„New Gaza“ – die Fata Morgana der Magnaten
Moderne Wolkenkratzer, ein florierendes Straßenleben, lauter glückliche Menschen. Goldene Trump-Statuen allerorten. Ein fröhlicher Elon Musk jausnet Hummus und steht dabei in einem Regen herniederflatternder Geldscheine – Trumps Vision für Gaza. Die Abrissarbeiten haben schon begonnen.
Am 26. Februar des vergangenen Jahres schickte US-Präsident Donald Trump eine erste Leuchtboje hinaus in das Meer der sozialen Medien. Während der Gaza-Krieg noch in vollem Gange war, postete er auf seiner Plattform Truth Social kommentarlos ein KI-generiertes Video, das eine grelle Vision eines wiederaufgebauten Gazastreifens darstellte. Zu sehen: moderne Wolkenkratzer, ein florierendes Straßenleben, lauter glückliche Menschen. Goldene Trump-Statuen und Statuetten allerorten. Luxusjachten vor der Küste. Ein fröhlicher Elon Musk jausnet Hummus und steht dabei in einem Regen herniederflatternder Geldscheine. Zuletzt sitzt Trump höchstselbst in der Badehose am Swimmingpool, neben ihm Israels Ministerpräsident, Benjamin Netanjahu, beide schlürfen Cocktails. Dazu ein flotter Track mit dem Refrain: „Donald’s coming to set you free, bringing the light for all to see. No more tunnels, no more fear, Trump Gaza is finally here.“
Es sei schwer zu wissen, was man wirklich dazu sagen solle, meinte tags darauf ein ratloser Moderator auf Sky News. Trump, urteilte entrüstet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, verleihe mit dem Kurzvideo „seinen völlig wirren Vorstellungen zur Zukunft des Gazastreifens Nachdruck“. Vor Ort stieß das Video vor allem auf Empörung. Rafahs Bürgermeister, Ahmed al-Soufi, ließ dem US-Präsidenten über internationale Medien ausrichten: „Wenn Herr Trump den Palästinensern einen Ort geben will, um in Würde zu leben und eine Zukunft zu haben, muss er ihnen einen Staat neben Israel geben.“
Werbevideo war eigentlich Satire
Tatsächlich stammte das Video nicht aus dem engeren Dunstkreis Trumps, sondern war eine bereits kurz zuvor von einem Filmemacher veröffentlichte Satire, die Trump kommentarlos und ohne Angabe von Credits übernahm. Ein knappes Jahr später allerdings, vergangene Woche, projizierte Trumps Schwiegersohn Jared Kushner vor der internationalen Wirtschaftswelt in Davos eine verblüffend ähnliche Vision eines wiederaufgebauten Gazastreifens auf die Leinwand des Weltwirtschaftsforums. „Project Sunrise“ heißt der 32-seitige Aufbauplan, der Gaza binnen eines Jahrzehnts in eine hochtechnisierte Metropole samt Luxusresorts, Smart Cities, Datenzentren und Infrastrukturprojekten verwandeln soll. Kostenpunkt geschätzte 112 Milliarden Dollar, bei Beteiligung der USA an einem Fünftel davon. Für den Rest sollen neben privaten Investoren Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudiarabien, die Türkei und Ägypten aufkommen.
Kushner, selbst Sohn eines wegen Steuerhinterziehung sowie illegaler Wahlkampfspenden verurteilten, inhaftierten, von Trump kurzerhand begnadigten Immobilienmilliardärs, zeichnet neben dem US-Sondergesandten für den Nahen Osten Steve Witkoff, ebenfalls Immobilienmogul, hauptverantwortlich für die Präsentation. Vertraulich sei diese, aber nicht geheim, ließ Kushner die Weltöffentlichkeit wissen. Das einzige Medium, das die gesamte Präsentation bereits im Dezember zugeschanzt bekam, war das „Wall Street Journal“ mit seiner Zielgruppe von Menschen aus Wirtschaft, Finanz und Politik.
