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12. Oktober 2000 Der Standard

Wer mehr ausgibt, der lebt schöner

Die Architekturelite baut einen Stadtteil in Guadalajara/Mexiko

Der Mexikaner Jorge Vergara Madrigal hat mit Vitamindrinks im Handumdrehen Dollarmillionen gescheffelt, einen Teil davon will er jetzt in Form von ausgewählter Architektur in Guadalajara an seine Landsleute zurückgeben.

Wien - Jorge Vergara und seine Unternehmensgruppe Omnilife lassen von elf der bekanntesten Architekten einen neuen Stadtteil in Guadalajara bauen. Am Dienstag hielt der Mexikaner im Wiener MAK einen Vortrag. Daniel Libeskind plant die Universität, Thom Mayne eine Arena, Jean Nouvel Bürogebäude, Coop Himmelb(l)au ein Entertainment Center, Tod Williams & Billie Tsien ein Theater, Toyo Ito ein Museum, Enrique Norten ein Kongresszentrum, Carme Pinós ein Messegelände, Philip Johnson eine Kinderwelt, Theodoro González de Leon das Klubhaus und Zaha Hadid ein Hotel.

STANDARD: Wie kommt man auf die Idee, sein Geld in eine Stadt zu stecken?

Jorge Vergara Madrigal: Wir haben die besten Architekten der Welt engagiert, um Guadalajara auf die Landkarten zu bekommen. Die Stadt braucht dringend ein neues, kulturelles Zentrum, diese Architektur wird eine Initialzündung für die gesamte Region sein.

STANDARD: Sie rechnen mit dem „Bilbao-Effekt“?

Vergara: Natürlich, Bilbao war eine kaputte, gespaltene Stadt, ein einziges Gebäude hat das vollkommen geändert.

STANDARD: Sie beschäftigen praktisch alle Spitzenleute der Szene, wie haben Sie die denn gekriegt?

Vergara: Ich habe 22 Architekten angeschrieben. Renzo Piano und Norman Foster sagten gleich ab. Da auch das Zwischenmenschliche stimmen muss, habe ich mich auf die Rundreise begeben und die restlichen zwanzig persönlich aufgesucht. Mit Schumi hat das zum Beispiel nicht funktioniert, Eisenmann war am schlimmsten, da hat das Gefühl einfach nicht gepasst. Übrig blieben die elf.

STANDARD: Mittlerweile herrscht Partystimmung.

Vergara: Wir haben uns alle sehr angestrengt, diese Architekten verliebt zu machen in das Projekt, in uns, in die Stadt. Wir haben keine Limits vorgegeben, was ihre Kreativität anbelangt und ihnen bei den Entwürfen freie Hand gelassen, das hat geholfen.

STANDARD: Der Showeffekt ist gewiss, doch wie schaut es mit dem Städtebau aus?

Vergara: Alle ökologischen Aspekte wurden berücksichtigt. Die Autos werden unterirdisch geführt, und die Verbindungen zwischen den Gebäuden musste sehr sorgfältig erfolgen, damit kein architektonischer Skulpturenpark entsteht.

STANDARD: Wie funktioniert die Anbindung an die Stadt?

Vergara: Das Grundstück liegt direkt an der wichtigsten Straße, die in das Zentrum führt. Wir suchen jetzt Investoren für Hotels, Restaurants, Services, und auch diese Gebäude müssen sehr gut sein.

Es ist erstaunlich: Architektur ist so wichtig, und gleichzeitig kümmert sich keiner darum. Schauen Sie sich all die hässlichen Städte an. Meistens ist alles sehr schlecht gemacht, um ein paar Dollar zu sparen. Heutzutage glaubt man, wenn man Geld spart, lebt man besser. Wir glauben das Gegenteil. Gib ein wenig mehr aus, und leb schöner.

STANDARD: Sind beim Bau öffentliche Gelder im Spiel?

Vergara: Von der öffentlichen Hand kommt gar nichts, diese Investition ist rein privatwirtschaftlich. Das war übrigens die erste Frage, die alle Architekten sofort gestellt haben: „Ist das ein öffentlicher Auftrag? Wenn ja, muss ich es mir zweimal überlegen, ob ich mitmache.“

STANDARD: Wie viel wird Ihre Stadt kosten?

Vergara: Wir rechnen mit 425 Millionen Dollar für die elf Häuser, nach europäischen Standards wären das mindestens 900 Millionen. Was wir eigentlich wollen, ist Kulturimport. Jeder dieser Architekten wird ein Stück Kultur nach Guadalajara bringen. Coop Himmelb(l)au zum Beispiel hat in der Stadt ein Büro eröffnet.

STANDARD: Wann soll die Stadt fertig sein?

Vergara: Unser Ziel ist 2004. Ich will es schließlich noch erleben.

STANDARD: Rem Koolhaas war anfangs mit dabei, warum ist er aus dem Team verschwunden?

Vergara: Er sollte den Masterplan entwerfen, doch er war von der Idee besessen, ein Haus über das andere zu stapeln - Toyo Ito über Daniel Libeskind, völlig absurd. Sein Ego war größer als seine Häuser, unter diesen Voraussetzungen konnten wir nicht zusammenarbeiten.

STANDARD: Ihr Veteran ist der 93-jährige Philip Johnson.

Vergara: Er gibt uns allen Lebensunterricht. Er behauptet von sich, der kindischste aller Architekten zu sein, und meinte zu mir, nach dem Ego-Prozess, der beste Architekt der Welt werden zu wollen, habe er erkannt, dass der einzige Sinn des Lebens darin bestünde, Spaß zu haben wie ein Kind. Deshalb hat er auch die Kinderwelt entworfen.

30. September 2000 Der Standard

Wo das Wunder passiert

Boris Podrecca baut das neue Biotechnologiezentrum in Wien

Der Architekturwettbewerb um das neue Wiener Laborgebäude der Akademie der Wissenschaften ist entschieden. Die Sache befindet sich unter einer Art Käseglocke, erläutert Architekt Boris Podrecca sein Siegerprojekt, was sich später unter dieser Hülle aus Glas abspielen wird, ist nur Eingeweihten klar. Biotechnologie heißt die unheimliche Wissenschaft der Zukunft, auf der ganzen Welt wird heftig in diese Richtung geforscht, nun soll also auch Wien ein solches Forschungszentrum größerer Dimension bekommen.

Zumindest die Labor-Architektur, in der sich das Unerklärliche abspielen wird, ist klar und verständlich, wenn auch nicht einfach. Boris Podrecca entwarf für die Wissenschafter sozusagen einen Forschungs-Organismus, einen Haus-Wirten, der je nach den Ansprüchen der beherbergten Gastorganismen, also der rund 80 Menschen, die in ihm arbeiten werden, schrumpfen und wachsen und dazulernen kann. Der zentrale Teil der Anlage im 3. Wiener Bezirk sind natürlich die Labors, die Podrecca als „das Gehirn“ bezeichnet, als den „Ort, wo das Wunder passiert“. Das gesamte Gebäude ist nach den vereinfachenden Formulierungen der Architekturkritik in vier Zonen gegliedert: Zur Dr.-Bohr-Straße hin macht das große neue Haus nach Podreccascher Manier in grünlichem Stein, ebensolchem Glas und poliertem Metall die Front zu, was der Architekt als Dienst an der Stadt betrachtet, was andererseits aber doch ein bisschen schade ist, weil Wunder nach Möglichkeit ja auch nach außen wirken sollen. Doch wer sind wir, hier zu urteilen.

Dahinter wird es jedenfalls sofort spannend, weil sich eine kleine Welt auftut, in der es Plätzchen und Straßen, Rampen und Verweilpodeste gibt, ganz zu schweigen von den Cafégärtchen, dem Wassergeplätscher und dem Schilfgewucher. Zwischen diesen Zonen der behaglichen Kommunikation auf vielen Ebenen befinden sich selbstverständlich auch Arbeitsgelegenheiten wie Büros, Konferenzräume und Labors lose eingestreut. Der Architekturkritiker würde hier vom Betonrückgrat des Büroriegels sprechen, der die Sache straßenseitig gelegen quasi in Form hält, von einem dahinter angehängten Erschließungsgerüst mit Rampen und Stiegen, das zugleich eine luftige Atemzone im Gebäude bildet, von dem in weiterer Folge eingehängten Laborblöcken, die in offener Stapelung und Leichtbauweise die wachsende oder schrumpfende Zentrale des Gebäudes bilden. Darüber, mächtige Lufträume entstehen lassend, stülpt sich besagte Käseglocke, architektonisch als intelligente, weil mit Lüftungs- und anderer Technik versehene Klimafassade zu bezeichnen.

Podrecca hat ein Haus entworfen, das bei Bereitstellung jeglicher Infrastrukturen den Wissenschaftern zusätzlich auch viel Platz gibt, um sich zu orientieren und untereinander auszutauschen, denn Forschung passiert nicht nur im Labor und am Computer, sondern vor allem im miteinander Nachdenken. Das haben die Architektenkollegen Gregor Eichinger und Christian Knechtl bereits mit ihrem sehr schönen, kleinen Schrödinger-Institut gezeigt, wo sie den Wissenschaftern ermöglicht haben, allerorten Tafeln mit Kreide vollzuschreiben.

Podreccas Haus ist in seinen Dimensionen und Anforderungen natürlich Schrödinger mal Pi und muss enormen Technologieansprüchen genügen. „Deshalb gibt es auch Naturelemente wie Wasserbecken und Grünzonen, damit das Gebäude keine technische Monokultur, kein Gerät wird“, sagt der Architekt. Auch Wohnungen sind im Komplex untergebracht, sie orientieren sich zur Innenstadt und präsentieren ihren Bewohnern den fenstergerahmten Steffl. Die Labors auf der anderen Seite sind eine „Vitrine“, die Richtung Erdberg, wo gerade ein neuer Stadtteil mit Gasometer- und anderer Architektur belebt wird und zum bereits bestehenden Wissenschaftscampus aufmacht. Denn das Institut für molekulare Bioinformatik, kurz IMBA, ist Teil einer Gesamtanlage, die Biotechnologiezentrum Wien heißt und in verwirrender Vielfalt in diversen Gebäuden in diesem Block zwischen Dr.-Bohr-Gasse, Viehmarktgasse und Rennweg Universitäres mit Privatwirtschaftlichem vermischt.

Das neue IMBA der Akademie der Wissenschaften zum Beispiel entsteht in Kooperation mit dem privaten Großkonzern Böhringer Ingelheim, bezahlt wird das 190-Millionen-Schilling-Ding allerdings von der Stadt Wien, die laufenden Betriebskosten von jährlich 100 Millionen wird der Bund begleichen. Von Böhringer kommt derweilen also nur das, was man Know-how nennt. Als Baubeginn wird Mitte 2001 angepeilt. „Wenn es irgendwie geht, wollen wir Ende 2002 einziehen“, sagt Helmut Schuch von der Akademie.

Das gesamte Biotechnologieprojekt ist ein Liebkind von Brigitte Ederer, die auch deutlich Interesse an einem Ausbau des Nachbargrundstücks in ähnlicher Manier zur Nutzung für Unternehmen signalisiert. Christian Bartik aus dem Büro der Stadträtin: „Die Erweiterung ist fix geplant, lediglich der Gemeinderatsbeschluss steht aus.“ Der Erweiterungsbau war bereits Teil der Wettbewerbsvorgaben.

Der Wiener Wirtschaftsförderungsfonds, so Schuch, „zerbricht sich jetzt ernsthaft den Kopf darüber, wie das gsamte Gebäude in einem Durchgang errichtet werden könnte.“

26. September 2000 Der Standard

Die Firma

Der einzige Stil, den BEHF verfolgen, ist der Unternehmensstil ihrer jeweiligen Auftraggeber. Und die fahren sehr gut damit.

Der Weg zum Architekturbüro BEHF führt durch zwei Mariahilfer Hinterhöfe, dann geht's in ein altes Industriegebäude, hinauf über eine Eisenstiege und hinein durch eine unscheinbare Tür. Der Anblick dahinter verschlägt einem erst einmal kurz den Atem. In einem riesigen Loft, in dem einstens wahrscheinlich ölige Apparaturen Schraubenmuttern oder Ähnliches gestanzt haben, arbeitet und stampft jetzt eine schnieke Architekturmaschinerie, und die vermittelt durchaus den Eindruck, hochtourig zu laufen. Rund vierzig Architekten, Designer, Medienfachleute und sonstwie Kreative wieseln mit Papieren, Plänen, Linealen herum, Computer surren, Plandruckmaschinen plotten, Kaffeemaschinen gurgeln. Ein nettes Großraumbüro haben sie hier, mit maßgeschneiderten Arbeitskojen für jeden und jede, oder besser, für die jeweiligen Projekte, die gerade bearbeitet werden.

Die Architekten von BEHF sind offenbar mit Arbeit gut versorgt. Die Mitarbeiteranzahl der Architektengruppe hat sich seit ihrer Gründung 1996 mehr als verzehnfacht und macht die Firma zu einer der zahlenmäßig größten Architekturmaschinen im ganzen Land. Dass alles so geschmiert läuft, hängt natürlich mit dem Geschick der vier Gründungsarchitekten zusammen - und mit ihrer sehr geschäftstüchtigen Art, Architektur zu machen. BEHF steht für Unternehmensarchitektur, für Geschäftslokale und Bürobauten. Für eher schnell abgewickelte, dennoch gut durchdachte Sachen. Der wichtigste Kunde heißt Libro, und ihm verdanken die vier BEHF-Chefs auch den rasanten Aufstieg, den ihre Gruppe in so kurzer Zeit genommen hat.

Hinter dem coolen Firmentitel - er verfolgt als einfaches, prägnantes und deshalb sehr gut funktionierendes Logo jeden allerorten, der irgendwie mit der Firma zu tun hat - verbergen sich natürlich die Namen der vier Architekten: Erich Bernard, Armin Ebner, Susi Hasenauer und Stephan Ferenczy haben sich schon zu Studienzeiten in der Meisterklasse von Wilhelm Holzbauer kennen gelernt. So ungefähr vor fünf Jahren wurde einer nach dem anderen mit dem Studium fertig, und zur gleichen Zeit suchte auch Libro mittels Wettbewerbs nach einem neuen Image und einem neuen Unternehmensauftritt.

Die vier gewannen quasi von der Schulbank weg und waren gezwungen, rasch einen eigenen Betrieb zu etablieren. „Das Büro war Mittel zum Zweck, um den Auftrag überhaupt abwickeln zu können“, sagt Stephan Ferenczy. Der Schritt in die Unabhängigkeit machte sich bezahlt. Die Planer haben offenbar zur Libroschen Zufriedenheit gearbeitet, weshalb es Nachfolgeaufträge nur so regnete. Insgesamt entstanden bisher rund 70 Filialen mit jeweils 600 bis 1300 Quadratmetern Fläche, weil praktischerweise der Konsum pleite ging, woraufhin jede Menge Filialen zur Verfügung standen. Der Libro-Börsegang tat ein Übriges und scheffelte die entsprechenden Baugelder in die Unternehmenskasse. „Wir haben versucht, sozusagen den Selbstdefinierungsweg des Unternehmens zu begleiten“, meint Armin Ebner, „also eine Corporate Culture zu schaffen.“

Einer der wichtigsten Schritte in diese Richtung war die Gestaltung des Flagstores im Wiener Donauzentrum. Als Libro-Boss André Rettberg die Pläne dafür sah, soll er gesagt haben: „Gut. Ich vertraue Ihnen. Wir machen das. Aber Sie sind dafür verantwortlich.“ Das Konzept sah zuerst einmal eine Eliminierung alles Lieblichen vor. Das Verkaufslokal wurde bis auf sein Stahlbetonskelett und die Versorgungsadern völlig ausgezogen und bekam nur einen grauen Anstrich verpasst. Die „Hardware“ des Geschäfts, wie BEHF sich ausdrücken, besteht jetzt bis zu den gegossenen Kassablöcken aus nackigem Beton. Die „Software“, also alle Elemente, die das Lokal bespielen, setzt sich aus einem klaren Leitsystem zusammen, aus im Raum und nicht an der Wand gesetzten Regalen, damit der Kunde den Überblick nicht verliert, aus Monitoren sowie einer rundum gespannten zweiten textilen Haut im Raum, die als Werbe- und Infofläche nach Belieben beflimmert und bespielt werden kann. Insgesamt ein sehr einfaches, hartes, schnelles, nicht teures Konzept, dass einerseits mit seiner extremen Zurückgenommenheit dem kunterbunten Librosammelsurium die Tribüne gibt, das mit seinen Neue-Medien-Zonen allerdings auch MTV-artig die Werbesau rauslassen kann, wenn es will.

In ihrem schönen, schneeweißen, selbstverständlich mit allen technischen Sitzungsspezifankerln und dem BEHF-Logo ausgestatteten Besprechungsraum fühlt sich der Architekturkunde wie in Abrahams Schoß. Mittels Lamellenjalousien ist er von der lauten Außenwelt abgeschirmt, und die Damen und Herren, die BEHF vertreten, vermitteln ein Gefühl von Kompetenz, Vertrauen, Sicherheit. Diese Architekten haben ihre Unternehmerlektionen gelernt, und dazu gehört auch, ganz genau zu wissen, was man nicht will.

Im Falle von BEHF sind das die persönlicheren, kniffligeren Sachen wie Wohnungen umbauen und überhaupt Einfamilienhäuser austüfteln. „In diese Richtung zu gehen ist nicht unsere Kompetenz und auch nicht unser Wunsch“, sagt Ebner. Auch Ferenczy stimmt dem zu: „Dieses Thema wird nicht sonderlich geliebt von uns, weil es extrem aufwendig ist, wenn die Sache sinnvoll sein soll.“ Die zahlreichen Auszeichnungen, die es bisher gegeben hat, wurden denn auch für andere Bauaufgaben verliehen. Etwa für ein Büro-Geschäftshaus in Klagenfurt, das sich mit seiner ganz einfachen, gut funktionierenden Beton-Glas-Architektur im Vorjahr den Kärntner Landesbaupreis holte. Ein Nachfolgeprojekt entstand in Form eines ebenfalls sehr klaren und ebenfalls aus Beton gemachten Fachmarktzentrums in Feldbach. Drei Mieter teilen sich die Minishoppingmall, die mit ihrer einfachen markanten Hülle die Besucher erwiesenermaßen gut anspricht, die Geschäfte fuhren im vergangenen Jahr laut BEHF Rekordumsätze ein.

Die Architekten haben sich mit ihren Einkaufskettenarchitekturen sehr geschickt in eine Marktlücke manövriert, die von Kollegen bisher viel zu wenig beachtet wurde. Die allerorten wuchernden Stadtrandeinkaufszonen wären ein weites Betätigungsfeld für Gestalter, für Städtebauer und Planer und offenbar auch ein lohnendes, denn laut Ebner ist „das Interesse der Investoren da“.

„Die bauliche Maßnahme ist Teil der Unternehmensentwicklung unserer Kunden“, versucht Ferenczy die eigene Unternehmensphilosophie zusammenzufassen, „und BEHF ist eine Art Architekturagentur dafür. Dabei verfolgen wir grundsätzlich keine Stilistik.“ Bis dato hat der Hauptkunde Libro samt seinen Dutzenden Filialen die Truppe dermaßen beansprucht, dass gelegentlich sogar die Baustoffe ausgingen und etwa gewisse Stelzfüße für bestimmte Regale in ganz Europa nicht mehr aufzutreiben waren, oder bestimmte Lacke per Cessna rasch aus Dänemark eingeflogen werden mussten. Doch wie geht es weiter, wenn dieser Megadeal einmal abgeschlossen ist? „Die Frage lautet: Wie bleibe ich jung?“, sagt Ferenczy. Zu diesem Zweck hat BEHF neben der Controllingmannschaft, der Administrations- und Organisationstruppe auch ein Kommunikationsteam gegründet, das den Umgang nach innen und nach außen pflegt. Wie eine große, kluge Firma eben.

21. September 2000 Der Standard

Was kommt, ist schon da

Das Architektur Zentrum Wien präsentiert Baukünstler der Zukunft

Wien - Das AZW hat seine Flutlichter aufgedreht und zehn heimische Architekturbüros jüngerer Generation daruntergerückt: emerging architecture heißt die Ausstellung, sie ist ab heute im Museumsquartier zu sehen.

Die Architekten präsentieren ihre Arbeiten per Plakate und Computervideos. Da es sich um eine Wanderausstellung handelt - über internationale Stationen wird noch verhandelt - bekam jedes Team einen großen Transportkoffer, der mit ausklappbaren Paneelen zugleich als Ausstellungsarchitektur und als Computerpodest dient.

Die Multimediadokumentation je eines Gebäudes pro „emerging architect“ hat das Architektur Zentrum finanziert, für die Ausstellungspublikation (sie erscheint bei Springer) mussten die Architekten selbst aufkommen. Sie ist in Einzelhefte teilbar, jedes Büro erhält 200 Exemplare für PR-Zwecke. Die präsentierten Künstler wurden von Kurator Otto Kapfinger handverlesen, sie zählen großteils zu den interessanteren jungen österreichischen Bauleuten zwischen 30 und Mitte 40.

Da es aber auch noch andere, mindestens ebenso interessante Künstler gibt, kündigte Zentrums-Boss Dietmar Steiner eine alljährliche Fortsetzung der Veranstaltung an: „Im Jahr 2004 etwa wären fünfzig Büros - die regionale Kernschicht einer Generation - auf diese Weise dokumentiert.“ Otto Kapfinger zur Auswahl des ersten Durchgangs: „Das sind alles Leute, die zwar noch nicht wirklich monographiewürdig sind, aber bereits eine starke eigene Aussage haben, ein Thema konsequent verfolgen.“ Beeindruckend sind etwa die in Konzept, Erscheinung und Preis aus der Masse hervorragenden Arbeiten von Johannes und Oskar Leo Kaufmann, meistens in Holz gemacht, denn die Cousins haben familiär bedingt Holzbaustaub quasi von Geburt an inhaliert. Flott auch die Architekturen von Markus und Kinayeh Geiswinkler: Sie zeichnen etwa für den Guess-Club in Mariahilf verantwortlich. Rainer Köberl steht für raffinierte Zurückhaltung; Andreas Lichtblau und Susanna Wagner verheiraten Haustechnik und Gebäude zu eleganten Architekturen.

Bernhard und Stefan Marte spielen gerne mondrianartig mit Betonscheiben und Glasflächen; Christoph Pichler und Johann Traupmann beschäftigen sich mit dem Thema „Raumhülle“ und versuchen neue Interpretationen. Peter und Gabriele Riepl fallen u. a. durch spannende neue Architekturen in bestehenden auf. Aneta Bulant-Kamenova und Klaus Wailzer bauen gläserne Hüllen, die in ihrer Zartheit fast unsichtbar werden; von Peter Ebner stammt ein solides Studentenheim in Salzburg, und die Gruppe Splitterwerk nimmt die Ideen ihrer 60er-Jahre-Vorgänger mit besonderer Frische wieder auf. Im AZW, bis 30. 10.

11. September 2000 Der Standard

„Ohne ,Museum im Fels“ hätte es Bilbao nicht gegeben'

Vor zehn Jahren scheiterte Hans Holleins Projekt eines Guggenheim-Museums in Salzburg. Jetzt scheint eine zweite Chance realistisch. Ute Woltron sprach mit dem Architekten.

Standard: Ihr Entwurf für das „Museum im Fels“ ist über zehn Jahre alt. Hält er noch, was er damals versprach?

Hollein: Also, gute Architektur sollte schon mehr als zehn Jahre überdauern. Das Guggenheim von Frank Lloyd Wright in Manhattan wurde 17 Jahre nach dem Entwurf fertig gestellt. Der Architekt hat das gar nicht mehr erlebt, er ist ein Jahr zuvor gestorben.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Chancen ein, selbst doch noch ein Guggenheim-Museum zu realisieren?

Hollein: Die jüngste Initiative des Planungsstadtrats Johann Padutsch, der meinte, man hätte damals einen historischen Fehler begangen, hat sich zuletzt wie eine Lawine entwickelt. Es gibt eine Gruppe in der Stadt, gebildet von allen drei Parteien, die nun, wie sie sagen, ihre Hausaufgaben machen wollen.

STANDARD: Gilt die Machbarkeitsstudie von 1990 noch?

Hollein: In jeder Hinsicht. Durch die Erfahrungen mit Bilbao müssen lediglich Besucherzahlen und Umwegrentabilität nach oben revidiert werden. Pikanterweise wurde ja die Marktanalyse damals lächerlich gemacht. 650.000 prognostizierte Besucher tat man als Größenwahn ab. Bei den Baukosten werden neuerdings Zahlen von bis zu 1,6 Milliarden Schilling kolportiert, tatsächlich dürfte das Museum maximal eine Milliarde kosten, also etwa 6,5 Prozent mehr als damals.

STANDARD: Eine Diskussion im Landesstudio Salzburg hat vor zwei Wochen ein starkes öffentliches Pro zum Projekt gezeigt. Wie geht es weiter?

Hollein: Es ist vor allem die Finanzierung zu klären, da sollte neben Land und Stadt auch der Bund mit dabei sein. Das Museum muss ein österreichisches Anliegen sein, gerade in der jetzigen Zeit.

STANDARD: Gibt es bereits eine Reaktion von Guggenheim-Chef Thomas Krens?

Hollein: Ich weiß nicht, ob schon eine offizielle Antwort vorliegt, doch Guggenheim war stets an diesem Projekt interessiert. Salzburg war ja der Beginn seiner globalen Aktivität. Ohne Museum im Fels hätte es Bilbao nicht gegeben. Mein Gebäude ist immer als Vorbild hingestellt worden.

STANDARD: Wie schnell könnte es realisiert werden?

Hollein: Es würde den normalen, durch das Verfahren zur Änderung des Flächenwidmungsplanes in der Vorwoche bereits eingeleiteten Vorgang nehmen; die Bauzeit würde ca. zwei Jahre dauern.

STANDARD: Was passiert mit dem zweiten geplanten Museum auf dem Mönchsberg, dem Museum der Moderne?

Hollein: Ein zweites, separates Museum macht sicher keinen Sinn, die beiden lägen ja gerade 15 Meter auseinander. Ich kann mir vorstellen, dass man dieses Museum in das Guggenheim integriert und den Neubau an das bestehende Café Winkler anschließt. Ich habe Ähnliches für die Casino-AG seinerzeit bereits geplant. Man wollte damals Aktivitäten des Guggenheim sponsern, ein Fenster des Casinos führte in das Museum, es waren Besuche und Nachtführungen geplant.

STANDARD: Auch Wien wälzte vergebens Guggenheim-Pläne. Könnte nun zwischen Wien und Salzburg ein Buhlen um Guggenheim einsetzen?

Hollein: Vizebürgermeister Görg hat vor ein paar Monaten zu mir gemeint, der Platz auf der Platte wäre immer noch für Guggenheim frei, und meines Wissens gab es auch immer wieder Wiener Delegationen in New York. Ich bin allerdings vorsichtig mit meinem Enthusiasmus, denn unangenehme Erfahrungen haben gezeigt, dass das Scheitern und Realisieren von Projekten von der Haltung einiger weniger Personen und Cliquen abhängen kann.

STANDARD: Sie warten ab?

Hollein: Nein, ich bin voll mit dabei. 2006 ist das Mozartjahr, bis dahin will Salzburg ein umgebautes Festspielhaus haben, vielleicht ist auch Guggenheim dann fertig. Es spielt aber keine Rolle, wenn es erst zwei Jahre später fertig ist. Doch vielleicht nicht allzu spät, sonst geht's mir wie dem Frank Lloyd Wright.

29. Juli 2000 Der Standard

Gut durchdacht lohnt sich

Das Vorurteil, gute Architektur sei alles Gebaute, das als „schön“ empfunden werde, konnte noch nicht ausgerottet werden. Dieser Umstand rächt sich, wenn tradierte Muster ungefragt übernommen und allerorten zu haarsträubend unpraktischen Konstrukten gehäufelt werden, was angesichts der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nur blöd und ärgerlich ist. Zumindest Gewerbe und Industrie, die am Puls der Zeit sein und optimiert bauen müssen, wenn sie überleben wollen, sollten es besser wissen. Tun sie zum Glück oft auch.

Die besseren Teile der heimischen Wirtschaft haben in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, dass gute Architektur nicht nur ein auf viele Jahre funktionierender Werbeträger ist. Wenn der Planer klug an die Sache herangeht, dann wird sie zu einem unbezahlbaren Stimmungsmacher innerhalb des Unternehmens und sorgt für die Optimierung aller Arbeitsabläufe und Produktionsschritte des Betriebs. Was könnte einem Unternehmer wichtiger sein?

Auch das zweite Vorurteil, gute Architektur sei zwar schon eine tolle Sache, für unsereiner aber doch zu teuer, ist noch lebendig. Tatsächlich kann das - in Relation zu den Baukosten geringe - Honorar des Architekten zu einer der besten Investitionen werden, die der Unternehmer je getätigt hat. Denn wer in einem gut durchdachten, gut geplanten Betrieb arbeitet, der wird sich in seiner Umgebung wohlfühlen, kann seinem Job effizienter nachgehen und wird lieber arbeiten. Und dass ein gutes Betriebsgebäude wie eine gut geölte Maschine funktioniert, ist nichts Neues. Bleibt zu erwähnen, dass ein guter Architekt bereits bei der Planung spart - sein Honorar wird oft schon durch geringere Baukosten hereingespielt.

All diese Tatsachen sind Leuten, die sich auch nur ein wenig mit der Materie befassen, längst bekannt. Die Initiative „art pool“ will dem logischen, aber doch immer wieder zu predigenden Umstand noch zu ein wenig mehr Öffentlichkeit verhelfen. Man entschloss sich deshalb, alljährlich die innovativsten Betriebs- und Unternehmensarchitekturen mit dem althergebrachten Mittel des Preises zu würdigen. „art pool“ - dahinter stehen namhafte Unternehmen wie ABB, UTA Telekom AG und Erste Bank - ist nach Eigendefinition eine „Initiative für aktuelle Kunst“, sie will die fruchtbare Durchmischung von selbiger mit der Wirtschaft fördern. „museum in progress“ nimmt das Thema auf und verschafft den Architekturen plakativ zu größerer Öffentlichkeit.

Der erste Preisverleihungsdurchgang fand bereits im Vorjahr statt. Damals konnte man natürlich aus dem Vollen der längeren Vergangenheit schöpfen. Ausgezeichnet wurden eh-schon-Klassiker wie das Coop Himmelb(l)ausche Funder-Werk, die Haslinger-Kecksche Werbeagentur von Eichinger oder Knechtl und die Jenbacher Maschinenhalle von Josef Lackner.

Heuer lag der Schwerpunkt der Auswahl im mittelständischen Unternehmensbereich, der sich hierzulande als sehr aktiv erweist. Eine Vorauswahl lieferte (wieder einmal - wo ist eigentlich die das gesamte Bundesgebiet vertretende, neutrale Architekturstiftung?) das Wiener Architektur Zentrum, das seine Architekturdatenbank nach Brauchbarem durchkämmte (vielleicht ein wenig gar subjektiv, aber bitte). Als Juroren fungierten schließlich der mittlerweile allgegenwärtige Zentrums-Chef Dietmar Steiner sowie STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl. Zwölf Architekturen wurden als die besten auserwählt. Das Spektrum reicht von der Fleischmanufaktur von Franz Riepl (OÖ) über die Betriebsstätte der Malervereinigung in Graz von Bernhard Hafner und das Marktzentrum in Lustenau von Daniele Marques und Bruno Zurkirchen bis zur Lichtfabrik Halotech von Rainer Köberl (T). Alle prächtig, alle wohl durchdacht, alle solides, bestes Architekturhandwerk.

Eine frische Alternative zu den immer schrecklicher werdenden Kaufhausbunkern der Stadtperipherien (den Puzzleteilchen der sogenannten Gewerbegebiete, die stets die Liebkinder der Bürgermeister, städtebaulich aber meistens ein Horror und architektonisch immer eine Totalniederlage sind) ist zum Beispiel das im Vorjahr fertiggestellte Möbelhaus Manzenreiter in Freistadt. Mit goldgelber Haut, nostalgischem Schriftzug, geschicktem Umgang mit Räumen, Oberflächen, Wegen. Eine auf den ersten Blick auf unergründliche Weise Vertrauen erweckende Architektur. Als Planer zeichnen die jungen „x architekten“ verantwortlich. Sie zeigen hier, dass man mit 40 Millionen Schilling (Nettoherstellungskosten) eine sehr gelungene Verkaufs-und Lagermaschinerie mit über 3000 Quadratmetern Nutzfläche herstellen kann.

Ein Prachtstück von Bürobau befindet sich in Form eines Erweiterungsbaus für eine Wirtschaftstreuhänder KG gut verborgen in einem Gärtchen des steirischen Gleisdorf. Die Architekten Susanna Wagner und Andreas Lichtblau (Wien) haben eine haustechnisch ausgeklügelte Schachtel hinter ein bestehendes Haus gesetzt, die von kaum merklich gekrümmten, also selbststehenden Betonwänden getragen wird, über eine durchgehende Glasfassade verfügt und auch mit Erdwärme und Sonnenenergie tadellos umgehen kann. Das ergibt zum einen eine sehr feine, offene, kollegiale Büroatmosphäre und zum anderen vergleichsweise geringe Betriebskosten.

Weitere ausgezeichnete Betriebsbauten sind das Geschäftshaus Rutter (K) von BEHF (darüber demnächst mehr an dieser Stelle), die Glaserei Ebner von Pichler&Traupmann (B), das Weingut Weninger von Raimund Dickinger (B), die Tischlerei Thaler von Sui:T (T), die Halle der Franz Binder Holzindustrie von Josef Lackner (T) und zu guter Letzt Roland Gnaigers Landwirtschafts-Großbetrieb Vetterhof in Vorarlberg. 1996 fertiggestell ist er wohl der einzige Bauernhof im ganzen Land, der es zu einer superben Corporate Identity gebracht hat. Gnaigers Architektur, die logistisch perfekt hinhaut und traditionelles Bauen mit zeitgenössischem Zugang verheiratet, hat dazu wesentlich beigetragen.

22. Juli 2000 Der Standard

Pflanzen, Licht, Topographie

Landschaftsarchitekten von Gestern und Heute in neuen Publikationen

Gelegentlich pflegte der Brasilianer Roberto Burle Marx vor seinen entzückten Gästen mit Inbrunst gregorianische Choräle anzustimmen, wenn ihn ein Geräusch, ein Lichtspiel, irgend eine Laune der Natur dazu drängte, feierlich zu sein. Burle Marx - unter anderem verantwortlich für die charakteristischen Schwarz-Weiß-Pflasterwellen an der Copacabana - ist bereits seit sechs Jahren tot, doch eine gewisse lässige Feierlichkeit lebt weiter in den unzähligen Stadträumen, die der Landschafts- und Gartenarchitekt im Laufe seines fünfundachtzigjährigen Lebens geplant und ausgeführt hat.

Die Landschaftsarchitektur ist eine besonders schwierige, herausfordernde Tätigkeit, und umfangreiches Wissen über die Qualitäten von Wind und Licht, Boden und Topographie, von Pflanzen und Wasser allein sind nur die Basis, sozusagen der Lehm des Gestalters. Der neu geformten Angelegenheit auf Dauer Leben und Geist einzuhauchen, das ist die Kunst dieser Profession. Und die wird künftig verstärkt gefragt sein, wenn Landschaften zugepflastert werden, wenn zwischen den Architekturen Öde und Ratlosigkeit herrschen.

Wie Burle Marx ist auch der Schweizer Dieter Kienast (1945 bis 1998) bereits verstorben, beide zählten zu den Inspiriertesten der Zunft. Obwohl es kaum gelingen kann, die Atmosphären von Garten- und Grünanlagen mitsamt ihrem Vogelgezwitscher, Blättergeraschel, Wassergeplatsche in Buchform einzufangen, so dokumentieren diverse Publikationen Leben und Arbeit beider doch in gelungener Weise.

Der bereits vor drei Jahren erschienene Band „Kienast. Gärten“ (Birkhäuser, 184 Seiten, öS 862,-), der die privaten Grünbereiche vom neuen Bauerngarten bis zum Villenpark zeigt, wurde soeben von der Nachfolgepublikation „Kienast. Vogt. Aussenräume“ (Verlag Birkhäuser, 264 Seiten, öS 862,-) ergänzt. Kienasts Arbeiten sind äußerst vielfältig, er hatte sozusagen alles drauf, vom repräsentativen Kies-Wasser-Beton-Pflanzen- Vorplatz für die High-Tech-Firma über die private Kleinidylle bis zum Außenraumkonzept für ganze Stadtteile.

In beiden Büchern gibt es unter anderem diverse Texte von Kienast selbst, und beide sind ganz seltsam anzuschauen, denn die Fotografien - ausschließlich von Christian Vogt gemacht - sind streng in Schwarz und Weiß gehalten. Vogt mutierte als Jüngling vom Gärtnerlehrling zum Fotografen, lebt also die perfekte Symbiose von Blick für das Objekt und Gespür für das Grün. Die Bilder sind zwar alle von einer gewissen Herbstlichkeit und Düsternis erfüllt, aber dennoch prächtig. Zum besseren Verständnis für die einz elnen Anlagen werden sie von Plänen und Skizzen des Landschaftsarchitekten ergänzt.

Auch das vergleichsweise schmale Bändchen über „Roberto Burle Marx. Landscapes Reflected“ (Princeton Architectural Press, 80 Seiten, öS 216,-, erscheint im September) verweigert die Farbe. Hier wabert ein leichter Grünton über die Schwarzweißfotos und die Malereien des Architekten, die zwischen Parkanlagen und Gärtchen eingestreut sind.

Während Kienasts Arbeitsmaterial die langsam wachsende Fauna Europas war, unternahm sein brasilianischer Kollege das herausfordernde Unterfangen, tropische Üppigkeit zähmen zu wollen. „Burle Marxs Vision der Natur ist sowohl tragisch als auch komplex“, schreibt Herausgeberin Rossana Vaccarino, „tragisch wegen der unvermeidlichen Transformation der Natur, und unendlich komplex in der verführerischen Verheißung, die Vorstellung des Künstlers auszudrücken.“

Viele der Parks von Rio de Janeiro jedenfalls, die der Brasilianer schon vor Jahrzehnten angelegt hat, sind durch heftiges Wuchern zwar ein wenig verwischt, doch die Strukturen leben und funktionieren immer noch und machen einen Gutteil des Zaubers der Stadt aus. „Die Zeit der Gartenarchitektur ist im Kommen“, prophezeit Robert Schäfer in der Publikation über Kienasts Außenräume, denn „(a)lle Zeichen sprechen dafür: Der Umgang mit den natürlichen Ressourcen, mit der Natur, wird zu neuen Gärten führen.“

Was sich Zeitgenossen schon zu diesem Thema ausgedacht haben, ist im ebenfalls ganz neuen Buch „Zwischen Landschaftsarchitektur und Land Art“ (Birkhäuser, 248 Seiten, öS 570,-; vgl. dazu die Fotos rechts) zu sehen. Diverse Landschaftskünstler werden hier vorgestellt - ein guter Überblick für Leute, die sich näher mit diesem Zukunftsthema befassen wollen. Und in der Wiener Planungswerkstatt ist ab 25. Juli die Ausstellung. „In Memoriam Dieter Kienast, Peter Pindor, Wilfried Kirchner. Zwei Landschaftsarchitekten. Ein Gartenhistoriker. Ein Leben für die Landschaft und die Gartenkunst“ zu sehen.

15. Juli 2000 Der Standard

Ich bin ein Fossil

Michael Embacher ist der Handwerker unter den Neuen Architekten, der mit dem Holzstaub und dem Zement unter den Fingernägeln

Die neuen Architekten krempeln mit jugendlicher Frechheit ihre Branche um. Gelegentlich kommen sie dabei zwar daher wie eine Horde Bodenseereiter, insgesamt haben sie es aber geschafft, sich trotz harter Konkurrenzgefechte ein gemeinschaftliches frisch-zackig-unkonventionelles Image zuzulegen, also eine Trademark der Jungarchitektur zu werden. Das ist bekanntlich erst äußerst schwierig, aber dann Goldes wert.

