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    Verdichtete Utopien
    Neue Zürcher Zeitung

    Das Rotterdamer Architekturbüro MVRDV

    Mit einem Doppelwohnhaus in Utrecht, einem Sendegebäude in Hilversum und einem Altenwohnheim in Amsterdam erregte das junge Rotterdamer Architekturbüro MVRDV viel Aufsehen. 1998 schoben die drei Architekten Winy Maas, Jakob van Rijs und Nathalie de Vries ein «Theoriejahr» ein, um ihre Utopien einer Stadt der Zukunft weiter zu verdichten.

    03. September 1999 - Robert Uhde

    Ein wuchtiges, quaderförmiges Hafengebäude nahe dem ältesten Teil des Rotterdamer Hafens. Ganz oben, im dritten Stock, befindet sich das Büro von MVRDV. Zwischen zahllosen Modellen aus Holz, Harz, Karton oder Kork schwirren 25 junge Mitarbeiter durch die grosszügig angelegten Räume. Zwischendurch fällt der Blick auf die gewaltigen Wassermassen der Maas - Sturm und Drang hier wie dort, eine Stimmung fast wie an der Amsterdamer Börse. Immer häufiger kommt es inzwischen vor, dass das nach den Namensinitialen der drei Gründungsmitglieder benannte Büro Aufträge ablehnen muss.


    Sturm und Drang

    Der Gründung von MVRDV durch Winy Maas (1959), Jakob van Rijs (1964) und Nathalie de Vries (1965) vor sieben Jahren gingen ein gemeinsames Studium an der TU in Delft und Erfahrungen bei Rem Koolhaas in Rotterdam, bei Berkel & Bos in Amsterdam und bei Mecanoo in Delft voraus. Winy Maas hatte überdies ein Landschaftsarchitektur-Studium absolviert und für die Unesco in Nairobi gearbeitet. Danach lief alles sehr schnell: Nachdem sich die drei Architekten schon 1991 mit dem Projekt «Berlin Voids» für eine Wohnbebauung im Prenzlauer Berg in Berlin einen Preis im Europan-2-Wettbewerb hatten sichern können, folgte 1993 der Auftrag für den Ende 1997 vollendeten Bau eines zentralen Sendegebäudes für den Alternativ-Radio-Sender VPRO in Hilversum (NZZ 27. 1. 98). Die Radiomacher wollten die 13 über die gesamte Stadt verteilten Standorte des Senders zu einem Gebäude zusammenführen. Als moderne Adaption von Herman Hertzbergers Centraal-Beheer-Bürogebäude in Apeldoorn (1968-1972), das in der Ära nach Achtundsechzig eine partizipatorische Architektur versucht hatte, errichtete MVRDV einen vollständig transparenten, fünfgeschossigen Betonbau, dessen mäandrierende Ebenen durch raffiniert angelegte Stege, Rampen und Treppen fliessend ineinander übergehen. Damit ergibt sich ein spielerisch gestaltetes Raumkontinuum von eher öffentlichen Zonen bis zu intimeren Räumen.

    Zeitgleich mit dem VPRO-Gebäude stellten die MVRDV-Architekten ihren Woonzorgcomplex (WoZoCo) in Amsterdam Osdorp vor. Ausrichtung und Höhe der Gartenstadt aus den fünfziger Jahren waren baurechtlich festgelegt. MVRDV machte daraus eine gestalterische Tugend und hängte 13 der 100 Wohnungen als freischwebende Volumen von der Fassade ab. Eine perfekt inszenierte Ausnutzung des vorhandenen Raumes! Ähnlich auch der Grundgedanke für die Villa KBBW, ein viergeschossiges Zweifamilienhaus in Utrecht, das Winy Maas gemeinsam mit dem Architekten Bjaerne Mastenbroek (De Architektengroep, Amsterdam) errichtete: Mit den beiden zickzackartig miteinander verklammerten Wohnungen, deren transparente Fassaden ein völliges Verschmelzen von Innen- und Aussenraum erzeugen, zeigen die Architekten, dass sich das von ihnen vertretene Prinzip des Verschachtelns und Verdichtens auch auf den Wohnungs- und Siedlungsbau anwenden lässt.

    Je mehr man sich mit den städtebaulichen Theorien von MVRDV auseinandersetzt, desto mehr geraten die vor Ort so individuellen Lösungen zu gebauten Manifesten von Urbanität und Verdichtung. In «Farmax», einem 753 Seiten dicken Buch von MVRDV, in dem die Leser durch utopische Szenarien für die Rotterdamer und die Amsterdamer Innenstadt geführt werden, propagieren die Architekten eine Steigerung der Kapazitäten unseres derzeitigen Lebensraumes durch horizontales und vertikales Zusammenballen mit maximaler Konzentration verschiedener Funktionen. Deutlich sichtbar bleibt dabei der Einfluss von Rem Koolhaas, dessen Buch «S,M,L,XL» einen neuen Typus Architekturbuch darstellte. Zwar behandelte Koolhaas nur seine Projekte und dachte weniger stark in Manifesten, dennoch beschwörte auch er auf essayistische Weise ein neues architektonisches Zeitalter herauf.


    Kultur der Verdichtung

    Für Koolhaas besteht der bedeutendste Beitrag Amerikas zum urbanen Design in den geballten Hochhaus-Zentren der Städte, ein Phänomen, das er als «Culture of Congestion», «Kultur der Ballung», bezeichnet. Ähnliches schwebt auch den Architekten von MVRDV vor: «Immer mehr Regionen der Welt sind zu mehr oder weniger durchgehenden städtischen Ballungsgebieten geworden.» In Europa zeige das allmähliche Zusammenwachsen von Gegenden in Oberitalien, im Schweizer Mittelland, im Rhein-Main-Gebiet, im Ruhrgebiet oder in der «Randstad» zwischen Rotterdam und Amsterdam, wie wichtig es sei, sich Gedanken über die Stadt der Zukunft zu machen, meinen die Architekten von MVRDV. Der zunehmenden Langeweile, die aus dieser homogenen Zersiedelung resultiere, stellen sie das Konzept einer abwechslungsreichen Kombination von vertikal und horizontal verdichteten Ballungszentren und «künstlichen» Naturflächen («Light Urbanism») entgegen.

    Gegenwärtig arbeiten Maas, van Rijs und de Vries an der Computeranimation Metacity/Datatown. Das jüngst in der Berliner Galerie Aedes East und zuvor bereits in Den Haag gezeigte Projekt stellt einen visionären Stadtentwurf vor, der auf einer Extrapolation niederländischer Statistiken beruht. In einem begehbaren Kubus, dessen Wände aus Projektionsflächen bestehen, wurden die Besucher auf eine digitale Reise durch einen virtuellen Stadtstaat entführt. «Wie können wir die Stadt in Zeiten der Globalisierung und Bevölkerungsexplosion verstehen? Verlieren wir in dieser unübersichtlichen Fülle die Kontrolle, oder können wir den Ursachen nachgehen und sie manipulieren?» fragen die Architekten und fordern: «Lasst uns die dichteste Stadt der Welt erfinden, die erlaubt, Raum für eine wachsende Weltbevölkerung zu schaffen.» Ähnlich wie die im letzten Jahr vorgestellten Pläne des niederländischen Architekten Carel Weeber für ein «Wildes Wohnen» folgt auch Metacity/Datatown einer klassischen Annäherung zur Stadt, nämlich der Dauer von einer Reisestunde (im Mittelalter noch 4 Kilometer, mit einem modernen Hochgeschwindigkeitszug sind es heute bis zu 400 Kilometer). Der autarke Stadtstaat ist damit viermal so gross wie die Niederlande. Bei einer ebenfalls viermal so hohen Bevölkerungsdichte von rund 1500 Einwohnern je Quadratkilometer (der Kanton Genf zählt 1400, der Kanton Basel-Stadt 5200 Einwohner je Quadratkilometer) würden hier 250 Millionen Einwohner leben - die Bevölkerung der USA in einer einzigen Stadt!

    Innerhalb von Metacity/Datatown unterscheiden die Architekten von MVRDV 26 Sektoren, variierend zwischen Landbau und Wald, Müllplatz und Friedhof, und stellen Berechnungen darüber an, wieviel Wald nötig ist, um das anfallende CO2 umzuwandeln, oder welcher Platz gebraucht wird, um die benötigte Energie durch Windkraft zu erzeugen - eine typisch holländische, fast calvinistische Methode: pragmatisch, klar und streng geordnet, beinahe spartanisch. Auch wenn man zweifelt, ob Metacity/Datatown tatsächlich die Visualisierung einer begehrenswerten Utopie oder eher die Darstellung eines Albtraums zeigt - in der Realität greift die Strategie der Verdichtung allemal und führt sogar zu ungeahnten Freiheiten, wie die bisher fertiggestellten Projekte des Büros beweisen. Im östlichen Hafengebiet von Amsterdam, dem derzeit kompaktesten Neubaugebiet in den Niederlanden, stellt MVRDV gegenwärtig zwei radikal in die Tiefe organisierte, schmale Reihenwohnhäuser fertig. Eine der beiden zwischen 4 und 5 Meter breiten und 16 Meter tiefen Parzellen wird sogar nur zur Hälfte bebaut! An die vollständig transparente Innenfassade des Hauses wollen die Architekten zwei Volumen hängen, die frei über dem unbebauten Teil des Grundstückes schweben. Innen- und Aussenraum sollen so unmerklich ineinander übergehen.

    Als weitere Projekte entwickeln die Architekten gerade die «Z-Mall» für das staatlich festgesetzte Vinex-Gebiet Leidschenveen und den niederländischen Pavillon für die Expo 2000 in Hannover (NZZ 22. 4. 99). Das vertikale Mini-Öko-System soll aus verschiedenen Typen künstlich angelegter Landschaften (Pflanzen, Wasser, Regen, Wind, Strand, Häuser, Wald oder Landwirtschaft) bestehen, die auf insgesamt 35 Metern Höhe durch quadratische Geschossplatten voneinander getrennt und übereinander geschichtet werden. «Die Niederlande, ein Staat mit hoher Bevölkerungsdichte, haben eine lange Tradition der Landgewinnung aus dem Meer. Mit unserem Projekt wollen wir diese Künstlichkeit weiter radikalisieren», meint Maas optimistisch. Und weiter gedacht: Warum sollen unsere Kinder in Zukunft nicht tatsächlich im 12. Stock spielen? Dort gibt es immerhin einen kleinen See, und ausserdem fahren hier oben keine Autos!

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    Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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