Innsbruck hat jetzt ein neues Geldinstitut: „Das Raiqa“ ist nicht nur eine Bank
In Innsbruck hat sich eine Bank neu erfunden: Sie ist nun ein öffentlicher Ort. Und auf dem Bozner Platz beschatten Bäume die Verkehrsflächen. Zwei gelungene Beispiele dafür, wie aus Übergangsorten Räume zum Verweilen werden.
Seit ein paar Wochen ist der kürzeste Weg vom Innsbrucker Hauptbahnhof zum Bozner Platz in der Innenstadt wieder frei. Die sogenannte Raiffeisenpassage, ein über mehrere Liegenschaften führender Fußgängerdurchgang, war jahrelang unpassierbar, weil sich die Namensgeberin an der stadtzugewandten Seite an ihrem bestehenden Standort neu erfunden hat. Das manifestiert sich in einem neuen Gebäude, das mit der landläufigen Vorstellung einer Bankzentrale bricht und weitere Nutzungen integriert.
Man könnte es auch so interpretieren, dass immobilienwirtschaftliche Überlegungen dazu geführt haben, dass die Bank sich neu erfinden musste. Wie auch immer, „Das Raiqa“ ist fertig. Das davorgestellte „das“ dürfte sich an Namenstrends aus der Gastronomie anlehnen, was insofern passt, als ein Bistro und ein Rooftop-Restaurant Teil des funktional durchmischten Komplexes sind. Im „Q“ drückt sich der Quartiersgedanke aus, wobei es etwas überzogen dünkt, das Ganze als Quartier zu bezeichnen. Im Immobilienmarketing nimmt man es halt nie so genau.
Der Schluf von der Bahnhofseite
Ziemlich genau das abgeliefert, was sie im Wettbewerb vor sieben Jahren versprochen haben, haben hingegen Pichler & Traupmann Architekten. Einzig die Wettbewerbsvorgabe, die Passage zu attraktivieren, ist nur zum Teil eingelöst. Auf den Schluf von der Bahnhofseite und den darauffolgenden heruntergekommenen Hof mit mehreren Eigentümern hatten weder die Architekten noch die mächtige Raiffeisen-Landesbank Zugriff. Aber dort, wo sich einst Tausende Passanten an der Tiefgaragenzufahrt vorbeizwängten, öffnet sich heute eine Plaza wie ein Trichter zur Adamgasse und in Richtung Innenstadt. Teilweise überdeckt vom dritten Obergeschoß, das durchgehend die Gebäudeflucht der Gasse aufnimmt, und dem auskragenden Hoteltrakt, entstand auf Bankgrund ein öffentlicher Raum. Gesäumt von einer kleinmaßstäblichen Ladenzeile hat er trotz seiner Funktion als Transitraum auch hohe Aufenthaltsqualität. Die Bank stellt der Öffentlichkeit diesen Raum zur Verfügung und kann im Gegenzug das seit den 1960er-Jahren gewidmete Volumen nicht nur weiterhin ausnutzen, sondern sogar etwas erhöhen. Das war ebenso bereits in der Ausschreibung festgelegt wie der weitgehende Erhalt des Hauptgebäudes mit seinem neungeschoßigen Turm plus Penthouse obendrauf.
Optisch ist der nach Plänen von Walter Anton Schwaighofer von 1969 bis 1971 errichtete Bestand mit der für die Zeit typischen Fertigteilrasterung und der Waschbetonfassade aus dem Stadtbild verschwunden. Stattdessen blitzt in der Stadt ein breiterer weißer Baukörper immer wieder irgendwo zwischen den Dächern hervor und zeigt selbstbewusst Präsenz in der Dachlandschaft. Die Form als exaltiert zu bezeichnen, träfe es nicht ganz. Nüchtern betrachtet bildet das aus Schichtungen, Faltungen und Auskragungen gefügte Volumen die verschiedenen Inhalte ab, in Abschrägungen und Ausnehmungen spiegeln sich mitunter Bauregularien wider.
