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18. Dezember 1999 Der Standard

Die Welt ist überfüllt von schlechtem Design

Designer und Architekt Paolo Piva über die Zukunft des Designs, die Zukunft des Designers und sein neues Arbeitsmittel Computer. Ute Woltron sprach mit ihm.

Standard: Die vergangenen Jahrzehnte haben uns einen Designboom beschert. Wo steht die Disziplin heute?

Paolo Piva: Das Design der 60er-, 70er- und 80er-Jahre war großteils von Architekten beherrscht und dadurch vom Konzept von Form und Funktion. In den 80er-Jahren ist man davon wieder abgekommen. Plötzlich war Design wieder alles. Das hat zu einer gewissen Banalität geführt. Die Zukunft des Designs muß also der Versuch sein, die Disziplin wieder zu präzisieren.

STANDARD: Wie könnte das vor sich gehen?

Paolo Piva: Hilfestellung könnte vor allem die Industrie dabei geben. Die zwei Technologiemotoren sind die Waffenindustrie und die Chemische Industrie. Sehen sie sich die Komplexität eines Stealth-Bombers an. Mit den hier entwickelten neuartigen Materialien wären hochinteressante Wohnkonzepte möglich. Auch die neuen Stoffe, die den Forschungen der Chemischen Industrie entstammen, haben großen Einfluss auf die Wohnkultur gehabt. Letztlich ist Design Verantwortung was Ökologie und Ökonomie der Mittel anbelangt, sobald ein Objekt in großen Auflagen produziert wird. Man kann nicht nur entwerfen um zu entwerfen. Nicht ein Mangel an Design ist das Problem, sondern das Gegenteil. Wir sind von schlechtem Design überschüttet.


Neues Bewusstsein

STANDARD: Was verstehen Sie unter schlechtem Design?

Paolo Piva: Das ist die unendliche Wiederholung derselben Suppe. Das Design der Zukunft muss sich auf die wesentlichen Aufgaben konzentrieren und darf nicht mehr die Wiederholung der Wiederholung sein. Der Beruf braucht ein neues Bewusstsein, einen tieferen Kontakt zu dem, was er tut.

STANDARD Betrifft das ausschließlich Produktdesigner?

Paolo Piva: Dieselbe Gefahr besteht natürlich auch in der Architektur. Ich trenne diese Disziplinen nicht, weil sie beide nach dem selben Mechanismus funktionieren. Natürlich ist Architektur nicht in großer Serie wiederholbar, aber Details sind es leider Gottes doch. Es wär sehr schade, würden sich irgendwann einmal dieselben Städte auf der ganzen Welt ständig wiederholen.

STANDARD: Wie und mit welchem Instrumentarium wird der Designer künftig arbeiten?

In den 90ern wurde das Konzept banalisiert, Design wurde sehr einfach. Es ist heute oft das Proukt eines Renderings, aber nicht das Resultat eines sorgfältigen Entwurfswegs. Der Computer ist Zukunft und Grenze zugleich. Er produziert sehr rasch ein Bild, das sofort befriedigt. Doch diese Sofortbefriedigung birgt die Gefahr der Banalisierung. Es ist etwas anderes, wenn man an ein Produkt durch konsequente Prototypisierung herangeht. Der Computer kann ein guter Freund sein, er kann aber auch ein Feind sein, w eil er eine Beschleunigung verschafft, die nicht immer angebracht ist. Trotzdem ist er natürlich eines der zentralen Mittel der neuen Designer. Doch als Instrument und nicht mehr, sonst laufen wir Gefahr, dass irgendwann einmal alles gleich aussieht.

STANDARD: Das Computerdesign wird so ablesbar wie die Computerarchitektur?

Paolo Piva: Natürlich, man kann sofort sehen, mit welchen Programmen die Entwürfe gemacht sind. Der Mensch wird Sklave seines Werkzeugs? Gute Architektur und gutes Design sind Resultate eines langen, wohldurchdachten Entstehungsprozesses und nicht eines Computerentwurfs oder einer Skizze. Das reicht nicht. Auch eine Stadt muß wachsen. Wenn man ihr diese Möglichkeit nimmt, dann verarmt unsere Umgebung, dann bewegen wir uns nur noch in virtuellen Welten.

STANDARD: Wie wird der Entwerfer mit seinem Arbeitsmittel also künftig umgehen?

Paolo Piva: Das erste Material des Designers ist seine Erfahrung. Je tiefer man in der Analyse geht, desto besser und neuer wird das Produkt. Ich hoffe, dass die Zukunft einer Banalisierung dieses Prozesses entgegensteuert, denn im Design und in der Architektur ist es ein bisschen so wie in der Kunstszene. Da gibt es ein paar Standardmoves, die macht man, und dadurch wird man ein Künstler. Allerdings ist man dadurch keineswegs automatisch ein guter Künster.

STANDARD: Was zeichnet den guten Designer der Zukunft aus?

Paolo Piva: Er hat Respekt vor der Vergangenheit, vor den großen Veränderungen dieses Jahrhunderts, und er hat die Vision einer möglichen positiven Zukunft. Aus diesem riesigen Materialkampf werden die Ideen entstehen.

STANDARD: Welche Aufgabengebiete werden vorrangig sein?

Paolo Piva: Präzise ökologische Denkweise wird Priorität haben. Das ist die zukünftige Entwurfwissenschaft. Gleichzeitig werden Materialien ganz präzise genutzt werden, wie etwa Holz, mit dem man künftig sparsam umgehen wird. Holz ist ein wunderschönes Material, das aber dort eingesetzt werden soll, wo man nicht riesige Mengen braucht. Überhaupt sollte sich das Design der Zukunft auf jene Themen konzentrieren, die für den Menschen wirklich notwendig sind und nicht in Parallelthematiken vertiefen, die viel Energie wegne hmen und nichts geben.

STANDARD: Gibt es ein Design, das Ihren besondern Unwillen erregt?

Paolo Piva: Man sieht es einem Objekt sofort an, ob es gelungen ist, oder nicht. Es ist gelungen, wenn es nicht mehr und nicht weniger vorgibt zu sein, als es ist.

STANDARD: Wie werden dabei Industrie und Designer zusammenarbeiten?

Paolo Piva: Sie müssen eine Symbiose eingehen, sich gegenseitig herausfordern. In dem Moment wo diese Symbiose funktioniert, wo es auch Respekt zwischen den beiden gibt, haben Sie die neue Definition dieses Berufes. Dabei ist dieser gegenseitige Respekt ein ganz wichtiger Faktor.

STANDARD: Ist eine solche Zusammenarbeit aber nicht schon lang der Fall?

Paolo Piva: Wir sind erst auf dem Weg dorthin. Wo es bereits jetzt gelungenes Design gibt, dort existiert auch schon diese Symbiose.

STANDARD: Was hat Design den vergangenen hundert Jahren gebracht?

Paolo Piva: Das vergangene Jahrhundert hat die Definition eines neuen Berufs gebracht, der vielleicht immer präsent war, sich aber in den letzten hundert Jahren zu einer neuen Disziplin entwickelt hat. Heute ist der Designer eine erkennbare Figur. Das hat viele Positivaspekte, doch zugleich hat eine falsche Interpretation dieses Berufes zu Plagiatbildung und unendlich vielen langweiligen Wiederholungen geführt. Unsere Welt ist ein wenig überfüllt mit schlechtem Design, davon müsste man ein bisschen wegnehmen.

STANDARD: Wie zum Beispiel?

Paolo Piva: Nehmen sie die Autoindustrie her. Früher gab es ein paar Automarken mit jeweils ein paar Autotypen. Heute gibt es eine enorme Anzahl verschiedener Unternehmen mit einer noch gewaltigeren Zahl von Typen. Man fragt sich wirklich, wie das weitergehen soll.

STANDARD: Wozu es vor allem dient.

Paolo Piva: Ja, wenn man bedenkt, dass ein alter VW-Käfer eigentlich schöner war als der neue, beginnt man die Notwendigkeit zu hinterfragen, warum man eigentlich einen neuen machen musste. Scheinbar braucht die welt dieses tempo, aber man kann doch nicht nur produzieren um zu produzieren. Man sollte schon vorher wissen, was für welche Menschen, für welche Notwendigkeiten hergestellt werden soll.

STANDARD: Sie meinen also, die Designmenge müsse zurückgehen, die Designqualität sich dafür verbessern?

Paolo Piva: Genau das ist der Kern: Weniger designen, aber dafür präzise. Daraus ergibt sich automatisch Respekt vor Nutzung und Material und man schadest seinem Kosmos nicht.

STANDARD: Sehen Sie ein bestimmtes Feld das besonders des Designers bedarf?

Paolo Piva: Nur ein verschwindender Prozentsatz der Bevölkerung ist überhaupt an Design interessiert. Ich glaube, dass es wichtig wäre, die Konsumenten dazu zu erziehen, zu erkennen, was gut und was schlecht ist. Heute kaufen die Leute schlechte Produkte die von guter Werbung vermarktet werden. Diese Diszipline sollten zusammenarbeiten, denn es ist wichtig, dass die Menschheit in eine Richtung geht, und nicht in tausend.

STANDARD: Wer sollte hier aber als Erzieher auftreten?

Paolo Piva: Die Medien. Die müssen endlich verstehen, dass ihr Publikum nicht aus Dummen besteht. Die Ausstattung der TV-Ambiente ist oft ungeheuer bieder, nur weil man meint, mit extravaganterem Design die Zuseher zu überfordern. Die Medien, Radio, TV, Zeitungen, sie alle sollten die Latte wirklich ein wenig höher legen, damit ein bisschen mehr Kultur aufkommen kann.

12. Juli 1999 Der Standard

Verlorener Sohn. Wiedergewonnen.

Der Wiener Rudolf Schindler war einer der wichtigsten Architekten dieses Jahrhunderts, was sich allerdings nur in den USA manifestieren konnte.

Ausgewandert. Vergessen. Wiederentdeckt: 1914 verließ der damals 26jährige Rudolf Michael Schindler Österreich, um dem neuen Bauen auf der anderen Seite des Ozeans näher zu sein und um als Architekt in Amerika seßhaft zu werden. Als Schindler 1953 in Los Angeles starb, hinterließ er ein reiches Lebenswerk von über 150 gebauten Objekten, bei denen es sich großteils um sorgfältigst maßgeschneiderte Einfamilien- und Apartementhäuser handelt.

Hier in Österreich blieb der Loos-, Wagner-und Frank Lloyd Wright-Schüler eine völlig unbekannte Größe, und das sollte auch bis in die 80er Jahre, dem Jahrzehnt der Entdeckung des ausgewanderten großen Sohnes der Heimat, so bleiben. Mittlerweile wird Schindler auch hierzulande als einem der wichtigsten Vertreter der (amerikanischen) Moderne gehuldigt, was sich unter anderem in einer Vielzahl neuerer Publikationen über den stilprägenden Architekten niederschlägt.

Soeben hat ein weiterer Hommagen-Band das Licht der Buchläden erblickt. Er heißt schlicht R. M. Schindler, erscheint im Verlag Taschen (1999), kostet öS 299,- und rann seinem Autor James Steele flüssig, gut lesbar, kompetent und sehr unterhaltsam aus der Feder. Ein nicht allzu akademisches und gerade deshalb informatives Architekturbuch, das die Objekte dank neuer Aufnahmen in ihrem Momentanzustand präsentiert und auch mit Original-Planmaterial zur Zusatzinformation nicht geizt.

10. Juli 1999 Der Standard

Jugendlicher Klassiker. Endlich übersetzt.

Warum mußten eigentlich zwanzig Jahre verstreichen, bis Rem Koolhaas Delirious New York auf Deutsch erscheinen durfte?

Der Verlag ARCH+ in Aachen bringt nicht nur besonders interessante Architekturzeitschriften auf den Markt, er erfreut seine treue Stammleserschaft auch immer wieder mit architekturpublizistischen Schmankerln, die offenbar sonst weit und breit kein anderer Verlag hervorzubringen vermag. So warfen die Spezialisten etwa vor einiger Zeit eine Sammelmappe mit allen Vorlesungen des Berliners Julius Posener zur unbändigen Freude all jener auf den Markt, die den unnachahmlichen Witz und Esprit und die reiche Fachkenntnis des schrulligen Architekturprofessors zu schätzen wissen.

Nun erreicht uns die freudige Botschaft, daß der Verlag ein weiteres Wohl in die Tat umgesetzt und das wahrscheinlich abartigste und einflußreichste Architekturbuch der vergangenen Jahrzehnte übersetzt hat: 1978 war Delirious New York bei Rizzoli, New York, erstmals erschienen, seinen Autor, einen gewissen Rem Koolhaas, kannte damals kaum jemand. Heute gilt der Holländer als einer der schärfsten und unbarmherzigsten Vordenker der Architekturszene. Der Journalist, der zum Architekten wurde, hat in seinem Buch versucht, dem „Manhattan-Raster“ zu entsprechen. Er meint: „Es ist eine Ansammlung von Blocks, deren Nähe und Nebeneinander ihre jeweiligen Bedeutungen verstärkt.“ Viele Blocks machen eine Stadt, und Delirious New York zeichnet völlig unkonventionell die Geschichte der Metropole anhand ihrer baulichen Entwicklung nach.

Koolhaas nimmt seinen Leser bei der Hand und durchwandelt mit ihm Coney Island genau so wie das Empire State Building. Er vollzieht „Die Besiedlung der Lüfte“, „Die Geschichte des Pools“ und das Leben in Blocks wie dem Waldorf-Astoria nach. Dabei geht es ihm aber eben nicht nur um die Art und Weise, wie Ziegel geschichtet und Stahlträger miteinander verbunden werden, sondern um die Bewohner und Erschaffer der Architekturen, um die komplizierte Biosphäre, in der das Gebilde Stadt sich herauskristallisiert. Sichtbar ist der Haufen, doch die Ameise hat ihn produziert. „Der Manhattanismus“, sagt Koolhaas deshalb, „ist die urbanistische Doktrin, die unversöhnlichen Gegensätze zwischen einander ausschließenden Positionen aufhebt. Um seine Theoreme in der Realität des Rasters Gestalt annehmen zu lassen, bedarf er eines menschlichen Repräsentanten.“

Den findet er etwa in Person des Raymond Hood, der die Vision eines Manhattan als „Stadt der Türme“ erst hegt und dann umsetzt. Der Architekt baut dabei nicht nur in die Höhe, er macht sich auch Gedanken über die Volumina der Blocks und der Straßenräume, also über das größere Ganze, das gute Architekten genau so im Visier haben wie einzelne Räume und andere Kleinigkeiten.