Manche unter ihnen sind allerdings wieder komplett anders. Michael Embacher zum Beispiel. Der Salzburger mit Wiener Bürositz ist mit 36 Jahren zweifelsohne noch ein junger Architekt, doch irgendwie will er nicht so recht in diese schillernde Jungtruppe passen: Er hat noch nie die Werbetrommel gepumpert, ist medial ein völlig unbeschriebenes Blatt. Sein Architekturbüro trägt keinen Fantasienamen, sondern seinen. Er schaut aus wie ein ganz normaler Mensch, sprich, an ihm ist weder Designerklamotte noch Grungefetzen anhängig. Er gehört der aussterbenden Gattung der Nicht-Homepage-Besitzer an. Er spricht von Schrauben, Dübeln, I-Trägern, Betongemischen und Holzarten, wenn von Architektur die Rede ist, und über sich selbst sagt er: „Ich bin halt ein Fossil.“

Michael Embacher ist der Handwerker unter den Neuen, der Tüftler, der nicht nur an Plänen und Details feilt, sondern auch auf der Baustelle immer wieder Hand anlegt, quasi mit Handwerkerpratzen kontrollierend eingreift, wenn es notwendig ist. Zum Beispiel, wenn in der MAK-Bibliothek seltene Hölzer von mittlerweile noch seltener gewordenen Profis in aufwendigen Prozeduren oberflächenbehandelt werden, wenn im Wiener Herbert-von-Karajan-Zentrum feine Bambusparketten verlegt und in der Buchhandlung Minerva (die mittlerweile Prachner im MAK heißt) ordinäre Riffelbleche zu Besuchertreppen und -laufstegen veredelt werden.

Der Mann ist, man bemerkt es schon, ein Materialfetischist. Er verwebt Kleiderhaken und Kunststoffbahnen zu flotten Lampenobjekten, klebt aus Pappendeckelwaben haltbare, spottbillige und verblüffende Ausstellungssysteme, verwandelt mit billigem Modeschmuck Boutiquedecken zu kostbar glitzernden Brillantgrotten. Embacher geht dabei an die Architektur mit einer gründlichen, fast altmodischen Bedächtigkeit heran, weshalb seine Arbeiten perfekt ausgeführt, konzeptuell aber trotzdem auf dem Punkt der Zeit sind. Eine gewisse Gnadenlosigkeit, was die Qualität und Gewissenhaftigkeit der beauftragten Handwerker anbelangt, dürfte dem Architekten zu Eigen sein. Während der Bauphase für das Karajan-Zentrum trudelten nacheinander vier dort beschäftigte Schlosser in den Konkurs. Gute Architektur, so Embacher, könne nicht zuletzt nur dann entstehen, wenn gute Handwerker zugange seien, die sich auch untereinander kennen und verstehen würden: „Sonst redet sich immer der eine auf den anderen aus, und die billigsten Firmen sind im Endeffekt dann die teuersten gewesen.“

In die Lehre gegangen ist Embacher weniger auf der Technischen Universität Wien, wo er nach wie vor mit einer gewissen Ambivalenz inskribiert ist, als auf den Baustellen so wohlbeleumundeter Architekten wie Günther Domenig und Sepp Müller. Irgendwann fraß dann MAK-Chef Peter Noever an dem stillen, für diesen halsbrecherischen Schaut-Her-Ich-Bin-Der-Beste-Beruf fast zu bescheidenen Mann einen Narren und beauftragte ihn mit der Abwicklung und Gestaltung diverser Ausstellungsarchitekturen. In der Praxis sah das etwa so aus: Embacher bekam von Vito Acconci ein zwanzig mal dreißig Zentimeter großes Pappendeckelmodell sowie aufmunternde Worte mit auf den Weg und setzte die Miniatur innerhalb einer Gnadenfrist von drei Monaten in hundert Tonnen Stahl, Glas und Gipskarton um. Die Ausstellung hieß „The City Inside Us“ und wurde zu einem ziemlichen Publikumserfolg.

Noever und das MAK waren zwar beileibe nicht die einzigen, wohl aber Embachers bisher treueste Auftraggeber. Der Architekt hat für die Institution am Ring mittlerweile an die 60 Ausstellungen und Installationen fabriziert, diverse Räume neu gestaltet, die feschen Künstlerwohnungen eingebaut, zur Freude aller schwarzgekleideten Kunst- und Kulturmenschen Wiens im Hof einen kommoden Gastgarten samt Sonnen- und Regenschutz gemacht und in Kooperation mit dem Chef selbst eine Skulptur von einem Haus ins burgenländische Breitenbrunn gestellt.

Vergangene Woche präsentierte Michael Embacher gemeinsam mit Peter Noever und Sepp Müller in einer New Yorker Galerie den letzten MAK-Schrei. Der heißt CAT - Contemporary Art Tower - und ist der sehr behutsame und wenig marktschreierische Vorschlag für eine Umfunktionierung und Belebung des derzeit sinnlos in der Gegend herumstehenden FLAK-Turms im Wiener Arenbergpark zu einem Kunstturm, den internationale Künstler auf Einladung Stück für Stück mit ihrer Interpretation des Raumes und des Monuments befüllen könnten. Drei Geschoße des betonenen Monsters aus dem Jahr 1943 könnten zum Zwecke des Geldverdienens vermietet werden - unter anderem zeigte Guggenheim-Boss Thomas Krens Interesse -, eine Gastrolandschaft auf dem Dach würde zusätzlich Geld einfahren. Obwohl das übliche Szenegemecker natürlich schon wieder alles besser weiß, würde sich die Angelegenheit laut Machbarkeits- und Finanzierungsstudie zu einem guten Teil selbst tragen.

Doch zu solcherlei Details äußert sich Embacher nicht, er ist schließlich für die Architektur verantwortlich, und die, so behauptet er, sei letztlich Handwerk, bestenfalls versetzt mit einem Schuss Kunst. „Die Zeit für Architektur ist irre gut“, meint er, „viele Unternehmen beginnen Architektur als Marketinginstrument zu erkennen. Diese Chance sollte man wahrnehmen, durchaus auch hochfliegende Pläne spintisieren und sich mit Fachleuten, der verschiedensten Branchen beraten. Dann allerdings muss man das Ganze realisierbar machen.“ Sozusagen hinunter auf den goldenen Boden des Handwerks bringen. Auch das kann, wenn man gut und geschickt ist, zum Trademark werden.

8. Juli 2000 Der Standard

Schatzi, dreh' die Sonne auf!

Die Entwicklung des Menschen vom Troglodyten zum Sonnentierchen schreitet voran. Oder gehören Sie auch zu jenen Relikten, die nicht an den Evolutionsmotor Solar- und Passivarchitektur glauben?

Mit den Viecherln ist es so: Wenn beispielsweise der Fischotter eine Forelle verspeist, dann nimmt er damit kaum mehr Energiemenge zu sich, als er benötigt, um gleich darauf mit hurtigem Herumgetauche einen nächsten Fisch zu erbeuten. Wenn hingegen die Anakonda ein Wasserschwein er- und hinunterwürgt, darf sie dank sparsamer Energiehaushaltung erst einmal ein paar Monate Pause machen, gemütlich verdauen und im Schlamm dösen. Letzteres System ist äußerst praktisch. Die vorhandene Energie wird aufgespart und langsam und dosiert mit höchster Effizienz verbraucht.

Bei den Menschen und ihren Behausungen gibt es ganz ähnliche Unterschiede: Die meisten verfeuern unter Erzeugung hoher CO2-Mengen im Laufe eines Winters enorme prähistorische Waldstriche in ihren Heizölbrennern, um drinnen die lebenswerten Temperaturen zu erhalten. Die anderen drehen zu diesem Zweck gelegentlich an besonders kalten Ausnahmetagen ein paar Glühbirnen auf.

Letzteres glauben Sie jetzt natürlich nicht. Können Sie aber ruhig: Heutzutage ist es im Extremfall möglich, ein Haus so geschickt und präzise zu bauen, dass es gänzlich ohne oder nur mit geringer Beheizung auskommt. Ein paar wichtige Faktoren machen diesen Fortschritt möglich: Erstens gibt es seit ein paar Jahren die erforderlichen Baustoffe, vor allem die edelgasgefüllten, hochgedämmten Spezialfenster. Zweitens werden die nicht erneuerbaren Energiequellen wie Heizöl und Kohle nicht mehr und nicht billiger, dafür schreitet die Schadstoffbelastung der Umwelt munter voran. Drittens ist die Erkenntnis gereift, dass wir insgesamt höchst unwirtschaftlich herumfuhrwerken, was unser Wohnen und Bauen, also unser täglich Leben anbelangt.

Ex-Minister Caspar Einem hat seinerzeit ein Forschungs- und Impulsprogramm ins Leben gerufen, das „Nachhaltig Wirtschaften“ heißt, und das sich neben der Erforschung der „Fabrik der Zukunft“ auch mit dem „Haus der Zukunft“ befasst. Der Einem mittlerweile nachgefolgte Michael Schmidt konnte nun vergangene Woche „Beachtenswerte Pionierleistungen“ auf diesem Gebiet präsentieren und 15 Preisträger mit Urkunden und Preisgeldern bedenken.

Eine internationale Jury hatte zuvor die eingereichten Projekte genau analysiert. Sie schöpfte dabei aus dem Vollen. Österreich liegt an der absoluten Weltspitze, was energietechnisch smartes Bauen anbelangt. In keinem anderen Land gibt es zum Beispiel eine höhere Pro-Kopf-Sonnenkollektorendichte als hier, und kaum irgendwo ist das Interesse an Niedrigenergiebauweise und der Extremform Passivhaus, dem so gut wie keine (Heiz-) Energie zugeführt werden muss, sowohl von Bauherren-als auch von Architektenseite höher.

Den Juryvorsitz hielt der Sonnenpionier und Amerikaner Robert Hastings. Der Mann mit dem Credo „Ein Haus sollte so gebaut sein, dass ein Föhn ausreicht, es am schlimmsten Tag des Winters heizen zu können“, lehrt etwa an der ETH Zürich und der Donauuniversität Krems, und seine wichtigste Botschaft lautet: Man muss vor der Krise reagieren und nicht erst aktiv werden, wenn sie schon da ist.

Österreichs Architekten zählen hier zur Weltspitze. Ohne großes Trara planen sie quasi der Sonne entgegen allerorten vorbildliche Wohnhausanlagen, Bürogebäude und auch Einfamilienhäuser, und raffinieren geschickt alle Fortschritte von Industrie und Technik in ihre Planungen. Die beiden erstgereihten Häuser der Zukunft stehen in Form der Wohnanlage Ölzbündt von Hermann Kaufmann in Dornbirn und des Büro- und Wohnbaus Sportplatzweg ebenfalls von Hermann Kaufmann, diesmal gemeinsam mit Christian Lenz, in Schwarzach.

Beide Gebäude überzeugten die strenge Jury - bestückt unter anderen mit Peter Burkhardt vom Schweizer Bundesamt für Energie, Rainer Pflug vom Passivhaus Institut Darmstadt und dem Wiener Architekten Dieter Henke - auch architektonisch. Der übertriebene Öko-Bio-Alternativterroristen-Look der frühen Energiespar- und Sonnenhäuser ist zu einem guten Teil schon lange passé.

Die Wohnanlage Ölzbündt steht ganz proper in der Landschaft, drei Geschosse hoch, in Holz und Glas gebaut. Für ihr Inneres saugt sie die Frischluft über ein Edelstahlrohr an, das im Erdboden verlegt wurde und dadurch die Luft entsprechend vorwärmt. Aus der verbrauchten warmen Abluft wird weitere Wärme rückgewonnen, und eine Solaranlage auf dem Dach liefert rund zwei Drittel der Energie, die für die Warmwasserbereitung erforderlich ist. Insgesamt benötigt das Haus mit seinen 13 Wohnungen gerade ein Viertel der Energie, die ein dümmer gemachtes, also durchschnittliches Haus verpulvert.

Was die Baukosten anbelangt, so Architekt Kaufmann, bewege man sich etwa vier bis fünf Prozent über dem vergleichbaren Durchschnitt: „Es handelt sich hier um einen Prototyp. Wenn man sich allerdings in diesem System einüben würde, könnten die Kosten sicherlich kräftig gesenkt werden.“ Preisträger Nummer Zwei in Schwarzach war nur geringfügig teurer als Vergleichsgebäude, die Mehrinvestitionen sollten sich laut Kaufmann in fünf, sechs Jahren amortisiert haben und in weiterer Folge seine Benutzer Jahr für Jahr mit hohen Heizkosten verschonen. Denn die Raumlufterwärmung verbraucht - zumindest in niederösterreichischen Statistiken - etwa 77 Prozent der in einem Haus aufgewendeten Energie.

Robert Hastings formuliert die neun Gebote für ein „Haus der Zukunft“:
O Es muss sich für Licht und solare Wärme öffnen
O Es bedarf einer kompakten Gebäudeform, die nicht zu Lasten einer „humanen“ Architektur geht
O Seine Hülle muss hervorragend gedämmt sein (für Fachleute: der U-Wert soll 0,11 W/ m2K betragen)
O Auch Fenster und deren Rahmen sollten hochisoliert sein (U-Wert kleiner 0,7 W/m2K)
O Wärmebrücken müssen vermieden werden
O Die Sonnenenergie soll durch Fenster, offenen Grundriss und innenliegende Speichermassen wie Fußböden und Trennwände passiv genutzt werden
O Die Be- und Entlüftung sollte mittels Vorwärmung (Erdrohre) und Wärmerückgewinnung (Altluft) erfolgen
O Den Restwärmebedarf kann eine umweltgerechte Kleinheizung beisteuern
O Die Warmwasseraufbereitung erfolgt aktiv durch Sonnenenergie
Das sind Grundsätze, die natürlich vor allem im Wohnbau greifen, aber zu einem guten Teil auch von - aus Gründen des Platzverschleißes abzulehnenden - Einfamilienhäusern berücksichtigt werden können.

Ein wichtiger, nächster Schritt - das „Haus der Zukunft“ wird ihn sicher tun - besteht in der behutsameren Wahl der Baustoffe. Denn braucht man für die Aufbereitung von Holz überschlagsmäßig etwa 50 Kilowattstunden pro Kubikmeter, so sind es für Beton bereits 600 und für Stahlbeton gar horrende 50.000. Der hierzulande vor allem im Osten so verpönte Holzbau wird also künftig das umwelt- und haustechnische Non-Plus-Ultra, sozusagen die Anakonda des Hausbaus sein. Gemütlich ohne dauernden Heizaufwand im Schnee vergraben - so könnte die Zukunft des Viecherls Mensch auch sein.

Alle Preisträger und Projekte sowie genauere
Informationen zum Impulsprogramm gibt es unter
http://www.hausderzukunft.at und
http://www.nachhaltigwirtschaften.at. Und der Architektur Raum Burgenland lädt am 14. 9. um 17 Uhr im Technologiezentrum Eisenstadt zur Expertenrunde „Energie Haus Haltung“.
architektur@derstandard.at

7. Juli 2000 Der Standard

„Die Stadt hat keine Lösung“

Am Sonntag wird die 7. Architekturbiennale von Venedig eröffnet: Bis 29. Oktober zeigen 37 Länder sowie 82 exklusiv zur Schau geladene Architekturgrößen, was ihnen zum Biennale-Thema „Città: Less Aesthetics, More Ethics“ eingefallen ist. Die Antwort lautet: weniger Architektur, mehr Installation.

Wie immer, wenn Venedig die Weltarchitekturparade feiert, vermischt sich die ernsthafte Schwere tatsächlich realisierter Architekturprojekte mit der verspielten Leichtigkeit nicht so fundamental im Erdreich verankerter Installationen. Letztere haben heuer Hochkonjunktur, sowohl in den Länderpavillons als auch in den Einzelarchitektenbeiträgen, die Biennale-Chef Massimiliano Fuksas in den Renaissancehallen des Arsenals versammelt hat.

Die Stadt der Zukunft, der Fuksas weniger Ästhetik, dafür mehr Ethik abfordern will, hat eine Größe erreicht, der kein Mensch mehr gewachsen ist. Was kann der Architekt dieser von Menschenmassen und Wirtschaftskräften geformten Mega-Realität entgegensetzen, womit wirklich Einfluss nehmen? Und soll er das nach den vielen gescheiterten Architekturvisionen der Vergangenheit überhaupt?

Ein wenig hilflos flüchten denn auch die Teilnehmer weg von der Architektur hin in installierte Nischenbereiche, lassen die Besucher durch verschiedenste verniedlichende Guckkästen Blicke auf Städte und Projekte tun und bemühen die so schön zum Verschummern knallharter Realitäten tauglichen neuen Medien wie Internet und Video auf Teufel komm raus.

Die Niederlande zum Beispiel setzen auf lustiges Miteinander. Sie haben ihren Pavillon sorgfältig mit blauem Plüschteppich ausgelegt und zur „Lounging Zone“ erklärt. Öffentliches und privates Leben sollen sich hier mischen; wer eintreten und auf Sofas und Liegen zum Zwecke des für die einen vielleicht gemütlichen, für die anderen aber durchaus anstrengenden gemeinschaftlichen Architekturerfahrens vor Bildschirmen, Cola-Automaten und Kaminfeuern Platz nehmen will, der muss vorher allerdings die Schuhe ausziehen.


Gähnend langweilig

Die meisten Länder (wie Brasilien und Belgien) versuchen sich in schlichten und nie ganz uninteressanten Bestandsaufnahmen, andere verzupfen sich sicherheitshalber gleich in die Vergangenheit. Allen voran der gähnend langweilige Deutschland-Beitrag, der seine Besucher mit plakatwandgroßen und von Wissenschaftlichkeit durchtränkten Berlin-Plänen des Vorgestern, Gestern und Heute ziemlich allein lässt.

Von Zukunft ist auf dieser Biennale also selten etwas zu sehen, doch das macht nichts, solange der hier gezeigte „state of the art“ der Architektur noch nicht allenthalben Gegenwart geworden ist. Den wahrscheinlich innovativsten Beitrag gestatten sich die Amerikaner. Sie zeigen eine gelungene Synthese zweier wichtiger Trends:

Zum einen regieren hier die Computer samt ihren avantgardistischen Dompteuren Greg Lynn (UCLA) und Hani Rashid (Columbia). Zum anderen wird der sich ständig erweiternde Pavilloninhalt von 25 Studenten dieser beiden Professoren gestaltet, die unermüdlich die Rechner bedienen, projizierte Images per Internet verändern und mittels computergesteuerter Maschinerie eine Architektur-Alien-Form nach der anderen aus Werkstoffplatten fräsen. Der Computer als Werkzeug einerseits, eine exquisite Architektenausbildung als extrem wichtige, der Verantwortung verpflichtete Berufsbasis andererseits können sehr wohl einen Weg ins Morgen weisen. Federführender US-Kommissär ist der in New York stationierte Max Hollein.

Vater Hans Hollein war für die heimische Architektenparade zuständig. Er hat ein paar Häuser weiter ein kleines Politschlenkerl inszeniert. Mit Arbeiten etwa von Adolf Krischanitz und Hermann Czech wird Österreich als „Area of Tolerance“ vorgestellt, mit internationalen Kollegen als „Area of Action for International Architects“. Ein Betätigungsfeld für ausländische Architekten sind zwar andere Länder auch, doch in Zeiten wie diesen wird internationales Engagement im Staate Österreich offenbar zur kostbaren Besonderheit. Die Architektenriege ist namhaft - von Zaha Hadid (Wiener Stadtbahnbögen, Bergisel-Schanze) über Peter Cook und Colin Fournier (Kunsthaus Graz), Thom Mayne (Hypo Alpe-Adria Zentrum Klagenfurt) bis Greg Lynn (Hydrogen-House für die OMV in Schwechat).


Locker-lustig

Eine locker-lustige Mischung aus Gebautem und Projektiertem, aus Design und Architektur setzt Großbritannien den Besuchern vor. Hier wird Architektur - etwa von William Alsop, Zaha Hadid und David Chipperfield - mit Alltagskultur vom Kitschsouvenir über das Firmenlogo bis zur Designervase zu jenem bunten Süppchen an Gegenständen, Images und Architekturen verkocht, in dem wir alle schwimmen.

In diesem medienbeflirrten, musikberatterten und hektisch Botschaften aussendenden Pavillonkarneval der Nationen befindet sich ein Ort düsterer, schweigender Gelassenheit: Die Russen haben die Nase voll von Visionen. Sie glauben nicht mehr an eine verordnete bessere Zukunft und führen dem computer-und installationsübersättigten Flaneur unvermittelt menschenleere Winterfotos prachtvoll verrottender Paläste des Sowjet-Paradieses vor.

Und noch ein Beitrag versucht in Sachen Architekturstreben innezuhalten: Coop Himmelb(l)au zeigt ein zerrissenes Modell von Havanna. Denn: „Die Stadt hat keine Lösung. Städtebau gibt es nicht mehr, Stadt baut sich selbst. Wo nicht, ist sie verloren.“

1. Juli 2000 Der Standard

Die wahre Fassade des Hauses ist der Himmel

Luis Barragáns Häuser sind Choräle. Sie singen strenge, poetische und inbrünstige Oden an Bäume, Pferde, Menschen und den Herrn.

Wenn der Jacarandábaum blüht, dann ist das ein üppiges Rauschen und Duften, ein Farbwirbeln vor tropischem Himmelblau, dann regnet es für kurze Zeit rosalila auf den staubigen Erdboden, wo die Menschen sind.

Als der mexikanische Architekt Luis Barragán schon sehr alt war, lebte er zurückgezogen, fromm, still. Er hatte irgendwann sein Architekturbüro zugesperrt und den Herrgott einen guten Mann sein lassen.

In diese Ruhe und Abgeschiedenheit polterte eines Tages der virile Lebensgeist eines jugendlichen Landsmannes. Er stöberte den betagten Architekten auf und zerrte ihn zu einem kleinen, unscheinbaren Grundstück nicht weit von seinem Atelier in Mexico-City. Dort, auf gerade einmal dreißig mal zehn Metern, meinte Francisco Gilardi, solle Barragán ein Haus für ihn bauen, denn keinen anderen Baumeister verehre er so sehr wie ihn.

Der alte Mann war von diesem Angebot erst wenig angetan. Doch genau in der Mitte des kleinen Flecks wuchs wunderschön eine alte Jacarandá. Die gewann.

Unter der Auflage, dass das prächtige Gewächs erhalten bleibe, komponierte Luis Barragán sein allerletztes Haus rund um diesen Baum. Er dirigierte noch einmal Licht und Materie zu einem klaren und feierlichen Wohlgesang auf die Schönheit, das Leben und den Tod, und mittendrinnen ließ er die Jacarandá ihre Blüten herniederrieseln auf poliertes, schwarzes Lavagestein, wo sie alljährlich sozusagen in Schönheit und Würde starben.

„Ohne Sehnsucht nach Gott“, hatte der streng katholische alte Mann acht Jahre vor seinem Tod in der berühmten Ansprache anlässlich der Pritzker-Preisübergabe im Jahr 1980 gesagt, „wäre unser Planet eine bedau- erliche Wüstenei an Hässlichkeit“, und, „der Schönheit beraubt, ist das menschliche Leben nicht wert, als solches bezeichnet zu werden.“

Barragáns Architekturen - meist Wohnhäuser und Villen, aber auch Gärten, Stadtanlagen, Friedhöfe - sind von einer nachgerade weihevollen Schönheit. Vor allem seine späten Arbeiten sind grandiose Spektakel komponierter Schlichtheit. Die Farbinszenierungen in Blau, Grün, Ocker, Rosa sind unvergleichlich, doch geben sie tatsächlich einer raffiniert gesponnenen Architektur lediglich den letzten unterstützenden Anstrich.

Selbst wenn man mit geschlossenen Augen eines dieser Häuser durchwandelt, kann man die Aura des Gebäudes und die Absichten des Architekten deutlich spüren: den Wechsel zwischen Tropensonne und Schatten, zwischen der Hitze der Freiflächen und der lauen Luft der Patios, die stumme Kühle innerhalb des Hauses, eingefangen und bewahrt von dicken Mauern, das Wassermurmeln, der Blumenduft. Andächtig wird man hier, und gläubig. „In meinen Brunnen singt die Stille“, hatte der Architekturpriester gesagt, „in meinen Häusern murmelt sie.“

In diesen Häusern des Luis Barragán feiern die traditionellen Bauweisen Lateinamerikas und die Architektur der Moderne Hochzeit. Hier mischt sich Lokalkolorit mit Spanisch-Maurisch-Mexikanischem, ohne je auch nur an den Rande des Kitschigen zu kommen. Ganz im Gegenteil: Barragáns sorgfältige, aber gewissermaßen gelassen-heitere Inszenierungen hauchen der europäischen Moderne genau jenen Esprit des Lebens- und Liebenswerten ein, der, mit Verlaub und Verbeugung, vielen gerühmten, aber oft von ihren Bewohnern verfluchten Architekturmonumenten etwa eines Mies van der Rohe und eines Corbusier abgehen. Viele Häuser Barragáns hingegen werden heute noch von ihren Erstbesitzern oder deren Erben bewohnt.

Das Architekturcredo des Mexikaners gehörte vor allem der Poesie der Fläche in ihren vielen Spielarten. Die glatte Mauer ist sein wichtigstes Architekturelement, selbst die Fenster gleichen meist eher durchsichtigen Wänden als Fensteröffnungen. Dazwischen schimmern Wasserflächen, lavaschwarz ausgelegte Innenhöfe, rundherum liegen die grünen Rasenflächen der Gärten, die für Barragán Teil des Hauses waren, sowie gesandete Wegflächen. Selbst die Stiegen scheinen kleine abgetreppte Altare der Fläche zu sein. Und darüber spannt sich der Himmel, laut Barragán die wahre Fassade des Hauses. Ausgeführt sind die Bauten stets mit einfachen traditionellen Baumaterialien, mit Ziegel, Lehm, Ton, Vulkangestein, Holz.

Diese so menschlich dimensionierte Mischung als Uraltem und Modernem kommt weit her, hat viel gesehen. Auch Barragán, 1902 in eine reiche mexikanische Landbesitzerfamilie geboren, hat sich die Welt angeschaut, bevor er zu bauen begann. Doch wenig mehr ist allgemein über sein Leben bekannt. Er soll ein Gentleman der alten Schule gewesen sein, ein freundlicher, charismatischer Mann, der, zeitlebens unverheiratet, ohne Nachkommen starb. Er war ein Herrenreiter und Pferdefreund, und eines seiner prachtvollsten und berühmtesten Häuser - die Stallgebäude von Los Clubes - dürfen denn auch Pferde bewohnen.

Eine eingeschworene Anhängerschar hält das Andenken an den 1988 verstorbenen Charismatiker hoch, und diese treue Jüngertruppe könnte sich nun rasch vermehren. Denn seit sechs Jahren wird Barragáns architektonischer Nachlass von einer eigens ins Leben gerufenen Stiftung in der Schweiz gesichtet und geordnet, und im August erscheint eine zweibändige Monographie, die erstmals alle Projekte des Mexikaners penibel dokumentiert und auch überraschende neue Einblicke in seine Karriere tun wird.

Ins Leben gerufen hat diese Stiftung Federica Zanco, als Sponsor sprang Edelsesselbauer Vitra ein. Barragáns Nachlass hatte man in einer New Yorker Galerie aufgetrieben, wo bereits Institutionen wie Getty und MoMa Interesse an Teilen der Sammlung bekundet hatten.

Unter anderem zeigen Tausende von Fotos, die alle von Barragáns Lieblingsfotografen Armando Salas Portugal stammen, die Häuser sozusagen aus jenen Perspektiven, die Barragán sich gewünscht hat. Wer die Bilder betrachtet, sieht tatsächlich nicht, was der Künstler tat, sondern was er sah, und diese herrliche Gelegenheit bietet sich zur Zeit jedem, der den Weg in das Vitra Design Museum in Weil am Rhein findet.

Dort befindet sich die erste von der Barragán-Stiftung organisierte Retrospektive, in Szene gesetzt vom kanadischen Designer Bruce Mau. Ab November ist die umfangreich mit Originalplänen und -skizzen, Videos et cetera gespickte Schau im Wiener MAK zu sehen, was für das ALBUM Anlass sein wird, diese hier anklingende Ode an den großen Baumann und seine jacarandálila Architekturen weiterzusingen.

[ Luis Barragán. Die stille Revolution, Vitra Design Museum, Weil am Rhein, Info unter: 0049-7621- 702 3351, http://www.design-museum.de]

[ Die Monographie erscheint im August bei Skira Editore, Mailand, auf Englisch und Deutsch. ]

10. Juni 2000 Der Standard

Allein ist ungesund

Der Mexikaner Enrique Norten baut mit neun Kollegen gerade eine ganze Stadt. Mit Ute Woltron sprach er über die Poesie der lateinamerikanischen Moderne und die Lächerlichkeit des Architekturstartums.

Wien - Gelegentlich kommen Auftraggeber daher, die sind nicht von dieser Welt. Enrique Norten (47) ist Mexikaner, Architekt, Architekturlehrer und natürlich Auftragnehmer. Im Falle des Geschäftsmannes Jorge Vegara lief ihm der Idealfall eines Bauherren über den Weg.

Der milliardenschwere Vitaminproduzent, der es satt hatte, für seine an die 20.000 Mitarbeiter keine ordentlichen Meeting-Gelegenheiten in der Heimat auftreiben zu können und dauernd in die USA ausweichen zu müssen, beauftragte ihn mit dem Entwurf eines über zwei Millionen Quadratmeter großen, völlig neuen Stadtteils für Guadalajara samt Businessparks, Freizeittempeln, Wohnzonen und Hahnenkampfarena.

Nur gemeinsam mit den besten internationalen Kollegen, meinte Norten sofort, wäre dieses wunderbare Problem zu lösen. Mit von der Partie waren also bald Leute wie Jean Nouvel, Daniel Libeskind, Zaha Hadid, Toyo Ito, Frank Gehry und auch die Wiener Coop Himmelb(l)au. Baubeginn soll noch heuer im September sein.

Himmelbläuling Wolf D. Prix war es auch, der den fröhlichen Mexikaner nach Wien lotste, wo er gestern Abend im Architektur Zentrum Wien einen Vortrag über dieses und viele andere seiner Projekte hielt.

Der Architekt, meint Norten, sei wie ein Dirigent, der die vielen Disziplinen des Baugeschehens zu einem Wohlklang zusammenführen müsse. Das allgegenwärtige Architekturstarsystem, in dem eine einzelne Person alle Meriten für sich allein beansprucht, erschien ihm „stets ein wenig lächerlich. Die Leute werden verrückt und verlieren jeden Bezug zur Realität. Deshalb versuche ich immer mit anderen zusammenzuarbeiten, einmal mit diesem, dann wieder mit jenem, manchmal arbeite ich auch ganz allein, doch zu viel von letzterem kann durchaus ungesund sein.“

Bereits 1985 gründete Norten gemeinsam mit Taller De die Designer- und Architektengemeinschaft TEN Arquitectos und entwarf alles vom Bürohaus über Grünlandschaften und stadträumliche Masterpläne bis zum Mobiliar. Heute unterhält der Architekt zwei Büros in Mexico City und in New York, hat da wie dort gebaut und steht sozusagen mit einem Bein in Lateinamerika, mit dem anderen in den USA. Wie überwindet man die ausgeprägten wirtschaftlichen und architektonischen Differenzen zwischen den beiden Ländern? „Der größte Unterschied liegt in der Verschiedenartigkeit der Menschen, in ihrer Geschichte, der Kultur, der Mentalität.“ In Nortens Architektur spiegelt sich seiner Meinung nach diese Verschiedenartigkeit nur indirekt wider, denn jedes Projekt, jede Aufgabe verlange ohnehin nach maßgeschneiderten Lösungen, die alle Kräfte berücksichtigten, die Architektur formten. „Es ist wichtig für mich, dass jedes Gebäude die Einzigartigkeit der Bedingungen ausdrückt, unter denen es entstanden ist, und dabei ist es völlig egal, in welchem Land das Bauwerk steht. Wichtig sind vielmehr die vielschichtigen Verantwortlichkeiten, denen der Architekt Rechnung tragen muss, und die reichen von den sehr einfachen Bedürfnissen wie Schutz bis zu den komplizierten ästhetischen Ansprüchen.“

Mexikos Vergangenheit ist gesegnet mit beeindruckenden Baumeistern, Felix Candelas Betonschalen etwa sind einzigartig, Luis Barragans Farbkompositionen unerreicht. Norten steht dafür, diese mexikanische Architekturtradition in seinen Arbeiten gewissermaßen weiterzutragen.

Einverstanden ist er mit dieser Definition allerdings keineswegs: „Ich liebe die Arbeiten all dieser Architekten, doch sind sie viel zu unterschiedlich, um in einem Atemzug genannt zu werden. Was man aber tatsächlich als mexikanische Tradition bezeichnen kann, ist ein leichter, poetischer Umgang mit der Moderne, die in Europa so schwer und ernsthaft daherkommt. Der internationale Stil wurde hierzulande mit großer Leidenschaft übernommen und zu einer sehr speziellen, nicht gar so puristischen Form geführt.“

Über seine eigenen Architekturabsichten will Norten überhaupt nicht reden. „Wenn ich tatsächlich mit Worten beschreiben könnte, warum ich meine Häuser und Projekte so baue und nicht anders, dann würde ich heute nicht von der Architektur, sondern vom Schreiben leben.“

11. Mai 2000 Der Standard

Die Pointillisten im Olymp der Architektur

Raffinierte und unverwechselbare Architekturen haben das Baseler Büro Herzog & de Meuron zur Architektur-Trademark gemacht. Jacques Herzog und Pierre de Meuron sind quasi ein altes Architekturehepaar. Sie sind beide Jahrgang 1950, haben schon miteinander die Schule besucht, später gemeinsam an der ETH in Zürich Architektur studiert und schließlich 1978 zusammen ein Büro in Basel aufgesperrt.

Die neue Tate ist, wie Jacques Herzog sagt, ihr bisher größter, wichtigster Auftrag. Museumsbauten im Allgemeinen sind zurzeit das prominenteste und bestbeachtete Beschäftigungsfeld für Architekten, der Umbau des Londoner Kraftwerks zum Kulturtempel katapultiert die beiden Schweizer denn auch elegant mit einem Kracher in das breitere internationale Architekturbewusstsein und bereitet ihnen ein Plätzchen im Architektenolymp, wo nur ganz wenige Kollegen wie etwa Frank Gehry, Rem Koolhaas oder Zaha Hadid sitzen.

Die Architekturszene selbst beäugt Herzog & de Meuron selbstverständlich schon viel länger. Die beiden fielen bereits mit eigenwilligen, ganz neuartigen Wettbewerbsentwürfen auf, als die Rektorenunterschrift auf ihrem Architekturdiplom noch frisch war, und auch die mittlerweile zahlreichen tatsächlich gebauten Projekte, so unterschiedlich sie sein mögen, tragen stets sehr deutlich den Stempel der Trademark Herzog & de Meuron.

Gebäude wie das Stellwerk auf dem Wolf in Basel, das Fabriksgebäude für den Zuckerlproduzenten Ricola oder ein Weingut im kalifornischen Nappa Valley machen klar, wie die Architektur der beiden funktioniert: Die Grundstruktur ist stets sehr einfach, sehr klar, nach allen Richtungen geradlinig und gut funktionierend.

Doch in diese selbstbewusste, sozusagen logisch und nüchtern in der Welt verankerte Gestalt weben Herzog und de Meuron überraschende zusätzliche Architekturzaubereien, die mit einfachen Mitteln aus simplen Kisten ganz magische Orte zu produzieren vermögen und dazu stets irgendwie Bezug nehmen auf Inhalt und Funktion des Gebäudes.

Die Ricola-Herberge zum Beispiel ist nichts anderes als eine schwarz gefärbte Beton-Zuckerlschachtel, doch mit ihrem zweiseitig auskragenden Flachdach und den zwei lichtdurchlässigen Polycarbonatwänden darunter wird das Gebäude im französischen Mulhouse zum optischen und atmosphärischen Bonbon. Auf die transparenten Wandscheiben ist ein sich unendlich wiederholendes, überlagerndes auf den Grundstoff Ricolascher Kräuterzuckerlkunst anspielendes Pflanzenmotiv gedruckt, das zum einen das Licht herrlich ins aquariumartige Gebäudeinnere filtert, zum anderen von jedem Betrachtungswinkel und aus jeder Betrachterdistanz ein anderes Erscheinungsbild ergibt.

Ähnlich pointillistisch und in kleinen Elementen stur repetitiv gehen die Schweizer an viele ihrer Häuser heran: Das Weingut in Kalifornien etwa setzt sich aus großen dunklen und unbehandelten Gesteinsbrocken zusammen, die lose in Stahlgitterkuben gefüllt wurden. Aus der Nähe betrachtet ergibt das eine lockere, luftdurchfächelte Angelegenheit, von der Ferne ein beeindruckendes, blickdichtes Monument.

Das Stellwerk in Basel wiederum sieht auf den ersten Blick wie eine große undurchlässige Kupferhülle aus, die horizontalen Metalllamellen, die sich um das gesamte Gebäude wickeln wie eine Kupferspule und zum einen auf die Funktion der Architektur als Stromverwalterin anspielen, zum anderen das Gebäude tatsächlich wie ein Faradayscher Käfig vor Spannungen schützen, sind allerdings in den Fensterzonen verdreht. Sie lassen tagsüber Licht und Aussicht ein, nachts leuchtet der gesamte Baukörper von innen wie eine Kupferglühbirne.

Herzog & de Meuron sind bei aller konstruktiven Glätte durchaus verspielte Architekten. Sie setzen billige, vormals verpönte Industriematerialien wie Sperrholz, Schalplatten, Asphaltpappe überraschend ein und veredeln sie durch schlichte Funktion. Der gelegentlich geäußerte Vorwurf, sie würden designte Hüllenarchitektur liefern, ist leicht widerlegbar, die Häuser funktionieren gut, und ein lustvoller Kampf gegen das von Adolf Loos vor hundert Jahren verhängte Dekorationsverbot, nach dem das Ornament ein Verbrechen sei, ist ohnehin überfällig.

Mittlerweile haben sich Jacques Herzog und Pierre de Meuron mit zwei Partnern zusammengetan. Seit 1991 ist Harry Gugger mit von der Partie, seit 1994 Christine Binswanger. Und ein weiterer Kulturbau ist in Arbeit: Für das De Young Museum der Schönen Künste im Golden Gate Park von San Francisco ist ein Neubau geplant.

8. April 2000 Der Standard

„Wir wollen nicht geschwätzig sein“

Die Architekten Baumschlager & Eberle haben im Flug den Westen erobert. Jetzt werden sie voraussichtlich den neuen Flughafen in Schwechat bauen. Damit stehen die Vorarlberger vor ihrem größten und gefährlichsten Abenteuer, der Einnahme des Wilden Ostens Österreichs.

Keine Frage, die beiden sind die Könige. Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle regieren souverän eines der vielen Reiche, die es in der Welt der Architektur gibt. Die Grenzen ihres Landes heißen Ökonomie und Ökologie, Nachhaltigkeit der Mittel und Wirtschaftlichkeit, und alles, was sich innerhalb dieses abgesteckten Rahmens bewegt, beherrschen die beiden Vorarlberger perfekt.

Den Auftrag für den großangelegten Ausbau des Flughafens in Wien Schwechat haben sie zwar noch nicht schriftlich in der Tasche - deshalb reden sie auch noch überhaupt nicht gerne über das Megaunternehmen - doch einem frisch-fröhlichen Vorpreschen ihrer Schweizer Projektpartner Itten+Brechbühl ist es zu verdanken, dass nun öffentlich ist, was die Flughafenbetreiber in Aufsichtsratssitzungen und Vorstandsbesprechungen bereits so gut wie beschlossen haben. „Wir glauben eigentlich schon, dass der Vertrag spätestens Anfang Mai unter Dach und Fach ist“, sagt der Leiter der Flughafen-Pressestelle Hans Mayer, „Eine umfassende Präsentation des Projekts wird gefühlsmäßig irgendwann im Juni stattfinden.“

Für das Architekturbüro Baumschlager & Eberle wäre das der bisher prominenteste und gewaltigste Auftrag. Bis 2015 wird der gesamte Flughafen um rund 30 Milliarden Schilling (inklusive Infrastrukturmaßnahmen und dritter Piste) ausgebaut, und auch an den Flughafengebäuden wird nicht gespart. Um rund 8,9 Milliarden soll eine neue Anlage entstehen, die mittels einer großzügigen Bebauungsklammer auch den zur Zeit reichlich verhutzelten Flughafenbestand zu einem großen Ganzen zusammenspannt. Soweit die programmintensive Zukunft.

Doch auch die Vergangenheit der mittlerweile vierzehnjährigen Zusammenarbeit der beiden Architekten war außerordentlich produktiv. Gemeinsam planten und realisierten sie bisher an die 250 Objekte, was einem Output entspricht, den andere Architekten in ihrem ganzen langen Arbeitsleben nicht erreichen. Fast alle diese Gebäude befinden sich dabei im westlichen Bundesgebiet, in Tirol und in Vorarlberg, sowie im südlichen Deutschland.

Angesichts dieser mörderischen Produktivität und der mustergültigen Gewissenhaftigkeit, für die das ausgezeichnet beleumundete Büro bekannt ist, ist es auf's äußerste verwunderlich, dass die beiden im Osten Österreichs noch so gut wie nichts gebaut haben.

Das liegt natürlich vor allem daran, dass die architekturklimatischen Bedingungen von Wien und Vorarlberg sich etwa so gleichen wie das Politklima im Frankreich vor und nach der großen Revolution. „Im Osten“, sagt Carlo Baumschlager ganz ganz vorsichtig, „da ist es schon ziemlich anders.“ Das bringen natürlich nicht nur die gesetzlich verankerten unterschiedlichen Bauordnungen mit sich, sondern vor allem die hier architekturbestimmenden Unterströmungen und Personen. Während die tolle Bauherrenschaft Vorarlbergs das Land hinauf und hinunter gelobt wird, verröcheln ambitioniertere Bauunterfangen in den östlichen Landesniederungen oft schon in den Vorzimmern diverser Hof-, Senats- und anderer Räte oder kommen mit brutalen Verstümmelungen zur Welt.

Die sehr gerade, sehr direkte, kühl-sachliche Zugangsweise der beiden Architekten, die sich auch in ihren Bauten widerspiegelt, passt irgendwie gar nicht hierher. Was natürlich nicht heißen soll, dass alle Architekten des Ostens geschraubte Kompliziertler sind, doch die Kollegen hier haben gemeinsam mit manchen Auftraggebern über die Jahrzehnte und nach vielen Umschiffungen magistratischer Architekturuntiefen und politischer Charybden die abgeklärte Erfahrung zernarbter Walrosse gewonnen. Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle, die Architekturkönige aus dem klimatisch begünstigten Westen, schauen vergleichsweise unverbraucht aus.

Unter ihren 250 realisierten Gebäuden sind viele Wohnbauten, diverse Industriearchitekturen, einige Villen, ein Kraftwerk, Schulen, Hotels und Pfarrzentren - mit anderen Worten jede Menge Bauaufgaben, die unterschiedlichste Anforderungen an Architekten richten. Sie alle wurden souverän und mit größtmöglicher Sorgfalt gelöst.

Die Namenskombination Baumschlager & Eberle ist zum Begriff und zu einem Markenzeichen geworden. Sie steht für schnörkellose Sauberkeit, für rasch gut Gebautes, für wenig Scherereien und zufriedene Bauherren. Sie steht nicht für Kunst oder Sensation oder für die Erforschung neuer Raumstrukturen. Ausflüge in diese Gebiete überlassen die Vorarlberger anderen, wagemutigeren Gemütern. Sie setzten lieber auf makellose Rechenaufgaben, auf reibungsfreie Bauabläufe und zur Genügsamkeit erzogene Häuser, die ihren zufriedenen Betreibern und Benutzern über viele Jahre hinweg Heiz- und Betriebskosten sparen helfen.

Bekannt wurden sie vor allem durch ihre innovativen, sehr preisgünstigen und energietechnisch ausgeklügelten Wohnbauten. Wie eignet man sich als Architekt ein derartiges bauphysikalisches und technologieorientiertes Know How an? „Vor allem durch sehr viel Arbeit“, sagt Baumschlager.

Die beiden begannen bereits mit den verschiedensten Energie- und Wärmesystemen für Häuser zu experimentieren, als noch die Postmoderne tobte und keine Rede von Niedrigenergiehäusern und dergleichen war. Im Laufe der Jahre, so Baumschlager, habe man diese Wissenschaft „wie Forschungstreibende immer weiter entwickelt und perfektioniert“. Auch die klare, unverkennbare Formensprache ihrer Architektur ist das Ergebnis ständiger Forschung und Verbesserung, denn viele Details und Bausysteme wurden immer wieder ein gesetzt und dabei ständig optimiert. „Wir wollen nicht geschwätzig sein“, lautet das Credo, „Die Qualität eines Gebäudes kann man auch daran erkennen, was es nicht hat.“

Da eine derartige Masse an Aufträgen für ein relativ kleines Büro nicht allein abwickelbar ist, werden Partnerschaften und Kooperationen eingegangen. Doch hier hat die Bürogemeinschaft, die an zwei Standorten insgesamt 25 Leute dirigiert, nun eine unsichtbare Grenze erreicht. Die „lockere Atelierform“ soll demnächst umstrukturiert, ein strafferer Arbeitsablaufstandard, „vergleichbar der ISO-Zertifizierung“ (Baumschlager), eingerichtet werden. Architektur als knallhart strukturiertes Business, einer der vielen Wege, die Architekten einschlagen können, für den Auftraggeber sicher einer der interessantesten. Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle sind die perfekten Gebrauchsarchitekten. Sie erfüllen das Ideal des Berufes, sie arbeiten hochmodern, effizient und gut. Sie sparen ihrem Auftraggeber Zeit, Geld und Nerven, und wenn man ihnen bei der Erklärung ihrer Architekturen zuhört, dann fragt man sich schon, warum nicht mehr Leute in dieser schönen Zunft so professionell arbeiten.

Denn dass eine architektonisch gute Hülle nur über einer strukturell und technisch perfekten Fülle Sinn macht, ist selbstverständlich. Die Rahmenbedingungen sind es bedauerlicherweise nicht. []


[ Ö1 bringt heute in „Diagonal“, im Rahmen der Sendereihe „Zeitgenossen“, ein ausführliches Porträt von Baumgartner & Eberle. Beginn 17h05. Gestalter Wolfgang Kos. ]

4. April 2000 Der Standard

Die gepfählte Substanz

Günther Domenigs Skulpturen und Architekturen im kunsthaus muerz

Das kunsthaus muerz hat sich mit einer Architektur-Ausstellungsreihe das Ziel gesetzt, seinen Besuchern das Individuelle und das Künstlerische am Bauen zu vermitteln und nicht nur verschiedene Architekturen, sondern auch die hinter den diversen Häusern versteckten architekturschaffenden Personen selbst vorzustellen.

Alles Gebaute reiht sich irgendwo in einem Koordinatensystem ein, das von den Extremen des totalen Funktionalismus und der totalen Kunst definiert ist, und die Mischformen, die beiden Ansprüchen gerecht werden, sind das, was man gewöhnlich als „gute Architektur“ bezeichnet.


Haus und Oper

Im Sinne dieser Architekturvermittlung hat das kunsthaus muerz mit einer Ausstellung der Arbeiten des Architekturraubeins Günther Domenig eine gute Wahl getroffen, denn die Bauten des Kärntners stellen fast immer den seltenen Fall einer angewandten, sprich einer tatsächlich auch im Sinne der Architektur funktionierenden Kunst dar.

Vergangenen Freitag eröffnete die Schau mit dem Titel Verwandlungen. Sie zeigt Günther Domenigs wichtigste aktuelle Gebäude in Plan, Computergrafik, Foto und Modell und präsentiert auch die Kostümentwürfe, die für die Opern Elektra sowie Moses und Aron und deren Inszenierungen am Opernhaus Graz erarbeitet wurden.

Zur Ergänzung führen Videofilme den Besucher sozusagen virtuell durch die Räume des domenigschen Allerheiligsten - durch sein privates Steinhaus über dem Ossiachersee, wo der 65-Jährige gelegentlich Konzerte für ausgewähltes Publikum zu veranstalten pflegt.

Das wahrscheinlich aufregendste Haus, das hier zu sehen ist, befindet sich in Natura in Nürnberg und beheimatete den Reichsparteitag des Dritten Reiches. Domenigs Wettbewerbsprojekt zur Umfunktionierung des nie vollendeten imponiergehaberischen Nazi-Machtbaus zum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg zerfetzt die über allem herrschende militante Architektursymmetrie.


Neues durchbohrt Altes

Wie ein Pfeil zischt das Neue durch das Alte, reißt Mauern auf, durchdringt Dächer und setzt sich so weithin sichtbar wie ein Wahrzeichen auf die historische Substanz. Wie „einen Pfahl im Fleisch“ des ursprünglichen Baus will der Architekt sein Projekt sehen, es soll zur Stätte der Begegnung und der Dokumentation werden. Auch im Falle der Erweiterung der Kunstakademie Münster wühlt und bohrt Günther Domenig nicht mühselig im vorhandenen schweren Mauerwerk herum, sondern erzeugt ein an den Bestand angedocktes „leichtes, feines, durchsichtiges, durchgängiges, auf den unmittelbaren Umraum bezogenes Gebilde“.

Günther Domenigs Architekturen sind weder nur Kunst noch nur Bau und schon gar nicht Kunst am Bau. Sie sind sorgfältig in ihre Umgebung gesetzte, präzise durchdachte Raum- und Kubaturstrukturen, die nicht nur fesch ausschauen sollen, sondern auch zu funktionieren haben.

[ Günther Domenig Verwandlungen, kunsthaus muerz, Wiener Straße 54, Mürzzuschlag, Mi - Sa 10.00 - 18.00, So 10.00 - 16.00, bis 28.5 ]

5. Februar 2000 Der Standard

Neuer Stoff, kühle Hardware

Der steirische Architekt Ernst Giselbrecht ist eigentlich ein Vorarlberger, fest steht jedenfalls, dass er ein offiziell ausgezeichneter Meister der verschiedensten Materialien ist. Für die Anfang der 90er-Jahre gebaute Schule in Kaindorf bekam er erst den Metallpreis zugesprochen, wenig später auch den Preis der Österreichischen Zementindustrie, und als Belobigung für seine Holzkonstruktionen übergab man ihm zuletzt den Steirischen Holzbaupreis. Bei L'Arca Edizione ist soeben eine Monographie erschienen, die seine jüngeren Arbeiten großformatig und ausgesprochen gut bebildert vorstellt. Ernst Giselbrecht. Architecture as Intelligent Hardware ist so kühl und perfekt wie Giselbrechts Architekturen selbst, so klar wie zum Beispiel die ÖBB-Station in Kaindorf, so übersichtlich wie das Medienzentrum in Schwarzach, so gut gegliedert wie das fesche Einfamilienhaus der Familie Russ in Lochau. Die Architektur, so meint der Architekt im Vorwort, sei jene „Hardware“, die, wenn sie funktioniert, dem Menschen als Tribüne und Arbeitsmittel für all seine jeweiligen Bedürfnisse diene. Für Alessandro Gubitosi, dessen Text den Band einleitet, spannt Giselbrecht als Pendler zwischen konstruktiver Notwendigkeit und ästhetischer Dimension eine perfekte Brücke zwischen Moderne und Zeitgenössischem, und als Avantgardist spähe er bereits heute in die Zukunft der Architektur.

5. Februar 2000 Der Standard

Das Ziegeljopperl ist ein Auslaufmodell

Der Stoff prägt die Architektur, die daraus gemacht wird. Ein Kongress in Salzburg stellte neue Materialien und Kleider für Häuser vor.

Wenn Gebäude eine Art dritte Haut des Menschen darstellen, dann sind die Baustoffe, aus denen die Häuser gemacht werden, ihrerseits sozusagen die Gewänder der Architektur. Hierzulande liebt man es als Haus vor allem solide und geht zumeist zur Sicherheit in Ziegel - der verputzte Hohlloch-38er stellt quasi das traditionelle Lodenjopperl der Einfamilienvilla dar. Größere, öffentlichere Objekte hüllen sich bevorzugt in gediegenen Beton mit zurückhaltend bedeckter Stahlbewehrung - sie sind so etwas wie die grauen Büroarchitekturanzüge von der Stange, mitunter variieren die Krawatten. Bleibt noch das Stahl-Glas-Outfit als Trend-Markenzeichen der schrägeren, cooleren unter den Baukubaturen.

In Salzburg geht heute ein Kongress mit Namen „Thin Skin“ zu Ende, der sich mit dem Thema Material und Architektur auseinander gesetzt hat und aufzeigen will, was Häuser anderswo so tragen. Internationale Baufachleute haben im Kongressauditorium in der Salzburger Messe ihre Kreationen aus verschiedensten Materialien vorgestellt und über neue Kollektionen berichtet, die die Couturiers der Branche, also die Architekten, mit hochtechnologischem Material wie Titanblech, aber auch mit unaufregend Herkömmlichem wie Pappendeckel in letzter Zeit produziert haben.

Ganz konnte sich die Veranstaltung mit dem Untertitel „Das Textile in der Architektur“ zwar nicht entscheiden, ob sie sich nun dem Thema „Textil“ oder doch den „Neuen Materialien“ hingeben sollte, aber egal. Interessante Vortragende hat der Veranstalter, die „Initiative Architektur Salzburg“ gemeinsam mit der Reed Messe und dem Architektur und Bauforum, allemal herangekarrt. Ihre Namen sind mittlerweile durchwegs bekannt, denn Architekturvorträge erfreuen sich zurzeit erstaunlicher Beliebtheit, und der große Vortragszirkus rollt nonstop quer über die Lande, sodass man sich fragt, wie manche dieser referierfreudigen Architekten überhaupt noch zum Entwerfen kommen. Frank Gehrys Leute, zum Beispiel, berichten nimmermüde und natürlich stets hochinteressant über die Mühen, die ihnen die Errichtung des titanbeschuppten Guggenheim-Gebäudes für Bilbao bereitet hat. Wenn das Thema schon „Thin Skin“ lautet: Welches Haus der jüngeren Vergangenheit kann sich einer aufregenderen Robe rühmen als das seidenschillernde Museumsprachtstück des Kanadiers? Jedes Zentimeterchen seiner ausladenden schaligen Hülle wurde computergerechnet, jedes in sich verwundene Steinverkleidungsstückchen computergefräst.

Die wahrscheinlich feinste der hier geforderten dünnen Häute haben Katsu Umebayashi und Thomas Daniell in Form eines Membrandaches aus Tokio mitgebracht, das jeden Bauordnungshüter Österreichs herzinfarktgefährden würde: Sie stellten ein zwanzig Meter langes, drei Meter schmales Haus aus zwei parallelen, oberkantig geschwungenen Betonscheiben vor, über die sich ein lichtdurchlässiger Hauch von Membran sattelartig spannt. Dazwischen Aussteifungen aus Betonzylindern, viel Luft und keine Einrichtung. Das Material des Daches ist eine hochtechnologische Teflon-Abart, die sich leicht dehnt und sich - wie ein Nylonstrumpf ans Wadel - perfekt an die formbildenden Elemente anschmiegt.

Nach gerade in sich zusammenstürzenden Kaugummiluftprodukten sieht aus, was Jacob + MacFarlane für das soeben wieder frisch gemachte Centre Pompidou, eine Art frühe Drag Queen der Architekturlaufstege, entworfen haben. Im vierten Geschoß des Pariser Gebäudes werfen sich vier Gebilde blasenartig zu einer Restaurantzone auf. Gemacht sind sie aus gebürstetem Aluminium, weil der solcherart bearbeitete weiche Metallstoff das Licht so schön in mattem Schimmer einfängt. Selbstverständlich war auch hier der Computer Schneidermeister, er rechnete die bestehenden strengen Gebäuderaster des Museums zu kleineren Einheiten und spielte so lange mit ihnen herum, bis sie sich der amorphen Form beugten und darin verschmolzen. Das Centre Pompidou war dazumals das erste Haus, das keck seine Strapse in Form von Rohren und Kabeln unverhüllt zur Schau trug.

Das neue Restaurant - es wird soeben errichtet - könnte ein zeitgemäßes Accessoire am Busen der alten Dame werden. Und noch ein Computerprodukt macht Furore und zeigt auf, welch eigenartige Optiken den Blechkisten innewohnen. Die Franzosen Patrick Beauce und Bernard Cache, zusammen unter dem Namen „Objectile“ bekannt, bedienen sich der Maschine, um aus schichtgeklebten Materialien verschiedenste Topographien auszufräsen, die in ständiger Wiederholung dünenartige Muster ergeben. Hier ist nicht der Stoff die Neuigkeit, sondern seine Bearbeitung. Ob solcherlei moderne Ornamentik gefällt oder nicht, und wozu geriffelte Türblattoberflächen dienen sollen, das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Der Französischen Bundesbahn hat es jedenfalls zugesagt, sie bestellte bei den beiden eine Reihe maßgeschneiderter Schalterbereiche.

Eine Menge Rechnerei steckt auch im Londoner „Millennium Dome“, dessen stahlseilgebändigte Kräfte und Membranen von Ian Liddell erläutert wurden. Der 2000er-Dom ist eine temporäre Architektur besonderen Aufwands. Vergleichsweise luftig leicht präsentiert sich da das neue Häubchen der Prophetenmoschee in Medina, das der deutsche Architekt und Frei-Otto-Schüler Bodo Rasch angefertigt hat. Eine Reihe hoch aufragender Schirme aus feinem weißem Stoff entfalten sich bei Bedarf wie die Flügel soeben geschlüpfter Schmetterlinge und bedecken in den Hofgevierten den Himmel über den Betenden. Einnäher und Zwickel im High-Tech-Stoff nehmen traditionelle Muster auf und passen die Erscheinungsform der hochmodernen Materialien ihrer Umgebung an, ohne sich anzubiedern.

Einen uralten, immer neuen Stoff hat sich zu guter Letzt der britische Künstler Peter Jones zunutze gemacht. Er baut flüchtige Architekturen aus Licht und Farbe und schickt die Besucher wie bunte Kaleidoskopkörnchen durch seine „Farblandschaften“. In schlauchartigen Gebilden wabert da das Licht, spaltet sich in seine Farben und geht die interessantesten Koalitionen ein. Die Betrachter wandeln durch rot-grüne Harmonien und kühlblaue Atmosphären. Nur Schwarz kommt nicht vor.

29. Januar 2000 Der Standard

Wem was Recht ist

Die ÖBB suchen sich ihre Bahnhofsarchitekten scheints nach Gutdünken, aber nicht nach EU-Recht aus. Im Falle des Linzer Hauptbahnhofs könnte das zu einer ordentlichen Entgleisung führen.

Mit der EU-Vergaberichtlinie ist es wie mit der Demokratie: Sie stellt keine optimale Lösung dar, aber bisher wurde bedauerlicherweise halt noch nichts Besseres erfunden. An beide müssen sich Bürger, Bettler, Edelmänner, Politiker, Bauherren und Architekten halten. Auch wenn es an manchen Tagen schwerer fällt als an anderen, wer demokratisch gewählt wurde, der ist nun mal am Zug.

Manche Häuptlinge sehen das ein wenig anders. So auch die Lokführer der Österreichischen Bundesbahn. Die ÖBB veranstaltet zwar Architekturwettbewerbe, beauftragt aber die Nicht-Sieger mit der Bauausführung, und irgendwie fühlt man sich dabei zurückversetzt in eine längst vergangene, verfilztere Zeit, als das System der großzügigen freihändige Vergabe etwa die Filetstücke der Bundeshauptstadt einer kleinen Meute der ewig selben Architekturcerberi zum Fraße und der anschließenden Verdauung vorwarf.

Doch zurück in die Zukunft und damit in die Gegenwart: Die ÖBB, die mit vielen Bahnhofsmilliarden ausgestattet einer der potentesten Bauherren der Republik ist, schreitet seit geraumer Zeit zur Freude aller wackerer Bahnfahrer daran, die marode Bausubstanz der heimischen Bahnhofswelt auszuputzen, zeitgemäß zu gestalten und die Architekturen der wichtigsten Knotenpunkten ganz neu und großzügig zu errichten.

Demnächst soll auch der Hauptbahnhof Linz einer solchen Kur unterzogen werden: Man will den alten bestehenden Kasten abreißen und durch einen feschen, modernen und mit allerlei Infrastruktur ausgerüsteten Bau ersetzen. Der dazu notwendige Architekt, so verkündete man im Dezember, sei auch schon gefunden. Helmut Draxler, ÖBB-General und bekannter Architekturfreak, zeigte sich froh gemeinsam mit Architekt Wilhelm Holzbauer hinter dessen Hauptbahnhofmodell den Pressefotografen. Holzbauer, so hieß es, sei als Sieger aus einem Wettbewerb hervorgegangen, und bald würde er sein Werk in Linz errichten. Doch bei näherer Betrachtung hat es den Anschein, als ob es bei diesem dritten sogenannten Wettbewerb nicht so ganz mit rechten Dingen zugegangen sei. Zur Information: Laut EU-Recht muss jede Bauleistung mit anfallenden Baukosten über fünf Millionen Euro (68,8 Millionen öS) sowie jede Planungsdienstleistung ab einem Netto-Honorarbetrag von 200.000 Euro (2,75 Millionen öS) jedes öffentlichen Auftraggebers und jedes staatsnahen Unternehmens europaweit ausgeschrieben werden. Das umstrittene Bahnhofsgebäude ist laut Norbert Steiner von der ÖBB-Bahnhofsoffensive mit rund 650 Millionen Schilling veranschlagt. Martin Platzer, Vergaberechtsexperte der Architektenkammer, spricht angesichts dieser Summe von einer „an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, dass die Planungskosten, die im Schnitt sechs bis acht Prozent der Baukosten betragen, über dem Stichwert liegen“.

Von „europaweit“ kann allerdings wohl kaum die Rede sein, der erwähnte Wettbewerb im Dezember wies gerade einmal zwei geladene Teilnehmer auf, nämlich Wilhelm Holzbauer und Heinz Neumann.

Auch verlor man bei der Präsentation kein Wort darüber, dass Jahre zuvor bereits zwei Wettbewerbe zum Thema stattgefunden hatten und eigentlich schon ein anderes Architektenteam, nämlich Neumann-Steiner, mit diversen Planungsarbeiten beauftragt worden war.

Zur Historie: 1997 schrieben die Realtreuhand, die ÖBB-Bahnhofsoffensive sowie die Naveg (Nahverkehrserrichtungsgesellschaft) gemeinsam einen städtebaulichen Wettbewerb aus, der sich mit dem Linzer Bahnhofsareal befasste und entsprechende Bebauungsvorschläge für den Bahnhof, den man damals noch als erhaltenswert einstufte und lediglich umbauen wollte, eine Nahverkehrsdrehscheibe sowie einen großen Bürokomplex für die Landesregierung hervorbrachte. Das angepeilte Projekt wog insgesamt drei Milliarden Schilling schwer, und als Sieger ging die Wiener Architektengemeinschaft Heinz Neumann und Eric Steiner hervor.

Nach den erforderlichen Vorentwürfen, die laut Neumann alle rechtmäßig bezahlt und abgegolten wurden, beschloss die ÖBB, ein EU-weites Verhandlungsverfahren einzuleiten, um zur Sicherheit noch einmal und nach allen vorgeschriebenen Regeln und Gesetzen einerseits den besten Architekten, andererseits den trefflichsten Generalplaner aus dem reichen Potte des europäischen Architekten- und Baupools zu fischen. Den Zuschlag für die Generalplanung erhielt eine Arbeitsgemeinschaft bestehend aus Vamed und Realtreuhand. Und was die Architektur anbelangt, gewannen neuerlich Neumann und Steiner, nachdem sie ihre Preisnachweise erbracht hatten, verschiedene Pönalevereinbarungen eingegangen waren, ihre Bürositzplätze aufgelistet, bereits abgewickelte Projekte aufgezählt, diverse weitere Angaben geleistet und damit die üblichen Architektenschikanen im Dienste der Europäischen Union überwunden hatten.

Doch die EU scheint in Österreich mitunter weit weg. Dem architekturversessenen Generaldirektor Draxler, der die Geschicke der Bahn hinter einem elegant-kühlen Norman-Foster-Schreibtisch lenkt und sich ein sehr schönes Privathaus von Architekt Johannes Spalt in den Hang hoch über dem Attersee setzen ließ, missfiel - so hört man aus ÖBB-Kreisender Ende 1998 - neuerlich prämierte Neumann-Steiner-Bahnhofsentwurf. Der stellt zwar nur einen Teil des Gesamtprojektes dar, ist zugleich aber der architektonisch interessantere, prominentere Auftrag. Draxler setzte also einen ÖBB-Gestaltungsbeirat bestehend aus den Architekten Hermann Czech, Klaus Kada und Johannes Spalt ein. Der qualifizierte das Projekt als unrentabel ab, worauf hin die ÖBB Mitte November vergangenen Jahres zu besagtem Zwei-Architekten-Wettbewerb einluden. Zur Entwurfserarbeitung gab man den Baumannen übrigens gerade vier Wochen Zeit, denn irgendwann muss man zu einer Lösung kommen, wenn der Bau wie geplant 2003 stehen soll. ÖBB-Mann Steiner: „Neumann-Steiner haben diese vier Wochen nicht genutzt und uns in die Situation getrieben, eine andere Entscheidung zu fällen, wenn wir den Fahrplan nicht verlieren wollen.“

Heinz Neumann empfindet sich nun ein wenig ratlos in der misslichen Lage des Gelackmeierten, will sich aber nicht näher äußern. Er meint nur: „Ich habe zwei Wettbewerbe gewonnen, ich habe zwei Jahre lang an diesem Projekt gearbeitet, es ist nur logisch, dass ich es jetzt auch bauen will.“ Kollege Holzbauer kontert: „Es ist ganz einfach: Die ÖBB will einen Bahnhof mit gewissen Funktionen und hat mein Projekt als das funktional bessere befunden. Außerdem brauche ich mich nicht zu verteidigen, wenn mich jemand dazu auffordert, etwas zu tun, und es mir gefällt, es zu machen.“ Keine Frage, jedem ist das Hemd näher als der Rock, doch keiner lässt sich gern pudlnackert ausziehen.

Auch die jungen Kollegen Elke Delugan und Roman Meissl behalten gerne zumindest die Schuhe an. Im Wettbewerb des Jahres 1997 waren sie als Dritte gereiht gewesen und sind nun der Meinung, „dass diese Vorgangsweise gegen die Vergabegesetzgebung verstösst“. Schließlich hätte man die damals involvierten Architekten zumindest zu Rate ziehen müssen. Eine Anfrage bei der Rechtsabteilung der Kammer ergab eine vorläufige Einschätzung: „Der Auftraggeber ÖBB hat dadurch, dass er ein Verhandlungsverfahren mit nur zwei Teilnehmern des ursprünglichen Wettbewerbs durchgeführt hat, von denen einer nicht Gewinner war, während er andere nicht teilnehmen ließ, gegen fundamentale Grundsätze des europäischen und des österreichischen Vergaberechts verstoßen. Er wäre daher im Falle einer bereits erfolgten Auftragserteilung gegenüber den übergangenen Teilnehmern schadenersatzpflichtig.“

Erst vergangenen Oktober hatte der Europäische Gerichtshof die österreichischen Vergabepraktiken betoniert und unter anderem die Zuschläge für das St. Pöltener Regierungsviertel als rechtswidrig verurteilt, was benachteiligten Anbietern nun ebenfalls Schadenersatzklagen ermöglicht. Norbert Steiner, seit Herbst vergangenen Jahres für die Bahnhofsarchitektur-Offensive der ÖBB zuständig, war Leiter der NÖ-Plan, er hatte in St.Pölten also genug Gelegenheit, die Gesetzeslage gründlich zu studieren. Trotzdem ist er der Ansicht, da kein „Vergabeakt“ an Neumann direkt sondern nur an den Generalplaner stattgefunden habe, sei alles rechtens gelaufen. Neumanns Projekt müsse lediglich „unter Umständen entschädigt werden“.

Der Linzer Gestaltungsbeirat hat in dieser Woche jedenfalls vorerst seinerseits das brandneue Holzbauer-Projekt abgelehnt und einer zweimonatigen Überarbeitung empfohlen. Holzbauer, dem Wettbewerbe sowieso deklariertermaßen auf die Nerven gehen: „Also ehrlich gesagt wird es mit jedem Projekt immer schwieriger. Die Franzosen und die Engländer machen das einzig Richtige, indem sie nach wie vor direkt vergeben. Dieses vielzitierte EU-Recht wird in Österreich falsch ausgelegt. Aber eigentlich ist mir eh schon alles wurscht.“

22. Januar 2000 Der Standard

Zig Zag Zaha

Zaha Hadids Architekturen sind Schwerstarbeit. Wer sie verstehen will, muss neue Gedankenschichten übereinandertürmen und anerzogenes Konventionsgeröll abtragen. Was übrigbleibt, ist ein völlig neues Raumempfinden und die Ahnung einer anderen Menschlichkeit in der Architektur. Seit kurzen werden ihre Entwürfe tatsächlich ausgeführt: in Rom und Cincinnati etwa, bald auch in Innsbruck. Und vielleicht sogar in Wien.

Wo ist hier das Haus?" lautet die verzweifelte Frage aller Hadid-Anfänger, wenn sie zum ersten Mal vor Architekturplänen der persisch-britischen Architektin stehen und auch wirklich verstehen wollen, was sie hier sehen: Linien schießen ins Unendliche, Farbpfeile verlieren sich zickzack irgendwo am Blatthorizont. Flächen von Rot, Blau, Grün, Gelb flackern da und dort auf, zerlegen das Bild wie ein Fleckerlteppich und zerschnörkeln alles doch irgendwie zu einer übergelagerten Ordnung. Ebenen liegen übereinander und durchdringen einander da und dort.

Viel Schwarz ist zu sehen, selten ein wenig Weiß. Tja. Eindrucksvoll ist das, was man hier vor sich hat, auf jeden Fall. Und ausgesprochen dekorativ. Aber - wo ist nun wirklich das Haus?

Zaha Hadid hört sich solcherlei Laiengestammel mit großer Ruhe und tief verinnerlichter Würde an. Rabenflügelschwarz ist alles an dieser Frau, und groß. Groß die Nase. Groß die Hände. Riesig vor allem die Augen, und kohlrabenschwarz. Schwarz auch ihre sehr langen Haare, ihre Kleidung, der millimeterschmale aber handflächenbreite Ring, das lederne Zigarettenetui. In Hadids Aura befindet sich nur ein einziger Farbfleck. Er taucht in Form eines knallorangen, nicht zu kleinen Kunststoffkristallfeuerzeugs auf, das sie in Betrieb klackt, bevor sie mit großer Eindringlichkeit ihre Architekturen und damit sich selbst zu erklären beginnt.

Das tut sie oft, auf allen Kontinenten und

in den verschiedensten Gremien, in Universitätshörsälen genau so wie in Rat- und Wirtshäusern. Sie bemüht sich, diese auf den ersten Blick so wirren Planzeichnungen verständlich zu machen. Sie erklärt, warum sie den Raum der rechten Winkel gesprengt und in bizarren Kristallformen wieder zusammengesetzt hat. Sie versucht, die Dynamisierung der Form zu erläutern und ihre Bezüge zu den nicht immer sichtbaren Linien und Strukturen der bestehenden Umgebung, die eine neu zu errichtende Architektur immer mitbestimmen.

„Ich will dem Raum eine neue Qualität geben, ich will die Komplexität dieser neuen Städte erforschen und die öffentlichen Flächen, auf denen die Menschen kommunizieren, neu definieren und aus den vorhandenen Strukturen herauskratzen“, sagt sie. Schichten müssen abgetragen werden, um Strukturen erkennen zu lassen. Den Raum von althergebrachten traditionellen Zwängen zu befreien ist eines ihrer Anliegen. Das Ganze dann feinnervig in den komplizierten Organismus Stadt zu implantieren, ein anderes.

Das zu tun hat sie derzeit Gelegenheit genug. Für Cincinnati plant die 49-jährige gerade ein „Zentrum für moderne Kunst“. In Rom soll bis 2003 ebenfalls ein Museumsneubau für zeitgenössische Kunst entstehen. Einladungen zu internationalen Wettbewerben gibt es sonderzahl, und auch in Österreich buhlt man - mit unterschiedlichen Mitteln und Intensitäten - um die Gunst der Londoner Avantgardistin:

Erst im vergangenen Dezember gewann sie den Wettbewerb um die Neuerrichtung der Berg-Isel-Schanze in Innsbruck mit einem höchst elegant geschwungenen und von einem metallverkleideten Aussichtscafé gekrönten Projekt, das von der Seite betrachtet aussieht wie ein hochnäsiger Elefant. Auch in Wien harrt ein - mittlerweile älteres - Bauvorhaben mit kristallinen Strukturen und in der Donaumetropole bisher nie dagewesenen Formexplosionen an der Spittelau seiner Vollendung.

Zumindest die Sprungschanzenarchitektur aus Stahl und Beton könnte, laut Thomas Posch von der Innsbrucker Stadtpanung, demnächst beauftragt werden. Die Vorarbeiten für das 140-Millionen-Projekt, das von der ÖSV-Tochter ASVG, dem Land Tirol und der Stadt Innsbruck finanziert wird, seien bereits im Gange: „Schließlich soll die Schanze Ende des Jahres stehen und zum nächsten Berg-Isel-Springen fertig sein.“ Ein wenig anders die Situation in Wien: Hier hat die Wohnbaugesellschaft SEG die Architektin vor nunmehr sechs Jahren mit der Planung eines vertrackt schwierigen Gebäudes im Bereich der Stadtbahnbögen an der Spittelau beauftragt, dessen Baubeginn sich von Jahr zu Jahr verzögert.

Hadid hatte damals einen Entwurf geliefert, der seither jeden Obersenatsrat in den diversen Wiener Bau-Magistraten zwischen Ungläubigkeit und Verzweiflung hin und her schleudert und an allen Regeln der Architektur zweifeln lässt. Vitruv, der allererste Architekturgesetzgeber, hat für diese Frau nie gelebt. Mit einem kristallen schroffen Baukörperzickzack überzieht und durchdringt ihr Entwurf die seit hundert Jahren Wiener Identität stiftende Rundlichkeit der Stadtbahnbogenarchitektur im Bereich der Spittelau. Vierzehn geförderte Eigentumswohnungen und ebensoviele Büros sind auf drei Ebenen untergebracht, mit der durchbrochenen, offenen untersten Etage will sie eine Verbindung schaffen zwischen Kanal und Stadt, mit Durchgängen und Durchblicken, mit Geschäften und Lokalitäten.

Rund 70 Millionen Schilling werden die Herstellungskosten des Gebäudes betragen. Noch spießt es sich an Kinkerlitzchen wie Autostellplätzen. Politische und womöglich auch pekuniäre Unterstützung signalisiert Zukunftsstadtrat Bernhard Görg, der sich für den Bau stark macht. In der SEG ist man guten Mutes und hofft auf einen Baubeginn Anfang nächsten Jahres.

Zaha Hadids Auftragsbücher sind also nach einer geräumigen Epoche der Leere voll, und mit dieser Anhäufung von Projekten wird zugleich eines der Hadid-Bilder verschüttet, das lange Zeit ihr publicityträchtigstes und markantestes war: Hadid, die geniale, vielgepriesene Architektin, die abgesehen von dem kleinen Feuerwehrhaus für Vitra in Weil am Rhein nichts gebaut hat. Doch ist das nur eines ihrer vielen Images. Hadid ist als Person ebenso Vexierbild wie die Bilder ihre Architekturen. Alles, was man sieht, stimmt, doch jede Schicht dieser Persönlichkeit zeigt einen anderen Menschen.

Da ist einmal die Araberin, die in einer intellektuellen, weltoffenen Moslemfamilie in Baghdad aufwuchs, nach London kam und an der renommierten Architectural Association School of Architecture studierte. Da ist die Avantgardekünstlerin, die ihre Entwürfe in Form großflächiger Gemälde zu Papier bringt. Da ist die Möbel- und Interieurdesignerin. Da ist das Vollweib, das seine barocken Rundungen stets von schwarzen Miyake-Kreationen umflattern lässt und mit seiner Erscheinung die Atmosphäre ganzer Ballsäle füllt.

Da ist vor allem die erste Frau in der Geschichte, die neben einer Handvoll Männern ganz oben an der Avantgardespitze steht und in die Richtung schaut, in die sich die Architektur der Zukunft bewegen wird. „Wir müssen uns vom Gedanken entfernen, dass es Leben und Existenz nur in der herkömmlichen Form gibt. Alles verändert sich, und die Architektur muss diesen Veränderungen entsprechen.“

In Rom, wo sie auf 26.000 Quadratmetern Zeitgenossen moderne Kunst nahebringen will, ortet sie „zwei drei Leben der Stadt, die sich überlagern“. In ihrem Entwurf legt sie denn auch „verschiedene Schichten übereinander, die sich in Ausschnitten und Durchdringungen überraschend vernetzen“. Der Weg durch das Gebäude mit seinen sich vergrößernden, verkleinernden Räumen wird „wie eine Reise sein“.

Ihr soziales Anliegen zeigt sich wohl am deutlichsten im prämierten Wettbewerbsentwurf für ein Opernhaus in der Bucht von Cardiff, das unter anderem deshalb nicht realisiert wurde, weil sich der ewig gestrige Moorhuhnjäger und Fassadenarchitekturbefürworter Prinz Charles öffentlich dagegen aussprach. Das Gebäude ist so transparent angelegt, dass jeder von aussen ablesen kann, was innen gerade passiert. „Es ist doch nur recht und billig“, sagt Hadid, „wenn alle da draussen den Proben da drinnen zuschauen können“.

Vor allem die großen öffentlichen Gebäude, meint sie, müssten eine Menge Energie in die Stadt zurückstrahlen und nicht wie die Blöcke, die man heute so gerne in die Stadtstruktur knallt, alles Leben unter sich ersticken. Deshalb sind auch die Erdgeschosse ihrer Gebäude stets offen und durchgängig, damit sich neue Foren und Kommunikationsplätze entwickeln können, damit es Interaktion zwischen Gebäude, Mensch und Stadt gibt.

Das gilt ihrer Ansicht nach für alle Städte, seien sie nun in Europa, in Asien oder in in ihrer alten Heimat, dem Irak, gelegen. Sie selbst fühle sich keineswegs als Europäerin, sagt Hadid, sie sei als Araberin geboren und Araberin geblieben: „Sieht man von gewissen anerzogenen Verhaltensmustern ab, sind alle Menschen doch ziemlich gleich.“ Im Gegensatz zu Europa sei „die Last der Vergangenheit“ im Irak mit seiner uralten Geschichte nicht so präsent. „Es gibt hier eine lange Tradition einer Wahrnehmung unsichtbarer Dinge, wie der Strukturen von Loyalität, gegenseitigem Verstehen und enormer zwischenmenschlicher Freundlichkeit.“ Aus all diesem setzten sich Menschen, ihre Biosphären und in letzter Konsequenz ihre Städte zusammen.

Ihre Häuser machen einen Teil davon sichtbar, deshalb sind sie als „Haus“ auf ihren Zeichnungen nur so schwer erkennbar. Auch in gebauter Form werden viele wohl ihre Schwierigkeit mit Hadids Konstrukten haben. Das konventionelle „Haus“, das man auf ihren Plänen vergebens sucht, wird auch in dreidimensionaler Form in dieser Architektur der Zukunft nirgendwo mehr zu sehen sein.

21. Januar 2000 Der Standard

Leben im bunten Bereich

Eine Ausstellung lässt die raffinierten Wohlwelten des dänischen Design-Enfant terrible Verner Panton wieder auferstehen

Wo stehe eigentlich geschrieben, pflegte der dänische Architekt, Designer, Farbrabauke und Kunststoffexperte Verner Panton zu fragen, dass die Menschheit ihre Wohnzimmer immer noch mit den ewig gleichen Sofa-Sessel-Tischchen-Kombinationen verunstalten müsse? Dass all diese Langweiligkeiten noch dazu in dezentem Grau, Braun, Beige abgefeiert werden sollten, um vor farblos weißen Wänden öde Stillleben der Bescheidenheit und Ruhe abzugeben? Überhaupt dieses Weiß, verkündete der Mann mit dem Strubbelbart stets laut und von der reinen Abwesenheit Auroras und ihrer Geschwister genervt, Weiß sei eine „Farbe“, die eigentlich besteuert gehöre. Und tatsächlich, Weiß findet sich im Oeuvre des nordischen Wahnsinnsdesigners nicht einmal als Lichtfarbe, denn auch was seine Leuchten anbelangt, operierte der sinnenfrohe Däne stets im bunten Bereich.

Vor zwei Jahren starb Verner Panton 72-jährig, kurz vor der Eröffnung einer seiner ersten wirklich großen Ausstellungen und gerade zu einer Zeit, als seine wildesten Designs aus den 50er- und 60er-Jahren wieder ganz stark Beachtung zu finden begannen. Vor allem das junge Publikum, viele innovative Designer und unkonventionelle Architekten wissen das reiche, dralle Füllhorn seines Werkes zunehmend zu schätzen. Er dachte es sich in einer Zeit aus, als die Kunststoffwelt noch jung und ein Auto nie kleiner als der Vorgarten war, als der Mond im Zentrum des Weltinteresses stand, als schwarze und weiße Musik gemeinsam den Rock'n Roll gebaren und LSD-Trips Farben produzierten, die es eigentlich gar nicht gab.

Die meisten Pflänzchen dieser wilden Blumenkraftzeit sind heute verblüht, nur die wahrhaftigen unter ihnen haben in den Jahrzehnten danach Frucht getragen. Dazu gehören auch die Welten des Verner Panton. Nicht nur seine heute noch bekannten Design-Ikonen und Möbelklassiker haben die Dekaden unbeschadet und ohne altmodisch zu werden überlebt wie etwa der viel gepriesene „Panton-Chair“, die witzigen Tüten-Sessel, die Blumentopfleuchten und einiges mehr. Eigentlich noch wichtiger als diese verdienstvollen Arbeiten ist der Geist fröhlicher Erneuerungswut, der aus all seinen Kreationen abdampft wie die Lösungsmitteldünste aus den noch unausgereiften Kunststoffen der allerersten Plastikzeit.

Neu, ganz neu und aufregend war der künstliche Werkstoff, als Panton sein Architekturstudium in Kopenhagen beendete. Im Jahr 1952 hatten die späteren Nobelpreisträger Natter und Ziegler das erste Polypropylen hergestellt, eine Erfindung, die den Möbelbau revolutionieren sollte. Ungefähr zu dieser Zeit heuerte Panton gerade beim renommierten Entwerfer Arne Jacobsen an und war in dessen Designbüro in der Folge an der Entstehung des Sesselklassikers beteiligt, der heute als „Ameise“ bekannt ist. Der war allerdings noch aus Holz gebaut. Panton dampfte vorerst einmal mit einem VW-Bus quer durch Europa und ließ Design Design sein, bevor er sich 1955 niederließ und selbst zu entwerfen begann.


Was bald darauf in seiner Hexenküche entstand, ließ die meisten Dänen kurzfristig

in Sprachlosigkeit erstarren. Der erste große Auftrag erfolgte in Form eines Ausflugsrestaurants in Langesø, das Panton im Jahre 1958 fast zur Gänze in Knallrot tauchte. Knallrot die Lampen, knallrot die Decke, knallrot die Tischwäsche, knallrot die Kellnerinnenröckchen im „Komigen“. Dazwischen und rundherum Glaswände und Stahlbeton. Nach einer Schrecksekunde zerriss sich halb Dänemark dermaßen das Maul über das extravagante Haus, dass die Besucherströme nicht mehr abreißen wollten.

Bereits mit dieser ersten Design-Architektur verwirklichte Panton all die revolutionären Ansprüche, die er an Raumgestaltung stellte. Für ihn galten alle Elemente des Raumes - Decke, Boden, Wände, Fenster, Lichtquellen, Tische, Sessel, Aschenbecher - als gleichwertige Partner in einem Theater, das zum Zwecke des Erfreuens seiner Benutzer abgehalten wurde.

Viele dieser Raumdesigns, die der Däne verwirklichen konnte, sind heute - man muss es schon sagen dürfen - in ihrer Intensität kaum mehr erträglich. Die tausenden flirrenden Spiegelpyramidchen an den Wänden, die bizarren Kunststoffstalaktiten in Lilarot an den Decken, die klingelnden Muschelplättchenwälder im Luftzug - sie alle waren in einer Zeit gut und schön, die einfach vorbei ist. Was gültig blieb, ist der damals ungeheuer fortschrittliche Ansatz, all diese Elemente als Ganzes zu betrachten und zu behandeln. Vitra-Chef Rolf Fehlbaum, der sich seine Wohnung von Panton einrichten ließ, meint heute: „Es ist für alle, die nicht dabei waren, schwer nachzufühlen, wie irritierend neu die Wohnlandschaften, die Interieurs, die Boden, Decke, Wände, Möbel und Leuchten integrierten, für die meisten Zeitgenossen waren.“

Nachzulesen ist dieses Zitat im Katalog zu einer Ausstellung, die ab 5. Februar im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen ist, und die mit großem Aufwand und mit zahlreichen Exponaten Pantons Welten wieder erstehen lässt. Zu sehen sind alle seine wichtigen Möbelentwürfe, seine Licht- und Lampenkonstruktionen, viele der grandiosen Textildesigns und - vor allem - ein acht mal sechs Meter großer Nachbau der „Phantasy Landscape“, die er 1972 im Auftrag des Kunststoffriesen Bayer für die Möbelmesse Köln ersonnen hatte. Dort gerinnt alle Materie, Kunststoffschaum samt Stoffbespannung und Unterkonstruktion, zur Wohnlandschaft, selbst das Licht trägt seinen Teil in Spektralfarben zerfranst dazu bei. Der Originalraum war zudem von Wohlgerüchen und Soundeffekten erfüllt, alles Maßnahmen und Kniffe, die heute hochmodern sind, damals aber völlig neu und revolutionär waren. Die Installation erregte natürlich Aufsehen ohne Ende und ist auch heute nicht vergessen.


Zu Vitra, wo all diese bunten Herrlichkeiten nun zu sehen sind, hatte Panton

zeitlebens ein ganz spezielles Verhältnis, fand er doch in Firmenchef Rolf Fehlbaum und seinen Produktionsmenschen die kongenialen Partner für die Verwirklichung einer langgehegten, speziellen Sesselidee: Einen Freischwinger wollte er bauen, ohne traditionelle Sesselbeine und zur Gänze aus Kunststoff gefertigt. Über viele Jahre hinweg hatte er sich daran immer wieder versucht, stets war er gescheitert. Dieses Schicksal teilte er allerdings mit kaum weniger prominenten Kollegen wie Charles Eames und Eero Saarinen, die sich ebenfalls verbissen an einem solchen Stück versuchten, doch eingestehen mussten, dass sie nie ohne Unterkonstruktion, also ohne Schummeln, auskamen. Mit Vitra gelang es Panton schließlich doch, seinen Sessel in elegantem S-Schwung und zur Gänze aus Kunststoff zu bauen. Der „Panton Chair“ ist sein bekanntestes Stück und war lange Zeit ein Verkaufsschlager, dann schlief das Interesse ein wenig ein, doch nun ist es plötzlich wieder erwacht. Der Designklassiker wird von Vitra neu aufgelegt, es soll bereits Wartelisten dafür geben.

Mit ein wenig Glück wird die Ausstellung ihren Weg auch nach Wien finden, sie soll jedenfalls in den nächsten Jahren mit ihren bunten, freundlichen Panton-Räumen und Panton-Möbeln quer durch Europa touren. Auch aus dem dazugehörigen Katalog weht den Leser ein Hauch Pantonschen Geistes an. Zahlreiche Designkollegen und Freunde wie Pierre Paulin, Jasper Morrison oder Alessandro Mendini nehmen dort in schriftlicher, persönlicher Form quasi Abschied vom verstorbenen Künstler.

„Wenn Verner ein neues Material in die Hand bekam“, erinnert sich da etwa ein Kollege, „konnte er innerhalb von fünf Minuten veranschaulichen, wie das Material in einer besseren Weise als das bisherige ein bestimmtes Problem lösen kann.“ Ein ehemaliger Mitarbeiter denkt fröhlich-nostalgisch an die Verwirrung der Besucher zurück, die erstmals das Baseler Atelier Pantons betraten, wo die Türen unsichtbar in einer „Farbschlucht“ hinter knallfarbenen Vorhängen versteckt waren. Und auch der allerletzte Tag im Leben des Designers findet Würdigung: „Er hat die Erde mit Stil verlassen, sein Bauch gefüllt mit großartigem Wein und Essen, an einem sonnigen Spätsommertag in Kopenhagen.“ Ute Woltron []

„Verner Panton“, vom 5. Februar bis 12. Juni 2000 im Vitra Design
Museum, Charles-Eames-Strasse 1, D-79567 Weil am Rhein
Tel. 0049 / 7621 / 702 3200

15. Januar 2000 Der Standard

Elfenbeinturmhocker im Irrenhaus

Der Narrenturm, das absonderlichste historische Gebäude Wiens, wird zu einem Leuchtturm des Geistes und einem Museum des Wahnsinns umfunktioniert

Seit knapp zwei Jahren gehört das Gelände des Alten Allgemeinen Krankenhauses in Wien nicht mehr den Alten, Kranken und Siechen, sondern den Studenten. Die ausladenden Gebäudekomplexe aus dem 18. Jahrhundert zeigen sich säuberlich zu einem Uni-Campus saniert, über die frisch getünchten Höfe wieseln die Wissbegierigen von Hörsaal zu Beisl und wieder zurück.

Am Rande dieses flott belebten Geländes franst die Sanierung ein wenig aus, wird es stiller, und da und dort bröckelt noch der Putz. In einer dieser letzten, für den unbeteiligten Betrachter überaus idyllischer AKH-Hof-Biosphären wächst aus einer Unkrautgstätten ein eigentümliches rundliches Turmgebäude empor, das scheinbar nichts mit seiner kantigen Umgebung gemein hat: fünf Geschoße hoch, die schroffe Rustika-Fassade von regelmäßig angeordneten Schießschartenfensterchen durchbrochen, im Gesamteindruck seltsam breit und plump proportioniert, von kugelrundem Ringgrundriss, und alles in allem eine finsterliche Gefängnisatmosphäre verbreitend. Der Volksmund nennt dieses Ding seit Generationen seiner Napfkuchenform wegen respektlos „Guglhupf“.

Das feiste Turmgebäude ist eine erstrangige historische Spezialität: Es stellt das allererste Irrenhaus dar, das jemals explizit für besagten Zweck errichtet wurde, und entstand in den Jahren 1783/84 als das einzige heimische Architekturbeispiel für Revolutionsklassizismus. Als Architekten und Planer werden Isidor Canevale und J. Gerl genannt. Als Bauherr und Finanzier des Narrenturms tritt Kaiser Joseph II. höchstpersönlich auf, dem die Errichtung der Aufbewahrungsstätte für „theils verrückte, theils ganz sinnlose Personen“ einen tiefen Griff in seine Privatschatulle wert war. Im Zuge der immer noch voranschreitenden AKH-Sanierung soll das über zweihundert Jahre alte Gemäuer nun ebenfalls restauriert und einer neuen Nutzung zugeführt werden. Der Altrektor der Universität Wien, Wolfgang Greisenegger, in dessen Ägide die Umwandlung des Spitalsgeländes in einen Universitätscampus fiel, ist der Spiritus Rector der Idee, aus der ehemaligen Narrenburg ein „Synoptikum“, eine wissenschaftliche Austauschstätte erster Güte, zu machen.

Auf ringförmigem Grundriss reiht sich hier in jedem Geschoß hinter einem verwirrend eintönigen Ringgang eine Zelle neben die andere. In den bewegtesten Zeiten lebten hier bis zu 300 psychisch Kranke, eingesperrt und aufeinander gepfercht in 139 Einheiten zu je zwölf Quadratmetern. Sie alle öffnen sich als kleine Kreiszwickel, der Eingangstüre gegenüber liegt in Achse je ein Schlitzfenster. 28 dieser Irrenzellen gibt es pro Geschoß - eine Struktur, so Greisenegger, die sich trefflich dafür eignet, als „Think-Tower“ von einem summenden Bienenstaat miteinander kommunizierender Wissenschafter, Denker und Studenten bevölkert zu werden.

„Ich stelle mir ein wissenschaftliches Hochleistungszentrum vor“, sagt der Altrektor, „wie es in anderen Städten bereits existiert, wo alle modernsten Kommunikationsmöglichkeiten intern und extern genutzt werden, wo sich geistige Prozesse miteinander auch über Kaffee und Kuchen vernetzen.“ Den alten wissenschaftlichen Elfenbeinturmsitzer, sagt Greisenegger, gäbe es heute nicht mehr, dafür aber offene, lebendige Kontaktknotenpunkte, wo Nobelpreisträger und Studenten, internationale Professoren und interessierte Laien zum fruchtbaren Wissens- und Ideenaustausch aufeinander träfen. Eine solche Einrichtung wird von der Wiener Universität zurzeit noch schmerzlich vermisst.

Die vernetzte Zellengrundstruktur der Architektur, die um den symbolischen Schilling in Universitätsbesitz übergegangen war, ist bereits da. Einen entsprechenen Adaptierungsentwurf lieferte nun Architekt Carl Pruscha. Gemeinsam mit Sepp Müller hat der Rektor der Akademie der bildenden Künste einen Vorschlag ausgearbeitet, der am Bestand kaum kratzt und ihn mit einfachsten Mitteln benutzbar macht. Die einzelnen Zellen werden mit bescheidener, aber hochfunktionaler Meublage ausgestattet, die aus einem Kastenelement, einem Sofateil und einem Schreibtisch samt versenkbarem Terminal besteht. Die vormals blickdichten Türen werden verglast, so dass Tageslicht bis in die Ringgänge fallen kann. Zwischen diesen einzelnen - selbstverständlich intern und nach außen an jegliche Informationsnetze angeschlossenen - Denkerzellen befinden sich immer wieder Regenerationszellen.

Im ehemaligen Aufsehertrakt, der sich quer durch das Gebäude und seinen Kreismittelpunkt zieht, sind Sanitäreinrichtungen, Stiegenhaus und Gemeinschaftseinrichtungen untergebracht. Im ersten und im Erdgeschoß befindet sich ein über einen zusätzlichen neuen Eingang erschlossenes „Museum des Wahnsinns“. So bleibt der Narrenturm der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich, durch eine teilweise Öffnung der Decken werden Wissenschaft und Museum, das Lebendige und das Alte ebenfalls miteinander vernetzt.

Auch der Bebauungsvorschlag für das umliegende Gelände ist sanft und behutsam ausgefallen: Ein Kindergarten für Unipersonal und Studenten rahmt den Turm sozusagen mit begrünten, von den Kindern benutzbaren Dächern gegen Süden ein. Im Norden soll ein Restaurant entstehen. Noch im Frühjahr will man über den weiteren Projektverlauf entscheiden.

Im Moment gastiert jedenfalls noch die weltweit größte und wichtigste anatomisch-pathologische Sammlung diverser konservierter, teils fast 200 Jahre alter Menschenteile auf beengtem Raum im Narrenturm. Sie könnte unter Umständen bald Part eines großzügigen Museums zur Geschichte der Medizin sein, das all die über die Stadt verstreuten Medizin-Sammlungen im Josephinum einen würde.

Eine entsprechende Studie wurde vom Wissenschaftsministerium in Auftrag gegeben und von Museumsfachmann Dieter Bogner ausgearbeitet. Für ihn ist eine Übersiedelung der Pathologiesammlung, die allerdings dem Unterrichtsministerium untersteht, in ein adäquates Quartier eine Kostenfrage, für Altrektor Greisenegger eine wissenschaftliche Notwendigkeit: „Der Narrenturm eignet sich höchstens zur Ausstellung eines Kuriositätenkabinetts. Was die Museen anbelangt, brauchen wir eine großzügige Lösung, die europäische Bedeutung hat, sowie eine Studiensammlung, die wirklich wissenschaftlich arbeiten kann.“ Die Finanzierung des „Synoptikums“ könnte dann über eine Stiftung erfolgen. Greisenegger ist zuversichtlich: „Es wäre schön, wenn es würde.“

15. Januar 2000 Der Standard

Richterrotes Architektur(mani)fest

Endlich ist es gelungen, Helmut Richters Architekturen zwischen zwei Buchdeckeln einzufangen.

Mit Architekturbüchern verhält es sich folgendermaßen: Es gibt außerordentlich viele. Es gibt außerordentlich viele unnötige. Es gibt insbesondere ganz eindeutig zu viele über ganz besonders schlechte Architekten. Und es gibt oft ganz besonders gute Architekten, über die gibt es überhaupt keine Bücher - Helmut Richter ist bis diese Woche einer von ihnen gewesen. Richterrot wie die Lkw-Plane des Hauses Königseder, wie die Stiegenhäuser der Wohnanlage Brunner Straße und der Boden des Restaurants Kiang 2 liegt es nun vor, das Buch über den eigenbrötlerischen Ausnahmearchitekten und fortschrittlichsten Architekturlehrer der Technischen Uni Wien. Spät kommt es, und schön ist es geworden. „Helmut Richter. Bauten und Projekte“ verführt in handlicher Form und mit klarem Layout zum Durchwandeln der technisch so ausgefeilten, bis zum letzten Schrauberl durchkomponierten Richterschen Architekturwelten. Angefangen von ersten Möbelentwürfen wie das „Mobile Büro“ in Kofferform aus dem Jahr 1966 über kleinere, aber aufsehenerregende Projekte wie das nirostaspiegelnde „Bad Sares“ bis zu den Großbauten jüngeren Datums, etwa die Hauptschule am Wiener Kinkplatz und die Wohnanlage in der Brunner Straße, werden das gesamte gebaute Werk und die wichtigsten nicht verwirklichten Entwürfe und Wettbewerbsprojekte in diesem Band vorgestellt.

Das gezeigte Architekturwerk entstand in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren und dokumentiert den ziemlich verbissenen, ziemlich unerschrockenen und ziemlich erfolgreichen Weg eines Architekten, der ihn, von einer gnadenlosen Kompromisslosigkeit und einer gesunden Sturheit geleitet, über viele Stöcke und Steine, Magistrate, Obersenatsräte und andere Architekturhürden geführt hat.

Nicht nur Architekturstudenten werden sich über die sehr genaue Dokumentation der Gebäude inklusive vieler Detailpläne und Grundrisse freuen. Richter ist berühmt-berüchtigt für seine Detailgenauigkeit und -versessenheit, was Kollegen Peter Cook im Vorwort zum Buch zur Feststellung verleitete: „Es braucht einen neuen Begriff an Stelle des abgenutzten ,High-Tech', um eine kritische Nahtstelle im Architekturgeschehen der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zu bezeichnen: etwas wie ,Hand-tailored Tech'. Damit ließe sich das Werk von Helmut Richter und einigen anderen weltweit verstreuten Architekten treffend beschreiben.“

Am kommenden Dienstag, den 18. Jänner, gibt es um 22 Uhr eine Buchpräsentation, quasi ein Richterfest, im MAK-Lesesaal. Die Gäste begrüßen wird MAK-Hausherr Peter Noever, und Architektenkollege Günther Domenig, von einer ähnlichen Sturheit und Liebe zur in Gebäudeform gebrachten Materie beseelt wie Richter, wird zum Buch die sicher richtigen Worte finden.

Walter Chramosta (Text), Walter Bohatsch (Grafik), Helmut Richter. Bauten und Projekte; deutsch und englisch, öS 862,-/212 Seiten, Birkhäuser, Basel 2000.

8. Januar 2000 Der Standard

Windnester und Pavillonatolle

Eine erste Vorschau auf die Ländergebäude der Expo 2000 in Hannover, die ihre Besucher ab Juni mit viel Holz, viel Natur und noch mehr Ökologie empfangen wollen.

Erst am 1. Juni dieses Jahres eröffnet in Deutschland die Expo 2000. Noch wird auf -dem weiträumigen Weltausstellungsgelände in Hannover gebuddelt, betoniert und geschraubt, doch ist es an der Zeit, einen ersten Blick auf die entstehenden Architekturen zu tun, mit denen die einzelnen Nationen in Form ihrer jeweiligen Länderpavillons ein halbes Jahr lang Millionen von Besuchern zu verblüffen beabsichtigen.

Soweit es Pläne, Computerrenderings und Architekturmodelle bisher verraten, wird auch diese Weltausstellung wieder einen überwältigenden Misthaufen der üblichen nichtssagenden Ethno-Kitsch-Streu präsentieren, in dem sich aber das eine oder andere Architektursamenkorn findet. Rund 200 Nationen gehen an den Expo-Start, nicht alle leisten sich diese Pavillonsolitäre. Viele Nationen treten mit bescheideneren Hallenbeiträgen auf.

So auch Österreich. Das Wiener Architektenteam Eichinger oder Knechtl hat der Republik eine intelligente multimediale Architekturlandschaft gewidmet, die im Gegensatz zu den nachgerade genannten Älplerauftritten der Vergangenheit in Sevilla oder Lissabon eine Wohltat an Fortschritt, Idee und Umsetzung darstellt. Wir werden Näheres berichten.

Doch nun zu den internationalen Pavillons: Soweit sich Architekturen, wie gesagt, über Papier, Modelle und Bilder vermitteln können, stechen einige Projekte deutlich vor. Am deutlichsten im Beitrag der Länderbeitrag der Niederlande. Sein Anblick brennt sich in Augenblinzelschnelle unauslöschlich ins Betrachtergehirn ein, und was lässt sich über Selbstpräsentationsarchitektur in der heutigen, die Gehirne höhlenden Eindrucksflut eigentlich Besseres sagen? Holland, das Land, das großteils in das Meer gebaut wurde, serviert den Expobesuchern seine markantesten Landschaften übereinandergestapelt auf einer fünfgeschossigen Architekturetagere. Das Gustieren beginnt auf dem obersten Tablett mit einer künstlichen Gegend aus Wasser und Windmühlen, wohin sich der Schaulustige zuerst per Lift verfügt, um in weiterer Folge durch artifizielle Wälder, Blumenschichten und Dünengegenden abzusteigen. Zuunterst kehrt er dann wieder auf den Asphaltboden der Expotatsachen zurück.

Holland nimmt mit diesem schnippisch-hochtechnologischen Landschaftsandwich das diesjährige Expo-Motto „Mensch, Natur und Technik“ einigermaßen wörtlich und macht sich selbst und seine dem Wasser abgerungenen Lande gleich in Häppchenform zum Beitrag. Die Gestalter des aufsehenerregenden Konstruktes sind die momentan bestbesprochenen Architektur-Querköpfe der Niederlande, Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries, in den vergangenen Jahren unter MVRDV zum Trademark für verblüffende, erfrischende und gewagte Architektur avanciert.

Xmal ist der nüchterne Schweizer Peter Zumthor zum Liebling der Architekturkritik erklärt worden, vor allem der ganz strengen, ernsten. Der Architekt hat seinerzeit das Handwerk des Möbeltischlers erlernt und bringt diese Kunst in Hannover nun großdimensional zur Anwendung. Er türmt 3000 Kubikmeter Massivholz von Lärchen und Föhren in rechten Winkeln zu einem 50 mal 60 Meter Block von neun Metern Höhe und füllt die diversen Gänge und Hohlräume, Höfe und Atrien (die durch die gekonnte Balkenschichtung mittels Stahlseilen und Schifthölzern als Abstandhalter entstehen) mit nichts anderem aus als mit Licht, Luft, Klängen und den Besucherströmen, die sich durch die Gebäudeskulptur wälzen werden. Die einzelnen Holzpfosten bleiben unbeschadet, sie können nach Abbau der begehbaren Skulptur - die heisst übrigens ein wenig hölzern und unsexy „Klangkörper Schweiz“ - wiederverwendet werden. Dieser handwerklich gekonnte und ökologisch verantwortungsvolle Beitrag hat seinem Autor Zumthor bereits vor Fertigstellung den Hiag-Holzpreis 99 eingebracht.

Einen ähnlichen offensichtlichen Öko-Ansatz verfolgt auch Japan mit seinem Pavillion, doch der präsentiert sich weit spektakulärer inszeniert und noch dazu zur Gänze aus Papier und Textil konstruiert. Als Architekt hat man hier Recyklierpapierspezialist Shigeru Ban verpflichtet, der mit der vermeintlich wert-und gehaltlosen Materie die erstaunlichsten Bögen zu spannen vermag. Die sind nicht nur konstruktiv intelligent, sondern auch wirtschaftlich interessant gemacht - im Auftrag der Vereinten Nationen entwarf Shigeru Ban etwa schnell errichtbare Billig-Notunterkünfte für Flüchtlinge aus standardisierten Papierrollen.

Die hannoveranische Behausung hat mit Bescheidenheit und Sparsamkeit allerdings nichts am Hut. Sie spannt sich als riesiges gekrümmtes Flächentragwerk auf 89 Metern Länge über 35 Meter Breite und überdeckt mit ihren textilbespannten Papierrippen eine mehrgeschossige Ausstellungshalle. Der Pavillon zählt zu den größten und sensationellsten der gesamten Schau, die Japaner werfen sich mit ihrem diesjährigen Beitrag besonders ins Zeug, weil sie den Besuchern die geplante Weltausstellung des Jahres 2005 schmack haft machen wollen: Die findet bei ihnen zuhause in Aichi statt.

Pappe- und Papierelemente des eleganten Konstrukts sind allesamt wiederverwertbar, sie werden nach Ende der Expo zu Papiermachee verarbeitet und dürfen als Zeitungen, Bücher, Toiletteartikel ihren Weg durch die Wohnzimmer der Menschheit fortsetzen.

Die ZERI-Foundation (Zero Emissions Research Initiative) setzt ebenfalls auf ökologisch sinnige Architektur, sie stellt ein riesiges Bambus-Holz-Schwammerl auf's Gelände und will unter anderem zeigen, dass der natürliche Werkstoff Bambus als Beton-Bewehrung dem Stahl gleichwertig sein kann, wenn er richtig eingesetzt wird. Und auch in Spanien, dem Land der Oliven- und Eukalyptusmonokulturen beteuert man neuerdings Ökodenken: Die Iberier verkleiden ihren Pavillonkubus rundherum mit Kork - dass der selbstver ständlich ebenfalls wiederverwertbar ist, versteht sich von selbst.

Einige Gestaltungs- beziehungsweise Themenelemente finden sich auf dem Gesamtgelände gleich ein paar mal. So grünt in den Pavillons der Franzosen und der Finnen je ein Wäldchen. Das eine hat sich die Pariserin Francoise-Hélène Jourda ausgedacht. Sie stellt ihre Rundholz-Baumkonstruktionen in einen durchscheinenden Glaskubus, versteckt alle erforderlichen Leitungen und Verkabelungen in den Stämmen und hält so einen schönen, stimmungsvollen Innenraum für ihren Auftraggeber, die Sportartikelfirma Decathlon, zur beliebigen Selbstdarstellung frei.

Die Finnen mögen es noch natürlicher. Sie transportieren gleich ein ganzes lebendes Birkenwäldchen an, durchziehen es mit Brücken und umbauen es mit der gediegenen handwerklichen und gestalterischen Qualität finnischer Holzarchitektur. Der Wald wird von zwei Scheiben vor Witterungsunbill geschützt, weshalb das Gebäude der Architektengruppe SARC, Sarlotta Narjus und Antti-Matti Siikala, „Windnest“ genannt werden darf.

Neben dem großzügigen Gebrauch von Hölzern und Wäldern ist es heuer ebenfalls in, mit viel Wasser und den sich dadurch ergebenden, so prächtig spiegelnden Flächen zu spielen. Ganze Pavillonatolle ruhen inmitten diverser Seen und Wasserozeane. Schweden zeigt sich etwa umwassert und auch die Southern African Development Community-Staaten, Kroatien und Dänemark, die karibischen Inselstaaten sowieso. Und Norwegen protzt gar mit einem 15 Meter hohen Wasserfall, durch den der Besucher einen „Raum der Stille“ betritt. Neben Naturgüter wie Holz und Wasser setzten die Teilnehmer zumeist auf High-Tech und Multimedia, doch über die Qualität der geplanten virtuellen Welten darf man naturgemäß erst nach der Expo-Eröffnung und nach dem Durchwandeln derselben urteilen.

Zu guter Letzt gibt es noch zwei Pavillonschlappen zu berichten. Die eine betrifft den Gastgeber Deutschland. Der hatte für sein Großgebäude zwar zwei Wettbewerbe ausgerufen, die beide hintereinander Architekt Florian Nagler gewinnen konnte, doch der stieg wegen ständiger Forderungen und Entwurfsänderungen schließlich entnervt aus dem Projekt aus. Gebaut wird nun in Windeseile der sehr stahlintensive, megatonnenschwere Entwurf des Investors Josef Wund. Und auch den Amerikanern ist nicht alles so gelungen, wie geplant. Sie brachten es zwar immerhin auf einen Pavillonentwurf, doch Sponsor wollte sich dafür keiner finden.

Ob die Jubiläums-Expo des Jahres 2000 die Architektur voranbringen wird, wird man erst sehen können, wenn alles eins zu eins fertiggestellt ist. Joseph Paxtons Kristallpalast in London, wo die allererste Weltausstellung 1851 stattgefunden hatte, ist jedenfalls ebenso in die Geschichte eingegangen wie Mies van der Rohes Deutschland-Pavillon für Barcelona 1928.

31. Dezember 1999 Der Standard

Onduliert in den Kerker

aus der Reihe: „Österreicher des Jahrhunderts“

Margarete Schütte-Lihotzky ist die wichtigste österreichische Architektin des ausgehenden Jahrhunderts. Im Jahr 1942 wurde sie von den Nazis zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Gefangene nahm den Schuldspruch mit prächtig onduliertem Haar entgegen. Sie hatte es tags zuvor im Gefängnis sorgfältig mit Papierröllchen eingedreht, denn die Freude wollte sie ihren „Mordrichtern“ nicht bereiten, dass sie geschlagen vor ihnen erscheine, „auch nicht in äusserlich“.

Grete Schütte-Lihotzky, Kommunistin und Vorkämpferin für eine bessere, gerechtere Welt, NS-Widerstandskämpferin, nach dem Krieg als deklarierte Linke gebrandmarkt und jahrzehntelang vom offiziellen Österreich fast totgeschwiegen, wird im Jänner 2000 ihren 103. Geburtstag feiern - unerschüttert, ungebrochen und lebenslustig wie in jenen Jugendtagen, als sie in Paris mit Architektenkollegen wie Le Corbusier das Tanzbein schwang.

Als blutjunge Studentin bot sie ihren männlichen Kollegen Paroli in einer Zeit, in der man Mädchen lieber am Strickstrumpf sitzen sah als am Zeichenbrett. Das Mädel aus so genanntem gutem Haus debattierte abends mit Arbeitern bei Petroleumlampen an den Wirtshaustischen der Armenbezirke. Sie studierte die katastrophalen Lebens- und Wohnbedingungen der Menschen und setzte sich fürderhin zeitlebens für bessere Lebensumstände ein.


Früchte woanders

Frucht trug dieses Bemühen in der Sowjetunion, wo sie Schul- und Kindergartenanlagen errichtete, oder in Frankfurt, wohin die sozial engagierte junge Architektin 1926 geholt worden war und wo sie die Einbauküche erfand. Diese „Frankfurter Küche“ ist die wohl berühmteste Arbeit der Grete Schütte-Lihotzky.

Obwohl über hundert Jahre alt, tritt die große alte Dame der Architektur immer noch energisch für ein kluges, bewusstes und solidarisches Zusammenleben ein. Vor allem die Frauen, meint sie, müssten sich viel stärker untereinander verbünden, sich gegenseitig Arbeit abnehmen und auch lieber gemeinschaftlich, als jede für sich, auf die Kinder schauen. Die Stadt, das Wohnhaus der Zukunft sollte diesem Anliegen entsprechen und verstärkt auf Gemeinschaftseinrichtungen setzen.

24. Dezember 1999 Der Standard

Die Engel fliegen in Spiralen, der Teufel nur geradeaus

Francesco Borromini war der Dekonstruktivist des Barock. Seine Architekturen scheinen zu singen, er selbst beging Selbstmord. Eine Ausstellung dokumentiert Leben und Werk des depressiven Barockgenies.

Alles an dieser Kirchenfassade war falsch. Zum Beispiel die Türme. Sie begannen über dem Erdgeschoss viereckig, wie es sich gehört, doch weiter oben endeten sie rund. Dazwischen ein eigenartiges Gesimse mit Schwüngen und Auskragungen. Oder die Seitenportale. Die umgab eine besonders seltsame Einfassung, die sich bis über die ovalen Fenster darüber stülpte. Aber all das war nichts im Vergleich zum gesamten Aufbau der Angelegenheit, denn die Fassade krümmte und bog sich wider jeder Architekturgesetzmäßigkeit. Die Bürger Roms des Jahres 1653 staunten. War so etwas schon da gewesen?

Nein, war es nicht. Ein gewisser Francesco Borromini hatte der Piazza Navona gerade eine Kirche verpasst, wie sie Gott und die Welt noch nicht gesehen hatten. Die einzelnen Architekturelemente, Säulen, Gesimse, Pfeiler, Kuppeln, die sich hier zum Gotteshaus der Santa Agnese verklärten, waren bekannt. Die Baumeister der Antike hatten sie erfunden, die Künstler der Renaissance wieder ausgegraben und nach dem Verständnis ihrer Zeit raffiniert. Doch nun, hundertfünfzig Jahre später, war der Tessiner Baumeister und Bildhauer Borromini (1599-1667) dahergekommen, hatte all das in die Luft gesprengt und in locker leichter Komposition wieder herniederrieseln lassen.

Seine Zeitgenossen standen dem üppig-extravaganten, reich geschwungenen und verzierten Werk des Meisters meist zweifelnd gegenüber. Der Begriff „Barock“ war noch nicht erfunden; was man hier sah, war die extreme Ausformung einer neuen Strömung, die gerade im Begriff war, ganz Italien zu erfassen. Die Wohlwollenderen versuchten zu verstehen, die Bösartigeren zerrissen sich das Maul, und die meisten zogen dem - angeblich - verschlossenen, depressiven Finsterling Borromini seinen diplomatisch geschliffenen Erzkonkurrenten Lorenzo Bernini vor.

Bernini! Der Sargnagel des Borromini. Sie beide buhlten im Rom des 17. Jahrhunderts um die Gunst der Päpste und deren wohlgefüllte Schatullen. Bernini, der Geschicktere der beiden, gewann. Aus den ehemaligen Freunden wurden Feinde. Bernini durfte mit den Kolonnaden auf dem Petersplatz das Hauptwerk des Italienischen Barock schaffen. Borromini, der räumlich wahrscheinlich Talentiertere von beiden, auf jeden Fall aber der Belesenere, Gebildetere und Extremere, fühlte sich verkannt und beging 1667 Selbstmord, indem er sich in sein Schwert stürzte. Eine griechische Tragödie vor der Kulisse katholischer Üppigkeit des 17. Jahrhunderts.

Vor seinem Freitod hatte der missachtete Avantgardist sorgfältig alle Pläne, Skizzen und Architekturzeichnungen verbrannt, die er in seinem Haus über dem Tiber aufbewahrt hatte. Zum Glück für die Nachwelt handelte es sich dabei nur um einen geringen Teil seines zweidimensionalen Baumeisterwerks. Viele Skizzenblätter Borrominis blieben erhalten, der Großteil davon lagert heute wohlbehütet in der Graphischen Sammlung der Albertina in Wien. Anlässlich des Jubiläumsjahres - der Barockarchitekt wäre heuer im September 400 Jahre alt geworden - reiste dieser Skizzenschatz nun nach Rom zurück, wo er seit vergangener Woche im Rahmen einer großangelegten Borromini-Ausstellung im Palazzo delle Esposizioni gezeigt wird.

Die Schau „Borromini und das barocke Universum“ ist noch bis 21. Februar kommenden Jahres geöffnet und versucht, das Phänomen Borromini anhand seiner Zeit und seiner Zeitgenossen zu erfassen. Zu sehen sind nicht nur rund 250 Originalzeichnungen des Architekten, sondern auch Architekturmodelle, 1:1-Abgüsse, Porträts und eine Vielzahl dreidimensionaler Computerzeichnungen, die dem Betrachter die kühnen Raumkonstruktionen und Raumabfolgen gebauter, aber auch unausgeführter Projekte Borrominis näherbringen wollen. Alte Architektur wird hier mit hochmodernen Mitteln aktuell aufbereitet.

Im April 2000 wird die Ausstellung nach Wien übersiedeln, wo sie bis 25. Juni in der Albertina zu sehen ist. Parallel dazu findet eine Reihe von Forschungsaktivitäten statt, die das Werk dieses seltsamen, nur mangelhaft dokumentierten und so schwer zu greifenden Künstlers zum Zentrum haben.

Am Leben Borrominis und seinen symbolreichen, verschlüsselten Gebäuden kiefeln bereits Generationen von Kunstgeschichtlern. Im Gegensatz zu Bernini, dessen Vita als Leiter der Bauhütte von St. Peter und somit wichtigster Architekt Roms fast lückenlos dokumentiert ist, weiß man über Borrominis Lebenslauf nur Ungenaues. Fest steht, dass er am 27. September als Francesco Castelli in Bissone am Luganersee geboren wurde. Ob sein Vater allerdings wirklich als Architekt im Dienste der Visconti in Mailand stand, wie Borromini später angab, oder ob er sich doch eher als Wasserbautechniker verdingte, ist nicht gesichert. Wie auch immer - Borromini entstammte jedenfalls einem Geschlecht von Steinmetzen und Bildhauern, und als solcher wurde auch er ausgebildet.

Mit neun Jahren kam er zu diesem Zweck an die Dombauhütte von Mailand, mit Zwanzig reiste er zur wohl wichtigsten Bildhauerwerkstatt seiner Zeit, zur Bauhütte von St. Peter in Rom. Die leitete sein Verwandter Carlo Maderno, und unter dessen Führung arbeitete der junge Borromini Hand in Hand mit dem jungen Bernini am Palazzo Barberini sowie am Baldachin von Sankt Peter. Doch nicht Borromini, sondern Bernini beerbte den Meister der Bauhütte, und ein lebenslanger erbitterter Konkurrenzkampf begann. Die wichtigsten Auftraggeber der damaligen Zeit waren naturgemäß die Päpste. Der regierende Kirchenfürst Papst Urban VIII. Barberini favorisierte Bernini.

Erst 1644, als ihm Papst Innozenz X. Pamphilij nachfolgte und Borromini zum Günstling erklärte, brach dessen goldenes Zeitalter an. Er wurde mit dem Umbau von San Giovanni in Laterano beauftragt und entwarf ein ganzes Gebäudeensemble für den Papst an der Piazza Navona, von den Römern rasch „Forum Pamphilium“ genannt.

Eines der wohl wichtigsten Werke Borrominis stammt ebenfalls aus dieser Zeit: Die Kirche von Sant'Ivo alla Sapienzia schließt mit einer extrem komplizierten Kuppelkonstruktion ab, über der sich eine spiralförmige Laterne in den Himmel schraubt. Was, fragen sich Kunsthistoriker seit Jahrhunderten, wollte er uns damit sagen? Handelt es sich um eine Anspielung auf die geschraubten Säulen des Tempels Salomos, ist es ein Zitat des Turmes von Babel? Und welche Rolle spielt die Heiliggeisttaube in der Mitte? Die Bedeutungen der vielen Symbole, mit denen Borromini seine hochkomplizierten, die ausführenden Baumeister zur Verzweiflung bringenden Konstruktionen bestückte - von der wie nebenbei angebrachten Eidechse über kecke Eselsohren bis zum herausfordernd emporgereckten Phallus - werden sich wohl nie mehr vollends offenbaren.

Als 1655 Alexander VII. Chigi zum Papst gewählt wurde, war Borrominis kurze Hochzeit vorbei. Erzrivale Bernini übernahm wieder die Macht um die Stellung als wichtigster Architekt der Christenheit, Borromini blieben die Brosamen privater Stifter und adeliger Auftraggeber. Er verkraftete die Demütigungen nicht und brachte sich schließlich um.

Für die Nachwelt bleibt er rätselhaft. „Krankhaft“ nannte ihn die klassische Kunstgeschichte, „wunderlich“, „ungewöhnlich“ und von „lästiger Unklarheit“. Warum, das liegt auf der Hand: Borromini verstieß gegen Konventionen, brach mit Theorien, sprengte die Architektur zu einer neuen Form. Heute gilt er als wichtigstes Barock-Vorbild des mitteleuropäischen Raumes. Doch so geht es meistens in Kunst und Architektur. Die Wilden, Ungezähmten, die Vordenker werden erst verspottet und gehöhnt. „Die Engel“, hatte Hildegard von Bingen gesagt, „fliegen in Spiralen, der Teufel nur geradeaus.“

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag