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    Kulissenstädte für den Krieg
    Der Standard

    Blendwerke, Planungsruinen oder Fake-Architekturen, die mit immensem Aufwand für militärische Zwecke errichtet werden, gibt es überall auf der Welt: Fotograf Gregor Sailer hat die surrealen Orte – Potemkinsche Dörfer unserer Zeit – ausfindig gemacht.

    11. November 2017 - Anne Katrin Feßler

    Wände und Kuben aus Beton, die an modernistische Stadtutopien oder Wohnmaschinen Le Corbusiers denken lassen: Allerdings haben die minimalistischen Strukturen in Sissonne bei Reims weder künstlerischen Anspruch, noch werden sie jemals zur bewohnten Architektur. Es sind vielmehr bewusst geschaffene Ruinenlandschaften in einem militärischen Sperrgebiet, simulierte Räume, um Soldaten für den Häuserkampf zu trainieren. Solch surreale Orte gibt es überall auf der Welt. Fake-Towns, Orte des Scheins: Potemkinsche Dörfer. Viele davon hat der österreichische Künstler und Fotograf Gregor Sailer für sein Projekt The Potemkin Village ausfindig gemacht.

    Urbane Strukturen und unzulängliche Orte prägen Sailers Arbeit. Aber es ist weniger die Ästhetik der Architektur, die ihn interessiert, als das, wofür sie in ihrer Zeichenhaftigkeit steht. Architektonische Strukturen erzählen für ihn vom ökonomischen, politischen und soziologischen Zeitenwandel, von den absurden Auswüchsen unserer Tage, vom Aufwand, der betrieben wird, um die Illusion eines Potemkinschen Dorfes zu schaffen. Zur oft beklemmenden Atmosphäre in Sailers Bildern trägt auch bei, dass sie menschenleer sind: „Persönlich finde ich es immer interessanter, mit den Zeichen und Spuren der Menschen zu arbeiten als mit ihrem Abbild selbst“, sagt er.

    Eine Zeitkapsel heben

    Der Weg zum Projekt führte ihn aber nicht direkt über die 2013 publizierte Serie Closed Cities, die von der Außenwelt abgeschottete Städte (Orte der Rohstoffförderung, Flüchtlingslager oder Gated Communities) zeigte, sondern über einen für Sailer naheliegenden und zugleich völlig entzogenen Ort: die Messerschmidthalle im Stollensystem des alten Bergwerks seiner Heimatstadt Schwaz.

    Eine geheime Fabrik, in der die Nazis Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter Flugzeugteile bauen ließen, ist ein geschichtlich dunkler Ort, den Sailer für The Box im direkten Wortsinn ans Licht holte. Sailer, der sonst stets mit natürlichen Lichtbedingungen arbeitet, ja, der auf das richtige, diffuse, keine Schatten werfende Licht wartet, musste hunderte Meter Kabel legen, um diese sonst in völliger Dunkelheit liegenden riesigen Kavernen für die Aufnahmen auszuleuchten. Beim symbolischen Heben dieser mit albtraumhaften Grauen behafteten Zeitkapsel entstand etwas Bühnenhaftes: „Plötzlich wird das Ganze irreal, man verliert den Maßstab“, so Sailer. Es war diese Inszenierung und Künstlichkeit, die sein Interesse für das Kulissenhafte anstieß.

    Bei seinen Recherchen stolperte er immer wieder über den Mythos des Potemkinschen Dorfes. Also jene Geschichte vom Feldmarschall Potjomkin, der angeblich, so behaupteten es seine Feinde, Kulissendörfer errichten ließ, um der Zarin auf der eroberten Krim die unschöne Wirklichkeit zu verbergen. In Russland sollte Sailer herausfinden, dass die Legende, die seinem Projekt den begrifflichen Rahmen gab, lebt.

    In Susdal, drei Autostunden von Moskau entfernt, erwartete man 2013 einen Besuch Putins. Der Verfall des Städtchens erschien nicht präsidial, also versteckte man die Schäbigkeit hinter Planen. Als Sailer knapp drei Jahre später hinreiste, war es fraglich, ob sich noch visuelle Spuren der Maskerade finden lassen. „Obwohl wir bewusst danach gesucht haben, sind wir ein paar Mal daran vorbeigefahren. Bis wir irgendwann unsere Wahrnehmung sensibilisiert hatten.“

    Billiger Fake, der funktioniert

    Für Sailer, der oft in Sperrgebieten unterwegs und deswegen eher mit dem Beschaffen von Genehmigungen beschäftigt ist, war dieses Suchen neu. In der Millionenstadt Ufa im Ural war es noch komplizierter, mit Ausdrucken aus dem Netz fragte man sich durch. Für den Gipfel, zu dem Putin im Sommer 2015 befreundete Staatschefs geladen hatte, sollte die Stadt glänzen. „Eine billige Methode, deren Fake teils wirklich funktioniert, aber nicht mal ein halbes Jahr später ist es schon wieder abgefuckt, die Plane so heruntergerissen, dass der Blick auf das Dahinter frei wird“, erzählt Sailer.

    Abgehängte Fassaden allein waren Sailer jedoch zu wenig; seine Interpretation des Potemkinschen Dorfs fiel viel weiter aus und führte über die Planungsruinen in China, originalgetreue Kopien europäischer Städte und Teststrecken für selbstfahrende Autos in Schweden bis zu den mit irrsinnigem Aufwand errichteten militärischen Übungsstädten in Sperrgebieten in Frankreich, Großbritannien und Deutschland; in Schnöggersburg bei Magdeburg entsteht derzeit die größte europäische Anlage für mehrere Hundert Millionen Euro mit Flughafenszenerie und U-Bahn-Attrappe. Militärs gehen davon aus, dass die nächsten Kriege in unseren Städten stattfinden. In den USA proben Soldaten in Junction City den Krieg für die Krisenregionen der Welt. Im Kontext der Mojave-Wüste wirken die detailgetreu nachgebauten Moscheen und Straßenzüge tatsächlich wie ein Dorf in Afghanistan. Sailer: „Wenn man sich durch diese riesigen urbanen Strukturen bewegt – manchmal fliegt ein Militärhubschrauber drüber oder fährt eine Panzerkolonne vorbei –, hat das eine sehr unheimliche Wirkung.“


    Der Serie „The Potemkin Village“ ist auch Gregor Sailers Soloschau im Fokus Innsbruck gewidmet – Eröffnung: 15. 11., 19.00.

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    Für den Beitrag verantwortlich: Der Standard

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