Architektur als Prozeß - das klingt heute unverdienterweise ein bißchen nach Schlagwort, doch der Koolhaassche Ansatz ist zurecht in den Architekturtheoretikerwortschatz eingegangen. Der Holländer, der so glasklar formuliert und so unbarmherzig konstruiert, hat vor wenigen Jahren mit dem Buch S, M, L, XL ein vielbeachtetes Nachfolgewerk publiziert, in dem er -nunmehr erfolgreicher Architekt - konkret auf seine persönliche Arbeit und ihre unterschiedlichen Dimenstionen eingeht. Eine spannende Angelegenheit. Jedoch architekturtheoretisch bei weitem interessanter und auch nach zwei Jahrzehnten erfrischend neu und um vieles saftiger als das übliche Theoretikertrockenfutter ist der Erstling Delirious New York geblieben. Wen der nicht gerade anspruchslose, weil vom literarisch geschulten Koolhaas gehörig gefeilte englische Text abgeworfen hat, der darf sich jetzt per Deutschfassung durch Manhattan und damit auch die Geschichte der bauenden Ameise Mensch geleiten lassen. Delirious New York, Verlag ARCH+, öS 569,-.

10. Juli 1999 Der Standard

Architektur der Zukunft. Nacherzählt.

Der Holländer Hans Ibelings ruft nun die Supermoderne aus

Die Architektur bedarf der Propheten und Theoretiker, und das Schöne an dieser wilden Disziplin ist, daß alle mit ihren freundlichen oder bissigen, besonnenen oder wütenden Theorien immer irgendwie recht haben. Charles Jencks zum Beispiel hat 1977 mit dem Buch The Language of Post-Modern-Architecture als erster die Postmoderne, die wohl populärste - heute allgemein allerdings nicht mehr sonderlich goutierte und deshalb extrem kurzlebige - Architekturströmung der vergangenen Jahrzehnte ausgerufen. Er hat sie damit freilich nicht erfunden, denn auch die Architektur scheint wie Finken- und Affenarten unaufhaltsam nach den Gesetzen der Evolution über alle Grenzen hinweg in ähnlichen, verwandten Ausformungen zu wachsen und zu gedeihen.

Der Holländer Hans Ibelings ist einer dieser Rufer in der Szene der Architektur. In der Publikation Supermodernism. Architecture in the Age of Globalization, erschienen bei NAi Publishers (Netherlands Architecture Institute, Rotterdam, 1998) macht er sich Gedanken über den Einfluß der Globalisierung auf die Weltarchitektur und kommt zu dem Schluß: Obwohl ihr allgemein die Negativtendenz der Gleichmacherei und der unerwünschten allgemeinen Homogenisierung der menschlichen Lebenswelt nachgesagt wird, gerate sie der Architektur eindeutig zum Vorteil und habe - zum Beweis - in den vergangenen Jahren weltweit eine ganz spezielle neutrale Superarchitektur produziert.

Ibelings untermauert seine haarfein herbeiargumentierten Thesen natürlich mit allerhand Beispielen. Er geizt auch nicht mit den Namen der momentan Großen der Branche, doch ordnet er keinen Architekten der von ihm ausgerufenen neuen Strömung direkt unter. Im Gegenteil: Sie alle, ob Rem Koolhaas oder Jean Nouvel, Dominique Perrault oder Herzog & De Meuron, sind individueller Teil des ausgerufenen Supermodernismus-Ganzen und beweisen es durch ihre Unabhängigkeit und ihren jeweiligen Individualismus.

Ibelings Supermodernism ist ein sehr unterhaltsam geschriebenes kleines Buch über die Architektur, die da ist und die Architektur, die da kommen mag. Es hält sich nicht bei belanglosen Formalismen auf, sondern beschreibt das Häuserbauen in seinen gesellschaftlichen Grundfesten. Das wird nicht nur die Fachleute interessieren, und das ist genau der Grund, warum die Propheten und die Theoretiker dieser wilden Disziplin Architektur so wichtig sind

26. Juni 1999 Der Standard

Großstadtkulturflaneur

Ein Buch präsentiert Otto Kapfinger als Redner über Architektur. Er ist dabei erholsam unakademisch.

Otto Kapfinger lebt in Wien und ist vor allem Architekturpublizist, Ausstellungskurator und Mitglied diverser mit Architektur befaßter Gremien. Gelegentlich hält er aber auch Reden und Ansprachen zu gewissen Anlässen, Jubiläen oder Belobigungen von Architekten. Diese verbalen und somit flüchtigen Architekturkritiken wurden nun vom Architektur Zentrum Wien gesammelt und in gebündelter Form auf den Markt gebracht: Das sehr sorgfältig gestaltete Buch „Otto Kapfinger. ausgesprochen. Reden zur Architektur“ ist gerade im Verlag Anton Pustet erschienen und um 290,- Schilling zu haben.

Kapfinger gilt als einer der ersten, die in der Nachfolge Friedrich Achleitners vernünftig und fundiert über Architektur schrieben, und er ist sich der Schwierigkeit der Architekturvermittlung wohl bewußt. So eine Art „Transmissionsriemen“ sei der Architekturkritiker im besten Fall, also einer, der zwischen Architekten, Bauherren und interessierten Laien vermitteln könne.

Um das zu bewerkstelligen, um die Kraft ordentlich zu übertragen, den Funken überspringen zu lassen, bedürfe es einer Sprache fern jeglichen Fachjargons. Und Kapfinger beherrscht die Kunst des einfachen Erklärens gut. Seine Texte - und die hier publizierten Ansprachen - sind zwar beileibe nicht einfach, aber durchwegs wohltuend unakademisch und auch dem Nicht-Fachmann verständlich. Abgehandelt werden etwa Leben und Werk der Zeitgenossen Günther Domenig, Hermann Czech, Wilhelm Holzbauer, Johann Georg Gsteu und der beiden großen alten Damen der österreichischen Architektur, Anna Lülja Praun und Margarete Schütte-Lihotzky.

„Wer war der bessere Architekturkritiker?“ fragt Kapfinger im Zuge des Kapitels „Im Sprachraum - Schreiben über Architektur“, „Siegfried Giedion oder Jacques Tati?“ Und wer wäre der „ideale Schreiber über Architektur?“ „Einer/eine, der/die wohl das ganze Metier gelernt hätte, das Fachidiotentum aber über Bord geworfen, zumindest ins Unbewußte verdrängt hätte und erst von dieser ,tabula rasa' aus wirklich frei wäre, über eine immer wieder nur fachimmanente Sicht hinauszukommen und aus architekturfremden Erfahrungsbereichen ganz andere Fragen, ganz andere Forderungen an die Architektur zu stellen?“

Jacques Tati durchmißt im Film „Playtime“, zu deutsch „Herrliche Zeiten“, jedenfalls die modernen französischen Stahl-Glas-Architekturen wie einer, der über, unter und durch Rohe-Eier-Galerien tappt. Sehr zerbrechlich, sehr gefährlich wirkt die Angelegenheit. „Jedes Ding, jede Architektur ist ein Kriminalroman“, sagt Kapfinger. Aber lesen Sie doch selbst!

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- Ausgesprochen

26. Juni 1999 Der Standard

Der teure Boden unter den Fundamenten

Geld regiert - auch die Welt von Gestern, was Denkmalen nicht eben zum Schutze gereicht

Nein, nein - noch ist nichts passiert: Das hier abgebildete schöne Haus Buchroithner vom großen alten Lois Welzenbacher steht unversehrt in Zell am See. Es ist ein wenig sanierungsbedürftig, ansonsten topfit und soll jetzt verkauft werden.

Noch gehört das Haus, ein vielgerühmtes sogenanntes „Architekturjuwel“, der Post und ist somit, wie übrigens jedes öffentliche Gebäude in Österreich, nach §2 des Denkmalschutzgesetzes vor Unbill abgesichert.

Unversehrte Welzenbacher-Häuser sind rar geworden. In Seenähe gelegene Grundstücke ebenfalls. Was, wenn ein potentieller Käufer weniger die klassische Architektur der Moderne und mehr den Baugrund unter deren Fundamenten im Auge hat? Die umliegenden Grundstücke, so argwöhnen mißtrauische, ihren Welzenbacher eifersüchtig bewachende Zell-am-Seer, wurden in den letzten Jahren bereits von einer Wohnbaugesellschaft aufgekauft. Was der nun noch fehle, um eine ordentliche Siedlung zu errichten, sei das Filetstück mit dem Welzenbacherhaus in der Mitte. Die Wohnbaugesellschaft, der wir natürlich nichts Böses unterstellen wollen, hat sich bereits als einer der Interessenten für die Latifundie bei der Post-Immobilienverwaltung in Linz gemeldet.

Auch das Bundesdenkmalamt hat prompt ein wachsames Auge aufgetan und ein Unter-Schutzstellungsverfahren nach $3 eingeleitet, das den Denkmalschutz auch gewährleisten wird, wenn sich das Haus demnächst in Privatbesitz befinden sollte. Doch was nützt das wirklich, wenn ein finanzkräftiger Immobilienhai auftritt? Gar nichts. Wer das Haus abreißen und durch lukrativeres Investment wie moderne Wohnungen dicht an dicht ersetzen will, der hat die dann fällige Geldstrafe längst einkalkuliert. Das Bundesdenkmalamt würde Anzeige erstatten, die Gerichte würden ihm auch sicher rechtgeben, das Haus wäre trotzdem hin. Der - teure, unbequeme - Schutz von Denkmalen ist nicht allein durch Paragraphen zu bewerkstelligen, die können nur unterstützen. Der Umgang mit wertvoller alter Materie bleibt letztlich eine Frage des Ethos. „Eine Strafe“, sagt Denkmalamt-Generalkoservator Ernst Bacher, „ist immer weniger schmerzlich als der moralische Verlust.“

25. Juni 1999 Der Standard

Wo der Wein daheim ist

Dank blumiger Preise und würziger Nachfrage können sich Weingüter weltweit exquisiteste Architekturen leisten. Eines der beeindruckendsten Beispiele für ein neues Corporate Design eines Weinhauses steht in einem kalifornischen Rebgarten.

Mitten im kalifornischen Napa Valley - bekanntlich weder die kärglichste, noch die ärmste, noch die häßlichste Gegend der Welt - befindet sich ein Gebäude, das in seiner äußeren Erscheinung als wohlgeordneter Haufen bräunlicher Gesteinsbrocken beschrieben werden kann. 100 Meter lang. 25 Meter breit. Neun Meter hoch. Von einem so gut wie unsichtbaren Stahlkäfig adrett in Form gehalten. Ohne Fenster. Nur ebenerdig mit zwei beeindruckenden Ausschnitten in der Form von Panoramapostkarten versehen.

Wir befinden uns nicht vor einem zeitgenössichen Hünengrab oder einer Land-Art-Skulptur, sondern vor der außergewöhnlichen Kelter- und Lagerstätte eines der begehrtesten Weine Kaliforniens, nämlich vor der im Vorjahr fertiggestellten „Dominus Winery“.

Wie einige andere internationale Spitzenwinzer auch entpuppten sich die Dominus-Chefs Christian Moueix und Cherise Chen-Moueix als potente Bauherren, die ihren Weinen nun auch über Design und Architektur das entsprechende Image verpassen. Es muß eben nicht immer die altmodische Traditionsvariante sein: Der Spanier Ricardo Bofill baute für Lafite-Rothschild einen überaus inszenierten Weintempel in Pauillac. Der Italiener Alberto Cecchetto errichtete eine kleine High-Tech-Weinstadt für die italienische Weingenossenschaft Mezza-Corona. Der Spanier José Rafael Moneo plant gerade für die Bodega Chivite in Navarra eine neue Kellerei, und auch Guggenheim-Bilbao-Erbauer Frank O. Gehry, Kanadier mit Büro in Kalifornien, sitzt für die Weinmacher von Herederos de Marqués Riscal gerade am Zeichentisch.

Die französischen Chateaux mit ihren Türmchen und Erkern, als altertümliche Federzeichnungen gerne Markenzeichen auf den Etiketten der edlen Roten aus Bordeaux, bekommen Konkurrenz durch prominente neue Weinarchitekturen wie die Dominus-Steinbox in Kalifornien.

Tief im kühlen Inneren dieses außergewöhnlichen Wein-Schreins ruht und reift das begehrte und selbstverständlich nicht preisschwache Tröpferl in französischen Eichenfässern, und auch die Besitzer des Weingutes selbst stammen aus der guten Alten Welt: Christian Moueix ist Sproß einer der traditionsreichsten französischen Weindynastien. Er hat zwischen den Rebstöcken rund um Chateau Pétrus in Bordeaux laufen gelernt, und dort wächst - schon seit mehreren Jahrhunderten natürlich - einer der legendärsten und teuersten Rotweine der Welt. Ein Flascherl Pétrus kommt auf durchschnittlich 8000 Schilling - allerdings nur für Stammkunden, und andere gibt's praktisch nicht.

Während sich das gute, alte französische Stamm-Chateau in Bordeaux äußerlich hinter der netten, ländlichen Unscheinbarkeit eines altmodischen Provinz-Winzerbetriebs verbirgt, hat der jugendliche Ableger in Kalifornien mit seinem markanten, im krassen Gegensatz zu den benachbarten Neubarock-Weingütern stehenden Architekturprofil binnen kürzester Zeit die Corporate Identity des Betriebs geprägt.


Das Haus verströmt den kühlen, angenehmen Duft der großen, überlegten und hochintelligenten Spitzenarchitektur. Die ist nicht aufdringlich, aber auffällig. Sie gibt sich nicht protzig, aber eindrucksvoll. Sie überrascht und entzückt all jene mit Atmosphären und Details, die sich unvoreingenommen darauf einlassen wollen.

„Wer sind diese Alchemisten, die hier Stein in Spitze verwandelt haben?“ lobhudelte die New York Times anläßlich der Dominus-Eröffnung und bedankte sich schriftlich bei den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron dafür, „high-style European architecture“ nun endlich auch in das Napa Valley exportiert zu haben, wo die Weinbauherren bislang eher dem europäisierenden Pseudoschlößchenstil nachhingen.