Der außen unsichtbare Bestand wird im Inneren zum Star
„Wir wollten im größten Ausmaß Fläche und Raum der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, und zwar sowohl im Außen- als auch im Innenraum“, betont Architekt Christoph Pichler, und schon am Entrée wird klar, was „größtes Ausmaß“ bedeutet. Indem sie das Stahlbetonskelett herausschälen, machen sie den außen unsichtbaren Bestand im Inneren zum Star. Innerhalb der freigelegten Struktur des Altbaus eröffnet sich über die gesamte Höhe ein von den alten Betonbalken durchzogenes Atrium. Daran angelagert sind Treppenläufe, Brücken und in den Raum kragende Inseln, von denen sich der Raum noch besser erleben lässt als aus den verglasten Liften, die zwischen den Stützen Platz fanden. In den oberen Geschoßen sind um diesen spektakulären Raum die aus Holzmodulen gefertigten 161 Hotelzimmer gepackt. Nie kommt der Eindruck einer Bettenburg auf. Sobald man aus dem Zimmer tritt, eröffnet sich an den Gangenden der Ausblick nach außen oder ins Atrium. Von oben spürt man das Leben unten, und selbst spätabends, wenn Bank und Bistro im Ruhezustand sind, vernimmt man von unten das Gläserklirren aus der Bar im Dach.
Es ist, als wäre die Energie, die durch den kontrollierten Rückbau eingespart wurde, in der Luft spürbar. Hier wurde der Bestand nicht mit der Abrissbirne und in der Kippmulde vernichtet. Mit den Experten des Baukarussells wurde er analysiert, Schritt für Schritt auseinandergenommen, Wertstoffe sortenrein getrennt und Bauteile über sozialökonomische Betriebe wieder in den Kreislauf gebracht. Das ist gut für die Umwelt, qualifiziert Arbeitskräfte in einem neuen Berufsfeld, hat ökonomische Vorteile und sieht eben auch richtig lässig aus.
Es ist ein konzeptuell starkes Gebäude, das man nicht unbedingt verstehen muss, um eindrucksvolle Raumerlebnisse zu haben. Ähnlich verhält es sich ein paar Meter weiter, mit dem neugestalteten Bozner Platz. Auch hier war ein Wiener Büro, EGKK Landschaftsarchitektur, erfolgreich – mit einem präzisen, im Vergleich zu vielen Mitbewerbern unscheinbaren Konzept. Der Brunnen in der Platzmitte mit dem Standbild Herzog Rudolfs IV., „der Stifter“, wurde anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Vereinigung Tirols mit Österreich 1863 initiiert. Entworfen hat ihn der Wiener Dombaumeister Friedrich von Schmidt, die Bronzefiguren schuf der Imster Bildhauer Johann Grissemann. Seinen heutigen Namen erhielt der Platz 1923 in Erinnerung an die Abtrennung Südtirols 1919.
21 Lederhülsenbäume
Während manche Wettbewerbsteilnehmer waghalsige Architekturen vorschlugen, griffen Martin Enzinger und Clemens Kolar die Gartenlandschaft auf, die sich vor der Bebauung des politisch symbolträchtigen, zuletzt aber vor allem verkehrsumspülten Platzes hier befand. Um den Brunnen setzten sie auf einer wassergebundenen Fläche ein Geviert aus 21 Lederhülsenbäumen, die zusammen mit Baumreihen an den Platzrändern eine „Baumhalle“ bilden. Sie beschattet sowohl das Platzzentrum als auch die Verkehrsflächen, bildet aber dank ihrer Blattstruktur kein komplett dichtes Baumkronendach aus. An die zur Mitte orientierten Langbänke wurden nach außen Staudenbeete angedockt. Damit wurde ein Wunsch der Politik nach mehr Grün in Bodennähe erfüllt, wie man das in Wien gesehen hatte. So wird das Zentrum des Platzes noch akzentuierter gefasst. Im Flechtverband verlegter Waldviertler Granit unterschiedlicher Färbung und Pflastergröße bildet unaufgeregt Zonierungen auf dem in eine Ebene gebrachten und entschleunigten Platz.
Beide Male sind aus Transiträumen urbane Orte geworden, an denen schon Vorhandenes durch die Neugestaltung zum Strahlen gebracht wurde.