ist der Punkt“, sagt die Grazer Kuratorin Ana Jeinić. „Die heutige Architektur befindet sich in einer tiefen Krise, weil sie keine Visionen mehr hat, sondern nur noch auf funktionale und kapitalistisch bedingte Scheinbedürfnisse reagiert. Das ist ein Zusammenbruch jeglicher Zukunftsvorstellungen sowie des Zukunftsbegriffs an sich. Wie es scheint, haben wir heute Angst vor zukunftsorientiertem Denken. Wir stehen still.“

Um auf dieses soziale wie auch kulturelle Defizit hinzuweisen, hat Jeinić im Haus der Architektur (HDA) in Graz vor wenigen Tagen eine zum Nachdenken anregende Ausstellung eröffnet. Architecture after the future, so der Titel der Schau, beschäftigt sich mit der Frage, welche Auswirkungen der Stillstand der postfuturistischen Gesellschaft künftig auf Architektur und Städtebau haben wird. Gezeigt werden acht ganz unterschiedliche, teils aktiv gestaltende, teils kritisch beobachtende Arbeiten, die von der Future Architecture Platform – einem europaweiten Netzwerk, dem auch das HDA angehört – aus insgesamt 330 Projekteinreichungen ausgewählt wurden. Paul Landons Fotodokumentation ist eine davon.

Angst vor Amazon

„Wir schrecken davor zurück, die Zukunft in die Hand zu nehmen“, sagt Jeinić. „Viele Architekten bauen nichts mehr, sondern setzen sich nur noch reflexiv oder im besten Fall provisorisch mit der Welt auseinander.“ Und so gibt es in der Ausstellung temporäre Pop-up-Zelte für Menschen in Not, geopolitische Lösungsansätze für den Territorialkonflikt zwischen Chile und Peru und süffisante Gedankenkonstrukte zu einer Archäologie der Europäischen Union. Man muss schon viel Zeit und viel Hirnschmalz in die Ausstellung mitbringen, um im mitunter verkopften Textdschungel den Überblick zu bewahren.

Spannend, weil so naiv wie auch bösartig hinters Licht führend ist Florian Bengerts Entwurf für einen Paketsilo mitten in der Stadt. Unter dem Titel Space in Time. The Future of Logistic Landscapes liefert der 27-jährige Architekt aus Karlsruhe eine zugleich praktische wie auch zutiefst verstörende Antwort auf den zunehmenden Onlinehandel und auf das damit verbundene, bevorstehende Verschwinden traditioneller Handelsstrukturen aus der Stadt. Seine mit Werbung illuminierten Betonsilos, die sogar über Kapelle und Kapselhotel verfügen, sind eine dystopische Reaktion auf Amazon und Zalando.

Und im sehr kontemplativen Projekt I would prefer not to – ein Zitat aus Herman Melvilles Buch Bartleby, The Scrivener – trägt der slowenische Architekt Miloš Kosec unterschiedliche Fälle aus der Vergangenheit zusammen, in denen sich Architekten verweigert haben zu planen und zu bauen. Da gibt es Fassaden, die bewusst nicht entworfen wurden (Jean Nouvel), Häuser, die bewusst nur zur Hälfte errichtet wurden (Alejandro Aravena), oder Platzgestaltungen, bei denen die Architekten bewusst entschieden haben, alles so zu belassen, wie es ist (Lacaton & Vassal).

So nihilistisch wie die zusammengetragenen Projekte ist auch die Ausstellung an sich. Inmitten der inszenierten Verweigerung kriegt man als Besucher früher oder später selbst unweigerlich die Krise. Wie sagt doch Kuratorin Ana Jeinić? „Wenn es tatsächlich stimmt, dass wir uns in einer Zukunftskrise befinden, dann ist der erste Schritt, sich dieser Krise bewusst zu werden.“

17. Juni 2017 Der Standard

„Keine Konkurrenz zwischen Berater und Beratenen“

Vor zehn Jahren wurde der BIG-Architekturbeirat gegründet. BIG-Geschäftsführer Wolfgang Gleissner und die beiratsvorsitzende Architektin Elsa Prochazka reflektieren über Erfolge und Hoffnungen.

Standard: Der BIG-Architekturbeirat (BAB) wurde vor genau zehn Jahren gegründet. Was waren die Beweggründe, ihn einzurichten?

Gleissner: Mit der Zeit und mit den Projekten wird man leicht betriebsblind. Dem wirken wir mit dem Beirat entgegen. Er hält uns den Spiegel vor und ist ein Mittel zur Selbstreflexion, damit wir in unseren Prozessen noch besser werden und noch klarer kommunizieren.

Standard: Nach welchen Kriterien und Statuten gehen Sie im BAB vor?

Prochazka: Unsere wichtigste Aufgabe ist, immer wieder daran zu erinnern, dass die BIG als öffentlicher Auftraggeber auch eine gewisse kulturelle und gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt. Dazu gehört auch, dass man die Nutzerinnen und Nutzer schon in der Vorbereitung einbezieht.

Gleissner: Eine wichtige Aufgabe, die der BAB wahrnimmt, ist auch die Überlegung, zu welchem Projekt welches Verfahren der Planerfindung am besten passt.

Standard: Wie viele unterschiedliche Verfahren wendet die BIG denn bei ihren Projekten an?

Gleissner: Insgesamt haben wir seit Bestehen des BAB sechs verschiedene Verfahren angewandt, wobei mehr als die Hälfte aller Projekte über einen offenen, einstufigen Realisierungswettbewerb ausgelobt wurden.

Standard: Die BIG investiert jährlich 500 Millionen Euro in Neubauten und Sanierungen. Wie viel Prozent dieses Budgets marschieren über den Beiratstisch?

Gleissner: Seit 2007 haben wir zu 84 Großprojekten Planer gesucht, bei 68 davon haben wir das über den BAB gemacht.

Prochazka: Was ich generell kritisiere, ist, dass viele Projekte – nicht nur bei der BIG, sondern überhaupt – lediglich technisch saniert werden, wie es so schön heißt. Ich halte rein technische Sanierungen für zu kurz gegriffen. Was nützt es mir beispielsweise, wenn ich ein Schulgebäude technisch auf den neuesten Stand bringe, aber damit veraltete pädagogische Konzepte konserviere? Auch bei solchen Aufgaben darf man die kulturelle Gesamtverantwortung nicht außer Acht lassen.

Gleissner: Über 20 Prozent des Bauvolumens der BIG sind reine Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten, die in unseren 2200 Liegenschaften regelmäßig anfallen. Da sind viele Kleinstaufträge dabei. Dazu brauchen wir keinen Architekturbeirat.

Standard: Können Sie sich an ein konkretes Projekt erinnern, das durch den BAB maßgeblich beeinflusst wurde?

Gleissner: Da gab es viele. Spontan fällt mir das Schulzentrum Wien West ein, wo eine aufgelassene, denkmalgeschützte Kaserne ins Schulkonzept integriert wird. Da war der BAB sehr rigoros. Oder die Auslobung und Jurierung der Erweiterung der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Ohne den BAB hätten sich diese zwei Projekte ganz anders entwickelt.

Prochazka: Ich bin nicht streng. Wir sind einfach sehr konsequent in unseren ausdiskutierten Grundhaltungen. Aber ich muss auch sagen, dass die BIG ein sehr guter Gesprächspartner ist, der auch vor Konflikten nicht zurückscheut.

Standard: Bei öffentlichen Bauprojekten passiert es immer wieder, dass Kosten und Zeitrahmen überschritten werden. Kann man diese Gefahr mit einem Architekturbeirat schmälern?

Gleissner: Nein. Ein Beirat ist dazu da, um in der Konzeptions- und Planungsphase eine hohe Architekturqualität zu sichern. Die Handschlag- und Ausführungsqualität auf der Baustelle ist ein anderes Kapitel.

Prochazka: Für mich ist der Beirat kein Konkurrenzkampf zwischen dem Berater und den Beratenen, sondern ein Gremium, in dem gemeinsam und auf Augenhöhe Probleme und Herausforderungen bestmöglich gelöst werden können. Ich denke, dass viele Planer und Architektinnen manchmal ein unscharfes Bild von Beiräten haben.

Standard: In Österreich gibt es gerade einmal 50 kommunale und einige weitere gewerbliche Architekturbeiräte. Warum nicht mehr?

Gleissner: Gute Frage. Ich kann nur so viel sagen: Der qualitative Gewinn aufgrund des Beirats ist klar sichtbar. Die Kosten sind gemessen daran ein verschwindend kleiner Teil.

Standard: Was können Sie den Kommunen und Unternehmen mit auf den Weg mitgeben?

Prochazka: Machen Sie! Tun Sie! Gerade kleinere Gemeinden, in denen der Bürgermeister die oberste Bauinstanz ist, verbunden mit Interessenkonflikten oder fachlicher Unsicherheit, können von einem unabhängigen Beirat – vielleicht im regionalen Zusammenschluss – nur profitieren.

10. Juni 2017 Der Standard

Tür an Tür mit Robinson

Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Eine Ausstellung im Vitra-Design-Museum schlägt konkrete Formen gemeinschaftlichen Wohnens vor und trifft damit nicht nur ins Schwarze, sondern auch ins Herz.

Es ist, als hätte man in einer Hotellobby Platz genommen. Das cognacfarbene Leder knarzt und knautscht, die Deckenlampen haben einen schillernden Messingglanz, und jeden Moment, so scheint es, kommt der Kellner mit Keksen und Café crème vorbei. „Nein, das nicht, aber luxuriös ist dieser Raum allemal“, sagt Res Keller. „Doch unser Luxus ist nichts Exklusives, sondern ganz im Gegenteil etwas sehr Inklusives. Hier laufen sich die Bewohnerinnen und Bewohner über den Weg, hier treten sie miteinander in Kontakt. Es gibt viele Menschen, die uns um diesen Raum beneiden.“

Die Lobby ist nicht der einzige Ort, der das Wohnprojekt Kalkbreite in Zürich-Wiedikon auszeichnet. Darüber hinaus gibt es ein kleines Restaurant, eine große Gemeinschaftsküche auf jeder Etage, diverse Werkstätten, mehrere verglaste Waschküchen, individuell anmietbare Bürozimmer sowie ein integriertes Hotel für den Tantenbesuch aus Luzern und St. Gallen. „Doch am häufigsten“, sagt Keller, einer der Projektinitiatoren und ehemaliger Geschäftsführer der Wohnbaugenossenschaft Kalkbreite, „passiert es, dass die Bewohner das Minihotel selbst nutzen, wenn sie mal mit dem Partner Zoff haben oder den pubertierenden Sohn für ein paar Monate ausquartieren wollen.“

Das Wohnhaus Kalkbreite, das vor drei Jahren fertiggestellt und bereits mit etlichen internationalen Auszeichnungen überhäuft wurde, ist eines von insgesamt 27 Projekten, die seit letztem Wochenende in der Ausstellung Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein zu sehen sind. Und es ist eine fröhliche, eine extrem lustvolle Ausstellung mit fast schon comic- und cartoonhaften Elementen, die es schafft, dem eigenen thematischen Anspruch gerecht und selbst schon zu einem Ort der Sozialisation zu werden.

„Das ist keine klassische Nabelschau“, sagt Andreas Ruby, Direktor des Schweizer Architekturmuseums und einer der vier Kuratoren der Ausstellung. „Wir wollten eine niederschwellige, ansprechende Ausstellung für interessierte Menschen machen. Bei uns kann man herumflanieren und sich inspirieren lassen, als würde man durch einen Ikea gehen. Mit dem Unterschied, dass es keine Möbel und Haushaltsgegenstände mitzunehmen gibt, sondern Ideen für ein alternatives, kollektives Wohnen.“ Selten hat Ausstellung so viel Freude bereitet wie hier.

Allein, die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens – ob in Mitteleuropa, Fernost oder den USA – ist nicht neu. Sie ist ein immer wiederkehrendes Thema, das von Epoche zu Epoche mal mehr, mal weniger dem Diktat der Selbstverwirklichung zu trotzen trachtet. Schon Arthur Schopenhauer erkannte: „Der Mensch für sich allein vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson: Nur in der Gemeinschaft mit den andern ist und vermag er viel.“ Und so verwundert es nicht, dass die ersten Ideen eines kollektiven Miteinander-Wohnens bis ins früher 19. Jahrhundert zurückreichen.

Robert Owen entwarf 1825 eine Mustersiedlung für eine Gemeinschaft ohne Besitz und Eigentumsanspruch. Jean-Baptiste André Godin errichtete in Guise, Frankreich, die sogenannte Familistère, eine rechteckige Wohnhausanlage mit Laubengängen und riesigen Glaskuppeln über den Innenhöfen. Und Samuel und Henrietta Barnett boten in ihrer Toynbee Hall angehenden Akademikern die Möglichkeit, für begrenzte Zeit in einem Armenviertel Londons zu wohnen und sich für die Verbesserung der Wohnverhältnisse der lokalen Bevölkerung zu engagieren.

Hinzu kommen diverse Leuchtturmprojekte des 20. Jahrhunderts wie etwa der Freistaat Christiania in Kopenhagen, die Unité d’Habitation von Le Corbusier in Marseille oder das Edifício Copan von Oscar Niemeyer in São Paulo. Auch Wiener Projekte wie etwa der Karl-Marx-Hof, Harry Glücks Alt-Erlaa oder die kompromisslos orange Sargfabrik, die mit sämtlichen Tabus brach und das Modell Wohnheim ein für alle Mal gesellschaftlich verankerte, haben ihren Platz inmitten der vielen raumfüllenden Wohn- und Gebäudemodelle, in die man am liebsten hineinkriechen und sofort zu wohnen beginnen würde.

Milch und Eier vor der Tür

Das wohl außergewöhnlichste Projekt in dieser Riege ist das 1904 errichtete Wohnhaus The Ansonia am Broadway in New York. Das heute noch bestehende Haus, das vielen anderen Wohnmodellen als Vorbild diente, bestand aus allesamt küchenlosen Apartments. Dafür aber gab es auf jeder Etage große Gemeinschaftsküchen und Gemeinschaftssalons. Auf dem Dach des 15-stöckigen Palais gab es zudem eine Farm mit Enten, Ziegen, Kühen und mehr als 500 Hühnern. Jeden Morgen lieferte ein Hausmeister den Bewohnern Milch und Eier vor die Tür.

Es ist dieser transnationale und transtemporale Blick über das Hier und Jetzt hinaus, der Together! so spannend macht und von bisherigen Ausstellungen über gemeinschaftliches Wohnen unterscheidet. „Ich finde den internationalen Vergleich sehr erkenntnisreich“, so Kurator Ruby. „Denn tatsächlich variiert der Begriff des Gemeinschaftlichen von Land zu Land. In gewisser Weise ist jeder einzelne Ansatz ein wertvolles Lernmodell.“

In japanischen und südkoreanischen Großstädten sind es meist alleinstehende Erwachsene, die immer häufiger Wohngemeinschaften gründen, weil sie weder die hohen Wohnkosten noch die Einsamkeit ertragen. Ganz anders Berlin, wo in den letzten Jahren mehr als hundert Baugruppen entstanden sind, die gemeinsam Grundstücke kaufen und ganze Wohnhausanlagen nach ihren eigenen Plänen und Wohnvorstellungen errichten. Oder etwa Wien, wo die individuelle und partizipative Planung längst zu einem Standardtool im sozialen Wohnbau geworden ist.