Die Steinarchitektur der Baseler Baukünstler macht dabei nicht nur optisch was her. Daß das Konzept der betriebsinternen Logistik entspricht, ist für gute Architektur ohnehin selbstverständlich, daß die großen Stein-Puffermassen das Gebäudeinnere während flirrend heißer Tage und sehr kühler Nächte temperieren, ist ein zusätzliches Zuckerl. Die Architektur macht Dominus nicht nur zur markantesten Winery in ganz Kalifornien, sondern auch zur einzigen, die ohne Klimaanlage auskommt. Und für kräftige PR weit über Branchengrenzen hinaus hat der Bau ohnehin gesorgt. Die Pläne der Kollegen für die Konkurrenz dürfen mit Spannung erwartet werden.

19. Juni 1999 Der Standard

„Aufgewachsen bin ich im Wald“

Helmut Richter ist der Schrat der österreichischen Architektur. Er ist völlig kompromißlos, komplett unberechenbar und stets auf Witterung nach dem Neuen, dem Einfachen und dem Besten. Er ist also genau das, was die Architektur braucht, um vorwärtszukommen.

So wie der Mensch ist, so sind auch seine Taten. Wäre zum Beispiel Helmut Richter eine Fabrik, so würde er mit minimalen Mitteln feinmechanische Instrumente produzieren, auf tausendstel Millimeter genau. Wäre er ein Tier, so würde er als Fregattvogel in den Lüften kreisen, denn der verfügt über das extremste Verhältnis zwischen Körpergewicht und Flügelspannweite von allen Vögeln und bedarf nur ganz weniger Fische, um seine grazile Konstruktion zu nähren. Zum Glück ist Helmut Richter aber Architekt geworden, deshalb macht er Häuser, und die sind stets so außergewöhnlich und von so komplizierter Einfachheit wie er selbst.

Zur Zeit läuft es für Richter, dem als Kompromißlosem der Rest der Welt natürlich nicht hürdenfrei zu Füßen liegt, ganz gut im Architekturrennen: Demnächst erscheint im Birkhäuser Verlag endlich ein Buch - das erste, das umfassend über seine bisherigen Arbeiten informieren wird, und das der bewährt kompetenten Feder des Architekturkritikers Walter Chramosta entstammt. Außerdem geht ein neuer Wohnbau aus Richters Ideenwerkstätte gerade der Vollendung entgegen, und darüberhinaus sind diverse andere schöne Projekte, wie etwa die Erneuerung der Fassade des Neuen Institutsgebäudes der Wiener Uni im Stadium des Ausfeilens begriffen.

Der Architekt, der in Wien lebt und arbeitet, ist eine der kantigsten Persönlichkeiten, die die österreichische Baukünstlerschaft bevölkern. Das schlägt sich nicht nur in den liebenswerten und bizarren Schnurren nieder, die man sich über ihn erzählt, sondern vor allem in dem Beitrag, den er seit Jahren für die Architekturszene leistet. Der setzt sich einerseits aus seiner Lehrtätigkeit an der TU Wien zusammen, wo er die Jungspunde der Branche in die Geheimnisse von Form und Konstruktion einweiht und keineswegs von der Wildheit befreit, die für viele anderen Professoren eine zu schräge Strebe im Persönlichkeitskonstrukt der Studenten ist. Andererseits sind seine Gebäude stets ganz und gar ungewöhnlich, insbesondere was Materialwahl und Konstruktion anbelangt. Was Richter seinen Studenten beizubringen versucht, nämlich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst sparsam und klug umzugehen, setzt er selbst unter großer Anstrengung und Selbstausbeutung mit seinen international vielbeachteten Projekten um, wie dem Lärmschutzhaus in der Brunnerstraße oder der Schule im XIV. Bezirk Wiens.

Dabei schöpft er nicht nur aus dem üblichen Baustoffangebot, sondern schaut sich in den Materialmusterbüchern und auf den Baustellen der Industrie um. Und er nimmt nicht die erprobten statischen Systeme zur Grundlage seiner Häuser, sondern berechnet gemeinsam mit Bauingenieurbüros neue, kühnere und gegebenenfalls preiswertere Varianten.

Kurzum: Helmut Richter ist das Gegenteil des etablierten, ruhigen Gebrauchsarchitekten. Er ist einer derjenigen, denen Architektur nicht Geschäft sondern Mission ist. Davon gibt es in Österreich zwar gar nicht so wenige, doch kaum einer geht der Suche nach dem Neuen, dem Unerprobten, dem Noch-Besseren, Noch-Schlaueren verbissener nach als der schmale, scheue Mann aus Wien.

Gerade eben wird in Favoriten wieder ein Richter-Bau fertiggestellt, zu dem in den kommenden Monaten Scharen von Studenten und Kollegen pilgern werden, weil das so üblich ist, wenn der Richter wieder irgendwo was gebaut hat. Dieses Haus an der südlichen Stadtperipherie veranschaulicht exemplarisch, was Richters Qualitäten ausmacht.

Die „Thermensiedlung Oberlaa“ zwischen Grundäckergasse, Hämmerlegasse und Bahnlende im zehnten Wiener Gemeindebezirk ist einer jener Wohnbauflecken, wie sie die Gemeinde Wien seit geraumer Zeit in Auftrag gibt. Ein Architekt erstellt den städtebaulichen Masterplan der Siedlung. Die einzelnen Wohngebäude werden dann von diversen Architekten geplant und in Zusammenarbeit mit einem Generalunternehmer draufgestellt. Das Ganze hat eine einzige Priorität: Billig, billig, billig muß es sein. Was der Architekt aus den zur Verfügung stehenden Mitteln, sprich den Quadratmeterbaukosten, herausholt, bleibt eigentlich ihm überlassen.

In der Thermensiedlung Oberlaa kann man nun den Unterschied zwischen „preiswert“ und „billig“ im Planquadrat abspazieren. Neben einfallsloser 0-8-15-Ware stehen dort hochanständige, sorgfältig gemachte Bauteile, etwa von Albert Wimmer oder Otto Häuselmayer und als nördlichster Abschluß der 170 Meter lange und 13 Meter breite Richter-Bau. Die Fassade ist wie gewöhnlich ungewöhnlich, nämlich mit Industriestahlblech verkleidet, die Konstruktion ausgefallen: Ein Rückgrat aus fein dimensionierten, mit A-Böcken ausgesteiften Betonteilen erstreckt sich über die gesamte Nordlänge, es dient als Erschließungstrakt und hält das gesamte Gebäude, das ohne diese Konstruktion wie ein Kartenhaus umklappen würde. Der Vorteil: Die Mieter der 67 Wohneinheiten können ihre Grundrisse frei gestalten, da sie nicht von tragenden Mauern verstellt werden. Jedes Appartement verfügt über mindestens eine Loggia oder Terrasse, kann quergelüftet werden und wird durch großzügige Fensterflächen besonnt. Eine ausgezeichnete Planungsleistung für vergleichsweise lächerliche Nettoherstellungskosten von etwa 11.500 Schilling pro Quadratmeter.

Daß einem Architekten, der derart sorgfältig plant und jedes Detail millimetergenau dimensioniert, vom Honorar so gut wie nichts bleibt, steht fest. Wie man solchermaßen überlebt? „Ganz schlecht.“ Und warum man sich das dann überhaupt antut? „Weil es wichtig ist, daß was weitergeht.“

Richter stammt aus dem Ort Ratten in der Steiermark. „Aufgewachsen bin ich im Wald“, sagt er. Dort stand neben Bäumen auch ein Kohlebergwerk samt den dazugehörigen Maschinerien und Werkstätten. Das Industrieklima, wo Gerät und Bau möglichst ökonomisch, möglichst einfach sind, hat ihn geprägt. Wie auch der Zeichenlehrer, der seine Schülern in den 50er Jahren mit Bildern von Le Corbusiers Kirche von Ronchamp fasziniert. „Eigentlich wollte ich dann Künstler werden, hab mich aber nicht getraut und wurde deshalb Architekt.“ Dem Studium in Graz folgen Jahre in Kalifornien und in Paris. Dort wird gerade das Centre Pompidou gebaut, Richter kennt alle Mitarbeiter von Rogers und Piano, wohnt im selben Haus. Zurück in Wien verblüfft er mit Projekten wie dem Haus Königseder, wo er Paraschalen aus dem Industriebau als Dachelemente einsetzt, oder einem Badezimmer, das er komplett mit Nirosta auskleidet. Aus dem Staunen ist man bis heute zum Glück nicht herausgekommen, und was auch immer ihm als nächstes einfällt - es wird kopiert werden und in den allgemeinen Architekturgebrauch eingehen.

5. Juni 1999 Der Standard

Himmelfahrtskommando

Die Flughäfen der 90er sind die High-Tech-Karawansereien der Oberen Hundert Millionen

Nichts ist schicker in der Liga der Vielgereisten und deshalb doppelt Gescheiten, als über die vielen Flughäfen fachzusimpeln, die im Laufe der Jahre Schauplatz ihrer diversen Heldentaten und erlittenen Unbillen, Gepäcksverluste, Fast-Landecrashs und Gerade-Noch-Abflüge waren. Singapur? Das ist doch der mit dem Wasserfall und den Orchideen und dem un-glau-bli-chen Duty Free. JFK? Um Himmels willen, dort landet nur, wer unbedingt muß. Ewige Staus. Die unfreundlichsten Hostessen der Welt. Amsterdam-Schiphol? Baustelle. London-Heathrow? Baustelle. Wien-Schwechat? Baustelle. Und viele Fliesen. Kein Kommentar.

Wer auch weiterhin mitreden will im Club der Vielflieger, der muß sich hurtig wieder in die Lüfte begeben und ein paar mal um den Globus fliegen, denn nichts ist heute so, wie man es vor zehn Jahren kannte. (Sogar die romantische Kiesruckellandebahn im guatemaltekischen Dschungel von Tikal soll längst asphaltiert worden sein.)

Die 90er haben allerorten neue, gigantische Flughäfen geboren, und wo noch vor gar nicht allzu langer Zeit ein paar Terminals ein paar hunderttausend Reisende durchschleusten, bedienen heute ganze Flughafenstadtanlagen Millionen Menschen auf ihrem hektischen Weg vom Da zum Dort. Diese einwohnerlosen aber hochfrequentierten Städte versorgen Touristen, Manager, Weltenbummler mit Supermärkten, Internetanschlüssen, Friseuren, Fußpflegeinstituten, Banken, Businesscenter und allem übrigen, was man so braucht auf seinem Weg durch die Zeitzonen.

Der rasante Ausbau dieser Luftschiffhäfen ist noch lange nicht abgeschlossen, in den Planladen der großen Architekturbüros lagern bereits die Visionen für die Passagierabfertigungsmaschinerien des kommenden Jahrtausends. Denn war die große Architekturaufgabe der 50er und 60er Jahre das internationale Hotel, gehörten die 70er und 80er Büroturm und Einkaufszentrum, so ist der Flughafen das prominenteste Architekturproblem des Jetzt und der nahen Zukunft.

Allein im Vorjahr sperrten bereits die wichtigen Passagierdrehscheiben Charles de Gaulle in Paris, John F. Kennedy in New York und Kuala Lumpur in Malaysien neue Mega-Terminals auf, und noch heuer eröffnen der von Aeroportes de Paris konzipierte neue Flughafen Pudong in Shanghai, sowie der Helsinki-Vantaa-Airport von Pekka Salminen.

Die Architekten Murphy/Jahn bauen bis 2004 den New Bangkok International Airport und bis 2000 das Köln-Bonn-Nord Terminal. Ebenfalls zur Jahrtausendwende soll in San Francisco ein neuer Flughafenabschnitt von SOM eingeweiht werden, und im Jahr 2001 folgen Nicholas Grimshaws Zürich-Airport, der Ichon International Airport in Seoul der Architekten Fentress/Bradburn und der neue Larnaca-Flughafen in Zypern von Aeroportes de Paris nach.

Weiters geplant aber noch nicht in Ausführung sind neue Anlagen für Bilbao von Santiago Calatrava und für Chicago South vom Architektenteam TAMS. Frank O. Gehry soll ebenfalls demnächst sein Flughafenprojekt bekommen, er wurde soeben von der Stadt Venedig mit der Planung einer neuen Anlage betraut.

Auch der Wiener Flughafen bei Schwechat, mit seinen knapp zehn Millionen Passagieren pro Jahr vergleichsweise ein internationaler Knirps, rüstet wieder einmal auf. Die „International Air Transport Association“ prognostiziert ein Ansteigen des Welt-Passagieraufkommens um 5,5 Prozent pro Jahr. 2002 werden rund 573 Millionen Menschen per Flieger unterwegs sein, für Wien bedeutet das eine Verdoppelung der Kapazitäten bis zum Jahr 2015.

Ende Juni entscheidet sich unter dem Juryvorsitz des deutschen Städte- und Raumplaners Kunibert Wachten der Wettbewerb um die künftige städtebauliche Konzeption der Anlage. Sowohl neue Pisten als auch Terminals werden benötigt. Warum dieser Umstand nicht schon längst - beispielsweise schon vor dem jüngst erfolgten Ausbau - berücksichtigt wurde, bleibt ein Rätsel. 30 Milliarden Schilling sollen jedenfalls in den nächsten Jahren locker- und der Flughafen für die Massenanstürme der Zukunft flott gemacht werden. DER STANDARD wird darüber natürlich Genaueres berichten.

Viel Geld kosten sie alle, diese neuen, passagierdurchströmten Niemandslandinseln der Internationalität, diese Nadelöhre im Zierstichkissen Welt, das auf den Routenkarten der Airlinemagazine so anschaulich gemacht wird. Der neue Flughafen in Chicago ist mit der Kleinigkeit von 4,9 Milliarden Dollar veranschlagt, Denver International mit 3,2. Das bisher wohl teuerste und auch eindrucksvollste Flughafenprojekt seit der Pionierepoche der Gebrüder Wright kostete die unvorstellbare Summe von 20 Milliarden Dollar.

Es liegt als kompliziert konstruiertes Gebilde aus Stahl, Glas, Licht und Luft kathedralenartig wenige Meter über der Wasseroberfläche auf der Insel Lantau vor Hong Kong, nennt sich Chek Lap Kok und wurde vergangenen Sommer nach den High-Tech-Plänen des britischen Architekturadelsmannes Sir Norman Foster fertiggestellt.

