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    Unter Aluminium
    Neue Zürcher Zeitung

    Das «Museum Het Valkhof» von Ben van Berkel in Nijmegen

    Im niederländischen Nijmegen wurde vor wenigen Wochen ein architektonisch bedeutendes Museum eröffnet, das sowohl moderne Kunst als auch Archäologie ausstellt. Der Neubau besteht aus einem achtzig Meter langen, extrem flach gehaltenen Körper, dessen seegrüne Milchglasfront von der dunklen Silhouette der dahinter sich erhebenden Baumriesen eingerahmt wird.

    18. Dezember 1999 - Robert Uhde

    Als Nijmegen noch Noviomagus hiess, war der Ort die bedeutendste römische Festung auf dem Gebiet der heutigen Niederlande. Jahrhunderte später liessen hier zunächst Karl der Grosse und dann Friedrich Barbarossa die Valkhof-Pfalz (775) und die Valkhof-Burg (1152) errichten. In unmittelbarer Nähe dieses Ensembles hat im September das «Museum Het Valkhof» seine Pforten geöffnet. Mit der jüngsten Schöpfung des Amsterdamer Architektenduos Ben van Berkel und Caroline Bos kann die bewegte Geschichte der Stadt endlich an einem angemessenen Ort präsentiert werden. Das Haus zeigt neben Exponaten älterer und moderner Kunst vor allem die hier ausgegrabenen Zeugnisse aus römischer Zeit.


    Supermarkt und Musentempel

    Wie ein Chamäleon spiegelt die langgestreckte Milchglasfront die Launen des Wetters; und bei Dunkelheit scheint der Museumsbau wie ein lichter Goldbarren über dem Platz zu schweben. Über einen schwarzen Ziegelboden ins Innere gelangt, treffen die Besucher unversehens auf eine wuchtige Treppenskulptur aus beinahe weissem Beton - eine weitläufige, helle und fliessende Stufenlandschaft mit grünlichgrauen Betonböden und blanken Balustraden aus Birkenholz, die schnell das Bild eines römischen Amphitheaters hervorruft. Mit ihren weit ausgreifenden Armen verbindet die breite Treppe die auf drei Ebenen angesiedelten Abteilungen des Museums miteinander: Im Erdgeschoss befinden sich Buchhandlung, Café, Bibliothek, Verwaltung, Archive und pädagogische Abteilung, die «eigentlichen» Museumsräume sind fast ausschliesslich im oberen Geschoss angesiedelt. Im Untergeschoss haben Architekten und Ausstellungsmacher einen archäologischen Pavillon eingerichtet.

    Das seit einigen Monaten zum UN Studio erweiterte Büro Van Berkel & Bos plant räumliche Arrangements, die «abtauchenden, niederstürzenden, aufschliessenden, zerschneidenden, faltenden Bewegungen folgen». Ob die Rotterdamer Erasmusbrücke oder die unweit von Amsterdam errichtete Möbius-Villa (NZZ 5. 2. 99) - die Aushebelung des Orthogonalen zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten des Büros. Weniger um vordergründige dekonstruktivistische Effekte zu erzielen, als vielmehr um «allumfassende Strukturen und Raumgefüge zu schaffen, die Konstruktion, Funktion und Benutzerströme zu einem Ganzen zusammenführen», wie van Berkel beschreibt.

    «Supermarkt, Tempel und soziale Begegnungsstätte - programmatisch ist dieses Museum ein hybrider Raum»: dies konstatieren die Architekten in ihrem jüngst veröffentlichten, dreibändigen Manifest «Move», in dem das schnell wachsende Œuvre des UN Studio als flüchtiger Film vorbeizieht. Statt aus einer herkömmlichen Struktur mit abgetrennten eigenen Flügeln besteht das Raumgefüge des neuen Museums aus fünf parallelen Gängen mit unterschiedlich breiten Querverbindungen; ein Labyrinth der kurzen Wege, in dem sich die durch einfallendes Licht oder Sichtbeziehungen zwischen den einzelnen Strassen angelockten Besucher ihre individuellen Routen durch die verschiedenen Abteilungen suchen können. «Insgesamt sind 88 Wege durch das Museum möglich», rechnet van Berkel vor. 88 Möglichkeiten also, zwischen den einst im Provinzmuseum G. M. Kam aufbewahrten archäologischen Beständen und den bisher im Nijmegener Museum Commanderie van Sint Jan untergebrachten Kunst hin und her zu pendeln.


    Erhebung in der Landschaft

    Das spektakulärste Element des Museums ist seine ungewöhnliche Deckenkonstruktion: Die wellenförmig durch die Räume und Gänge mäandernden Aluminiumpaneele nehmen nicht nur alle technischen Installationen auf, sondern lassen darüber hinaus die unterschiedlichen Räume und Abteilungen des Museums zu einer Einheit verschmelzen. Die Reise des schillernden Aluminium-Plafonds beginnt wie die der breiten Treppe im Eingangsbereich; zusammen steigen dann beide in einer grossen Bewegung zu einer im oberen Geschoss gelegenen L-förmigen Galerie auf, von wo aus man einen guten Überblick über das Gebäudeinnere und eine traumhafte Aussicht auf den alten Stadtwall, den Valkhof sowie auf den dahinter gelegenen Fluss Waal und weite Teile der Provinz Gelderland geniesst.

    Hier oben wellt sich die Aluminiumdecke über die Köpfe der Besucher hinweg und lädt dabei zum Vergleich mit dem wohl berühmtesten wellenförmigen Plafond der modernen Architekturgeschichte ein, der 1934 von Alvar Aalto geschaffenen Holzdecke im Vortragssaal der Stadtbibliothek von Viipuri. Aalto strebte mit seiner in sieben Teilen gleichmässig mäandernden Decke nach einer idealen Akustik, für van Berkel war statt dessen das Binnenklima das Hauptmotiv: Die fast chaotische Decke dämpft nicht nur das einfallende Tageslicht, sondern nimmt auch die technischen Installationen der Beleuchtungs-, Klima-, Sprinkler- und Alarmanlage in sich auf. Dabei richten sich ihre so mutigen Schwingungen keineswegs nach ästhetischen Idealen, sondern folgen ausschliesslich den erwarteten Besucherzahlen: In Räumen, in denen die Ausstellungsmacher mit grossem Publikumsandrang rechneten, mussten mehr Installationen untergebracht und damit auch heftigere Wellen erzeugt werden: eine Lösung, die Funktion, Konstruktion und das Verhalten der Benutzer auf verblüffende und einleuchtende Weise zum Einklang bringt. Und das Ergebnis? Auffallend ruhig und gelassen verhält sich die Decke über den Arbeiten der modernen Künstler. Zu etwas mehr Rührung lässt sie sich dann über den Werken der alten Meister verleiten; am meisten aber reagiert sie auf die vielen römischen Fundstücke. Wie gesagt: die Stadt hat eine bewegte Geschichte.

    Robert Uhde


    Museum Het Valkhof, Kelfkensbos 59, Nijmegen. Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-17 Uhr, Sa, So und Feiertage: 12-17 Uhr.

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    Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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