An die Substanz gehen
Die sechste Beta-Architekturbiennale im rumänischen Timișoara wurde letzte Woche eröffnet. Sie macht ein verlassenes Schulgebäude zum spielerischen Experimentierlabor für Umbau und Wiederverwertung.
Hinter dem wuchernden Efeu sind die Konturen aus schwarzen Linien gerade noch zu erkennen: ein Kran, ein Atomkraftwerk. Stolze Visitenkarte der Hochschule für Technik und Konstruktion im Zentrum der westrumänischen Stadt Timișoara. Links davon brandneue Apartment- und Bürokomplexe im paneuropäischen Standard-Look, rechts eine Hinterhofwildnis. Das Liceu Ion Mincu, erbaut in den 1960er-Jahren, steht seit mehr als einer Dekade leer, nur Drogensüchtige und Obdachlose fanden hier Zuflucht.
Work in Progress: Die ehemalige Kantine der Technischen Schule Ion Mincu ist in diesem Herbst Schauplatz der Beta-Biennale.
Album
5 min.
12. September 2026
|Seite 56
An die Substanz gehen
Die sechste Beta-Architekturbiennale im rumänischen Timișoara wurde letzte Woche eröffnet. Sie macht ein verlassenes Schulgebäude zum spielerischen Experimentierlabor für Umbau und Wiederverwertung.
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7 min.
Maik Novotny aus Timișoara
Hinter dem wuchernden Efeu sind die Konturen aus schwarzen Linien gerade noch zu erkennen: ein Kran, ein Atomkraftwerk. Stolze Visitenkarte der Hochschule für Technik und Konstruktion im Zentrum der westrumänischen Stadt Timișoara. Links davon brandneue Apartment- und Bürokomplexe im paneuropäischen Standard-Look, rechts eine Hinterhofwildnis. Das Liceu Ion Mincu, erbaut in den 1960er-Jahren, steht seit mehr als einer Dekade leer, nur Drogensüchtige und Obdachlose fanden hier Zuflucht.
Polyglotte Kultur
An diesem Septembertag bietet sich ein völlig anderes Bild. Der Zaun zwischen Schulareal und dem benachbarten Botanischen Garten wurde entfernt, aus einem ehemaligen Klassenzimmer im Obergeschoß sausen Kinder eine Rutschenkonstruktion hinab, über einen Erdhügel klettern Besucher in eine Bar im Erdgeschoß. Der Park ist bestückt mit skulpturalen Objekten, eine silbern gefärbte Steinpyramide, ein windmühlenartiges Gebilde aus weißen Holztüren. Die Fassade der ehemaligen Kantine, weiß wie ein aufs Minimum reduzierter Tempel, ziert ein neues Mosaik. Alles unfertig, alles etwas wild, alles Bestandteil der Beta-Architekturbiennale, die voriges Wochenende eröffnet wurde.
Es ist die inzwischen sechste Ausgabe des Festivals, das 2016 von der lokalen Abteilung der rumänischen Architektenkammer initiiert wurde. Seither ist der Architekturevent so schnell gewachsen wie sein internationales Renommee. Gewachsen ist auch Timișoara, heute mit knapp 300.000 Einwohnern Rumäniens viertgrößte Stadt. 2023 war man Europäische Kulturhauptstadt, der Beginn einer Kulturoffensive, für die die rumänisch-ungarisch-deutsch-polyglotte Region Banat reichlich Nährstoff liefert.
Auch Beta will mehr sein als ein aufregender Moment, der nach dem Ende des Festivals folgenlos verpufft. „Beta ist ein Werkzeug, mit dem wir Zugänge zu bislang verschlossenen Orten öffnen können“, sagt Boris Pejanow, der organisatorische Leiter des Festivals. Mit Andreas Kofler, konzeptstarker Architekturvermittler aus Paris, und Tudor Vlăsceanu, realitätsnaher Architekt aus Bukarest, fand sich für die diesjährige Beta-Ausgabe ein Kuratorenduo, das Theorie und Praxis vereint, beide kennen sich aus der gemeinsamen Arbeit in Rem Koolhaas’ Büro OMA in Rotterdam. Sie wählten aus einem Open Call, der ihnen rund 200 Einreichungen einbrachte, mehr als 40 Projekte aus 15 Ländern aus.
Kriterium des Open Calls war es nicht, Poster aufzuhängen, die auch an einer anderen Wand auf der Welt hängen könnten, sondern den Ort des Events zum Hauptexponat zu machen. Eine Einladung, zu Bohrer und Hammer zu greifen, mit der simplen, soliden Substanz des Schulgebäudes als Spielzeug. „Es ist wie ein Backstage-Pass für die Produktionswelt von Architektur“, sagt Tudor Vlăsceanu. „Wir hoffen, dass das, was hier passiert, nach dem Ende des Festivals Teil der Stadt wird.“ Die Zeichen stehen nicht schlecht, das Grundstück gehört der Kommune, für die kulturelle Nachnutzung der nächsten zehn Jahre wurde die dm-Stiftung an Bord geholt.
Eine Idee, die aus einem Unwohlsein mit der Kurzlebigkeit vieler Architekturevents resultierte, wie Andreas Kofler sagt. „Natürlich lieben wir die Biennale in Venedig, aber grundsätzlich ist es ein Format, das auf kostspieliger Verschwendung basiert, während wir gleichzeitig Nachhaltigkeit predigen. In ihrer Theorielastigkeit sind Biennalen oft losgelöst von dem, was Nicht-Architekten interessiert.“ Folgerichtig formulierten sie für ihre Beta-Ausgabe das nicht nur für Nicht-Architekten widerspenstig von der Zunge gehende Motto „In practice – as opposed to ,in theory‘“.
„Window Hacking“
In der Praxis bedeutet dies, dass die „Bauwende“ weg von Abriss und hin zu Substanzerhalt im Zentrum steht. Ein Thema, das derzeit fast alle Architekturevents und -awards prägt. Mit der Initiative House Europe und den belgischen Kreislaufwirtschaftshelden von Rotor, die in einem Filmessay des Duos Bêka & Lemoine präsentiert werden, sind internationale Größen der architektonischen CO2 -Einsparung mit am Start.
Der Heimwerker-Ansatz, sich am Gebäude auszutoben, hat schöne, überraschende, spielerische und simple Ergebnisse gezeitigt. Das belgisch-deutsch-italienische Kollektiv Trans Europe Express liefert in seiner surrealen Neu-Zusammenstellung von recycelten Wandtäfelungen und Parkett eine der ästhetisch überzeugendsten Arbeiten, die beweist, dass eine Architektur der Wiederverwertung sich nicht auf eine Wertstoffhof-Ästhetik beschränken muss. Einfach und clever: das „Window Hacking“ eines rumänisch-schweizerisch-amerikanischen Trios, die einige der seriellen Fensterelemente der Schule neu arrangierten; gedreht, gekippt, als Erker.
Andere praxisnahe Eingriffe behelfen sich mit theoretischem Überbau, um aufs Level biennaler Relevanz zu kommen. Ein Wanddurchbruch, der als „Intervention in die Serialität von Klassenzimmern“ annonciert wird, ist letztlich eben auch nur ein Loch in der Wand. Auch wenn angesichts gegenwärtiger Polykrisen manche Umbautätigkeiten allzu klein und bescheiden wirken, ist die kollektive Arbeit an einem Stadtbaustein ermutigend. Dass hier ein Ort dauerhaft in die Stadt zurückgeholt wurde, ist für eine Biennale keine geringe Leistung.
Zwei der bewegendsten Beiträge zeigen auf erzählerische Weise, dass es beim Erforschen von Gebäudebestand nicht nur ums Bohren in Ziegel, Holz und Stahl geht, sondern auch um Geschichten und Menschen. Beide kommen aus Rumänien, beide sind keine Architekten. Die aus dem Banat stammende Performerin und Theatermacherin Christine Cizmaș interviewt für ihren Beitrag When the building remembers ehemalige Schülerinnen und Schüler zu ihren Erinnerungen an das Gebäude. 60 von ihnen hat sie bereits aufgestöbert, erzählt sie, die älteste von ihnen ist 75 Jahre alt.
Der Künstler Matei Bejenaru kombiniert in einem Triptychon aus Diaprojektoren Bilder aus dem Alltag des Liceu Ion Mincu der 1960er- bis 1980er-Jahre mit den Space-Age-Zukunftsvisualisierungen aus Wissenschaftsmagazinen jener Zeit. „Ich bin aufgewachsen in einer Ära, in der rationales Denken vorherrschte“, sagt er. „Heute geht die Gesellschaft leider in eine andere Richtung.“ Mit seiner Installation will er die in den Wänden gespeicherten Erinnerungen wieder zum Leben erwecken. Das funktioniert, ganz ohne Vorschlaghammer und Brecheisen.
Work in Progress: Die ehemalige Kantine der Technischen Schule Ion Mincu ist in diesem Herbst Schauplatz der Beta-Biennale.
Album
5 min.
12. September 2026
|Seite 56
An die Substanz gehen
Die sechste Beta-Architekturbiennale im rumänischen Timișoara wurde letzte Woche eröffnet. Sie macht ein verlassenes Schulgebäude zum spielerischen Experimentierlabor für Umbau und Wiederverwertung.
Artikel vorlesen
7 min.
Maik Novotny aus Timișoara
Hinter dem wuchernden Efeu sind die Konturen aus schwarzen Linien gerade noch zu erkennen: ein Kran, ein Atomkraftwerk. Stolze Visitenkarte der Hochschule für Technik und Konstruktion im Zentrum der westrumänischen Stadt Timișoara. Links davon brandneue Apartment- und Bürokomplexe im paneuropäischen Standard-Look, rechts eine Hinterhofwildnis. Das Liceu Ion Mincu, erbaut in den 1960er-Jahren, steht seit mehr als einer Dekade leer, nur Drogensüchtige und Obdachlose fanden hier Zuflucht.
Polyglotte Kultur
An diesem Septembertag bietet sich ein völlig anderes Bild. Der Zaun zwischen Schulareal und dem benachbarten Botanischen Garten wurde entfernt, aus einem ehemaligen Klassenzimmer im Obergeschoß sausen Kinder eine Rutschenkonstruktion hinab, über einen Erdhügel klettern Besucher in eine Bar im Erdgeschoß. Der Park ist bestückt mit skulpturalen Objekten, eine silbern gefärbte Steinpyramide, ein windmühlenartiges Gebilde aus weißen Holztüren. Die Fassade der ehemaligen Kantine, weiß wie ein aufs Minimum reduzierter Tempel, ziert ein neues Mosaik. Alles unfertig, alles etwas wild, alles Bestandteil der Beta-Architekturbiennale, die voriges Wochenende eröffnet wurde.
Es ist die inzwischen sechste Ausgabe des Festivals, das 2016 von der lokalen Abteilung der rumänischen Architektenkammer initiiert wurde. Seither ist der Architekturevent so schnell gewachsen wie sein internationales Renommee. Gewachsen ist auch Timișoara, heute mit knapp 300.000 Einwohnern Rumäniens viertgrößte Stadt. 2023 war man Europäische Kulturhauptstadt, der Beginn einer Kulturoffensive, für die die rumänisch-ungarisch-deutsch-polyglotte Region Banat reichlich Nährstoff liefert.
Auch Beta will mehr sein als ein aufregender Moment, der nach dem Ende des Festivals folgenlos verpufft. „Beta ist ein Werkzeug, mit dem wir Zugänge zu bislang verschlossenen Orten öffnen können“, sagt Boris Pejanow, der organisatorische Leiter des Festivals. Mit Andreas Kofler, konzeptstarker Architekturvermittler aus Paris, und Tudor Vlăsceanu, realitätsnaher Architekt aus Bukarest, fand sich für die diesjährige Beta-Ausgabe ein Kuratorenduo, das Theorie und Praxis vereint, beide kennen sich aus der gemeinsamen Arbeit in Rem Koolhaas’ Büro OMA in Rotterdam. Sie wählten aus einem Open Call, der ihnen rund 200 Einreichungen einbrachte, mehr als 40 Projekte aus 15 Ländern aus.
Kriterium des Open Calls war es nicht, Poster aufzuhängen, die auch an einer anderen Wand auf der Welt hängen könnten, sondern den Ort des Events zum Hauptexponat zu machen. Eine Einladung, zu Bohrer und Hammer zu greifen, mit der simplen, soliden Substanz des Schulgebäudes als Spielzeug. „Es ist wie ein Backstage-Pass für die Produktionswelt von Architektur“, sagt Tudor Vlăsceanu. „Wir hoffen, dass das, was hier passiert, nach dem Ende des Festivals Teil der Stadt wird.“ Die Zeichen stehen nicht schlecht, das Grundstück gehört der Kommune, für die kulturelle Nachnutzung der nächsten zehn Jahre wurde die dm-Stiftung an Bord geholt.
Eine Idee, die aus einem Unwohlsein mit der Kurzlebigkeit vieler Architekturevents resultierte, wie Andreas Kofler sagt. „Natürlich lieben wir die Biennale in Venedig, aber grundsätzlich ist es ein Format, das auf kostspieliger Verschwendung basiert, während wir gleichzeitig Nachhaltigkeit predigen. In ihrer Theorielastigkeit sind Biennalen oft losgelöst von dem, was Nicht-Architekten interessiert.“ Folgerichtig formulierten sie für ihre Beta-Ausgabe das nicht nur für Nicht-Architekten widerspenstig von der Zunge gehende Motto „In practice – as opposed to ,in theory‘“.
„Window Hacking“
In der Praxis bedeutet dies, dass die „Bauwende“ weg von Abriss und hin zu Substanzerhalt im Zentrum steht. Ein Thema, das derzeit fast alle Architekturevents und -awards prägt. Mit der Initiative House Europe und den belgischen Kreislaufwirtschaftshelden von Rotor, die in einem Filmessay des Duos Bêka & Lemoine präsentiert werden, sind internationale Größen der architektonischen CO2 -Einsparung mit am Start.
Der Heimwerker-Ansatz, sich am Gebäude auszutoben, hat schöne, überraschende, spielerische und simple Ergebnisse gezeitigt. Das belgisch-deutsch-italienische Kollektiv Trans Europe Express liefert in seiner surrealen Neu-Zusammenstellung von recycelten Wandtäfelungen und Parkett eine der ästhetisch überzeugendsten Arbeiten, die beweist, dass eine Architektur der Wiederverwertung sich nicht auf eine Wertstoffhof-Ästhetik beschränken muss. Einfach und clever: das „Window Hacking“ eines rumänisch-schweizerisch-amerikanischen Trios, die einige der seriellen Fensterelemente der Schule neu arrangierten; gedreht, gekippt, als Erker.
Andere praxisnahe Eingriffe behelfen sich mit theoretischem Überbau, um aufs Level biennaler Relevanz zu kommen. Ein Wanddurchbruch, der als „Intervention in die Serialität von Klassenzimmern“ annonciert wird, ist letztlich eben auch nur ein Loch in der Wand. Auch wenn angesichts gegenwärtiger Polykrisen manche Umbautätigkeiten allzu klein und bescheiden wirken, ist die kollektive Arbeit an einem Stadtbaustein ermutigend. Dass hier ein Ort dauerhaft in die Stadt zurückgeholt wurde, ist für eine Biennale keine geringe Leistung.
Zwei der bewegendsten Beiträge zeigen auf erzählerische Weise, dass es beim Erforschen von Gebäudebestand nicht nur ums Bohren in Ziegel, Holz und Stahl geht, sondern auch um Geschichten und Menschen. Beide kommen aus Rumänien, beide sind keine Architekten. Die aus dem Banat stammende Performerin und Theatermacherin Christine Cizmaș interviewt für ihren Beitrag When the building remembers ehemalige Schülerinnen und Schüler zu ihren Erinnerungen an das Gebäude. 60 von ihnen hat sie bereits aufgestöbert, erzählt sie, die älteste von ihnen ist 75 Jahre alt.
Der Künstler Matei Bejenaru kombiniert in einem Triptychon aus Diaprojektoren Bilder aus dem Alltag des Liceu Ion Mincu der 1960er- bis 1980er-Jahre mit den Space-Age-Zukunftsvisualisierungen aus Wissenschaftsmagazinen jener Zeit. „Ich bin aufgewachsen in einer Ära, in der rationales Denken vorherrschte“, sagt er. „Heute geht die Gesellschaft leider in eine andere Richtung.“ Mit seiner Installation will er die in den Wänden gespeicherten Erinnerungen wieder zum Leben erwecken. Das funktioniert, ganz ohne Vorschlaghammer und Brecheisen.
Beta 2026 Timișoara bis 25. Oktober p betacity.eu
Die Reise nach Timișoara erfolgte auf Einladung des Beta-Festivals.