Der neue Hong Kong-Airport ist das erste tatsächlich gebaute Megaprojekt in einer Reihe von Flughafen Visionen, die völlig neue Maßstäbe setzen wird. Bis zum Jahr 2040 soll der riesige, luftige, übersichtliche und nach gefinkeltster Logistik entworfene Flughafenpalast von seiner derzeitigen Kapazität von 35 auf 87 Millionen Passagiere ausgebaut werden.

Ähnlich utopisch hören sich die Pläne an, mit denen Hollands Schiphol auf die Sprünge geholfen werden soll. 380.000 Flieger landen und starten pro Jahr auf Europas viertgrößtem Flughafen nach London Heathrow (60 Millionen Passagiere), Frankfurt Main (43) und Charles de Gaulle, Paris (39). Bis 2010 werden es an die 600.000 sein und dabei eine Menge Lärm verursachen, weshalb man beschlossen hat, die Angelegenheit kurzerhand auf ein 30 Quadratkilometer großes künstliches Eiland 15 Kilometer vor der Küste zu verpflanzen. Hochgeschwindigkeitszüge in einem Untersee-Tunnel könnten die beiden Flughäfen miteinander verbinden.

Flughafenprojekte sind nicht nur Angelegenheiten nationalen Stolzes und architektonische Visitenkarten des jeweiligen Landes. Sie haben sich, so sie intelligent gemanagt sind, auch zu profitablen Multi-Unternehmungen entwickelt. Schiphol etwa erwirtschaftete im Vorjahr einen Gewinn von etwa 1,8 Milliarden Schilling. Dieser Umstand, der Konkurrenzkampf der Flugdrehscheiben untereinander und die immer höheren Ansprüche der Gäste kommen der neuen, verschwenderischen Flughafenarchitektur zu Gute. Es zahlt sich also aus, auch nach einem gerade überstandenen Transatlantikflug mit weit offenen Augen auf sein Gepäck zu warten. Egal, was man bisher nicht schon alles gesehen hat, auf den Reisen durch die große weite Welt.

29. Mai 1999 Der Standard

Der computergenerierte Wal hat einen Auspuff

Wie wird der Rechner die gebaute Umwelt künftig beeinflussen? Der Schritt von der Cyber- Architektur zum tatsächlich gebauten Projekt. Architektur und Computer, 2. Teil.

Heute sind in der Architektur nicht mehr Dinge wie Blickwinkel, Fassaden, Perspektiven interessant", meint der steirische Computer- und Architekturavantgardist Manfred Wolff-Plottegg, „sondern Lebensprozesse.“ Die Gewohnheit, Architektur bis zu einem gewissen Grad als Bild, als optische Erscheinung in der Landschaft, als ästhetisches Gebilde wahrzunehmen und zu beurteilen, beginnt sich aufzulösen.

Unterstützt wird die Entwicklung dieser neuen Architektur vom Computer, wie das ALBUM bereits vergangene Woche in Teil Eins der zweiteiligen Serie über den Einfluß der smarten Rechenmaschine in der Architektur ausführlich berichtete. Ein Gebäude ist so wenig Bild, wie der Computer Bildmaschine ist, weshalb die Hochzeit der beiden eine bis dato unbekannte und unmögliche neue Welt generiert, die die gebaute Umwelt der Zukunft nachhaltig beeinflussen wird.

In der Vergangenheit hat die Blechkiste schon wesentlich dazu beigetragen, als dienendes Element Entwurfsprozesse zu erleichtern. Sie half bei der Berechnung von Kräfteverläufen in Stützen und Trägern und bei der daraus folgenden Optimierung des Materialeinsatzes. Sie speicherte zweidimensionale Pläne, Schnitte, Ansichten und berechnete und zeichnete daraus die entsprechenden dreidimensionalen Abbildungen, um die entworfene Architektur via Bildschirm und Mausklick räumlich durchwandel- und in ihren Dimensionen gewissermaßen erfahrbar zu machen.

Geometrisch so komplizierte Konstruktionen wie etwa Frank O. Gehrys krummflächiges und titanbeschupptes Guggenheim-Museum für Bilbao wären ohne Computerberechnungen gar nicht realisierbar, und einige wenige Prototypen extrem technologisierter Häuser, etwa in Holland oder in Japan, zeigen, daß der Computer, als architektonisches Element eingesetzt, seine Bewohner bis in die privatesten Sphären betreuen könnte. Fernseher drehen sich per Fingerschnalzen auf, Blutdrucke werden automatisch nach dem Erwachen gemessen, Urinproben unaufgefordert analysiert, zur Neige gehende Kaffeevorräte per Internet automatisch nachbestellt. Die Zukunft wird uns mindestens so irre vorkommen, wie die Gegenwart unsere Ururgroßväter deuchte, wären sie noch am Leben.

Der nächste Schritt, nämlich der in Richtung Computerkreativität, scheint allerdings groß und weit entfernt, doch er erfolgt sogleich, wenn die Maschine nicht nur die von Menschenhand skizzierte Form analysiert und anschließend modifiziert wieder ausspeit, sondern wenn sie gleich selbst in einer Art Kreativprozeß Räume und Gebilde hervorbringt. Dazu wird sie mit den verschiedensten Parametern gefüttert und ersinnt darauf hin die entsprechende optimale Form.

Der Städtebau etwa, so Plottegg, sei längst nicht mehr durch Bilder und Ansichten beherrschbar, sondern allein durch die Erkenntnis der verschiedensten im Stadtgebilde ablaufenden Prozesse und das sinnvolle architektonische Entsprechen darauf. Die Resultate der Experimente computerisierter Stadtforscher dürfen mit Spannung erwartet werden.

Jede avantgardistische Szene hat sich seit ehedem dadurch ausgezeichnet, Branchengrenzen überschreitend zu denken. Eine der großen Leistungen des Computers ist es, je nach Programmierung und Datenfütterung komplizierteste Vernetzungen herstellen zu können, und diese segensreiche Eigenschaft machen sich die Architekturavantgardisten zunutze.

Eine der ersten computergenerierten Architekturen stellten die holländischen „Nox Architekten“ alias Lars Spuybroek vor zwei Jahren in Form des „Blow Out Toilet Block“ neben den in der Vorwoche bereits erwähnten „Freshwater Pavilion“ an den Sandstrand von Neeltje Jans. Die Angelegenheit sieht aus wie ein herausgeschnittenes Teilstück eines schwärzlichen, angeschwappten Wals und beinhaltet, wie der Name schon verrät, Toilettenanlagen. „Dieses Gebäude“, so der Architekt über seine experimentelle Erleichterungsanstalt, "hält das dynamische Gleichgewicht zwischen internen Drücken („ich muß mal“) und großen externen Kräften." Das computergenerierte Strandhaus entstand nach den Erkenntnissen der Strömungslehre und den am Standort vorherrschenden Windbedingungen erst einmal im Computerlabor, dann wahrhaftig in Stahl und Beton und wird aufgrund seiner Form beständig optimal von frischen Seelüften durchspült. Diese treten am „Grill“ auf der den Herren gewidmeten Seite ohne maschinelles Zutun ein, um aus dem „Abgasrohr“ der Damenhälfte automatisch wieder zu entfahren.

Ein nicht weniger drängendes Problem versuchen die Amerikaner Lise-Anne Couture und Hani Rashid, alias „Asymptote“ zu bewältigen: Sie erarbeiten für den New York Stock Exchange eine völlig neuartige Darstellung der Stock-Daten mit Hilfe der Architektur. Was heute noch in abstrakten, an Wandschirmen dahinlaufenden Zahlenkolonnen nur für Insider Aktiengewinn oder Verlust anzeigt, könnte bald als „Virtual Environment“ die verschiedensten Datenströme zusammenfassen, analysieren und optisch aufbereiten. Das Resultat: Ein Raum, in dem auf einen Blick und ohne Zahlenübersetzung anhand der sich stets ändernden architektonischen Beschaffenheit ablesbar ist, ob etwa der Dow-Jones steigt oder fällt.

Der holländische Kollege Ben van Berkel speiste wiederum für seinen „Quick Times Pavilion“ diverse Parameter und Vorgaben in den Computer ein und sah zu, was dabei herauskommt, wenn die Maschine ohne gesetzte Prioritäten alle vorgegebenen Bedingungen als ebenbürtig wichtig in ihre Berechnungen einbezieht. Das Ergebnis ist eine seltsam fließende, amorphe Angelegenheit, ohne Ecken und Kanten, ein unendlicher Raum, ähnlich jenem, den sich Friedrich Kiesler schon seinerzeit ganz ohne Rechenmaschine ausgedacht hat.

Ohne Computer entwickelten auch die Dekonstruktivisten vor nicht allzu langer Zeit ihre ersten architektonischen Würfe. Sie dürfen sich zugute halten, einen krassen Paradigmenwechsel in der Architektur, eine Befreiung der Form und des Architekturdenkens herbeigeführt zu haben. Diese Entwicklung, die immer wieder totgesagt wird, obwohl in allen Weltgegenden die Gegenbeweise der Reihe nach aus Fundamenten in die Höhe wachsen, wird sich mit Hilfe der Computer fortsetzen. Es wird ein spannendes nächstes Architekturjahrtausend.


Weitere Links und Winks zum Thema Architektur und Computer

Alle hier aufgelisteten Websites sind unter http://derstandard.at/supplements/album/arch.htm abrufbar.

Interfacing Realities Conference

http://www.v2.nl/Organisatie/V2Text/Theory/
GSAP/Columbia University 220 Minute Museum

http://www.arch.columbia.edu/Projects/Studio/Fall98/Rashid/index.html
Blur: an architecture of augmented reality

http://www.arch.columbia.edu/Projects/Studio/Sum98/Rashid/
Informing - Interiorites

http://www.arch.columbia.edu/Projects/Studio/Fall97/Rashid/index.html
Columbia Graduate School of Architecture, Preservation and Planning, New York

http://www.arch.columbia.edu/Lars Spuybroek V2Lab
http://www.v2.nl/
Lars Spuybroek at Archilab 99

http://www.frac-centre.asso.fr/archilab/artistes/noxa01en.htm
Freshwaterpavillon

http://www.archis.org/archisarte1997/archisart9709ENG.html
Softsite

http://www.v2.nl/DEAF/96/nodes/NOX/
Kas Oosterhuis oosterhuisassociates

http://www.oosterhuis.nl/
Kas Oosterhuis at Archilab 99

http://www.frac-centre.asso.fr/archilab/artistes/oost01en.htm
Saltwaterpavillon

http://www.archis.org/archisarte1997/archisart9709ENG.html
TU Darmstadt SHARE.WORLD

http://www.shareworld.de
CAD in der Architektur

http://www.cad.architektur.tu-darmstadt.de
archi

http://www.tu-darmstadt.de/fb/arch/
Ars Electronica - Futurelab

Telezone http://www.telezone.at
Ars Electronica Center

http://www.aec.at/
Futurelab

http://www.aec.at/futurelab/index.html
MVRDV

http://www.archined.nl/mvrdv/mvrdv.html
Ken Sakamura

http://tronweb.super-nova.co.jp/15th-tron-symp.html

22. Mai 1999 Der Standard

Wo wohnt Lara Croft?

Am Anfang war die Höhle. Zwischendurch erfanden die Römer Zement und Beton. Jetzt revolutioniert der Computer die Architektur. Auf in ein neues, irres Jahrtausend! 1. Teil

Irgendwo im Verborgenen, in den Wohnzimmern verschlafener Vorstädte, in unbeachteten Architekturateliers, in Grafikstudios, in Studentenbuden und Uni-Kämmerchen, hat sich die Architektur in den vergangenen Jahren gesammelt, geballt und zum Sprung in ein neues Zeitalter angesetzt.

Nach vielen Jahrzehnten des Ziegelübereinanderschichtens, Betongießens und Stahlbauens - in zwar unterschiedlichen Moden, aber in ewig gleicher Machart - reformiert sich die Branche jetzt von Grund auf. Die Architektur, die große, spannende Kunst des Raumschaffens, die so selbstverständliche, doch elementarste Wissenschaft, ohne die der Mensch gar nicht mehr überleben könnte, hat nach langer, langer Zeit wieder einmal völlig Neues ausgebrütet, eine andere, spannende Rasse gezüchtet. Sie wird die herkömmliche Architektur natürlich nicht verdrängen, doch zunehmend beeinflussen, und damit hat sie bereits begonnen.

Das Entwurfswerkzeug dieser neuen Architektur ist nicht mehr das zweidimensionale Zeichenpapier, sondern der Computer - eine dreidimensionale, autistische, störrische Maschine. Sie wurde in besagten verborgenen Hinterkämmerchen von Architekturavantgardisten so lange getreten, gefüttert, verdroschen, gestreichelt und zugeritten, bis sie schließlich turnier- und performancereif war.

Dieser Trainingsprozeß ging von der Außenwelt weitgehend unbemerkt vonstatten, doch nun ist der Sprung in die breitere Öffentlichkeit erfolgt. Erste computergenerierte Gebäude wurden (etwa von Nox-Architekten in Form des „Wasser-Pavillions“ in Holland) tatsächlich errichtet, eine Vielzahl virtueller Entwürfe in den vernetzten Blechbüchsen entworfen, und eine ganze Riege dieser Computer-Architekten reist pausenlos wie ein Wanderzirkus rund um die Welt, um ihre bunten, seltsamen Kreaturen, noch eingesperrt im Computerkäfig, zu präsentieren.

Dieser Tage macht der Troß in der Bundeshauptstadt Halt und kehrt für kurze Zeit im Wiener Museumsquartier ein, wo er eintrittsfrei von jedermann bestaunt werden kann. Unter dem Titel „Synworld. playwork : hyperspace“ finden dort von 27. bis 31. Mai eine Ausstellung sowie ein Symposium (29. Mai, 14-20 Uhr, Depot im Museumsquartier) statt, die neueste Trends, Entwicklungen, Standpunkte in Sachen virtuelle Welten und deren Anwendung zum Inhalt haben. Die Organisation übernahmen das Wiener Institut für Neue Kulturtechnologien/Public Netbase mit seinen Kuratoren Marie Ringler und Konrad Becker und das Architektur Zentrum Wien mit Kurt Zweifel und Katharina Ritter.

