Artikel

    Was die Website nicht kann
    Spectrum

    Welche Funktion erfüllen Architektenmonografien in Zeiten, da jedes Architekturbüro einen eigenen Internetauftritt betreibt? Ein Blick auf drei sehr unterschiedliche Architektenmonografien – und ein Plädoyer für das Buch.

    29. Dezember 2017 - Franziska Leeb

    Ein Architekturbüro, das auf sich hält, leistet sich ein eigenes Buch. Ob als Akquise-Instrument, zur Selbstreflexion oder aus dem Bedürfnis, sich mitzuteilen – sie wertedie unterschiedlichen Gründe nicht, meint Eva Guttmann, die seit 2015 die Verlagsrepräsentanz des schweizerischen Architekturverlags Park Books in Österreich innehat. Denn selbst dann, wenn die Motivation schlicht darin läge, neue Märkte zu erschließen, passiere im Zuge der Entstehung des Buches die Reflexion automatisch. Zu finanzieren sind die Monografien generell von den Architekturbüros. Das Risiko für die Verlage ist also gering. Publizieren sie daher alles, was ihnen angetragen wird? „Nein“, betont David Marold vom Birkhäuser Verlag,„wir lehnen durchaus Bücher ab, die unseren Qualitätskriterien nicht entsprechen.“ Die Bearbeitung durch ein unabhängiges Redaktionsteam sei wichtig; nicht gern gesehen ist allzu Eitles, das an der Leserschaft vorbeigeht. Ein Patentrezept für eine erfolgreiche Architektenmonografie gibt es nicht. Wie vielgestaltig Architektenmonografien sein können, sei anhand dreier Beispiele, die2017 erschienen, belegt.

    Opulent und mit einem offensichtlich ausgeprägten Willen, etwas Besonderes vorzulegen, präsentiert sich „Gohm Hiessberger vis-à-vis“, erschienen bei Park Books. Der Titel bezieht sich auf das 25-jährige Zusammenarbeiten von Markus Gohm und Ulf Hiessberger an einem Tisch. Getragen wird das Buch von den großformatigen Fotografien von Markus Gohm. Nur jeweils getrennt von weißen Seiten mit Angaben wie Entstehungsjahr, Ort, Projektname und einem poetischen Zwischentitel zeigen die Bilder 24 Bauten im Gebrauch und zeugen davon, wie sich individuelle Lebensstile und die Wohnkultur der Bewohner entfalten. Die Kuckucksuhr und der geschnitzte heilige Florian im Feuerwehrhaus werden ebenfalls zu Hauptdarstellern wie ein anmutiges Spiel von Licht und Schatten. Wem die Aussage der Bilder nicht reicht – drei für sich stehende Essays sind als kleinformatige Einhefter eingefügt: zu Beginn „Minima Tabernacula“ von Michael Köhlmeier über das Wesen des Hauses und des Hausens, am Ende des Fotoessays einer von Herausgeberin Marina Hämmerle zu einigen der abgebildeten Bauten; und schließlich ein Essay von Architekturkritiker Otto Kapfinger, der sich mit der „Fotografie als Kardiogramm von Baukunst“ befasst. Ein überraschendes Architekturbuch, das vor allem durch die sehr spezifische Bildsprache überzeugt. Will man aber rasche Informationen, muss man sie sich mitviel Blättern und Suchen erarbeiten – oder ins Internet gehen.

    Ganz anders verhält es sich bei „Diagonale Strategien – Berger + Parkkinen Architekten“, erschienen bei Birkhäuser. Das seit 1995 entstandene Werk des Architektenpaars Alfred Berger und Tiina Parkkinnen ist relevanter, als es der schmale und an Gewicht leichte Band vorgibt. Hier stehen die Texte im Vordergrund, insbesondere der titelgebende Essay des Architekten und Theoretikers Francisco Barrachina Pastor, der Entwurfsstrategien der Protagonisten darlegt und ausgewählte Bauten rezensiert und kontextualisiert. Bilder der besprochenen Bauten – darunter die Nordischen Botschaften in Berlin (1999), die Fachhochschule Hagenberg (2005), der Holzwohnbau in der Seestadt Aspern (2015, mit Querkraft Architekten) oder das in Bau befindliche Paracelsusbad in Salzburg – begleiten den Text. Zum Abschluss gibt ein vom Herausgeber August Sarnitz und dem Künstler Hubert Lobnig geführtes Interview mit den Architekten vertiefenden Einblick in die Arbeitsweise von Berger + Parkkinen und trägt zur Lebendigkeit bei. Es braucht also nicht unbedingt schwere Schmöker, um den Spirit eines Architekturbüros darzustellen. Und es bleibt Spielraum, in Zukunft etwas Üppigeres nachzulegen.

    Im Salzburger Müry Salzmann Verlag erschien mit „Walter Stelzhammer – Vierzig Werkjahre“ eine Architektenmonografie, die im Vergleich zu den heute üblichen, ästhetisch elaborierten Architektenbüchern in ihrer Normalität und ihrem Anspruch auf Vollständigkeit beinahe antiquiert erscheint. Der Schutzumschlag zeigt das eigene Ferienhaus, die von 1982 bis 2000 entstandene Maison Turquoise. Warum die Wahl gerade auf dieses im Selbstbau auf einem extrem steilen Hang ohne Infrastruktur an der türkischen Mittelmeerküste fiel, erschließt sich in der Zusammenschau des gesamten bisherigen Schaffens: Raumbezüge zwischen Innen und Außen, Atrien, Durch- und Ausblicke, abwechslungsreiche Wegführungen sowie generell südliche Stadtbautraditionen finden sich auch in Stelzhammers Wohnhausanlagen und Siedlungskonzepten. Stelzhammer ließ nicht schreiben. Verlegerin Mona Müry hat ihn dazu ermuntert, dies selbst zu tun. Wir haben also eine Architektenmonografie vorliegen, die ungefiltert durch den distanzierten Blick und die Interpretationen eines professionellen Architekturschreibers die Projekte erläutert. Im Vorwort, in dem er von prägenden Persönlichkeiten und Inspirationen erzählt, ist Stelzhammers O-Ton am stärksten zu spüren, während man sich in den sehr sachlich gehaltenen Texten zu den einzelnen Projekten bisweilen mehr Emotion wünschen würde. Gegliedert in die Kapitel Einfamilienhäuser, Bauen im Bestand und Wohnungsneubau laufen im Hauptteil Text, Fotos (Rupert Steiner) und Pläne miteinander ohne große Inszenierung.

    Das Werkverzeichnis leistet einen ausführlichen Überblick über das gesamte bisherige Schaffen: Beginnend mit Studentenarbeiten aus den 1970er-Jahren, werden alle realisierten Bauten sowie Wettbewerbsprojekte und Studien detailreich mit ein bis drei Bildern oder Plänen und kürzeren Texten vorgestellt. Ein lückenloses Publikationsverzeichnis und ein ausführlicher biografischer Teil komplettieren das Buch, das vom Zeitgeist unbeeinflusst ein noch nicht abgeschlossenes Lebenswerk eines verdienstvollen Stadt- und Raumgestalters darlegt. Ohne Zweifel ein Buch von großem Nutzen; keine Website könnte ein Architektenwerk in so geballter Form zugänglich machen.

    Marina Hämmerle (Hrsg.): „Gohm Hiessberger vis-à-vis“ (372 S., geb., € 58; Park Books, Zürich); August Sarnitz (Hrsg.): „Diagonale Strategien – Berger + Parkkinen Architekten“ (144 S., geb., € 29,95; Birkhäuser Verlag, Basel); „Walter Stelzhammer – Vierzig Werkjahre“ (576 S., geb., € 55; Müry Salzmann Verlag, Salzburg).

    teilen auf

    Für den Beitrag verantwortlich: Spectrum

    AnsprechpartnerIn für diese Seite: nextroomoffice[at]nextroom.at