Wie Windparks aussehen, darum kümmert sich keiner mehr
Die Energieversorgung Niederösterreich zeigt in einer alten Garage in der Südstadt, wie viel Mühe sich die Unternehmensgruppe in puncto Architektur und Design gab und gibt. Dabei fällt auf: Für die Energiewende scheint sich niemand mehr gestalterisch zuständig zu fühlen.
Es sind keine Designerleuchten aus den 1950ern, die in sattem Knallorange von der Decke hängen. Vielmehr handelt es sich um halbe Flugwarnkugeln aus dem Depot, die temporär eine Funktion als Soundduschen erhalten und später im zusammengesetzten Zustand wieder ihren ursprünglichen Zweck zur weithin sichtbaren Markierung von Stromleitungen erfüllen werden.
Die EVN präsentiert derzeit die Ausstellung „Zwischenräume“, die sich auf vielfältige Weise mit der Architektur und dem Corporate-Design des Unternehmens von 1950 bis 2035 auseinandersetzt. Es geht darum, wie Gestaltung – sei es in Architektur, Produktgestaltung oder Grafikdesign – Orientierung gibt, Identität stiftet, Werte vermittelt und einen Betrieb prägt. Schauplatz ist die ehemalige Autowerkstatt in einem Garagengebäude aus den 1960er-Jahren. Spartanisch in der Anmutung, ist es dennoch architektonisch sorgfältig durchgearbeitet. Die Stahlbeton-Gerberträger der Dachkonstruktion machen den Kraftverlauf sichtbar; mit Fertigteil-Sandwich-Leichtbetonplatten kam ein innovatives Bauelement zum Einsatz, mit dem Holzstöckelboden ein jahrhundertelang bewährter, robuster und lärmdämpfender Bodenbelag. In den 1990er-Jahren verlor das Gebäude seinen ursprünglichen Zweck, nun kann es seine Qualitäten in neuer Funktion ausspielen.
Gustav Peichl schuf das EVN-Forum
Die Garage ist ein Nebengebäude des EVN-Verwaltungszentrums in der Südstadt in Maria Enzersdorf bei Wien. In der Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit erhielten die Jungarchitekten Franz Kiener und Gustav Peichl, beide Anfang dreißig, und der ältere, in der Region gut vernetzte Wilhelm Hubatsch den Auftrag zur Planung der neuen Firmenzentrale und des Masterplans für die Garten- und Parkstadt, die der Landesenergieversorger mit dem Land Niederösterreich initiiert hatte. Bis heute ist das von 1960 bis 1963 nach den Idealen des International Style errichtete Verwaltungsgebäude von außen so gut wie unverändert. Seit 1993 ergänzt Peichls EVN-Forum den siebengeschoßigen Riegel. Innen erwies sich dessen auf einem Raster von 2,5 mal 2,5 Metern aufbauende Grundstruktur robust genug, um auf Veränderungen in der Unternehmensorganisation und neue Anforderungen der Arbeitswelt reagieren zu können. „In meinen Bauten war es mir immer wichtig, ein Ordnungsprinzip aufrechtzuerhalten, weil sich dadurch vieles lösen lässt“, erklärte der 2023 verstorbene Franz Kiener. Der Begriff „Ordnung“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung.
Keine sturen Kopien
Seit rund drei Jahrzehnten ist der Peichl-Schüler Paul Katzberger der „Hausarchitekt“ der EVN. Im stillen Auftritt eher Franz Kiener als seinem Lehrer verwandt, entwickelte er ein Vokabular für die über das Bundesland verteilten Verwaltungs- und Servicegebäude, das keine sturen Kopien hervorbringt, sondern flexibel reagiert. Im Direktionsgebäude erleichterte ihm Kieners Raster die mehrfach notwendigen Anpassungen. Zu den frühen Arbeiten Katzbergers zählt die Modernisierung des Kraftwerks Theiß, von der sich auch heute noch einiges über ein klug orchestriertes Zusammenspiel von Bestand und neuen Zutaten, über Ordnung in der Komplexität, über Landschaftsbezug und Fernwirkung lernen lässt. Mit seinem letzten EVN-Gebäude, dem Tec-Center in der Südstadt, beweist er, dass auch die für Rechenzentren notwendige Geschlossenheit nicht zwangsläufig abweisend wirken muss.
Wunsch nach Veränderung stärker als Streben nach Beständigkeit?
Gemeinsam mit der Leiterin der EVN-Kunstsammlung, Heike Maier-Rieper, dem scheidenden Archivar Georg Rigele und dessen Nachfolger Max Neuhold kuratierte und gestaltete Katzberger nun die Ausstellung in der Garage. Sie reflektiert die Veränderungen in den Bildwelten im Zuge des Wandels staatlicher zu kapitalmarktorientierten Energieunternehmen, die um das Vertrauen von Investoren und Kundschaft buhlen müssen. Hat die ursprünglich für den Pariser Flughafen Charles de Gaulle entworfene Schrift Frutiger als Hausschrift bald ausgedient, weil der Wunsch nach Veränderung stärker ist als das Streben nach Beständigkeit?
Längst durchziehen die Netze der EVN auch Bulgarien, Nordmazedonien und Kroatien. Damit wurde ein großer Gebäudebestand aus unterschiedlichen Epochen und in verschiedenen Architektursprachen übernommen. Noch fehlt die ordnende Hand, die ihn niveauvoll modernisiert. Denn nicht alles ist von solcher Güte wie das von der Architektin M. Grigorova geplante bulgarische Heizkraftwerk Plovdiv-Nord von 1966, das genauso das Zeug zum Klassiker hat wie die Zentrale in der Südstadt.
Die an Tempo zulegende Energiewende scheint die gestalterischen Kräfte auszubremsen. Das Kombikraftwerk Hohe Wand in Peisching plante Hans Hoppenberger, der den Kraftwerksbau der Nachkriegszeit mitprägte. Für die nach dem Rückbau auf dem Gelände errichtete Photovoltaikanlage ist niemand mehr gestalterisch verantwortlich. Ebenso für ein Vorzeigeprojekt der erneuerbaren Energieversorgung, den Super-Hybrid-Park Tattendorf-Trumau, mit Windpark, PV-Anlage und Batteriespeicher. Warum?
Muss ökologisch auch hässlich sein?
Errichter oder Betreiberinnen von Windkraftanlagen kaufen die Anlagen bei den herstellenden Firmen zu, ist aus der EVN zu erfahren. Was die Optik der Anlagen betrifft, gebe es hier keinen Gestaltungsspielraum. Muss eine ökologischere Welt auch eine hässlichere sein? Denkanstöße liefern dazu zwei eigens für die Ausstellung entstandene künstlerische Arbeiten. Judith Fegerl befasst sich seit etlichen Jahren mit dem ästhetischen Potenzial von Photovoltaik-Paneelen. Für die textile Installation „last light“ ließ Fegerl die erstaunlich vielfältigen Muster historischer Photovoltaikzellen in Jacquardtechnik in zwölf Baumwollbahnen weben. In der Anmutung eines modernistischen Wohntextils wirkt das, was in Landschaft und Stadtbild als störend wahrgenommen wird, auf einmal ansprechend und harmlos: ein Appell, neben den funktionalen Aspekten auf die ästhetischen Dimensionen nicht zu vergessen, die nicht zuletzt auch eine Rolle bei der Akzeptanz von neuen Umwelttechnologien spielen.
Porträts von verschwundenen Bauten
Abbruchgebäude sind für Andreas Fogarasi das Materialreservoir für seine Serie „Nine Buildings, Stripped“. Diverse Oberflächen kombiniert er zu Materialpaketen und erschafft so Porträts der verschwundenen Bauten. Für die EVN fügte er Bauteile aus den Bezirksleitstellen Bruck/Leitha und Pottenstein zusammen. Aufgrund der Neustrukturierung des Netzgebiets werden sie nicht mehr als Bürostandorte benötigt und daher abgetragen.
Die Energie- und Bauwende sowie neue Arbeitsweisen werden der Corporate Identity der EVN eine neue Prägung geben. Aus dem Wettbewerb für den neuen Regionalstandort Allhartsberg ging der Beitrag des kürzlich mit dem Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur gewürdigten Architektenkollektivs feld72 gemeinsam mit Werner Sobek als Sieger hervor. Die pavillonartige Holzkonstruktion mit innovativen Holz-Lehm-Decken und Gründächern deutet womöglich schon an, wohin sich die Firmenarchitektur entwickeln wird.