„Am meisten jedoch beeindruckt mich die Schweiz“, sagt Ruby. „In einem Land mit einer 100 Jahre alten Wohnbaugenossenschaftskultur ist es gelungen, die eigene Tradition und die eigenen Werte innerhalb von ein, zwei Jahrzehnten völlig neu zu programmieren.“ Das hat nicht zuletzt mit den 68er-Kommunen und der Hausbesetzerbewegung der Achtzigerjahre zu tun. In den meisten Fällen sind es genau diese protestierenden Protagonisten, damals schon für eine leistbarere und lebenswertere Stadt kämpfend, die nun selbst Wohnbaugenossenschaften anführen und damit alternative, innovative Wohnprojekte entwickeln und realisieren. „Und das Schöne“, so Ruby, „ist, dass die Kraft dieser Wohnideen nicht nur auf die Wohnhausanlage beschränkt ist, sondern längst schon in den öffentlichen Straßenraum ausstrahlt. Es tut was mit der Stadt, wenn plötzlich Trauben von Menschen vor dem Haus sitzen und gemeinsam eine Grillparty schmeißen.“ Oder wenn sich, wie im Falle des Wohnhauses Kalkbreite, einige Bewohner zusammentun und einen Koch als Vollzeitkraft einstellen. Dieser schwingt wochentags den Löffel und bereitet Mittags- und Abendmenüs für seine Arbeitgeber zu.

Die Idee Together! ist ein wertvoller Impuls für eine alternde Gesellschaft mit immer mehr Singles und immer mehr Robinsons. Wo die Politik versagt, greift das Kollektiv ein. Das macht Hoffnung.

3. Juni 2017 Der Standard

„Die Spezies Architekt wird aussterben“

Der italienische Architekt und MIT-Forscher Carlo Ratti plädiert für einen offeneren Umgang mit Wissen und Wahrheit. Sein Ziel ist eine kollektiv gelebte Kultur des Teilens. Ein Appell für Open Source Architecture.

Standard: Haben Sie jemals eine Idee geklaut oder gegen das Urheberrecht verstoßen?

Ratti: Das ist eine große Frage für einen Gesprächsbeginn! Intuitiv würde ich sagen: nein. Aber tatsächlich wird es wohl ein Ja sein. Sämtliche Ideen in unserem Büro und auch am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickeln wir im Team. Da kann man nie genau sagen, welche Idee von wem stammt. Ich fürchte, da werden einige Urheberrechtsverletzungen darunter sein.

Standard: Und wie stehen Sie zum Hacken?

Ratti: Hacking ist eine der Kernkompetenzen der MIT-Kultur. Wir alle hacken, und zwar nach Möglichkeit alles. Das ist unser Job. Durch Hacken werden Fehler aufgedeckt und neue Ideen und Mutationen geboren. Hacken und Kreativität sind untrennbar miteinander verbunden. Das ist Evolution!

Standard: Sie machen sich für Crowd Creativity und für eine Öffnung und Lockerung des Copyrights stark. Warum eigentlich?

Ratti: Crowd Creativity hat es immer schon gegeben. Bloß gab es dafür andere Bezeichnungen. In der italienischen Kunstgeschichte sind manche Werke nicht eindeutig einem Meister zuzuordnen. Raffael beispielsweise hatte in seiner Werkstatt so viele Schüler, dass bei einigen Madonnen und Papstbildnissen gar nicht klar ist, was tatsächlich von ihm stammt und was nicht. Und doch sprechen wir immer von Raffael. Eigentlich müssten wir Raffael-Crowd dazu sagen. Das ist Open-Source-Kunst!

Standard: In Ihrem Buch „Open Source Architecture“ schlagen Sie vor, die Architektur und Stadtplanung zu öffnen und ebenfalls in Form von Open Source jedem zugänglich zu machen. Wie genau kann man sich das vorstellen?

Ratti: Ich vergleiche die Idee der Open Source Architecture gerne mit dem Softwareprogramm Linux oder dem Online-Lexikon Wikipedia. Es geht darum, kostenlos und ohne Hürden Wissen zu teilen. Dadurch soll Architektur einer großen Zahl an Menschen zur Verfügung gestellt werden. Auf Wikipedia sind es die User selbst, die Content produzieren.

Standard: Werden wir dann alle zu Architekten?

Ratti: Das ist einer der heikelsten Punkte. Natürlich braucht es hier nicht nur die Wahrheit und Korrektheit von Daten wie im Fall von Wikipedia, sondern auch technisches Know-how und planerische Kompetenz. Ich denke, diese Daten können aus ganz unterschiedlichen Disziplinen kommen – von Architektinnen, Stadtplanerinnen, Soziologen, Ingenieuren und Ökonomen. Aber natürlich braucht es ein gewisses Mindestmaß an Wissen. Die richtige Dosierung zu finden ist eine der großen Herausforderungen für die Zukunft.

Standard: Wo passiert das heute schon?

Ratti: Die bekannteste und medial am häufigsten diskutierte Plattform ist mit Sicherheit WikiHouse. Außerdem gibt es Goteo, Brickstarter, Estate Guru, Open Architecture Network und viele andere. All diese Plattformen bemühen sich um eine Multiplizierung von Wissen und Wahrheit. Es tut sich schon sehr viel, aber noch ist das Thema tabuisiert und zu wenig verbreitet.

Standard: Welche Einsatzgebiete können Sie sich für Open Source Architecture vorstellen?

Ratti: Aus heutiger Sicht sehe ich einen sinnvollen Einsatz im Bereich von Notquartieren, die im Zuge natürlicher und politischer Krisen und Katastrophen benötigt werden. Sehr sinnvoll erachte ich Open Source Architecture im Bereich Entwicklungshilfe. Für die indisch-amerikanische Prajnopaya Foundation haben wir vor einigen Jahren das sogenannte „Tsunami Safe(r) House“ entwickelt. Die Pläne und das technische Know-how werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Allein in Sri Lanka wurden auf dieser Basis mehr als 1000 tsunamisichere Häuser errichtet.

Standard: Und was bringt Open Source Architecture außerhalb dieses Katastrophenkontextes?

Ratti: Seit der Industrialisierung und seit der Moderne steigen die Produktionszahlen und der da-mit verbundene wirtschaftliche Druck rasant an – ob das nun im Design, in der Industrie oder in der Baubranche ist. Es wird permanent produziert, und wir haben überhaupt keine Möglichkeit mehr, das Produzierte auf seine Richtigkeit und auf seine Angemessenheit zu überprüfen. Die Öffnung des Wissens wäre für mich ein Mittel zur Reflexion, eine Art Gradmesser, mit dem wir überprüfen könnten, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Standard: Das müssen Sie bitte erklären!

Ratti: Schauen Sie sich nur einmal die Kommentare auf Trip Advisor und die Kundenbewertungen in den vielen Suchmaschinen an, die wir heute im Internet vorfinden! Es ist die Crowd, die beurteilt, ob ein Produkt attraktiv und wettbewerbsfähig ist oder nicht. Diese Qualität, diese interdisziplinäre Kundenkompetenz ist auch auf die Architektur und Stadtplanung übertragbar.

Standard: Und das wird zwangsweise zu besseren Häusern und zu schöneren Städten führen?

Ratti: Ja, davon bin ich überzeugt. Evolution erzeugt Vielfalt und Qualität – und zwar unabhängig davon, ob wir nun von natürlicher oder von künstlicher Selektion sprechen. Diese Evolution würde die gebaute Umwelt massiv bereichern.

Standard: Indem dann jeder sein eigenes Einfamilienhaus in die Landschaft druckt?

Ratti: Gehen Sie davon aus, dass die neuen Technologien in der Baubranche wie etwa Building Information Modeling (BIM), Customized Production und 3D-Druck erst der Anfang sind! Die Entwicklung wird uns noch viele Überraschungsmomente bescheren.

Standard: Laufen wir mit dieser Banalisierung und Egalisierung von Schaffenskraft nicht Gefahr, dass früher oder später die ganze Welt gleich ausschaut?

Ratti: Aber nein! Ganz im Gegenteil. Befragen wir doch einmal Mutter Natur: Wie viele Spezies gab es vor 3,5 Milliarden Jahren? Und wie viele gibt es heute auf der Welt? Na also! Indem wir das Wissen öffnen und die Konsumenten zur Selektion bevollmächtigen, steigern wir die Vielfalt unserer gebauten Umwelt. Es geht ja nicht ums Klonen von einigen wenigen, unveränderlichen – weil urheberrechtlich geschützten – Prototypen, wie uns das die Moderne aufoktroyieren wollte, sondern um Mutation, also um das kontinuierliche, emanzipierte Weiterentwickeln.

Standard: Und was passiert dann mit der Spezies Architekt? Die wird aussterben?

Ratti: Das wird sie sowieso.

Standard: Weil?

Ratti: Gerade mal zwei Prozent des globalen Bauvolumens werden von Architekten geplant. Das ist fast nichts. Es gibt zwar einige wenige Stararchitekten, die Ruhm und Ehre genießen, aber deren Einfluss auf das Bauen ist verschwindend gering. Im Übrigen können wir davon ausgehen, dass durch Robotik und künstliche Intelligenz ein Großteil der heute bestehenden Jobs ohnehin aussterben wird – oder zumindest neu definiert werden wird müssen. Je früher und je aktiver wir das anpacken, desto besser.

Standard: Ihr Buchmanifest „Open Source Architecture“ hat weltweit Beachtung gefunden. Was sind die nächsten Schritte?

Ratti: Ausprobieren und Experimentieren. Die Studierenden und Theoretiker sind von der Abschaffung des Copyrights und der Öffnung im Sinne von Creative Commons sehr angetan. Sie sehen darin einen inspirierenden Handlungsspielraum für die Zukunft. Gleichzeitig jedoch werde ich von Architekten und Professionellen angefeindet, weil sie darin eine Gefährdung ihrer Disziplin sehen. Der nächste Schritt wird sein, zwischen dieser Angst und Euphorie die Wahrheit zu finden.

Standard: Wie lange geben Sie sich dafür Zeit?

Ratti: Bis zur Selbstverständlichkeit von Linux und Wikipedia ist es noch ein weiter Weg.

13. Mai 2017 Der Standard

Die Zukunftsmacherin

Der Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ porträtiert sechs Personen, die beschlossen haben, den Lauf der Dinge selbst zu gestalten. Eine davon ist die Salzburger Lehmbauarchitektin Anna Heringer.

In der 51. Minute springt plötzlich das Rüttelgerät an. Ohrenbetäubender Lärm macht sich im Kinosaal breit. Anna Heringer, eine schlanke Gestalt mit Salzburger Dialekt, Muckis an den Oberarmen, Arbeitsschuhen, zerrissenen Jeans und um die Hüfte geknotetem Pulli, stopft den patzigen, noch feuchten Lehm in die Schalung. Erst wird die Stampflehmwand mit der Maschine verdichtet, später dann noch einmal manuell mit Rüttelstangen nachgestochen.

„Wenn wir so weitertun, wie wir tun, dann sind die Ressourcen bald einmal zu Ende“, sagt Heringer vor der Kamera. „China zum Beispiel hat in den letzten drei Jahren so viel Zement und Beton verbraucht wie die USA im ganzen 20. Jahrhundert. Das sind Dimensionen, die man sich nur schwer vorstellen kann.“ Mit den Sand- und Schottermafias, wie sie beispielsweise in China, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig sind, hat sich zuletzt sogar ein eigener Berufszweig etabliert, der unentwegt auf der Suche nach chemisch passenden Zuschlagstoffen für die Betonindustrie ist. Und diese werden immer rarer. Damit, so Heringer, müsse man sich dringend befassen.

Die 40-jährige Architektin ist eine von insgesamt sechs Personen, die im soeben angelaufenen Dokumentarfilm Die Zukunft ist besser als ihr Ruf in all ihrem Tun und Machen porträtiert werden. Gezeigt werden Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit, für partizipative Demokratie, für innovative wirtschaftliche Denkmodelle sowie für nachhaltige Lösungen in der Gastronomie und Lebensmittelversorgung engagieren. Der größte gemeinsame Nenner der Protagonisten ist der Glaube und die Überzeugung, den Lauf der Dinge selbst mitgestalten zu können. Die Salzburger Spezialistin für Lehmbau und lokale Rohstoffe ist damit in bester Gesellschaft.

Prominent ignoriert

Ein paar Wasserbüffel, vier Bohrmaschinen, Bambus aus den umliegenden Hainen und der buchstäbliche Dreck unter den Füßen – mit diesen Ressourcen hat Anna Heringer vor 13 Jahren ihr allererstes Projekt realisiert. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Eike Roswag und einem Dutzend Handwerker aus dem Dorf hat sie in Rudrapur, Bangladesch, eine 500 Quadratmeter große Schule aus Lehm hochgezogen. Das Projekt wurde unter anderem mit dem Aga Khan Award, einem der renommiertesten und höchstdotierten Architekturpreise der Welt, ausgezeichnet.

„Fast drei Milliarden Menschen auf der Welt leben in Lehmbauten“, sagt Heringer im Gespräch mit dem Standard. „Hauptsächlich sind dies Menschen in Entwicklungsländern beziehungsweise Menschen aus unteren sozialen Schichten. Aus diesem Grund ist dieser – älteste – Baustoff der Welt leider stark stigmatisiert. Er wird prominent ignoriert. Und das ist in sozialer, ökologischer und auch wirtschaftlicher Hinsicht ziemlich tragisch.“

Im Gegensatz zu Lehm nämlich, sagt Heringer, die an der Kunstuniversität studiert hat und mittlerweile als Unesco-Honorarprofessorin für Lehmbau, Konstruktionskultur und nachhaltige Entwicklung tätig ist, seien die imagemäßig höher situierten und somit häufig angestrebten Baustoffe Ziegel und Beton in der Produktion deutlich energie-, rohstoff- und CO2-intensiver. Doch dieses Argument wird von der globalen Baustoffindustrie und ihren potenten Lobbys massiv überschattet. Die in Bollywood produzierte Traumwelt der Reichen und Schönen tut ihr Übriges.

54. Minute. Anna Heringer wandert über die Baustelle. Greift mit der Hand in die Erde hinein. Zerreibt das Material zu kleinen klebrigen Brocken. „Der eigene Hausbau ist für jede Familie die größte Investition in ihrem Leben. Und das ist ein Potenzial. Das Budget kann man so anwenden, dass irgendwelche Großfirmen davon profitieren, oder man kann es so anwenden, dass möglichst viele Menschen im eigenen Umfeld profitieren. Wenn man das im Kopf behält, dann ist es möglich, mit Architektur viel Veränderung zu bewirken.“

So wie zum Beispiel in Baoxi, Ostchina, rund 400 Kilometer südwestlich von Schanghai. Erst kürzlich stellte Heringer dort im Rahmen der Longquan International Biennale eine Jugendherberge aus Lehm und Bambus fertig. Die drei Bambushäuser, die wie überdimensionale Reiskörbe in der Landschaft stehen, sind nicht nur eine Anknüpfung an die Bautradition der Region, sondern auch ein Beitrag zur lokalen Wertschöpfung. Im Inneren der bis zu 18 Meter hohen Bambushüllen verbergen sich mehrgeschossige zylindrische Lehmtürme. Über eine Wendeltreppe gelangt man direkt zu den Schlafkojen, die wie stoffverkleidete Waben an der Lehmfassade hängen.

„Es gibt in China eine sehr reichhaltige Tradition für Lehm- und Bambusbau“, so Heringer. „Die Longquan International Biennale soll dazu beitragen, diese Kultur zu erhalten und in die Zukunft weiterzutragen. Und ich denke, das macht sie mit Erfolg. Mittlerweile kommen viele Schüler, Studierende und Architekten nach Baoxi, um die Bauten zu besichtigen und zu studieren.“ Und auch, um in einer der hängenden Schlafkojen, die sich im Land längst herumgesprochen haben, zu übernachten.

Langfristig, so der Plan der Architektin und der Biennale-Initiatoren, soll in Baoxi die Lehmbau- und Korbflechtkunst zelebriert werden. Und zwar auf eine Art und Weise, die sicherstellt, dass die damit eingenommenen Gelder in der Region bleiben. 57. Minute: „Man kann etwas Schönes bauen und damit gleichzeitig die lokale Wirtschaft ankurbeln und das Image von lokalen Baumaterialien verbessern. Das macht Mut und stärkt das Selbstvertrauen. Das ist Wertschöpfung in ihrer menschlichsten Form.“

Anna Heringer sitzt in ihrem Studio im Salzburger Oberndorf, direkt an der österreichisch-bayrischen Grenze, drei Gehminuten von der Salzach entfernt. Sie nimmt ein Tonmodell zur Hand, drückt mit dem Finger in die Oberfläche hinein. „Ich will kompostierbare Architektur schaffen“, sagt sie mit strahlenden Augen. „Wenn ein Gebäude nicht mehr gebraucht wird, kann es wieder in die Erde zurück. Von der Idee, dass meine Häuser bis in die Ewigkeit stehen, habe ich mich schon lange verabschiedet. So wichtig sind wir nicht.“

„Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ von Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg ist derzeit im Kino zu sehen. Am Dienstag, den 16. Mai, um 19.30 wird der Film im Wiener Gartenbaukino gezeigt. Mit Livemusik von Federspiel.

6. Mai 2017 Der Standard

Der Raum vor der Linse

Gestern, Freitag, wurde der Europäische Architekturfotografie-Preis vergeben. Ein Appell an die gebaute (und zerstörte) Umwelt.

Fast möchte man ins Foto hineingreifen, sich des Gestrüpps erbarmen und die Lampe wieder ins Lot stellen. Doch irgendetwas an diesem hässlich eingefangenen Blick scheint zu kommunizieren, dass es dafür schon zu spät ist, dass das Business-Center längst nicht mehr in jener messingfarbenen Würde erstrahlt wie dereinst zu gastgewerblichen Zeiten. Es ist eine traurige, deprimierende Subtilität, die sich hier über Flatscreen und Raufasertapete dem Betrachter mitteilt.

Die Vermutung ist wahr: Vor einigen Jahren wurde das Hotel President, ein angegammeltes Best-Western-Hotel mit Vertreter-Charme in allerbester Lage, nur wenige Schritte vom Kudamm entfernt, geschlossen. Heute wird der einstige Klotz als Notunterkunft für geflüchtete Menschen genutzt. Es ist eines von insgesamt vier Orten dieser Art, die der Berliner Fotograf Andreas Gehrke unter dem Titel Arrival eingefangen hat. Gestern Abend wurde die vierteilige Fotoserie im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis 2017 ausgezeichnet.

„Mich interessieren Orte, die von Mangel, Abwesenheit und Unbestimmtheit geprägt sind“, sagt Gehrke im Interview mit dem STANDARD . Seit langer Zeit schon porträtiert der 41-Jährige städtische und ländliche Lebensräume, dokumentiert mit seiner großformatigen Plattenkamera vergängliche und auch längst vergangene Orte. „Das Faszinierende und Berührende an diesem Hotel ist, dass sich seine Nutzung gewandelt hat und dass es heute einer großen Zahl an Menschen als Wohnort dient.“

Für ein paar Sekunden verstummt das Gespräch. „Doch ja, es ist ein artifizieller Blick, den ich da habe. Es ist ein künstlicher Kommentar zu den Lebensumständen der nach Deutschland geflüchteten Menschen. Viele von ihnen haben ihren Lebensmittelpunkt aufgegeben und müssen nun monatelang, oft ohne Aussicht auf mittelfristige Besserung, in einem alten, aufgelassenen Mittelklassehotel in auf engstem Raum zusammengepferchten Stockbetten ausharren. Meine Fotos sind nur der Versuch, mich in die Lage der Flüchtlinge hineinzuversetzen.“

Vier Annäherungsversuche hat Gehrke für den heuer ausgeschriebenen Fotografie-Wettbewerb un-ternommen. Sie sind so unterschiedlich wie auch die von ihm gewählten Farbwelten und Formate. Neben dem aufgelassenen Hotel President sind dies die ehemalige Stasi-Zentrale in der Ostberliner Ruschestraße, eine provisorische Mehrzweckhalle auf dem Flugfeld in Berlin-Tempelhof sowie eine temporäre Unterkunft auf dem Berliner Messegelände. Die palästinensische Flagge, die über der behelfsmäßigen Abzäunung flattert, ist der Beweis dafür, dass auch in der prekärsten Situation die Sehnsucht nach Heimat nicht abreißt.

„Es deutet alles darauf hin, dass Migration eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden wird“, sagt Gehrke. „Meist fokussieren wir unseren Blick zu diesem Thema auf die politischen Grenzen. Doch ein großer Teil der Migration und der damit leider verbundenen Abgrenzung und Abschottung gegen das Fremde findet mittendrin in unseren Städten statt – in meinem Fall mitten in Berlin.“ Das Ausmaß der Entfremdung und der sozialen Härte in Gehrkes Bildern ist beschämend.

„Die europäische, aber auch globalpolitische Diskussion der letzten Jahre und Monate hat sehr stark mit Grenzen – mit Grenzöffnung, Grenzziehung und Grenzschließung – zu tun“, sagt Christina Gräwe, Erste Vorsitzende des Vereins Architekturbild, der den Preis in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Baukultur und dem DAM in Frankfurt seit 1995 biennal vergibt. „Daher haben wir uns entschieden, die Grenze zum diesjährigen Generalthema zu erheben. Die künstlerischen Annäherungen sind sehr unterschiedlich. Doch die Gemeinsamkeit aller 133 eingereichten Arbeiten ist, dass sie nie den anwesenden, sondern fast immer nur den abwesenden und ausgegrenzten Menschen darstellen. Das gibt mir zu denken und beweist, dass das Thema sehr präsent ist.“

Auch Matthias Jungs Fotoserie Revier , die mit einem weiteren Preis ausgezeichnet wurde, dreht sich um den verschwundenen Menschen. Gezeigt werden ausgestorbene Gemeinden im größten Braunkohletagebaugebiet Europas. Rund um die Tagebauwerke Garzweiler, Hambach und Inden im Westen Kölns fallen immer mehr Ortschaften den riesigen Baggern und den von ihnen aufgerissenen, bis zu 400 Meter tiefen Schürflöchern zum Opfer. Insgesamt wurden in den letzten Jahrzehnten bereits 40.000 Menschen enteignet und umgesiedelt.

„Was tut die Menschheit in einem so reichen und demokratischen Land ihrer Bevölkerung an“, sagt Matthias Jung, „dass hier ohne größere Not tausenden Menschen ihre Identität und Heimat geraubt wird?“ Die verbarrikadierten Fenster und Auslagen in den nächtlichen, nur durch Laternenschein erleuchteten Backsteinfassaden zeugen von einer entleerten Tristesse. So mancher Ort in Jungs Fotoserie ist längst schon im unaufhaltsam wachsenden Loch der fossilen Rohstoffgewinnung verschwunden. „Die Tagebauwerke wurden im Kalten Krieg gegründet und hatten damals durchaus ihre Berechtigung. Doch in der heutigen politischen Situation erscheint die Braunkohleförderung auf diese Weise mehr als anachronistisch.“

Es ist genau dieser reflektierte, zum Nachdenken anregende Blick auf die von uns gebaute (und zerstörte) Umwelt, den der Europäische Architekturfotografie-Preis vor den Vorhang holen will. „Hinter der klassischen Auftragsarbeit der Architekturfotografie“, erklärt Gräwe, „lauert ein sensibler künstlerischer Impetus, der für uns alle ein wertvoller Spiegel ist. Diesen anschaulich zu machen ist unsere Aufgabe.“

Die insgesamt 28 ausgezeichneten und gewürdigten Fotoarbeiten zum Thema „Grenzen“ sind bis 6. August im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt zu sehen. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen. AV Edition, 128 Seiten, € 24,80.

15. April 2017 Der Standard

„Loos würde verstummen“

Der Wiener Künstler Peter Sandbichler schafft mit seinem „Haus mit Augenbrauen“ ein dramatisches Kunstprojekt im öffentlichen Raum. Und er zeigt auf, wie uninspiriert die heutige Stadt geworden ist. Eine Kampfansage.

Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Ein Haus wie jedes andere auch in dieser Straße. Stuck, Gesims, Voluten, Figürchen und Vasenbalustraden, so weit das Auge reicht. Doch mit jedem Schritt, der einen näherbringt, beginnt das Auge zunehmend zu zweifeln. Die im Kopf mit so großer Sicherheit abgespeicherten Versatzstücke der Gründerzeit wollen sich nicht so recht ins Bild fügen. Die Formen werden immer fragwürdiger, die Konturen immer kantiger, die Schatten immer schnippischer. Am Ende dann die totale Verstörung.

„Ich wollte mich mit großer Subtilität an das scheinbar gängige Bild von Fassade heranschleichen“, sagt der Wiener Künstler Peter Sandbichler. „Mein Wunsch war es, auf den ersten Blick überhaupt nicht aufzufallen. Das Haus sollte sich ganz selbstverständlich in die üppig ornamentierte Straßenzeile des Getreidemarktes und der Mariahilfer Straße fügen. Erst in der Nähe, erst im unmittelbaren Kontakt sollte die Irritation augenscheinlich werden.“

Und das wird sie. Statt der klassizistischen Elemente, die üblicherweise auf einem Gebäude dieses Baujahres prangen, spitzen sich an der 1400 Quadratmeter großen Fassade dramatische Geometrien zu, lassen die zweidimensionale Haut des Hauses zu einer dreidimensionalen, von unzähligen scharfkantigen Pyramiden und Kristallen überzogenen Oberfläche anschwellen und sogleich erstarren. Es ist, als schaute man durch ein Kaleidoskop, das statt der bunten Steinchen, die in der Linse liegen, mit unterschiedlich grauen Licht- und Schattenfragmenten gefüllt ist.

Unweigerlich denkt man an die fetten Medici-Palazzi in Florenz, die mit von oben bis unten bedrohlich hinauswachsenden Bossen den Fußgänger vom Gehsteig zu schieben scheinen wollen, sowie an die expressionistischen kubistischen Villen in der tschechischen Hauptstadt. „Der Prager Kubismus hat mich immer schon fasziniert“, sagt Sandbichler, der sich schon seit Jahren mit modularen Texturen und Strukturen beschäftigt. „In gewisser Weise ist diese kubistische Annäherung eine Neuinterpretation und Neuentwicklung der klassischen Wiener Gründerzeitfassade.“

Neu ist auch die Materialwahl. Anders als in der Vergangenheit nämlich besteht der Stuck nicht aus Gips oder Zement und auch nicht aus Styropor, wie dies bei den meisten Fassadenrekonstruktionen heute praktiziert wird, sondern aus aufgeschäumtem, zu Platten gepresstem und anschließend geschnittenem Glasgranulat, sogenanntem Poraver. Das Material, das gerade mal 190 Kilogramm pro Kubikmeter wiegt, besteht aus recyceltem Altglas.

Hinter dem prominenten Gemäuer, besser bekannt unter dem Namen Varta-Haus, befindet sich das Reich des Investors und Immobilienentwicklers Michael Tojner, der hier mit seiner Firma Wertinvest sowie mit der von ihm geleiteten Industriegruppe Montana Tech Components AG und Varta AG beheimatet ist. Das Kunstprojekt, eines von mehreren, die in den letzten paar Monaten am und im Haus realisiert wurden, dient nicht zuletzt als weithin sichtbare Visitenkarte.

Eine gewisse Leidenschaft

„Die Kunstprojekte am Haus sind Ausdruck einer gewissen Leidenschaft“, sagt Daniela Enzi, Geschäftsführerin der Wertinvest GmbH. „Es geht nicht darum, uns ein Denkmal zu setzen, sondern darum, der Stadt einen gewissen Mehrwert zu geben.“ Neben Peter Sandbichlers „Haus mit Augenbrauen“, so der offizielle Titel des Kunstwerks, gibt es auch den nächtens leuchtenden Tomorrow -Schriftzug von Arnold Reinthaler sowie Roland Kodritschs Skulptur Reasons to believe , eine Figur, die an der Gesimskante steht und wohl kurz davor scheint, sich in den Tod zu stürzen.

„Die schmucklose, im Zweiten Weltkrieg zerstörte Fassade unseres Firmensitzes hat mir nie gefallen“, sagt Tojner auf Anfrage des Standard. „Das aus einem kleinen geladenen Wettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt von Peter Sandbichler war so überzeugend, dass ich mich entschlossen habe, nicht nur einen Teil, wie ursprünglich geplant, sondern gleich die gesamte Fassade gestalten zu lassen.“ Die Investitionskosten dafür beziffert Tojner mit „einigen Hunderttausend Euro“. Näheres möchte er nicht verraten.

Mehr als ein Kunstprojekt jedoch – Kunst im öffentlichen Raum ist in Wien glücklicherweise längst keine Seltenheit mehr – ist Peter Sandbichlers urbane Intervention eine wertvolle Anregung, um über Schönheit in der Stadt nachzudenken. Markus Rumelhart, Bezirksvorsteher von Mariahilf, bezeichnet das Projekt als „zeitgemäße Fassade, die den Menschen ein schönes Bild zur Betrachtung gibt“. Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums, der vor Kurzem die Eröffnungsrede hielt, vergleicht die Radikalität und Konsequenz des Kunstwerks sogar mit jener, die Adolf Loos einst bei seinem Haus am Michaelerplatz („Haus ohne Augenbrauen“) hat walten lassen: „Loos würde verstummen.“ Starke Worte.

„Neuinterpretierte Gründerzeitfassaden sind oft peinliche Stilkopien, doch dieser Ansatz zeigt, was mit heutigen technischen Mitteln und heutigem Verständnis von Stadt möglich ist“, sagt Robert Kniefacz von der MA19, zuständig für Architektur und Stadtgestaltung. „Vor allem aber sehe ich dieses Projekt als Einladung an Architekten, Bauherren, Bauträger, Investoren und Projektentwickler, nicht nur verwertbare Wohn- und Bürofläche zu bauen, sondern sich auch wieder vermehrt der Fassade als Gesicht der Stadt zu widmen.“ „Haus mit Augenbrauen“ ist ein Gestaltungsansatz von vielen. Ein radikaler gewiss. Und er ist eine Kampfansage an den zunehmenden Analphabetismus von Architekten und Bauherren, die die Stadt mit gesichtslosem Vollwärmeschutzsondermüll vollpfropfen. Mögen sich die Übeltäter angesprochen fühlen.

12. April 2017 Der Standard

Mit dem Pilzkopf durch die Ziegelwand

Das Biologiezentrum der Universität Wien wird übersiedeln. Ab 2021 sollen zukünftige Forscherinnen und Forscher in einem Neubau in St. Marx ausgebildet werden. Der Bio-Cluster bekommt damit ein neues Puzzlestück. Nun wurden die Pläne präsentiert.

Wien – Der Bio-Cluster in St. Marx bekommt Zuwachs. Zum Institute of Molecular Biotechnology, dem Gregor-Mendel-Institut, zu den Max F. Perutz Laboratories und zum kürzlich eröffneten Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie gesellt sich ab dem Wintersemester 2021 das neue Biologiezentrum der Universität Wien. Letzte Woche wurden die Pläne der Öffentlichkeit vorgestellt. Der 19.000 Quadratmeter große Neubau gibt sich in massiver Klinkeroptik und bietet mit seinen organischen Rundungen willkommene Abwechslung zur unterkühlten Schwarz-Weiß-Ästhetik, die in den letzten Jahren in Wien dominierte.