Project Sunrise scheint allein die Vision mächtiger Immobilienmanager zu sein
Auch bei genauer Studie sind weder beteiligte Architekten noch Städtebauer auszumachen, anders als in Dubai, Doha, Qatar oder Saudiarabien, wo internationale Architektur- und Planungsgrößen wie Zaha Hadid Architects, Foster + Partners, Hopkins Architects, Frank Gehry und so fort engagiert wurden. Project Sunrise scheint allein die Vision mächtiger Immobilienmanager zu sein, man könnte auch von einer Fata Morgana der Superreichen sprechen. Der einzige von Kushner im Zuge seiner Präsentation ad personam genannte Beteiligte ist Yakir Gabay, ein israelisch-zypriotischer Milliardär und Immobilienunternehmer, der als einer der reichsten Israelis gilt. Er arbeite freiwillig und ohne Profitstreben mit, meinte Kushner im Zuge der Präsentation, weil ihm das Projekt eine Herzensangelegenheit sei. Den Zeitrahmen für die gemeinsame Gaza-Vision malte er in optimistischen Farben, denn: „Im Nahen Osten bauen sie Städte wie diese für zwei, drei Millionen Menschen in zwei, drei Jahren.“
Dafür gibt es zwar kein einziges Beispiel, tatsächlich aber werden Großprojekte in der boomenden Region extrem schnell umgesetzt. Noch flinker sind nur die Chinesen. So wurde etwa Downtown Dubai rund um das Paradeprojekt, den Wolkenkratzer Burj Khalifa, innerhalb von nur fünf Jahren hochgezogen, allerdings unter Arbeitsbedingungen, die mehr als fragwürdig sind. Stichwort Dubai: Die Vier-Millionen-Einwohner-Metropole am Persischen Golf ist nicht nur die Stadt mit der weltweit höchsten Anzahl von Wolkenkratzern mit über 300 Metern Höhe, sie ist immer noch Immobilien-Hotspot der Region und sowohl offensichtlich als auch deklariertermaßen das Vorbild für die Gaza-Vision.
Ein vom Krieg zertrümmertes Stück Land
Wie stellen sich Kushner und Co. eine Realisierung des Plans vor? Trumps ebenfalls in Davos präsentiertes „Board of Peace“ thront gewissermaßen als übergeordnete Instanz oder Holding über allem. Für je eine Milliarde Dollar können sich Staaten daran beteiligen, man könnte auch sagen einkaufen. Als Hauptziel wird die Überwachung der Umsetzung des 20-Punkte-Friedensplans genannt. Neben Kushner, Witkoff und US-Außenminister Marco Rubio befinden sich im sogenannten Founding Executive Board auch finanzaffine Größen wie Ajay Banga, Präsident der Weltbankgruppe, und Wall-Street-Milliardär Marc Rowan. Das „Gaza Executive Board“ wiederum ist für die Koordination und Umsetzung vor Ort gedacht. Und über allem thront, lebenslang zum Chairman ernannt, Donald Trump himself.
So weit die vorliegenden Informationen. Letztlich aber geht es um ein vom Krieg zertrümmertes Stück Land, in dem an die 2,2 Millionen Menschen auf gerade einmal 360 Quadratkilometern leben. Von palästinensischer Beteiligung, geschweige denn Mitsprache war bis dato keine Rede. Richard Burdett, einer der profiliertesten Experten für Städtebau und Professor für Urban Studies an der London School of Economics and Political Science, wollte sich der „Presse“ gegenüber nicht im Detail äußern. Er meinte nur so viel: „Den Bildern nach zu urteilen, die ich gesehen habe, ist das Projekt absolut fürchterlich, ein völlig überholtes Konzept, nicht nachhaltig und hässlich.“ Nachsatz: „Es wird niemals zu einem echten Ort für echte Menschen werden.“
Alles drehe sich in diesem Geschäft um die Lage
Kushner betonte in Davos zwar, dass Frieden und Sicherheitsgarantien, Demilitarisierung und stabile Kontrolle als Grundlage für den Start zu betrachten wären, räumte jedoch im selben Atemzug ein: „Wir haben bereits mit dem Entfernen des Schutts und einigen Abrissarbeiten begonnen.“ Donald Trumps Meinung zum Gazastreifen ist hinlänglich bekannt. Er sei „im Herzen ein Immobilienmensch“. Alles drehe sich in diesem Geschäft um die Lage: „Schaut euch dieses wunderschöne Grundstück an – was daraus für so viele Menschen werden könnte.“