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    Manhattan an der Maas
    Neue Zürcher Zeitung

    Metamorphose des Rotterdamer Stadtquartiers Kop van Zuid

    Seit den sechziger Jahren haben sich die Aktivitäten in den meisten europäischen Hafenstädten verlagert: in Rotterdam beispielsweise in Richtung Europort an der Maas-Mündung. Brachliegende ehemalige Hafenflächen und leerstehende Gebäude waren die Folge. Auf der Maas-Halbinsel Kop van Zuid wandeln sie sich nach einem städtebaulichen Plan von Teun Koolhaas seit Mitte der achtziger Jahre zu einem zentrumsnahen Quartier.

    07. Januar 2000 - Robert Uhde

    Die Gegensätze zwischen Amsterdam und Rotterdam sind seit dem Zweiten Weltkrieg deutlich stärker geworden: Während sich die pittoreske, historisch gewachsene Innenstadt von Amsterdam nach wie vor durch eine homogene Höhe auszeichnet, erinnern in Rotterdam nur noch wenige Strassenzüge und Einzelbauten an die Zeit vor 1940, als deutsche Bomben die Stadt weitgehend zerstörten. Nach dem Krieg wurde die Maas- Metropole fast vollständig in neuen Formen wiederaufgebaut. Sie bietet heute fast das Bild einer amerikanischen Stadt.


    Musterstadt der Moderne

    Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hatte sich die Bebauung Rotterdams noch ausschliesslich auf die Bereiche nördlich der Maas erstreckt. Erst als die Hafenbecken nach und nach zum südlichen Ufer hin verlegt wurden, begann sich die Stadt zunehmend auch hierhin auszubreiten. Im Verlauf von nur 25 Jahren wurden mehr als 120 Hektar Agrarland zum Hafengebiet umgewandelt. Die stetig ansteigende Einwohnerzahl - die Bevölkerung Rotterdams wuchs um 1900 jährlich um rund 10 000 Menschen - führte seit 1916 zum Bau zahlreicher öffentlicher Wohnkomplexe, darunter bedeutende Projekte von Michiel Brinkman und dem damals neu eingesetzten Stadtarchitekten Jacobus J. Oud, der zwischen 1919 und 1930 Siedlungen in den Stadtteilen Spangen, Tusschendijken und Kiefhoek schuf. In der Folge entwickelte sich Rotterdam zu einer regelrechten Musterstadt der Moderne. Aus der gleichen Zeit stammt auch die im Nordwesten Rotterdams gelegene Van-Nelle-Fabrik von Brinkman & Van der Vlugt (1925-31), die noch heute als Ikone des Neuen Bauens gefeiert wird.

    Nach dem deutschen Angriff im Mai 1940 blieben nur noch wenige innerstädtische Gebäude erhalten, darunter das Rathaus von 1920, das Postamt von 1923 und die gerade erst fertiggestellte Rotterdamer Börse. Statt eines Wiederaufbaus entschied man sich in Rotterdam jedoch konsequent für einen grossflächigen Neuaufbau. Federführend zeigte sich dabei vor allem das Büro Van den Broek & Bakema, das seit Beginn der fünfziger Jahre unter Beibehaltung der Maximen der Moderne unter anderem die berühmt gewordene Fussgängerzone De Lijnbaan errichtete.

    War es seit Ende der sechziger Jahre eher Amsterdam, das mit den Forum-Architekten um Herman Hertzberger und dem vor kurzem verstorbenen Aldo van Eyck den niederländischen Architekturdiskurs bestimmte, so prognostizierte Rem Koolhaas Anfang der achtziger Jahre, dass nun in Rotterdam in städtebaulicher und architektonischer Hinsicht vieles geschehen werde. Koolhaas sollte recht behalten, denn tatsächlich wurde seitdem eine stattliche Anzahl städtebaulicher Projekte geplant und realisiert, mit teilweise atemberaubender Geschwindigkeit, die in anderen europäischen Städten - abgesehen vielleicht vom wiedervereinigten Berlin - so niemals denkbar wäre: Fast zeitgleich mit dem Bau der Kunsthalle von Rem Koolhaas (1988-92) wurde unweit davon Jo Coenens Niederländisches Architekturinstitut fertiggestellt. Im sogenannten Weena-Gebiet im Inneren der City, wo eine von Koolhaas entworfene Busstation am Hauptbahnhof die ankommenden Bahnreisenden begrüsst, war schon ab Mitte der achtziger Jahre in nur fünf Jahren Bauzeit ein Boulevard mit Hochhäusern im amerikanischen Stil errichtet worden.

    Der Höhepunkt der städtebaulichen Entwicklung steht Rotterdam jedoch wohl erst noch bevor: Waren es durch die Verlegung der Hafenaktivitäten zum Europort hin zuerst die nördlichen Hafengebiete (De Oude Haven, De Leuvehaven und Delfshaven-Buitendijks), die eine Wohnfunktion bekamen, konzentriert sich die Entwicklung Rotterdams gegenwärtig auf die südliche Maas- Halbinsel Kop van Zuid. Bis zu Beginn der achtziger Jahre wohnten hier fast ausschliesslich Hafenarbeiter. Die Auslagerung der Hafenaktivitäten und die damit einhergehende Rezession führten im Viertel zu hoher Arbeitslosigkeit und steigender Kriminalität. Die Stadt erklärte die alten Hafengebiete daher zum Sanierungsgebiet.

    Im Auftrag der Stadt Rotterdam entwickelte Teun Koolhaas, der Neffe von Rem Koolhaas, 1987 einen städtebaulichen Plan, der - durch die Londoner Docklands inspiriert - eine für die damalige Zeit neuartige Metamorphose des heruntergekommenen Hafengebietes vorsah. Ausgangspunkt des Konzepts war eine neue Verbindung zum Festland, die den zuvor durch die Maas abgeschnittenen Süden Rotterdams an das Zentrum anschliessen und die infrastrukturelle Voraussetzung für den Bau von 5300 Sozial- und Eigentumswohnungen, 380 000 Quadratmetern Bürofläche sowie Läden, Restaurants, Sport- und Freizeiteinrichtungen bilden sollte. Der Plan zeigt sich ähnlich rigoros, wie die Planungen zum Wiederaufbau der Stadt nach dem Weltkrieg: Auch bei der Neuordnung des ehemaligen Hafenquartiers Kop van Zuid sollten nur wenige der historischen Bauten erhalten bleiben.

    Die Anbindung an die Innenstadt wurde 1996 durch die Eröffnung der atemberaubenden, deutlich an Arbeiten von Santiago Calatrava orientierten Erasmus-Brücke von Ben van Berkel erreicht - ein regelrechter «Quantensprung über die Maas», wie die Rotterdamer meinen. Seitdem wandelt sich die Maas-Halbinsel vom ehemaligen Industriegebiet zu einem nur noch wenige Minuten von der Innenstadt entfernten Quartier mit Wohn- und Dienstleistungsflächen. Um die architektonische Qualität der Neubauten zu sichern, werden die eingereichten Pläne der vorgesehenen Neubauten regelmässig durch die Mitglieder eines von der Stadtverwaltung eingesetzten internationalen Ausschusses von Sachverständigen begutachtet. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei insbesondere dem städtebaulichen Zusammenhang der architektonischen Entwürfe. Ohne ein positives Gutachten des Quality Team erteilt die Stadt keine Baugenehmigung.


    Architektonische Qualitätskontrolle

    Erster Höhepunkt des neuen Stadtquartiers war die grossflächige Wohnbebauung de Landtong von Frits van Dongen (de Architekten Cie, Amsterdam), die fast zeitgleich mit der Erasmus- Brücke fertiggestellt wurde. Das Raumprogramm der dreiseitig vom Wasser umspülten «Landzunge» zwischen Spoorweghaven und Binnenhaven besteht aus insgesamt 623 Wohneinheiten, die von van Dongen auf unterschiedlich ausgebildete Wohnblöcke verteilt wurden: In einer wohlüberlegten Komposition aus Masse, Material und Typologie gehen fünf frei gestellte, zum Teil terrassierte Riegel in drei Turmbauten über, die aus dem viergeschossigen Sockel des Komplexes emporsteigen. Einem elfgeschossigen Riegel zur nördlich gelegenen Maas hin, der in seiner strengen Komposition die Backsteinarchitektur industrieller Hafengebäude zu zitieren sucht, steht dabei nach Süden hin ein etwas flacher gehaltener Riegel mit immerhin noch acht Geschossen entgegen. Besonders markant sind jedoch die mittleren drei Riegel der Landtong ausgebildet, die terrassenartig von vier Geschossen im Süden bis auf elf Geschosse im Norden ansteigen. Weiter südlich schliesst sich dem Komplex ein offeneres Wohngebiet mit überwiegend zwei- bis viergeschossigen Häusern an.

    Im gegenüberliegenden Entrepothaven, einem inzwischen als Jachthafen genutzten Teil des Binnenhavens, wurde hingegen versucht, die besondere Atmosphäre des Ortes zu bewahren. Neben alten Hafenkränen blieb hier auch das für Rotterdamer Verhältnisse schon fast «antike» ehemalige Lagerhaus Der vijf Werelddelen (Die fünf Kontinente) aus dem Jahr 1879 erhalten. In den oberen Geschossen des Backsteingebäudes wurden rund einhundert neue Wohneinheiten eingerichtet, im Erdgeschoss sorgen Restaurants und Läden für Hafenatmosphäre. Weniger gelungen erscheint dagegen die gegenüberliegende Seite des Hafenbeckens, wo vergeblich versucht wurde, mit einer modernen Architektursprache an das Vorbild des alten Lagerhauses anzuknüpfen.

    Mehr Einfühlungsvermögen beweist ein halbkreisförmig angelegter, mit Fassaden aus Holz verkleideter Wohnblock von Cepezed (1994-95), der am nordwestlichen Ende des ehemaligen Lagerhauses einen fliessenden Übergang zwischen einem Platz und dem angrenzenden Binnenhaven schafft. Mit seiner Kreisform zitiert das Gebäude überdies geschickt die ebenfalls halbkreisförmigen Enden eines langgestreckten, annähernd V-förmigen Wohnblocks von Carel Weeber, der südlich des Entrepothavens 549 Wohnungen zur Verfügung stellt. Der Bau sorgt für einen wichtigen städtebaulichen Akzent im östlichen Bereich des Kop van Zuid.


    Türme und Theater

    Die Rosestraat weiter abwärts, direkt neben dem Bahnhof Rotterdam-Zuid gelegen, schliesst das 1997 durch das Architektenduo Bolles & Wilson aus Münster und das Rotterdamer Büro Kruisheer Elffers fertiggestellte Albeda College den Kop van Zuid nach Süden hin ab. Auf dem dreieckigen Gelände treffen zwei unterschiedlich genutzte dreigeschossige Gebäudeflügel auf spitzem Winkel zusammen und steigen von dort zu einem raffiniert gestalteten, vertikalen Baukörper auf. Die Fassade des imposanten Turms weicht im Erdgeschoss des Gebäudes einige Meter zurück und neigt sich in den oberen Stockwerken weit nach vorn, so dass der Turm fast zu schweben scheint - ein überaus gelungener Bezug zum expressiv geknickten Pylon der Erasmus-Brücke!

    Vom Albeda College führt der Rundgang wieder nach Norden; vorbei am Hillekop Plein, wo die Delfter Mecanoo-Architekten Ende der achtziger Jahre einen wellenförmig angelegten Wohnkomplex geschaffen haben, und schliesslich wieder zurück zur Erasmus-Brücke. Kurz vor der Brücke trifft der Blick auf den wuchtigen Wilhelminahof vom Rotterdamer Büro Kraaijvanger & Urbis (1994-97), der auf insgesamt 15 Geschossen rund 120 000 Quadratmeter Bürofläche bietet. Der in orangerotem Backstein gehaltene Baukörper dient als weithin sichtbare Eingangssituation des neuen Quartiers und stellt den zurzeit noch wichtigsten städtebaulichen Punkt für die Erschliessung des Kop van Zuid dar - sein gewaltiges Nordportal wirkt dabei fast wie eine steinerne Kulisse für das ebenfalls von Kraaijvanger & Urbis entworfene Gerichtssaalgebäude sowie für einen halbkreisförmig angelegten Büroturm von Cees Dam. Nach Osten und Süden hin wird der Wilhelminahof in den nächsten Jahren durch einen rund 135 Meter hohen Büroturm sowie durch zwei weitere grossflächige Gebäudekomplexe erweitert: auf der Zuidkade 1 sollen in vier Gebäuden Wohn- und Büroflächen von insgesamt 50 000 Quadratmetern entstehen, auf der Zuidkade 2 ist ein Ensemble mit rund 80 000 Quadratmeter Bürofläche geplant.

    Direkt gegenüber dem Wilhelminahof wird gegenwärtig nach Plänen von Bolles & Wilson das Luxor-Theater errichtet. Hinter seinen tomatenroten Aussenwänden soll das Musicaltheater Platz für rund 1500 Besucher bereitstellen. Das Münsteraner Büro konnte sich mit seinem ungewöhnlichen Entwurf unter anderem gegen einen Vorschlag von Rem Koolhaas durchsetzen. Von der Baustelle des Luxor-Theaters sind es nur noch wenige hundert Meter zum Wilhelminapier, dem historischen Zentrum des Kop van Zuid. Rotterdam spielte eine wichtige Rolle bei der Emigration nach Amerika, seit 1873 stachen vom Wilhelminapier aus Tausende von Passagieren auf Schiffen der späteren Holland-Amerika-Linie (HAL) in See. Zurzeit wird die schmale Landzunge noch durch das prachtvolle, mit Jugendstilmotiven geschmückte Verwaltungsgebäude der HAL bestimmt, das zwischen 1901 und 1920 vom Büro Müller und Van der Tak realisiert wurde. Nach der aufwendigen Restaurierung des Gebäudes mit den zwei kupferfarbenen Türmen hat sich hier 1993 das Hotel New York eingerichtet, das als Geheimtip unter Rotterdam-Reisenden gilt.


    Zukunftsprojekte

    Einige Meter weiter schliesst sich das von Brinkman, Van den Broek & Bakema errichtete Schiffterminal (1937-53) und Norman Fosters Meerforschungszentrum (1994) an. Doch der nostalgische Blick in die Vergangenheit trügt: Schon die Baukräne verraten, dass sich das Gesicht des Wilhelminapiers in einigen Jahren vollständig gewandelt haben wird. Nach Fosters Plänen soll auf dem langgestreckten Pier eine doppelreihige Hochhaus-Skyline entstehen - die Rotterdamer sprechen schon jetzt erwartungsvoll von «Manhattan an der Maas». Den Auftakt des gigantischen Vorhabens bildet das von Foster geplante World Port Center, mit dessen Bau 1998 begonnen wurde.

    Weniger lang brauchen die Rotterdamer auf Renzo Pianos neues Hauptgebäude der PTT Telecom zu warten. Der rund 100 Meter hohe Bau am Fuss der Erasmus-Brücke soll demnächst fertiggestellt sein. Die nach Norden, zur Stadt hin ausgerichtete Fassade neigt sich ähnlich wie das Albeda College von Bolles & Wilson weit nach vorn. «Das Gebäude ist Teil des Rotterdamer Hafens, die Kräne stehen hier auch nicht gerade», erläutert der italienische Architekt seinen Entwurf. Dessen zentrales Element ist ein ebenfalls rund 100 Meter hoher und schräg stehender, durch einen mächtigen Pfeiler gestützter Bildschirm, der die Reklamewände auf dem Times Square in New York, dem Piccadilly Circus in London, vor allem aber von «Blade Runner»-City zitiert. Die im oberen Teil verbreiteten Botschaften dieser überdimensionalen Zeitung sollen auch noch am anderen Maasufer lesbar sein. Wer immer also eines der 290 Luxusappartements in De Hoge Heren am gegenüberliegenden Kopf der Erasmus-Brücke beziehen wird, der kann aus den auf einem wuchtigen Sockel stehenden Zwillingstürmen von Wiel Arets stets die neusten Nachrichten erblicken.

    Das ehrgeizige Projekt Kop van Zuid stellt gegenwärtig die zentrale städtebauliche Aufgabe Rotterdams dar. Ein gewaltiger Umbruch - die Betriebsamkeit des einst grössten Binnenhafens der Welt weicht Schritt für Schritt der postindustriellen Stadt mit ihren wuchtigen Büro- und Wohnkomplexen. Schnell drängen sich da Vergleiche mit der Umnutzung der ehemaligen Osthäfen in Amsterdam auf, wo auf den erhalten gebliebenen Hafenmolen KNSM, Java, Borneo und Sporenburg demnächst Häuser für insgesamt 20 000 Bewohner fertiggestellt sein werden (NZZ 5. 3. 99) - ein ähnlich gewaltiges Projekt, das jedoch anders als der umgestaltete Kop van Zuid kaum gewerbliche Flächen vorsieht.

    Die Erneuerung des Kop van Zuid wird zwar erst in einigen Jahren abgeschlossen sein, doch schon jetzt sieht sich die Stadtverwaltung dazu ermutigt, weitere potentielle Stadterneuerungsgebiete in den Blick zu fassen. Und als sei es damit noch nicht genug, sollen demnächst zwei Bauwerke die Höhe des seit 1960 höchsten Turms der Niederlande, des Euromastes, überbieten: Für ein Wohnhaus am Boompjes Boulevard am nördlichen Maasufer ist eine Höhe von über 200 Metern vorgesehen, und für einen in unmittelbarer Nähe des Euromastes geplanten Turm werden sogar 300 Meter angestrebt.

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    Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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