„Das bestehende Biologiezentrum in der Althanstraße war schon seit Jahren dringend sanierungsbedürftig“, sagte Heinz W. Engl, Rektor der Universität Wien, dem STANDARD . Kalkulationen hätten aber ergeben, dass ein Neubau viel billiger ausfallen würde. „Dazu kommt, dass die Sanierung bei laufendem Betrieb mit 5000 Studierenden alles andere als optimal ist. Nun bekommen wir für weniger Geld ein komplett neues Gebäude mit modernster Technik, hoher Flexibilität und perfekter Anbindung an den öffentlichen Verkehr und an den Bio-Cluster St. Marx.“ Kurze Pause. „Und ja, mir gefällt das Gebäude gut. Ich bin mir sicher, dass der Klinkerbau zu einer gerngesehenen Landmark in der Gegend wird.“

Der Wettbewerbsentwurf dazu stammt von den Berliner Architekten Marcel Backhaus und Karsten Liebner. Mit ihrem fast 180 Meter langen Ziegelriegel konnten sich die beiden gegen 40 Mitbewerber durchsetzen. „Die Ausschreibung war sehr komplex“, erzählt Liebner. „Allen Forderungen gerecht zu werden war fast eine mathematische Aufgabe mit mehreren Unbekannten.“ Das Resultat der Bemühungen: Zur Schlachthausgasse hin gibt sich der sechsgeschoßige Baukörper wuchtig und städtisch, zu den Wohnhäusern im Osten hin wird das Bauvolumen in quergestellten Riegeln mehr und mehr aufgelockert.

Déjà-vu für Kenner

„Mit der Klinkerfassade wollen wir die historischen Bauten der Umgebung wie die ehemalige Viehmarkthalle aufgreifen“, sagt Liebner. „Damit fügt sich der Bau ins bestehende Ensemble.“ Architekturkenner werden angesichts der Visualisierung ein Déjà-vu haben, erinnert das Haus doch an die 1939 eröffnete Bürozentrale von S. C. Johnson Wax in Racine, Wisconsin. Damals hatte Architekt Frank Lloyd Wright mit Ziegelfassade, schmalen Fensterbändern und unverwechselbaren Pilzkopfsäulen gearbeitet. Das denkmalgeschützte Gebäude zählt heute zu Wrights bekanntesten Objekten.

„Die Ähnlichkeit ist sicher kein Zufall“, sagt Liebner. „Große Universitätsbauten in Europa und in den USA wurden lange Zeit im Stil der klassischen Moderne errichtet. Heute suggerieren diese Bauformen Nachhaltigkeit und Beständigkeit.“ Nicht nur im Außenraum werden die charakteristischen Pilzkopfsäulen das Gebäude tragen, sondern auch innen: Geplant sind – wie schon bei Frank Lloyd Wright – hohe, zweigeschoßige Arbeitsräume, die laut Liebner nicht nur funktional, sondern auch schön und atmosphärisch ansprechend sein sollen.

Das Biologiezentrum soll laut Rektor Engl 5000 Studierenden und 600 bis 700 Forschern und Angestellten Platz bieten. Dank Fernwärme, Erdwärme, Wärmerückgewinnungsanlage, Regenwassernutzung, LED-Beleuchtung, integrierter PV-Anlage und ideal gedämmten Außenwänden will man Niedrigenergiestandard erreichen. Die Ziegelklinker im schlanken Langformat werden die Architekten eigens für dieses Projekt produzieren lassen.

„Ich denke, dass wir mit dem Neubau in St. Marx einen sehr guten Weg einschlagen“, sagt Hans-Peter Weiss, Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die das 146 Millionen Euro teure Gebäude entwickeln und errichten wird.

Funktional angeordnet

„Entscheidend für den einstimmigen Juryentscheid war vor allem die funktionale Anordnung von Bibliothek, Mensa, Verwaltung, Hörsälen und Laborbereichen.“ Und dass das Projekt spätere Umbauten ermögliche. „Wir wissen noch nicht, in welche Richtung sich die Labortechnik in 20, 30 Jahren entwickeln wird.“

Die Verhandlungsgespräche mit den Architekten haben jedenfalls gerade begonnen. Im Sommer 2018 werden die Bauarbeiten gestartet, die Fertigstellung ist für das Wintersemester 2021/22 geplant. Der Altbau in der Althanstraße soll mittelfristig als Ausweichquartier für andere Unis und Fakultäten genutzt werden. Langfristig, heißt es seitens der BIG, sei es nicht unwahrscheinlich, das derzeitige Biologiezentrum durch einen Neubau zu ersetzen – etwa durch ein Studierendenheim.

8. April 2017 Der Standard

Adresse mit Ablaufdatum

Man nehme ein unbebautes Grundstück, vereinbare mit dem Eigentümer eine Nutzungsdauer und setze darauf ein Studentenheim in Kistenbauweise. Letzte Woche wurden die Pop-up Dorms in der Seestadt Aspern eröffnet.

A pproved for transport under customs seal“ steht auf einer kleinen Metallplakette, die an die Containertür geschraubt ist. Darunter ist die eingravierte Zahlenchiffre D/GL-1220-62/2000 zu lesen. Der Rost hat dem Schild zugesetzt. „Ich überlege mir manchmal, wo dieser Container schon überall gewesen sein muss“, sagt Benoît Bouchet. „Er ist ramponiert und hat echt viel Charakter. Aber das muss so sein. Ohne Kratzer und Beulen kann ich mir so etwas gar nicht vorstellen.“

Benoît kommt aus Lyon und studiert Material Sciences an der TU Wien. Vor ein paar Wochen erst ist er eingezogen. Er ist einer von insgesamt 86 Studierenden, die im Studentenheim Pop-up Dorms in der Seestadt Aspern im Nordosten Wiens wohnen. Wie die meisten seiner Wohnkollegen sitzt auch er abends an einem der runden Tische in der großen Halle, im atmosphärischen Schlagschatten des ausrangierten 40-Fuß-Containers, und büffelt aus seinen Skripten.

Das wirklich Ungewöhnliche an diesem Ort ist aber nicht der räudige Überseecontainer, sondern sein Rundherum: Benoîts Wohnadresse nämlich hat ein Ablaufdatum. In drei Jahren soll das modular aufgebaute Heim abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Jede einzelne Studenten-WG lässt sich per Kran auf einen Tieflader verfrachten und kann dann von A nach B gerollt werden. Vor einer Woche wurde das mobile Studentenheim, das Erste seiner Art in Österreich, im Beisein der Projektpartner feierlich eröffnet.

Bauland mit Engpass

„Was Bauland betrifft, haben wir es derzeit mit einem der größten Engpässe und mit entsprechend explodierenden Grundstückspreisen zu tun“, sagte Christoph Chorherr, Wiener Gemeinderat und einer der Initiatoren dieses Projekts, bei der Eröffnung. „Dieses Konzept ist eine gute Möglichkeit, um leerstehende Parzellen, die aus welchen Gründen auch immer erst in einigen Jahren zur Verwertung kommen, temporär zu nutzen.“

Das Konzept dafür stammt von F2 Architekten und Obermayr Holzkonstruktionen. Sie konnten sich vor zwei Jahren im Wettbewerb gegen mehr als 40 Konkurrenten aus ganz Europa durchsetzen. Schon seit 2005 bieten die beiden oberösterreichischen Firmen das selbstentwickelte System an. 35 solcher Projekte konnten bislang realisiert werden. Mit 22 Holzmodulen ist das Studentenheim in der Seestadt Aspern das bislang größte Projekt.

„Die Idee war, ein Fertigteilsystem zu entwickeln, das nicht nach Container aussieht, sondern gewisse wohnliche, architektonische Qualitäten bietet“, sagt Markus Fischer, F2 Architekten. „Es ist, wenn Sie so wollen, die bestmögliche Kombination aus Ästhetik und wirtschaftlicher Vorfertigung.“ Jede Einheit misst exakt 16,80 Meter in der Länge und 5,50 Meter in der Breite. Die Höhe des im Werk komplett vorgefertigten Holzriegelbaus beträgt 3,50 Meter. Die Außenmaße liegen weniger in der Architektur als in der Straßenverkehrsordnung begründet: „Das ist die größtmögliche Größe, die man transportieren kann, ohne dass dabei horrend hohe Kosten für Sondertransporte anfallen“, so Fischer.

Jede einzelne Kiste wiegt rund 30 Tonnen und verfügt über acht Aufhänge- und acht Fundamentpunkte, an denen sie per Autokran aufs Grundstück gehievt werden kann. Die 75 Quadratmeter großen Wohnmodule umfassen jeweils vier Studentenzimmer, zwei Bäder und eine kleine Wohnküche. Dank 36 Zentimeter dick gedämmter Außenwände und einer integrierten Luftwärmepumpe erreicht jedes Modul Passivhausqualität. Auf dem Dach gibt es zudem eine Photovoltaik-Anlage, die Strom zuspeist.

„Mich hat das System von Anfang an fasziniert“, meint Günther Jedliczka, Geschäftsführer der OeAD Wohnraumverwaltung. Gemeinsam mit home4students kümmert er sich um Betrieb und Vermietung. Die Module wurden in Oberösterreich komplett fertig eingerichtet und dann in einem Stück nach Wien gefahren – mitsamt Küchenzeile, Badmobiliar, Schreibtisch, Schrank und Bett. „Am Ende mussten nur noch Bettwäsche und Handtücher ergänzt werden“, so Jedliczka.

175.000 Euro pro WG

„Die 22 Wohnmodule sind in sich so perfekt geplant, dass der Bauaufwand vor Ort auf ein absolutes Minimum reduziert werden konnte“, sagt Sabine Straßer, Geschäftsführerin von home4students. Die Investitionskosten betragen 175.000 Euro pro Wohneinheit beziehungsweise 2300 Euro pro Quadratmeter. „Die geringen Errichtungskosten und die entsprechend niedrige Miete, die wir an den Bauträger zu zahlen haben, können wir eins zu eins an unsere Bewohner weitergeben.“ 355 Euro kostet ein Studentenzimmer pro Monat – Betriebskosten und WLAN inklusive.

„Der günstige Mietpreis war definitiv ein Argument dafür, hierherzuziehen, auch wenn das Heim ziemlich weit draußen liegt“, sagt der 19-jährige bosnische Informatik-Student Lazar Petrović. Seine Klamotten liegen gerade in der Waschmaschine. Die Schleudergeräusche dringen aus dem Inneren des Containers. „Der einzige Nachteil der provisorischen Bauweise ist die Akustik. Man hört überall alles durch. Aber für Studenten ist das eh okay.“

Mit am Tisch sitzt Jaccoline Zegers aus den Niederlanden. Die 21-jährige Studentin deutet auf die komplett verglasten, einsehbaren WG-Küchen, die im Erdgeschoß und ersten Stock die zentrale Halle säumen. „Als Holländerin ist man ja eine gewisse Offenheit und Transparenz gewohnt. Trotzdem ist es am Anfang ziemlich irritierend, beim Nudelkochen quasi in der Auslage zu stehen. Aber man gewöhnt sich daran. Letztendlich schauen beim Kochen alle Menschen gleich aus.“

Das Studentenheim ist für eine technische Nutzungsdauer von 40 Jahren ausgelegt. Jedes einzelne Wohnmodul ist so ausgelegt, dass es theoretisch fünf Umzüge übersteht. „Wir haben uns ausgerechnet, dass sich die Finanzierung nach 20 Jahren amortisiert haben wird“, erklärt Michael Gehbauer, Geschäftsführer der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA), die das Projekt entwickelt und errichtet hat. „Damit haben wir einen gewissen Spielraum für Unvorhergesehenes, und den werden wir auch brauchen, denn noch haben wir keine Erfahrung, wie sich die permanenten Auf- und Abbauten auf die Konstruktion auswirken werden.“

Temporäre Kiste für alle?

Die Pop-up Dorms könnten Schule machen. Vorausgesetzt natürlich, die betroffenen Eigentümer sind bereit, es der Wien 3420 Aspern Development AG gleichzutun und ihre bisweilen unbebauten Grundstücke für bestimmte Zeit kostenlos beziehungsweise günstig zur Verfügung zu stellen. „Meine Vision ist, das Projekt zu einem Best-Practice-Beispiel für sozial Bedürftige und Geflüchtete auszubauen“, sagt Chorherr. „Damit könnte es uns gelingen, die kurzfristigen Wohnungsengpässe zu überbrücken.“

Sollte es die Stadt Wien damit ernst meinen, wäre sie gefordert, sich ein Anreizmodell für Eigentümer zu überlegen und die schamlos grassierende Grundstücksspekulation in der Großstadt charmant auszunützen.

25. März 2017 Der Standard

In Dystopolis herrscht Helmpflicht

Studenten der TU Wien haben dieses Semester die „Baubehörde für totale Sicherheit“ ins Leben gerufen und stellen damit die Frage: Wie sicher wollen wir planen, bauen und leben? Eine Polemik.

Gefahr im Verzug. Wer möchte dafür schon die Haftung übernehmen? Also wird der spitze Taubenschutz am Gesims nutzerinnenkonform nachgerüstet und mit verletzungssicherem Prallschutz aus der Rebensaftindustrie versehen. Zugleich bekommt das Großstadttier einen Bauhelm ums Köpfchen geschnallt. Fertig ist Fall #1045, den Ing. Kurt Sichtig – der Name des Sachbearbeiters wird am Anfang des Films kurz eingeblendet – heute auf dem Tisch liegen hat, nur um sich wenig später der Fallnummer 1356 zu widmen. Diesmal sollen die Turmspitzen des Stephansdoms mit Schaumstoff, Signalfarbe Rot, aufgepolstert werden. Sicher ist sicher.

„Die Stadt entwickelt sich immer mehr zu einer extremen Hochsicherheitszone“, sagt Sylvia Winter, Architekturstudentin an der TU Wien. „Das bezieht sich nicht nur auf immer schärfere Bauvorschriften, sondern greift auch mehr und mehr in den eigenen Privatbereich ein. Als Stadtbewohnerin wird mir damit das instinktive Denken abgenommen. Man wird für unmündig erklärt. Ist es das, was wir wollen?“

Gemeinsam mit ihren beiden Studienkollegen Christoffer Buchebner und Theresa Laber erstellte die 25-Jährige einen provokanten einminütigen Film unter dem dystopischen Titel Baubehörde für totale Sicherheit. Die durchaus bewegenden Bilder, die zurzeit auf der Website des Filmfestivals Diagonale zu sehen sind, sind die Reaktion auf eine bereits lang anhaltende, schwelende Diskussion unter Österreichs Architekten, Fachplanerinnen, Baubeteiligten und Behörden. Entstanden ist der Film im Zuge eines von Gastprofessorin Katja Schechtner (MIT) geleiteten Seminars zum Thema „Data, Tech & the City“ an der TU Wien. Ziel des Semesterprojekts war, über die Stadt der Zukunft nachzudenken und mögliche Auswirkungen von Standardisierung zu skizzieren.

„Als angehende Architektin kann ich den Bedarf von Sicherheitsvorkehrungen auf der Baustelle und im fertigen Gebäude gut nachvollziehen, und der Großteil dieser Maßnahmen ist nützlich und extrem wichtig“, so Winter. „Allerdings frage ich mich: Wie kommt es immer wieder zu den wirklich absurden Ausreißern? Wieso ist ein altes Stiegengeländer heute plötzlich zu niedrig? Wieso müssen Fenster in historischen Häusern nachträglich mit Brüstungen versehen und verbarrikadiert werden? Und wieso dürfen wir schräge und geböschte Wege in der Stadt nicht mehr eigenverantwortlich benützen?“ Der Film ist als Anregung zum Nachdenken gedacht.

„Die totale Sicherheit gibt es nicht, denn es wird immer einen Bereich geben, der in Relation zu anderen Bereichen als unsicher gelten wird“, meint Christian Aulinger, Präsident der Österreichischen Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, im Gespräch mit dem Standard . „Dennoch legen wir schon seit Jahren ein übertriebenes Sicherheitsdenken an den Tag, das nicht nur absurd ist, sondern in einer Kosten-Nutzen-Rechnung – also in der Gegenüberstellung des Ressourcenaufwands und des realen Sicherheitsgewinns – wirklich fraglich ist.“

Schon heute sind sich Experten aus diversen Normen- und Bauvorschriftengremien darin einig, dass man in puncto Sicherheit bereits weit übers Ziel hinausgeschossen habe. „Fakt ist, dass in vielen Gremien die Industrie mitdiskutiert und aufgrund ihrer Eigeninteressen nicht gerade zur Mäßigung der Normen- und Vorschriftenflut aufruft“, so Aulinger. „Also müssen wir Planer und Behörden uns aktiv darum bemühen, hier eine Kehrtwende einzuleiten.“

Mit Erfolg. Im Zuge des sogenannten Dialogforums Bau, einer Initiative der WKO und des Normungsinstituts Austrian Standards, wurden bereits manche Bauvorschriften und Normen gelockert. Vor allem im Bereich des Brandschutzes („In Wien brennen die Häuser schneller und heißer als im Rest der Welt“, ein häufig gehörtes Bonmot) wurden viele überambitionierte Schritte der letzten Jahre wieder rückgängig gemacht oder auf ein vernünftiges Level herabgesetzt.

„Es gibt in Österreich rund 20.000 Normen“, erklärt Heimo Ellmer, der Leiter des Bereichs Bauwirtschaft/Vergabewesen bei Austrian Standards, „und davon sind rund 3000 für die Baubranche relevant. Ich würde sagen, dass wir mit dieser Zahl einen Plafond erreicht haben. Wir sehen, dass die Entwicklung bereits leicht rückläufig ist und dass die zu lesenden Seiten wieder weniger werden.“ Doch das wirklich große Problem, so Ellmer, ist nicht die Fülle an gesetzlichen Vorschriften, Richtlinien und Normen, sondern die Tatsache, dass viele dieser Punkte und Paragrafen einerseits redundant sind und andererseits einander teilweise widersprechen. Da den Überblick zu bewahren ist nicht immer leicht.

„Abgesehen davon, dass wir in einer Normenflut untergehen, haben sich in den letzten zehn Jahren 650 relevante Baunormen durch Novellierungen und neue Kennzahlen verändert“, sagt Peter Bauer, Ingenieurkonsulent für Bauingenieurwesen an der Wiener Architektenkammer. „Das heißt also: Pro Woche gibt es mehr als eine neue Norm zu lesen und zu lernen. Die Definition von Sicherheit verändert sich offenbar im Wochenrhythmus. Das ist absurd.“

Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sich Studierende der TU Wien mit diesen normativen Abgründen beschäftigen. „Wenn wir nicht heute schon aktiv zurückrudern, werden die Architekten von morgen in einem totalen Sicherheitssystem arbeiten müssen“, sagt Rudolf Scheuvens, Professor für örtliche Raumplanung und Stadtentwicklung sowie Dekan der Fakultät für Architektur. „Um das zu verhindern, müssen wir uns alle gegenseitig wachrütteln. Ich appelliere an Gesetzesgeber und Industrie. Etwas mehr Mut zur Gelassenheit wäre angebracht.“

Oder, wie Sylvia Winter, eine der Erfinderinnen der Baubehörde für totale Sicherheit, sagt: „À la longue stiehlt die permanente Übervorsicht dem Lebensraum Stadt die Lust und Lebensfreude. Sie zwingt uns alle in ein System, in das wir nicht hineinwollen. Wir jedenfalls wünschen uns eine Stadt mit Vielfalt und Eigenständigkeit. Es sind diese Widersinnigkeiten, diese Ausnahmen im System, die eine Stadt besonders machen.“

Im Architekturzentrum Wien wird gerade an der kommenden Herbstausstellung gearbeitet: Form folgt Paragraph. Sie widmet sich der Frage, wie sich Sicherheitsnormen und Bauvorschriften auf Stadt und Architektur auswirken. Die Diskussion ist eröffnet.

12. März 2017 Der Standard

Bauten für den dänischen Way of Life

Seit Jahren bestechen Kopenhagener Architekten mit ungewöhnlichen, innovativen Konzepten. Die „dänische Sichtweise auf die Welt“ sorgt international für Furore und spielt auch bei den Mipim-Awards eine große Rolle.

Wien – Jahrzehntelang hat die dänische Presse auf Papirøen ihre Rohstoffe und Zeitungen gelagert. Doch seitdem die Lagerhäuser 2013 geleert wurden, steht die Papierinsel bis auf wenige Häuser leer. Nun soll das 45.000 Quadratmeter große Areal im Kopenhagener Stadtteil Christiansholm revitalisiert und neu bebaut werden. Das dänische Büro Cobe Architects, das sich in einem Wettbewerb gegen OMA, MVRDV, Henning Larsen, C. F. Møller, Adept und Holscher Nordberg Polyform durchsetzen konnte, plant darauf einen lebendigen Stadtteil mit öffentlich nutzbaren Einrichtungen, Büroräumlichkeiten und Wohnungen.

Großer Wert wurde auf die Landschaftsarchitektur gelegt. Wie auch in der HafenCity Hamburg, die europaweit immer wieder als Best-Practice-Beispiel herangezogen wird, sollen die Freiflächen begrünt und bestuhlt werden und Platz für Flohmärkte und Open-Air-Veranstaltungen bieten. Zum Wasser hin soll die Kante zu Sitztribünen ausgebildet werden. Während in der hohen Erdgeschoßzone eine Schwimmhalle, eine Markthalle, Eventräumlichkeiten und Hallen für Gewerbetreibende und Kreativwirtschaftler untergebracht werden, sind die oberen fünf bis zehn Etagen, die ein wenig an die Häusersilhouetten in der historischen Innenstadt erinnern, für Wohnungen und Büros reserviert.

„Unsere Vision ist, Christiansholm und vor allem Papirøen zu einem First-Class-Beispiel für urbanes Leben auszubauen und Touristen sowie Besucher aus der ganzen Stadt anzuziehen“, erklärt Dan Stubbergaard, Gründer und Chefarchitekt von Cobe, der mit seinem Büro selbst auf der kleinen Insel eingemietet ist und spätestens bei Baustart 2018 seine kreativen Hallen räumen wird müssen. „Das Projekt soll ein Beitrag zum Kopenhagener Way of Life werden.“

Kronjuwel

Jens Kramer Mikkelsen, CEO des Grundeigentümers und Auftraggebers CPH City & Port Development, bezeichnet den Siegerentwurf sogar als „Kronjuwel des inneren Hafens“ und als logische Ergänzung zum benachbarten Königlichen Opern- und Theaterhaus. Kein Wunder also, dass das Stadtentwicklungsprojekt, das in Zusammenarbeit mit Inside Outside, Via Trafik und dem deutschen Klima-Engineering-Büro Transsolar geplant wird, derzeit unter den vier Finalisten für die Mipim-Awards 2017 in der Kategorie „Best Futura Project“ rangiert. In wenigen Tagen wird im Palais des Festivals in Cannes der Gewinner gekürt.

Es ist nicht das erste Mal, dass dänische Architektur weit über ihre Grenzen hinweg Bekanntheit erlangt. Der Kopenhagener Marketingzampano Bjarke Ingels und das von ihm 2005 gegründete Büro BIG (Bjarke Ingels Group) haben der dänischen Hauptstadt mit ungewöhnlichen Wohn- und Büroentwicklungen bereits mehrfach Aufmerksamkeit beschert. Aktuell baut Ingels für den Heizkraftwerkbetreiber Amagerforbrænding eine Müllverbrennungsanlage, deren Dach im Winter als 1,5 Kilometer lange Ski- und Snowboardpiste dienen wird. Noch heuer, so der Plan, soll das 800 Millionen Euro teure Pionierprojekt in Betrieb gehen.

BIG ist längst schon international tätig. Im Herbst letzten Jahres wurde in der West 57th Street in New York ein 142 Meter hohes Wohnhaus fertiggestellt, dessen geböschte Fassade sich wie ein dreieckiges Segel gegen den angrenzenden Hudson River stemmt. Aktuell arbeitet der 42-jährige Bjarke Ingels am neuen World Trade Center 2 sowie an „The Big U“ entlang des gesamten Ufers von Manhattan. Die Hochwasserschutzanlage soll den Big Apple künftig vor Hurrikans und steigendem Meeresspiegel schützen. „Es geht in der Architektur darum, unsere Träume zu realisieren“, so Ingels, der sogar schon einmal vom Magazin Rolling Stone interviewt wurde. Auch das kommt nicht alle Tage vor. „Und ja, vielleicht haben wir Dänen eine etwas offenere, unvoreingenommenere Sichtweise auf die Welt.“

Dänische Vorherrschaft

Damit erklärt sich auch, warum auf der Liste der heurigen Mipim-Awards-Finalisten gleich noch zwei weitere dänische Projekte auffallen: In Slagelse, 100 Kilometer westlich von Kopenhagen, planten Karlsson Arkitekter für die Region Sjælland das psychiatrische Krankenhaus GAPS (nominiert in der Kategorie „Best Healthcare Development“). Das 44.000 Quadratmeter große, überaus warm und angenehm gestaltete Haus, das mit DGNB Silber zertifiziert wurde, besticht durch Tageslicht, farbige Kunstlichtführung und viel helles Holz.

Eines der vielleicht aufregendsten Projekte unter den Finalisten ist jedoch der Neubau des Parkhauses Lüders im Nordhavn, Kopenhagen. Anders als bei den meisten Hochgaragen nämlich handelt es sich dabei nicht um einen monofunktionalen Klotz in der Stadt, sondern um eine im wahrsten Sinne des Wortes verspielte, begehbare Skulptur: Das gesamte Dach im achten Stock wurde als knapp 2000 Quadratmeter großer, öffentlich zugänglicher Spielplatz ausgebildet. Mit ihrem Park ’n’ Play – so der offizielle Titel der ungewöhnlichen Revitalisierung – haben JaJa Architects und Rama Studio die Messlatte für städtische Infrastruktur hochgelegt. Das rote Park- und Spielhaus ist sogar für den Mies-van-der-Rohe-Award 2017 der EU nominiert.

2. März 2017 Der Standard

Der Nobelpreis der Architektur erfindet sich neu

Der Pritzker-Preis geht an das spanische Architekten-Trio Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta

Die Überraschung war groß. Zum dritten Mal in der Geschichte des Pritzker-Preises, der seit 1979 jährlich vergeben wird, wurde nicht eine Einzelperson, sondern ein Büro gewürdigt. Und zum allerersten Mal fällt der Lorbeer auf ein Trio: Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta sitzen im 30.000-Einwohner-Städtchen Olot in den katalanischen Pyrenäen, irgendwo zwischen Andorra und Barcelona, in ihrem Büro RCR Arquitectes.

Auf den ersten Blick wirken die drei Gestalten, die sich bislang vor allem in der Fachwelt einen Namen gemacht haben, freundlich und unscheinbar. Doch die Projekte, die RCR – die Bürobezeichnung steht für die Vornamen – bislang realisiert hat, sind gewaltige, visuell und atmosphärisch beeindruckende Gratwanderungen zwischen Archaik, regionaler Verbundenheit und materieller Frechheit. Mal ducken sich die Bauten mit Stein und Stahl in das ländliche Katalonien, mal fallen die an Skulpturen erinnernden Baukörper nur durch ihre Glasflächen und Spiegelungen auf, dann wieder werden die Häuser mutig mit Kunststoff, recycelten Baustoffen und grellen Neonfarben collagiert. Die Kombinationsgabe schockiert.

Zu den bekanntesten Projekten der drei durchschnittlich 56-Jährigen zählen das Weingut Bell-Lloc in Palamós (2007), das hochelegante Senioren- und Bibliothekszentrum Sant Antoni in Barcelona (2007), der Kindergarten El Petit Comte in Besalú (2010), das Soulage Museum in Rodez (2014) sowie das Cuisine Art Center in Nègrepelisse (2014).

Für Furore sorgte vor allem das 2011 eröffnete Open-Air-Theater La Lira in Ripoll. Wie ein rostiges, dreigeschoßiges Skelett aus Corten-Stahl prangt der urbane Bühnenplatz rotzig und kompromisslos zwischen den Feuermauern und Wäscheleinen der angrenzenden Wohnhäuser.

Auch das Büro von RCR ist sehenswert, handelt es sich doch um eine revitalisierte Gießerei, die sogenannte Espai Barberí, im historischen Stadtzentrum von Olot. Da treffen kaputtes Mauerwerk und neuer Beton aufeinander, aus alten Innenhöfen sprießt ein urbaner Dschungel, eine meterlange Glasfassade wird vor kunstvoll ornamentierte gusseiserne Säulen gestellt. Allein für das Erlebnis dieser atemberaubend sakralen Räume möchte man im Sommer sofort als Volontär anheuern. Wie steht doch auf der Homepage von RCR geschrieben? „Univers de la creativitat compartida“ – Universum der gemeinsamen Kreativität.

Angst vor Werteverlust

„Wir leben in einer globalisierten Welt, in der wir auf internationale Geschäfte, Einflüsse und Diskussionen angewiesen sind“, heißt es im Statement der Jury unter Vorsitz des australischen Architekten und 2002-Pritzker-Preisträgers Glenn Murcutt. „Und immer mehr Menschen haben Angst vor genau dem, denn wir sind dabei, nach und nach unsere lokalen Werte zu verlieren. Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta jedoch sagen uns mit ihrer Arbeit, dass man diese Gegensätze auch vereinen kann.“ Die von der Jury zitierte Schönheit und Poesie von RCR erschließt sich einem in jedem einzelnen, auch noch so kleinen Projekt.

Dass der mit 100.000 Dollar dotierte Preis heuer an eine gemischtgeschlechtliche Gruppe vergeben wird, ist wohl kein Zufall. Immer wieder wird die geldgebende Hyatt Foundation dafür kritisiert, Architektinnen zu ignorieren, meist nur Männer vor den Vorhang zu holen. Zaha Hadid (2004) und Kazuyo Sejima (2010) waren in 40 Jahren die einzigen Preisträgerinnen. Sogar die Nachnominierung einiger Frauen, die Seite an Seite mit ihren preisgekrönten Männern arbeiten, aber beim Pritzker-Preis leer ausgingen, wurde bereits diskutiert, von der Stiftung aber abgelehnt.

Vielleicht ist der wichtigste Preis, der als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet wird, in der Gegenwart angekommen. Vergeben wird die Auszeichnung an Aranda, Pigem und Vilalta am 20. Mai im Akasaka-Palast in Tokio.

1. März 2017 Der Standard

Smarte Wohnung, unsmarte Etikette

Eine Anlage mit 245 Wohnungen darf ihr ökologisches Potenzial nicht erfüllen

Wien – „Wenn wir von jungem Wohnen sprechen“, sagt Ewald Kirschner, Generaldirektor der Gesiba, „dann vor allem von Smart-Wohnungen, also von der Kombination aus kompakten Grundrissen und verträglichen Bruttomieten.“ Die von der Gesiba entwickelten Wohnbauten auf den Parzellen G2 und G3 umfassen 138 geförderte Mietwohnungen, 61 Smart-Wohnungen sowie 46 Gemeindewohnungen neu. Die monatliche Miete für die 47 bis 73 Quadratmeter großen Wohneinheiten liegen unter 7,50 Euro pro Quadratmeter.

Der Gesiba-Bauteil zeichnet sich schon jetzt durch soziale Kompetenz aus, handelt es sich doch um ein kooperativ entwickeltes Projekt der Architekten Georg Reinberg, Huss Hawlik, Sophie und Peter Thalbauer sowie des Wiener Büros Superblock. Das Programm umfasst nicht nur Wohnungen, sondern auch Gemeinschaftsräume, Geschäftsflächen und Arztpraxen. Sogar drei nächteweise anmietbare Gästezimmer für den Tantenbesuch aus Vorarlberg sind geplant. Ein bestehender Altbau, in dem sich einst die Dienstwohnungen der Gaswerkmitarbeiter befanden, soll revitalisiert und ins Gesamtkonzept einbezogen werden. In Erinnerung an die ehemalige Nutzung soll er gelb und resedagrün gestrichen werden.

„Die größte Besonderheit ist die gute, intelligente Flächenwidmung auf diesem Areal“, erklärt Architekt Andreas Hawlik. „Pro Bauplatz durften wir deutlich mehr Kubatur als Wohnnutzfläche entwickeln. Das hat die Bauträger angespornt, die Dichte nicht komplett auszureizen, sondern auch alternative Nutzungen einzuplanen. Es ist eine schöne Wohnhausanlage – und keine Paragrafenorgie mit Gaupen, Erkern und Balkonen.“

Einen Schönheitsfehler gibt es dennoch. „Der Bauträger-Wettbewerb hat vorgesehen, dass die hier tätigen Architekten Arbeitsgruppen bilden und gemeinsam Ideen für Städtebau, Freiraumplanung und alternative Energiegewinnung entwickeln“, erzählt Reinberg. „Es sind komplexe, ausgetüftelte Konzepte entstanden. Wir wollten ein Forschungsprojekt in die Praxis umsetzen und mithilfe solarer Energie umweltfreundlich Gas produzieren. Doch kurz vor Ende wurde das Projekt von Wien Energie und Wiener Netze gestoppt.“

Grund: Die Anlage sei unwirtschaftlich, denn russisches Gas sei derzeit sehr billig. „Das ist eine vertane Chance“, so Reinberg. „Erst lässt man die Architekten unentgeltlich arbeiten und lädt sie ein, Pionierarbeit zu leisten, und dann sagt man Danke. Das ist nicht nachhaltig, sondern frustrierend.“

1. März 2017 Der Standard

Wohnhaus für Exhibitionisten

In Neu-Leopoldau entsteht ein Wohnhaus mit komplett verglasten Wohnungseingängen. Die offenen Schaufensterräume sind als Kreativzone für Selbstverwirklichung der jungen Mieter gedacht.

Wien – Die Niederländer, sagt man, wohnen in der Auslage. Das calvinistische Wohnverständnis ohne Scham und ohne Vorhänge mutet hierzulande in der Tat seltsam an. In Kürze wird auch Wien sein erstes extrovertiertes Haus haben. Am südwestlichen Zipfel von Neu-Leopoldau, Parzelle H1, entsteht ein Wohnbau mit 65 geförderten Wohnungen, die zum Stiegenhaus hin raumhoch verglast sind. Sämtliche Wohneinheiten werden über eine Glastür mit anschließendem Fenster erschlossen. Die ersten Visualisierungen verheißen einen Hauch von urbaner Setzkasten-Atmosphäre.

„Dieses Haus richtet sich speziell an junge Leute, die sich danach sehnen, kreativ zu sein und einen Teil der Wohnung als Schaufenster in den sozialen, halböffentlichen Raum zu nutzen“, erklärt Richard Scheich, Projektleiter im Wiener Architekturbüro feld72. Angedacht sind Ateliers, Hobbyräume, Hausbibliotheken, ausgefallene Sammlungen oder kleine gewerbliche Einheiten wie etwa Minifriseur oder Tätowierstudio. „Es geht um Selbstverwirklichung“, so Scheich. „Und wenn es nur der eigene Weinkeller oder ein kleiner Hausflohmarkt ist, den man einmal in der Woche veranstaltet.“

Züricher Vorbild

Was in Österreich exotisch anmutet, ist in der Schweiz All- tag. Viele innovative Wohnbaugenossenschaften praktizieren genau das: Offenheit gegenüber den Nachbarn. Und die Mieter scheinen das Angebot zu lieben. Am Hunzikerareal in Zürich, mit dem das Projekt feld72 große Ähnlichkeit aufweist, sieht man die ausgiebige Experimentierlust der Bewohnerinnen – und weit und breit weder Vorhänge noch Jalousien.

„Das ist progressiv und sicher nicht jedermanns Geschmack“, meint der Architekt, der den fünf bis acht Quadratmeter großen, verglasten Vorraum als „Plusbereich“ bezeichnet. „Auch der Wohnfonds Wien hat in der Entwicklungsphase Bedenken gehabt. Aber es reicht schon, wenn wir aus ganz Wien ein paar Dutzend Junge und Junggebliebene für diese Idee begeistern können.“ Hinter dem „Plusbereich“ wird es übrigens einen baulich fix eingeplanten, undurchsichtigen Vorhang geben. Dahinter darf sich dann jeder in klassischer Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit üben.

Hinter dem ungewöhnlichen Projekt, das mit dem Architektursoziologen Jens Dangschat entwickelt wurde, steckt die Wohnbaugenossenschaft Schwarzatal. Mit außergewöhnlichen Wohnprojekten hat der gemeinnützige Bauträger bereits Erfahrung. Das als Baugruppe entwickelte Wohnprojekt Wien am Nordbahnhofareal wurde bereits mit etlichen Preisen überhäuft – darunter auch mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit.

„Wir wollen etwas Neues ausprobieren“, sagt Benjamin Heinrich, Projektmanager bei Schwarzatal. „Und das heißt, dass man sich auch trauen muss, experimentell zu arbeiten und ein gewisses Risiko einzugehen. Wir sind davon überzeugt, dass wir Menschen finden werden, die sich für genau diese Form des Wohnens interessieren.“ Der Großteil der Wohnungen hat zwischen 39 und 75 Quadratmeter und wird bei knapp acht Eure Miete pro Quadratmeter liegen. Hinzu kommen ein paar Wohnungen mit zwei separaten Eingängen – für Homeoffices, Airbnb-Kandidaten und renitente Pubertierende. „Den Mietern wird schon was einfallen“, meint Heinrich. „Hier ist Kreativität gefragt.“

1. März 2017 Der Standard

Wenn das Gaswerk unter Strom steht

Die beiden Bauträger Frieden und BWS errichten in der Mitte von Neu-Leopoldau 266 Wohnungen mit irgendwie energetischer Thematik. Besonders spannend: Den Mix aus Eigenmitteln und Miethöhe wird jeder Mieter selbst bestimmen können.

Wien - Bis 1969 wurde im Gaswerk Neu-Leopoldau in Wien-Floridsdorf aus Kohle Stadtgas hergestellt. Im Zuge von Produktion, Kriegsbeschädigung und Auflassung der Anlage kam es auf dem 42 Hektar großen Areal zur Kontaminierung des Untergrunds. Nachdem die Fläche von den Wiener Netzen saniert wurde, sollen hier ab Ende des Jahres – aufgeteilt auf mehrere Bauträger und Architekturbüros – rund tausend geförderte Wohnungen errichtet werden. Das Gesamtinvestitionsvolumen beträgt 121 Millionen Euro.

Zentrum der Anlage bildet der Bauplatz P, wo die beiden gemeinnützigen Bauträger Frieden und BWS-Gruppe 189 geförderte Wohnungen und 77 Smart-Wohnungen realisieren werden. Hinzu kommen ein Heim für Kinder und Jugendliche, ein Studentenwohnheim sowie ein Wohnheim mit kurzfristig anmietbaren Startwohnungen. Wie auf dem gesamten restlichen Areal steht das Projekt unter dem Generalmotto des jungen Wohnens. Die Idee ist fürwahr elektrisierend.

„Das Angebot umfasst vor allem leistbares Wohnen und richtet sich an Jungfamilien sowie an Interessenten, die sich in einem jungen, urbanen Umfeld wohlfühlen“, sagt Christoph Scharinger, Prokurist und Leiter der technischen Abteilung der Baugenossenschaft Frieden. „Dazu gehört auch, dass sich die Mieter den Mix aus Eigenmittelanteil und Miete individuell aussuchen können werden.“ Das Modell funktioniert nicht anders als bei einem Leasingwagen: Je höher das Startkapital, desto niedriger die Leasingrate – und umgekehrt.

„Wir haben uns an der Geschichte des Ortes orientiert und definieren unseren Bauplatz als Energiebündel“, erklärt Architektin Regina Freimüller-Söllinger. Gemeinsam mit ihrem Büro plant sie drei Wohnbauten, die unter einem energetischen Motto stehen. „Die drei Häuser heißen Gleichstromgebäude, Wechselstromgebäude und Energietwist und spielen mit genau jenen Bildern, die sie evozieren.“ Mal ist es die gleichförmige Belichtung von allen Seiten, mal die wechselnde, hin und her springende Erschließung, mal die sich verdrehende Struktur des gesamten Hauses. Der Kurzschluss ist vorprogrammiert. Ob die Metaphern über die Konzeptionsphase hinaus Bestand haben und von den künftigen Bewohnerinnen entsprechend verstanden werden, sei dahingestellt.

Mit Brücken verbunden

Ungewöhnlich ist jedenfalls, dass die einzelnen Bauteile mittels Brücken miteinander verbunden werden und über eine ganze Batterie an quartiersübergreifenden Gemeinschaftsräumen verfügen, die den Bewohnerinnen und Bewohnern des gesamten Planungsareals zur Verfügung gestellt werden sollen. Ergänzt wird das Angebot von sogenannten Pop-up-Boxen im Erdgeschoß. „Hier werden die Bewohner die Möglichkeit haben, auch sehr kurzfristig Räume und Gewerbeflächen anzumieten“, so Freimüller-Söllinger. „Ganz gleich, ob das nun ein Büro, ein kleiner Imbissstand oder eine Punsch- und Glühweinhütte ist.“

Drei weitere Bauten, die die BWS errichtet, stammen aus der Feder der group of young architects (goya). Auch hier folgen die einzelnen Häuser mit Wohnungen zwischen ein und vier Zimmern mehr oder weniger spannungsgeladenen Ideen. Highlight ist sicherlich das zwölfgeschoßige Hochhaus mit einem breiten Spektrum an ganz unterschiedlich konfigurierten Wohnungen. „Wir kombinieren Wohnungen mit einer minimalen Trakttiefe von nur fünf Metern mit solchen, die bis zu zwölf Meter tief sind“, erklärt Architekt Paul Preis von goya. „Auf diese Weise können wir innerhalb eines Bauteils einen maximalen Mix an Wohnungscharakteren anbieten.“ Bonuszuckerl für junge Paare: In puncto Fensteraufteilung und Vorinstallation sind die meisten Wohnungen so konzipiert, dass sich ein Teil des Wohnzimmers eines Tages für ein kleines Kabinett abzwacken lässt.

25. Februar 2017 Der Standard

Alle sind Architekten

Das Bildungszentrum Pestalozzi in Leoben blickt auf eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte zurück. Die Schulsanierung ist das Produkt vieler unterschiedlicher Ideen aus Fachwelt und lokaler Bevölkerung.

Es war im Oktober 2013. Nach vier Tagen intensivster Ideenwerkstatt fischte Caren Ohrhallinger die anonymen Wunschzettel aus dem Ideenglas. Auf einem der Zettel war zu lesen: „Jeder hat das Recht auf eine schöne Schule.“ Die Schrift, erinnert sich die Architektin, war die eines Kindes. „Mich hat dieser Satz so berührt, dass wir beschlossen haben, dem Ideengeber diesen Wunsch zu erfüllen.“ Nach drei Jahren Entwicklungs-, Planungs- und Bauzeit startet dieser Tage das zweite Semester im neuen, rundum revitalisierten Bildungszentrum Pestalozzi in Leoben.

„Das war keine klassische Schulbauplanung, sondern ein intensiver Planungsprozess, dem zu Beginn ein Bürgerbeteiligungsverfahren zuvorgegangen war“, erklärt Ohrhallinger, Partnerin im Wiener Architekturbüro nonconform. „Vier Tage lang haben wir mit Lehrerinnen, Direktoren, Eltern, Schülerinnen und Schülern, Behörden, Bundesdenkmalamt und Pädagoginnen diskutiert und Ideen gesammelt. Am Ende ist der Großteil der Visionen in eine erste Entwurfsstudie eingeflossen.“

Eine der wichtigsten Entscheidungen war, mehrere Schulstandorte und Schultypen zusammenzufassen und an den Standort der ehemaligen, denkmalgeschützten Pestalozzi-Schule in Leoben-Donawitz zu übersiedeln, denn aufgrund der demografischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte sind die Kinder weniger und die Schulen leerer geworden. „Doch so eine Zusammenlegung“, so die Architektin, „ist nicht einfach nur die Summe der notwendigen Klassenzimmer. Das ist ein Hybrid mit fließenden Übergängen und möglichen Synergien, die sorgfältig vorbereitet und begleitet werden müssen.“

Acht Uhr. Nach der Schulglocke spitzt man die Ohren vergeblich. Längst hat sich das Schulgebäude, in dem nun Volksschule, Neue Mittelschule und Polytechnische Schule unter einem Dach vereint sind und sich sogar ein gemeinsames Lehrerzimmer teilen, mit einigen hundert Kindern und Jugendlichen gefüllt. „So viele Schülerinnen und Schüler habe ich hier seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt“, sagt Volksschuldirektorin Petra Kail. Als sie 1976 zu unterrichten begonnen hat, gab es 32 Klassen: „In den letzten Jahren konnten wir gerade acht Klassen füllen. Hinzu kommt, dass das Haus desolat und abgelebt war. Das war ein Geisterschloss.“

Die Zeit des Fürchtens, als die leeren Terrazzokorridore an eine Mischung aus Schlachthof und psychiatrischer Anstalt erinnerten, ist vorbei. Wo bei Eröffnung des Hauses 1927 Mädchen und Buben streng voneinander getrennt und noch mit Rohrstock gezüchtigt wurden, entfaltet sich nun eine heterogene Lernlandschaft mit Stufen, Nischen, Glaswänden, Filzpölstern, aufklappbaren Kommoden und riesigen Bullaugen in der Wand.

„Das sind unsere Leselöcher“, sagen Amy (11), Jamie (11) und Adam (10). „Da können wir uns von beiden Seiten reinsetzen – einmal in der Klasse und einmal am Gang – und uns beim Lesen durch die Glasscheibe zuschauen. Das ist voll lustig.“ Und der Lieblingsplatz der 15-jährigen Diana sind die beweglichen Sitzmöbel am Gang. „In den Strandkörben verbringen meine beste Freundin und ich die Pause. Da sind wir dann mittendrin und doch auch ganz allein.“ Statt einen Teil des Sanierungsbudgets in eine kostspielige kontrollierte Klassenraumbelüftung zu investieren, wie dies ursprünglich vorgesehen war, entschieden sich die Planer, auf ganz normale, händisch öffenbare Fenster zurückzugreifen und das Geld lieber für eine „Verwohnraumlichung“ (nonconform) des historischen Schulgebäudes auszugeben. Dazu zählen nicht nur die verspielten Kernbohrungen in den Wänden, sondern auch der Einsatz von Parkettböden, selbst entwickelten Schulmöbeln und abgehängten Schaumstoffbaffeln, die wie Baumstämme von der Decke baumeln. Schallschutz kann auch schön sein.

Das war ein Geisterschloss

Dass die ungewöhnliche Sanierung (Gesamtinvestitionskosten 14 Millionen Euro) überhaupt möglich war, sei vor allem dem steirischen Schulbaugesetz zu verdanken. „Die Steiermark ist das einzige Bundesland, wo es bis heute keine Schulbauverordnung gibt“, sagt Michael Zinner, Schulbauforscher an der Kunstuniversität Linz. „Entsprechend frei sind die wenigen Richtlinien und Vorschriften zu interpretieren. Wenn man so will, ist dieses Schulhaus ein ursteirisches Pilotprojekt.“

Das trifft auch auf die gesamte Abwicklung des Projekts zu. Anstatt die Planung und Sanierung laut Bundesvergabegesetz auszuschreiben, entschied sich der Leobener Baudirektor Heimo Berghold, den gesamten Planungsprozess zu tranchieren und an mehrere unterschiedliche Architektinnen, Einreich- und Detailplaner, Innenraumgestalterinnen, Projektsteuerer und lokale Vertreter zu vergeben. Auch die Kunstuni Linz war beratend mit von der Partie – und begleitet den Schulbetrieb nun ein Jahr lang in Form von Nachbetreuung und Evaluierung. Das ist ein Novum im deutschsprachigen Raum.

Viele Köche verderben den Brei, heißt es. In diesem Fall jedoch haben viele kommunikative Köche nicht nur Schule, sondern auch Furore gemacht. „Partizipation ist Beziehungsarbeit“, sagt Zinner, „und diese Kultur hat sich auch auf die Planungs- und Bauphase übertragen. Das Projekt war ein einziges kommunizierendes Gefäß, in dem sich jeder mit seiner jeweiligen Expertise eingebracht hat. In einem klassischen Wettbewerb wäre diese feinstoffliche Qualität niemals zu erreichen gewesen.“

Alles paletti? Von wegen. Die Lehrer und Direktorinnen klagen über den bis heute nicht funktionierenden Server, über die ungeschickt platzierten Turnsaalgarderoben sowie über die manuell umsteckbaren Kreidetafeln, die sich die Architekten eingebildet hätten und die vor allem kleinere Lehrerinnen vom ersten Tag an verfluchen. So manches Detail ist nervig. Wie bei jedem anderen Projekt auch.

Fragt sich am Ende: Warum also soll man sich so einen komplizierten Partizipationsprozess antun? „Weil die Schulplanung noch immer nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist“, meint Michael Zinner. „Weil es immer noch formale Systeme gibt, die die Schulplanung auf ein Pauschalrezept reduzieren und neue pädagogische Lernformen erfolgreich ignorieren. Angesichts der Tatsache, dass die Gesellschaft immer differenzierter wird, ist die Schulplanung von der Stange nicht genügend.“ Jeder hat das Recht auf eine schöne Schule.

18. Februar 2017 Der Standard

Vom Luftschloss zur Luftmaschine

Diese Woche präsentierten Chris Müller und Coop Himmelb(l)au ihre gemeinsamen Pläne für ein Gesundheitsresort für Mukoviszidose-Patienten. Das Luxusresort am Meer soll kranken Menschen Atem spenden.

Gute Architektur, sagt man, sei atemberaubend. „In diesem Fall aber“, meint Chris Müller, „wünsche ich mir ein atemspendendes Projekt, bei dessen Anblick jedem der Mund offen bleibt. Wir möchten einen Ort bauen, den es in dieser Form noch nie zuvor gegeben hat. Einen biomechanischen Musentempel, der in der Lage ist, nicht nur geistige Kreativität, sondern auch körperliche Gesundheit zu fördern. Ja, es ist ein Kampf mit den Elementen. Und nein, niemand hat gesagt, dass das leicht werden wird. Gott ist ja kein Magistrat.“

Die Rede ist von Atmos, einem sogenannten Selfness-Resort direkt an der Meeresküste. Im Gegensatz zu den meisten Anlagen dieser Art jedoch ist der hier angestrebte Urlaubsluxus kein Selbstzweck, sondern vielmehr Mittel zum Zweck, um kranken Menschen auf die Sprünge zu helfen. Dank der exponierten Lage, vor allem aber dank der speziellen Bauweise und Haustechnik des Resorts sollen Mukoviszidose- Patienten – in Österreich ist die Krankheit besser als Cystische Fibrose (CF) bekannt – tief durchatmen und sich auf diese Weise eine Verschnaufpause von ihren Strapazen gönnen können.

Chris Müller, Leiter des Theaters Hausruck und künstlerischer Direktor der auf Kreativwirtschaft spezialisierten Tabakfabrik Linz, initiierte die rund 30 Hektar große Luftmaschine aus gutem Grund. Seine sechsjährige Tochter leidet selbst an Mukoviszidose. So wie rund 20 weitere Kinder, die in Österreich mit der tödlichen, bis dato unheilbaren Erbkrankheit jährlich auf die Welt kommen. Mit Atmos, so Müller, möchte er die Welt für das Thema sensibilisieren und Partner und Unterstützer finden.

Einer davon ist Wolf Prix vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au. „Ich bin ein Fan der kretisch-minoischen Kultur, und wie der weit verzweigte Königspalast auf Knossos soll sich auch Atmos über die Landschaft erstrecken und einen Lebensort kreieren“, sagte Prix am Dienstag bei einer Pressekonferenz, bei der das Projekt erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. „Wichtig bei diesem Palast ist lediglich, dass er sich in einer gestaffelten Höhenlage über dem Meer befindet, damit die Winde und die solcherart mit Salz angereicherten Aerosole über die offenen Häuser streifen und die Menschen mit salzhaltiger Luft versorgen.“

Mukoviszidose ist eine angeborene Stoffwechselkrankheit, bei der der Wasser- und Salzhaushalt der Schleimhäute gestört ist. Dadurch werden Lunge und Bauchspeicheldrüse permanent mit zähem Schleim verklebt. Regelmäßige Salzinhalationen helfen dabei, den Schleim zu verdünnen und abzutransportieren. Dadurch wird auch die Zahl der im Schleim nistenden Lungenbakterien reduziert. Atmos ist nichts anderes als eine Inhalationsmaschine im Maßstab XXL.

Die charakteristische Tonnenform der zum Teil frei stehenden Häuser soll die thermische Luftzirkulation verstärken und den Luftwechsel auf diese Weise erhöhen. Durch eigens aufgesetzte Luftkamine – eine Konstruktion, die sich Prix offenbar von den in der arabischen Welt typischen Lufttürmen abgeschaut hat – soll die frische Meeresbrise ins Haus gesaugt werden. Salzwasserhaltige Pools zwischen den Häusern sollen die Luft durch Verdunstung zusätzlich mit Salz anreichern und das Mikroklima auf diese Weise verbessern. Sogar ein salzhaltiger Wasserfall ist geplant.

„Ich sage nicht, was ich mir das erste Mal gedacht habe, als ich von dieser Idee gehört habe“, erinnert sich Arzt Franz Eitelberger, Leiter der CF-Ambulanz der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Klinikum Wels. „Das Projekt ist ambitioniert und muss extrem sorgfältig geplant und gebaut werden, damit es medizinische Wirkung zeigt. Auf jeden Fall aber kann ich aus meiner Erfahrung bestätigen, dass eine mit Salz angereicherte Luft für CF-Patienten krankheitsmildernd ist.“

Eine physiologische Kochsalzlösung, so Eitelberger, habe einen Salzgehalt von 0,9 Prozent. Meeresluft hingegen liege mit einem Salzgehalt von drei bis vier Prozent in einem durchaus Symptome lindernden und gesundheitsfördernden Bereich. Studien belegen, dass Menschen am Meer einen verzögerten Krankheitsverlauf und somit auch eine deutlich höhere Lebenserwartung haben. „Atmos ist ein großartiges Projekt und ein schöner Hoffnungsschimmer, den ich von ganzem Herzen unterstütze. Bloß die Sache mit dem Salzwasserfall ist mehr eine emotionale als eine medizinische Angelegenheit.“

Aktuell ist Projektinitiator Chris Müller auf der Suche nach Projektpartnern und Investoren. Sie sollen das bisherige Team rund um das oberösterreichische Consulting-Unternehmen Delta, den Hotel- und Tourismusberater PKF sowie die auf Immobilienberatung spezialisierte Soravia Group ergänzen und gemeinsam eine Lösung finden, wie Atmos zu einem sich selbst finanzierenden Betreibermodell entwickelt werden kann.

„Der Bau soll keinen einzigen Cent aus dem Spendentopf der Mukoviszidose-Forschung kosten“, versichert Müller. „Ganz im Gegenteil. Das Resort soll sich als Destination für Ruhe- und Kreativitätssuchende selbst finanzieren können. Und zwar so gut, dass wir aus den Gewinnen einen Teil der Anlage Mukoviszidose-Patienten und ihren Familien kostenlos zur Verfügung stellen möchten.“ Diesen Deal, so Müller, werde man mit den Betreibern und Projektbeteiligten vertraglich einzementieren.

Ziel ist eine rund 15.000 Quadratmeer große Anlage mit 132 Apartments und diversen Annehmlichkeiten wie Pool und Spa-Bereich sowie etlichen Notwendigkeiten wie etwa Therapiezentrum und medizinischen Einrichtungen. Das Investitionsbudget soll sich ersten Berechnungen zufolge auf rund 35 Millionen Euro belaufen. Fehlt nur noch das nötige Stückchen Land.

Man sei bereits mit einigen Bürgermeistern im Gespräch, heißt es auf Anfrage des Standard . Zur Auswahl stehen derzeit sechs konkrete Grundstücke in Italien, Kroatien und Portugal sowie in Israel und Gambia. Für weitere Vorschläge sei man offen. Doch die Initiatoren sind zuversichtlich. „Unsere Aufgabe ist es, den Turmbau zu Babel fertigzustellen“, sagt Architekt Wolf Prix in den für ihn so typischen Worten. „Diese Vision ist es, die mich antreibt.“ Und Chris Müller appelliert zum Schluss der Präsentation an die versammelte Presse: „Wir möchten das Unmögliche wagen. Gehen wir gemeinsam dorthin, wo noch nie jemand war.“

Es ist eine schöne, aber womöglich strapaziöse Reise. Man wird einen langen Atem brauchen. Damit die Luftmaschine am Ende nicht zum Luftschloss wird.

17. Februar 2017 mit Nina Egger
Viola John
TEC21

Altruist

Sieht so die Zukunft aus? Weil Architekten zu Forschern wurden und ein Gebäude zum ­selbstlosen Energieversorger, entstanden allerlei technische ­Neuerungen. Das Wohnhaus ist ein Ideenpool für künftige Energiesysteme.

Viele Jahre vergehen für Planung und Bau, getragen von Akteuren, die man nicht unbedingt erwarten würde: Im Zentrum von Vaduz entsteht derzeit das Active Energy Building von Falkeis Architects – Anton Falkeis und Cornelia Falkeis-Senn und einem Team von Forschern, Entwicklern, ­Schlossern, Maschinenbauern, Robotikern und vielen mehr. Das Gebäude setzt sich aus zwölf Wohneinheiten zusammen und produziert mehr erneuerbare Energie für Heizung und Kühlung, als es selbst verbraucht. Dabei versorgt es gleichzeitig sich selbst und bildet einen Versorgungsknoten für die Nachbargebäude. Das Energiekonzept des Gebäudes basiert einerseits auf bewährten Prin­zipien und Systemen, beispielsweise Geothermie zur Bereitstellung von Wärmeenergie sowie Photovoltaikzellen für Strom. Andererseits sind einige der ein­gebauten Technologiekomponenten eigens für dieses Gebäude entwickelte Prototypen, deren Anwendung für zukünftige Energiesysteme als Vorlage dienen kann, etwa jene für die Klimaregulierung.

Gebaut wird im Energy Cluster

Das Areal, auf dem das Bauwerk errichtet ist, beinhaltet Wohn- und Bürogebäude, Grünanlagen und überbaute Tiefgaragen. Hier soll durch die ausschliessliche Verwendung von erneuerbaren Energiequellen sowie durch die Verknüpfung mit einem Pumpspeicherwerk und E-Mobility die CO2-Bilanz künftig auf vorbildlich niedrigem Niveau gehalten werden. Das Active Energy Building steht im Verbund mit den anderen Gebäuden des Areals und bildet mit ihnen einen sogenannten ­Energy Cluster (Abb.). Der Vorteil: Die dezentrale Energieversorgung kann innerhalb dieses Netzwerks besser genutzt werden als von einem Einzelobjekt. Denn je nach Nutzung der Wohn- und Büroräume entstehen zu unterschiedlichen Tageszeiten Energiebedarfsspitzen. In Summe sind sich die Energieverbräuche auf dem Areal am Vormittag und Abend dadurch viel ähnlicher, als dies im Einzelfall für Wohngebäude oder Büros zutrifft, wo sich der Bedarf im Tagesverlauf von tiefen Tälern zu hohen Spitzen und wieder talwärts schwingt.

Bewährte Systeme weisen den Weg zu Innovationen in der Energietechnik

Für die Nutzung von Geothermie wird dem Erdreich an zwei Stellen Wärme entnommen bzw. zugeführt. Einmal mit einer Entnahmetiefe von 13 m und einer Förder­leistung von 900 l/min, im anderen Fall mit einer ­Entnahmetiefe von 15 m und einer Förderleistung von 1800 l/min. Die Verteilung der thermischen Energie im Cluster erfolgt je nach Aktivität der Nutzungen.

Für die Bereitstellung von PV-Strom sind die schmale Südseite und das gesamte Dach als aktive Flächen ausgebildet. Um bei jedem Sonnenstand für einen maximalen Energieertrag zu sorgen, spielt die ideale Ausrichtung der PV-Zellen zur Sonne eine grosse Rolle. Daher wurden die energiegewinnenden Elemente so konzipiert, dass sie sich mit dem Sonnenstand mit­drehen (Abb.). Die Photovoltaikflügel wurden speziell für dieses Projekt entwickelt. Die Solarzellen selbst sind zwar weitläufig erhältlich, doch für die ­Konstruktion der gebäudeintegrierten, dreiachsigen Nachführung wurde das Planungsteam um Robotik­ingenieure und Maschinenbauer erweitert.

Für die Klimaregulierung an der Ost- und Westseite des Gebäudes wurden in Zusammenarbeit mit Forschern der Hochschule Luzern spezielle Fassadenmodule mit Latentwärmespeicher entwickelt. Die Tests und Simulationen mit den mit einem Phase-Change-Material (siehe Kasten «Phase Change Materials» unten) auf Paraffinbasis gefüllten Flügelelementen nahmen fast drei Jahre in Anspruch. Die Recherche gestaltete sich schwierig, denn die meisten PCM-Hersteller am Markt rieten von dieser noch kaum erforschten Technologie ab. Nachdem sich keine Partner aus der Industrie gefunden hatten, musste die erforderliche Kompetenz für Forschung, Entwicklung und Umsetzung von falkeis.architects selbst aufgebaut werden.

Als Vorbild dient die Natur

Um die im obersten Geschoss angebrachte Energie- und Klimatechnik aufzunehmen, entwickelten die Planer ein Tragwerk aus Stahl, das sie auf das Gebäude setzten. Die Konstruktion umspannt das Dachgeschoss sowie Teile der Ostfassade und ermöglicht zudem die elf Meter lange, südseitige Auskragung des Attikageschosses.

Die Stahlstruktur basiert auf einem Vorbild aus der Natur: dem Voronoi, das organischen Zellen ähnelt. Zum Beispiel bestehen die Flügel einer Libelle aus einer solchen Struktur aus einzelnen Feldern, die so zusammengesetzt sind, dass sie bei geringem Gewicht eine sehr hohe Stabilität aufweisen. Nur so kann die Libelle fliegen. Als Voronoi-Algorithmus bezeichnet man eine Zerlegung des Raumes in bestimmte Regionen. Jede Region wird durch genau ein Zentrum bestimmt und umfasst alle Punkte des Raumes, die näher am Zentrum der Region liegen als an jedem anderen Zentrum.

Die Voronoi-Tragstruktur besteht aus einzelnen zusammengeschweissten Blechträgern. Hierzu wurden die Einzelteile entweder über Kopfplatten mit Schraubverbindungen gefügt oder an ihren Flanschen mit V-Nähten zusammengeschweisst. Alle Träger weisen eine gleichbleibende Höhe von 80 cm auf, bei variabler Neigung der Stege von bis zu 42°. Sie sind im Stahl­betonverbund mit der Gebäudehülle verschnitten. Die Dach- und Fassadenelemente sind über Metalllaschen untereinander verbunden.

Wie Blütenköpfe drehen sich die PV-Elemente zur Sonne

In die polygonalen Felder der Voronoi-Struktur fügen sich Fenster, Oberlichter und alle beweglichen Elemente ein. Darunter sind mehrere Arten von PV- und PCM-Modulen. An der Lamellenfassade im Süden und auf den Balkonelementen im Osten sind polykristalline Zellen installiert, die zusammen 11 kWp liefern. Elf mit monokristallinen Modulen ausgestattete Oberlichter kommen auf 5.4 kWp. Der Grossteil des PV-Ertrags kommt aber von 13 dreiachsig nachgeführten Photovoltaikflügeln mit Flächen von bis zu 12 m², die in der Voronoi-Struktur des Dachs untergebracht sind. Sie folgen, ähnlich den Blütenköpfen von Blumen, während des Tages dem Sonnenverlauf.

Mit einem seit 2014 installierten Mock-up konnten Forscher der HSLU einen Ertragsfaktor von 2.9 nachweisen. Die 34.79-kWp-Anlage wird somit den jährlichen Solarertrag einer gleich grossen, fix ­montierten Solaranlage nahezu verdreifachen. Damit soll das gesamte Areal mit Solarstrom versorgt werden können. Überschüsse, die nicht genutzt werden, nimmt die Kraftwerks AG ab.

Die Klimaregulierung funktioniert phasenweise verschoben

Sieben mit einem Phase Change Material (PCM) als Latentwärmespeicher ausgestattete Klimaflügel sind an der Ost- und Westseite des Gebäudes in die polygonalen Zwischenräume der Voronoi-Struktur eingepasst. In ihrer Ruheposition liegen die Flügel flach in der Trag­struktur und dienen dem Schutz vor sommerlicher Überwärmung. Mit von Solarstrom betriebenen Spindelmotoren, die die Flügel bis zu 110° aufklappen und dem Himmel beziehungsweise der Sonne entgegenstrecken, wird das Potenzial des Phase Change Materials maximal ausgeschöpft.

Die vier Heizflügel (Abb.) befinden sich an der Westfassade des Gebäudes und klappen in den Morgenstunden auf, während das darin enthaltene PCM noch fest ist. Dank der Ausrichtung zur Sonne wird das Paraffin im Material erhitzt und verflüssigt sich bei einer Temperatur von 32 °C. Sobald das geschmolzene PCM am Ende des Tages den maximalen Wärmeeintrag erreicht hat, schliessen sich die Flügel automatisch und docken mittels eines Ventils an das Lüftungssystem an. Über einen Wärmelufttauscher wird die freigegebene Energiemenge an das Haus abgegeben. Die PCM-Flügel decken rund 10 % der gesamten Heizlast ab.

Genau umgekehrt verhält es sich bei den drei ostseitigen Kühlflügeln (Abb.). Diese liegen untertags plan in der Fassade und klappen sich nachts auf, wenn das Material aufgrund der absorbierten Gebäudewärme vollständig geschmolzen ist. In den Nachtstunden wird die überschüssige Energie abgestrahlt. Bei 21 °C verfestigt sich das Paraffin und erstarrt. Noch vor Sonnenaufgang klappen die abgekühlten und erstarrten PCM-Module wieder ein und tragen zur Kühlung der zweigeschossigen Attikawohnung bei. Auf diese Weise können 16 % der Gesamtkühllast des Hauses eingespart werden.

Sowohl bei den Heiz- als auch bei den ­Kühl­flügeln handelt es sich um polygonale Carbon­faserrahmen, die mit waagerecht montierten Alu­minium­lamellen bestückt sind. Der Querschnitt der stranggepressten Lamellen erinnert an jenen von Flugzeugflügeln: Die Wölbung kann sich leicht verformen und nimmt auf diese Weise die zehnprozentige Volumen­änderung auf, die das darin enthaltene Paraffin zwischen flüssigem und festem Zustand aufweist.

Bei der Konstruktion zählt die digitale Innovation

Für das Tragwerk des Gebäudes kamen zwei verschiedene Stützenmodelle zum Einsatz: eine gleichschenk­lige symmetrische Betonfreiformstütze sowie ein asymmetrisches Modell mit einem diagonalen und einem ­vertikalen Schenkel (Abb.). Durch die mal A-, mal V-förmige Verbauung verdoppelt sich das Repertoire auf insgesamt vier Varianten.

Die genaue Position jeder einzelnen A- und V-Stütze wurde in einem iterativen digitalen Berechnungsverfahren, gesteuert durch einen genetischen Algorithmus, so lange optimiert, bis eine Synthese aus minimalem Materialeinsatz und maximalem Sonneneintrag über die Ost-, Süd- und Westfassaden erreicht war ­(siehe Kasten «Digitaler Entwurf» unten).

Die Stützen verbinden sich untereinander zu komplexen Baumgebilden mit Verästelungen und Verzweigungen. Mit jeder Etage nimmt nicht nur die abzutragende Eigen- und Nutzlast ab, sondern auch die Zahl der dafür verantwortlichen Stützen. Die Spannweiten zwischen den Fuss- beziehungsweise Kopfpunkten betragen bis zu 12 m.

Die Freiformgeometrie mit der gedrehten Naht verleiht den Säulen ein weiches, organisches Erscheinungsbild. Zu verdanken ist die hohe Zeichnungsfähigkeit des ­Materials dem selbstverdichtenden High-Performance-­Beton (HP-Beton) mit hohem Quarzanteil, harter Gesteinskörnung und beigemischten Polypro­pylen­fasern (PP-Fasern). Entwickelt wurde die Betonrezeptur ­namens «alphapact P080» in Kooperation mit Holcim Schweiz.

Für den ungleichmässigen Querschnitt der ­Stütze wurde eine dreiteilige Gussform als Schalung entwickelt, die auf Basis der 3-D-Daten aus Epoxidharz gegossen wurde und keinerlei Hinterschneidungen enthält. ­Eingeschweisste und einbetonierte Anker- und Anschlussplatten mit integrierten Messpunkten erleichterten nicht nur die Montage vor Ort, sondern sorgten auch dafür, dass die geringe Bautoleranz von zwei Millimetern sogar noch unterschritten werden konnte.

Ein interessantes Experiment

Das Active Energy Building ist zweifellos interessant hinsichtlich seiner technischen Funktionen und Entstehungsgeschichte. Seine Erstellung erforderte einen hohen planerischen und bautechnischen Aufwand, was nur durch die finanzielle Unterstützung der Bauherren möglich wurde, die als Forschungsmäzene wirkten.

Das Ehepaar Marxer, das den Auftrag für das Bauwerk erteilte, appellierte an den Erfindungsreichtum der Architekten und bot ihnen die Chance, die Grenzen des technisch Möglichen auszureizen. Das ­Active Energy Building ist nicht als klassisches Architekturprojekt zu verstehen, sondern als ein Experiment, das zur Architektur- und Wohnbauforschung beiträgt. Nach dem Bezug des neuen Gebäudes wird über einen Zeitraum von zwei Jahren ein externes Monitoring zur weiteren Optimierung der Energieproduktion und -einsparung eingesetzt werden. Schon jetzt gibt es dank dem Active Energy Building einige neue Patente für Bauelemente. Es bleibt spannend und abzuwarten, wie sich die Forschungsergebnisse zukünftig auf die Baubranche auswirken werden.

8. Februar 2017 Der Standard

Des Architekten neue Denkbausteine

Wie wird Architektur unterrichtet? Das europäische Forschungsprojekt NeST analysiert die EU-weite Vereinheitlichung des Studiums seit der Bologna-Reform und stellt neue, innovative Denkschulen vor. Österreich ist ganz vorne mit dabei.

Vaduz/Wien – „Die Bologna-Reform ist ein angekündigter Unfall mit Fahrerflucht“, sagte der Hamburger Universitätspräsident Dieter Lenzen kürzlich im Gespräch mit der deutschen Tageszeitung Die Welt . Seine Kritik: „Die Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge statt des Diploms und Magisters war vor allem ein Zugeständnis an die Briten.“

Immer noch sei die Kompatibilität des Studiums in verschiedenen Ländern nicht so reibungs- los wie dereinst versprochen. Vor allem aber mangle es durch die Segmentierung des Studiums an Persönlichkeitsbildung. Die-ser Umstand hat die Universität Liechtenstein dazu bewogen, die europäische Architekturausbildung nach der 1999 eingeführten Hochschulreform zu untersuchen und in einem Forschungsprojekt über Alternativen zum klassischen Studium nachzudenken.

„Wir haben die Beobachtung gemacht, dass die Bologna-Reform über die Jahre zu einer Homogenisierung der europäischen Architekturausbildung geführt hat“, sagt Peter A. Staub, Professor für Architektur an der Universität Liechtenstein in Vaduz. „Das hat eine gewisse Frustration erzeugt. Daher haben wir beschlossen, uns das genauer anzuschauen.“

Entstanden ist das für die Dauer von zwei Jahren anberaumte Forschungsprojekt New Schools of Thoughts (NeST), was man am ehesten wohl mit „Schule neu denken“ übersetzen könnte. Das 2015 gestartete Projekt wird mit 200.000 Euro vom Forschungsförderungsfonds Liechtenstein finanziert und soll im April vorgestellt werden. Hinzu kommen weitere 250.000 Euro an Eigen- und Drittmitteln. Als Kooperationspartner fungieren die renommierte Architectural Association (AA) in London, die Umeå University School of Architecture in Schweden, die Universität Antwerpen sowie die Universität der bildenden Künste in Wien.

Es fehlt an Lokalkolorit

„Die reformierte Architekturausbildung in Europa umfasst sehr klassische Fächer wie etwa Architekturgeschichte, Konstruktion, Bautechnik und Entwurfslehre“, sagt der 39-jährige Projektinitiator Staub. „Doch diese Vereinheitlichung, die den didaktischen Erfolg in ECTS-Punkten misst, hat nicht nur Vorteile. Es fehlt das Lokalkolorit, es fehlt das Reagieren auf aktuelle Tendenzen wie etwa Digitalisierung, Architekturpolitik und neue Bautechnologien, vor allem aber wird die Disziplin sehr klassisch im Sinne einer Auftraggeber-Auftragnehmer-Dienstleistung gelehrt.“

Alternative Kooperationsmodelle wie etwa Baugruppen, Bürgerinitiativen und partizipative Entwicklungsmodelle mit Kindern, Jugendlichen, Bürgerinnen und spezifischen Benutzergruppen, die in den vergangenen Jahren immer öfter anzutreffen sind und häufig als Best-Practice-Beispiele zitiert und mit Preisen überhäuft werden, blieben in den Bologna-Richtlinien und EU-Direktiven unberücksichtigt. Und damit, so Staub, habe man es verpasst, auf Trends und innovative Entwicklungen reagieren zu können.

Geht es nach NeST, soll sich das nun ändern. „Wir haben vier alternative Lehrmodelle beziehungsweise innovative Institutionen unter die Lupe genommen und analysiert, was diese anders machen und welche Ideen und Methoden auch auf klassische Hochschulen und Universitäten anwendbar wären“, sagt Staub. Die vier ausgewählten und hier beispielhaft untersuchten Exempel sind im Bereich Vorbildung, Ausbildung, Weiterbildung und Fernbildung angesiedelt.

Die Kunst- und Architekturschule Bilding im Innsbrucker Rapoldipark, die aufgrund ihrer außergewöhnlichen Architektur mit dem Österreichischen Bauherrenpreis 2016 ausgezeichnet wurde (siehe Foto) , richtet sich an Kinder und Jugendliche von vier bis 19 Jahren und unterstützt sie im kreativen Denken. Der Anspruch macht sich auch in der Gestaltung des Hauses bemerkbar.

Hochschule ohne Professor

Das Confluence Institute for Innovation and Creative Strategies in Architecture in Lyon ist eine private Hochschule, die auf die Initiative der Pariser Architektin Odile Decq zurückgeht. Hier lernen die Studierenden nicht nur Architektur, sondern auch Selbstorganisation, denn die Schule, die derzeit noch nicht zertifiziert ist, kommt ohne Professoren aus. Diese werden – projektbezogen – aus aller Welt eingeflogen.

Beim Aedes Campus in Berlin handelt es sich nicht nur um einen Ausstellungs- und Galerien-Cluster, sondern auch um eine niederschwellige Diskussionsplattform, die sich an Architektinnen und Laien gleichermaßen richtet. Noch lange vor der Ausstellung Blumen für Kim Il Sung im Mak in Wien war Aedes das erste Haus in Europa, das sich diskursiv mit Kunst und Architektur aus dem tabuisierten Nordkorea beschäftigte. Innochain, die letzte der vier Institutionen, ist eine dezentral organisierte Forschungsstätte mit elf Standorten in sechs Ländern.

„Noch können wir keine endgültigen Resultate vorwegnehmen“, sagt der Wiener Architekt Wolfgang Tschapeller, der das Forschungsprojekt NeST an der Universität der bildenden Künste mitbetreut. „Nur so viel: Wir haben erkannt, dass es in der Ausbildung wieder mehr Bekenntnis zu Forschung und Experiment geben muss.“ Vor allem aber zeichnen sich die untersuchten – und sehr positiv evaluierten – Ausbildungsstätten dadurch aus, ergänzt Staub, dass didaktischer Inhalt und Form eine kohärente Einheit bilden. „Diese Schulen leben genau das vor, was sie lehren. Das klingt so selbstverständlich, ist aber eine Seltenheit in Europa.“

Prozesse mit Partizipation

Das Neudenken der Architekturausbildung ist kein Einzelfall. An der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn wurde im April 2016 das Institut für Prozessarchitektur (IPA) gegründet. Das interdisziplinäre Programm, das vom deutschen Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung mit 750.000 Euro gefördert wurde und an dem sich etwa auch der österreichische Baukulturverein LandLuft beteiligt, lehrt nicht klassische Architektur, sondern widmet sich dem Prozess und dem Management – mit einem Schwerpunkt auf Bürgerbeteiligung und Partizipation.

In Wien arbeitet das Architekturbüro nonconform, das sich einen Namen im Bereich Partizipation und etwas unorthodoxer Vor-Ort-Planung mit Bürgerinnen und Bürgern machte, an einer nonconform akademie, an der die Erkenntnisse und Erfahrungen aus zehn Jahren Bürgerbeteiligungsarbeit vermittelt werden sollen. Das Projekt wird von der Wirtschaftsagentur Wien mit 70.000 Euro gefördert. Das Going-public ist für nächstes Jahr anvisiert.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag