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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

8. Mai 2025 Der Standard

Eine Agentur für ein besseres Leben

Am Freitag wird die Architektur-Biennale in Venedig eröffnet. Österreich nutzt den Event, um die Wohnpolitik von Wien und Rom miteinander zu vergleichen.

Eine Rakete aus Holz und Metall, mit offenen Waschmaschinen-Bullaugen als Fenstern, als Spitze ein rotierender Kaminaufsatz, ein sogenannter Fumaiolo. Das 2012 gebaute Fernverkehrsmittel in der Via Prenestina 913 am östlichen Stadtrand von Rom ist ein zynisches Symbol, eine irrwitzige Einladung an all jene, die sich aufgrund der zunehmenden Wohnungsnot und der dramatisch davongaloppierenden Grundstückskosten auf der Erde keine Wohnung mehr leisten können. Es gibt Lösungen anderswo.

Die Kunstinstallation in der 1978 stillgelegten Wurstfabrik Fiorucci ist kein Zufall. 2003 wurde das Gelände verkauft, mit der Absicht, hier einen lukrativen Neubau zu realisieren. Nachdem die Planungen des Investors Webuild Group jedoch jahrelang auf eine Baugenehmigung warten mussten, wurde die ehemalige Fabrik 2009 von Menschen in prekären Lebenssituationen besetzt – darunter Roma, Sinti sowie Migranten aus dem Sudan, dem Maghreb und Lateinamerika.

Das Bottom-up-Wohnprojekt „Metropoliz“, das heute rund 200 Bewohnern und Aktivistinnen ein Dach über dem Kopf bietet, ist eines von vielen Best-Practice-Beispielen, die man im Österreich-Pavillon in den Gardini studieren kann.

Enorme Wohnungsnot

„Die Wohnsituation in Rom ist mit jener in Wien kaum vergleichbar“, sagt Michael Obrist, der den Pavillon gemeinsam mit Sabine Pollak und Lorenzo Romito kuratiert hat. „Hier eine enorme Wohnungsnot, die die Stadt kaum im Griff hat und die dazu geführt hat, dass sich nun Interessengruppen formieren, um leerstehende Häuser zu besetzen und in Eigenregie Wohnrechte zu erkämpfen, dort eine Stadt, die mit 220.000 verwalteten Mietwohnungen der größte Wohnungsgeber Europas ist und die weltweit als leistbares Idealmodell zitiert wird. Und doch haben wir es gewagt, Wien und Rom miteinander zu vergleichen.“

Agency for a Better Living nennt sich der diesjährige Beitrag auf der Architektur-Biennale in Venedig, die am Freitag ihre Pforten öffnet. Zur offiziellen Eröffnung des Österreich-Pavillons werden neben dem Kuratorenteam auch der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig sowie Wohn-, Kunst- und Kulturminister Andreas Babler anreisen. Und beide dürften sich darüber freuen, dass im direkten Vergleich Wien mit seiner strukturellen Top-down-Planung und seinen günstigen Gemeinde- und geförderten Bauträgerwohnungen die Nase vorn hat.

„Das stimmt so nicht unbedingt“, meint Sabine Pollak. „Denn obwohl die Wiener Wohnpolitik vieles richtig macht, gibt es auch hier viele Probleme, die bis heute nicht gelöst sind. Die Anforderungen an das Bauen sind enorm, die Prozesse dauern ewig lange, viele Innovationen werden verhindert. Gute Architektur ist ein Kampf geworden. In diesen Punkten kann Wien durchaus von Rom lernen. Ganz abgesehen davon, dass Wien auch etwas mehr römische Zivilcourage vertragen könnte.“

Filme und Ausstellungen

Der österreichische Pavillon mit seinen zwei Filmen und zwei getrennten Ausstellungswelten zählt ohne jeden Zweifel zu den substanzvollsten Länderpavillons in der Lagunenstadt. Und zu den wenigen Beiträgen, die sich ernsthaft mit Stadt, Architektur und Lebensräumen beschäftigen.

Und doch handelt es sich – ein österreichisches Dauerphänomen, mit Ausnahme des aktivistischen Beitrags 2023 von Hermann Czech und dem mittlerweile aufgelösten Architekturkollektiv AKT – um eine klassisch formatierte Ausstellung mit Fotos, Grafiken und Erläuterungstexten, für die man auf dieser venezianischen Tour de Force mit Steinchen in den Sportschuhen viel Zeit und Energie mitbringen muss. Etwas weniger Pluralismus und etwas mehr sinnliche Unmittelbarkeit hätten einem so nahen, intimen Thema wie Wohnen sicher gutgetan.

Viele andere Länder haben sich vom sperrigen und viel zu umfassenden Generalmotto des diesjährigen Biennale-Kurators Carlo Ratti – „Intelligens. Natural. Artificial. Collective“ – allzu sehr in die Versuchung und Verwirrung führen lassen. Die einen setzen auf die Karte „Back to the roots“ und verrennen sich in vorzeitlich anmutenden Holz- und Lehmskulpturen, die aussehen, als wären hier eben noch die Ewoks am Werk gewesen, die anderen sehen in neuen Technologien wie 3D-Druck, Robotik und Künstlicher Intelligenz die Lösung aller klimatischen und globalpolitischen Probleme. Mit Architektur hat das alles hier nicht viel zu tun. Die unfassbare Polarität dieser Biennale ist wie ein Abbild der Welt, in der wir gerade leben.

Klima und Städte

Deutschland, Belgien, Kosovo, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate beschäftigen sich mit den steigenden Temperaturen in unseren Städten und legen mal konstruktive, mal eher beängstigende Lösungen zum urbanen Überleben und zur nationalen Nahrungsmittelsicherheit vor.

Polen und Lettland präsentieren sich als Emergency-Labore und stellen sich die Frage, welche Auswirkungen drohende Kriege auf die gebaute Umwelt haben.

Und die USA analysieren in ihrem Beitrag Porch. An Architecture of Generosity in einem Spagat aus Zynismus und politischer Unterwerfung die gute, alte Veranda als bautypologisches Element und zelebrieren ihr Willkommenskultur. So als gäbe es die Trump’sche Gegenwart gar nicht.

26. April 2025 Der Standard

Die Frauen von Westafrika

In Togo, Ghana, Benin, Nigeria und im Senegal sind viele Baudenkmäler der Moderne dem Verfall preisgegeben. Eine Gruppe von Architektinnen hat sich nun zum Ziel gesetzt, die Bauten zu dokumentieren und den Verlust zu stoppen.

Die Farbe abgeblättert, die Fenster rausgerissen, die Zimmereinrichtung ausgehöhlt und längst verscherbelt. Wo sich einst, in den Siebzigern und Achtzigern und damit in der Hochblüte des Phosphathandels, unter der fast im Zenit stehenden Tropensonne Promis, Politiker und Flugbegleiterinnen von Sabena, Air France und Air Afrique am Pool tummelten, mit guter Laune und Schirmchen-Cocktails in der Hand, klafft heute ein ausgetrocknetes Betonloch im Boden.

Aus einem der halbovalen Fenster in der Fassade, umgeben von bunten Mosaiken mit Wölkchen und Pfeilen, ein Summen und Surren: Plötzlich schießt eine Drohne aus dem menschenleeren Haus. Der Pilot, hoch konzentriert, steht vor dem Hotel, das Steuerungsmodul fest im Griff, die Schweißperlen auf der Stirn, bitte nicht stören, nicht jetzt, hinter ihm die Auftraggeberin, eine junge Architektin und Dokumentaristin aus New York, die sich mit ihrem Büro Limbo Accra einer ganz besonderen Form von Architekturarbeit verschrieben hat.

„Das Hôtel de la Paix in der togolesischen Hauptstadt Lomé“, sagt Dominique Petit-Frère, „ist eines der tollsten Baudenkmäler der westafrikanischen Moderne. Schau dir nur mal diese Kontur, diese Details, diesen Fantasiereichtum an!“ Seitdem der Hotelbetrieb 2005 eingestellt wurde, verfällt das Gebäude zusehends. Bis heute gibt es keine umfassende Dokumentation, die das Haus korrekt, repräsentativ und aussagekräftig einfängt. „Und wer weiß, ob das Friedenshotel nicht eines Tages abgerissen wird. Also habe ich mich entschieden, zu dokumentieren, was noch da ist.“

Symbol für Unabhängigkeit

Errichtet wurde das Hôtel de la Paix in den Jahren 1972 bis 1974 nach Plänen des französischen Architekten Daniel Chenut, einem Wegbegleiter Le Corbusiers. Neben Projekten in seiner Heimat Bourgogne widmete er sich vor allem der tropischen Architektur Westafrikas, und hier vor allem dem Aufbau der neuen unabhängigen Republiken Niger, Benin, Togo und Burkina Faso. Das von ihm geplante Hôtel de la Paix mit 216 Zimmern, 16 Bungalows, Restaurant, Nachtclub, Festsaal, Sonnendeck und unverwechselbarer expressionistischer Mosaikfassade gilt bis heute als Chenuts Schlüsselbauwerk – und ist nicht zuletzt ein Symbol für die aufstrebende politische Unabhängigkeit Togos nach 1960.

„Doch ich mache das nicht aus Nostalgiegründen“, sagt Petit-Frère, „sondern eher, weil ich eine Art Hoffnung verspüre, dass ich als Vertreterin einer jungen Generation mit neuen Technologien einen sachlichen Blick auf die gebaute Materie werfen und auf diese Weise einen Beitrag zur Pflege und Dokumentation leisten kann.“ Die Daten des Drohnenflugs werden, sobald sie bereinigt und in verwertbaren 3D-Modellen aufbereitet sind, online als Open-Access-Daten zur Verfügung gestellt.

Limbo-Land

Und Petit-Frère ist bei weitem nicht die einzige Architektin, Stadtplanerin, Historikerin, Forscherin, Kuratorin, die sich am 3500 Kilometer langen Küstenstreifen zwischen dem Senegal und Nigeria, in diesem zwölf Staaten umfassenden Limbo-Land fehlender Gelder und fehlender politischer Entscheidungen, der Care-Arbeit verschrieben hat. Ein ganzes Dutzend an Initiatorinnen, allesamt Frauen wohlgemerkt, ist hier bereits zugange und nimmt den baulichen Bestand mit Drohnen, Kameras und Laserscannern, mittels Kunst, Fotografie, Interventionen, Rauminstallationen und interdisziplinären Konferenzen unter die Lupe.

Mit dabei Fabiola Büchele und Jeanne Autran-Edorh, die eine Kuratorin aus Vorarlberg, die andere Architektin mit französisch-togolesischen Wurzeln. Früher waren die beiden im Büro des Pritzker-Preisträgers Diébédo Francis Kéré tätig. Mit ihrem 2023 gegründeten Studio Neida mit Sitz in Berlin und Lomé bemühen sie sich nun darum, die westafrikanische Architektur per se und die zunehmende Care- und Dokumentationsarbeit der hier involvierten Frauen zu dokumentieren – ob das nun Sonia Lawson, Nana Biamah-Ofosu, Olufemi Hinson Yovo, Nzinga Biegueng Mboup oder die New Yorker Kuratorin Mallory Cohen ist, die gerade an einer umfassenden Ausstellung über Westafrika arbeitet, die 2026 im MoMA zu sehen sein wird.

„Als ich zwölf Jahre alt war, sind meine Eltern berufsbedingt nach Uganda gezogen“, erzählt Büchele, die später auch in Äthiopien und Tunesien gelebt hat. „Die Ignoranz und strukturelle Diskriminierung Afrikas aus europäischer Perspektive heraus habe ich also schon als Kind beobachtet, und der Umgang mit den wirklich vielfältigen Kulturen am afrikanischen Kontinent hat sich im Wesentlichen bis heute nicht verändert. Der Postkolonialismus ist nach wie vor vorherrschend.“

Umso wichtiger sei es, so Büchele, die Kulturarbeit dieser Länder sichtbar zu machen, die stereotypen Narrative abzulegen und dabei zu helfen, dass die gebauten Schätze aus den 1970er- und 1980er-Jahren unter den Zahnrädern der kapitalistischen Immobilienwirtschaft und der chinesischen Baukonzerne nicht irgendwann abgerissen werden. Im Rahmen der dreitägigen Konferenz Rencontres Architecturales Africaines de Lomé, die kürzlich im Palais de Lomé stattfand, wurden die einzelnen SOS-Maßnahmen, die in der Regel aus eigenen Mitteln, selten nur mit Förderungen und Kunststipendien finanziert werden, erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zerstörung eindämmen

Olufemi Hinson Yovo beispielsweise, Architektin und Unidozentin mit Büros in Cotonou, Abidjan und Paris, dokumentiert auf ihrem Instagram-Account @Cotonou.Architecture verschwindende (und bereits verschwundene) Baudenkmäler und engagiert sich dafür, die Zerstörung einzudämmen. Ihre Arbeit bezeichnet sie als Archiving the Loss. Und die britisch-ghanaische Architekturwissenschafterin Nana Biamah-Ofosu beschäftigt sich in ihrem Londoner Büro YAA Projects mit der Unabhängigkeit der ehemaligen europäischen Kolonien in den Jahren zwischen 1957 und 1961. Ihre Arbeit war bereits im Victoria & Albert Museum in London zu sehen, ganz neu ist ihr Dokumentarfilm Tropical Modernism. Architecture and Power in West Africa.

Das Vergessen findet nun endlich Erinnerung: Auf der kommenden Architektur-Biennale in Venedig, die in Kürze eröffnet wird, präsentiert Togo erstmals einen eigenen Länderpavillon, kuratiert von Sonia Lawson, Fabiola Büchele und Jeanne Autran-Edorh. Denn: „Das bauliche Erbe – mal genial, mal exzentrisch – ist ein Leitfaden für künftige, kontext- und klimaverträgliche Ansätze. Das Kaputtmachen muss gestoppt werden.“

Compliance-Hinweis: Der Autor hat die Architekturkonferenz in Lomé im Rahmen einer Pressereise besucht.

12. April 2025 Der Standard

„Jedes Gesicht ist Architektur“

Der Chicagoer Künstler Chris Ware gilt als einer der einflussreichsten Comic-Zeichner der Gegenwart. Das CCCB in Barcelona widmet ihm nun eine riesige Ausstellung. Ein Gespräch über Charlie Brown, Mies van der Rohe und Häuser mit Sprechblasen.

Er hat die Cover des Magazins The New Yorker gestaltet. Seine Figuren wie etwa Rusty Brown, Jimmy Corrigan, Quimby the Mouse oder die Building Stories, in denen Gebäude zum Leben erwachen und ihre Erinnerungen in Sprech- und Denkblasen anschaulich gemacht werden, wurden bereits vielfach ausgezeichnet. Vor wenigen Tagen hat seine europäische Wanderausstellung – nach Paris, Basel, Leipzig, Haarlem und Pordenone – die sechste und letzte Station erreicht: Mit Chris Ware. Dibuixar és pensar („Zeichnen ist Denken“), kuratiert von Jordi Costa, macht das Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB) nun erstmals seinen historischen Keller zugänglich – und offenbart darin riesige Comic-Collagen und kleine, skulpturale Schätze.

STANDARD: Ihren Eintritt in die Welt der Comics, haben Sie einmal im Interview gesagt, verdanken Sie Charlie Brown. Warum ausgerechnet ihm?

Ware: Charlie Brown ist die allererste Figur in der Geschichte des Comics, die so etwas wie Empathie mitbringt – mit Traurigkeit und Nachdenklichkeit, stets am Grübeln über den Sinn des Lebens. In einer Folge, ich war damals noch ein Kind, erzählt Charlie Brown, dass er noch nie eine Valentinskarte bekommen hat. Also habe ich mich hingesetzt, eine Valentinskarte geschrieben und sie an den Verlag geschickt.

STANDARD: Sind Sie auch ein Charlie Brown? Für Ihre Fans sind Sie eher Superman!

Ware: Das schmeichelt mir sehr, danke! Aber ich war Außenseiter in der Schule, und das bin ich bis heute. Ich kann mich mit Charlie Brown sehr gut identifizieren.

STANDARD: In der Ausstellung im CCCB sieht man, dass die Architektur schon in Ihren frühen Arbeiten einen großen Stellenwert einnimmt. Raum und Hintergrund werden mit der gleichen Liebe behandelt wie die Figuren selbst.

Ware: Ein Leben ohne Raum ist undenkbar. Sobald wir als Baby damit anfangen, unsere Welt zu erfassen, besteht sie aus einer x-, y- und z-Achse. Bis zum Tod sind wir permanent von Architektur umgeben. Ich kann gar nicht anders, als den Raum mitzuzeichnen.

STANDARD: Mit wenigen Strichen schaffen Sie es, die Essenz eines Chrysler Building oder eines Wrigley Building einzufangen. Woher nehmen Sie Ihre Expertise?

Ware: Als Kind wollte ich immer Architekt werden. Und nun lebe ich seit fast schon 40 Jahren in Oak Park, Chicago, und bin umgeben von Genies wie Louis Sullivan, Frank Lloyd Wright, Bertrand Goldberg oder Ludwig Mies van der Rohe.

STANDARD: Sogar Ihre Figuren haben etwas Konstruiertes und erinnern an Bauhaus und Postmoderne!

Ware: Ein einzelnes Comic-Bild, muss man wissen, ist keine Zeichnung, die nach den Prinzipien eines singulären Kunstwerks funktioniert, sondern eher eine Art Hieroglyphe. Figur, Körpersprache und Gesichtsausdruck sind so etwas wie konstruierte Architektur – damit man sie wie eine Schrift erfassen und schnell zum nächsten Bild weiterlesen kann.

STANDARD: Mit den „Buildings Stories“ erwachen Ihre Gebäude nun selbst zum Leben und fangen an, mit Sprech- und Denkblasen mit uns zu kommunizieren.

Ware: Mein Freund Tim Samuelson, seines Zeichens Kulturhistoriker, sagt immer: „Die Seele eines Hauses fängt am Türknauf an.“ Hier findet der erste physische Kontakt statt, hier macht sich die Geschichte von hunderten und abertausenden Händen manifest. Gute Architekten verstehen es, diesen Erstkontakt mit Liebe zu gestalten. Seitdem glaube ich, dass diese Häuser viel zu erzählen haben.

STANDARD: Was erzählen sie uns?

Ware: Sie erzählen, wer sie gebaut und wer in ihnen schon mal gewohnt hat, wer darin geliebt, geweint, geschrien, gestritten und gefeiert hat und wie die Frau im dritten Stock als alleinstehende Mutter ihr schwieriges Leben managt, wie sie kämpft und flucht und dennoch nicht verzweifelt.

STANDARD: Es fällt auf, dass in Ihren Comics nur ältere Häuser nachdenklich und redselig sind. Die Moderne und die Gegenwart schweigen. Warum?

Ware: Die schönste und reichste Zeit, was Architektur betrifft, war für mich zwischen 1895 und 1915. In dieser Zeit sind Bauwerke von einer unfassbaren Schönheit entstanden. Und ja, diesen Häusern gebe ich am liebsten eine Stimme.

STANDARD: 2004 haben Sie gemeinsam mit Tim Samuelson einen Film gemacht. In „Lost Buildings“ geht es um die Zerstörung von historischen Bauten, die Platz machen für ein Hochhaus von Mies van der Rohe.

Ware: Das ist ein autobiografischer Comic-Film, in dem der Abbruch von ein paar wirklich schönen Bauwerken dokumentiert wird – ob das nun das Old Federal Building, die Chicago Stock Exchange oder das Kaufhaus Rothschild & Brothers ist. Und Tim, Jahrgang 1951, der damals an die zehn Jahre alt gewesen sein muss, offenbart im Film seine Gefühle und Beobachtungen.

STANDARD: In einer Szene sieht man, wie der kleine Tim in den Gelben Seiten das Büro von Mies van der Rohe ausfindig macht und den Meister höchstpersönlich aufsucht.

Ware: Eine wahre Begebenheit! Tim ist damals direkt in Mies van der Rohes Büro hineinspaziert und hat ihm gesagt, er wolle nicht, dass das Old Federal Building abgerissen werde, weil das so ein schönes Haus sei.

STANDARD: Was hat Mies van der Rohe darauf geantwortet?

Ware: „Lieber Junge, das ist der Lauf der Dinge. Und ich hoffe, dass du eines Tages auf das neue Gebäude schauen wirst und darin die gleiche Art von Schönheit entdecken wirst, der du heute nachtrauerst.“

STANDARD: Und? Hat Tim die Schönheit wiedergefunden?

Ware: Nein, ich fürchte nicht wirklich.

STANDARD: Und Sie, der Zeichner?

Ware: Ach, was soll ich Ihnen sagen! Ich tue mir schwer mit der Architektur ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Vom kulturellen Untergang zeitgenössischen Bauens traue ich mich gar nicht erst zu sprechen. Natürlich gibt es tolle Architekten wie Rem Koolhaas, Renzo Piano oder von mir aus auch Santiago Calatrava, die es verstehen, Schönheit zu erschaffen. Aber die 99 Prozent des Gebauten, die seelenlos in der Gegend herumstehen, die machen mich nur traurig und aggressiv.

STANDARD: Findet man diese 99-Prozent-Gebäude in Ihren Comics?

Ware: Nein.

STANDARD: Wenn dem so wäre, was würden sich die Neubauten denken?

Ware: Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob sie angesichts ihrer mangelnden Empathie überhaupt irgendwas denken.

STANDARD: Angenommen, Charlie Brown wäre Architekt: Wie würde ein Haus aus seiner Feder aussehen?

Ware: Was für ein schöner Gedanke! Es wäre ein Haus, das aus einer Handskizze heraus geboren ist. Es wäre ein Haus, das Wärme ausstrahlt, ohne nostalgisch zu sein. Und es wäre eine Architektur, die dem Menschen endlich wieder Würde und Freude schenkt – anstatt sie ihm immer nur zu rauben.

Compliance-Hinweis: Die Reise nach Barcelona erfolgte auf Einladung des CCCB Centre de Cultura Contemporània de Barcelona. Die Ausstellung „Chris Ware. Dibuixar és pensar“ ist noch bis 9. November 2025 zu sehen. cccb.org

7. April 2025 Bauwelt

Ein Archiv namens Afrika

In Togo, Ghana und Benin hat sich eine Gruppe von Architektinnen, Stadtplanerinnen und Forscherinnen formiert. Ihr Ziel ist die Konservierung und Dokumentation des baulichen Erbes Westafrikas, bevor dieses zwischen den Zahnrädern des Postkolonialismus endgültig verloren geht.

29. März 2025 Der Standard

Kistenspiel zwischen Containern

Auf dem letzten Landzipfel des Hafens von Rotterdam wurde vor wenigen Tagen das Portlantis eröffnet. Das neue Besucherzentrum und Museum gewährt neugierige Einblicke in die Welt der Frachtenschiffe.

Die Kinder stehen mit plattgedrückten Nasen an der Fensterscheibe. Im Prinses-Amalia-Hafen – keine zehn Gehminuten entfernt, wenn nicht die internationale Zollgrenze dazwischenläge – wird gerade die 400 Meter lange Hamburg Express, das Flaggschiff der Reederei Hapag-Lloyd, beladen. Rund 9000 Container werden per Kran bis zu zwölf Stock hoch aufs Deck gestapelt. Die Aussicht ist gigantisch, und wer von den bunten, über dem Wasser schwebenden Stahlkisten von HMM, Maersk und Yang Ming nicht genug kriegt, der kann sich mit dem großen Monitor, verbunden über eine Livekamera auf der Dachterrasse, noch näher heranzoomen.

„Wenn man ein Museum im größten Hafen Europas baut“, sagt Winy Maas, Partner im Rotterdamer Architekturbüro MVRDV, „dann darf man nicht außer Acht lassen, dass das größte und wichtigste Exponat der gesamten Ausstellung der Hafen selbst ist. Also wollten wir in jedem Geschoß das Geschehen über ein breites Panoramafenster in den Raum hereinholen.“ Je nach Etage blickt man mal auf die Hafenbecken, mal auf die Sanddünen, mal aufs weite Meer hinaus, wo die Hamburg Express in wenigen Stunden, sobald sie abgelegt hat, hinter dem Horizont verschwunden sein wird.

Das Besucherzentrum Portlantis, das letzte Woche feierlich eröffnet wurde, ist die jüngste und vielleicht sogar ungewöhnlichste Sehenswürdigkeit Rotterdams. Die im Zweiten Weltkrieg fast flächendeckend zerstörte Großstadt hat sich nach den Bombardierungen der deutschen Luftwaffe zum Ziel gesetzt, nicht dem Alten nachzuweinen wie viele andere Städte mit ähnlichem Schicksal, sondern nach dem Neuen zu streben und sich von da an kontinuierlich neu zu erfinden – mit neuen Museen, neuen Hochhäusern und neuen Experimenten wie etwa Markthallen, Recyclingarchitektur oder schwimmenden Bauernhöfen.

Das wichtigste Bau- und Infrastrukturprojekt jedoch ist die Erweiterung des Hafens, der mit einem jährlichen Umschlag von 13,5 Millionen Tonnen längst an die Grenzen seiner Belastbarkeit gestoßen ist. Unter dem Titel Maasvlakte 2 wurden in den letzten 15 Jahren 2000 Hektar Land angeschüttet und auf diese Weise neue Anlegestellen, Logistikhallen und Öl- und Gasspeicher geschaffen. Um Besuchern einen Blick hinter die Kulissen des Hafenalltags zu bieten, hat sich die Hafenbehörde dazu entschieden, auf dem neu geschaffenen Landzipfel, 45 Kilometer von der Rotterdamer Innenstadt entfernt, ein Museum und Infozentrum zu errichten.

„Mit dem neuen Portlantis ermöglichen wir, den Rotterdamer Hafen aus allernächster Nähe kennenzulernen“, sagt Boudewijn Siemons, CEO der Port of Rotterdam Authority. „Wir schauen uns den Hafen aus unterschiedlichen Perspektiven an und werfen in der Ausstellung einen Blick auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Letzteres ist essenziell, denn der globale Schiffsverkehr verursacht enorme Emissionen – und die müssen wir dringend reduzieren.“ Nicht zuletzt verstehe sich das Besucherzentrum mit seinen lustigen, interaktiven, überaus informativen Stationen, so Siemons, als Recruitingmaschine für die Hafenarbeiter von morgen.

Architektonische Wow-Effekte

Noch plastischer formuliert es der Architekt selbst. Er bezeichnet das 29 Meter hohe Portlantis mit seinen fünf geschoßweise verdrehten Kisten als „Blickfang, als Leuchtturm der Logistik, aber auch als eine Art Wachturm, der dazu aufrufen soll, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen und sich die Frage zu stellen, wie der individuelle Lebenskomfort den internationalen Warenverkehr beeinflusst. Wenn man in einer Handelsmetropole wie Rotterdam lebt, an so einem wichtigen Tor zur Welt“, so Maas, „dann darf man die Augen nicht verschließen.“

Dass selbige ganz groß bleiben, voll mit Staunen und architektonischen Wow-Effekten, dafür hat MVRDV – ganz in der Tradition des Büros – natürlich entsprechend vorgesorgt. Im Kontrast zu den matten, patinierten, oftmals angerosteten Schiffscontainern rundherum handelt es sich beim Portlantis um einen Stahlbau mit glattem, poliertem, hochglänzendem Aluminium. Ein knallrotes, weithin sichtbares Erschließungsband mit Treppen und Podesten, die sich bis auf die öffentlich begehbare Dachterrasse hochziehen, verleiht dem Gebäude eine surreale Erscheinung. Je nach Himmel, Wetter und Sonnenstand scheint man in manchen Momenten vor einem Rendering zu stehen.

Im Inneren des Hauses dann die große Überraschung: Bei rund 40 Prozent der Primär- und Sekundärkonstruktion handelt es sich um Recycling, genauer gesagt um wiederverwendete Stahlbauteile, die innerhalb des Rotterdamer Hafens bislang anderweitig im Einsatz waren – als Kran, als Lagerhalle, als temporäres Nebengebäude. Um diese inneren Werte zu zelebrieren, wurde die gesamte Stahlkonstruktion aus Rundstützen und Flanschträgern sichtbar belassen und in unterschiedlichen Grautönen gestrichen.

Umso besser kommt die Szenografie und Ausstellungsarchitektur von Kossmann Dejong zur Geltung. Die Labore, Infoscreens und interaktiven Rauminstallationen sind in fröhlichen, lebensbunten Farben gestaltet und animieren zur Benützung, bei der auch Mütter, Väter, Lehrerinnen, Architekten und Journalistinnen zum Kind werden. Highlight sind die 13 knallgelben Skulpturen, metaphorische Objekte für Hafen und Schifffahrt, die sich im fünfstöckigen Atrium an durchsichtigen Nylonschnüren auf und ab bewegen.

Das Portlantis (Investitionskosten 30 Millionen Euro) ist ein schönes, nachahmenswertes Beispiel dafür, dass sich städtischer Tourismus nicht immer nur auf Kirchen, Konzerte und alte Meister beschränken muss. Mit einem Blick hinter die Kulissen urbaner Infrastruktur können auch ganz andere Neugierden befriedigt werden. Erwartet werden 150.000 Besucher pro Jahr.

Compliance-Hinweis: Die Besichtigung des Portlantis erfolgte im Rahmen einer Pressereise. Der Autor war Gast von Rotterdam Partners.

15. März 2025 Der Standard

Eine Vorstadt namens Blue Velvet

Suburbia ist überall. Ihre Anfänge, zeigt eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien, hatten durchaus rühmliche Ziele, doch irgendwann hat sich das Wohnmodell pervertiert. Gibt es ein Entkommen?

340Millionen Menschen, 400 Millionen Schusswaffen: Die Gesamtzahl von Glocks, Schmeissers und Kalaschnikows in nichtmilitärischer Verwendung ist nirgendwo so hoch wie in den USA. Oder, anders gesagt: Die Hälfte aller weltweit registrierten Handfeuerwaffen in Privatbesitz wohnt genau hier, irgendwo zwischen A wie Alabama und W wie Wyoming. So wie zum Beispiel das stolze Arsenal der 33-jährigen Avery Skipalis in Tampa, Florida, die der italienische Fotograf Gabriele Galimberti 2021 mit seiner Kamera festgehalten hat.

„Ich wollte ein Porträt der amerikanischen Waffenkultur zeichnen und die weitverbreitete Liebe zu Schusswaffen darstellen“, sagt Galimberti im Interview. „Und es war durchaus leicht, Leute zu finden. Oft bin ich sogar auf welche gestoßen, die 60 Gewehre oder mehr besitzen.“ Für den toskanischen Fotografen ist das Phänomen kein Zufall, sondern eine Frage der Tradition, mehr noch eine logische Konsequenz des 1791 ratifizierten Zweiten Verfassungszusatzes, der den Bewohnern der damals neu eroberten Gebiete das Recht einräumte, Waffen zu tragen und sich damit bei Bedarf zu verteidigen.

Das Foto, Gänsehaut pur, ist eines von fünf Porträts aus der 2021 veröffentlichten Serie Ameriguns, die derzeit im Architekturzentrum Wien (Az W) zu sehen sind. Die Ausstellung Suburbia. Leben im amerikanischen Traum zeichnet die Geschichte eines suburbanen Lebensideals, das vor knapp 200 Jahren seinen Beginn nahm, und analysiert Widersprüche dieses Modells sowie auch dessen soziale, ökologische und lebenskulturelle Folgen. Entstanden ist die Wanderausstellung in Zusammenarbeit mit dem Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB), hier in Wien wird sie nun um österreichische Aspekte und innovative Lösungsansätze ergänzt.

„Schon als Kind habe ich gesehen, dass in Kinofilmen und Sitcoms vor allem Suburbs und Einfamilienhäuser vorkommen“, sagt Philipp Engel, Kurator am CCCB, „und seit damals wundere ich mich, warum die Amerikaner so leben, wie sie leben, in diesen Donut-Städten ohne Infrastruktur und ohne öffentliche Verkehrsanbindung.“ Und tatsächlich, ob Alf, Golden Girls, Bezaubernde Jeannie, Der Prinz von Bel-Air, King of Queens, Two and a Half Men, Desperate Housewives, Happiness von Todd Solondz, American Beauty von Sam Mendes oder das abgeschnittene Ohr in David Lynchs Blue Velvet: „Hollywood“, so Engel, „hat auf unser heutiges Verständnis von Stadt einen enormen Einfluss genommen. Suburbia findet sich überall.“

Das war nicht immer so. Die ersten Ansätze einer damals noch subtilen, subkutanen Suburbanisierung hatten durchaus rühmliche Ziele und intakte Rahmenbedingungen. Mitte des 19. Jahrhunderts – in einem Zeitalter also von Bränden, Epidemien, Kriminalität, politischen Unruhen und einer zunehmenden Industrialisierung mit Ruß, Lärm und Gestank – entwickelten Großindustrielle wie etwa Llewellyn Solomon Haskell die ersten Gated Communities und parkähnlichen Stadtrandsiedlungen, um den Menschen ein Wohnen außerhalb der zehrenden Großstadt zu ermöglichen.

Straßenbahn in Los Angeles

Die frühen Suburbs in Illinois und New Jersey wurden von Eisenbahngesellschaften angefahren, viele Haltestellen, kurze Gehdistanzen, und auch der Großraum Los Angeles war damals bestens erschlossen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatte L.A. mit 1700 Kilometern und mehr als 900 Streetcar-Garnituren das größte Straßenbahnnetz der Welt. In den Nachkriegsjahren jedoch wurde die Straßenbahn – wie in 45 anderen US-Städten auch – systematisch zerstört. General Motors kaufte die Schienenunternehmen sukzessive auf und legte die Netze still – bloß um den öffentlichen Verkehr mit Fahrzeugen und Verbrennungsmotoren aus eigener Produktion zu ersetzen.

Mit dem Aufstieg des Automobils, dem boomenden Markt mit exotisch benamsten Fertigteilhäusern, die in unterschiedlichsten Architekturstilen geliefert und montiert wurden, und der Heimkehr der Kriegsveteranen, die als Helden und Patrioten gefeiert wurden, während den Frauen die Mobilität genommen wurde, um sie mit allerhand praktischen Haushaltsgeräten in eine Dienerinnenrolle hineinzuquetschen, war der Siegeszug von Suburbia nicht mehr aufzuhalten. Die irreparablen Folgen der Ghettoisierung und jahrzehntelang praktizierten sozialen Derangierung und Pervertierung sind heute sichtbar – nicht nur in Galimbertis erdrückenden Waffenporträts.

„Ich würde das Phänomen aber nicht als irreparabel bezeichnen“, sagt Judit Carrera, Direktorin des CCCB. „Es gibt Ansätze und Bewegungen wie etwa New Urbanism, die sich um eine Verdichtung, Verbesserung und Wiederbelebung des Speckgürtels bemühen.“ Auch Angelika Fitz, Direktorin des Az W, sieht darin eine wichtige Reparaturaufgabe: „Viele Architekturbüros haben das Einfamilienhaus als Bauaufgabe lange Zeit vernachlässigt und abgelehnt. Aber nun wird der Umgang mit bestehenden Einfamilienhäusern zu einer wichtigen Aufgabe in der Transformation. Wir brauchen dringend neue Umbau- und Nutzungsmodelle, sonst werden wir irgendwann nur noch von toten Häusern umgeben sein.“

Allein in Österreich stehen 1,5 Millionen Einfamilienhäuser herum, und der Bau eines solchen ist – jeder Logik zum Trotz – immer noch der größte Wohntraum in diesem Land. Die Kritik daran ist nicht nur eine moralisch-ökologisch-versiegelungstechnische mit erhobenem Zeigefinger. Es reicht schon ein Blick in die Statistik, die in der Ausstellung mit satirischem Unterton inszeniert wird: Die durchschnittliche Haltbarkeit einer Ehe beträgt demnach 10,4 Jahre, die durchschnittliche Laufzeit von Wohnkrediten fast das Doppelte.

Der wertvolle Aha-Moment ist, dass die von Lene Benz, Katharina Ritter und Agnes Wyskitensky kuratierte Ausstellung nicht nur analysiert und sich nicht nur mit ökonomisch motivierten Fehlentwicklungen wie etwa der Blauen Lagune in der SCS, Frank Stronachs Wohnpark Fontana in Oberwaltersdorf oder Alfred Riedls kleinem Dubai in Grafenwörth beschäftigt, sondern dass sie aufzeigt, wie man aus dem suburbanen Albtraum auch wieder aufwachen kann. Ob Kindergarten, Coworking-Haus oder neue, innovative, solidarische Gemeinschaftswohnkonzepte wie etwa das Sauriassl-Syndikat in Oberbayern: Liebe Architekturzunft, hier liegt Arbeitskapital für die nächsten Jahrzehnte.

[ Die Ausstellung „Suburbia. Leben im amerikanischen Traum“ im Az W wird von einem umfassenden Rahmenprogramm mit Vorträgen, Exkursionen und Kinderworkshops begleitet. Zu sehen bis 4. August 2025: azw.at ]

8. März 2025 Der Standard

Die Krisenbewältigungsakquisiteure

Warten auf einen Auftrag? Das war gestern! Jurek Brüggen und Aimée Michelfelder suchen sich ihre Projekte selbst und greifen dann zum Telefon: Hallo, Bürgermeister? Kommendes Wochenende halten die beiden einen Vortrag beim Architekturfestival Turn On in Wien.

Früher einmal, als die Bäckerei Seidenschnur noch in Betrieb war, lagen in der Vitrine Brezen, Brötchen und Berliner. Heute sind darin Holz- und Kartonmodelle jener Projekte ausgestellt, an denen Jurek Brüggen und Aimée Michelfelder gerade arbeiten. Und so wie dereinst ihre Vorgängerinnen in der Berliner Gotzkowskystraße 33, Bezirk Moabit, verstehen Jurek und Aimée, 31 Jahre alt, ihren Job in allererster Linie als Handwerk, als eine Sache, die man so richtig anpacken und durchkneten muss. „Es gibt mehr als genug zu tun da draußen“, sagen die beiden. „Aber die Projekte fliegen einem nicht zu. Es ist daher unsere Aufgabe als Planer, als Umweltgestalterinnen, die Welt zu beobachten und mitunter selbst die Initiative zu ergreifen.“

So wie damals vor ein paar Jahren, als in den späten Abendstunden der ICE plötzlich Halt machte und die Passagiere gezwungen waren, in Stendal, Sachsen-Anhalt, 100 Kilometer westlich von Berlin, auszusteigen und sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Am nächsten Morgen dann ein Spaziergang durch die Altstadt mit ihren hübschen Backstein- und Fachwerkhäuschen, aber auch durch die Neustadt mit ihren unzähligen DDR-Plattenbauten, Typ WBS 70. Einige davon waren längst schon abgerissen, an ihrer Stelle nun Einfamilienhäuser und grüne Blumenwiesen, andere hingegen standen zu Dutzenden noch leer, ungenutzte Geisterburgen mit toten Fenstern, so weit das Auge reicht. Und so kam den beiden eine Idee, die sie im Rahmen des Architekturfestivals Turn On im ORF-Radiokulturhaus kommendes Wochenende vorstellen werden.

Blick bis zum Horizont

„Während in Berlin massive Wohnungsnot herrscht, stehen hier, mit der Bahn gerade mal 34 Minuten von der Stadtgrenze und 49 Minuten vom Berliner Hauptbahnhof entfernt, hunderte, ja vielleicht sogar tausende Wohnungen leer“, sagen Jurek und Aimée, die erst kürzlich eine neue Büroplattform gegründet haben, Association for Ecological Architecture, kurz AFEA. „Also haben wir den Bürgermeister, den Stadtentwicklungsausschuss und die größten und wichtigsten Wohnbaugenossenschaften der Stadt kontaktiert und ihnen vorgeschlagen, die WBS-70-Platte umzubauen – in ein sogenanntes Einfamilienhaus-Haus.“

Das Konzept dahinter: Die Deckenplatten und aussteifenden Wandscheiben der standardisierten Wohnmaschine werden von oben nach unten so weit abgetragen, dass eine abwechslungsreiche Silhouette mit privaten Gärten und Dachterrassen entsteht. Die Betonfassade wird mit vorgefertigten Holzelementen gedämmt. Und was einst auf 2,50 Meter Raumhöhe beschränkt war, soll mit internen Treppen nun zu zwei- und dreigeschoßigen Wohneinheiten verbunden werden. „Am Ende soll man das Gefühl haben, in einem Einfamilienhaus im vierten, fünften, sechsten Stock zu wohnen, mit Blick bis zum Horizont – und noch dazu mit gutem ökologischem Gewissen.“

Der Wohnbauträger hat bereits sein Okay gegeben, im Sommer soll der kontrollierte Teilabbruch starten. „Wir wollen das Projekt im Rahmen eines geförderten Forschungsprojekts als Pilot umsetzen und die Wohnungen für unter zehn Euro pro Quadratmeter vermieten“, sagt Lars Schirmer, kaufmännischer Vorstand der WBGA Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark, auf Anfrage des ΔTANDARD. „Es ist eine skalierbare, CO2 -intelligente und sozialpolitisch interessante Lösung, die in vielen Städten im Berliner Umraum Anwendung finden könnte. Wenn alles klappt, denke ich, könnte das Projekt Nachahmer finden und in die Breite ausgerollt werden.“

Für Jurek Brüggen und Aimée Michelfelder ist es nicht das erste Mal, dass sie mit E-Mail, Anrufen und konsequenter Kaltakquise bei den Stadtobersten einen Auftrag an Land ziehen konnten. Auch in Werben an der Elbe, mit 400 Einwohnern offiziell die kleinste Hansestadt Deutschlands, waren es unzählige Anrufe beim Stadtrat und beim Bürgermeister, die schließlich dazu geführt haben, dass die ehemalige Komturei, ein denkmalgeschütztes Ensemble mitten in der Stadt, nun saniert und revitalisiert wird. Geplant ist ein ökologisches, postfossiles Modellprojekt mit Ferienwohnungen, betreutem Seniorenwohnhaus und Arbeitslofts für die Kreativwirtschaft. Ein Teil ist bereits in Bau, mit ökologischen Baustoffen und kreislauffähigen Produkten, und soll noch vor Jahresende fertiggestellt werden.

„Mittlerweile, fürchten wir, ist kein Bürgermeister mehr vor uns sicher“, sagen die beiden, die auch schon in Basel, Uzwil, Lichtenberg, Mühlberg an der Elbe und Werder an der Havel die Telefone läuten ließen. „Denn egal wohin es uns verschlägt, fällt uns sofort ein Projekt auf, mit dem wir in der Gemeinde vorstellig werden wollen. Wir wollen nicht warten, bis man an uns herantritt. Wir sind Teil einer Generation, die in der Krise nun selbst auf den Plan treten muss.“

Krisenmedizin: 20 Stunden Architektur

Die Chance in der Krise: Unter diesem brisanten Generalmotto steht die nunmehr 23. Ausgabe des Architekturfestivals Turn On, das unter der Schirmherrschaft von Margit Ulama Architektinnen, Bauherren, Bauträger, Fachplanerinnen und Politiker zusammentrommelt, um im Zeitalter prekären Jammerns über Potenziale und Best-Practice-Projekte aus ganz Europa zu sinnieren. Auf dem Programm stehen diesmal Holzbau, Kraftwerke, Bio-Gewerbebauten, nachhaltige Stadtentwicklung und smartes Weiterbauen im Bestand. Mit Vorträgen von AFEA, FAR frohn & rojas, Barkow Leibinger, B.K.P.Š. (Bratislava), Franz & Sue, Pichler & Traupmann, Innauer Matt, Henke Schreieck, Shibukawa Eder, Schenker Salvi Weber, Staab Architekten, Sam Jajob (Die Angewandte), der ehemaligen Berliner Staatssekretärin und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und vielen mehr.

Von Donnerstag, 13. März, 15.30 Uhr bis Samstag, 15. März, 22 Uhr. ORF-Radiokulturhaus, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien.

Eintritt frei.

5. März 2025 Der Standard

Ein Maler, Dichter und Stadtgestalter

Der chinesische Architekt Liu Jiakun erhält den Pritzker-Preis 2025.

Liu Jiakuns Mutter war Internistin, so wie die ganze Familie überwiegend aus Ärzten bestand. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte er daher in den Gängen des Second People’s Hospital in Chengdu, wo er sich im Umfeld des christlichen Medizininstituts, wie er selbst sagt, eine soziale und lebenskulturelle Toleranz aneignete. Diese kommt ihm nun zugute, denn der Architekt von Museen, Wohnbauten, Kulturzentren, Bürokomplexen, Parkanlagen und öffentlichen urbanen Stadträumen wird nun, wie am Dienstag bekanntgegeben wurde, mit dem diesjährigen Pritzker-Preis ausgezeichnet.

Liu Jiakun wurde 1956 in Chengdu in der zentralchinesischen Provinz Sichuan geboren. Er erwies sich als künstlerisch begabt, erkundete seine Welt durch Zeichnen und Literatur und träumte davon, eines Tages Maler oder Dichter zu werden. Mit 17 Jahren nahm er am staatlichen Zhiqing-Programm für gebildete Jugendliche teil, fünf Jahre später wurde er zum Architekturstudium an der Chongqing University zugelassen. „Mein größtes Talent damals war wahrscheinlich, vor nichts Angst zu haben, und dazu noch natürlich meine Mal- und Schreibfähigkeiten“, blickt der heute 68-Jährige zurück. „Wie in einem Traum wurde mir plötzlich klar, dass mein eigenes Leben wichtig war.“

Nach dem Studium arbeitete er zunächst für die Chengdu Architectural Design Academy und zog dann nach Tibet und Xinjiang, Westchina, wo er sich zehn Jahre lang dem Malen, Schreiben und Meditieren widmete. 1999 gründete er sein eigenes Architekturbüro in Chengdu mit heute rund 20 Mitarbeitern. Er spezialisiert sich darauf, traditionelle chinesische Architektur weiterzudenken, Geschichte mit Innovation zu verschränken, vor allem aber öffentliche Räume in dicht bebauten Ballungsräumen zu schaffen. Sein „West Village“ in Chengdu (2015) ist eine fünfstöckige Platzstruktur, die sich mit Stiegen, Rampen und gedeckten Freiräumen über einen ganzen Block erstreckt.

„Ich strebe immer danach, wie Wasser zu sein, ohne eine feste Form zu haben, und die lokale Umgebung zu durchdringen“, sagt er. „Mit der Zeit verfestigt sich das Wasser, verwandelt sich in Architektur – und vielleicht sogar in die höchste Form menschlicher spiritueller Schöpfung.“ Liu Jiakun ist der erst zweite Chinese, der den seit 1979 vergebenen, mit 100.000 US-Dollar dotierten „Nobelpreis der Architektur“ entgegennehmen wird.

1. März 2025 Der Standard

Gute Nacht, Iana!

Hinter der roten Fassade im Norden Münchens verbirgt sich ein temporäres Obdach für obdachlose Menschen. Vorgestern, Donnerstag, wurde das Projekt von Hild und K beim BDA-Preis Bayern gewürdigt.

Iana ist 39 Jahre alt, stammt aus Gorj, Rumänien, und lebt seit einigen Jahren in München. Nach ihrer Scheidung wurden ihr die Papiere gestohlen, kurz danach hat sie ihren Job und schließlich auch die Wohnung verloren. Seitdem ist sie obdachlos. Sie ist eine von 13.000 Wohnungs- und Obdachlosen in München und einer der insgesamt 340 offiziell registrierten Härtefälle, die aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft und ihres rechtlichen Status in keinem sozialen Hilfssystem integriert sind. Wenn es kalt ist, fährt sie am Abend mit der U2 bis zum Frankfurter Ring und steigt dann, wie viele andere auch, in den Bus 178 um. Von dort sind es dann noch fünf Stopps, bis sie, wie sie sagt, für eine Nacht zu Hause ist.

„Früher haben wir Obdachlosen nicht weit von hier in einer ehemaligen Kaserne übernachtet“, erzählt Iana. „Was soll ich sagen? Es war eine Kaserne. Nun ist mein Leben, um ehrlich zu sein, auch nicht wirklich schöner, auch nicht wirklich leichter, ich bin immer noch obdachlos, und ich weiß noch immer nicht, wie es jobmäßig weitergehen soll. Aber für einen kurzen Moment, wenn ich am Abend hierherkomme, habe ich das Gefühl, ein bisschen Schönheit und Freundlichkeit zu erleben. Ich mag das rote Holz, die lustige Fassade, man fühlt sich irgendwie ein bisschen besser willkommen.“

Der sogenannte Übernachtungsschutz in der Lotte-Branz-Straße im Norden Münchens, ein Ersatzneubau für besagte Kaserne, die im Zuge der Stadterweiterung abgerissen wurde, um Platz zu machen für neuen Wohnbau, umfasst ein medizinisches Zentrum sowie 730 Betten für obdachlose Menschen – für Männer, Frauen und Familien, die auf der Flucht sind vor Wind und Wetter, aber auch für akute Notfälle in familiären Gewaltsituationen, bei Wohnungsbränden sowie für all jene, die kurzfristig in keinem anderen sozialen Auffangsystem ein Obdach finden konnten. Vorgestern, Donnerstag, wurde das Haus vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten beim BDA Preis Bayern 2025 mit einer Anerkennung gewürdigt.
Eine Heimat auf Zeit

„Und das freut uns sehr“, sagt Architekt Matthias Haber, Partner im zuständigen Architekturbüro Hild und K, „denn die Unterbringung einer so großen Zahl an Menschen in einer so schwierigen Lebenssituation und noch dazu in einer so unwirtlichen Gegend wie hier, mitten im Gewerbegebiet, umgeben von Lagerhallen und Logistikern, ist keine leichte Aufgabe. Dieses Projekt ist nicht nur eine Hilfe in äußersten Notlagen, sondern auch eine Heimat auf Zeit. Und nichts würde ich lieber, als das Haus für seine Nutzerinnen und Nutzer eines Tages in Wohnungen umzubauen.“

Auffälligstes Mittel ist die terracottafarbene Holzfassade mit ihren schlanken, vertikal verlegten Latten aus Weißtanne sowie die verspielte, rokokohafte Bordüre aus insgesamt 720 Opferbrettern, die sich ganz oben wie Omamas Häkeldeckchen um das Haus legt. Ab und zu schummelt sich ein rundes Bullauge dazwischen. Kenner der Architekturgeschichte werden darin leicht ein Zitat auf das 1927 errichtete Ledigenheim im Münchner Westend erkennen, das Architekt Theodor Fischer als Antwort auf die damals schon dramatische Wohnungsnot geplant hat. Während Fischers Ledigenheim bis heute ein Auffangbecken für all jene ist, die für eine reguläre Miete in München nicht genug verdienen, landen hier, im roten Haus in der Lotte-Branz-Straße, all die anderen, die durch alle sozialen und kommunalen Netze gefallen sind.

Bei aller Liebe zu diesem wunderschönen Haus, zu der kleinmaßstäblichen Sympathie, zu den freundlichen Farben im Inneren, zum Leitsystem von Herburg Weiland mit seinen gelben, fast schon knuffigen Waffen- und Drogenverbotslogos macht sich hier auch ein Loch für die größte Kritik an diesem Projekt auf: In keiner anderen deutschen Stadt sind die Wohnkosten so hoch wie hier, jeder fünfte Münchner muss mittlerweile mehr als 45 Prozent seines Einkommens für die Kaltmiete aufwenden. Die Tatsache, dass die Stadt München selbst keine ausreichend großen innerstädtischen Flächenreserven mehr besitzt und mit dieser Einrichtung an den Stadtrand ausweichen musste, macht das strukturelle Problem nur noch sichtbarer.

„Das Übernachtungsangebot wird, wie man sich vorstellen kann, sehr gut angenommen“, sagt Markus Blaszczyk, Bereichsleiter beim Evangelischen Hilfswerk München. „Im Schnitt haben wir rund 450 Nächtigungen pro Tag, und natürlich mussten wir das Haus in weiser Voraussicht auf die Zukunft leider etwas überdimensionieren.“ Die Anerkennung beim BDA-Preis Bayern darf – jenseits der Grenze wie auch diesseits – als nicht nur architektonische, sondern vor allem auch sozialpolitische Denkanregung verstanden werden.

22. Februar 2025 Der Standard

Abrissbirne kaputtmachen!

Sanierungen und Renovierungen sind für die Immobilienwirtschaft teuer, langwierig und viel zu kompliziert. Abbruch und Neubau stehen daher an der Tagesordnung. Die EU-Bürgerinitiative House Europe! will das ändern – und sammelt nun Unterschriften für ein Umdenken im EU-Parlament.

Das sind sensationelle Pilotprojekte“, sagt der Berliner Architekt Olaf Grawert, Partner bei B+ Architektur. „Aber der immobilienwirtschaftliche Alltag sieht leider anders aus. Sanierungen, Renovierungen und Weiterbauen im Bestand sind immer noch die Ausnahme, stattdessen ist die gesamte Branche auf Abbruch und Neubau fixiert – und das, obwohl wir längst wissen, was für katastrophale ökologische und klimatische Folgen das hat.“ 38 Prozent der globalen CO2 -Emissionen sind auf den Gebäudesektor zurückzuführen. Hinzu kommt, dass die Errichtung und Vernichtung von Bauwerken 36 Prozent des europäischen Mülls produzieren. Im Vergleich dazu: Der Haushaltsmüll macht lediglich acht Prozent der EU-Müllberge aus.

„Die Zahlen sind alarmierend, und wenn sich an der Gesetzeslage nichts ändert, dann wird auch die Immobilienwirtschaft nicht umdenken“, so Grawert. Denn: „Investoren, Projektentwicklerinnen und Finanzdienstleister denken nicht in Gebäuden, sondern einzig und allein in Grundstücken. Unser Ziel ist es, die kapitalistischen Rahmenbedingungen auf EU-Ebene neu zu programmieren und gesetzlich neu zu verankern. Wenn das bei Einwegplastik geht, dann sollte das auch bei Einweghäusern möglich sein!“

Die Welt verändern

Mit seinem Büro B+ und zahlreichen Kolleginnen, Unterstützern und Botschafterinnen aus allen EU-Ländern initiierte er unlängst die EU-Bürgerinitiative „House Europe!“. Innerhalb von zwölf Monaten – bis einschließlich 31. Jänner 2026 – will die Initiative eine Million Unterschriften sammeln und auf diese Weise erzwingen, dass der Themen- und Gesetzesvorschlag im EU-Parlament behandelt und entsprechend ausgearbeitet wird.

„In der Immobranche hat sogar die Sprache eine einseitige Tendenz“, sagt Verena Konrad, Direktorin des Vorarlberger Architekturinstituts (vai) und Österreich-Botschafterin für House Europe!. „Im Neubau werden Potenzialanalysen erstellt, im Altbau hingegen spricht man von Risikoanalysen. Dieses Narrativ ist in den Köpfen vieler Menschen fest einzementiert. Das müssen wir ändern. Wir wollen, dass die Politik und die Immobilienwirtschaft das Potenzial bereits errichteter Gebäude anerkennen.“ Zum Beispiel mit einer Steuerreduktion bei Sanierungen und Renovierungen, wie das fallweise schon in Brüssel praktiziert wird.

„Mit House Europe! können wir die Welt verändern“, sagt Botschafterin Saskia van Stein, Direktorin der International Architecture Biennale Rotterdam. „Wenn wir es schaffen, entsprechende Gesetze zu erlassen und der Immobilienwirtschaft Incentives anzubieten, damit die Sanierung und Renovierung von Altbauten auch wirtschaftlich attraktiver wird, dann wird der Markt dieser Einladung folgen.“ Wenn sich legistisch jedoch nichts ändert und wir so weitermachen wir bisher, prognostizieren Forscherinnen bis 2050 innerhalb der EU eine Bestandsvernichtung im Ausmaß von 1,5 Milliarden Quadratmetern. Das ist die vierfache Fläche von Wien.

Jede Stimme zählt: houseeurope.eu

Haus Schreber, Aachen Eine Arbeitersiedlung im Norden der Stadt, eingebettet in eine Landschaft aus Backstein, Satteldächern und glücklich gemähten Rasenflächen. Allein, den Käufern – Familie Winkel mit drei Kindern – war das Siedlungshäuschen aus den 1920er-Jahren zu klein, und so kontaktierte man das Aachener Architekturbüro Amunt mit der Bitte um 50 Quadratmeter Erweiterung. „Warum ein abgenutztes, unpraktisches Bauwerk mit viel Aufwand abreißen?“, fragte sich Architekt Björn Martenson. „Es ist doch viel besser, das Haus umzunutzen, anders zu organisieren und für eine neue Zeit fit zu machen.“ Und so kam es dann auch. Das Weiterbauen wurde mit großformatigen, unverputzten Bimssteinen bewusst zur Schau gestellt. Das Haus wurde mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnet.

San Gimignano Lichtenberg, Berlin Mitten im Gewerbegebiet Lichtenberg wurde 1987 – bloß zwei Jahre vor der Wende – eine Fabrik für die VEB Elektrokohle errichtet. Bis zur Weltfinanzkrise 2008 stand die Fabrikhalle leer, doch mit dem Zusammenbruch der Bauwirtschaft entpuppte sie sich als wertvolles Rohstofflager: Die Stahlkonstruktion wurde abgetragen und weiterverwertet, die beiden Treppen- und Silotürme jedoch – 42 Meter hoch, 199 Stufen bis ganz nach oben – wären im Abbruch zu kostspielig gewesen und blieben als betonierte Zeitzeugen erhalten. 2021 nahm sich das Architekturbüro B+ der geheimnisvollen DDR-Ruine an und baute sie zu einem Kreativcluster mit Studios und Werkstätten um. Very rough! In der Namensgebung orientierte man sich an den mittelalterlichen Geschlechtertürmen in der Toscana.

De Flat Kleiburg, Amsterdam „Wir haben nach günstigem Eigentum gesucht“, erzählt Dick in einer coolen Wohnung im neunten Stock – mit grünem Samtsofa und ziemlich viel Kunst an der Wand. „Und dann sind wir in der Zeitung auf diese Anzeige gestoßen.“ Der Bauträger Kondor Wessels Vastgoed erwarb – entgegen allen Empfehlungen seitens der Stadt und der Immobilienbranche – den 400 Meter langen Betonbau aus den 1960er-Jahren und sanierte in Zusammenarbeit mit NL Architects und XVW Architectuur lediglich Fassade, Haustechnik und Allgemeinbereiche. Die 498 Wohnungen selbst blieben unberührt und wurden als Edelrohbau und Do-it-yourself-Bastlerhit verkauft – um 1200 Euro pro Quadratmeter. „Und hinter der Wohnungstür“, sagt Jacqueline, zweiter Stock, „konntest du dich austoben und machen, was du willst.“

25. Januar 2025 Der Standard

Eine Welt voller Volt

Am 26. Jänner ist International Day of Clean Energy: Die Errichtung von Photovoltaik-Anlagen steigt in Österreich exponentiell an, und das ist gut so. Was heißt das im Kontext historischer Dörfer und schützenswerter Altstädte?

Hans Peter Weis versteht die Welt nicht mehr. Vor ein paar Jahren haben ihm die Baubehörde und der unabhängige Gestaltungsbeirat gesagt, er solle das neue Vordach über dem Balkon in einem satten Ziegelrot decken, so wie all die anderen Dachflächen auf dem Haus, und nun, wo er auf das bereits errichtete Vordach nachträglich eine Photovoltaik-Anlage mit fünf Modulen draufsetzen will, um sich von der EVN ein bisschen unabhängiger zu machen, soll er das Blechdach plötzlich dunkelgrau streichen.

„Und jetzt muss ich mit meinen 70 Jahren“, sagt der pensionierte, aber immer noch rüstige Bergsteiger und Bergführer, „bevor die Photovoltaik-Monteure kommen, aufs Dach raufkraxeln, 15 Meter über der Ybbs, und die Blechdeckung neu lackieren, bloß damit die PV-Paneele nicht so stark in Erscheinung treten. Ganz ehrlich? Ich bin sehr dafür, dass man die Altstadt von Waidhofen schützt und das Altehrwürdige bewahrt. Aber dieses ganze Theater für so eine kleine Anlage? Da fehlt mir echt das Verständnis.“

Das PV-Projekt von Hans Peter Weis ist kein Einzelfall. Seit der Corona-Pandemie und vor allem seit Russlands Angriff auf die Ukraine hat die sukzessive Umrüstung auf solare Stromproduktion – ob auf Fassaden oder in der Dachlandschaft – in Waidhofen an der Ybbs deutlich zugenommen. So sehr, dass die Stadt und der zuständige Gestaltungsbeirat, dem der Autor dieser Zeilen als Mitglied angehört, beschlossen haben, einen vorübergehenden Baustopp zu verhängen und in dieser Zeit Schutzzonen zu definieren und zonenabhängige Bebauungsbestimmungen festzuzurren.
Richtlinien benötigt

„Die Errichtung von PV-Anlagen und damit auch die Kollisionspunkte zwischen neuen Technologien und historischer Architektur haben im gesamten Bundesland spürbar zugenommen“, sagt Peter Aichinger-Rosenberger, Amtssachverständiger für Baukultur in der Niederösterreichischen Baudirektion. „Vor allem im Denkmalschutz, im Ortsbildschutz, in städtischen Schutzzonen und im Unesco-Welterbe benötigt diese neue Form von baulichen Fragestellungen rechtliche und gestalterische Grundlagen.“ Einige Gemeinden wie etwa Melk, Krems oder Baden, so der Experte, hätten bereits gute Lösungen, andere sind gerade dabei, entsprechende Richtlinien auszuarbeiten.

In Wien soll die Photovoltaik von derzeit 250 Megawatt Peak bis 2030 auf ein Gesamtleistungsvolumen von 800 Megawatt ausgebaut werden. Das werde nicht ohne dezentrale Großanlagen und ohne Aufrüstung bestehender Altgebäude gehen, meint der Wiener Stadtbaudirektor Bernhard Jarolim und verweist auf die geplante 500 Quadratmeter große PV-Anlage auf der Staatsoper und auf die kürzlich installierte PV-Landschaft am Wiener Rathaus, die rund 13 Prozent des Rathaus-Strombedarfs abdeckt.

Graz ist in mehrere Schutzzonen unterteilt, die Schutzzone eins ist aufgrund des historischen Stadtkerns und der intakten Dachlandschaft nahezu sakrosankt. Wer hier eine PV-Anlage errichten will, erklärt der Stadtbaudirektor und Welterbe-Beauftragte Bertram Werle, der brauche ein positives Gutachten der Altstadtsachverständigenkommission (ASVK). Die baulichen und gestalterischen Möglichkeiten sind stark limitiert und beschränken sich vor allem auf Innenhöfe und nicht öffentlich einsehbare Bauteile.

Rasante Entwicklung

Noch strenger ist Salzburg, wo innerhalb der barocken Altstadt bis heute keine PV-Nachrüstungen genehmigt wurden. „Die Dachlandschaft der Innenstadt findet Erwähnung im Welterbe und ist von allen Hausbergen gut einsehbar“, sagt Eva Hody, Landeskonservatorin für Salzburg im österreichischen Bundesdenkmalamt. „Daher müssen wir hier besonders streng sein. Aktuell haben wir blendfreie Klebepaneele in Begutachtung. Ich denke, das könnte bald eine gut integrierbare Lösung werden.“

Für besonders sensible Bereiche bietet der Markt außerdem sogenannte Dünnschichtpaneele, die matt, blendfrei und in unterschiedlichen Farben erhältlich sind. Deren Nachteil ist die geringe solare Ernte, die weit unter dem Output eines klassischen, vollkristallinen Hochleistungsmoduls liegt.

In den letzten Jahren hat der PV-Ausbau in Österreich exponentiell zugelegt. Allein 2023 wurden 2600 Megawatt Photovoltaik neu installiert – so viel wie in Summe in den fünf Jahren zuvor. Laut E-Control und Klimaschutzministerium verfügt Österreich heute über etwa 8700 Megawatt netzgekoppelter Photovoltaik. Hinzu kommt eine nicht erfassbare Dunkelziffer von nicht einspeisenden Insellösungen.

„Es wird immer mehr, und das ist gut so“, sagt Markus Bischofer, Bürgermeister des Tiroler Vorzeigedorfs Alpbach. „Aber wir sind eine schöne, touristisch attraktive Gemeinde, und deswegen brauchen wir auch restriktive Vorschriften.“ Vor zwei Jahren wurden neue Bebauungsbestimmungen erlassen: Erlaubt sind ausschließlich matte Paneele in dachparalleler Schräglage. Alles andere ist strengstens untersagt. Wer ein Veto kriegt und sich dadurch ökologisch benachteiligt fühlt, kann in eine Gemeinschaftsanlage investieren, die Albach zu genau diesem Zweck ein paar Kilometer außerhalb errichtet hat. Ein gangbarer Weg zum internationalen Tag der sauberen Energie.

18. Januar 2025 Der Standard

„Holzbau ist keine Religion“

In der Architektur wird das Bauen mit Holz zunehmend ideologisiert: Holzbau super, alles andere pfui. Warum eigentlich? Ein holziges Nachdenkgespräch mit dem Vorarlberger Tischlermeister Markus Faißt.

In der Nachhaltigkeitsdebatte der letzten Jahre hat kein Thema so viele Emotionen hervorgebracht wie die Frage nach dem Baustoff. Zwischen Massivbau-Lobby und Holz-Aficionados ist eine Art Glaubenskrieg entstanden. Fragt sich nur: Warum fällt uns das Differenzieren so schwer? Und ist diese Entweder-oder-Diskussion überhaupt zielführend? Wir haben uns auf den Weg in den Bregenzerwald begeben, auf nach Hittisau, wo seit über drei Jahrzehnten Markus Faißt mit genau diesem emotionalisierenden Baustoff arbeitet. Ein Gespräch über Holz.

STANDARD: Ihre Adresse könnte kaum schöner klingen: Nussbaum 361. Ein Omen?

Faißt: Die schönste Adresse der Welt! Über dieses kleine Glück habe ich mich stets gefreut. Tatsächlich gab es hier in der Gegend früher mal viele Nussbäume.

STANDARD: Haben Sie ein Lieblingsholz?

Faißt: Mein Lieblingsholz ist ohne jeden Zweifel die Ulme, die hier zwar heimisch ist, aber aufgrund des Ulmensterbens leider immer seltener anzutreffen ist.

STANDARD: Warum gerade die Ulme?

Faißt: Kein anderes Holz ist so charakterstark wie die Ulme – mit vielen Farben, von einem zarten Beige über ein nussiges Rehbraun bis hin zu einem kernigen Graubraun, sehr warmen Nuancen, einer vielschichtigen, dynamischen, unregelmäßigen Ringzeichnung, mit vielen schönen Einschlüssen, noch dazu hart, robust, resilient.

STANDARD: Sie arbeiten mit Holz aus der Region?

Faißt: Ich verwende ausschließlich Holz aus dem Bregenzerwald. Im Winter geschlagen, abhängig von den Mondphasen, nach dem Schneiden jahrelang getrocknet und dann erst im Werk weiterverarbeitet. Für hochwertiges Holz benötigt man ein Jahr Trocknungszeit pro Zentimeter Brettstärke. Holzverarbeitung ist ein sehr langsames, langwieriges Geschäft – wie guter Parmesan, wie guter Prosciutto.

STANDARD: Warum soll das Holz im Winter geschlagen werden?

Faißt: Eine Baumfällung ist ein sehr aggressiver Akt. Im Winter sind das Holz und auch der ganze Wald in einer Art Winterschlaf: Die Vegetationskurve ist auf null runtergefahren, die oberste Schicht des Waldbodens ist trocken und im Idealfall gefroren, die Säfte im Stamm haben sich zurückgezogen, die Kapillargefäße sind verschlossen, die Rinde ist hart und robust. Auf diese Weise fügt man dem Wald als Biotop und dem Holz als geerntetes Produkt den geringsten Schaden zu.

STANDARD: Sie schlagen nach Mondphasen?

Faißt: Der Mond ist für mich in einer ziemlichen langen Kette verschiedener Faktoren ein Anteil, den ich mir angeeignet habe zu beachten. Das ist kein esoterischer Hokuspokus, sondern belegbare Erfahrungswissenschaft.

STANDARD: Von den Medien werden Sie oft als Holzpapst bezeichnet. Gefällt Ihnen die Zuschreibung?

Faißt: Ich weiß zu schätzen, dass die Worterfindung wahrscheinlich als Kompliment gedacht war, aber mir geht sie mittlerweile auf die Nerven. Fakt ist: Ich denke, handle und arbeite im Sinne einer ökologischen Nachhaltigkeit und regionalen Wertschöpfungskette – und das mitunter konsequent und kompromisslos, in einer krassen Diametralität jedenfalls zur industriellen Holzverarbeitung. Wenn diese Wertehaltung als päpstlich wahrgenommen wird, soll’s mir recht sein.

STANDARD: Diese Ideologie, die Ihnen immer wieder zugeschrieben wird, findet sich nun auch in der Architektur: Zwischen den puristischen Holzarchitekten und jenen, die in Hybridbauweise bauen und den Holzbau mit Stahl, Beton oder Ziegel kombinieren, ist ein Glaubenskrieg entstanden. Woher kommt dieser fast schon religiöse Fanatismus?

Faißt: Ja, das deckt sich auch mit meiner Beobachtung. Ich freue mich zwar immer, wenn ich von neuen Superlativen im Holzbau höre: das höchste Holzhochhaus! Das erste Holzhaus ganz ohne Beton! Oder die schnellste Baustelle dank Vorfertigung und Modulbauweise! Aber Superlative sind nichts für die breite Masse.

STANDARD: Sondern?

Faißt: Das sind tolle Projekte zum Ausprobieren, zum Experimentieren, zum Ausreizen der technischen, logistischen und ökologischen Grenzen – gerne mit Fehlern, Lernkurven und Entwicklungspotenzialen! Wir brauchen solche Denklabore! Wichtig, wichtig, wichtig! Aber wie jede Entwicklung, die in den Kinderschuhen, später im jugendlichen Sturm und Drang und schließlich in einer euphorischen, immer noch leicht naiven Adoleszenz steckt, müssen diese Experimente früher oder später wieder auf den Boden gebracht werden.

STANDARD: Worin äußert sich diese naive Adoleszenz?

Faißt: In der Polemik, die so polemisch ist wie die aktuelle Politik: Holz gut, Beton böse. Und nicht zuletzt im absoluten Irrglauben, dass man alles in Holz bauen muss.

STANDARD: Geht sich das überhaupt aus?

Faißt: Nein! Pro Jahr werden in Österreich rund 26 Millionen Festmeter Holz geerntet. Und das bei einem jährlichen Zuwachs von 29 Millionen Festmetern. Damit haben wir also noch elf Prozent Spielraum. Dann ist Schluss.

STANDARD: Laut Pro Holz Austria wird bereits ein Viertel der Baukubatur in Holz errichtet. Damit hat sich der Anteil innerhalb von 20 Jahren mehr als verdoppelt.

Faißt: Das freut mich zu hören. Nun sollten wir noch evaluieren, wo der Einsatz sinnvoll ist – und wo bloß dumm und dogmatisch.

STANDARD: Wo ist Holz sinnvoll?

Faißt: Erstens: überall dort, wo es verfügbar ist, bitte lokal und regional denken! Und zweitens: überall dort, wo das Holz möglichst lange im Primäreinsatz und danach hoffentlich nochmal so lange im Sekundäreinsatz ist – also in der Wiederverwendung, im Upcycling oder im Downcycling.

STANDARD: Was bedeutet „lange“ im Holzjargon?

Faißt: Wissen Sie, wie lange ein Baum wachsen musste, bis er gefällt werden kann? 80, 90, 100 Jahre! Mindestens so lange muss das Holz im Einsatz sein, um eine positive Bilanz zu erzielen. Überall dort, wo das Holz so exponiert, so ungeschützt und so unintelligent eingesetzt ist, dass man es nach 20 oder 30 Jahren schon wieder rausreißen muss, ist dies eine verantwortungslose Zerstörung dieser kostbaren Ressource. Darf ich mir was wünschen?

STANDARD: Bitte!

Faißt: Wir müssen endlich wegkommen von diesem ideologischen Wunschdenken. Holzbau ist keine Religion und keine Glaubensfrage. Wir brauchen dringend eine ökonomische Betrachtung, eine langfristige Bilanzierung, eine exakte, ehrliche Evaluation. Das ist der einzig gangbare Weg in die Zukunft.

STANDARD: Welche Trends sehen Sie auf uns zukommen?

Faißt: Auf konstruktiver Ebene wurde in den letzten Jahren schon viel experimentiert. Mit Erfolg. Die Belastbarkeit und Einsatzfähigkeit von Holz hat sich bei gleichzeitiger Reduktion von Gewicht, Volumen und Materialeinsatz seitdem deutlich reduziert. Ich bin davon überzeugt, dass wir in Zukunft noch einige chemische Erfindungen und Optimierungen erleben werden. In Anbetracht eines intelligenten Ressourceneinsatzes kann ich das – selbst als traditioneller Tischlermeister – nur begrüßen.

STANDARD: Ich habe Sie zu Beginn nach Ihrem Lieblingsholz befragt. Gibt es denn auch ein Holz, das Sie ganz und gar nicht mögen?

Faißt: Lange Zeit hat Buche die Liste meine Antipathie angeführt. Ich habe immer gesagt: Buchenholz, das ist die Thujenhecke der Tischler.

STANDARD: Und jetzt?

Faißt: Buche ist bei Tischlern und Architektinnen seit Jahren schon so dermaßen uncool und unbeliebt, dass wir heute auf tausenden Tonnen unverkaufter Buche sitzen – und das, obwohl das Holz fest, robust, günstig und mit der entsprechenden Behandlung auch ästhetisch ist. Daher will ich an dieser Stelle eine Lanze für die Buche brechen. Ich will, dass wir die Buche wieder lieben lernen.

Markus Faißt (62) lebt und arbeitet in Hittisau im Bregenzerwald. Er machte eine Meisterausbildung zum Tischler und übernahm 1993 die Holzwerkstatt seines Vaters. Er verarbeitet ausschließlich unbehandeltes Vollholz aus den regionalen Wäldern. 2024 wurde er als Unternehmer des Jahres ausgezeichnet.

3. Januar 2025 mit Maik Novotny
Der Standard

In zehn Schritten in die Zukunft

Wien arbeitet am Stadtentwicklungsplan STEP 2035. In die Öffentlichkeit dringt davon nur wenig. Daher haben wir bei Expertinnen und Experten nachgefragt, was sie sich davon erhoffen und was sie sich wünschen.

Stadtplanung

Ich wünsche mir vom Step 2035 eine Vision zur Transformation der Stadt, die den Bestand als Zukunftsressource betrachtet – mit grünen, attraktiven, gemischt genutzten Industrie- und Gewebearealen. Und mit Förderung lokaler Produktion, denn auch in der Innenstadt gibt es viele kleinere Betriebe, und die brauchen wir genau dort. Ich wünsche mir einen Gesamtplan für grün-blaue Infrastruktur, so wie in Hamburg und Rotterdam. Und ich wünsche mir eine Gesamtstrategie für Stadt und Region, denn das System Wien endet nicht an der Stadtgrenze.

Ute Schneider ist Professorin für Stadtplanung, TU Wien

Grünraum

In einem Dokument wie dem Stadtentwicklungsplan braucht es eine klare Strategie inklusive verbindlicher (und zu befolgender) Instrumente, die das urbane Grün mit anderen Freiraumfunktionen abstimmt und die eine gerechte Verteilung von Lebensqualität garantiert. Anzahl und Größe sind ausschlaggebend: Je größer und kompakter die Grünräume, desto wirksamer sind sie gegen Klimastress und Hitzeinseln. Und: Dort, wo vulnerable Bewohnerinnen und Bewohner darauf angewiesen sind, sind Neubau und Erhaltung von Grünräumen dringend voranzutreiben.

Lilli Lička ist Architektin, LL-L Landschaftsarchitektur

Stadtklima

Wien wird bald ein Mittelmeerklima haben, Extremereignisse werden sich häufen, und die Kapazitäten des Hochwasserschutzes bei Starkregen werden wahrscheinlich bald nicht mehr ausreichen. Je länger wir also zögern, desto radikaler werden die Maßnahmen sein müssen. Was ist zu tun? Schwammstadtbäume, Begrünung von Dächern, Berücksichtigung von Kaltluftströmen, Klimatisierung von Spitälern und Pflegeheimen etc. Wir müssen die Prozesse konkret definieren und befolgen – und nicht nur hie und da ein bisschen begrünen. Es geht nicht darum, was machbar ist, sondern darum, was nötig ist.

Matthias Ratheiser und Simon Tschannett sind Meteorologen und Geschäftsführer, Weatherpark Wien

Verkehr

Wien ist Vorzeigestadt in Sachen Öffis, Radfahren und Zu-Fuß-Gehen. Dennoch verursacht der Kfz-Verkehr einen großen Anteil am CO₂-Ausstoß – und benötigt dafür zwei Drittel des gesamten Straßenraums. Will die Stadt ihre Ziele bis 2040 erreichen, muss Parken teurer werden, müssen Radwege konsequent vermehrt, müssen gute Lösungen für den Mischverkehr gefunden werden – so wie aktuell am Beispiel Argentinierstraße. Was Wien leider noch nicht gut kann: improvisieren, ausprobieren, experimentieren. Die Klimakrise verlangt schnelle Maßnahmen, die rasch wirken. Hier kann Wien noch mutiger werden.

Andrea Weninger ist Geschäftsführerin, Rosinak & Partner

Architektur

Was in Wien fehlt, ist die Weiterentwicklung der dreidimensionalen Gestalt der Stadt. Ein riesiges Spektrum an Möglichkeiten bleibt unausgeschöpft. Ich wünsche mir die Radikalität des Roten Wien zurück. Alternative Modelle für Dichte. Mehr Öffentlichkeit und Zugänglichkeit. Eine Transformation der Bestandsstadt und ihrer Straßen. Und die Produktion in die Stadt zurückholen. Wir brauchen erlebbare Beispiele der vielen Möglichkeiten in allen Maßstäben. Und bitte keine Panik vor Höhe im Zentrum! Mit den Worten Ursula von der Leyens: Wir müssen dem Systemwandel ein Gesicht verleihen!

Anna Popelka ist Architektin, PPAG Architects

Wohnbau

Damit Wien nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis eine klimafitte Stadt der Zukunft werden kann, brauchen wir sofort Maßnahmen in Flächenwidmung und Bauordnung. Aber nein, stattdessen werden Gebäude und Baukultur nach wie vor unter einen Glassturz gestellt. Ohne innovativen Wohnbau, ohne innerstädtische Nachverdichtung, ohne echte Begrünungskonzepte und ohne Balkone und Schattenplätze werden wir immer mehr grüne Wiese verbauen müssen. Es läuft total verkehrt. Wir müssen um jeden Preis unsere Umwelt und unsere Böden schützen – und nicht nur mittelmäßige Altbauten in der hintersten Vorstadt.

Hans Jörg Ulreich ist Geschäftsführer, Ulreich Bauträger

Energie

Das Prinzip „Energieeffizienz first“ ist simpel: erstens Bedarf vermeiden, reduzieren und optimieren – und zweitens den Rest aus erneuerbaren Energiequellen decken. Dieses Prinzip führt zu nachhaltigen, CO₂-freien Lösungen bei Neubauten und Sanierungen und ermöglicht langfristige Planbarkeit. Was so einfach klingt und im Wiener Neubau längst zum Standard gehört, ist im Altbau leider hochkomplex. Für die klimaneutrale Stadt braucht es daher ganzheitliche Lösungen. Eine vorausschauende, in die Stadtentwicklung integrierte Energieraumplanung ist dazu ein wesentlicher Baustein.

Inge Schrattenecker ist stv. Generalsekretärin, ÖGUT Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik

Kreislaufwirtschaft

Gute Stadtplanung ist sich ihrer Materialisierung bewusst. Sie entwickelt Strategien für die Ver- und Entsorgung in Bau, Betrieb und Bestand – von den Stoffströmen bis hin zum Regenwassermanagement. Als Teil der Stadtproduktion ist das Bauen ein wesentlicher Emittent, daher muss für die Entwicklung einer klimawirksamen Kreislaufwirtschaft die CO₂-Bilanz völlig neu betrachtet werden. Eine klimapositive Stadtplanung verbindet die Reduktion von Verkehr und Emissionen mit Strategien der CO₂-Speicherung – und zielt langfristig auf die Stadt als CO₂-Senke ab.

Thomas Romm ist Architekt, forschen planen bauen, und Initiator, Baukarussell

Soziales

Für das Gefüge in der Stadt ist soziale Kohäsion essenziell. Dazu braucht es institutionelle Möglichkeitsräume, die als multifunktionale Hubs fungieren – als Lernorte und Treffpunkte, mit Kulturangeboten und für Austausch und zur Förderung von Talenten. Solche Orte können soziale Ungleichheiten abfedern und schaffen Ausgleich für jene, die auf beengtem Raum wohnen und wenig Chancen und Möglichkeiten haben. Zudem bieten sie im Hochsommer Kühlung für all jene, die unter den Risiken der Stadthitze leiden. Ein weiteres wichtiges Thema ist die klimaresiliente Umgestaltung des öffentlichen Raums als Wohnzimmer für alle.

Cornelia Dlabaja Stiftungsprofessur für nachhaltige Stadt- und Tourismusentwicklung, FH Wien, Sektionssprecherin Soziale Ungleichheit, ÖGS

Migration

Migration ist in Wien längst gelebte Realität. Über 50 Prozent der Jugendlichen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Das ist die Mehrheitsgesellschaft von morgen. Gleichzeitig sind 34 Prozent der Menschen nicht wahlberechtigt – ein tiefgreifendes Demokratiedefizit, das noch zunehmen wird. Umso dringlicher ist es, eine solidarische, zukunftsfähige Gesellschaft zu gestalten, in der echte Teilhabe für alle möglich ist, und die Stadt so zu planen, dass sie Räume eröffnet, die ein gemeinsames Sprechen, Diskutieren und Streiten fördert.

Ivana Pilić ist Kuratorin und Kulturwissenschafterin, D-ARTS

21. Dezember 2024 Der Standard

Wenn das Erdgeschoß parterre ist

Viele Geschäftslokale stehen leer. Mit dem Wegbrechen der Handelsstrukturen krankt auch das öffentliche Leben in der Stadt. Ein Weihnachtswunsch am letzten großen Einkaufssamstag.

Wir schließen!“ „Alles muss raus!“ „Attraktives Geschäftslokal zu vermieten!“ Auch wenn an den letzten Einkaufssamstagen vor Weihnachten die Menschen wie ausgehungerte Heuschrecken über die Innenstadt herfallen und ob ihrer mächtigen Zahl temporäre Verkehrssperrungen erzwingen, ändert das nichts an den aktuellen Entwicklungen innerhalb der Einzelhandelslandschaft: Selbst in zentral gelegenen Wiener Einkaufsstraßen wie Favoritenstraße, Landstraßer Hauptstraße und – angeblich „too big to fail“, wie die Immobilienwirtschaft immer wieder betont – Mariahilfer Straße hat der Leerstand massiv zugenommen.

„Viele Geschäftslokale stehen leer, die Schriftzüge sind demontiert, die Auslagen großflächig verklebt“, sagt Angelika Psenner, Professorin für Stadtstrukturforschung an der TU Wien, „und das macht was mit uns allen. Mit der Erblindung der Schaufenster, mit dem Verschwinden der Kommunikation zwischen innen und außen und mit dem Wegbrechen der sozialen Interaktion geht eine wesentliche Qualität des öffentlichen Raums und des Stadtparterres verloren.“

Dramatische Situation

Experten gehen davon aus, dass eine gesunde Leerstandsquote im Erdgeschoß, die eine gewisse Dynamik in den Gewerbestrukturen zulässt, um die drei Prozent beträgt. Alles unter fünf Prozent liege immer noch im grünen Bereich. In manchen großen, wohletablierten Einkaufsstraßen in den Wiener Innenbezirken jedoch beträgt der Leerstand aktuell 5,8 bis 6,2 Prozent, wie Roman Schwarzenecker, Prokurist im Beratungsunternehmen Standort + Markt, erklärt. Und da sind Ladenumbauten und Geisterbaustellen wie etwa das 20.000 Quadratmeter große Lamarr der insolventen Signa Holding noch gar nicht miteinberechnet.

Noch dramatischer ist die Situation im ländlichen Raum, in den kleinen Gemeinden und Bezirkshauptstädten, die Leerstände jenseits der 15 Prozent aufweisen und die den Kampf gegen Fachmarktzentrum, Shoppingcenter und Onlinehandel längst verloren haben. Viele bereits konvertierte Geschäftsflächen wie etwa die ehemalige C&A-Filiale in Wiener Neustadt, die – durchaus klug und nachahmenswert – 2017 in ein Ärzte- und Rehabilitationszentrum umfunktioniert wurde, scheinen in der Statistik der verlustig gewordenen Gewerbeflächen gar nicht mehr auf.

Ursachen und Wirkungen

Fragt sich nur: Was tun mit all den leeren Lokalen? Mit dieser großen Frage hat sich kürzlich eine Veranstaltungsreihe an der alten WU beschäftigt, die unter anderem von der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA), der IG Architektur, der IG Kultur Wien und der Allianz für Substanz organisiert wurde. Diskutiert und debattiert wurde über Ursachen und Wirkungen, über Fehlentwicklungen und rechtliche Versäumnisse, aber auch über Luftschlösser und Best-Practice-Beispiele.

„Wir können, sobald das klassische Erdgeschoß ausstirbt, nicht überall Garageneinfahrten, Self-Storage-Räume und Automatenshops einbauen“, sagt Philipp Buxbaum, Smartvoll Architekten. „Und auch der Bedarf an Pop-up-Stores und Coworking-Spaces ist enden wollend. Ich gehe davon aus, dass wir in Zukunft mit neuen, innovativen EG-Nutzungen zu tun haben werden, die wir uns heute noch nicht einmal ausmalen können.“ Umso wichtiger sei es, so Buxbaum, so offene, flexible Strukturen zu schaffen, dass sie später mit allen möglichen Funktionen bespielt werden können.

Beispielsweise mit Ateliers, Galerien, Wohnungen, Vintageläden, Repaircafés, Suppenküchen, Konfektmanufakturen, Knopfgeschäften, Metallwarenhandlungen, öffentlichen Service-Einrichtungen oder etwa Ausweichquartieren für Schulen, Kindergärten und Volkshochschulen. Oder mit Ärzten, Zahnärzten und orthopädischen Studios, die vor 20 Jahren schon das Erdgeschoß erobert haben und die auch heute noch nach barrierefreien Geschäftslokalen in guten B-Lagen Ausschau halten. Oder aber auch mit Mikrogewerbebetrieben, die auf nur wenigen Quadratmetern intelligente Mikrokonzepte realisieren.

„Und genau das ist die Krux an der Sache“, sagt Uli Fries, Geschäftsführer von Kreative Räume Wien. „Denn die Umnutzung von Erdgeschoßlokalen in Bestandsgebäuden ist leider stark überreglementiert. Die bau- und gewerberechtlichen Anforderungen sind so dermaßen hoch, dass sich junge Gewerbetreibende einen solchen Ausbau kaum leisten können. Damit werden viele Player vom Markt aktiv ausgeschlossen. Und das ist schade – nicht nur für die individuelle Biografie, sondern auch für das Kollektiv Stadt.“

Kreative Räume Wien fungiert als Schnittstelle zwischen Hauseigentümern, Vermieterinnen und Raumsuchenden. Rund 400 bis 500 Anfragen pro Jahr werden jährlich verzeichnet, immer öfter auch Raumanfragen von Schulen, Sozialträgern und Kultur- und Bildungseinrichtungen, doch nur ein Teil davon kann erfolgreich vernetzt werden. „Leider haben viele Eigentümer unrealistische Erwartungen, was die Mieteinnahmen betrifft. Mit dem zunehmenden Wegbrechen des Handels werden sie die Mieten nach unten korrigieren müssen – und einsehen, dass das EG nicht mehr die Cashcow ist, um den Wert der Immobilie zu steigern, so wie früher, sondern ein gutes Werkzeug, um die Lebensqualität eines ganzen Quartiers anzuheben.“

Kultur der Ermöglichung

Was es stattdessen brauche, so Stadtstrukturforscherin Psenner, sei eine Kultur der Ermöglichung, „denn wir leben in einer Großstadt, ohne mit allzu vielen Nachteilen einer solchen Metropole konfrontiert zu sein. Kaum ist es im Parterre um ein Dezibel zu laut, kaum gibt es irgendwo mal Speisegerüche, fühlen wir uns in unserem Sein und Wohnen gestört und greifen sofort zum Telefon. Wenn wir eine lebendige Stadt wollen, werden wir unsere Ansprüche und unser Mindset dringend überdenken müssen.“

In der Seestadt Aspern gibt es ein quartiersübergreifendes Erdgeschoßmanagement, das die Bauträger entlastet und die Programmierung und Vermietung in professionelle Hände auslagert. In einigen Städten wie etwa Götzis, Hohenems oder Klagenfurt sind bereits Kümmerer und Kuratorinnen im Einsatz, die sich um den richtigen Gewerbemix kümmern. Und im Quartier Latin in Paris und in der Amsterdamer Innenstadt springt sogar die Stadt in die Bresche und übernimmt die Anmietung von Lokalen, um wieder kleinteiliges Gewerbe ins Zentrum zurückzuholen.

Der freie Markt wird’s schon richten? Nein, das ist ein Wunschdenken. Jetzt liegt der Ball bei der Gesetzgebung und Stadtverwaltung. Und bei denen, die ihre Erdgeschoße strategisch leer stehen lassen und die Stadt damit dem Verfall preisgeben.

23. November 2024 Der Standard

Helden der Fassade

Wer sind all die Damen und Herren, die seit der Antike schon Erker, Gesimse und ganze Hausfassaden nach oben stemmen? Ein Spaziergang zu den Atlanten und Karyatiden, die vor allem in Wien der Stadt Körper und Gesicht verleihen. Soeben ist dazu ein vielseitiger Atlas erschienen.

Die Muskeln deutlich gezeichnet, angespannt und sehnig. Die Haut glatt und straff, kein Gramm Fett zu viel, über den Lenden ein luftig leichter Faltenwurf. Er mit aller Kraft die Tonnen von Stein und Ziegeln nach oben stemmend, sie indes mit Eleganz den Balkon stützend, ohne auch nur einen Millimeter aus der Körperachse auszuscheren. Wer sich im historischen Wien auf aufmerksame Suche begibt, der kommt nicht umhin, sie bald einmal zu Hunderten zu entdecken, eingeklemmt zwischen Sockeln und Gesimsen – die Atlanten und Karyatiden.

„Atlas, Telamon, Last-Träger ist eine Statue, so in der Architectur statt eine Säule das Gebälcke oder andere schwere Lasten, als gantze Decken, Welt-Kugeln u. d. g. tragen muß“, schrieb der deutsche Baumeister, Mathematiker und Architekturtheoretiker Johann Friedrich Penther anno 1744. „Man hat dieses von der Heydnischen Dichtung, welche dem Atlanti den Himmel auf die Schultern legt, angenommen. Artige Beyspiele von Atlantibus finden sich in dem Eugenischen Palast vor Wien, da selbst statt der Pfeiler ansehnliche Creutz-Gewölbe tragen müssen.“

Letztere freilich, vier an der Zahl, zieren die Sala terrena im Oberen Belvedere, in Auftrag gegeben von Prinz Eugen von Savoyen, errichtet in den Jahren 1714 bis 1723 nach Plänen von Johann Lucas von Hildebrandt. Ursprünglich war die Sala terrena noch ein stützenfreier Raum, doch schon bald kam es zu unerwarteten Setzungen, und so musste der Wiener Bildhauer und Stuckateur Santino Bussi nachträglich vier stützende Atlanten aus dem Stein hauen.
Stumme Giganten

„Mich fasziniert die schöne, sinnliche Muskelzeichnung dieser Figuren, aber auch die erotische, aber niemals sexistische Körperhaltung der Karyatiden, wie sie etwa an den Seitenportalen des Parlaments zu finden sind“, sagt der seit 1988 beim ΔTANDARD tätige Gregor Auenhammer, der Philosophie und Geschichte studierte und sich mit ebensolchem Blick schon seit Jahren durch Wien bewegt. „Im Barock, beim Ringstraßenbau und bis in die Gründerzeit hinein sind diese stummen Giganten, die eine tragende Rolle in Wien spielen, Teil des öffentlichen Stadtbilds. Sie verleihen der Stadt Körper und Gesicht.“

Um diese dienende Arbeit zu würdigen, begab sich Auenhammer zwei Jahre lang auf systematische Suche durch Wien, stöberte nach Hinweisen in Bibliotheken und Denkmalverzeichnissen, wanderte sich auf hunderten Straßen die Füße wund und presste seinen fotografischen Fund schließlich zwischen zwei Buchdeckel. Soeben ist der bildgewaltige (und manchmal auch etwas verbalbarocke) Atlas Wiener Atlanten, Hermen & Karyatiden im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen.

„Menschendarstellungen mit stützender Funktion gibt es schon seit der griechischen und ägyptischen Antike“, sagt Wolfgang Salcher, Wiener Landeskonservator im Bundesdenkmalamt. „Doch in der Hochblüte Wiens zwischen 1850 und 1900 – im Historismus, in der Rückbesinnung auf die Renaissance und in der Gründerzeit – wurden sie so vielfach produziert, dass sie im Wiener Stadtbild bis heute so präsent sind wie kaum irgendwo sonst.“

Was einst als Darstellung des Atlas begann, jenes Titanen also, der dazu verurteilt war, den Himmel auf seinen Schultern zu tragen, wurde in der Gründerzeit, so Salcher, zu oft massenproduzierten Avengers, Supermännern und anderen hochpotenten Helden in der Fassadenkomposition. Manchmal wurden die Figuren noch von Hand geformt und gemeißelt, in den meisten Fällen jedoch handelte es sich um vorfabrizierte Romanzement-Figuren und halbfertige Gussteile aus Gips, die man aus dem Katalog bestellen konnte.

„Das späte 20. Jahrhundert ist nahezu ausgestorben, was die Präsenz von menschlichen und mythologischen Gestalten in der Architektur betrifft“, so Salcher. Erst mit der Postmoderne findet die Figur zaghaft wieder Einzug ins Stadtbild. So auch am Karlsplatz an der Bibliothek der TU Wien, geplant von Justus Dahinden, in Form einer 18 Meter hohen Betoneule. Der animalische Atlant des Schweizer Bildhauers Bruno Weber spaltet bis heute die Gemüter. Für Salcher hingegen ist die TU-Bibliothek ein Objekt, das schon bald unter Denkmalschutz stehen könnte.

„Das Verschwinden der schwer tragenden Tiere und der geknechteten, fast schon versklavten Männer und Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat nicht nur mit einem sich verändernden Architekturbegriff zu tun“, meint die Wiener Architektur- und Kunsthistorikerin Ingrid Holzschuh, „sondern ist auch Ausdruck eines kulturellen und gesellschaftspolitischen Wandels.“ In der fortschreitenden Demokratisierung der Gesellschaft und Emanzipation des einzelnen Individuums hätten Atlanten und Karyatiden keinen Platz mehr.

Und manchmal scheinbar doch. An der Ecke von Rohanské Nábřeží und Wittgensteinova im Prager Stadtteil Karlín steht eine siebengeschoßige, 24 Meter große Frauenskulptur, die mit ihren Armen das kürzlich errichtete Luxuswohnhaus Fragment umfasst und die tetrisartigen Würfel auf diese Weise scheinbar vor dem Auseinanderfallen bewahrt. „Architektur und Skulptur haben im Laufe der Baugeschichte immer schon eine symbiotische Rolle gespielt, und auch damals schon handelte es sich in den meisten Fällen um eine Art Corporate-Kunst“, sagt David Wittasek, Architekt im Prager Büro Qarta. „Der Auftrag der Bauherren an den Künstler David Černý knüpft an genau diese Tradition an.“

Shitstorm für „Lilith“

Dass die aus poliertem Edelstahl zusammengeschweißte, sexistisch überzeichnete Plastik ausgerechnet auf den Namen Lilith hört – Adams erste Frau im Garten Eden, mythologische Symbolfigur für Freiheit und Gleichberechtigung der Frau –, hat in Medien und Fachkreisen zu einem Shitstorm geführt. „Provokation ist das Recht jedes bildenden Künstlers“, sagt Helena Huber-Doudová, Architekturkuratorin in der Nationalgalerie Prag. „Doch diese Darstellung des weiblichen Körpers ist vorgestrig und erinnert in ihrer hormonellen Überzeichnung an Comicfiguren der 1950er-Jahre. Das hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun, das ist ein Affront gegen alle, die sich in der Gesellschaft nicht als Cis-Männer positionieren. Willkommen im Mittelalter!“

Lilith ist so gesehen eine Botin der gesellschaftlichen, globalpolitischen Umbrüche, mit denen wir aktuell konfrontiert sind. Die Versklavung der menschlichen Figur zur Lastträgerin autokratischer Weltengebäude ist nach hundertjähriger Absenz wieder nähergerückt. Gregor Auenhammers Atlas gibt Einblick und Erkenntnisse.

[ Buchpräsentation am 21. Jänner 2025 im Ahnensaal der Hofburg Wien, Einführung: Christoph Bazil, Präsident des Bundesdenkmalamts, 19 Uhr ]

16. November 2024 Der Standard

Willi wird’s schon richten

Eine Bauernhofruine aus dem 19. Jahrhundert. Was tun? Wilhelm Buchhammer kaufte den Tiroler Hof, verzauberte ihn in ein Schmuckstück – und bekam dafür den Österreichischen Bauherrenpreis 2024.

Der Willi, muss man wissen, ist nicht nur Installateur, was er früher mal erlernt hat, sondern auch Gastwirt unten im Inntal und Vermieter von Ferienwohnungen. Vor allem aber ist er Brotbäcker, Fischzüchter, Schnapsbrenner, Baggerfahrer, Baumeister, Schalungsbauer, Betonierer, Tischler, Fliesenleger, Trockensteinmaurer, Kalklöscher, Kalkverputzer und Dachstuhlzimmermann.

„Der Willi ist echt ein Wunderwuzziwilli“, sagt Architekt Harald Kröpfl, der ein kleines, aber hochbeglückendes Architekturbüro in Landeck betreibt und sich damit für die Ortskernrevitalisierung im Tiroler Oberland starkmacht. „Von so einem Bauherrn habe ich ein Leben lang geträumt. Und von so einem alten Bauernhof hoch oben am Berg wie hier im Kaunertal, von so einer historischen Herausforderung sowieso! Das war durch und durch ein Traumprojekt – von der ersten Skizze vor Ort bis zum ersten übernachtenden Gast.“

Besagter Willi, Wilhelm Buchhammer, wie er im Grundbuche steht, hat ein Herz für alte Bauernhöfe. Als er vor ein paar Jahren erfuhr, dass jener 1890 errichtete Milchbauernhof in Martinsbach, den er schon seit Kindheitstagen kannte, der Gemeinde ein Dorn im Auge war und eigentlich abgerissen werden sollte, fasste er sich ein ebensolches und kaufte die morsche Stein- und Blockhausruine mitsamt zehn Hektar Bergland. Die erste Idee war, die Revitalisierung zum Hobby zu machen, sich ein paar Jahre lang bastelnd durchs Haus zu wüten und es Stein für Stein, Balken für Balken zu ertüchtigen.
Schwieriger Alleingang

„Es sind schon so viele historische Bauernhöfe verschwunden“, sagt Willi, 51 Jahre alt, „nicht noch einer! Vielleicht bin ich ja a bissl sentimental, aber ich wollte meinen Beitrag leisten, um die Geschichte zu bewahren und diese prächtige, ortstypische Tiroler Architektur den nächsten Generationen zu übergeben.“ Und irgendwann, meint er, habe er gemerkt, dass das im Alleingang nicht gehen würde, dass das alles doch nicht so einfach war, wie er sich das vorgestellt habe. Ein Plan musste her. Und am besten ein Architekt noch dazu. Über Empfehlungen kam er schließlich zum Kröpfl Harry.

„Der wusste, was ich will, der hat mich von Anfang an verstanden“, erzählt er. Und so startete eine jahrelange Partnerschaft mit ziemlich wenigen am Computer gezeichneten Plänen und ziemlich vielen Vor-Ort-Gesprächen und Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Da ein morscher Balken, der ersetzt werden musste, dort eine eingestürzte Zwischendecke, die nun zu rekonstruieren war, und zwischendurch musste das Haus hangseitig, auf der Neaderseite, wie man im Oberland sagt, mittels Winden per Handkurbel um 20 Zentimeter angehoben werden, damit es wieder im Lot steht, „aber bloß keinen Zentimeter zu viel, sonst hätte es gerumpelt“.

Das Aufmauern mit Natursteinen, sagt Willi, habe er sich selbst beigebracht, das Betonieren und Stocken des Mauersockels ebenso, und auch das Schlämmen des talseitigen Mauerwerks mit selbst gelöschtem Kalk, unten im Faggenbach, eine ziemlich ätzende Angelegenheit, war selbstmännische Ehrensache. „Am Ende war die Fassade dann halt schon a bissl sehr weiß. Hat in den Augen so richtig geblendet. So konnte das nicht bleiben!“ Die darauffolgende Sanierungsaktion umfasste eine Schwarztee-Kur und mehrfaches Einpinseln mit ebenjenem aufgebrühten Blättersaft. „Einen Tag lang auf dem Gerüst stehen und die Außenwände mit Tee bemalen, und schon hat’s gepasst.“

Jahrelanger Wahnsinn

Für den jahrelangen Wahnsinn, für das unerbittliche Engagement auf Auftraggeberseite wurde Wilhelm Buchhammer gestern, Freitagabend, mit dem Österreichischen Bauherrenpreis 2024 ausgezeichnet. Der seit 1967 jährlich verliehene Preis holt ausnahmsweise mal nicht die Planer und Architektinnen vor den Vorhang, sondern jene Menschen, die das Risiko eingehen und das Geld in die Hand nehmen, um ebensolche Projekte, um ebensolche Visionen zu realisieren. Der von der Zentralvereinigung der Architekt:innen Österreichs (ZV) ausgelobte Preis ist der älteste und konsequenteste seiner Art weltweit.

„Das Verschwinden bäuerlicher Strukturen wird häufig beklagt, aber selten verhindert“, erklärt Gabriele Kaiser, Architekturhistorikerin und eine der Jurorinnen des Bauherrenpreises. „Hier hat ein privater Bauherr mit großer Passion für das Kulturerbe der Region die Initiative ergriffen und einem verwaisten, brachliegenden Hof neues Leben eingehaucht – mit liebevollen Details, mit Riemenböden, Holzbalkendecken, getäfelten Kammern und Möbeln und Öfen aus der damaligen Zeit, unprätentiös und ohne Hang ins Museale.“ Hinzu komme, so Kaiser, die Kontaktaufnahme mit dem Bundesdenkmalamt und dem Tiroler Landeskonservator und die proaktive Unterschutzstellung des Hauses.

Der Willi lacht. „Jetzt kann das Ding nie wieder zerstört oder abgerissen werden, und ich glaube, das ist gut so. Jetzt muss ich noch den Kredit abbezahlen und die Schulden loswerden.“ Man kann ihn dabei unterstützen. Die drei Ferienwohnungen sind ganzjährig buchbar. Eine Reise in eine Welt mit knarrenden Holzböden, schwarzen Bakelit-Schaltern und Wänden, die man streicheln will.

7 ausgezeichnete Häuser

Neben dem Buchhammerhof in Martinsbach wurden folgende sechs Projekte mit dem diesjährigen Bauherrenpreis gewürdigt: Einfamilienhaus mit Schilfdach in Weiden am See: Marina Rosa und Jacobus von Hoorne (Arch. Gilbert Berthold). Wohnprojekt Auenweide in St. Andrä Wördern: Verein Wohnprojekt Wördern, Markus Spitzer (einszueins architektur). KinderKunstLabor in St. Pölten: Stadt St. Pölten, Matthias Stadler, Wolfgang Lengauer, NÖ Kulturwirtschaft GmbH, Martin Maurer, Mona Jas (Schenker Salvi Weber Architekten). Drauforum in Oberdrauburg: Marktgemeinde Oberdrauburg, Stefan Brandstätter (Arch. Eva Rubin). Ágnes Heller Haus, Universität Innsbruck: BIG Bundesimmobiliengesellschaft, Leopold-Franzens-Universität (mohr niklas architekten). Neue Bürowelt Haberkorn in Wolfurt: Haberkorn GmbH, Wolfgang Baur, Andrea Sutterlüty (Nona Architektinnen).

5. November 2024 deutsche bauzeitung

Gemeindebau H4 in Wien

Im Stadterweiterungsgebiet Seestadt Aspern hat WUP architektur mit geringen Mitteln einen Wiener Gemeindebau mit besonders günstiger Miete errichtet. Das Projekt mit kostengünstigen Baustoffen und repetitiven Elementen lagert die Frage von Wertschätzung und Ästhetik in den Bereich sozialer Kompetenz aus.

Die einen denken an Großmutters 48-teiliges Lilienporzellan, eine pastellfarbene Erbschaft aus den 1950er Jahren, die anderen an frisch angemischtes Vanille-, Erdbeer- und Pistazieneis. Fragt man die planenden Architekt:innen, so bezeichnen sie die in Gelb, Grün, Grau, Hellblau und Ziegelrot gestrichene Fassade als Reminiszenz an historische, längst denkmalgeschützte Gemeindebauten, konkret als Zitat auf Karl-Marx-Hof (von Architekt Karl Ehn, eröffnet 1930), George-Washington-Hof (von den Architekten Karl Krist und Robert Oerley, fertiggestellt1930) und den prächtigen, weithin sichtbaren Reumannhof (von Architekt Hubert Gessner, fertiggestellt 1926) – an jene Zeiten also, als die Vermählung von wenig Geld und viel Schönheit noch kein Widerspruch war, sondern als hohe Tugend gemeinnützigen Wohnens angesehen wurde.

Der mit Gemeindemitteln errichtete Wohnbau in der Seestadt Aspern, direkt am neu angelegten, 30 000 m² großen Elinor-Ostrom-Park gelegen, ist das nunmehr siebte realisierte Projekt der Gemeindebau-Neu-Offensive, die die Stadt Wien vor wenigen Jahren aufgenommen hat. 2023 – also genau 100 Jahre nach Einführung der Wiener Wohnbausteuer – wollte die Wiener Gemeindewohnungs-Baugesellschaft (WIGEBA) in Zusammenarbeit mit WUP architektur ein Exempel statuieren und entwickelte ein sozial wie auch funktionstechnisch nachhaltiges Wohnmodell für Menschen mit kleinem Portemonnaie und großem Zimmerbedarf.

»Im Grunde genommen knüpft der Gemeindebau Neu nahtlos an die Werte des Roten Wien an«, sagt Andreas Gabriel, Partner bei WUP architektur. »Damals wie heute sind wir im günstigen Preissegment mit hoher Wohnungsnot konfrontiert, und damals wie heute ist eine der wichtigsten Aufgaben die Schaffung billigen, leistbaren, bezahlbaren Wohnraums für eine möglichst große Zahl an Menschen.« Die niedrigen, gedeckelten Baukosten ermöglichen am Ende eine Mietbelastung von nur 7,50 Euro /m² – ohne Eigenmittel, ohne Kaution, ohne Befristung.

Und schon auf den ersten fachkundigen Blick ist ersichtlich, dass WUP architektur gar nicht erst versucht hat, mit den geringen zur Verfügung stehenden Geldmitteln eine Skulptur oder irgendeine programmatische Architekturikone auf die Beine zu stellen. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Projekt, sobald man die Balkonplatten und das verspielte Farbkleid gedanklich entfernt hat, eine banale, komplett durchstandardisierte Betonkiste mit minimaler Außenfläche und maximaler Kubatur. Und mit tragenden Außenwänden und zwei tragenden, mittig angeordneten Innenwänden wie anno dazumal in der flexiblen, viel beschworenen Gründerzeit.

Kostengünstig und durchdacht

»Der Kostendruck im Gemeindebau ist enorm«, so Gabriel. »Also haben wir beschlossen, in der Bauweise und in den Materialoberflächen bewusst zu sparen. Wir haben klassische Baustoffe verwendet und haben die Palette an unterschiedlichen Bauprodukten so klein wie nur möglich gehalten.« Konkret bedeutet das: Stahlbeton, WDVS-Fassade mit Polystyrol und synthetischem Putz, einheitliche Kunststofffenster, einfache Laminatböden in den Wohnräumen sowie verzinktes, unlackiertes Stabgeländer an den Balkonen. Das geht so weit, dass selbst im Treppenhaus die Außenwandkonstruktion und das immergleiche Fensterformat ohne Variation durchgezogen wurde und man – auf dem Halbpodest stehend – in Augenhöhe direkt auf einen Betonkämpfer zuläuft. Das nennt man dann Konsequenz.

Doch wo an einer Stelle gespart wird, kann an anderer Stelle Hochwertiges entstehen. Im Falle des Gemeindebaus H4, ganz nüchtern und uncharmant nach der Grundstücksnummer im neu erschlossenen Quartier Am Seebogen bezeichnet, schlagen die Werte weniger im Materiellen als vielmehr im Funktionalen, im Alltäglichen, im allzu Menschlichen zu Buche: Das Balkonband ist rundumlaufend angelegt, jede Wohnung verfügt über eine 2,50 m tiefe Aufweitung, die man auch mit Tisch, Outdoor-Sofa oder Hollywood-Schaukel möblieren kann, zudem kann man aus jedem einzelnen Zimmer durch ein französisches Fenster, das die Belichtungsfläche bei gleichzeitiger baulicher Verschattung auf ein Maximum erhöht, an die frische Luft hinaustreten.

»Meistens fragt man sich, was man selbst für schön hält und wonach man sich im Wohnen sehnt«, meint Bernhard Weinberger, die andere Hälfte der WUP-Geschäftsführung. »Doch bei diesem Projekt haben wir uns als Architekten und Gestalter zurückgehalten. Wir haben uns die Frage gestellt: Was wünschen sich die Mieterinnen und Mieter? Und wie definieren sich Träume und Schönheit, wenn man nur ein geringes Wohnbudget zur Verfügung hat und auf eine gestützte Gemeindewohnung angewiesen ist?«

Die Antwort darauf findet man in sehr cleveren, durchdachten Grundrissen mit einer Sanitäreinheit in der Mitte und der Möglichkeit, selbst in den kleinsten Zweizimmerwohnungen im Kreis laufen zu können. Ein Drittel der insgesamt 74 Wohnungen ist sogar mit raumhohen, in die Wand integrierten Schiebewänden ausgestattet. »Wir denken weniger in Zimmern und mehr in Nutzungsbereichen«, meint Weinberger. »Je nach Bedarf können diese Bereiche unterschiedlich genutzt werden, sind mal zum Wohnen, mal zum Schlafen, mal zum Arbeiten da.«

Damit erklären sich auch die große Tiefe der Wohnungen und die schmalen, aber langen Schlafzimmer mit jeweils zwei Zugängen und zwei getrennten elektrischen Schaltkreisen: Falls gewünscht, können die Zimmer mit Vorhängen, Raumteilern oder raumhohen Schrankwänden abgetrennt werden und schaffen auf diese Weise Platz zum Arbeiten im Homeoffice oder für das Patchworkkind, das am Wochenende zu Besuch kommt. In den schematischen Grundrissen und Nutzungsszenarien, mit denen sich WUP architektur in einem zweistufigen Konkurrenzverfahren gegen die Mitstreiter:innen durchsetzen konnte, lässt sich die soziale Kenntnis der Planer:innen, die über das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Modell weit hinausreicht, mit einiger Gender-Ironie ablesen – samt Bügelbrettern, Kraftkammern und Modelleisenbahnen.

Wir sind zu Besuch im dritten Stock. Als sich die Wohnungstür öffnet, erscheinen zwar keine Alleinerziehenden mit Kind und Kegel an der Hand, dafür aber Margarethe und Herbert Stoklassa mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht, sie 74, er 86 Jahre alt. »Wir sind keine Patchwork-Familie, und auf konzentriertes, ungestörtes Arbeiten im Homeoffice sind wir in unserem Alter auch schon lange nicht mehr angewiesen«, sagen die beiden, »aber von diesem großartigen Grundriss profitieren auch wir! Unglaublich, wie die Architekten das gemeistert haben!«

Schon gehen die beiden im Kreis spazieren, öffnen und schließen die beiden Schiebetüren zwischen Küche, Wohnzimmer und Schlafbereich, der sogar über eine kleine Bibliothek und Computerecke verfügt. Dank des offenen Grundrisses und der drei großen französischen Fenster wirkt die 52 m² große Miniwohnung um gute 10 m² größer, als sie ist. »Die Schiebetüren sind ein Hit, oder? Meistens stehen die Türen eh offen, dann ist es, als würden wir in einem kleinen Loft wohnen. Nur wenn wir einen Disput haben, um es vornehm zu formulieren, was ohnedies selten passiert, machen wir die Schiebetüren zu und haben Ruhe voneinander.« Das ist, ganz im Alltag angekommen, sozialer Wohnbau at its very best.

Bernhard Weinberger hat Freude mit seinem Haus, deutet auf die farbigen Korridore, die die Lilienporzellan-Farben in abgesofteter Weise im Inneren wieder aufgreifen, auf die einfachen, aber effizienten Beschriftungen an den Glasscheiben, in mal lesbarer, mal spiegelverkehrter Schrift, auf den Fahrrad-Abstellraum mit direkter Hinausfahrmöglichkeit in den Hof. »Sind wir stolz auf Plastikfenster, EPS-Wärmedämmung und Pseudo-Parkettboden, der eigentlich nur aus bedrucktem, laminiertem Papier besteht? Nein! Aber wir sind stolz darauf, dass uns unter diesen widrigen finanziellen Umständen ein Wohnhaus mit dieser sozialen Qualität gelungen ist.«

Trotz Erdöl-Derivaten und massenindustrieller Stangenware, die in ihrer Produktion wohl alles andere als superfair und superbio ist, hat es der Gemeindebau H4 geschafft, für den Österreichischen Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit 2024 nominiert zu werden. Ein starkes Zeichen.

25. Oktober 2024 Der Standard

Mit einer knallweißen Permanenz

17 Jahre lang war die Institution heimatlos, nun ist es endlich so weit: Heute, Freitag, 25. Oktober, wird das Museum moderner Kunst in Warschau eröffnet. Der Megabau präsentiert sich als nach außen gestülpte White Box.

Alles ist weiß. Ein kaltes, distanziertes, fast schon abstoßend klinisches Weiß in den Augen. Weiße Säulen, weiße Wände, weiße Plafonds in den Arkadengängen. Hinzu kommen die Portale und Fluchttüren aus Edelstahl, die antibakterielle Ästhetik einer Kühlkammer, eines industriellen Schlachthofs ausstrahlend. Und schließlich die vielen LED-Linien im Foyer und auf den Galerien, wie gleißende Lichtschwerter den Raum durchschneidend. Einfach nichts an diesem Haus ist warm, sinnlich, einladend – und doch kann man nicht anders, als hinzugreifen und den samtigen, perfekt gegossenen Beton zu streicheln und nicht mehr loszulassen.

„Die Ambivalenz aus diesem Eiskalten und diesem doch irgendwie Wohlig-Warmen ist schon verblüffend, oder? Kommen Sie, ich zeige Ihnen meinen Lieblingsort!“ Wenige Schritte und Höhenmeter später steht Joanna Mytkowska, Direktorin des neuen Warschauer Museums moderner Kunst, im Stiegenhaus im zweiten Stock, auf der einen Seite eine expressionistische Treppenlandschaft offenbarend, wie mit dem Skalpell aus dem Beton herausgeschnitzt, auf der anderen Seite – durch ein 19 Meter breites und fünf Meter hohes Panoramafenster – der Blick auf den stalinistischen Kulturpalast, der in den 1950er-Jahren im sowjetischen Klassizismus errichtet wurde und seitdem 237 Meter hoch in den Himmel ragt.

Das Muzeum Sztuki Nowoczesnej (MSN) ist das nunmehr fünfte und letzte Museumsprojekt, das sich die polnische Regierung mit dem EU-Betritt 2004 als Hausübung selbst auferlegt hatte. Nach dem Museum der Geschichte der polnischen Juden, dem Museum des Warschauer Aufstands, dem Museum der polnischen Geschichte und dem Museum der polnischen Armee – die beiden letzteren wurden im Sommer 2023 eröffnet, wiewohl mangels Geldmittel und kuratorischen Ausstellungskonzepts bis heute nur teilweise in Betrieb – gilt die Aufmerksamkeit nach zwei Jahrzehnten EU-Mitgliedschaft nun der zeitgenössischen Kunst.

„Wir hatten einen sehr, sehr langen Atem“, sagt Mytkowska, die früher, bevor sie der Einladung nach Warschau gefolgt ist, als Kuratorin am Centre Pompidou in Paris tätig gewesen war. „Die Institution haben wir 2007 gegründet, doch bislang hatten wir nie ein eigenes Haus.“ Zu Beginn war das heimatlose Kunstmuseum in einer historischen Villa am Stadtrand eingemietet, danach für einige Jahre im luftig-leichten Nachkriegsmöbelhaus Emilia, ehe dieses an einen Privatinvestor verscherbelt und abgerissen wurde, zuletzt in der temporären Berliner Kunsthalle des Wiener Architekten Adolf Krischanitz, die nach dem Abbau an der Spree an die Weichsel übersiedelte.

„Doch damit war die Odyssee noch lange nicht zu Ende“, erinnert sich Mytkowska. „Es hat sage und schreibe drei Wettbewerbe gebraucht, bis wir endlich bauen konnten. Eine Blamage für uns!“ Der erste Wettbewerb verstieß gegen die EU-Vergabeordnung und musste noch in der Ausschreibungsphase abgeblasen werden. Der zweite Wettbewerb kürte den Schweizer Architekten Christian Kerez zum Sieger, dessen radikal minimalistisches Projekt jedoch an den hohen Baukosten, an den Hassprotesten der Bevölkerung sowie an den damals noch ungeklärten Eigentumsverhältnissen des Standorts scheiterte. Der dritte Wettbewerb 2014 schließlich führte zum langersehnten Erfolg – und damit zum Sieg des New Yorker Architekten Thomas Phifer. Heute, am 25. Oktober, wird das Ding nach fünfjähriger Bauzeit feierlich eröffnet.

100 Meter lang, 40 Meter breit, 23 Meter hoch: Wie eine überdimensionale iPhone-16-Verpackung aus weißem, matt cellophaniertem Karton mit harten, eckigen Kanten legt sich das Museum moderner Kunst vor die Skyline des Kulturpalasts, direkt an die dicht befahrene Ulica Marszałkowska. Hier wird gar nicht erst gekleckert, hier wird in gigantischen Maßstäben geklotzt. Ohne jegliche Verspieltheit im Kleinen, dafür in dutzend Meter langen Schnitten und morphologischen Volumensubtraktionen auf Makroebene. Der Architekt selbst spricht von „visueller Permanenz“ und einer neuen „Kunstmasse“ im Herzen der Stadt.

Allerhöchste Güte

Was aussieht wie weißer Putz oder wie eine weiß getünchte Oberfläche, ist in Wirklichkeit Sichtbeton aus Weißzement, weißen Zuschlagstoffen und fein gemahlenem Titan, angemischt und durchgerüttelt in allerhöchster Güte. Um eine möglichst hohe Präzision zu gewährleisten, wurde auf dem Grundstück nebenan eine temporäre Feldwerkstatt errichtet, sodass Tischler und Handwerkerinnen die Betonschalungselemente direkt vor Ort anfertigen und in Millimeterarbeit umbauen und adaptieren konnten. Die Baukosten belaufen sich auf 700 Millionen Złoty, rund 162 Millionen Euro.

„Das Prinzip der White Box, reduziert und entsättigt, ist nichts Neues“, sagt Architekt Thomas Phifer, mit einer glücklichen Ruhe durchs Haus schreitend. „Doch nicht nur das. Wir wollten darüber hinaus Fassade und Innenraum nicht als zwei getrennte Elemente auffassen, sondern vielmehr als eine holistische Megaskulptur. Also haben wir die White Box einfach nach außen gestülpt.“ Das Bild, so Phifer, sei durchaus passend, denn so könne sich die politische, wirtschaftliche und baukulturelle Renaissance Warschaus, die er gerade beobachte, vor dem Hintergrund einer White Box als künstlerischer Moment präsentieren.

„Die ersten 17 Jahre in meiner Rolle als Direktorin des Museums moderner Kunst war ich eine Obdachlose, auf der Suche nach einem eigenen Haus“, sagt Joanna Mytkowska. „Ich denke, die Arbeit hat sich ausgezahlt.“ Die Sammlung wurde seit 2007 kontinuierlich aufgebaut – zum Teil mit finanzieller Hilfe und kuratorischer Unterstützung der österreichischen Erste Stiftung – und umfasst heute an die 1000 Werke. Die erste große Ausstellung wird den Titel Impermanent tragen, verrät die Direktorin. „Eine Anspielung auf unser bis dato unbeständiges Nomadentum. Diese Zeiten sind endlich vorbei.“

19. Oktober 2024 Der Standard

Klingeling, Haus Nummer 4711

Immer mehr Menschen wollen auch im hohen Alter selbstbestimmt und in lustiger Gemeinschaft wohnen. Das ist ein Auftrag an Politik, Architektur und Wohnungswirtschaft. Zu Besuch bei Elisabeth, Georg, Maria, Freya und Iris.

Es gibt Mohntorte mit Himbeeren und Biskuitroulade mit Marillenmarmelade, dazu einen ganzen Becher frischen Schlagobers. Und eine gehörige Portion Zensur auf den Artikel. „Sie dürfen alles schreiben, was wir Ihnen erzählen und wovon Sie sich selbst ein Bild machen konnten“, sagt die Frau mit dem roten Pulli und dem roten Schal. „Wir freuen uns über jede Publikation, die dem Thema dienlich ist, aber wehe, wir lesen in der Zeitung unser Alter! Schreiben Sie einfach, dass wir bereits reichlich Lebenserfahrung haben.“

Nun denn, von links nach rechts: Elisabeth Kaposi, Georg Barta, Maria Steiner, Vereinsobfrau Freya Brandl und Iris Schmiedbauer sind nicht mehr die Jüngsten. Aber als sie es noch waren, damals, vor zehn Jahren, entstand die Idee, eines Tages eine Art Alters-WG zu bewohnen, mit Menschen in ihrem dritten Lebensalter, Tür an Tür unter ihres- und seinesgleichen, so wie in all den zuvor besichtigten Senioren-WGs in Berlin, in Schottland, in den Niederlanden – und so gründete man gemeinsam den Verein Kolokation.

Zu Beginn noch machte man sich auf die Suche nach einem Altbau, nach einer großen Gründerzeitwohnung oder einer Okkasion irgendwo im Hinterhof. Doch der freie Markt und die weitaus lukrativeren Konkurrenzangebote von gewerblichen Developern machten dem Plan einen Strich durch die Rechnung. Und so schnappte sich der Verein einen gemeinnützigen Wohnbauträger und fungierte mit einer Absichtserklärung – einem sogenannten Letter of Intent – als partnerschaftlicher Trittbrettfahrer in einem von der Stadt Wien ausgelobten Bauträger-Wettbewerb.

Reduktion gegen Lebensende

Freya wohnte früher, nachdem ihr Mann verstorben war, allein in einem Reihenhaus. Maria war in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Baden daheim, mit über einer Stunde Anfahrt zu ihren heißgeliebten Tangonächten in Wien. Und Elisabeth hatte eines Tages den inneren Wunsch, sich nach einem wilden, künstlerisch verdichteten Leben wieder gesundzuschrumpfen. „Wir können unseren Kindern nach dem Tod ja nicht hunderte Quadratmeter voller Zeug hinterlassen“, sagt sie. „Das wäre ja eine Zumutung! Die Reduktion gegen Lebensende ist Teil der eigenen Verantwortung.“

Vor allem aber sehnten sie sich alle nach einem Leben in Gemeinschaft. Nach einer Nachbarschaft mit Sympathie und Empathie. Nach einem sozialen Gefüge, in dem man sich nicht dafür entschuldigen muss, wenn man einmal Hilfe benötigt, weil man Arthrose hat oder im Rollstuhl durchs Leben fährt. Fündig wurde der Verein im Sonnwendviertel, in einem vom gemeinnützigen Bauträger EGW errichteten Wohnhaus am Helmut-Zilk-Park. Die Kolokation-WG nimmt den gesamten zweiten Stock ein und umfasst 15 Wohnungen für insgesamt 17 Personen. Dazu gibt es einen 100 Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum mit Küche, Sofas, Fauteuils, einem fünf Meter langen Esstisch und einer Wand voller Bücher und DVDs.

21,2 Prozent aller EU-Bürger sind älter als 65 Jahre. Zurückzuführen ist das demografische Phänomen vor allem auf den medizinischen Fortschritt, auf den zunehmenden Wohlstand in Europa sowie auf ein generell steigendes Bewusstsein für Lebensqualität und selbstwirksame Lebensgestaltung. Und der Prozess ist noch lange nicht zu Ende. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) prognostiziert, dass der Anteil der über 65-Jährigen bis zum Ende des Jahrhunderts auf 31,3 Prozent hochklettern wird.

Das Beunruhigende an diesen Aussichten ist nicht die größer werdende Gruppe der 4711-Echt-Kölnisch-Wasser-Fraktion, sondern die fehlende politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. „Die alten Menschen sind alles andere als eine homogene Gruppe mit einheitlichen Lebens- und Wohnvorstellungen“, sagt der Schweizer Soziologe und Generationenforscher François Höpflinger. „Dies gilt insbesondere für jene Menschen, die lebenslang gelernt haben, ihre Individualität zu pflegen. Dementsprechend sind alle Lebens- und Wohnprojekte, die von einem einheitlichen Typ älterer Menschen ausgehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.“

Während sich die Bundes- und Landespolitik in den letzten Jahren also vor allem auf das Thema Pflege fokussiert hat (und dabei andere Entwicklungen und Bedürfnisse der Babyboomer-Generation verschlafen hat), entstanden auf Gemeinde- und Vereinsebene zahlreiche innovative Wohn- und Kooperationsmodelle – von der Omama-Wohngruppe über Co-Housing-Projekte bis hin zu Plattformen und intergenerativen Serviceleistungen. Ein paar Dutzend davon sind nun in der kürzlich eröffneten Ausstellung Wie geht’s, Alter? im Architekturforum Oberösterreich (AFO) zu sehen.

„Das halb leerstehende Einfamilienhaus befeuert die Einsamkeit und Zersiedelung und ist die allerschlechteste Lösung“, sagt AFO-Leiter Franz Koppelstätter. „Vor allem im ländlichen Raum gibt es große Wechselwirkungen zwischen Senioren und der Revitalisierung von Dorfzentren und öffentlichen Freiräumen, denn während junge Leute Tag für Tag zum Lernen und Arbeiten in die Stadt auspendeln, sind es meist genau diese älteren Menschen, die aufgrund ihres kleineren Mobilitätsradius im besten Fall das Dorf am Leben erhalten – vorausgesetzt natürlich, es gibt entsprechend attraktive Wohn- und Lebenskonzepte.“

Herzblut-Angelegenheiten

In Kleinzell im Mühlkreis ist es gelungen, unter dem Titel Wohnen mit Service einen alten Vierkanthof zu kaufen und mit interessierten Senioren partizipativ zu entwickeln, Besiedelung ab April 2025. Die Herbstzeit GmbH vermittelt ältere, meist einsame Menschen in Gastfamilien, die bereit sind, ihr Zuhause mit einer Ersatzoma, einem Ersatzopa zu teilen. Und die Plattform Wohnbuddy schaut sich nach leerstehenden Zimmern in Seniorenheimen um und vermittelt diese zu einem günstigen Mietpreis an Studierende – unter der Voraussetzung, dass diese ihren weitaus älteren Nachbarinnen und Nachbarn für ein paar Stunden die Woche als Buddy für Gespräche und diverse Hilfsdienste zur Verfügung stehen.

In Wien plant der Verein Kolokation die mittlerweile vierte Senioren-WG, und in Salzburg baut der Verein Silberstreif mit rund 35 Leuten und dem Bauträger Heimat Österreich eine Seniorenwohngruppe im Wohnprojekt Gnice, Einzug im Sommer 2026. Was sowohl Kolokation als auch AFO-Leiter Franz Koppelstätter fordern: „Bislang handelt es sich bei allen Projekten um Einzelinitiativen und Herzblut-Angelegenheiten einiger weniger Akteure. Was definitiv fehlt, sind Informations- und Beratungsstellen im Rathaus – und die politische Bereitschaft, den geförderten, gemeinnützigen Wohnbau um eine neue Varianz zu bereichern.“

„Wie geht’s, Alter? Gemeinsam Räume für die Zukunft schaffen“ im Architekturforum Oberösterreich (AFO) in Linz. Zu sehen bis 13. Dezember 2024.

12. Oktober 2024 Der Standard

Herrn Štěchs Gespür für Schönes

Der tschechische Fotograf Adam Štěch hat ein Faible für architektonische Details des 20. Jahrhunderts. Er reist durch die Welt und will die Menschen für das Kleine begeistern. Nun sind seine Fotos im Mak zu sehen.

Wie von Geisterhand aufgeklappt, unter einem 70-gradigen Winkel zum Stillstand gekommen, kreisrunden Einblick offenbarend in einen Raum aufregender Stille. „Ich glaube, ich habe noch nie zuvor ein so schönes, außergewöhnliches Toilettenfenster gesehen“, sagt Adam Štěch. „Der Sichtbeton, die geböschte Laibung, die farbliche Reduktion auf das Wesentliche, die Unsichtbarkeit technischer Öffnungs- und Konstruktionsdetails, und dann erst diese über alles überraschende räumliche Lösung zwischen drinnen und draußen: Was für eine Formensprache!“

Ort dieser Begegnung zwischen Objekt und Objektjäger ist die Casa Albero in der italienischen Küstenstadt Fregene in der Einflugschneise des Flughafens Fiumicino, 30 Kilometer von Rom entfernt. Mitten in einem Pinienwäldchen bauten sich Giuseppe Perugini, damals Professor für Gestaltung an der Universität Roma Tre, seine Frau Uga de Plaisant und deren gemeinsamer Sohn Giuseppe Perugini in den Jahren 1967 bis 1975 eine Art betoniertes Baumhaus, das teilweise auf dem Boden stand, teilweise aber auf einer waghalsigen Stützenkonstruktion in den Baumkronen steckte.

Dreidimensionales Tetris

„Die Casa Albero, auch bekannt als Casa Sperimentale“, sagt Štěch, die Begeisterung in seiner Stimme ist nicht zu überhören, „stammt aus einer Zeit, als man sich noch traute, mit Raum und Material zu experimentieren. Manche Elemente dieses Bauwerks wirken wie dreidimensionales Tetris, wie in Beton gegossener Strukturalismus, andere hingegen haben fast schon einen verspielten, postmodernen Charakter. Dieser Brutalismus der europäischen Nachkriegsmoderne hat es mir besonders angetan. Ich kann die Kamera kaum abwenden.“

Štěch (38) studierte Kunstgeschichte an der Karls-Universität in Prag, fühlte sich im Milieu alter Meister, alter Werke aber nie so richtig wohl. Er sei, wie er selbst meint, immer das schwarze Schaf unter den Akademikern gewesen, mehr am Bild, an der visuellen Kraft, an der Entstehungsgeschichte der Architektur des 20. Jahrhunderts interessiert als an Thesen und theoretischen Schriften. „Meine Methodik ist das Foto als analoges, zeitloses Dokumentationsmittel, als Transportmittel von Emotionen und Begeisterung.“

Das Museum für angewandte Kunst (Mak) widmet diesem Transportmittel derzeit eine eigene Ausstellung. Unter dem Titel Elemente. Adam Štěchs Blick auf architektonische Details sind im Kunstblättersaal rund 2500 dieser „Elemente“ zu sehen. In kompakter Größe, mit abgerundeten Ecken wie damals in den Sechzigern, Siebzigern, kann man durch Štěchs Pupillen auf die Welt schauen, unterteilt in kleinteilige Kapitel wie etwa Türen, Griffe, Fenster, Lampen, Uhren, Kamine, Heizkörper, Waschbecken, Stiegengeländer, Wandvertäfelungen und Möbel aller Art. Es sind genau jene Elemente besessener Formgebung, bis zur buchstäblich allerletzten Schraube, von denen Architekten wie Adolf Loos, Jože Plečnik, Frank Lloyd Wright, Le Corbusier und Gio Ponti nicht die Finger lassen konnten.

„Ich fotografiere seit meinem 20. Lebensjahr, und ich kann mich an diesen Details der Moderne einfach nicht sattsehen“, sagt Adam Štěch. Knapp 50 Länder hat er seitdem bereist, aktuell fotografiert er sich mit seiner Sony Alfa durch die japanische Moderne. Das Archiv umfasst bereits an die 10.000 abgelichtete Gebäude, vom winzigsten Detail über Fassadenansichten bis hin zu umfassenden Fotoreportagen. Das 2020 im Prestel-Verlag erschienene Buch Modern Architecture and Interiors zeigt einen kleinen Bruchteil davon: 1000 Häuser auf 1000 Seiten.

Zu fast jedem Bauwerk der Moderne, so scheint es, pflegt Štěch eine leidenschaftliche Beziehung. So auch zur feuerroten Stahltür in der Treppenstütze der Villa Gontero in Cumiana nahe Turin. „Einer meiner absoluten Favoriten! Ein Hauseingang wie auf einem U-Boot, bloß halt nicht unter der Wasseroberfläche, sondern im Schatten des darüber schwebenden Wohngeschoßes.“ Errichtet wurde das expressionistische Wohnhaus von Carlo Graffi und Sergio Musmeci in den Jahren 1969 bis 1971 für den italienischen Maler Riccardo Gontero. „Die Diskrepanz zwischen der Gegenständlichkeit seiner Bilder und der Abstraktion seines Wohnsitzes“, so der Fotograf, „ist mehr als verblüffend.“

Oder etwa zum Dom Umenia (Haus der Kunst) in der slowakischen Kurstadt Piešťany, errichtet 1974 bis 1979 nach Plänen von Ferdinand Milučký und Júlia Kunovská. Während das Gebäude von außen als hermetische, fast schon abweisende Betonbox erscheint, offenbart sich innen ein sinnliches, rot wogendes Universum aus Lampen, Deckenstreben und weich gepolsterten Stühlen. „Diese hunderten Lämpchen!“ Und dann ein glückliches Grinsen am anderen Ende der Welt.

Sein Ziel, sagt Adam Štěch, ist die Begeisterung und Sensibilisierung für das Kleine, für das Detaillierte in der Architektur. Und die Schaffung der weltgrößten Bilddatenbank systemisch erforschter Architekturdetails des 20. Jahrhunderts. Ersteres ist ihm bereits gelungen. Letzteres ist nur eine Frage der Zeit.

7. September 2024 Der Standard

Der Herr Baumeister Schwammerl

Die einen gehen in den Wald, um Pilze zu sammeln, die anderen haben sich auf das Bauen und Forschen mit deren hochintelligentem Wurzelwerk spezialisiert. Das Potenzial der sogenannten Myzelien ist enorm – und könnte die Baubranche eines Tages komplett umkrempeln.

Pilze führen in unserer Lebenskultur ein ambivalentes Dasein. Eierschwammerl gut, Knollenblätterpilz böse. Der eine ist ein Glückspilz, der andere wird zum Schwammerl. Als weißer Camembert und blauer Roquefort eine Conditio sine qua non, auf anderen Nahrungsmitteln jedoch ein Grund zur sofortigen Küblierung. Während Fliegenpilze aus Marzipan als Freudenbringer verschenkt werden, bringen sie als Original draußen in der Natur bloß Tod und Verderben. Und was im Antibiotikum dank seiner Heilkräfte hochbegehrt ist, dem begegnen wir in der Duschkabine mit Putzfetzen und chemischem Schimmelreiniger.

Mit dem 2021 erschienenen Buch Verwobenes Leben. Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen ist es dem britischen Biologen Merlin Sheldrake, der an der Oxford University unterrichtet und auch vor diversen Selbstversuchen mit der halluzinogenen Materie nicht zurückscheut, gelungen, das Thema in die breite Masse zu streuen. Seit damals wissen die Bestsellerjäger, dass sich der größte Pilzorganismus der Welt – ein Dunkler Hallimasch irgendwo in Oregon, USA – über neun Quadratkilometer Waldfläche erstreckt und mehrere Hundert Tonnen auf die Waage bringt. Er gilt als das größte Lebewesen der Erde.

Klimawandel

Auch im Design und in der Architektur spielen Pilze eine zunehmend wichtige Rolle. Schon seit den 1980er-Jahren wird mit den fadenförmigen Zellen und den unterirdischen, oft weitverzweigten Wurzelgeflechten – den sogenannten Myzelien – intensiv geforscht. In den letzten Jahren bekam die Myzelienforschung dank Klimawandel, Kreislaufwirtschaft und einer immer wichtiger werdenden Ressourcendebatte großen Rückenwind. Und natürlich auch dank Merlin Sheldrake.

Immer mehr Architekturbüros widmen sich in ihrer täglichen Arbeit dem Schwammerl. An manchen Architekturfakultäten, wie etwa in Kassel, Karlsruhe und Newcastle, wurden bereits Institute für Myzelienforschung und Bauen mit biotechnologischen Materialien ins Leben gerufen. Und bei der Architekturbiennale 2023 in Venedig haben die Kuratoren den belgischen Pavillon unter dem Titel In Vivo mit insgesamt 300 lebenden Myzelienplatten ausgekleidet.

„Myzelien sind ein faszinierendes Baumaterial, das zur Dekarbonisierung der gebauten Umwelt beitragen kann, von dem wir aber noch vergleichsweise wenig wissen“, sagt Corentin Dalon, Partner im belgischen Architekturbüro Bento und zugleich Kurator des belgischen Biennalepavillons. „Daher haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die Forschung bei uns im Atelier voranzutreiben. Das langfristige Ziel ist, im Umgang mit Myzelien eines Tages ein so großes Repertoire zu haben, dass wir damit unterschiedlichste Dinge bauen können.“

Pilzwurzelgeflechte

Zu Beginn sammelte Dalon die weißen Pilzwurzelgeflechte noch eigenhändig im Wald ein, mittlerweile lässt er sich die Myzelien von einem Spezialisten liefern. Im Büro werden die Myzelien erst in der Petrischale unter sterilen Bedingungen zum Wachsen gebracht, ehe sie auf ein biologisches Trägermaterial übertragen werden, das ihnen dank hohen Zucker- und Stärkegehalts als Nahrungsgrundlage dient: Sägespäne, Holzschnitzel, Hanffasern, Stroh oder auch Treber aus der Bierproduktion. Bei 70 bis 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, sommerlicher Zimmertemperatur und absoluter Dunkelheit beginnt das Myzelium, sich auszudehnen und bis in die allerkleinsten Hohlräume einzudringen. Durch Wasserentzug kann das Wachstum gestoppt, der Pilz „schlafend“ gestellt werden. Oder aber man tötet ihn bei rund 80 Grad Celsius irreversibel ab.

„Mit den entsprechenden Rahmenbedingungen kann man das Wachstum und den Endzustand des Myzels perfekt beeinflussen, ja sogar aktiv gestalten“, erzählt Dalon, der am liebsten mit dem Reishi-Pilz (Ganoderma lucidum) arbeitet. Dabei sind von den schätzungsweise sechs Millionen Pilzarten auf der Erde erst an die 120.000 erforscht. „Je nach Pilz, Trägermaterial und Wachstumsprozess lassen sich Produkte mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften bauen.“ Aktuell arbeitet Dalon an Tischen, Hockern und Leichtbauplatten für den Innenausbau.

Einige Myzelprodukte sind in der Tat schon am Markt: Mogu (Italien), Biohm (England) und Ecovative (USA) etwa haben sich auf die Produktion von nachhaltigen Dämmplatten und Akustikpaneelen spezialisiert. Philipp Eversmann jedoch, Professor an der Universität Kassel und spezialisiert auf experimentelles Entwerfen und Konstruieren, ist das zu wenig. Er will noch weiter gehen. „Der Innenausbau spielt in der Architektur eine wichtige Rolle, und es tut mir weh, mitansehen zu müssen, dass wir mit jedem Büroumbau tonnenweise Sondermüll aus Gipskartonplatten schaffen. Das muss auch anders, das muss auch biologisch abbaubar gehen.“

In Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dem Londoner Ingenieurbüro ARUP arbeitet er nun an einer markttauglichen Variante von 2,50 hohen und zehn Zentimeter dicken Myzelplatten für den Innenausbau. „Wir wollen den komplizierten Aufbau in einem einzigen massiven, aber leichtgewichtigen Bauteil zusammenfassen und sind davon überzeugt, dass dieses Produkt den weltweiten Trockenbaumarkt revolutionieren könnte.“ Das Projekt wird vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit rund einer Million Euro gefördert und soll bis 2025 abgeschlossen sein.

Ökologisches Umdenken

„Doch ich fürchte“, meint Ruth Morrow, Professorin für biologische Architektur an der Newcastle University, England, „dass die Gesellschaft noch nicht so weit ist, um eine relevante Marktdurchdringung von Myzelwerkstoffen überhaupt zuzulassen. Noch ekeln sich viele davor, mit so einem biologischen Produkt zu arbeiten. Abgesehen davon, dass die gesamte globale Bauwirtschaft heute auf Perfektion, Unzerstörbarkeit und Ewigkeitsanspruch ausgerichtet ist. Wir müssen erst einmal unser Mindset ändern. Und dann wird es auch Platz für Pilze und andere biotechnologische Werkstoffe geben.“

Das Potenzial jedenfalls ist enorm. Einen Ausblick auf die mögliche Bandbreite liefert ihr Buch Bioprotopia. Designing the Built Environment with Living Organisms, das letztes Jahr bei Birkhäuser erschienen ist. „Ein bisschen Zeit wird die Entwicklung von Myzelien als Baustoff schon brauchen“, so Morrow. „Mit Holz bauen wir Menschen schon seit 200.000 Jahren. Thonet-Bugholz-Stühle und 30 Meter lange Leimbinder gab es auch nicht schon vom ersten Tag an. Wir dürfen also gespannt sein, wie die nächsten Generationen ein ökologisches Umdenken einläuten werden.“

31. August 2024 Der Standard

Zwei Tage und eine Nacht im Wunderland

Mitten in der Altstadt von Brixen hat das Luxushotelchen Badhaus seine Pforten geöffnet. Schön ist es, hier zu nächtigen. Noch erquickender jedoch ist die Entstehungsgeschichte dieses Projekts im Schoße einer weitsichtigen Politik und einer freigeistigen Auseinandersetzung mit dem baulichen Erbe.

In der schmalen Via Ponte Aquila, ein Shop neben dem anderen, drängen sich die Touristenmassen, schießen Fotos vom Weißen Turm, dem Wahrzeichen der Stadt, 72 Meter in die Höhe ragend, und den vielen, vielen Giebelzinnen, die das gesamte historische Altstädtchen zieren. Angeblich, so erzählt man sich, das meistbegangene und meistfotografierte Gässchen in ganz Brixen.

Unter der Hausnummer 5, ganz plötzlich, mehr mit dem Sog und dem Reiz der Subtraktion spielend als mit Druck und additiver Reizüberflutung, klafft ein Spalt in der Fassadenlinie, keine zwei Meter breit an der schmalsten Stelle, dahinter eine roughe, eigenartige, streng durchlinierte Fassade aus Kupfer und gebrannten Ziegeln. Über einer der gusseisernen Stangen, die wie überall in der Stadt die mittelalterlichen, leicht aufeinander zufallenden Außenmauern stützen, hängt ein übergroßer Bademantel, ein Aluminiumguss, ein ziemlich freches Kunst-am-Bau-Projekt des Vinschgauer Künstlers Michael Flieri, mehr ist nicht. Willkommen im Hotel Badhaus.

Radikal und spannend

„Das Badhaus als behutsame Wiederbelebung“, heißt es auf der Website des Hotels. „Das Gebäude nutzt den verfügbaren Raum geschickt, vereint verschiedene Volumina und erhebt sich in einer schlanken, nach oben verjüngenden Form.“ Und tatsächlich: Auf dem rund 400 Quadratmeter großen Grundstück, dem man andernorts wohl nicht einmal Beachtung schenken würde, rundum von Nachbarparzellen umzingelt, keine Aussicht weit und breit, steht heute eines der spannendsten, radikalsten Luxushotels Südtirols. Die Zimmer sind groß und teuer, das Raumerlebnis ein introvertiertes Eintauchen in einen alpinen Kokon aus Marmor, Kupfer und Beton.

„Wir wollten die umliegende Altstadt weiterbauen, ohne sie dabei museal zu kopieren, zwar mit durchaus alten, traditionellen Baustoffen, dafür aber mit einer schlichten, zeitgenössischen Formensprache“, sagt Michaela Wolf, die mit ihrem Partner Gerd Bergmeister das vielfach prämierte Architekturbüro bergmeisterwolf betreibt, keine drei Fußminuten vom Badhaus entfernt. „Mit den Tonziegeln und dem Kupfer, die die Materialität des Weißen Turms aufgreifen, entsteht eine ruhige Fügung. Mit den horizontalen Fensterbändern wiederum – drei horizontale Schlitze pro Etage – wirkt das Haus abstrakter, maßstabsloser, irgendwie auch türmiger und hochhausiger.“

Neuschlichtung

Einst stand hier ein dreigeschoßiges Badhaus, das ganze Grundstück ausfüllend, eine Art Südtiroler Tröpferlbad, errichtet direkt über einem unterirdischen Wasserlauf, einer sogenannten Wiere, die heute noch den Trinkwasserbrunnen im Innenhof speist. Laut Wiedergewinnungsplan konnte der Nutzbau aus dem 19. Jahrhundert abgerissen und die damalige Kubatur – in diesem Fall 2559 Kubikmeter – wiederaufgebaut werden, und zwar in welcher architektonischen Konstellation auch immer, vorausgesetzt die Stadt, das Denkmalamt und die angrenzenden Nachbarn stimmen dieser volumetrischen Verschiebung und Neuschlichtung zu.

Statt flach und niedrig sind die 2559 Kubikmeter Raum nun zu einem sechsstöckigen Hochhäuschen gestapelt, dafür aber auf lediglich halber Grundstücksfläche, die restliche Parzelle ist nun ein öffentlich zugänglicher Innenhof mit Rasen, befestigten Sitzstufen und steinernem Trinkwasserbrunnen. „Der Volumentausch ist eine Besonderheit unserer historischen Innenstadt“, sagt der Brixener Bürgermeister Andreas Jungmann. „Im gesamten Altstadtkern, der sogenannten A-Zone, arbeiten wir nicht mit Traufkanten und Gebäudehöhen, sondern ausschließlich mit Kubaturen. Nur 5,5 Prozent der Südtiroler Landesfläche sind überhaupt bebaubar, der Rest ist Gebirge. Wenn man so stark limitiert ist, dann lernt man, die Angst vor Bauhöhe abzulegen.“

Auch das Landesdenkmalamt war vom Abbruch bis zur ersten Hotelnächtigung Anfang Mai in den gesamten Prozess lückenlos miteingebunden. „Vor allem in schönen, pittoresken Altstädten müssen wir aufpassen, dass wir nicht in die Sackgasse der reinen Musealisierung abbiegen“, sagt Karin Dalla Torre, Landeskonservatorin Südtirol. „Aus denkmalpflegerischer Sicht sprechen wir uns eher für einen Dialog zwischen Alt und Neu aus – aber dieser hat natürlich auf allerhöchstem architektonischen Niveau stattzufinden, ohne Abstriche und Kompromisse.“

Möglich war all dies, weil Architekten, Gemeinde, Denkmalamt, Grundstückseigner und die Hotelbetreibergruppe Viertel Group alle an einem Strang gezogen, offen kommuniziert und die Bevölkerung von Anfang an in den Prozess miteingebunden haben. Und weil Südtirol überhaupt so viel weiter ist als wir, weil es verstanden hat, dass die Ressource Boden nicht unendlich ist. Mit dem neuen Landesgesetz Raum und Landschaft, seit 2020 in Kraft, hat der Bürgermeister nicht mehr das alleinige Sagen. Innerhalb der bereits bestehenden Siedlungsgrenzen ist die Bauentwicklung Sache der Gemeinde, außerhalb dieser Grenzen hat das Land Südtirol das Zepter in der Hand. Das soll – über die Innenstädte hinaus – das Land vor Zersiedelung und weiterer Versiegelung bewahren.

Ach, Österreich, du Land der partikularen Interessen, der freunderlichen Wirtschaft und der vielen Machtmänner auf dem Bürgermeistersessel, was hast du noch viel zu lernen! Nach Brixen ist es ein breiter Weg.

17. August 2024 Der Standard

Im Rausch der Farben

Das ehemalige Adambräu in Innsbruck ist nicht wiederzuerkennen. Die Installation des spanischen Büros Selgascano bricht ein Architekturtabu und ist vor allem eines: bunt.

Kaum hat man die Lichtschranke passiert, fängt es im Raum an zu rattern und zu surren. In einem unfassbaren Schneckentempo von einem Meter pro Minute beginnen sich die zylindrischen, konzentrisch ineinandergesteckten Körper allmählich auf und ab zu bewegen. Hier eine stahlharte Spiegelmembran von Thyssen, dort weißer, luftiger Gazestoff, der wie Urlaub von der Decke hängt, hinten im Raum wiederum handelsübliche Plastikperlenketten, billigste Meterware aus dem Supermarkt, die in meist spanischen oder italienischen Hauseingängen zu finden sind, um zwar Frischluft ins Haus zu lassen, nicht aber Fliegen, Wespen und Moskitos.

„Wir haben ein großes Faible für leichte, billige Materialien“, sagt José Selgas, „nicht nur, weil sie flexibel und einfach zu bewegen sind, sondern auch, weil sie in der Produktion, im Transport und in der Montage meist einen viel geringeren CO₂-Fußabdruck hinterlassen als schwere, massive Baustoffe.“ Das Surren hat aufgehört, der Flaschenzug hat den Tiefpunkt erreicht, fünf Sekunden Pause. „Doch das Beste an diesen luftigen, transluzenten Kunststoffen“, es surrt wieder, der Motor ist in Gang, die Konstruktion hebt sich in Zeitlupe, „ist, dass es sie in den schönsten und kräftigsten Farben gibt, dass sie im Sonnenlicht tanzen und mit den Menschen darin eine unbeschwerte Poesie entfalten.“

Publikumslieblinge

Gemeinsam mit seiner Partnerin Lucía Cano betreibt er seit 1996 das Architekturbüro Selgascano mit Sitz in Madrid. Zu den ersten Projekten zählen ein Silikonhaus, ein Brillengeschäft, ein Jugend- und Sportzentrum, und meist sind die Bauten bunt und auf reizvolle Weise von oben bis unten plastifiziert, sprechen in ihren leuchtenden Farben für sich, während sich die beiden hinter der Architektur verstecken und nur ungern in den Medien auftreten.

Das ändert sich schlagartig 2015 mit dem Auftrag für den Serpentine Pavilion in den Kensington Gardens in London. Der temporäre Pavillon aus gespannten ETFE-Folien mit seinen grellen, changierenden, ja fast schon metallischen Farbnuancen entpuppt sich als Liebling von Publikum und Presse, mit Hashtag-Qualität und entsprechendem Niederschlag in den sozialen Netzwerken. Auf einmal landen José Selgas und Lucía Cano in der weltweiten Öffentlichkeit, in kürzester Zeit kommen Projektanfragen aus Portugal, Frankreich, Großbritannien, Kenia und den USA.

Und nun ein Projekt in Innsbruck, eine Ausstellung im ehemaligen Adambräu, in dem sich heute das aut architektur und tirol befindet. „Ich habe Selgascano vor einigen Jahren persönlich kennengelernt und sie gebeten, für das aut eine Ausstellung zu konzipieren“, sagt aut-Leiter Arno Ritter. „Und zwar keine klassische Nabelschau mit Fotos, Plänen und Modellen, sondern eine installative, eigens für uns angefertigte Arbeit vor Ort. Ich wollte ein Original haben.“

Es ist früher Nachmittag, die Sonne fällt in den Raum, die Lichtstrahlen kämpfen sich durch die Plastikperlenvorhänge. Im Auf und Ab der weißen Gaze, der gelben, roten, blauen Schnüre, der orangen Filzbahnen, der spiegelnden Oberflächen und der zum Teil farbig gestrichenen Wände, die an die Bierproduktion und an die historischen, handkolorierten Adambräu-Pläne angelehnt sind, die im aut ausgestellt sind, gibt es kaum einen stabilen Nullzustand, alle paar Minuten verändert sich die Lichtstimmung von Strahlendweiß über Punschkrapferl bis irgendwo tief unten am Grund des Meeres. Die Besucherinnen vor Ort zücken ihre Smartphones und fangen die Stimmungsbilder im Dutzend ein.

„Architekturausstellungen können so langweilig sein, einfach nur eine Dokumentation aus Kopien und Faksimiles, mit viel Text und wenig Sinnlichkeit, das interessiert uns nicht“, sagt José Selgas. „Wir wollten ein Projekt für genau diesen Raum machen, für genau diese kreisrunden Löcher im Boden, in denen sich früher die Sudkessel befanden, eine Installation, die im Begehen unseren Anspruch an Architektur sichtbar und auch spürbar macht.“ Kurze Pause, dann fängt das Surren der Motoren wieder an.

Fades Purismusdiktat

„Farbe hat so eine unglaubliche Power, schon seit der Antike haben wir gut und gerne damit gearbeitet“, mein Selgas. „Mit der Moderne jedoch ist das alles verlorengegangen, nun untersteht alles dem Diktat des Purismus. Das ist fad.“ Alles andere als langweilig sind die Bibliothek in London, die Second Home Offices in Hollywood, Los Angeles, und das orange leuchtende Placencia-Kongresszentrum in Cáceres, 2017 fertiggestellt.

Darf Architektur schön sein? „Das ist keine Frage des Dürfens. Das ist eine Frage der Verantwortung von uns Planerinnen und Planern. Und vielleicht ist diese Ausstellung so etwas wie ein Schönheitslabor.“

27. Juli 2024 mit Maik Novotny
Der Standard

Anatomie des Schnackselns

Am 28. Juli ist Internationaler Sex-Tag. Wir haben sechs Leute aus unterschiedlichen Berufen und Lebensbereichen gefragt: Was macht einen sinnlichen, erotischen, sexuellen Raum aus?

Stephan Ferenczy
Architekt, BEHF

Wo und wie Sex innerhalb der Architektur Platz findet, entzieht sich unserer Kontrolle. Dass er innerhalb von geplanten und gebauten Räumen geschieht, ist allen Betroffenen bewusst. Und Sex findet überall statt, sofern unsere Scham und unsere Gesetze es zulassen. Küchentische, Besenkammern und Flugzeugtoiletten wissen das. Was präzisiert der Neufert oder die kleine ergonomische Datensammlung des TÜV dazu? Leider nichts. Wenn Sex Gegenstand einer Bauaufgabe ist, was äußerst selten ausgedrückt wird, sollte er mit einem gewissen Ernst thematisiert werden. BEHF hat die Boutique Bizarre auf der Reeperbahn in Hamburg und den Fetisch-Shop Tiberius in Wien realisiert – appetitliche, erfolgreich funktionierende Sex-Retailer. Die Frage ist: Haben wir Architektinnen und Architekten unsere Projekte anders betreut und gelöst, weil wir (ständig) an Sex gedacht haben? Sicher jedenfalls ist, dass die neuen ÖBB-Schlafwagen von Robotern entworfen wurden.

Sabine Pollak
Architektin, Autorin, Professorin an der Kunstuniversität Linz

Der Wohnbau ist die am stärksten reglementierte Architekturtypologie nach dem Gefängnis. Körperliches Begehren kommt dabei nicht vor, denn die Moderne hat alles wegrationalisiert. Le Corbusier schrieb das Emotionale den Frauen zu, das Rationale den Männern. Alle Körperlichkeit wurde dadurch aus dem modernen Wohnbau ausgegrenzt. Das Bett im Corbusier-Haus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung ist das wohl unsexyste Bett der Architekturgeschichte: hart, spröde und schmal. Auch der heutige Wohnbau ist komplett durchreguliert. Es gibt nichts Schlimmeres als das Normschlafzimmer: Doppelbett, Schrankwand, zwei Nachtkastln. Hinzu kommt noch die Selbstüberwachung mit Smart Watches, die unsere Körperfunktionen bewerten. Mit Freiheit hat das nichts zu tun, sondern mit Ängsten und Maßregelungen, die uns in unseren Wohnungen gefangen halten. Ich hoffe, dass sich die jüngeren Generationen davon befreien und eine andere Haltung zum Thema entwickeln.

Lukas de Berlin
Veranstalter von queeren und transfreundlichen Sexpartys in Berlin, BEHF

Was braucht es, damit ein Sex-Space funktioniert? Es braucht schlicht die Erlaubnis zu begehren. Außerdem braucht es Komfort, Hygiene, die richtige Temperatur, das richtige Licht (oder auch gar kein Licht) und die Möglichkeit, sich an einem Getränk anzuhalten. Auch ich als queerer, transmaskuliner Veranstalter bin jedes Mal neu aufgeregt, frage mich, was ich gerne ausprobieren würde, und dann füllen wir den großen Darkroom und die verwinkelten, mit Vorhängen verhüllten Separees mit lautem Stöhnen und machen unsere Laken feucht und dreckig. Vor allem die Trans-Community, für die es – im Gegensatz zu schwulem Sex und phallozentrischen, patriarchal dominierten Narrativen – meist keine öffentlichen Sexräume in der Stadt gibt, ist herausgefordert, ihre ganz eigenen sexuellen Wege zu suchen und zu finden. Das steht auch nicht in der Bravo. Mein Ziel? Spielen, experimentieren und Dummheiten machen. Denn: Es menschelt beim Schnackseln!

Tanja Wehsely
Geschäftsführerin Volkshilfe Wien

Sexualität und Intimität gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Auch die WHO erkennt das Recht auf sexuelle Gesundheit an. Dabei geht es um mehr als bloß um den „Akt“, es geht um Nähe und Zusammensein. Als armutsgefährdete, wohnungslose oder pflegebedürftige Frau jedoch wird einem dieses Recht oft nicht zugestanden. Auch alleinerziehende Frauen werden von vielen nur als Mutter gesehen, obwohl auch sie Bedürfnisse haben. Da heißt es: Man soll doch dankbar für das Dach über den Kopf sein, mehr hat man nicht zu wollen. Unsere Gesellschaft ist zwar übersexualisiert, aber wenn es um alte, pflegebedürftige, marginalisierte Gruppen geht, schaut man lieber weg. Wir als Volkshilfe Wien wollen Menschen nicht nur versorgen, sondern empowern. Im Frauenwohnprojekt Hafen*, im Notquartier Nordlicht und in den Häusern für ehemals Wohnungslose sind individuelle Rückzugsräume ganz elementar, und unsere Beratungsstelle „Sophie“ bietet Fortbildung bei Sexualbegleitung an.

Bart Lootsma
Architekturtheoretiker

Begehren ist eines der schönsten Gefühle, aber es verunsichert uns auch, weil wir uns anfangs nie sicher sind, ob die andere Person das Gleiche empfindet. Die Architektur bildet dafür den Hintergrund, den Rahmen fürs Sehen und Gesehenwerden. Einige der interessantesten Studien über Räume des Begehrens stammen aus der Forschung zu Queer Spaces. Jan Kapsenberg schrieb in Erotische Manöver über den Spartacus Gay Guide, der mit Piktogrammen zeigt, wo Schwule ihre Interessen ausleben können. Meistens sind diese Orte architektonisch unauffällig versteckt im ausgedehnten urbanen Gewebe. Kapsenberg entwickelte aus den Piktogrammen eine Entwurfsmethode, die aus einem neutralen Raum einen Raum für Schwule macht. Blicklinien für den Augenkontakt, kleine Tische, damit die Knie sich berühren können, Duschen mit Bänken, von denen man den anderen zuschauen kann, im hinteren Teil dunklere Rückzugsräume und ganz hinten die finsteren Darkrooms. Eine Gay-Software.

Elke Silvia Krystufek
Künstlerin

Man kann Räume mit Farbe berühren. Sexualität behandelt immer auch Grenzen und deren Überschreiten. Auf der Biennale 2009 in Venedig bin ich mit der Farbe über die Tafelbilder bewusst hinausgefahren, direkt auf die Pavillonwände. Außen am Pavillon habe ich die Länderbezeichnung „Austria“ durch das Wort „Tabu“ in blauer Schrift ersetzt. Im Kunstraum Innsbruck habe ich 2004 als Eröffnungsperformance eine Penisform aus einem eigens angefertigten Pantonsessel herausgesägt, und für das Mak habe ich 2006 einen Penis-Stahlrohrtisch entworfen. In meinen sexuellen Kunstinstallationen mag ich unaufgeräumte Räume, oft mit Schaufensterpuppen, Gebrauchsspuren, tropfenden Farben, flüssigkeitsdurchtränkten Stoffen und ausdrucksstarken Mündern und Augen. Nachts träume ich vom Stadtraum, nackt bei der Donauinsel schwimmend, ohne Kontaktlinsen, auf die glitzernde Skyline von Wien blickend, während die Lichter durch die Unschärfe wie Blumen aussehen.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag