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Die Strahlkraft der Villa Rosenthal
Die Strahlkraft der Villa Rosenthal, Foto: Gerhard Klocker
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Das Literaturhaus Vorarlberg wird in der Villa Rosenthal in Hohenems seinen Platz finden.

Seit Jahrzehnten verfällt die Villa Franziska und Iwan Rosenthal augenscheinlich zunehmend in ihrem Dornröschenschlaf. Jetzt wird sie jedoch einer großen Vision und Initiative folgend nicht nur denkmalschützerisch-akribisch renoviert und der umgebende Park zum Geschenk an die Öffentlichkeit, es entsteht dort mit dem Rathaus-Neubau und Wohn- bzw. Geschäftshäusern auch ein attraktives Quartier am Eingang zur historischen Innenstadt. Dass in diesem städtebaulichen Megaprojekt das Literaturhaus Vorarlberg als wesentlicher Teil gedacht wird, ist ein erfreuliches Bekenntnis zur Kultur. Seit einigen Jahren spannt das Team von „literatur.ist“ (anfänglich literatur:vorarlberg netzwerk) mit großem Engagement ein virtuelles Dach über der Literaturlandschaft Vorarlbergs, bespielt mit Literaturveranstaltungen und Vermittlungsprojekten alle erdenklichen Räume im Ländle, ist deutlich sicht- sowie hörbar geworden, und hat ein fundiertes Konzept erarbeitet um nächstes Jahr eine wirklich-materielle, sehr weitreichende Überdachung zu bekommen.

Revitalisierung

1823 als Bürgerhaus errichtet, ließen Iwan und Franziska Rosenthal dieses 1890 zu einer herrschaftlichen Fabrikanten-Villa erweitern. Für den romantisch-historistischen Bau gewannen sie die zu ihrer Zeit recht berühmten Architekten Alfred Chiodera und Theophil Tschudy, die wenige Jahre zuvor die Synagoge in St. Gallen entworfen hatten und die Villa Patumbah in Zürich, wo nachweislich dieselben Handwerker wie in Hohenems gearbeitet haben. 1938 musste das Anwesen – bestehend aus Herrschaftsvilla, Kutscherhaus, Angestelltentrakt, Wirtschaftsgebäude, dazwischen eine Kegelbahn, und der prächtigen Parkanlage – von der Nichte und Erbin nach ihrer Emigration an den Zahntechniker Hans Schebesta verkauft werden. 1988 wurde der inzwischen teilweise stark verfallene Gebäudekomplex unter Denkmalschutz gestellt.

Als die Villa 2020 wieder zum Verkauf stand startete ein anspruchsvoller Entwicklungsprozess. Die Stadt Hohenems brachte ihre Auflagen bezüglich Nutzung, Durchwegung, Bebauungsplan mit großem Verantwortungsbewusstsein ein. Es benötigte aber auch initiative, begeisterte Kräfte wie Markus Schadenbauer, der schon in großen Teilen Hohenems – wie im vor kurzem fertiggestellten Quartier Schillerallee und bei mehreren Revitalisierungen von Stadthäusern in der Marktstraße etc. – als Projektentwickler hervorgetreten ist, um Investoren zu finden, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen und so das Großprojekt erfolgreich zu realisieren. Dass das Literaturhaus Vorarlberg seinen Platz (es werden 360 m² sein!) in der Villa bekommt, wurde von der Stadtvertretung beschlossen und auch vom Land Vorarlberg gefördert.

Um das städtebauliche Konzept für das gesamte Areal zu entwickeln, bewarben sich namhafte Architekturbüros für einen Intensivworkshop. Die Erkenntnisse daraus wurden dann mit dem Gestaltungsbeirat sowie der Stadt abgestimmt und die Bauprojekte aufgeteilt. Für den Rathaus-Neubau lobte man einen Wettbewerb aus. Die Restaurierung der Villa Rosenthal übernahm Ernst Waibel von Nägele Waibel Architekten, der sich in Hohenems schon bei zahlreichen solchen Projekten bewährt hat. Für Markus Schadenbauer ist aber auch die Verankerung im Bewusstsein der Bevölkerung sehr wichtig. So versucht er die Leute bei derart großen Veränderungen ihrer Stadt von Anfang an miteinzubeziehen. Eine Woche lang gab es täglich Führungen in Kleingruppen durch die Villa um die Herausforderung und Herangehensweise zu vermitteln. Das ist identitätsstiftend und soll auch eine gewisse Vorfreude wecken.

Restaurierung

Architekt Ernst Waibel erläutert, dass der Renaissancebau mit dem steilen Walmdach und der regelmäßigen Fassade, wo sich im Erdgeschoß früher die Zahnpraxis befand, behutsam rückgebaut wird. Der anschließende prächtige Zwischentrakt ist der repräsentative Teil der Villa, das zeigt sich schon im imposanten Treppenhaus mit der sich verzweigenden Stiege, die sich an einer kanzelartigen, üppig barockisiert-geschnitzten Ausbuchtung wieder zusammenfindet, gegenüber ein riesiges Segmentbogenfenster mit rankenden Ornamenten um eine weibliche Figur in aufwändiger bleigefasster Verglasung. Gemalte Putten schmücken die Seitenwände.

Oben angelangt eröffnet sich das prunkvoll geschnitzte Esszimmer mit einem Erkerrundbau zum Park. Dort ist neben dem schweren Luster auch eine sehr seltene reliefartig geprägte Ledertapete zu bewundern. Diese ist offensichtlich beständig und muss nur vorsichtig mit ganz wenig Seifenlaugenwasser gereinigt und an den losen Stellen mit kleinen Nägeln befestigt werden. Solch interessante Details sind vom Südtiroler Markus Pescoller zu erfahren. Er ist der Spezialist in Restaurierung von Putz, Malereien, Tapeten, seine Referenzliste ist endlos lang, auch die Fassade des kürzlich fertiggestellten Parlaments in Wien scheint darin auf. Dies sei eine sehr reich ausgestattete Villa gewesen. Es gibt Räume, in denen die Tapeten repariert und retuschiert werden können, in einem musste man sie komplett abnehmen, weil darunter ein Brandschutzanstrich notwendig ist, in einem anderen Raum traten einige Schichten aus unterschiedlichen Zeiten zutage, wobei die letzte Fassung am wenigsten bietet. Da sind ständig Entscheidungen zu treffen, wie wertvoll oder gut erhalten die älteren Schichten sind, die Farbstimmungen, und wie viel Erzählkraft oder Atmosphäre sie noch haben.

Der Architekt berichtet überdies von vier perfekt erhaltenen Fenstern aus dem Jahr 1923, die innen zutapeziert und außen mit Rollladen verschlossen ihrer Entdeckung harrten. Diese wurden sorgfältig restauriert und für das gesamte Haupthaus nachgebaut. Die Befundung und Aufarbeitung auch von den kunstvoll ausgeführten Holzverkleidungen, Türstöcken, Deckenkassetten, Tafelböden wird einem weiteren Spezialisten überlassen: der Holzrestaurierung Bartsch aus Immenstadt. Seniorchef Helge Bartsch scheut keine Mühe, bis bei jedem Detail die stimmige Lösung gefunden ist. So ist die prächtige straßenseitige Eingangstür schon fertig, die glücklicherweise – achtlos irgendwo abgestellt – gefunden werden konnte. Der darüber auskragende Balkon mit barockisiertem Schmiedeeisengitter bereitet jedoch noch Kopfzerbrechen.

Die große Frage ist auch: Soll man außen den verfallenen Charakter belassen? Markus Pescoller ist grundsätzlich der Idee des „minimo intervento“ näher. Da der Vorbesitzer wesentliche Teile in der Fassade abgeschlagen hat, geht es zuerst einmal um die Teilrekonstruktion und um die Angleichung des Verputzes. Es sollte haptisch möglichst im Original bleiben und wird wohl nicht mit Farbe gestrichen werden. Für den Restaurator ist so eine spannendere Informationsdichte über das Werden und Vergehen zu vermitteln.

Die Kutscheneinfahrt bleibt als großes Durchgangtor zum öffentlichen Park bestehen, von hier aus betritt man dann auch das neue Literaturhaus. Die lange, schmale Verbindung zum ehemaligen Angestellten- bzw. Wirtschaftstrakt – heute wohnt dort noch der Vorbesitzer – war eine Kegelbahn und wird zukünftig als Café das Stadtleben bereichern. Sie wurde in japanischem Stil mit zarten Wandmalereien – asiatische Pflanzen etc., der Künstler signierte mit japanischen Hieroglyphen – gestaltet, die kunsthandwerklich bedeutsame Holzdecke teilweise in Laubsägetechnik gefertigt. Weitere Nutzungen wie ein Buchladen und passende Co-Working-Spaces sind in der revitalisierten Villa Rosenthal angedacht.

Modernisierung

Die Geschäftsführerin des zukünftigen Literaturhaus Vorarlberg, Frauke Kühn, rechnet gar nicht mit einer plötzlich, bei Fertigstellung einsetzenden „Schockverliebtheit“. „Gute Beziehungen wachsen, wir wollen von Beginn an von unseren Vorhaben erzählen, und die Menschen sollen sich eingeladen fühlen, die Villa als Wohnzimmer zu nutzen.“ Abgesehen von literarischen wie fotografischen Hausgeschichten, die den Bauprozess begleiten, wurde vor dem Start bei Lesungen im Gartensalon (Verena Roßbacher im Live-Lektorat) und im Park das zauberhafte Ambiente der Villa schon erlebt.

Als Frauke Kühn am Konzept geschrieben hatte, war sie von der opulenten, monumental wirkmächtigen Villa förmlich erschlagen, muss sie zugeben. Da wäre plötzlich kein Quadratzentimeter mehr frei gewesen, die Idee des Literaturhauses zu denken. Erst als sie von jeglichen Hausmauern im Kopf befreit herumreiste und sich allerorts Anregung und Input geholt hat, fand sie einen neuen Blick auf die vorgefundenen, nicht veränderbaren Räume. Was bedeuten, wie funktionieren Gartensalon, Esszimmer, Spielzimmer, Wintergarten in einem Haus? Auf Basis dieses Verständnisses war plötzlich alles vorstellbar und fügte sich wie von selbst. Dieses Haus mit unendlich viel Patina, das eine überwältigende Geschichte erzählt, ist kein Museum. Es darf würdevoll, mit modernen Ansprüchen in die heutige Zeit transformiert werden, und es wird so möglich sein, auf inspirierende Weise mit der Vergangenheit zu kommunizieren, aber auch die eigenen Geschichten zu finden und die Räume mit neuem Leben zu erfüllen.

[ Der Text erschien in KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Mai 2023, http://www.kulturzeitschrift.at ]

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