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Der Architekt als Uomo universale
Neue Zürcher Zeitung

Eine Monographie zu Arne Jacobsen

4. Dezember 2001 - Christoph Affentranger
Wie nur wenige Architekten besass Arne Jacobsen (1902-1971) ein aussergewöhnliches zeichnerisches Talent. Vielleicht spielte deshalb in all seinen Entwürfen die geschwungene Linie eine derart wichtige Rolle. Ursprünglich wollte denn auch der junge Jacobsen, der in einer bürgerlichen Kopenhagener Familie aufgewachsen war, Maler werden. Doch es kam anders, und aus Jacobsen wurde einer der grossen Architekten und Designer des 20. Jahrhunderts. Seine Entwürfe waren nach der Jahrhundertmitte derart stilprägend, dass Stanley Kubrick im Film «2001: A Space Odyssey» die 1957 von Jacobsen entworfene Besteckserie «AJ» verwendete, eine Kreation der ungewohnten Art.

Steht dieses Besteck für Jacobsens zukunftsorientiertes Arbeiten, so ist sein Stuhl «3100», die sogenannte Ameise aus dem Jahr 1952, bis auf den heutigen Tag gleichsam der Prototyp eines einfachen und alltagstauglichen Sitzmöbels aus weich geformtem Sperrholz. Die «Serie 7», von Jacobsen als Antwort auf die Kritiken am Modell «3100» entworfen, wurde zum Inbegriff des stapelbaren Stuhls; man begegnet ihm europaweit in vielen Wohnungen, Schulen und Geschäftshäusern. Zu den Möbelklassikern des 20. Jahrhunderts zählen auch Jacobsens Sessel «3316» (das «Ei») und der Bürostuhl FH «3320» (der «Schwan») sowie die Oxford-Serie. Einige seiner Arbeiten wurden derart populär, dass sie heute vielfach ganz allgemein als dänisches Design wahrgenommen werden und nicht als Werke Jacobsens. Dazu zählen die 1967 für Stelton entworfenen Töpfe, Platten und Kannen der «Cylinda»-Linie ebenso wie die seit 1969 produzierte Sanitärlinie «Vola», die heute noch von jedem guten Fachgeschäft angeboten wird.

Arne Jacobsen war aber auch ein begnadeter Architekt. Als solcher hat er massgeblich das Bild der dänischen Baukunst im 20. Jahrhundert mitgeprägt. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen die Siedlung Bellavista und das Theater Bellevue in Klampenborg (1931-37), das Stelling-Haus im Zentrum von Kopenhagen (1934-37), die Rathäuser in Århus (1937-42), Søllerød (1939-42) und Rødovre (1952-56), das SAS-Haus in Kopenhagen (1955-60), das St. Catherine's College in Oxford (1959-64) und die Dänische Nationalbank, die er zwischen 1961 und 1978 zusammen mit Dissing & Weitling in Kopenhagen realisierte.

Rechtzeitig zum bevorstehenden 100. Geburtstag des Architekten am kommenden 11. Februar liegt nun die englischsprachige Ausgabe der umfassendsten Monographie vor, die bisher zu Jacobsens Leben und Werk geschrieben wurde. Zehn Jahre haben Carsten Thau und Kjeld Vindum an diesem 560 Seiten starken Band gearbeitet. Entstanden ist eine Arbeit, die den Leser von den frühen Lausbubenstreichen des jungen Arne bis zum Spätwerk des grossen Baukünstlers führt. Thau und Vindum haben ein Kompendium geschaffen, das zukünftigen Arbeiten über Jacobsen als Massstab dienen wird, und zugleich auch gezeigt, wie sich Jacobsens weitläufiges Werk kompetent, übersichtlich und spannend zugleich zwischen zwei Buchdeckeln zusammenfassen lässt. Im ersten Teil werden Leben und Werk von Jacobsen in einen grösseren Rahmen eingebettet sowie die formalen und stilistischen Einflüsse vom dänischen Neoklassizismus bis hin zur Monumentalität der Moderne verfolgt. Der zweite Teil ist der Analyse ausgesuchter Werke gewidmet. In beiden Teilen ist den Autoren der schwierige Spagat zwischen Aufzählen, Beschreiben, Analysieren, Einordnen und Kommentieren auf beispielhafte Weise gelungen. Die Monographie wird abgerundet durch eine komplette Werkliste, einen kurzen Lebenslauf, ein Ausstellungsverzeichnis, eine Bibliographie und ein Register. Kurz: Diese Publikation dürfte wohl (ganz ähnlich wie die Arbeiten von Jacobsen) auch übermorgen noch aktuell sein.


[Carsten Thau & Kjeld Vindum: Arne Jacobsen. Englisch. Danish Architectural Press, Kopenhagen 2001. 560 S., 1200 Abb., Fr. 140.-. Eine deutsche Ausgabe ist geplant.]

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