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Hier wird gelebt und Glas geblasen: Handwerk in Wien-Währing
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Die Glashütte Comploj fügt sich in einen Hinterhof in Wien-Währing ein, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass Handwerk und Wohnen in der Großstadt gedeihlich koexistieren.

29. Dezember 2023 - Franziska Leeb
Es ist wie ein Stimmungsbild aus einer längst vergangenen Zeit: Auf der Straße klappert der Hufschlag eines Fiakers, im Hofgebäude glüht der Hochofen. Seitdem die Liegenschaft an der Martinstraße in Wien-Währing bebaut ist, wurde hier nicht nur gewohnt, sondern auch produziert.

In historischen Adressbüchern und Zeitungen findet man unter der Adresse von der Milchwirtschaft über die Putzpasta- und Kunststein-Fabrikation der Firma Karl v. Schmoll bis hin zu einem Parfümerie-Großhandel ganz unterschiedliche Betriebe. Schon 1887 preist ein Inserat einen „großen Hofraum zur Errichtung von Schupfen geeignet“ zur Vermietung an. Im aus der Nachkriegszeit stammenden Gebäudeensemble im Hof war zuletzt eine Automobilgarage untergebracht. Rund ein Jahrzehnt lang stand es leer, ehe es nun nach einer behutsamen Revitalisierung durch das Architekturbüro Berger + Parkkinen zur Betriebsstätte der Glashütte Comploj wurde.

Der Hochofen bildet das heiße Herz

Alfred Berger und Tiina Parkkinen befreiten die drei Bestandhäuser von Anbauten an der Grundstücksgrenze, die der natürlichen Belichtung abträglich waren, und fanden für jedes die passende Funktion. Die Garagenhalle, eine Stahlbetonrahmenkonstruktion, bot perfekte Bedingungen für die Werkstatt. Die Dachverglasungen liefern ideales Tageslicht von oben, im Zentrum bildet der Hochofen das heiße Herz. Der direkt anschließende Ziegelbau wurde zum Schau- und Verkaufsraum mit Büro. Das dritte auf dem Grundstück befindliche Gebäude, ehemals ein Büro mit Flachdach, wurde mit einem Satteldach aufgestockt zum Wohnhaus für den Glaskünstler und seine Familie.

Die große bestehende Grünanlage mit altem Baumbestand, die der Hinterhofbe­bauung vorgelagert ist, wurde durch die Landschaftsarchitekten Lindle Bukor überarbeitet. „Durch die Entfernung der Nebengebäude ist nun sogar etwas weniger Boden versiegelt als davor“, betont Architekt Alfred Berger.

350.000 Follower auf Instagram

Die architektonische Sprache blieb zurückhaltend. Schlichtes Beige an den Putzfassaden von Werkstatt und Schauraum, im gleichen Ton das Strangfalzblech der Dächer, das beim Wohngebäude dem ganzen Haus eine schützende Hülle gibt. Alles unprätentiös. Aber handwerklich sorgfältig ausgeführt.

Gut, dass sich die Architekten nicht zu ­Larifari hinreißen ließen. Immerhin folgen 350.000 Menschen in aller Welt dem Instagram-Kanal des Studio Comploj. Da hätte man mit formalen Extravaganzen schon einige Aufmerksamkeit erlangen können. Aber das hätte weder in diesen Hof noch zur Person des Robert Comploj gepasst.

Der gelernte Tischler fand noch während seiner Ausbildung Gefallen am Glashandwerk. Von der Glasfachschule Kramsach führten ihn Lehr- und Wanderjahre durch die USA und Europa. Seit zehn Jahren führt er seinen eigenen Betrieb, zunächst in Traun in Oberösterreich, dann ab 2017 im siebenten Bezirk in Wien. Von der Christbaumkugel bis hin zu großen Rauminstallationen produziert Comploj Schönes in allen Maßstäben, arbeitet mit Künstlerinnen wie Nives Widauer und Michaela Ghisetti zusammen, kooperiert mit Designerinnen und Architekturbüros ebenso wie mit Spitzenköchen. Wenn ihm dann noch Zeit bleibt, widmet er sich seinen eigenen Skulpturen.

Der Hochofen der Glashütte läuft bis auf kurze Unterbrechungen – zum Beispiel zu Weihnachten – das ganze Jahr über mit 1100 Grad Celsius. Damit er nicht unversehens erkaltet, ist es nützlich, dass die Familie gleich nebenan wohnt – ein Ideal, dass Comploj zunächst nur in einem Vierkanter auf dem Land für realisierbar hielt, bis eine Bekannte ihn auf den leerstehenden Bestand in Wien-Währing aufmerksam machte.

Für den Glasmacher wäre eine Ansiedlung in dieser keineswegs besonders noblen, aber doch urbanen Lage nie und nimmer aus eigener Kraft erschwinglich gewesen. Dietrich Mateschitz, für den Robert Comploj schon zuvor einige Arbeiten umgesetzt hatte, kaufte und entwickelte die Liegenschaft und bot ihm eine Pacht zu fairen Konditionen an. Der im Vorjahr verstorbene Multimilliardär machte sich mehrfach um Handwerk und Baukultur verdient, indem er Schlösser, Villen und andere historische Immobilien erwarb und fachgerecht renovieren ließ. In ­diesem Fall ermöglichte er einem kleinen Handwerksbetrieb den Verbleib in der Stadt und bewahrte den Hinterhof als das, was er seit jeher war: ein Ort der Produktion mitten in der Stadt, zugänglich für alle, die Interesse haben.

Damit trifft dieses Projekt zwei wichtige Anliegen der heutigen Zeit. Zum einen ist das der Erhalt von Orten der Produktion im urbanen Milieu, wie es in Wien – formuliert im Fachkonzept „Produktive Stadt“ – strategisches Ziel der Stadtplanung ist. Zum andern der Erhalt von Bestand und die Vermeidung von Abriss und Neubau, wie es uns diverse Klimaziele und die Vernunft schon seit Längerem gebieten. Dass es eine ökosoziale Bauwende braucht, darin sind sich nicht nur die Planer, sondern auch große Teile der Bauwirtschaft einig. Bloß die Politik ist zögerlich und lässt es an der Bereitstellung der gesetzlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen fehlen, die das Bewahren und Weiterbauen des Bestandes fördern. Derzeit ist das normale Prozedere noch der Abriss und der ­Neubau.

Aufwertung von Lehre und Handwerk

Anknüpfend an Forderungen von Initiativen wie countdown2030 in der Schweiz oder das Abrissmoratorium Deutschland formierte sich daher heuer die von zahlreichen Architekturinstitutionen, Umwelt- und Wissenschaftsinitiativen unterstützte „Allianz für Substanz“. Von Bundesministerin Leonore Gewessler fordert sie per Petition einen Paradigmenwechsel im Bauwesen, der vom Erhalt bestehender Substanz ausgeht. Ein verbindlicher Substanzschutz, Herstellung von Kostenwahrheit durch zweckgebundene Besteuerung von Treibhausgasemissionen, finanzielle Anreize für die Verlängerung der Lebensdauer von Gebäuden, die Abschaffung von Regelungen, die den Abriss begünstigen, sowie von Förderungen für Ersatzneubauten sind wesentliche Hebel, mit denen ein neuer Kurs eingeleitet werden kann. Ein zentraler Punkt ist der Ruf nach mehr Transparenz bei öffentlichen und geförderten Planungsvorhaben.

Eine solch neue Kultur des Bauens würde auch die Lehrberufe und das Handwerk aufwerten und wirtschaftlich stärken. Dann wäre für junge Handwerkerinnen eine Produktionsstätte in der Stadt – dort, wo die meiste Arbeit wartet – auch ohne Umweg über Investoren wieder leistbar. Wäre eigentlich ganz normal.

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