Die Veranstaltung tut genau das, was der Computer so gut kann, nämlich die verschiedensten Diszipline wie Kunst, Forschung, Industrie, Wirtschaft, Spiel und Spaß miteinander zu einem neuen Ganzen zu vernetzen. Die Architektur umfaßt dabei nur einen Teil der Ausstellung und spielt sich für die Besucher hauptsächlich über Projektionen und Bildschirme ab. Sie haben die Möglichkeit, die 3D-Welten hinter Glas selbst abzurufen und zu erforschen. Wer sich eingehender in die Materie vertiefen will, kann anstelle eines Katalogs eine Synworld-CD-Rom mit einer Fülle von Infos, Web-Adressen und Querbezügen mit nach Hause nehmen und diverse Architekturen auch via Internet betreten.

Im Museumsquartier selbst sind die „Cyberarchitekturen“ der Amerikaner Asymptote, Karl S. Chu und Greg Lynn und der Niederländer Kas Oosterhuis und NOX/Lars Spuybroek, sowie die Architekturlabors diverser Universitäten per Schirm zu bereisen. Ein Österreich-Beitrag kommt vom Futurelab der Ars Electronica.

Auch hierzulande versteht es eine Handvoll Architekten auf der Computer-Architektur in eine neue Bau-Zukunft zu dschundern. Der Wiener Rainer Pirker etwa „experimentiert, soweit es die Zeit erlaubt“ neben seiner „normalen“ Architektentätigkeit mit dem Computer und entwirft beispielsweise Baukörper auf baumbestandenen Grundstücken, indem er per Computer die Gewächse als Hindernisse definiert und Strömungsstrukturen entstehen läßt.

Ein anderer Computeravantgardist ist der in Graz ansässige Manfred Wolff-Plottegg, nach eigener Bezeichnung eine Hausgeburt der Steiermark, nach Fremdinformationen über die Jahre vom Pixel-Spezialisten zum CPU-Profi gereift. Er malträtierte seinerzeit bereits erste rechenschwache Amiga-Computer, heute konstruiert er gemeinsam mit dem Grazer Informatik-Professor Wolfgang Maass den Prototyp des „Neuronalen Architekturprozessors“. Der generiert mittels Hirnsignalen und CAD-Programmbefehlen Architekturkörper, doch näheres dazu im August, wenn sich die von Plottegg mitkuratierte Ausstellung „Zeichenbau“ im Wiener Künstlerhaus auch mit Internetarchitektur befaßt. Und noch ein Event zum Thema und zum Beweis für das Coming-Out der Computerentwerfer: Das MAK läßt sich von einer Reihe internationaler Architekten und Künstler gerade Architekturmanifeste erarbeiten und wird diese digital und zeitgleich von 2. bis 11. Juni in Wien und Los Angeles präsentieren.

Architektur und Computer können auf zwei Ebenen miteinander kommunizieren. Die fadere und gebräuchlichere davon ist jene, auf der bereits entworfene Gebilde mittels der enormen Rechenleistung der Maschinen fesch und per Mausklick durchwandelbar dreidimensional und bunt dargestellt werden. Doch davon ist hier gar nicht die Rede. „Die Architektur“, so Plottegg, „ist so wenig Bild, wie der Computer Bildmaschine ist. Er berechnet und steuert vielmehr Prozesse, deswegen sollte man ihn auch nicht zum Abbilden sondern zur Prozeßsteuerung verwenden.“ Welche Gebilde und Systeme entstehen, wenn etwa Stadtplanung, Gebäudeentwicklung und Raumkonzepte per Rechner gesteuert und entwickelt werden, was tatsächlich gebaut wurde und welche Möglichkeiten sich auftun, lesen Sie nächsten Samstag im zweiten Teil der Serie.

21. Mai 1999 Der Standard

Büro Büro

Wie Architekten die Arbeitswelt der Zukunft sehen

Ob Großraumbüro, Zellenbüro oder Kombibüro - schenkt man einer dreiköpfigen Architektendelegation Glauben, die vergangene Woche im Architektur Zentrum Wien über die Zukunft der Arbeitswelt referierte, dann werden alle diese Büroformen gleichzeitig und in Mischformen in Zukunft Gültigkeit haben.

Zu Gast in Wien waren der Hamburger Großarchitekt Meinhard von Gerkan, Nathalie de Vries sowie der Innsbrucker Christoph M. Achammer. Die drei erläuterten einen Abend lang ihre Ansichten und Berufserfahrungen in Sachen Büro. Gerkan, schon seit Jahrzehnten als Bürobauer tätig und von traditionalistischer Gesinnung, schwört trotz aller arbeitsphilosophischer Veränderungen auch zur Jahrtausendwende immer noch auf das Büro in Zellenform, da erwiesenermaßen 80 Prozent aller neugebauten Geschäftshäuser auf diese konventionelle Form zurückgreifen. Wenn Auftraggeber Zellen verlangten, so der Deutsche, so sollten sie halt auch Zellen bekommen.

De Vries zeigte anhand einer von MVRDV gebauten Rundfunkanstalt vor, wie im Gegensatz dazu eine Bürostruktur durch fließende Räume, Info-Zellen und Kommunikationszonen strukturiert werden kann. Mit dieser „Arbeitslandschaft“, in der jeder je nach Tätigkeit und Laune die ihm gemäße Zone aufsuchen oder wieder verlassen kann, erbrachte das junge holländische Team den Beweis, daß eine überlegte Mischung aus Großraum und Zelle die Arbeitslaune durchaus heben kann. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht, schon Le Corbusier hat vor 35 Jahren mit der Straßburger Kongreßhalle einen kontinuierlichen Innenraum geplant, der all diesen Anforderungen entsprach.

Achammer schließlich verglich Arbeit und Arbeitsraum mit einem Theaterstück und der dazugehörigen Bühne: Bis vor kurzem habe man versucht, durch die Bühne - also das Büro - das Stück - also die Arbeit - zu verändern. Heute weiß man, daß es genau umgekehrt ist: Die Arbeitsweise formt ihre Umgebung.

Vor allem Auftraggeber neuer Bürogebäude werden umdenken und künftig die Vorgaben flexibler halten müssen, damit vernünftige Architekten nach genauer Recherche der Arbeitsabläufe die entsprechenden Formen und Strukturen werden finden können. Ein kluges Haus spart Geld - etwa durch gekürzte Verkehrswege und bessere Kommunikation -, und es hebt die Moral. Wer sich wohlfühlt, wer sich frei bewegen kann, der ist guter Laune und deshalb auch produktiver als ein in Zellen gesperrter Kümmerling.

19. Mai 1999 Der Standard

Karlsplatz soll „Karlspark“ werden

Das Architektenduo Jabornegg/Palffy wird den Wiener Karlsplatz neu gestalten

Der Entwurf der Wiener Architekten Christian Jabornegg und András Palffy beeindruckte die Jury vor allem durch knappe, aber wirkungsvolle städtebauliche Maßnahmen. Gestern präsentierte Künstlerhauspräsident Manfred Nehrer das Siegerprojekt im Wettbewerb um die Neugestaltung des Karlsplatzes zwischen Musikverein, Künstlerhaus und Handelsakademie.

Die Zone wird zum einheitlichen, großzügigen Stadtplatz rückgeführt, der in einer durchgehenden Fläche gänzlich ohne störende Einbauten, Straßenbahngeleise und Gestrüpp auskommen darf.

Die Bundesstraße, die den Karlsplatz von dieser Zone abschneidet, wird im bereits erfolgten Einverständnis mit den Verkehrsplanern auf zwei Spuren rückgebaut. Die dritte Fahrbahn soll Künstlerhaus und Musikverein - verkehrsberuhigt - bedienen und mittels einer Mauer vom Schnellverkehr getrennt werden.

Fußgängern bleibt in Richtung Karlskirche und Historisches Museum die bestehende Unterführung, die über eine Stiege und eine Rampe neu erschlossen und durch einen gemeinsam mit Heimo Zobernig entworfenen Glaskörper überdacht wird. Ein Zebrastreifen soll dazukommen und in einen Bildhauergarten münden, den Zobernig mit Solarbänken vom restlichen Platz abgrenzt.

Unterirdisch brachten die Architekten vier geräumige Veranstaltungshallen von insgesamt etwa 2000 Quadratmetern unter, die teils völlig ohne Tageslicht auskommen, ganz im Sinne der Ausstellungsmacher. Nehrer: „Naturlicht ist heutzutage in Ausstellungen, vor allem wenn es um Neue Medien geht, ohnehin eher unerwünscht.“ Der Künstlerhaus-Chef hat den Wettbewerb im Herbst initiiert, als ruchbar wurde, daß der gesamte Bereich wegen U-Bahn-Bauarbeiten aufgegraben würde. Er klärt nun bereits die Nutzungsrechte der verschiedenen Grundstückszonen, „die Vertreter der Stadt stehen voll hinter dem Projekt.“

Die Errichtungskosten stehen noch nicht fest, trotzdem wird bereits mit Sponsoren verhandelt. Er hofft, daß das Beispiel Schule machen, der gesamte Karlsplatz einer Neuordnung unterzogen und letztlich zum Karlspark reifen würde. So gäbe es bereits diverse Verkehrskonzepte, sowie den Vorschlag, den alten Schwanzer-Expo-Pavillion, das sogenannte 20er Haus, dauerhaft auf den Karlsplatz zu übersiedeln.

15. Mai 1999 Der Standard

Gib und nimm und werd' selig

Preisgekrönte Architektur. Ausgezeichnete Architekten. Aber welcher Architekturpreis zählt wirklich was?

Architekten sind skeptisch, was die Bedeutung des Satzes „Geben ist seliger denn nehmen“ anbelangt, denn sie selbst geben viel und nehmen verhältnismäßig wenig, und selig sind sie dabei nur ganz selten. Entgegen der landläufigen Meinung, die die Bauenden stets in güldenen Badewannen oder noblen Hobeln argwöhnt, verdient sich der gewissenhafte Architekt sein Brot sehr schwer.

Wer auf Spitzenqualität baut und entsprechend sorgfältig plant, bekommt diesen Einsatz fast nie wirklich in barer Münze rückvergütet, und viele Uneingeweihte würden staunen, welch klingende Namen der internationalen Architekturbranche in den geheimen Listen der Kreditschutzvereine als bedenkliche Schuldner mit schwarzen Punkten und warnenden Rufzeichen bedacht sind.

Wie gut, daß es wenigstens Preise gibt. So eine Auszeichnung ist die öffentliche Anerkennung für unter Entbehrung Geleistetes, sie ist Balsam auf die Wunden, die außergewöhnliche Projekte in die Seelen und Kontostände wackerer Qualitätsarchitekten schlagen.

In Sachen Architektur und Architekturpreise ist neuerdings ein eigenartiger Trend zu beobachten: Je weniger die gläubigen Unternehmer im herrlich Freien Markt der EU gewillt sind, für gut Gebautes auch zu zahlen, je schlechter sich also die Bedingungen für Qualitätsarchitektur gestalten, desto mehr Auszeichnungen werden für Paradegebäude verliehen. Allein in Österreich gibt es 34 Architekturpreise, die in verschiedenen Abständen an Architekten, Bauherren oder Projekte gehen.

Fast scheint es eine Art unausgesprochenen Artenschutzabkommens für die Gattung des Architekten und seine Produkte zu geben, das zumindest auf Rednertribünen und mittels Medaillen auf die Unverzichtbarkeit dieser schwierigen Arbeit aufmerksam machen soll. Der gewissenhafte Architekt ist ein Kulturnützling, ein Marienkäfer unter Blattläusen, irgendwie muß er ja beschützt werden.

Die österreichische Baukultur steht hoch, die heimischen Bau-Leute liegen gut im Rennen um die internationalen Goldzuckerl, die für außergewöhnliche Leistungen in der Architekturbranche vergeben werden. Erst jüngst wieder trugen zwei Wiener wichtige Belobigungen nach Hause: Der junge Architekt Georg Marterer nahm in Dallas den diesjährigen „Benedictus Award“ entgegen. Sein Kollege Martin Treberspurg wird sich im Juni in Peking den „Sir Robert Matthew-Preis“ abholen.

Jeder einzelne Preis - so ist nachzulesen - will dabei „eine der wichtigsten Architekturauszeichnungen der Welt“ sein. So bedeutend sie alle sein mögen - DER STANDARD hat sich in der heimischen Architektenschaft ein wenig umgehört, welche der zahllosen Würdigungen nun wirklich Gewicht und Bedeutung haben.

Für Helmut Richter etwa wiegen ausschließlich der amerikanische „Pritzker-Preis“ (für das architektonische Lebenswerk) und der „Reynolds Memorial Award“ (für Aluminiumbau) schwer. „Die anderen sind nett“, sagt er, „und man freut sich, wenn man sie kriegt, kommt aber bald drauf, daß sie nicht wichtig sind.“

Hans Hollein ist der ausgezeichnetste Architekt dieses Landes. Hätte er ein Kaminsims, stünden dort zwei Reynolds-Awards und der Pritzker-Preis neben unzähligen anderen. Auch aus seinem Büro hört man, daß die einzig wahre die Pritzker-Ehrung sei, obwohl man alle anderen natürlich auch gern habe.

Günther Domenig macht „Architektur lieber für Menschen und nicht für Preise“, er hält ebenfalls den Pritzker für den Award. „Ehrungspreise öden mich an“, meint er, der unzählige Goldmedaillen „mit bis zu zehn Zentimetern Durchmesser, die nicht einmal echt sind“, hortet. Wichtig wären nur die Preisdotierungen, denn: „Fast alle Architekten haben Schulden und brauchen vor allem Geld.“

Auch Wolf D. Prix, von Coop Himmelb(l)au und soeben mit dem Deutschen Betonpreis bedacht, sieht die Angelegenheit pragmatisch. So ein Pritzker, meint er, sei natürlich in Sachen Ehre und Intellekt das Höchste der Gefühle, doch auch preisgeldträchtige Auszeichnungen wie der 2,4 Millionen öS schwere Carlsberg-Award wären sinnhafte Angelegenheiten.

Wilhelm Holzbauer schließlich hat „keine Beziehung zu Preisen“, weil ihm „eh keiner einen gibt“, was erwiesenermaßen nicht stimmt, denn etwa für die Wiener U-Bahn erhielt er gemeinsam mit den ARGE-Kollegen seinerzeit den prominenten Reynolds-Award. Die Vergabe der heimischen Architekturpreise sei dermaßen von der Besetzung der Jury abhängig, daß er ohnehin nie eine Chance hätte, einen zu bekommen. Fazit: „Wenn man zu viel baut, wird man zum Feind.“

Wie auch immer, die hiesige Architektenschaft ist eine hoch ausgezeichnete. Freuen soll sie sich daran. Und vielleicht werden Auftraggeber irgendwann auch genug geben und nicht nur nehmen, dann ist alles ausgezeichnet.

24. April 1999 Der Standard

Architektur ist nicht ein Haus

Es geht was weiter in den Denklabors der jungen Generation: Ein Kongreß in Orleans brachte die quersten Architekturköpfe der Welt an einem Ort zusammen und besah sich die Zukunft.

Wir steuern auf Großartiges zu", pflegt die 92jährige Architektursibylle Philip Johnson neuerdings zu verkünden. Die ganz jungen Kollegen, tönt das alte amerikanische Lästermaul ungewohnt euphorisch, seien auf dem besten Weg, die Architektur für das kommende Jahrtausend neu zu definieren - radikal und aufregend und ganz anders.

Die Postmoderne mit ihrer gut verdaulichen, historisch vertrauten Architekturformensprache ist längst überwunden, die vielgeschmähte „Stilrichtung“ hat dennoch mitgeholfen, das weite Feld zu düngen, auf dem nun die neuesten Architekturpflanzen und Züchtungen in einem wilden Dickicht nebeneinander gedeihen und althergebrachte Elemente wie Wände, Dächer, Decken abreißen und in völlig anderen Formen und Materialien neu denken.

Welche der frischen Gattungen sich durchsetzen werden, welche überleben dürfen und ob es künftig überhaupt so etwas wie Stile geben wird, das kann nur die Zeit weisen. Doch an diverse Ismen - und das unterscheidet sie von ihren Vorgängern - denken diejenigen, die sie gerade erschaffen, nicht. Die jungen Architekten profitieren vom internationalen Trend des autistischen Egoismus, sie reagieren nicht auf Traditionelles sondern auf Aktuelles, sie tun einfach Neues, und sie brechen so althergebrachte Architekturkonventionen wie die Computer-Whizkids ihrerzeit die Altherrengesetze der Elektronikindustrie umgekrempelt und zu völlig Neuem geführt haben.

Die Architektur antwortet auf die Welt, in der sie entsteht. Warum also sollten Leute, die über zigarettenschachtelgroße Elektronikboxen mit anderen Leuten in Kuala Lumpur kommunizieren, während sie über die Copacabana spazieren, in den selben alten Haus- und Wohnungsformen leben, in denen früher verdrahtete Telefonmonumente aus Bakelit standen? Computer, Internet, Raves, Aids, Teleworking, Hypertext, Herztransplantationen, Genmanipulationen - die Welt verändert sich, und mit ihr verändert sich auch die Architektur.

Dreißig Querdenker im Alter zwischen 30 und 40 Jahren stürmten vergangene Woche untertags die Konferenzsäle und nächtens die Lokale und Bars der kleinen französischen Stadt Orleans, in der romanische Kirchlein, gotische Kathedralen, 60er-Jahre-Wohnblöcke und Stahl-Glas-Architekturen ein friedliches Stadtnebeneinander bilden, und sie diskutierten über dieses neue Wesen der Architektur, über eine neue Definition des Berufsbildes und über die Sinnhaftigkeit der Branche im allgemeinen. Bevor sie wieder abreisten, bauten sie in den fesch maroden Hallen einer alten Militärkaserne eine beachtliche Ausstellung auf, die unter dem Namen „ArchiLab“ noch bis 30. Mai Einblicke in die innovativsten internationalen Architekturbestrebungen gibt.

Organisiert hatte das heuer erstmals stattfindende internationale „ArchiLab“-Get-Together die Stadt Orleans mit dem "Fonds Régional d'Art Contemporain (FRAC). Man wollte aber, so Kurator Frédéric Migayrou, vor allem die Architekten zum konstruktiven Austausch zusammenbringen, die Ausstellung selbst bilde lediglich das Tüpfchen auf dem I. Die Konferenzen waren ausschließlich den Teilnehmern vorbehalten. In den kommenden Wochen werde man die Resultate auswerten, zu Papier bringen und veröffentlichen. DER STANDARD wird dann darüber berichten.

Vorerst steht die großzügige, vielfältige Ausstellung zur Besprechung zur Verfügung, sowie die Eindrücke der Kongreßgeladenen, die ihre Analysen nicht nur auf fachliche Argumentationen, sondern auch auf Beobachtungen bei alltäglichen Handlungen wie Whiskytrinken und Zigarrenrauchen stützen. Japaner wie Hideyuki Yamashita und Makoto Sei Watanabe, so berichten etwa alle anderen Nationalitäten übereinstimmend, hätten offensichtlich im Gegensatz zur restlichen Architektenwelt kaum mit ökonomischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Architektur hat in einem Land, in dem ein Quadratmeter Baugrund so viel kostet wie hierzulande eine Luxusvilla, eben einen anderen Stellenwert und einen anderen Preis.

Die Holländer wie Nox Architekten und Oosterhuis Associates, die derzeit als die wohl innovativste bereits bauende Architekturtruppe von Kritikern in den Architekturolymp geschrieben werden, verweigerten wiederum die gemeinsamen abendlichen Barbesuche, sprachen über nichts anderes als über ihre Architekturen und waren deshalb allgemein bald als humorlose Fachmieselsüchtler verschrieen.

Auch Arbeitsweise und Zugang variieren zwischen den einzelnen Nationen: In Ländern wie den USA und Holland, wo stinkreiche Privatuniversitäten ihre Studenten an kostbaren Superrechnern experimentieren lassen, entwickelt sich eine Architektenszene, die mit dem Computer umgeht wie Oscar Niemeyer mit dem Zeichenstift, also mit schlafwandlerischer Sicherheit. Während in Japan die Blech-Chip-Maschine allerdings als schlichtes, praktisches Arbeitsinstrument angesehen wird, ist sie den Amerikanern und Holländern Quell der Inspiration. Formationen wie Nox Architekten oder der kalifornische Entwurfsavantgardist Greg Lynn entwerfen ihre Architekturen eher nach Maßgaben des Computers als nach Aufgabenstellungen.

Apropos Formationen: Die meisten der künftigen Baukünstler sind im Gegensatz zu den machthabenden Stars zur Zusammenarbeit fähig: Sie verbünden sich zu Zweier-, Dreier-, Vierergruppen, ein Trend, der übrigens seit ein paar Jahren auch hierzulande greift. Als einzige Österreicher waren Wolfgang Pauzenberger und Michael Hofstätter, alias „Pauhof“, geladen, obwohl sie sich selbst als „zu alt“ und als „untypisch“ erachteten. Sie präsentierten ihre einigermaßen brutalen, unverschnörkelten Entwürfe für das Museumsquartier und den österreichischen Pavillion für die Expo 92 in Sevilla, sowie das realisierte „Haus P“ in Gramastetten.

Wer im übrigen glaubt, daß Österreich in der Architekturavantgarde keine Rolle spielt, der irrt. Auf irgend eine Art und Weise war das heimische Baugeschehen auf jedem dritten ArchiLab-Stand dokumentiert. Asymptote (USA), Van Berkel & Bos (NL) und Reiser + Umemoto (USA) zeigten ihre Wettbewerbsbeiträge für das Grazer Musiktheater, Nasrine Seraji unterrichtet Architektur an der Wiener Hochschule für bildende Kunst, Ben van Berkel, Helena und Hrvoje Njiric an der Technischen Universität Graz. Die Kroaten zeigten außerdem einen Entwurf für einen Baumaxx-Megamarkt in Maribor, Slowenien, der allerdings aufgrund der aktuellen Balkan-Ereignisse noch nicht realisiert wurde.

Tatsächlich Gebautes stand überhaupt im Hintergrund auf der Ausstellung in Orleans - auch das ein Trend der Zeit. Viele Bau-Denker sind bereits bekannt und werden international diskutiert, bevor sie einen Stein über den anderen geschlichtet, eine Membran gespannt, einen Stahlträger aufgerichtet haben. Die avantgardistische Architektur beginnt sich immer stärker über Ausstellungen, Kunstevents und theoretische Abhandlungen zu verkaufen, und es ist ein Trugschluß, zu glauben, nur das tatsächlich Gebaute hätte Geltung. Auch wenn die vielgepriesene neue Schlichtheit gerade ihre wunderschönen glatten Boxen auf Wiesen stellt, an Seeufern verankert und mit Architekturpreisen bedenkt: Die Zukunft schaut gar nicht nur nach Euklid aus.

Tatsächlich regieren schon jetzt, wie Rem Koolhaas zu sagen pflegt, die vielen Wahrheiten der Architektur. Ob Dekonstruktion oder neue Schlichtheit, ob Traditionalismus oder Avantgardismus - (alters)kurzsichtig diejenigen, die im Architekturmatch Sieger oder Verlierer erkennen wollen.

Der alte Johnson war immer schon weiser. Er hat in den 80ern durch seine dicke Brille die Dekonstruktivistenentwürfe gesehen, die sich heute allerorten dreidimensional und für heftige, gesunde, ordentliche Architekturdiskussionen sorgend aus den Erdböden schrauben. Bekannt wurden sie allerdings als Entwürfe und in Form einer Ausstellung.

19. Februar 1999 Der Standard

Kunst im Bau

Zur Zeit lagert die Sammlung Essl noch in verschiedenen Depots, ab Herbst kann sie in einem eigens im Auftrag des Sammlerpaares von Architekt Heinz Tesar errichteten Museum in Klosterneuburg besichtigt werden.

Karlheinz Essl freut sich. Der BauMax der Nation ist zur Zeit zur Abwechslung selbst Bauherr. Im kommenden Herbst will der Unternehmer in Klosterneuburg sein neues Ausstellungshaus für die Sammlung Essl eröffnen. Seit 1996 bilden die rund 4.000 Exponate - Skulpturen, Malereien, Fotografien, im Laufe von 30 Jahren Sammlertätigkeit zusammengetragen - den Schatz der Essl Privatstiftung, sie lagern zur Zeit verstreut in diversen Depots und sollen nun endlich unter einem gemeinsamen Dach zueinander finden. Der Architekt der privaten Kunst- und Ausstellungshalle ist Heinz Tesar. Seit April des Vorjahres wird gebaut, der Rohbau steht bereits, Zeit also, für einen ersten Lokalaugenschein.

Essls Kunsthaus befindet sich auf prominentem Bauplatz direkt an der Stadteinfahrt zu Klosterneuburg, kurz vor dem Stift auf der rechten Seite und am Rand der Donauauen. Das Gebäude an der Wienerstraße fällt mit seinen hohen Galerie-Lichtlaternen jedem Vorbeifahrenden sofort auf und liegt nur wenige Autominuten vom großen Einzugsgebiet Wien entfernt. Die Kunstherberge ist riesig - fast hundert Meter lang, sie enthält an die 8.000 Kubikmeter umbauten Raum und verfügt über 3.200 Quadratmeter Ausstellungs-und enorme 2.275 Quadratmeter Depotfläche samt Werkstätten und Nutzräumen für Restaurierungsarbeiten.

In anfänglicher Bescheidenheit wollte der Sammler vor ein paar Jahren eigentlich nur ein Depot für seine Kunstwerke errichten lassen, was unter Essl-Kennern und Freunden zu allgemeiner Heiterkeit und quasi Wettabschlüssen darüber führte, wie groß die, sich unweigerlich aus dieser Depotidee entwickelnde Ausstellungshalle denn ausfallen würde. Die Höchstbieter gewannen.

Statt einer schlichten Bildergarage steht nun ein 22 Meter hoher, imposanter Baukörper mit annähernd dreieckigem Grundriß zwischen Auwald und Weingarten in der Landschaft. Das Raumprogramm sieht neben den Depot- und Ausstellungszonen auch eine Bibliothek, ein Café, einen Shop, diverse Verwaltungs- und Büroräumlichkeiten, ein Musikstudio und einen Konferenzbereich vor.

Die beiden Haupttrakte sind dem Ausstellungsbetrieb vorbehalten, im einen Flügel ist eine Galerie mit sieben Sälen untergebracht, im anderen zwei großzügige Ausstellungshallen. In der Galerie werden künftig die wichtigsten Essl-Exponate permanent zu sehen sein, die Hallen sind für Wechselausstellungen vorgesehen.

Architekt Heinz Tesar hat einen nicht immer ganz klaren, nicht immer leicht zu lesenden Baukörper entworfen, die Sprache des Hauses bleibt uneinheitlich, ein wenig rätselhaft und schwerfällig. Die Ausbauphase und die von seiten der Stadt versprochene Gestaltung des direkten Umlandes mag diese Sprachverwirrung noch ein wenig vereinheitlichen. Bereits jetzt ist aber klar, daß in den Räumen schöne Lichtverhältnisse herrschen, und daß es dem Architekten gelungen ist, die Schwere des Gebäudes zumindest von innen mit Fensterschlitzen und kleinen Ausblicken aufzulockern.

Tesar wurde vom Sammlerehepaar Essl direkt beauftragt, er ist ein langjähriger Freund des Hauses und hat vor zwölf Jahren bereits Essls Schömer-Haus, ebenfalls in Klosterneuburg gelegen, gebaut. „Wir befinden uns in geistigem und künstlerischem Gleichklang“, sagt Essl, und: „Der Architekt hat sich mit diesem Gebäude nicht selbst verwirklicht, sondern genau das Haus für die Kunst gebaut, das wir von ihm wollten. Es ist außen schlicht, weckt aber Interesse, und die Innenräume bescheren dem Eintretenden ein großes Aha-Erlebnis.“

Sobald das neue Ausstellungshaus fertiggestellt ist, will Essl ein ausgefeiltes Kunstvermittlungsprogramm für alle Altersgruppen starten, um Groß und Klein „für moderne Kunst zu begeistern“. Was die Bau- und Planungskosten des Ausstellungshauses anbelangt, hält sich Essl bedeckt. Die Finanzierung eines solchen Gebäudes, so meint er, sei nicht einfach, „doch dieses Problem müssen wir schon selbst lösen.“

Essls Engagement in Sachen Architektur trägt auch unternehmensintern Frucht. Neuerdings verpflichtet BauMax namhafte heimische Architekten für die Planung ihrer Baumärkte. Der vor kurzem eröffnete Mega-BauMax in Schwechat vom Architektenduo Marta Schreick und Dieter Henke hebt sich als anständige, klare Gebrauchsarchitektur wohltuend von den unmotiviert gestalteten Standardschuppen der Stadtrandzonen ab. Für weitere Standorte in Steyr, Klagenfurt, Salzburg und Wien-Laxenburgerstraße wurden die Kollegen Paul Katzberger, Volker Gienke, Heinz Tesar und Ernst Beneder engagiert.

Wenn Karlheinz Essl Architektur denkt und handelt, dann freuen sich also nicht nur er und seine Frau, sondern auch wir Dritte.

12. Februar 1999 Der Standard

Architekturzeitmaschine

Zur Archäologie eines Wiener Vorstadtwirtshauses.

Der Name „Wrenkh“ steht in Wien für zweierlei: Einerseits ist da die köstliche, seit Jahren von Kritikerfeder gepriesene wrenkh'sche vegetarische Küche. Andererseits gibt es diese beiden sehr unterschiedlichen Lokalitäten in verschiedenen Bezirken, in denen man die lukullischen Angelegenheiten in sehr unterschiedlichem Ambiente zu sich nehmen kann.

Der Innenstadt-Wrenkh ist eines der ersten vom Wiener Architektengespann Gregor Eichinger und Christian Knechtl gemachten Lokale und geizt nicht mit witzigen und klugen Details. Wer je im Wirtshaus am Bauernmarkt gespeist hat, denkt fürderhin beim Anblick einer Campariflasche unweigerlich an rotschimmernde Lichtobjekte.

Das zweite Lokal, der Vorstadt-Ur-Wrenkh, war bisher ein gemütliches, aber bis zur Unkenntlichkeit mit Erinnerungsstücken angerümpeltes Raumkonglomerat mit zu vielen persönlichen Noten, um eindeutig zu sein. Die Sache sei nicht mehr zeitgemäß, dachten sich die Besitzer, und sie beauftragten ihre alten Architekten mit einer Sanierung und Neugestaltung des Restaurants im 15. Wiener Gemeindebezirk. Die Auflagen waren klar: Der Umbau sollte möglichst preisgünstig und möglichst rasch vonstatten gehen, und das Resultat sollte jedoch auch danach immer noch ein Vorstadtrestaurant sein, aber halt eben ein zeitgemäßes. Die Architekten hielten sich an die Vorschrift: Nach nur zweiwöchiger Planungszeit und atemberaubender zweiwöchiger Bauzeit konnte das Lokal vor kurzem neu eröffnet werden. Christian Knechtl: „Unser Ziel war eine Optimierung von Material, Aufwand und Energie. Das haben wir vor allem durch das Weglassen von Überflüssigem und durch das Ergänzen von Notwendigem erreicht.“

Die Architekten wühlten sich erst „wie Archäologen durch verschiedenste Schichtungen und Ebenen von Kitsch und Gerümpel“, die sich in den etwa 90 Jahren seit Bestehen des Wirtshauses angesammelt hatten. Nach Beseitigung mehrerer Zwischenwände, die sich im Laufe der Jahre aufgebaut und das Lokal zu drei Räumchen verkleistert hatten, und der Aussonderung diverser zur Gasthauscollage angesammelter Faktoten, förderten sie einen großzügigen, unverschachtelten Raum zutage.

Die alten, die Wände entlanglaufenden Lamperien - typisch für Wirtshäuser älteren Datums - wurden erhalten, nur neu gestrichen und zum Teil mit offensichtlich neuem Material ergänzt. Da sie in unterschiedlichen Höhen abschließen, sorgt nun ein neu angebrachtes, den Raum umlaufendes Bord für einen einheitlichen, beruhigenden Horizont. Dort dürfen auch ruhig noch ein paar Erinnerungsstücke ankern, sie werden von an die Wände montierten Schreibtischlampen beleuchtet. Ebenfalls erhalten geblieben ist die charismatische alte Kühl-Schank. Die übrige Möblierung wurde großteils erneuert.

„Das Neue“, sagt Christian Knechtl, „ist als ganz Neues erkenntlich, das Alte als ganz Altes. Wir wollten das System Vorstadtwirtshaus mit seinen Zeitschichten erhalten, und das haben wir nur erreicht, indem wir es der Zeit angepaßt haben.“

12. Februar 1999 Der Standard

Wo in Mexiko Brasilia liegt

Zwölf der prominentesten Architekten der Welt bauen in Guadalajara einen neuen Stadtteil für ein privates Investorenkonsortium. Mit von der Partie sind die Österreicher Coop Himmelb(l)au

Vergangenen Herbst versammelte sich in der schönen mexikanischen Stadt Guadalajara unter Ausschluß der Öffentlichkeit eine Runde elf sehr unterschiedlicher Herren und einer Dame. Sie kamen aus zwölf sehr unterschiedlichen Städten, um für einen kurzen Moment gemeinschaftlich Zigarren zu rauchen, gute Dinge zu trinken, viel über Architektur und Städtebau zu sprechen und dabei zahllose Servietten und Skizzenblätter mit Visionen vollzukritzeln.

Aus Los Angeles reiste Frank O. Gehry an, aus Holland traf Rem Koolhaas ein, Philip Johnson kam aus New York, Carme Pinós aus Barcelona, Toyo Ito aus Tokyo, Jean Nouvel aus Paris, und die Herren Stephen Hall, Daniel Libeskind, Tod Williams, Thom Mayne und Enrique Norten ließen ebenfalls ihre Büros und Baustellen Büros und Baustellen sein und trafen der Reihe nach in Guadalajara ein. Auch ein Gesandter aus Österreich war mit von der Partie, nämlich Wolf Prix von den Coop Himmelb(l)au aus Wien.

Eine geballte Ladung Architektur hatte sich da versammelt. Zwölf der wichtigsten Architekten der Welt saßen an einem gemeinsamen Tisch und lauschten der Rede des mexikanischen Privatunternehmers Jorge Vegara. Der 40jährige Selfmade-Man hatte die Bau-Meister zusammengetrommelt. Als Chef mehrerer Unternehmen unterhält der Mexikaner nicht nur einen gewinnsprudelnden Softdrinkkonzern, der in neun Ländern mit allerlei Energy-Drinks vertreten ist, er pflegt außerdem eine ausgeprägte Neigung zu guter Architektur.

Für Guadalajara, so eröffnete er den Angereisten, plane er gemeinsam mit Geschäftskollegen und Investoren einen neuen Stadtteil an der Peripherie zu errichten. Das dazugehörige, zur Zeit völlig brachliegende Ackergrundstück von über zwei Millionen Quadratmetern habe man bereits erworben. Was man nun aber vor allem benötige, wäre ein städtebaulicher Masterplan sowie verschiedenste infrastrukturelle Maßnahmen - wie Kinos, Stadthallen, Verwaltungszentren, Hahnenkampfarenen - die man sich in Bälde in Entwurfsform von den hier versammelten Architekten erwarte.

Guadalajara ist mit rund sechs Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Mexikos, und sie ist zugleich wichtigster Sitz der Computerindustrie des Landes. Der neue Stadtteil soll neben der Zentrale der Vegara-Firma „Omnilife“ Büros und Wohnungen beheimaten. Doch um eine neue Stadt zum Funktionieren und Pulsieren zu bringen und um Investoren etwa für die Wohnbebauung anzulocken, so hatte sich der Unternehmer gesagt, sei eine intelligente Infrastruktur vonnöten, und die solle tunlichst von erstklassigen internationalen Architekten entworfen werden. Bevor er also an die konkrete Planung seiner neuen Stadt ging, verfügte sich der Mexikaner in seinen Privatjet und begab sich zu architektonischen Kristallisationspunkten auf der ganzen Welt. So besah er sich etwa Frank O. Gehrys platinbeschuppten Guggenheimdrachen in Bilbao, Bürohäuser von Jean Nouvel und Philip Johnson, die Arbeiten von Daniel Libeskind und Toyo Ito und schaute auch bei dem städtisch interaktiven Kinozentrum der Wiener Himmelblauen in Dresden vorbei. Dann sortierte er die seiner Meinung nach wichtigsten Architekturen aus dem Gesehenen und lud die dazugehörigen Baukünstler ein.

Beim ersten herbstlichen Treffen in Guadalajara beschlossen Architekten und Investor die Erstellung eines Masterplans und teilten die wichtigen Stadtelemente bis zur nächsten Zusammenkunft untereinander auf. Tod Williams verließ Mexiko zum Beispiel mit dem Versprechen, ein Amphitheater zu planen, Gehry war für ein Theater zuständig, Johnson für ein Kindermuseum, Ito für ein Museum moderner Kunst, Hall für Hotels, Pinós für ein Messegelände.

Nach weiteren gemeinschaftlichen Absprachen in New York im Dezember liegen nun die ersten konkreten Entwürfe vor. Sie sollen Ende Februar in Kuba intern präsentiert werden, wo das nächste Architekten-tete-à-tete stattfinden wird.

Coop Himmelb(l)au hat für das Stadtzentrum ein mit 120 mal 240 Metern gigantisches Entertainement- & Commercial-Center entworfen, das etwa zwanzig mal die Größe des Dresdner Projektes hat. Es mischt die verschiedenen Funktionen wie eine moderne, große Agora auf diversen Ebenen, ist vom Passanten über Rampen, Stege und Boulevards von allen Seiten durchquerbar und funktioniert somit wie eine großstädtische Zentrumsdrehscheibe am Rande des Stadtplatzes.

„Die Raumgrenzen zwischen den verschiedenen Funktionen verwischen“, sagt Prix, „es ist ein osmotisches Gebäude, in dem der Raum der Ware in den Raum des Wissens übergeht.“ Das Zentrum ist mit seinen 16 Kinos (7.000 Sitze), einer Shoppingzone sowie einer Vielzahl von Restaurants und Musikclubs rund um die Uhr aktiv und funktioniert wie ein innerstädtischer Motor.

Ein interaktives Medienmuseum erhebt sich an einem Ende des Gebäudekomplexes wie ein Stahl-Glas-Kristall über die Plaza. Dort sollen künftig die Innovationen der für die Stadt so wichtigen Computerindustrie für alle sichtbar in den Stadtraum abgefackelt werden.

Wenn alles gut geht, ist im Frühjahr 2000 Baubeginn. Er könne nicht verhehlen, so Prix, daß anfangs keiner wirklich von der Realisierung überzeugt war. Doch mittlerweile habe sich dieser Pessimismus in der Architektentruppe völlig gelegt.

28. Januar 1999 Der Standard

Gesprengter Davidstern als Haus der Leere

Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin

Berlin - Ein Haus als Monument: Dieses Wochenende sperrt das Jüdische Museum in Berlin für die Honoratioren seine Pforten auf, die Öffentlichkeit muß noch warten, sie erhält ab 30. Jänner Einlaß. Wer allerdings in das metallbeschichtete Haus hineingelangen will, dem wird dieses Unterfangen nicht leicht gemacht. Der Besucher muß sich erst genauer mit der Architektur auseinandersetzen, bevor sie Einlaß gewährt.

Daniel Libeskind, der in Polen geborene, in Amerika aufgewachsene und nun bereits seit fast einem Jahrzehnt in Deutschland ansässige Architekt des soeben fertiggestellten Museums-Monuments hat den Eingang zum dekonstruktivistisch-expressionistischen Gebäude ins knapp zweihundert Jahre ältere Nachbarhaus verlegt, in dem auch das Berlin-Museum untergebracht ist.

Das neue, auffällige Bauwerk ist Raum und Gebäudekubatur ohne Ein- und Ausgang, erschlossen nur durch einen unterirdischen Gang. Im Grundriß zeigt sich das Haus als dekonstruierter, verfremdet wieder zusammengesetzter Davidstern. Von außen ist sein Innenleben nicht ablesbar, lediglich Fensterschlitze und kleine Aus- bzw. Eingucke zerreißen das ansonsten silbrig-homogen verkleidete Mauerbollwerk.

Architekt Libeskind hat drei symbolische Achsen in das Innere dieser komplizierten, winkeligen Räumlichkeit geschlagen. Für welche sich der Besucher zuerst entscheidet, bleibt ihm selbst überlassen.

Auch die Wegeführung macht es dem Eindringling also nicht leicht. Die „Achse des Exils“ mündet in den „E.T.A. Hoffmann Garten“ - ein Labyrinth aus betongegossenen, schräg aufragenden Kuben. Die „Achse der Vernichtung“ führt über - den Schritt verunsichernde - Schrägen und finstere Gänge in einen völlig leeren Raum, der lediglich von einem feinen Lichtstrahl diffus erleuchtet wird. Die dritte und letzte „Achse der Kontinuität“ geleitet den Besucher schließlich in die Ausstellungsräume, die, so Michael Blumenthal, der Direktor des neuen Museums, allerdings erst ab Oktober 2000 bespielt werden. Die Baukosten beliefen sich auf 845 Millionen Schilling (61,4 Millionen Euro).

Während man im Jüdischen Museum bereits erste - aufgrund der schwierigen Baulichkeit gespannt erwartete - Ausstellungskonzepte erarbeitet, harrt das Berliner Mahnmal-Projekt weiterhin einer Entscheidung.

18. Dezember 1998 Der Standard

Die Aussicht heisst Durchblick

Das neue Innsbrucker Uni-Gebäude wird seinen Studenten neben Sozial- und Wirtschaftswissenschaft auch die Vorzüge transparenter, gescheiter Architektur beibringen

Was der Architekt seiner Architektur beigebracht hat, das gibt sie an ihre Benutzer weiter. Gescheite Häuser zeigen deshalb stets allerlei sinnvolle Dinge an. Von außen etwa, wo sie am besten betreten werden wollen und wie man am einfachsten auf die andere Seite gelangt; von innen, wo es sich in ihnen am gemütlichsten tratschen und Kaffee trinken oder arbeiten läßt, wie man sich drinnen optimal orientiert und manches andere mehr. In dummen Häusern verirrt man sich, und sie stehen wie Fremdlinge in der Landschaft.

In Tirol wird demnächst ein in vieler Hinsicht kluges Haus eröffnet: Im kommenden März besiedeln rund fünftausend Studenten mit ihren Professoren und Assistenten die neue „Sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Innsbruck“ - ein Gebäude, das als Universitätsbau einer neuen Generation konzipiert und ausgeführt wurde. Es ist das erste dieser offenen, kommunikativen, unverschachtelten Art in Österreich.

Die Architekten und Lehrmeister des Hauses sind die nach Wien ausgewanderten Tiroler Dieter Henke und Marta Schreieck. Die beiden haben sich in den vergangenen fünfzehn Jahren vor allem als Wohnbauer einen Namen gemacht, ihr vielseitiges, strenges Talent aber zum Beispiel auch mit einer sauberen Baumarkthalle in Schwechat und einer Schule in Wien unter Beweis gestellt. Den Wettbewerb für die „SOWI Innsbruck“ hatten sie bereits vor zehn Jahren als absolute Newcomer gewonnen, zu einer Zeit, da sie selbst noch fast die Studienbank an der Akademie der bildenden Künste bei Roland Rainer drückten.

Die beiden wichtigsten Lehrsätze des gerade fertiggestellten 23.300-Quadratmeter-Hauses am Rande der Innsbrucker Altstadt lauten folgendermaßen. Erstens: Das Innere des Gebäudes ist so gestaltet, daß offen, in Seminaren und in kleinen Gruppen, und nicht nur in Riesenhörsälen gelernt werden kann, und daß ein optimaler Austausch zwischen den verschiedenen Instituten stattfindet.

Zweitens: Die Gebäudekuben stehen nicht wie ein Pflock in der Landschaft, sondern gliedern und definieren diese mitsamt ihren Verkehrsflüssen und Platzstrukturen zu einem gelungenen Ensemble. Und der übergeordnete Slogan für die gesamte Architektur des Hauses, vom Gesamtkonzept bis zum kleinsten Fensterband, lautet: Transparenz.

Diese macht sich in vielen Wahrnehmungsdetails bemerkbar: Das Gebäude erstreckt sich zwar als hoher, zum Teil auskragender Riegel entlang der Flanke des prachtvollen Innsbrucker Hofgartens, im Bereich der Universitätsstraße und der Kaiserjägerstraße. Dank vieler Durchblicke und Durchgänge, die zu benutzen übrigens auch die nicht-studierende Bevölkerung herzlich eingeladen ist, bildet der Bau aber keinen unüberwindlichen Fußgängerstaudammklotz, sondern saugt die Passanten entweder an seinem Leib vorbei, oder durch sein Inneres selbst in den Park dahinter.

Transparenz durchzieht auch Körper und Bauch der auffällig fein und sorgfältig ausgeführten Beton-Stahl-Glas-Konstruktion: Dort drinnen ist der alte Baumbestand des Parks fast überall präsent, er blitzt durch großzügige Verglasungen, über Fensterbänder und Durchblicke kreuz und quer in Gänge und in Hörsäle. In manchem obergeschoßig gelegenen und ums Eck verglasten Institutsraum fühlt man sich wie im Hause Tarzans, hoch oben in den Baumwipfeln. Und über allem, ebenfalls immer präsent, steht die Nordkette.

Transparenz herrscht auch in Seminarräumen und Hörsälen: In viele der Lehrräume hat der Gangpassant Einblick. Wenn das Haus einmal bezogen ist, wird es immer klar darüber Auskunft geben, was in ihm gerade wo los ist. Da Transparenz auch eine tugendhafte zwischenmenschliche Umgangsform ist, liegen die Seminarräume stets zwischen zwei Instituten und können sozusagen von beiden Seiten bespielt werden.

Auch die Lektion, daß ein Gebäude, das ständig von vielen Menschen durchwimmelt wird, übersichtlich sein sollte, hat der neue Uniableger gekonnt beherzigt. Dank einer großzügigen, abgetreppten und völlig überglasten Halle, dem Kernstück der gesamten Anlage, weiß der Student oder Besucher stets genau, wo er sich befindet, und wie er sich orientieren kann. Das stellt ebenfalls eine Art hilfreicher Transparenz dar.

In dieser Kernzone, die als Erschließungs-und Kommunikationsbereich für die Studierenden dient, befindet man sich sofort, wenn man das Gebäude betreten hat. Links und rechts von den Treppen und Plateaus führen Eingänge zu den insgesamt 16 Instituten. Je nach Lust und Laune können sich die Insassen mittels Holzjalousien zu dieser Zentralhalle hin öffnen oder schließen, also mit dem öffentlichen Verkehrsraum und seinen Passanten kommunizieren oder nicht.

Auch die Konzeption und die Anordnung der einzelnen Institute erfolgten nach den Gesetzen der Transparenz und des gemeinsamen Lernens: Die Architekten erarbeiteten die Lage der Institute mit allen Professoren, die Raumeinteilung der einzelnen Einheiten mit den dort Verantwortlichen und schließlich sogar die Möblierung jedes Zimmers mit seinem Benutzer. Das Ergebnis dieser Studien ist eine maßgeschneiderte, aber trotzdem sehr flexible Hülle für einen lebendigen, wachstumsfähigen Universitätsorganismus.

Im direkten Umfeld der Uni entsteht ein ebenfalls von Henke und Schreieck geplantes Managementzentrum, von dem man sich universitären und wirtschaftlichen Austausch erwartet. Ebenfalls benachbart liegt ein Wohngebäude, das demnächst fertiggestellt wird.

Nach einer Bauzeit von zwei Jahren und Nettogesamtbaukosten von 546 Millionen Schilling steht also die neue Universität nun für Lernende und Lehrende bereit, dort, wo sich früher eine Akademie mit ganz anderen Lehrmethoden befunden hat, nämlich die Fennerkaserne. Dereinst wurde hier exerziert, jetzt wird gebüffelt. Und damit das zwischenmenschliche Lernen dabei nicht vernachlässigt wird, erfolgt zur Zeit bereits eine Besiedelung der erdgeschoßig im Uni-Wohnhaus-Büro-Ensemble bereitstehenden Geschäfte und Beiseln. So richtig gescheit wird ein Haus doch erst durch seine Benutzer.


Strenge Senkrechtstarter

Die Architekten Henke-Schreieck

Seit 1983 arbeiten die Tiroler Architekten Dieter Henke und Marta Schreieck in einer Bürogemeinschaft. Zuvor studierten sie bei Roland Rainer an der Wiener Akademie der bildenden Künste.

Nach diversen Einfamilienhäusern, Um- und Ausbauten stellten sie ihr erstes wichtiges und vielbesprochenes Gebäude 1993 in Form eines völlig unkonventionellen Wohnbaus in die Frauenfelderstraße im 17. Wiener Gemeindebezirk. Auftraggeber ÖBV heimste für das geschickt erschlossene Gebäude mit den großzügigen Fensterflächen und dem intelligenten Innenausbau prompt den Bauherrenpreis ein.

Für den Umbau des Hackinger Stegs in Wien Hietzing (gemeinsam mit Wolfdietrich Ziesel) bekamen die Architekten selbst zwei Jahre später den Adolf Loos Preis zugesprochen. Und Schömer-Chef Karlheinz Essl war von einem bauMax-Wettbewerbsbeitrag der beiden so angetan, daß er bei ihnen einen Mega-bauMax-Markt in Schwechat in Auftrag gab.

Apropos Wettbewerb: Bisher haben die Tiroler, die ihr Büro in Wien aufgeschlagen haben, jedes einzelne Projekt über Wettbewerbe zugesprochen bekommen. Zuletzt gewannen sie vor zwei Wochen das Rennen um die Errichtung einer AHS im 22. Bezirk Wiens. Im Frühling wird eine Wohnsiedlung im 23. Bezirk fertig, und die Neugestaltung des Badener Bahnhofs - ein geladener Wettbewerb - soll in den kommenden Jahren Wirklichkeit werden.

Dieter Henke und Marta Schreieck sind gestrenge Detail- und Ausführungsfetischisten. Wer, wie sie, gerne in Stahlbeton baut, muß mit Präzision und Disziplin arbeiten, jeden Stecker, jeden Anschluß vorplanen. Mit der SOWI haben sie ihr bisher größtes Projekt vollendet. Schreieck: „Das gelang allerdings nur, weil wir mit der BIG den perfekten Auftraggeber hatten.“

20. November 1998 Der Standard

Die vielen Wahrheiten der Architektur

Der 6. Wiener Architekturkongreß im Museumsquartier brachte die Erkenntnis, daß es so viele verschiedene Architekturauffassungen gibt wie Menschen. Ute Woltron hat sich ein paar davon angehört.

16. Oktober 1998 Der Standard

Der Befreiungsschrei der Eternitplatte

Der Architekt Klaus-Jürgen Bauer beschäftigt sich mit ästhetischen Randbereichen seiner Zunft. Er weiß etwa, „warum es chic geworden ist, den Beton möglichst schlecht verarbeitet aussehen zu lassen“.

11. September 1998 Der Standard

Wir steuern auf Grossartiges zu

Jede Lehre hat ihren Hüter: Alan Greenspan bewacht die Weltfinanz, wenn er bellt, zittert die Börse. Bill Gates herrscht über die Computerbranche, was er sagt, ist Programm. Philip Johnson diktiert die Weltarchitekturszene. Was er gutheißt, wird Stil. Der 91jährige Königsmacher und Scharfrichter der Architektur wird am Montag eigenhändig seine Architektur-Skulptur „Wiener Trio“ vor dem Ringturm enthüllen.

7. August 1998 Der Standard

Wer baut, ist der Chef

Frank Lloyd Wright sprengte erst das Haus und dann die Großstadt und verstreute die Trümmer über eine Gartenlandschaft. Eine Ausstellung in Weil am Rhein setzt Wrights Gedanken-Splitter seine „Living City“ wieder zusammen.

31. Dezember 1996 Der Standard

„Mehr Intelligenz am Grab“

Die Vorarlberger Architekten Gerhard Ströhle und Simon Rümmele erfinden das „Grabdenkmal des 21. Jahr- hunderts“. Die Devise lautet: Weg vom Granit, hin zum Ewigen Licht

Tatsächlich ist das meiste, was sich in Sachen Design auf zeitgenössischen Friedhöfen abspielt, ein Trauerspiel in Granitgrau und Goldschnittschrift zwischen Buchshecken und Lebensbäumen. Noch überwiegt Besinnlichkeit. Doch nun wird auch die letzte Ruhestätte zum Objekt gestaltender Kräfte: Die Vorarlberger Architekten Simon Rümmele und Gerhard Ströhle, alias www.fuerrot.at, haben "über die Zukunft unserer Gräberkultur nachgedacht und ein „Grabdenkmal des 21. Jahrhunderts“ ersonnen". Denn die Kunst der Bestattung und der Ewigen Ruhe, so meinen sie, sei einer neuen Kultur und den Standards des angebrochenen Jahrtausends entsprechend zuzuführen.

Zwei Grabstätten der Zukunft haben die beiden bereits realisiert. Eine davon befindet sich seit Sommer dieses Jahres auf dem Gottesacker des vorarlbergerischen Götzis. Dort leuchtet ein „automatisiertes ewiges Licht“ den Verstorbenen der Familie Ströhle. Die Architekten griffen in ihrem Entwurf tief in den Fundus der angelernten Symbolik der vergangenen Jahrtausende, modifizierten sie, hauchten ihr gewissermaßen den zeitgenössischen Geist ein und entwarfen ein futuristisches Grab, das „auch ohne aufwendige Wartung stets gepflegt erscheint“.

Die Grabplatte, traditionell aus Granit gehauen oder Beton gegossen, ersetzt ein strukturiertes Edelstahlblech, in das ein Solarmodul eingelassen ist. Letzteres ist, um in der Terminologie des Zeitgenössischen zu verharren, multifunktional, denn zum einen sind die Solarzellen in Form eines Kreuzes angeordnet, zum anderen produzieren sie jenen Strom, der eine Blei-Gel-Batterie speist und eine LCD-Anzeige bedient. Die wechselnden Texte können über eine PC-Schnittstelle stets modifiziert und gewissermaßen den Bedürfnissen des Toten angepasst werden. Rümmele: „Auf diese Weise kann auf die Individualität des Verstorbenen optimal eingegangen und sein Leben, seine Vorlieben und Hobbys besser dokumentiert werden.“ Was Rümmele „mehr Intelligenz am Grab“ nennt, ist auch in standardisierter Form zu haben. Je nach Größe und technischer Ausstattung ab 6000 Euro. Das Interesse an der neuen Liegestatt für die Ewigkeit scheint groß zu sein, Kundenwünsche aus Deutschland, Irland und Österreich müssen befriedigt werden, sogar ein australisches TV-Team wurde bei den Vorarlbergern vorstellig.

Auch auf einem Wiener Friedhof leuchtet bereits fuerrots ewiges Licht. Diesmal in Form eines weißen, nachts gleißend hell erleuchteten Glasdeckels. „Der Effekt der Öffnung (Entweichung der Seele)“, so meinen die Grabdesigner, „verstärkt sich zudem durch das darüber liegende, dynamisch gebogene Solarmodul.“ Eine „aufgedruckte, immergrüne Rose“ symbolisiert ewiges Leben, auch das Kreuz fehlt nicht. Eine in die Grabplatte integrierte Öffnung lässt den Blick auf das darunter liegende Erdreich frei - also auf jenen Humus, aus dem „wiederum Leben entsteht“.

Adolf Loos, der selbst Gräber, unter anderem sein eigenes, entwarf, hatte es seinerzeit mit der Symbolik so verstanden und im Jahr 1910 niedergeschrieben: „Wenn wir im walde einen hügel finden, sechs schuh lang und drei schuh breit, mit der schaufel pyramidenförmig aufgerichtet, dann werden wir ernst, und es sagt etwas in uns: Hier liegt jemand begraben. Das ist architektur.“

Die Zeiten wandeln sich bekanntlich. Die Architekten von www.fuerrot.at geben als Merkmale ihrer Gräber „solide Technik, High-Tech-Materialien, Langlebigkeit, Korrosionsfreiheit, Recyklierbarkeit“ an. Sei noch die rasche Montagezeit zu erwähnen sowie die „einfache Programmierung zusätzlicher Sprüche und Namen“. Die Wiener Grabkammer ist nämlich, ganz im Sinne der Synergie und Nachhaltigkeit, für insgesamt zwölf Särge nutzbar. Wenn das kein Leben nach dem Tod ist.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag