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14. April 2001 Der Standard

Wissen, wie die Rose wächst

Jean Prouvé ging an seine Entwürfe erst einmal mit Gespür heran. Dann setzte er sie mit präziser Überlegung fort, und erst wenn er wusste, dass alles gut und richtig war, schritt er zur Tat. Dieser Tage wäre der französische Grandpère der High-Tech-Konstrukteure 100 geworden. Eine Würdigung.

Alle Quellen, die über Leben und Werk des französischen Architektur- und Ingenieurerfindergeistes Jean Prouvé berichten, bezeugen, dass die außergewöhnliche Kraft und Originalität des Mannes einen ganz konkreten Ursprung besaß: Die Kindheit des Ausnahmekonstrukteurs war perfekt gewesen.

Sie war nicht nur behütet und glücklich verlaufen, sondern auch von Kreativität, Intellektualität und besonderen Menschen ausgefüllt gewesen. Prouvé selbst pflegte zeitlebens die Tage seiner Kindheit im Gespräch dankbar heraufzubeschwören. Er erinnerte sich daran, dass stets überall Zeichenstifte und Skizzen parat lagen, Tonmodelle geknetet wurden und die väterlichen Anregungen zum genauen Studium der Natur, der Pflanzen und ihrer konstruktiven Gestalt ermutigten. Schau dir an, wie der Dorn aus dem Stamm der Rose wächst, hatte sein Vater etwa im Vorübergehen gemeint, und mit dieser en-passant-Schule des Schauens und Sich-Überlegens, warum was wie aussieht und funktioniert, eine der bestimmenden Richtungen für den so eigenwilligen und deshalb auch einsamen Konstrukteursweg angezeigt, den sein Sohn später gehen sollte.

Prouvé ist erstaunlich unberühmt, macht man sich die heute noch gültigen Errungenschaften des 1984 Verstorbenen gewärtig. Er war nicht nur einer der fruchtbarsten Ahnen der High-Tech-Architektur und stand an vorderster Front, als Industrie und Bauen in den 30er-Jahren zusammenzuwachsen begannen. Er war vor allem der erste Konstrukteur und Architekt, der vorfabrizierte Bauelemente selbst zur Gänze entwarf und auch in eigener Werkstatt produzierte - ein Umstand, der ihn aus der Riege der Avantgardisten wie Buckminster Fuller oder Mies van der Rohe noch ein Stückchen herausragen lässt.

Doch auch diese Tatsache macht letztlich nur einen, wenn auch wichtigen Teil der Magie seiner Person aus. Die vielleicht größte Gabe Prouvés war es, eine gewisse handwerkliche, menschliche Wärme in die coole industrielle Fertigung hinüber zu retten und solchermaßen die besten Talente der beiden Weltanschauungen miteinander zu vereinen. Sowohl die Möbel und Raumelemente Prouvés wie auch seine Architekturen sind niemals kalt, sie strahlen immer eine gewisse Menschenfreundlichkeit aus, und auch diese sympathische Eigenschaft seiner Produkte ist in der persönlichen Menschwerdung ihres Erzeugers begründet.


Jean Prouvé wurde am 8. April 1901 in Paris geboren und wuchs in Nancy auf. Vater Victor war Bildhauer und Maler, arbeitete als Graveur und entwarf Skulpturen für die namhaften und heute als französisches Nationalheiligtum verehrten Werkstätten des Emile Gallé. Die Gallés residierten gleich neben den Prouvés, und Jean pflegte regelmäßig über die Gartenmauer zu klettern und in den Galléschen Manufakturen herumzustöbern. Eigentlich wollte er später einmal Flugzeuge und Autos bauen und an der Spitze einer technikversessenen neuen Welt Großtaten vollbringen, doch der Erste Weltkrieg machte die Pläne zunichte. Die Familie konnte sich keinen studierenden Sohn leisten, der 15jährige Jean heuerte bei einem Kunstschmied in Paris an, lernte erst einmal den Umgang mit Feuer, Metall, Hammer und Amboss und schmiedete ein paar Jahre lang händisch kunstvolle Gitter, Geländer, Ornamente und andere durchaus verschnörkelte Architekturelemente für die besten Baumeister der Epoche.

„In dieser Zeit lebte ich untertags als Handwerker, und später, am Abend, traf ich wichtige Leute von der Universität, die Freunde meines Vaters. Da war dieser Kontrast zwischen dem, was wir das Leben der Leute nennen, und dem anderen Leben der Intellektuellen“, erinnerte sich Prouvé 1982 in einem Interview. „Doch waren das keine normalen Intellektuellen, es waren Leute, die sich über die Zukunft Gedanken machten, fast alle waren Sozialisten, die Pläne für die menschliche Weiterentwicklung schmiedeten.“

Als Prouvé 1924 seine eigene Wärkstätte in Nancy aufsperrte, kamen diese Überlegungen, wie die Welt sozial und gerecht gestaltet werden könne, seinen Mitarbeiter zugute. Der Chef beteiligte sie stets am Unternehmen und hob hervor, dass alles, was hergestellt wurde, ein Produkt der Solidarität und Gemeinschaft war. In der vollständigsten derzeit erhältlichen und vorläufig zweibändigen Prouvé-Monografie (Birkhäuser-Verlag), die mit vielen Originalskizzen und Fotodokumenten einen hervorragenden Überblick über das Werk des Franzosen gibt, schreibt Herausgeber Peter Sulzer: „Die Werkstätten Prouvés hatten mit den heutigen oder morgigen Industriesystemen mehr gemein als mit dem Ford-Modell: Sie basierten auf Teamgeist und Verantwortungsgefühl des einzelnen, erzeugten rasch und intelligent entworfene Produkte mit den besten Werkzeugen ihrer Zeit und antworteten auf die sich ändernden Fragestellungen.“

Und die Zeiten änderten sich rasch, damals. Prouvé erkannte, dass die Ära des Handwerks unter- und das Industriezeitalter aufging. Er begann mit der Fertigung industriell und in Massen herstellbarer - übrigens heute noch atemberaubend avantgardistischer - Möbel, Stiegengeländer, Stahlfenstersysteme und anderer Architekturelemente, er hinterfragte den gesamten Prozess des Häuserbauens und suchte nach preiswerten, rasch realisierbaren industriellen Lösungen. Die neuen Materialien der Zeit hießen Stahl und Aluminium, und Prouvé - als gelernter Schmied natürlich mit den Qualitäten des Materials innigst vertraut - fertigte Fassadenelemente aus Metall, die ganz einfach auf ein Gerüst zu montieren und flexibel in der Anwendung waren. Die hier vereinfacht beschriebene Technik ist heute Standard.

Dieses lockere Umdenken von Stein und Ziegel in neue architektonische Dimensionen, das Erkennen und die unvoreingenommene Anwendung aller zur Verfügung stehenden Materialien und deren spezifische Verwendungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten: Das ist es, was Jean Prouvés Lebenswerk so außergewöhnlich macht. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg erfand er zum Beispiel die ersten vollständigen Fertigteilhäuser aus Holz und/ oder Metall, die man rasch und einfach aufstellen, wieder abbauen und anderswo erneut errichten konnte. Ob das Rathaus von Boulogne-Billancourt oder das Flieger-Clubhaus Roland Garros bei Buc, ob Sitz- und Schreibmöbel für Große oder Kleine, ob Fertigteilhaus oder Stiegengeländer: Prouvés Arbeiten waren immer minimalistisch, ästhetisch, pur und reizvoll.

Für Architekt Norman Foster bleibt Prouvé bis heute „die Inspiration, die zeigt, wie Kunst und Technologie vereint werden können“. Kollege Renzo Piano gibt ihn als wichtigstes Vorbild an: „Ich bin mir immer seiner fundamentalen Wahrheit bewusst, dass man Kopf und Hand, Idee und Verwirklichung nicht voneinander trennen darf.“ Ein ehemaliger Prouvé-Mitarbeiter sagt ganz einfach folgendes: „Ich habe ihn immer sehr gemocht.“


[Jean Prouvé, Volume 1: 1917-1933, öS 1.250,-/EURO 90,84/240 Seiten,
Volume 2: 1934-1944", öS 1.341,-/EURO 97,45/352 Seiten, Hg. Peter Sulzer, Verlag Birkhäuser,
Basel 1999 bzw. 2000;
zwei weitere Bände sind in Arbeit. ]

31. März 2001 Der Standard

Private Grünräume an der Traisen

Niederösterreichs Landeshauptstadt Sankt Pölten bekommt von Roland Rainer eine Wohnsiedlung à la Puchenau bei Linz.

Wien - Der Wiener Architekt Roland Rainer ist ein streitbarer Kämpfer für das Recht auf Privatheit, nicht nur für die eigenen vier Wände der Bewohner seiner Architekturen, sondern vor allem auch in den rund um das eigentliche Haus unter freiem Himmel gelegenen Zonen des Wohnens, also den Gärten und begrünten Innenhöfen.

Während in den vergangenen Jahrzehnten allerorten Einfamilienhausteppiche unter großem Platz- und Kommunalkostenverschleiß die Landschaft zu bedecken begannen und die Privatheit auf immer kleineren Häuslbauer-Parzellen quasi in die öffentliche Zur-Schau-Stellung der Vorgärtchen mündete, bewies Rainer mit seinen Gartensiedlungen wiederholt, dass der verdichtete Flachbau, so er klug geplant und angewandt wird, die wohnlicheren, besseren Resultate erzielen kann.

Die bekannteste Siedlung des einflussreichen Wiener Architekten befindet sich mit Puchenau in Linz. Ein ähnliches Konzept wird nun, veranlasst vom Land Niederösterreich, auch in St. Pölten verwirklicht. Auf einem rund 22.000 Quadratmeter großen Grundstück am Ostufer der Traisen entstehen 201 Wohneinheiten, die Bauträger stehen zur Zeit noch nicht fest, demzufolge weiß man auch noch nicht, ob es sich später um Eigentums- oder Mietobjekte handeln wird.

Den Bewohnern der neuen Siedlung werden vier Typen zur Verfügung stehen: Zweigeschossige Einfamilienhäuser, Maisonetten, Gar¸connieren sowie übereinanderliegende Maisonetten, alle zwischen 42 und 82 Quadratmeter groß - beziehungsweise relativ klein, doch wird angeboten, übereinander liegende Wohnungen miteinander zu verbinden, was auf Wunsch ohne besonderen Aufwand geräumigere Residenzen schaffen würde.

Jede Wohnung verfügt über einen von umliegenden Mauern streng privatisierten Frei-und Grünbereich, der sich entweder erdgeschossig oder auf einer Terrasse befindet. Diese geschickte Verflechtung von drinnen und draußen - eine der wichtigsten Qualitäten intelligenten Wohnbaus - kann als eine der Keimzellen Rainerscher Wohn-Architektur bezeichnet werden. Denn was nutzt dem Standardhäuslbauer sein frisierter Grünraum, wenn der aus allen Richtungen eingesehen werden kann.

Roland Rainer meint, es gäbe „in den offen bebauten Gebieten keine Privatheit, zwischen den Drahtzäunen keine geschützten Gärten und Höfe, wie man sie in alten Städten auf kleinem Raum mit bescheidenen Mitteln immer noch findet“. So ähnlich wie diese alten Stadtteile funktioniert haben, funktioniert auch die St. Pöltener Siedlung. Der Architekt gibt den Bewohnern die Straßen und Wege wieder zurück, der Autoverkehr wird am nördlichen sowie südlichen Ende der Siedlung abgefangen, in Garagen geleitet und solchermaßen ausgesperrt, was ein angenehmes, ruhiges und familiäres Kleinbiotop mitten in der Stadt schafft. Zwischen den Wohnhäusern liegen lose eingestreut Spielplätze und öffentliche Grünzonen.

Es werde hier der Versuch unternommen, so Rainer, ein verständliches Modell neuer, progressiver Gedanken für den Wohnungsbau zu entwickeln und zu erproben. Die ersten Experimente, wie besagtes Puchenau in Linz, gingen voll auf: Die Häuser dieser Gartensiedlung werden heute zu großem Teil schon von den Nachfolgegenerationen gerne bewohnt.

31. März 2001 Der Standard

Weil wir es uns wert sind

Ein wieder einmal völlig missglücktes Wettbewerbs-verfahren in Wien bringt die Architektenschaft in Rage: Das Projekt Katharinengasse könnte zum Präzedenzfall und zum Wendepunkt für ein gequälte Branche werden.

Stellen Sie sich vor, Sie haben mit viel Mühe und Engagement etwas gebastelt. Es hat mehrere Wochen gedauert. Sie haben nächtelang darüber nachgedacht. Sie haben diverse Entwürfe ersonnen, für ungenügend befunden, verworfen, sie später wieder hervorgeholt und weiterbearbeitet. Sie haben schließlich die für Sie beste Lösung gefunden, sie aufgezeichnet, ein Modell davon gebaut, eine Freude damit gehabt. Sie haben, wenn das Werk vollendet ist, einiges an Lebenszeit und viel Geld investiert - nehmen wir an, etwa eine Viertelmillion Schilling, also ungefähr das Nettojahreseinkommen eines Durchschnittsösterreichers. Sie haben Pech. Das Geld können Sie abschreiben, Sie werden es nie wieder sehen. Warum? Weil Sie Architekt oder Architektin sind, an einem Architekturwettbewerb in Wien teilgenommen und, wie dutzende andere auch, nicht gewonnen haben. So ist das halt - aber so ist das nur in der Architektenbranche, die sich selbst langsam aber sicher in diesem System zerfleischt.

Das Instrument des Wettbewerbsverfahrens zur Findung des geeigneten Architekten und des besten Projektes für ein Bauvorhaben ist an sich ein intelligentes Produkt der Demokratie, doch irgendwie ist es im Laufe der Jahre entartet und hat die Branche zurückgeführt zu ähnlich anarchischen Zuständen, wie sie bei primitiveren Tieren als dem Menschen anzutreffen sind: Nicht der schnellere Hase entgeht dem Fuchs, sondern derjenige, der klügere Haken schlägt. Nicht die hungrigste Sau gelangt als erste zum Trog, sondern die, die am lautesten grunzt und am energischsten drängelt.

Wenn das Ausleseverfahren selbstmörderisch wird und die Kosten und Energien wie im Falle der Architekten ausschließlich eine einzige der beteiligten Branchen belasten, dann stimmt etwas nicht im System. Die Architekten arbeiten jetzt schon großteils am Limit. Das Durchschnittsbüro in Österreich setzt pro Jahr nicht mehr als zwei Millionen Schilling um. Die Rede ist vom Umsatz, wohlgemerkt.

Die Baukünstler leben also, wie der Fischotter, der mit dem soeben gefangenen Fisch gerade so viel Energie erbeutet, um dem nächsten nachschwimmen zu können, von der Hand in den Mund. Fett setzt dabei kaum einer an.

Im Falle des Architekturwettbewerbs, der an sich schon eine mörderische Auslese darstellt, wird in den letzten Jahren eine zusätzlich verschärfende Mutation immer offensichtlicher, und die schaut folgendermaßen aus: Ein paar besonders gewitzte Architekten sind, neben vielen anderen wackeren Kollegen, irgendwie am Verfahren beteiligt. Nennen wir sie Gustl, Hansi, Willi, Kurti oder so ähnlich. Gustl sitzt diesmal in der Jury, die die zum Zwecke des Objektivbleibens ohne Verfassernamen anonym eingereichten Projekte beurteilen wird. Hansi, Willi und Kurti kennen Gusti sehr gut - sind ja alles Kollegen - sie nehmen am Wettbewerb teil. Ein paar Tage vor der entscheidenden Sitzung kommt man dann ins Reden, Projekterln werden dem Juror quasi unverbindlich beschrieben, Telefone, Faxe und Kopiermaschinen werden bemüht.

Solchermaßen illegitim mit Insiderwissen ausgestattet geht der Gustl dann in die Jury. Und weil beim nächsten Wettbewerb, den er schließlich selbst gewinnen will, der Kurti praktischerweise in der Jury sitzen wird, kann man den Ketteneffekt des sich gegenseitig Wettbewerbssiege Zuschanzens beschaulich ins Laufen bringen.

Das gleiche Spiel funktioniert natürlich auch dann, wenn Bauträgerchefinnen sich besonders gut mit hohen, in Jurys vertretenen Beamten verstehen, wenn Architekten mit an Wettbewerben teilnehmenden Kolleginnen unter einer Decke stecken. Da alles klingt zwar verleumderisch saubartelisch, ist aber bedauerlicherweise der Fall. Nicht immer, aber immer öfter, und jeder in der Szene weiß das, und keiner kann wirklich etwas dagegen tun.

Gerade wurde in Wien wieder einmal ein Wettbewerb abgehalten. Es ging darum, eine neue Volksschule samt Hort, Kindergarten und Jugendzentrum in der Katharinengasse zu planen. 250 Büros, teils internationaler Provenienz, haben die Unterlagen käuflich erworben, 74 davon konnten schließlich fertig durchdachte Projekte abgeben, im Schnitt hat jeder eine Viertelmillion aus eigener Kasse investiert. Gewonnen hat der Entwurf von Wilhelm Holzbauer, dem hier natürlich keiner Freunderlwirtschaft irgendeiner Art unterstellen wird. Doch Tatsache ist: Sein Projekt war nur hinsichtlich der Pragmatik das beste, und der gesamte Jury-Prozess, der hurtig an einem einzigen Tag abgwickelt wurde, ist eine schriftlich protokollierte Zumutung für jeden, der an diesem Verfahren teilgenommen und auch nur einen Schilling hineingesteckt hat.

Er weist diverse eklatante Formalfehler auf. Und er wird dieses Mal nicht, wie so viele andere Male, von den zwischenzeitlich echt genervten Architekten unwidersprochen bleiben. Gut zwei Dutzend der Teilnehmer, die sich nur zum Teil persönlich kennen, haben sich vergangene Woche zusammengetan, sie wollen nun alle anderen Teilnehmer kontaktieren und gemeinsam mit der Wiener Architektenkammer den Auslober MA 19 erst einmal mittels des Gesprächs in die Verantwortung nehmen, gleichzeitig aber die Rechtslage prüfen und gegebenenfalls das Verfahren anfechten.

Weil wir uns das wert sind, sagen sie, weil wir nicht länger die Pausenclowns der Nation sein wollen. Weil sie nicht, wie der Vogel Dodo, der nur hübsch und lieb war, von anderen zum Spaß totgeschlagen werden wollen.

Doch konkret zu den absonderlichen Vorgängen am 12. März des Jahres, dem Tag der Entscheidung: Um 8.30 versammelten sich Teile des Jury-Gremiums, zwei nominierte Juroren kamen zu spät, ein weiteres Jurymitglied blieb der Veranstaltung überhaupt fern und entsandte einen zuvor nicht, wie vorgeschrieben, genannten Ersatzjuror. Eine Jurorin tauchte erst nach dem Mittagsmahle auf und schickte ebenfalls eine vorher nicht-nominierte Ersatzperson ins Rennen. Nach ihrem persönlichen Eintreffen stimmte sie aber sofort kräftig mit. Die Weitsicht, eine derartige Projektmasse mit kurzem Blick zu durchleuchten, war wohl nicht einmal einem Corbusier oder Mies van der Rohe gegeben.

Schon zuvor war der Juryvorsitzende nie, wie vorgeschrieben, gewählt worden, und wenn ja, dann entzog sich das der Kenntnis des Schriftführers, der im übrigen als Vorprüfer ein solcher gar nicht hätte sein dürfen. In dieser munteren, Formales lässig überspringenden Art, ging es weiter, bis um 17.50 das Resultat feststand. Der zweite für die Abwicklung des Verfahrens vorgesehene Jury-Tag konnte damit der Freizeit gewidmet werden.

Äußerst peinlich und geradezu fahrlässig ist der Umstand, dass jeder Architekt, der sein Projekt persönlich beim Vorprüfer abgeliefert hatte, dafür in einer Liste neben der Projektnummer unterschreiben musste: eine völlig unübliche Vorgangsweise, die die geforderte Anonymität des Verfahrens ad absurdum führt. Nur zum Verständnis: Um jegliche schiefe Optik tunlichst zu vermeiden, werden die Wettbewerbsunterlagen gewöhnlich doppelt verpackt abgegeben. Die Frage des Vorsitzenden nach einer etwaigen Befangenheit der Preisrichter unterblieb. Sie ist jedenfalls nicht im Protokoll festgehalten, und aus zuverlässigen Quellen geht - selbstverständlich nicht per lege beweisbar - hervor, dass zumindest zweien der Juroren sehr wohl Projekte schon bekannt waren, bevor das Verfahren eröffnet wurde. Eventuell wurde aus diesem Grund das Juryprotokoll abschließend nicht unterschrieben, womit es im übrigen ungültig ist?

Es ist immer sehr kniffelig und auch anrüchig, Wettbewerbsentscheide im Nachhinein fachlich in Frage zu stellen. Diesenfalls muss es dennoch geschehen: Das sieghafte Schulprojekt war sowohl städtebaulich als auch in seiner Raumkonzeption sicher nicht der beste der eingereichten Entwürfe. Andere Architekten haben die späteren Benutzer - die vielen tausend Kinder, die hier in den kommenden Jahrzehnten einen wichtigen Zeitraum ihres Lebens verbringen werden - besser gespürt, ernster genommen, ihre Bedürfnisse genauer verinnerlicht und in Kenntnis der Koordinaten ihres Berufes zu Architektur raffiniert.

Es geht hier um Freiräume, um Vormittagslicht in den Klassen, um Orientierbarkeit, um Lärmschutz, um das Bereitstellen sinnvoll koordinierter Zonen verschiedenster Nutzung, um das intelligente und unerhört schwierige Verschmelzen tausender Faktoren zu einem kompakten, funktionierenden Ganzen, in dem sich kleine und große Menschen wohlfühlen sollen. Oder täuschen wir uns alle, und es geht ausschließlich um Aufträge, Raumkubaturen, Effizienz und Haberer, mit denen man super saufen gehen kann?

„Uns geht es vor allem um die Zukunft“, sagt Jakob Dunkl von der Gruppe Querkraft, „und um einen Ehrencodex in der Architektur, an den sich alle halten sollten.“ Die rechtlichen Grundlagen für Wettbewerbe wie diesen sind ohnehin äußerst schwammig. Wenn die paar Richtlinien, auf die man sich geeinigt hat, auch noch missachtet werden, dann bedeutet das die programmierte Niederlage all jener, die sich an den Spielregeln orientieren. Es sind dabei nicht nur die ganz jungen Architekten, die diesen Teufelskreis durchbrechen wollen. Die Mehrheit der Architektenschaft wünscht sich faire Vorgangsweisen und ist durchaus bereit, die zehrenden Wettbewerbsanstrengungen auf sich zu nehmen, wenn dabei alles mit rechten Dingen zugeht, obwohl, wie Architekt Ernst Unterluggauer anmerkt, „wir eigentlich alle Wahnsinnige“ sind.

Dass die 74 Wettbewerbsprojekte für die Volksschule Katharinengasse so gut wie unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Gängen neben den WC-Anlagen des Hanappi-Stadions zur Schau gestellt wurden, untermalt jedenfalls die Ehrerbietung, die man Architekten hierzulande entgegenbringt. Auch dass der Wettbewerbsveranstalter die Mühsal einer Pressekonferenz nicht auf sich nehmen wollte, zeigt die Wertschätzung, die man für die Arbeit der Bauleute übrig hat.

Uns wäre es angesichts dieses Schlamassels lieber gewesen, sagen viele von ihnen, wenn man den Auftrag gleich direkt vergeben hätte, das hätte uns Zeit, Geld, Mühe, Nerven gespart. Andererseits geht jetzt endlich laut und öffentlich eine Debatte los. Weil die Architekten sich - und ihren späteren Kunden, den Benutzern - das wert sind.

29. März 2001 Der Standard

„Art Bridge“ für die Angewandte

Die alte Kunsthalle als Kunst- und Veranstaltungsraum der Kunstuniversität?

Adolf Krischanitz' Kunsthalle am Karlsplatz wird, wie DER STANDARD kürzlich berichtete, dieser Tage abgebaut, um einem neuen, kleineren Kunstpavillon Platz zu machen. Derweilen herrscht um die alte Halle ein G'riss: Während die Baufirma, die die Demontage vornimmt, die Metallbox selbst gerne als Lagerhalle übernehmen würde, plant Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, den Container direkt vor seiner Schule über dem Wienfluss aufzustellen.

Die Angewandte, so Bast, platze ohnehin aus allen Nähten, als größerer Veranstaltungsraum stünde derzeit lediglich die Aula zur Verfügung, die sich allerdings kaum für Präsentationen und Events eignet. Bast: „Wir hätten hier die einmalige Chance, mit der Kunsthalle einen halböffentlichen Ort zu schaffen, an dem junge Medienkünstler, Designer, Architekten, bildende Künstler ihre künstlerischen Visionen gemeinsam mit den Lehrern der Schule und internationalen Gästen entwickeln und präsentieren können, und würden auf diese Weise nicht nur ihrer eigenen Arbeit, sondern auch der kunstinteressierten Öffentlichkeit neue Impulse versetzen.“

Der großzügig bemessene Raum könnte wie eine Synapse zwischen der Stadt und der Universität wirken und auch stadträumlich einen interessanten Akzent im Wiental bilden. Kunsthallen-Architekt Adolf Krischanitz hat die entsprechenden Pläne bereits ausgearbeitet, die alte Halle konstruktiv leicht adaptiert, etwas verkürzt und auf zarte Stützen gesetzt, auf dass der Fußgängerverkehrsfluss sowie der über das Wiental schweifende Blick nicht behindert werden. An das Universitätsgebäude ist die Halle über einen Gang angedockt, die Öffentlichkeit kann sie an beiden Ufern des Flusses über Stiegen von unten betreten.

Bast: „Die Kunsthalle soll zur ,Art Bridge' werden, einer Brücke, die nicht nur den Fluss überspannt, sondern auch als Verbindungsglied zwischen einer Kunstuniversität, dem Kunstbetrieb und der Öffentlichkeit der Stadt dient.“ Zurzeit laufen bezüglich der Finanzierung Gespräche mit der Stadt und dem Wissenschaftsministerium, die Adaption sowie die Montage würden, so schätzt der Rektor, etwa 15 bis maximal 20 Millionen Schilling kosten. Ein nicht näher genannter privater Sponsor konnte bereits gefunden werden, er will für sechs bis sieben Millionen Schilling aufkommen.

Die Kunsthalle war stets als temporäre Architektur konzipiert, und auch an ihrem möglichen neuen Standort wäre sie kein Ding für die Ewigkeit. Im Gegensatz zu den in unmittelbarer Nähe geplanten Landstraßer Hochhäusern, die bald in Bau gehen werden. Bast: „Es geht uns um weit mehr als um die bloße Aufstellung der Halle in einer Gegend Wiens, der eine kulturell-qualitative Belebung im Umfeld von Büro- und Hotelburgen nicht schaden würde.“

24. März 2001 Der Standard

Fürchtet euch nicht

Die Kunsthalle Karlsplatz wird abgerissen, aber nur, um einer neuen Kunsthalle Platz zu machen.

Wenn ein Chinese einem anderen von ihm nicht liebgehabten Chinesen die Pest und den Teufel und überhaupt das Ärgste an den Hals wünscht, dann beflucht er ihn mit dem Spruch: „Mögest du im Zeitalter von Veränderungen leben!“

Was sagt uns das? Erstens: Die Chinesen haben ihre Ausdrucksformen ein paar Jahrtausende länger kultiviert als wir primitiv herumfäkalisierenden Neandertalerenkel. Zweitens: Auch der feinstraffinierte Mensch bedarf zu seinem Wohlbefinden einer gewissen Konstanz in seinem Leben. Drittens: Die Architektur als fix gestaltete, sich nur bedächtig verändernde Welt ist da durchaus ein Faktor.

Doch was wäre eine Stadt mit all ihren Häusern, wenn es keine Ausnahmen als Kontrast gäbe: ein Friedhof, eine Aufbahrungsstätte verstorbener Gebäude. An bestimmten, ganz besonderen Punkten darf dieses festgefügte Häuserkonglomerat also ruhig gelegentlich Risse bekommen und Zeitbeschleunigungen erfahren. Im Falle Wiens befindet sich am Karlsplatz, und zwar genau dort, wo noch für kurze Zeit die blau-gelbe Kunsthalle steht, ein ganz besonderes Architektur-Zeitraffereck, quasi ein Kristallisationspünktchen sich besonders schnell verändernder Architektur.

Die Karlsplatzgegend ist aufgrund generationenlangen stadtplanerischen Unvermögens ein stattlicher Archipel gestrüppbewachsener Verkehrsinseln und war lange Zeit vorwiegend von haxerlhebenden Hunden bevölkert. Die Kunsthalle veredelt seit zehn Jahren eine dieser ehemaligen Äußerlinseln. Dieser Tage wird sie - samt Café - abgerissen, doch das macht gar nichts. Es wird alsbald eine neue, kleinere und raffiniertere Box nachwachsen - samt Café - und auch deren Lebensjahre sind jetzt schon gezählt. Auch das ist ganz wunderbar, weil es in der Architektur mitunter so ist, dass etwas noch Besseres nachkommt. So gesehen funktioniert das Kunsthallenareal wie ein Architekturreagenzglas. Ein Experiment wird veranstaltet, von der Stadt betrachtet, für gut befunden, verworfen, ein neues Experiment wird angegangen.

Der erste experimentelle Container sollte der „Kunsthalle“ damals auf die kurze Zeit von vier Jahren einen preiswerten Unterschlupf bieten, so lange, bis die neuen Museumsquartier-Räumlichkeiten vollendet wären. Der zuständige Hallen-Architekt, Adolf Krischanitz, musste sich zwar sofort von Anrainern, denen der Karlskirchenblick verstellt wurde, und von Medienmächten, für die Architektur bei Fischer von Erlach aufhört, ordentlich herwatschen lassen, doch sehr bald wurde klar: Das viel gehöhnte, freche Kunstquartier-Provisorium war ein voller Publikumserfolg. Nicht nur die Ausstellungen waren reichlich frequentiert, auch das angeschlossene Kaffeehausrestl erfreute sich samt kiesstaubiger und stöckelschuhvernichtender Vorterrasse größter Beliebtheit und etablierte sich rasch zu einem der flottesten Treffpunkte der Donaumetropole.

Die Kunsthalle war schick und jung und in, sie pulsierte gerade deshalb, weil sie nicht in Marmor versteinert und in Stuck erstickt, sondern billig, ersetzbar, reparabel war. Der besondere Reiz der Architektur, dem auch internationale Künstler deklariertermaßen erlagen, ist schwer zu erklären. Das Nichtdauerhafte, das Provisorische und deshalb materiell Wertlose war ganz einfach klass zu bespielen, und die Rücksichtslosigkeit, mit der an Fassaden und Innenräumen lässig herumgefuhrwerkt werden konnte, veranlasste die Künstler sofort, begeistert die Sau rauszulassen.

Heimgehen soll man aber, wenn's am schönsten ist. Noch bevor sich die Kiste selbst überlebt hat, kommt sie also weg. Doch Kunsthallen- und Cafébesucher - fürchtet euch nicht. Die Hunde übernehmen das Areal nicht wieder, denn Kunsthallen-Chef Gerald Matt hat eine Erneuerung des Ausnahme-Bebauungsparagraphen 71 erwirkt, Architekt Adolf Krischanitz hat den Zeichenstift gezückt und eine neue Halle entworfen, und diverse Ressorts haben etwa zwölf Millionen Schilling für eine neue „Kunsthalle Karlsplatz“ locker gemacht, die für die nächsten zehn Jahre dort stehen wird.

Bleibt die Frage, was mit dem alten, bald in seine Bestandteile zerlegten Ding passieren soll. Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst, würde damit gerne vor seiner Schule den Wienfluss überspannen. Er würde damit dem Veränderlichen Kontinuität verleihen und sozusagen den Brückenschlag zur eingangs zitierten fernöstlichen Weisheit schlagen. Das Veränderliche bleibt bestehen und das Bestehende wird damit verändert. Wenn das nicht Architektur ist.

24. März 2001 Der Standard

Räumliches Talent gefragt

Architekt Klaus Jürgen Bauer über den Nutzen der Fertigteilindustrie für kreative Architekten.

Können Fertigteilhausproduzenten, Häuslbauer und Architekten zusammenfinden? Oder schließen Massenvorfertigung und Maßanfertigung einander aus? Der deutsche Architekt Klaus Jürgen Bauer, der in Eisenstadt lebt, hat sich empirisch mit dem Thema befasst und mit der Fertigteilindustrie zusammengearbeitet. Er findet, die beiden passen unter bestimmten Voraussetzungen sogar ausgezeichnet zusammen.

STANDARD: Sie attackieren die Produkte der Fertigteilhauskultur zwar heftig, gleichzeitig preisen Sie aber die Vorzüge der Vorfertigung. Wie geht das zusammen?

Bauer: Wir haben anhand mehrerer bereits fertig gestellter Projekte herausgefunden, dass individuell vom Architekten geplante Einfamilienhäuser, die sich die Vorteile der Fertigteiltechnologie zunutze machen, interessanterweise billiger waren als die fertigen Produkte, wie sie etwa in der Blauen Lagune ausgestellt sind. Gleichzeitig wiesen die Häuser die „Qualitätsstandards eines Architektenhauses“ auf, das heißt, sie waren den individuellen Bedürfnissen der Bauherrschaft angepasst und qualitativ und im Detail besser ausgestattet.

STANDARD: Wie kann ein Architekt mit den Fertigteilproduzenten zusammenarbeiten?

Bauer: Ganz einfach, wir haben die Häuser entworfen, dabei mit allen möglichen Konstruktionsarten und Technologien experimentiert und uns dann von der Industrie Fertigungsanbote legen lassen.

STANDARD: Gab es keine Animositäten zwischen den Konkurrenten Architekt und Fertigteilbauer?

Bauer: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Die Produzenten sind tatsächlich sehr an Qualität interessiert und waren erfreut, anbieten zu können. Denn es ist ja nicht ihr Kerngeschäft, Grundrisse zu entwickeln. In Wirklichkeit hat es irgendwann einen Fertigteilanbieter gegeben, andere sind nachgefolgt, einer hat die Grundrisse des anderen abgekupfert. Architekten waren da in den seltensten Fällen involviert, deshalb schauen alle Häuser ziemlich gleich aus und bieten alle sehr ähnliche Grundrisslösungen an.

STANDARD: Sie meinen, die Zeit wäre reif für eine Zusammenarbeit, wie sie etwa Gustav Peichl eingegangen ist?

Bauer: Das Peichl-Haus ist leider nur ein weiteres Musterhaus und in diesem Sinne nicht besser als die anderen Lagunenhäuser.

STANDARD: Warum?

Bauer: Weil es dem Häuslbauer nur ein formales, fertiges Gesamtangebot macht, anstatt ihm diverse Optionen offen zu lassen. Wenn Architekten Fertigelemente verwenden, müssen sie ihr räumliches Talent quasi in den Dienst dieser kostengünstigen Technologie stellen, und nicht umgekehrt.

STANDARD: Wer sind eigentlich die Fertigteilkunden?

Bauer: Diese Technologie nützt allen Bauherren, die ein beschränktes Kapital zur Verfügung haben und reif dafür sind, ihre Klischeevorstellungen zu hinterfragen, die daran interessiert sind, energieschonend ein energetisch intelligentes Haus zu bauen.

STANDARD: Sie haben angesprochen, dass die von Ihnen entwickelten industriell fabrizierten Häuser billiger wären als die schon fixfertig konzipierten Blaue-Lagune-Haustypen. Können Sie das präzisieren?

Bauer: Wir bauen derzeit ein Holzhaus mit 130 Quadratmetern Nutzfläche und durchgängiger Qualität von der städtebaulichen Situation bis zur Türklinke. Es kostet genauso viel wie ein Musterhaus und hat den Mehrwert einer individuellen Gesamtlösung und ist daher billiger.

24. März 2001 Der Standard

Fertigteil kann aufregend schön sein

Das Bauen mit industriell vorgefertigten Elementen hat hundert Jahre Tradition.

Das Bauen mit industriell vorgefertigten Elementen hat hundert Jahre Tradition. Klug angewendet und von guten Architekten geplant muss diese Energie-, Geld-und Bauzeit sparende Technologie keineswegs zwingend ein 08/15-Häusl von der Stange hervorbringen. Möglich sind auch sehr individuelle, witzige, schicke Villen, die preisgünstig und technisch perfekt sind.

Der Dornbirner Architekt Johannes Kaufmann etwa hat gemeinsam mit seinem Bruder Oskar Leo Kaufmann mehrere „Haus-Systeme“ in Holzbauweise entwickelt, die dem Bauherren so gut wie alle Möglichkeiten der Grundrissgestaltung offen lassen: „Unser System basiert auf einem Fünf-mal-fünf-Meter-Raster, die Haus-Hülle wird aus vorgefertigten Elementen zusammengesetzt, wobei die Innenräume völlig frei von Stützen sind. Es ist uns auch sehr wichtig, dass große Verglasungen möglich sind, es können ganze Wände in Glas ausgeführt werden.“

Das Vorurteil, ein Ziegelhaus wäre klimatisch besser, stimmt nicht. Bei sorgfältiger Verarbeitung erreichen Holzwände wesentlich bessere Wärmedämmwerte als Ziegelmauern. Der Hauptvorteil liegt in der Geschwindigkeit des Bauens: Ein vorgefertigtes Haus lässt sich in zwei, drei Monaten fixfertig aufstellen.

10. März 2001 Der Standard

Der weiße Wal ist anders

Coop Himmelb(l)au sind nie mit dem Rudel mitgeschwommen. Das hat sie gefährlich und unberechenbar gemacht, und unbequem. Doch jetzt springt der weiße Wal, und das ist spektakulär und schön anzuschauen.

Jetzt haben sie also den großen, fetten Wettbewerb gewonnen. In Lyon werden sie ein spektakuläres Museum bauen und endlich auch in 3D gleichziehen mit den Herren Libeskind, Gehry & Co. Mit dem soeben gewonnenen Prestigeprojekt in Frankreich katapultieren sich Wolf D. Prix und Helmut Swiczinsky auch im Lichte der weltweiten Öffentlichkeit dorthin, wo sie schon seit geraumer Zeit deutlich ihre Spuren ziehen - an die Spitze der Weltarchitektur.

Die Luft dort oben ist dünn, der Aufstieg mühsam, zeitintensiv und kräfteraubend und stets begleitet vom eifersüchtigen Schnappen kleinerer Fische. Doch das hat die Himmelblauen nie vom Sprung abgehalten. „Denn nicht durch ruhiges, gleichmütig träges Blasen tut der weiße Wal seine Nähe kund - nein, durch ein viel wunderbareres, gewaltigeres Schauspiel: Er springt. Da kommt der Wal aus den tiefsten Tiefen heraufgeschossen und wirft seinen ganzen ungeheuren Körper empor ins reine Element der Luft; und solch ein Gebirge von blendender Gischt türmt er auf, dass er seinen Ort auf sieben Meilen und mehr in der Runde verrät. Wie eine Mähne umflattern ihn die zornigen zerfetzten Wogen, die er von sich abschüttelt; oft ist der Sprung seine Herausforderung zum Kampf.“ Soweit Herman Melvilles Beschreibung Moby Dicks, des weißen Wales, der im wirklichen Leben Mocha Dick geheißen und vor fast 200 Jahren leibhaftig die Schifffahrer aller Weltmeere angriffslustig aufgemischt hat.

An zornige zerfetzte Wogen kann man auch angesichts des Museumsungetüms denken, das Coop Himmelb(l)au in den kommenden Jahren an den Ufern der Rhone und der Saone auftürmen werden, und zwar genau auf jenem prominent exponierten Landzipfel, der durch den Zusammenfluss der beiden Ströme am Eingangstor der Stadt entsteht. Das Gebäude fegt sozusagen wuchtig über den Ort, kristallisiert da zu einem enormen Stahl-Glas-Flügel, wabert metallisch glänzend und auf Stelzen abgehoben über die Erdoberfläche, schießt dort eine Doppelkegel-Tröte und Lichtspiele gen Himmel. Beherbergen soll die zerfetzte, zersprengte Architektur aus Glas, Metall, Beton und Licht ein Museum der Menschheitsgeschichte, und, so Prix: „Genau das hat uns enorm an diesem Wettbewerb gereizt, nämlich dass von den Bauherren nicht ein konventionelles Kunstmuseum in Auftrag gegeben wurde, sondern ein grundsätzlich neues Museumskonzept angedacht werden sollte.“

Was ist also dieses grundsätzlich Neue an dem Ding, das im Übrigen etwa so groß dimensioniert ist wie Frank O. Gehrys Guggenheim-Titanmuseum in Bilbao? Die Ausstellungen sind nicht, wie üblich, in Raumschachteln untergebracht, sondern ziehen sich durch die verschiedensten Zonen des Gebäudes. Prix:

„Die Räume sind durch die verschiedenen Bespielungen dynamisch veränderbar.“ Dazu verwirklichen die Himmelblauen hier ein Konzept, das sie für den - im Vorjahr von Zaha Hadid letztlich gewonnenen - Wettbewerb für das Kunstmuseum in Wolfsburg bereits angedacht haben: Der gesamte Museumskörper ist von Verkehrsvenen quasi durchzogen, der öffentliche Raum durchdringt in Form von Rampen und Boulevards das Gebäude, die Passanten schauen von ihren Spazierwegen in und auf die eigentlichen Ausstellungsbereiche, und sie fahren mit Aufzügen durch die Schauräume durch, ohne ihr Inneres sogleich direkt zu betreten. „Das System ähnelt eigentlich einer Peepshow“, so Coop-Außenminister Prix, „es ermöglicht den Austausch von Öffentlichem und Privatem. Diese Grenzüberschreitung, die uns immer wichtiger wird und die wir für das kommende Thema in der Architektur halten, ist hiemit tatsächlich vollzogen.“

Eigentlich haben Coop Himmelb(l)au eine ähnliche Durchmischung bereits mit ihrem UFA-Kinopalast in Dresden vorweggenommen. Auch dort bildet ein Glas-Stahl-Kristall eine halb öffentliche Zone, eine geschützte Fortsetzung des Platzes, die in die Privatheit der Kinoschachteln im angeschlossenen Stahlbetonriegel mündet.

Für die mexikanische Stadt Guadalajara planen die Wiener zurzeit ebenfalls Ähnliches, jedoch in unvergleichlich größerem Maßstab. Das Urban-Entertainment-Center, das dort in den kommenden Jahren als Teil eines engagierten, privatwirtschaftlich auf die Beine gestellten Städtebauprojektes der Sonderklasse entstehen wird, splittert den typisch amerikanischen Shoppingmall-Wahnsinn in verschiedene Ebenen und Zonen auf, durchmengt die Angelegenheit mit Lustwandelboulevards, streut diverse Büro-, Restaurant-, Unterhaltungssprengel ein und soll so Freifläche für den Bewohner zurückgewinnen und ein pulsierendes, kommunikatives neues Stadtzentrum bilden. Einen Ort, an dem man sich trifft und unterhält, wo man jausnet, ins Kino geht und auch sonst dem Beisammensein frönt, wie früher auf den Marktplätzen der alten Städte.

Prix und Swi haben also international in den letzten Jahren fest Fuß gefasst. In Los Angeles, wo man seit Jahren ein Büro unterhält, ist gerade ein Einfamilienhaus in Venice in Bau, für Hamburg planen die zwei ein kleines Stadtzentrum mit einem Hotel und einem Gerichtsgebäude. Für die Schweizer Landesausstellung des Jahres 2002 in Biel hieven sie zur Zeit eine enorme Plattform über den Bieler See und lassen Medienpavillons und Türme darauf tanzen, und in München soll nun, fast zehn Jahre nach einem gewonnenen Wettbewerb, doch endlich die Akademie eine fesche Erweiterung von himmelblauer Hand bekommen.

Es gibt also genug zu tun für die insgesamt rund 100 Mitarbeiter in den Büros in LA, Guadalajara und Wien. Doch wie schaut es auftragsmäßig in der alten Heimat Österreich aus? Durchaus gut, allerdings nach einer langen, öden Durststrecke. Im September sollen die Wohnungen in einem der vier Simmeringer Gasometer bezugsfertig sein, am Wienerberg entstehen Wohnhochhäuser, die 25 Meter über dem Erdboden mit einem Verbindungsgang zusammengespannt werden. Auf dem Areal der Liesinger Brauerei soll ein enormer Wohn-und Bürokomplex entstehen. Das Projekt auf dem Mariahilfer Platzl ist weiterhin im Gespräch, und in der Schlachthausgasse sowie in Erdberg sind Bürogebäude in Planung.

„Wichtig ist uns ein ständiges Weitergehen“, sagt Prix, „Wir wollen Architektur erzeugen, die auch im nächsten Jahrhundert noch Bestand hat.“ Diese ordentliche Portion Kampfeslust konnte man dem Wiener Architektenduo, das sich im Mai 1968 verbündet hatte, um der Welt mindestens einen Haxen auszureißen, noch nie absprechen. Mit einer wilden Polemik, avantgardistischen Projekten und ausgiebigen Happenings feierten die damaligen TU-Studenten die Architektur als neue Disziplin, die sich ihrer Ansicht nach, zum Teufel noch mal, endlich von den Zwängen des Althergebrachten zu befreien und so leicht und luftig wie der Himmel und die Wolken zu sein hätte.

Wer sich nicht an die ungeschriebenen Standesregeln seiner Zunft hält, dem weht bald ein scharfes Lüfterl entgegen, und die Himmelblauen wurden denn auch sofort von der Kollegenschaft mit wenig schmeichelhaften Prädikaten wie „pubertär“ und „wahnsinnig“ bedacht. Doch wenn irgendetwas wahr ist in der Branche der Häuserbauer, dann dass es viele Wahrheiten der Architektur gibt - nur hat die Koexistenz ungezähmter und domestizierter Individuen immer für Reibereien gesorgt.

Prix und Swiczinsky, die weißen Wale der heimischen Architekturszene, waren und sind in ihren Urteilen über die Produkte anderer auch nicht gerade zimperlich, doch eines können sie sich zugute halten: Qualität erkennen sie über die Barrieren von Sympathien und Antipathien hinweg an, auch wenn die rezensierten Kollegen, wie etwa Peter Zumthor und Herzog&deMeuron, ein ganz anderes Architekturcredo pflegen. Dem Glauben an die reine Lehre nur einer bestimmten Architekturrichtung mögen schlichtere Gemüter anhängen. Wer sein Leben lang nur Wittgenstein studiert hat, bleiben die köstlichen Sensationen eines Nabokov oder Melville verborgen.

Coop Himmelb(l)au haben sehr früh ihre Grundsätze definiert, haben sie stets weiterentwickelt, sind sich dabei immer treu geblieben. „Wenn wir von Schiffen sprechen“, so plakatierten sie ihre Architekturgesinnung auch im Jahr 1991 mit ungebrochener typisch-himmelblauer Arroganz und Herausforderung, „denken andere an Schiffbruch. Wir jedoch an von Wind geblähte weiße Segel. Wenn wir von Adlern sprechen, denken andere an Vögel. Wir aber sprechen von der Spannweite der Flügel. Wenn wir von schwarzen Panthern sprechen, denken andere an Raubtiere. Wir aber an die ungezähmte Gefährlichkeit von Architektur. Wenn wir von springenden Walen reden, denken andere an Saurier. Wir aber an das Fliegen von 30 Tonnen Gewicht. Wir finden Architektur nicht in einem Lexikon. Unsere Architektur ist dort zu finden, wo Gedanken schneller sind als die Hände, um sie zu begreifen.“ Lange Jahre blieb es bei himmelblauen Gedanken und Entwürfen, der Wal hob zwar im akademischen Sinn ab, ordentliche Luftsprünge tat er aber selten. Umgesetzte Projekte blieben klein und rar. 1980 fackelten Prix und Swi zum Beispiel einen architektonischen „Flammenflügel“ über einem Hof der TU-Graz ab, 1981 dekonstruierten sie die Barräume des „Roten Engels“ in Wien zu einem spannenden Szenelokal, und von 1984 bis 1986 setzten sie dem Eckhaus in der Wiener Falkestraße ein kompliziertes Büro-Hauberl auf, das nicht nur die Passanten unten stehen und hinaufstarren ließ: Der Dachausbau Falkestraße mit seinen aufgerissenen Räumen, den komplizierten Lichteffekten und dem quer über das Dach zischenden Stahl-Glas-Flügel wurde von der internationalen Architekturpresse viel intensiver und enthusiastischer wahrgenommen als von den heimischen Kritikern.

Der Bürobau in luftiger Innenstadthöhe fehlt bis heute in den meisten Wiener Architekturführern. Dafür schaffte er den Sprung auf die Titelblätter wichtiger internationaler Architekturmagazine - und er stach irgendwann auch dem Henker und Scharfrichter der Branche, Philip Johnson, ins Auge. Der betagte amerikanische Architekt und Königsmacher, eine der boshaftesten und einflussreichsten Architektursibyllen des 20. Jahrhunderts, organisierte damals gerade eine Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art, in der er wieder einmal die geheimnisvollsten Architekturströmungen der Zeit einfangen und ihre wichtigsten Proponenten in geballter Kraft vorstellen wollte. Die Schau „Deconstructivist Architecture“ lief 1988 und provozierte einen Aufschrei der Erleichterung bei all jenen, die der damals wütenden Postmoderne samt ihren Zinnen, Türmchen, Verbrämungen müde waren. Die allesamt unbekannten Leute, die Johnson nach New York geholt hatte, stehen heute alle an der Architekturweltspitze, sie hießen Koolhaas, Hadid, Gehry, Libeskind, Eisenman, Tschumi und Coop Himmelb(l)au.

Es habe, so Melville, stets „verschiedene denkwürdige historische Persönlichkeiten von Walen gegeben, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Stellen des Ozeans allgemein bekannt waren“. Prix und Swiczinsky sind ordentlich herumgeschwommen in der Welt, bis sie allgemein bekannt und anerkannt waren. Nach ihrem letzten großen Sprung dürften auch die letzten gschnappigen Korallenfischchen daheim endlich das Maul halten.

3. März 2001 Der Standard

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wenn der Architekt seine Häuser nicht mehr selbst ausführen darf, verliert er seine Würde und seine Identität, finden Markus und Kinayeh Geiswinkler, und sie beweisen, dass es auch anders geht.

Architekten, die ihre Projekte an der Hand nehmen und aufmerksam begleiten, bis sie flügge sind, also den späteren Nutzern übergeben werden, sind im Aussterben begriffen. Kinayeh und Markus Geiswinkler, Jahrgang 1964 und 1956, sind zwar relativ jung, zählen aber noch zu dieser raren Spezies der Sorgfältigen, und ihr ausgeprägter architektonischer Fürsorgetrieb macht sich für sie und ihre Produkte einerseits bezahlt, andererseits wird dadurch das Leben in Zeiten hudelnder Bauträger und hastender Investoren nicht eben leichter.

„Die Projekte nicht mehr selbst auszuführen“, das steht für Markus Geiswinkler fest, „ist das Ende der Architektur. Leute, die sich dafür hergeben, degenerieren zu Architektenclowns und zu theoretisierenden Universitätskasperln, wie es sie in den USA so oft gibt. Die Architekten müssen sich gerade heute unbedingt darauf besinnen, was sie wirklich sein wollen - Bilderlzeichner oder tatsächlich ernst zu nehmende Fachleute.“

Diverse Versuche von Bauherren, die beiden Architektureheleute zu entmündigen, scheiterten. Tatsächlich umgibt die zwei die klare Aura kompromissloser Unbestechlichkeit, und zwar in einer angenehm konstruktiven Ausprägung, die zwischen Fragen und Antworten kleine sinnvolle Denkpausen erlaubt. Wer Unmögliches verlangt, bekommt von anderen Architekten oft vage Zusagen und Versprechungen, also unmögliche Antworten, die später sowieso nicht eingehalten werden können. Die Geiswinklers sagen ihren Bauherren lieber schon zu Beginn, was machbar ist und was nicht, welcher Termin eingehalten werden kann und welcher nicht, und diejenigen, die eine solche Klarheit der Ansage schätzen, arbeiten gerne und immer wieder mit ihnen.

So zum Beispiel die Wohnbauer von „Neues Leben“, für die demnächst eine Gartensiedlung an der Wiener Peripherie in Angriff genommen wird. Das 65-Wohnungen-Projekt vereint alle wesentlichen Merkmale Geiswinklerscher Architektur in sich: Es ist bautechnisch ausgeklügelt und auf dem letzten Stand, es nutzt intelligent alle Neuerungen der Bauordnung für sich aus und soll überhaupt als erstes Haus über Bauklasse 1 in Holzleichtbauweise errichtet werden. Die Architektur geht mit Platz und Dichtestaffelungen äußerst sorgfältig um, kippt und dreht die Baukörper so, dass optimale Besonnung bei größtmöglicher Privatheit der einzelnen Einheiten herrschen und ist nicht nur diesbezüglich in hohem Maß dem Nutzen seiner künftigen Bewohner verpflichtet: So hat jede Wohneinheit entweder einen Garten oder eine begrünte Rasendachterrasse und verfügt außerdem über jeweils zwei Eingänge, damit bei Bedarf ein Bürobereich abgetrennt und separat begangen werden kann.

Die Architekten haben den Standort genau hinterfragt und überlegt, welche Personengruppen für eine Wohnung an der Peripherie überhaupt infrage kommen. „Wer an den Stadtrand zieht, hat entweder kleine Kinder oder kann von zu Hause aus arbeiten“, sagt Kinayeh Geiswinkler. Diese Standort- und Nutzeranalyse ist ein Punkt auf der selbstauferlegten „Prinzipienliste zum Nutzen des gescheiten Wohnbaus“, nach der die Architekten ihre Projekte anlegen. Die Frage, wo gebaut wird und wer dort wohnen soll, steht zuoberst.

Ein paar weitere Punkte: Viel wichtiger als eine fesche Fassade ist das gründlich durchdachte Konzept der Architektur, formale Gags sind verboten, auch Materialspielereien ohne Hintergrund sind nicht erlaubt. Wohnungen sollten im besten Fall erweiterbar und veränderbar sein, sich anpassen können, und ein gewisses ingenieurhaftes Wesen, das den Architekten als Erfinder neuer Lösungen und Details ins Spiel bringt, darf ruhig spürbar sein.

In diesem Sinne wurden bisher diverse Projekte, auch abseits des Wohnbaus, abgewickelt. Da wäre zum Beispiel der ganz einfache und doch raffinierte Mehrzwecksaal, den das Bezirksamt Wien-Favoriten neben seinen historischen Mauern dazubekam: Der Glas-Beton-Holz-Pavillon scheint im Hof zu schweben, der Kontrast zwischen bestehender Architektur und dem Neuen macht klar, wie viel Spaß Alt und Neu miteinander haben können, wenn man sie unverkrampft zusammenspannt.

Ebenfalls im steinernen Kern alter Substanz entstand der kleine Umbau der Galerie Image neben der Wiener Ruprechtskirche, wo genau überlegt wurde, wie im städtischen Außenraum die Passantenströme fließen, aus welchen Richtungen der Galerieraum am besten betreten wird, wie also, so Markus Geiswinkler, „der Genius Loci beschaffen ist und mit dem eigenen Projekt verschärft werden kann“. So geschehen auch mit dem Guess-Club in Mariahilf, wo eine Hausecke geöffnet und eine flotte Bar untergebracht wurde.

Kennen gelernt haben sich die Geiswinklers übrigens in den späten 80er-Jahren auf der Technischen Universität Wien. Markus arbeitete beim damaligen Gestaltungslehre-Professor Rob Krier, und die Kurdin Kinayeh war 1984 aus dem Irak nach Österreich gekommen, um Architektur zu studieren. Man rannte sich also dauernd in irgendwelchen Zeichensälen über den Weg, zeichnete schließlich irgendwann gemeinsam, und zwar einen Europan-Wettbewerb, und heimste mit einem Ankauf einer flexibel angelegten Wohnhausanlage für La Chaux-de-Fonds in der Schweiz einen beachtlichen Erfolg ein.

Tatsächlich ins Geschäft mit der Architektur kamen sie, indem sie mit ihrem Projektmäppchen aktiv bei diversen Ämtern und Unternehmern vorstellig wurden. „Die Swobodazeit war eine aufgeschlossene, sie hat uns persönlich wirklich weitergebracht“, so die Meinung beider. Es gab Einladungen zu diversen Gutachterverfahren, man konnte sich einen Namen machen und schließlich ein ordentlich großes Projekt in Form der Kindertagesstätte Floridsdorf anpacken.

Wieder kommunizieren dort Stahlbeton, Glas und Holz miteinander, die Atmosphäre des Kinderhauses ist hell, freundlich, angenehm. Auf dem Dach könnten kleine Gärtchen und Wiesen angelegt werden, doch das hat Zeit, bis der Platz rundum knapp wird. Dann allerdings werden solch vorausschauende Maßnahmen wertvoll, ja unbezahlbar sein. Entstehen kann so etwas, wie gesagt, aber nur, wenn die Architekten ihre Projekte wirklich bis zur Schlüsselübergabe begleiten, die Ausführung eifersüchtig bis zum Schluss überwachen, ihre Ideen aktiv durchboxen. Denn Vertrauen ist gut, doch Kontrolle ist erwiesenermaßen viel besser.

2. März 2001 Der Standard

Architektur als Miteinander

Ottokar Uhl wird zum 70er mit neuem Buch und Festreden geehrt

Wien - Der Architekt Ottokar Uhl feiert dieser Tage seinen 70. Geburtstag. Er ist nicht der bekannteste unter Österreichs Architekten, weil er nie ein Schreihals und Selbstdarsteller war. Doch mit seinen Arbeiten und vor allem auch mit seiner Lehre hat der stets ausgesprochen Bescheidene die Architekturszene wahrscheinlich nachhaltiger beeinflusst und direkter an ihren Wurzeln gepackt als viele seiner prominenteren und gesellschaftsparkettmäßig begabteren Kollegen.

Ottokar Uhl, 1931 in Kärnten auf die Welt gekommen, ab 1950 in Wien und Salzburg architektonisch unter anderem von Lois Welzenbacher und Konrad Wachsmann geschult, hat nicht sich selbst oder seine Architekturen ins Zentrum gerückt, sondern den Menschen - zum einen den wohnenden, zum anderen den gläubigen. Er ist neben dem Grazer Eilfried Huth einer der Erfinder des vom Architekten betreuten kollektiven Hausplanens, und dass er viele dieser, der Natur nach unendlich mühsamen Projekte über gelegentlich bis zu einem Dutzend Jahre unermüdlich durchgezogen hat, zeugt von der außerordentlichen Menschenliebe und Opferbereitschaft des umsichtigen Baumannes.

Seine Bemühungen um die Partizipation, zu betrachten etwa in Form der Wohnanlage „Wohnen Morgen“ in Hollabrunn oder dem integrativen Wohnprojekt B.R.O.T. in Wien, sind immer noch wegweisend. Tatsächlich wirken seine Studien und Vorarbeiten zu diesem Thema heute auch in hochkommerziellen Wohnbauten in modifizierter Form nach, wenn die späteren Mieter oder Wohnungseigentümer zumindest ihre persönlichen Grundrisse noch während der Planungszeit mitbestimmen dürfen.

Ottokar Uhl war nie ein Formalist, wichtiger als das Erscheinungsbild eines Hauses war seine Seele, und die besteht zum einen aus Funktionen und Atmosphären, zum anderen aus kühl kalkulierten, ökonomisch optimierten Bauparametern. „Die Auseinandersetzung mit den Fragen des Bauens führt - über Umwege technischer, ökonomischer, ökologischer, persönlicher Problemstellungen - zu Selbsterkenntnis, Infragestellung bisheriger Lebensumstände bis hin zu Umentscheidungen und zum Neubeginnen im Leben der Partizipanten“, behauptete er 1996. Und schon 1983 hatte er seinen Architektenkollegen geraten: „Kämpfen Sie gegen den Untergang in Bürokratie und Technokratie. Verstehen Sie sich nicht länger als ,Versorger'. Besinnen Sie sich auf jene historischen Ziele (der Baubewegungen), die sich als Hilfe für den ganzen Menschen verstanden.“

Der Architektur als großer sozialer Aufgabe wurde der Kärntner auch auf dem Gebiet des Kirchenbaus wiederholt gerecht. Seine Kapellen und Andachtsstätten, wie etwa die Kapelle der katholischen Hochschulgemeinde Wien oder die Konviktskapelle des Stifts Melk, sind schlicht, stark, selbstsprechend. Uhls Architektur, so urteilt Friedrich Achleitner in der neuen Publikation Ottokar Uhl. Werk. Theorie. Perspektiven (Verlag Schnell&Steiner), habe im Wohnbau „ihre eigene Strahlkraft“ und auch im Kirchenbau eine spezifische „ästhetische Kraft“ entwickelt. Das Buch wird heute Abend in Anwesenheit des Jubilars im Wiener Rathaus vorgestellt.


[Im Rahmen von „Architektur als Prozess im Werk von Ottokar Uhl“ Vorlesungen zum 70. Geburtstag des Architekten, Wappensaal des Wiener Rathauses, 2. März, 19.00.]

24. Februar 2001 Der Standard

Scharfer Zahn

Die Wiener Innenstadt bekommt den ersten Neubau nach dem Haas-Haus. Die verantwortlichen Architekten sind Dieter Henke und Marta Schreieck.

Alte Städte sind sensible Organismen, und ihre Fronten und Fassadenreihen blicken auf die Betrachter ihrerseits mit einem eigenen Mienenspiel zurück. Sie schauen dabei fröhlich oder finster drein, je nachdem, jedenfalls haben sie Charakter, Persönlichkeit und ein markantes Gesicht. Es ist für jeden Architekten ausgesprochen schwierig, in einem solchen Ensemble sinnvolle Veränderungen vorzunehmen, vor allem, wenn gleich ein ganzer Schneidezahn aus dem Gebiss zu brechen und durch einen neuen zu ersetzen ist.

Im schönen alten Gesicht der Wiener Innenstadt ist ein solcher Eingriff schon lange nicht mehr erfolgt. Nach der Errichtung des Haas-Hauses - einer Art postmoderner Schönheitsoperation neben der Steffl-Nasenspitze - gab es keine zeitgenössische Intervention größeren Formats. Nun wird, so könnte man sagen, die Stadt-Zahnreihe am Donaukanal, die den Innenstadtbesucher schon von weitem begrüßt, ein neues Implantat bekommen.

Die Vorgeschichte ist bekannt: Am Franz Josef Kai Nummer 47 befindet sich mit dem sogenannten „Kaipalast“ ein schönes und interessantes Stahlbetonhaus aus dem Jahr 1911, das, so diverse Studien, unter anderem auch eine des Bundesdenkmalamtes, zu marod und morsch in seinen Metallknochen ist, um renoviert und wiederbelebt zu werden. Vor zwei Wochen erging denn auch trotz scharfen Protests einiger Architekturleute die offizielle Abrisserlaubnis. Die Besitzerin der Liegenschaft ist die Zürich-Kosmos-Versicherung, das Unternehmen hatte, weil Zeit Geld ist, bereits einen geladenen Wettbewerb für einen neuen Büro- und Geschäftsbau an Stelle des alten Hauses veranstaltet.

Die sechs Entwürfe von Artec, Berger & Parkkinen, Dietmar Feichtinger, Henke und Schreieck, Ortner+Ortner sowie pool Architektur wurden diese Woche unter Vorsitz von Architekt Rüdiger Lainer juriert. Die Wahl des Siegerprojekts erfolgte einstimmig, es stammt aus dem bewährten Neubaugassen-Atelier der tirolerisch-wienerischen Architekten Dieter Henke und Marta Schreieck. Die beiden haben den sensiblen Bauort mit behutsamen Chirurgenfingern erst von oben bis unten sorgfältig abgetastet und anschließend ein passendes und trotzdem eigenständiges Implantat für die Baulücke entworfen.

Das neue Haus tanzt nicht aus der Reihe, es hält sich an Bauhöhen und Baulinien, und das ist gut so, weil die Narrischkeiten ohnehin auf dem anderen Donaukanalufer fröhliche Urständ feiern dürfen. Auch in einer großen Stadt muss die Ruhe da und dort ihr Plätzchen behaupten können. Städtebaulich, quasi gebisstechnisch, ist der klare, einfache Block von Henke und Schreieck also angepasst und tadellos. Die Raffinesse beginnt mit der Fassade und setzt sich im Gebäudeinneren konsequent fort.

Die Außenhülle des neuen Geschäftshauses wird wie ein vertikal gerichteter Lamellenkörper funktionieren. Man stelle sich die Kiemenschlitze eines Haifischs vor, dann ist man dort. Je nach Bedarf und Sonnenstand können die geschosshohen Glasscheiben verdreht werden. Der noch immer hochmoderne und eigentlich ziemlich widerliche Spiegelglaseffekt wird durch geätzte, flusssäuregetrübte Gläser vermieden. Das Haus wird chamäleonartig der jeweiligen Lichtstimmung entsprechen und immer ein wenig anders aussehen, je nach dem wie die Lamellen geklappt sind und das Licht fällt. Marta Schreieck: „Wenn die Sonne reinfährt, kann es richtig lilaorange leuchten, wie eine Glaskiste schaut es jedenfalls sicher nicht aus.“

Mit diesem glatten und trotzdem strukturierten Aussengesicht ersparen die Architekten sich und uns die andernorts tüpfelig mit vielen Fensterpickelchen überfrachteten Gucklochfassaden, die immer in Konkurrenz mit ihren älteren Nachbarn stehen und dabei stets irgendwie pubertär und unreif daherkommen und als architekturgewordener Generationenkonflikt unangenehm den Stadtraum dominieren.

Das Gebäudeinnere des neuen Kai-Hauses ist aufgrund gekonnter Architekturanwendung frei von Zwischenwänden aller Art, sieht man vom Stiegenhaus- und Sanitärblock ab. Die Räume sind von ihren späteren Nutzern also beliebig gestaltbar, vom Zellenbüroställchen bis zum Partysaal ist alles machbar.

Damit von oben bis unten Licht und Luft in großzügigen Mengen die Architektur durchströmen können, wurde der Block zonenweise ausgehöhlt. Der dadurch entstehende plastisch ausgeformte und die entsprechen de Vielfalt an Atmosphären erzeugende Innenhof wird überdacht. Er streckt Seitenarme in Richtung Kai und Heinrichsgasse aus, durchdringt da wie dort je ein Mal die Fassade und öffnet so die luftige Zone nicht nur gen Himmel, sondern auch in die Stadträume.

Da Architektur nicht nur Optik und Raummachen ist, haben Henke und Schreieck mit ihrem Entwurf zur Freude der späteren Betreiber auch ein intelligentes Klimakonzept mitgeliefert: Ein Wärmetauscher holt sich aus den Tiefgaragewänden die Erdwärme, schafft Temperaturdifferenzen von 8 bis 10 Grad Celsius zur Außentemperatur und hilft sommers wie winters Energie sparen. Das nur am Rande zur Info darüber, dass Architekten keine Edelhäuslbauer sondern tatsächliche Fachleute sind (die guten jedenfalls).

Ganz oben auf dem mit acht Geschossen, 26 Metern Traufenhöhe und 4.500 Quadratmeter Gesamtnutzfläche nicht übermäßig riesigen Haus schwebt zu guter Letzt ein gläserner Raum, der eine der ersten Veranstaltungsadressen der Stadt werden könnte. 120 bis 150 Millionen Schilling dürfte, so Zürich Kosmos-Finanzvorstand Rudolf Kraft, der Neubau kosten, er soll ehebaldigst in Angriff genommen werden.

17. Februar 2001 Der Standard

Patente Architektur

Gute Architekten sind Erfinder, meint Volker Giencke, und wenn sie sich ihre Ideen nicht ständig klauen lassen wollen, sollten sie gelegentlich zum Patentamt schreiten. Das Urheberrecht wird zum Thema in der Architektur.

Der gute Architekt ist traditionell ein Spürhund seiner Zeit. Er ist permanent auf der Fährte neuer Ideen, Materialien, Technologien, Raumlösungen, Zeitströmungen, Lifestyletrends, Gesellschaftsentwicklungen. Das alles erschnüffelt er, fängt es für sich ein und vermengt es in gedanklicher Mischmaschine zu den architektonischen Gebilden, in denen später Menschen arbeiten und wohnen werden.

Eine überwältigende gesellschaftliche Entwicklung wird dabei von den Bauleuten häufig übersehen oder zumindest nicht clever genutzt: die zunehmende Macht der Juristen in allen Lebensbereichen. Wenn zum Beispiel in Chicago ein Schneesturm den Morgenverkehr auf den Freeways lahmlegt, verbünden sich die Autofahrer noch am Nachmittag desselben Tages, dingen einen entsprechenden Paragraphenfuchser und verklagen die Stadtregierung auf Schadenersatz wegen arbeitsmäßigen Zuspätkommens, weil die Natur sich als stärker erwiesen hat als die Schneepflüge. Und weil man mit den unmöglichsten Kleinigkeiten Geld verdienen kann, wird jede Erfindung juristisch abgesichert und patentiert, und der Begriff Urheberrecht wurde zum Schlagwort in allen Lebensbereichen.

Ein guter Architekt ist stets auch Erfinder. Er denkt sich neue Details aus, oft gemeinsam mit innovativen Betrieben, und er konstruiert intelligente neue Räume und architektonische Systeme. Meistens bleibt er dabei allerdings Urheber ohne Rechte, und genau das, meint der Grazer Architekt und Innsbrucker Professor Volker Giencke, gehe ihm langsam auf die Nerven. „Das Urheberrecht kämpft gegen das Plagiat und greift den kreativen Diebstahl an“, sagt er, und auch die Architekten sollten sich diesen Schutz verstärkt zunutze machen. Giencke zählt neben dem Wiener Architekten Helmut Richter und noch ein paar wackeren Streitern im Dienste der konstruktiven Innovation zu den unternehmungslustigsten Bauleuten Österreichs.

Die Architektur beginne eigentlich mit dem erfinderischen Hochbau, meint er, und die griffigsten Ideen, die er bisher umgesetzt hat, will er sich nun unter Patentschutz stellen lassen. Schon Adolf Loos hat vor fast hundert Jahren sinngemäß gemeint, alles, was in der Architektur bereits da und gut sei, müsse nicht nochmals neu erfunden werden, doch wer die Worte des allseits verehrten Architektururahns heute ernst nehmen will, muss sich auf das Patentamt verfügen.

Giencke hat etwa für die Gewächshäuser des Grazer Botanischen Gartens Aluminium in geschweißter Konstruktion eingesetzt, was in größeren Dimensionen als ungemein schwierig gilt. Darüber liegt nicht, wie gewöhnlich, eine Glashaut, sondern wesentlich besser selbstreinigendes Plexiglas in doppelter Schale - ebenfalls erstmals hier angewandt.

Für den Turnsaal der Stiftschule in Seckau erfand er eine schlaue - im Übrigen sicherheitshalber bereits patentierte - Isolierglasfassade, die sich quasi selbst hält, weil die zentimeterfeine Tragkonstruktion zwischen den Glasscheiben untergebracht werden konnte. Und für einen Baumax-Markt versenkte er computergesteuerte bewegliche Lamellen zwischen den Glasscheiben, die sich nach dem Sonnenstand orientieren und je nach Bedarf Licht und Wärme reflektieren oder einlassen. Dass die tragende, nach zwei Seiten gebauchte Rohr-Konstruktion ebenfalls hauchzart und raffiniert gemacht ist, versteht sich von selbst.

Gienckes neueste Architekturerfindung könnte schon bald unter dem demnächst errichteten Landeskrankenhaus in Bregenz entstehen, und zwar in Form einer ungewöhnlichen Tiefgarage. Wo normalerweise mühsam durchkurvt werden wollende Stützenwälder im Finsteren stehen, befinden sich nur drei große Kegelstümpfe im Tageslicht. Sie tragen zum einen das Dach und können zum anderen außen mit Bäumen bepflanzt werden, was keine andere Tiefgarage erträgt. Außerdem holt der Architekt mit einem kleinen und völlig unaufwendigen Kniff das Sonnenlicht in die Autohalle, indem er lediglich eine Wand leicht schräg legt, was oben einen geräumigen Lichtschlitz erzeugt. Das Tageslicht rinnt solchermaßen die Wand herab und wird in den gesamten Raum reflektiert. „Diese Tiefgarage kostet nicht mehr als jede herkömmliche“, sagt Giencke, „ist aber durch ganz einfache konstruktive Maßnahmen wesentlich besser und einfacher nutzbar, weil man sich rund vierzig der Stützen erspart, die normalerweise das Navigieren so mühsam machen.“

Giencke ist mit seinen Urheberschutzabsichten natürlich nicht der Erfinder „patenter Architektur“. Diverse prominente Baumannen der Gegenwart und auch der Vergangenheit haben ihre Erfindungen registrieren und schützen lassen, Jean Prouvé etwa, Konrad Wachsmann oder Buckminster Fuller. Vor allem Fuller, der intensivste Zusammenarbeit mit der Industrie pflegte, legte sich im Laufe seines Erfinderlebens eine enorme Fülle an Patenten zu, gelegentlich für ganze Einfamilienhäuser, die er mithilfe angewandter Flugzeugtechnologie konstruiert hatte.

Wenn schon alle ihre Urheberrechte eifersüchtig bewachen, warum sollten das nicht auch die Architekten in vernünftigem Maß tun? Außerdem könnte ein bisschen Gesetzeskraft und Juristerei ausnahmsweise einmal auf ihrer Seite der ohnehin gebeutelten Kreativbranche der Architektur sicher nicht schaden.

15. Februar 2001 Der Standard

Architekturdenkmal wird Ringstraßen-Hotel

Wien - Rund zehn Jahre stand es leer, jetzt wird Roland Rainers „Böhlerhaus“ am Wiener Schillerplatz zu einem Hotel umgebaut.

Das elegante, derzeit etwas verstaubte und renovierungsbedürftige Bürogebäude ist das letzte prominente Baudokument der 50er-Jahre in der Bundeshauptstadt, es zählt neben der Wiener Stadthalle zu den wichtigsten Projekten des renommierten Architekten.

„Roland Rainer wird selbstverständlich in die Planung mit einbezogen werden“, stellte Bauherrin und Donauzentrum-Vorstand Bettina Breiteneder dem STANDARD gegenüber fest. Projektarchitekt ist Denkmal- und Industriearchäologieexperte Manfred Wehdorn. Auch er macht klar: „Der Umbau erfolgt in Zusammenarbeit mit dem ursprünglichen Architekten.“

Das Haus mit Adresse Elisabethstraße 12 wird tatsächlich nur als Teilstück in ein großes Hotelensemble integriert werden, das sich über den gesamten Gründerzeit-Baublock in unmittelbarer Staatsopernnähe erstrecken soll. Den Hotelbetreiber will Breiteneder noch nicht nennen, kolportiert wird der Schweizer Hotelmulti Mövenpick. Baubeginn könnte September dieses Jahres sein.

Roland Rainers Böhlerhaus war zum Datum seiner Entstehung ein äußert selbstbewusstes Dokument eines neuen, modernen Architekturverständnisses und hatte mit der Metall-Glas-Fassade außen sowie der nüchtern-rationellen Raumorganisation innen Signalwirkung für die heimische Architekturszene. Das Haus steht seit Anfang der 90er-Jahre unter Denkmalschutz - ein Umstand, der dem Gebäude nun zupass kommen dürfte. Roland Rainer hatte 1992 nur wenig später in einem Aufsatz festgehalten: „Wenn sich das Bundesdenkmalamt damit erfolgreich durchsetzen kann, würde es zu einer sehr wichtigen kulturellen Instanz, zu einem kulturellen Gewissen werden.“

Nach ersten Gesprächen mit Denkmalamtspräsident Wilhelm Rizzi ist der renommierte Baumann zuversichtlich: „Ich hab zwar nicht mehr daran geglaubt, doch es schaut so aus, als könnte jetzt tatsächlich eine sinnvolle Revitalisierung gelingen“, meint Rainer. Und: „Der Entschluss ist letzten Endes vernünftig. Ich habe die Möglichkeit, alle kritischen Punkte selbst zu planen, damit trotz Umbaus der Charakter des Hauses erhalten bleibt.“

27. Januar 2001 Der Standard

Land in Sicht

Der als Betonplattenbrutalo verschrieene Wiener Baukonzern Mischek versucht unter der Führung seiner Erben eine radikale Kurskorrektur und will mit den besten Architekten an Bord in Richtung Qualitätsarchitektur steuern.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Anfang Dreißig und ein ziemlich fesches, aufgewecktes Fräulein. Sie haben einen ziemlich klugen kleinen Bruder und einen ganz schön wohlhabenden Vater. Der baut mit seiner milliardenschweren Baufirma eine von zehn neuen Wohnungen in Wien, was ziemlich einträglich ist und eine Privatstiftung erfordert.

Aber plötzlich freut ihn das Geschäft nicht mehr so recht, denn die Zeiten haben sich geändert, der Jüngste ist er auch nicht mehr, und deshalb zitiert er Sie und Ihren Bruder eines Tages zu sich und stellt Sie vor die Alternative: Entweder, meine Lieben, ihr schmeißt's ab sofort die Bude hier, oder ich lerne andere Nachfolger an. Tja. Was würden Sie tun?

Michaela Mischek (35) pflegt bei solchen Gelegenheiten mit leicht schiefgelegtem Kopf die Augen in hübschem Erstaunen weit aufzureißen. „Na wenn das so ist“, dürfte sie damals ungefähr zu ihrem Vater gesagt haben, „dann schmeißma dieBude halt.“ Sie selbst ist studierte Historikerin und Politikwissenschaftlerin, ihr Bruder Ronald (34) Bauingenieur, die Firma „Mischek“ ein zu hundert Prozent in Privatstiftungsbesitz befindlicher Konzern mit einer Betriebsleistung von knapp zwei Milliarden Schilling bei einer Bilanzsumme von 4,2 Milliarden - eine prachtvolle, aber höllisch komplizierte Spielkiste für unerfahrene Nachfolger, mit jeder Menge Treibsand und Schlaglöchern, in denen man leicht versinken kann.

Doch auch das hätte wunderbar in das Konzept der frechen und umtriebigen Michaela Mischek gepasst, wäre da nicht dieses wirklich miefige Betonplattenimage der Firma gewesen. Das Mischmaschinenflair, das war echt uncool.

Der Begriff Mischek stand jahrzehntelang für schnell hochgezogene Wohnhäuser aus Fertigteil-Betonplatten, bei deren Anblick jeder Architekt den Kopf einzog und den Schritt beschleunigte. „Mit diesem wunderbaren und mega-ökonomischen Fertigteilsystem“, grinst Michaela Mischek, „konnte in Nachkriegszeiten sehr rasch Wohnraum geschaffen werden, was den Wienern natürlich geholfen hat. Aber später waren wir dann schon als schrecklich schlimme Betonierer verschrieen.“

Wie poliert eine Baufirma ihr wenig elegantes, zementstaubiges Image auf? Sie hat eigentlich nur eine Möglichkeit: Sie nehme sich die besten Architekten zur Brust und lasse sozusagen die Reflexionen der schillernden Künstlerfedern auf dem eigenen Gefieder spielen. Wenn sie das klug anstellt, werden letztlich alle zufrieden sein: die Architekten, weil sie gute Arbeit tun können, die Endverbraucher, weil sie tolle Wohnungen bekommen, die Baufirma, weil sie damit dort ist, wo sie hinwill.

Ganz so weit ist das Unternehmen Mischek noch nicht. Es hat sich aber mit dem Geschwisterpaar an den Zügeln in erstaunlich kurzer Zeit auf dem Wege dorthin aufgemacht. Die Schwester ist Sprachrohr, PR-Spitze und Architekturverantwortliche, der Bruder die technisch-innovative Basis. Es zeichne sich ab, so Michaela Mischek, dass der Lifestyle von trendigem Essen über schicke Möbel auch auf die Architektur überschwappe. Sie ist überzeugt: „In Zukunft werden die Leute ihre Wohnungen nach dem Namen des Architekten kaufen, der das Haus geplant hat. Wir versuchen nun, unsere Architektur um 180 Grad zu drehen, doch man muss auch verstehen, dass so etwas in einem großen Betrieb nicht von heute auf morgen geht. Das Unternehmen kommt nun mal aus einer gewissen Tradition, wir müssen dieses Unterfangen Schritt für Schritt angehen, und bei jedem einzelnen Projekt will ich einen Schritt weiterkommen.“

Die Architektenriege, die in den vergangenen paar Jahren angeheuert wurde, kann sich sehen lassen. Alles dabei, von Roman Delugan und Elke Meissl über Helmut Wimmer, Artec, Rüdiger Lainer, Albert Wimmer und andere mehr. Demnächst entstehen am Wienerberg je ein Wohnhochhaus von Coop Himmelb(l)au und vom Team Delugan-Meissl. Bettina Götz und Richard Manahl, die hinter dem Namen Artec stecken, bauen ein kleines feines Wohnhaus am Hundsturm. Architekturprofessorin Nasrine Seraji plant gerade ihr erstes Wien-Haus mit Mischek in der Linzer Strasse. Querkraft überlegen sich ein Wohnprojekt im 18. Bezirk. In der Wiedner Hauptstrasse soll bis 2002 ein Wohnbauprojekt mit den Architekten Rüdiger Lainer, LSSS (Cornelia Schindler und Rudolf Szendenik) und Artec entstehen. Die vom Architektur Zentrum Wien ausgewählten „Emerging Architects“ durften einen Mischek-Wohnbau-Wettbewerb bestreiten, der auch demnächst in Bau gehen soll. Und zu guter Letzt wurde dem diesjährigen EuroPan-Wettbewerb, der europaweit die Wohnideen junger Architekten fördern will, ein Grundstück in Simmering zur Verfügung gestellt.

Klingt alles toll, doch Architektur ist nicht nur Engagement, Wettbewerb und Sieg, sondern vor allem auch Ausführung, und da erleidet die beste Planung gewöhnlich ihre grausamsten Niederlagen. Schaut man sich die bereits vollendeten Mischek-Häuser der jüngeren Vergangenheit an, so sieht man doch noch die Kompromisse, die eingegangen werden, wenn der Freigeist der Architektur durch herkömmliche Fertigteilplattenkonstrukte weht. Gelegentlich blieb außer der Fassade nur ein prachtvolles Foyer über, der Wohnungsrest war schmerzlicher 08/15-Standard.

Doch Michaela Mischek nimmt allen Kritikern elegant den Wind aus den Segeln, indem sie mit kräftigem Kopfnicken zustimmt und auf die Umbruchphase verweist, die das Unternehmen doch noch durchlaufe. Man möge es nicht an seinen architektonischen Neuanfängen messen, sondern an künftigen, besseren Projekten. Darunter könnte auch ein ganz außergewöhnliches Ding von den holländischen MVRDV sein, das nur noch einen geeigneten Bauplatz sucht.

Um Gutes unter dem enormen ökonomischen Druck, der auf dem Wohnbau lastet, zustande zu bringen, so Mischek, müsste die gesamte Architekturabwicklung radikal verändert werden. Das Konzept und die Gesamtplanung eines Projektes seien viel wichtiger zu bewerten als bisher - und auch entsprechend kräftiger zu honorieren. Die darauf folgende Einreichplanung müsse künftig quasi auf Knopfdruck „vom billigsten Arbeiter oder von Zeichenbüros“ und nicht vom Architekten selbst gemacht werden.

Eine solche Vorgangsweise funktioniert allerdings nur, wenn sich der Architekt auf seinen Partner, die Baufirma, blind verlassen kann. Andernfalls wird er zum Pausenclown, der lediglich die Showeinlage liefern darf. Ob Mischek der kongeniale Architekturpartner wird, den sich alle wünschen, dürfte von der gesamten Branche sehr aufmerksam und argwöhnisch beäugt werden. Michaela Mischek strahlt derweilen die Kraft und die Zuversicht ihrer Generation, und die zeichnet sich durch Schläue, Geschwindigkeit und Geschäftstüchtigkeit aus.

In einer nicht so fernen Zukunft sieht sie das Imperium, das ihr Vater gemeinsam mit ihrem Großvater ab 1945 aus dem Boden gestampft hat, weniger als Baufirma denn als Gesamtdienstleister in Sachen Wohnen. Als Konzern, der seinen Aktionsradius auch über den Wohnbau hinaus erweitert und „viele tolle Architekten beschäftigt“. Das eigentliche Baugeschäft kann zugekauft werden und gerät dabei eher in den Hintergrund, wichtiger wird die Projektentwicklung, das penible Planen und Durchziehen von guter Architektur.

Der erwünschte Imagefaktor wird allerdings nur dann dauerhaft sein Schillern entfalten, wenn das Feine, Widerborstige und Freche, mit anderen Worten, das Reizvolle und Individuelle an der bestellten Architektur, nicht durch den Bauprozess zurechtgeschliffen wird.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Architekt und arbeiten mit einer Baufirma, die genau das will, was Sie auch wollen: Außergewöhnliche, hervorragende Architektur. Wetten, dann reißen auch Sie die Augen auf?

19. Januar 2001 Der Standard

Auch das Ruhige kann Spektakel sein

Das Museumsquartier steht vor der Vollendung, die Häuser wurden übergeben

Allen Unkenrufen zum Trotz ist mit dem Museumsquartier ein beschaulicher Kulturbezirk entstanden, in dem der Besucher selbst Muse sein darf. Ein erster Rundgang mit Architekt Laurids Ortner

In den vergangenen Jahren hat jeder, der irgendwie mit Architektur zu tun hat, über das vom Volks- und Politikerwillen zurechtgestutzte Museumsquartier (MQ) gelästert. Schuld daran war das Prozedere seines Entstehens. Erst hatte es einen Wettbewerb gegeben, dann ein Siegerprojekt, schließlich eine endlose Dreckschleuderdebatte um die Architektur, in die sich fachlich völlig Unbedarfte mit einer sagenhaften Selbstverständlichkeit einmischen durften. Solchermaßen, das schien allen wackeren Architekturstreitern der Nation klar, könne nur schwächliche Kompromissarchitektur entstehen. Sie haben sich geirrt.

Wer dazu über all die Jahre beharrlich schwieg, war das Architektenbrüderpaar Manfred und Laurids Ortner. Gestern wurden schließlich die drei neuen Hallen in den alten Hofstallungen ihren künftigen Betreibern übergeben. Die Sammlung Leopold bekam einen weißen Museumsblock, das Museum moderner Kunst einen schwarzen, die Kunsthalle einen ziegelroten Riegel, und obwohl die Angelegenheiten noch nicht ganz fertig gestellt und vor allem die Außenräume noch nicht hergerichtet sind, darf Folgendes festgestellt werden: Die Wiener werden dieses MQ annehmen, sie werden es in ihren Besitz nehmen, sie werden es früher oder später immer schon gewusst haben, dass ohne Museumsquartier Wien nicht Wien wäre. Die acht „Beisln“ auf dem Gesamtareal dürften zu diesem Zweck sozusagen enzymatische Wirkung im Dienste leichterer Verdaulichkeit entwickeln.

Doch diese Architektur hat das eigentlich gar nicht nötig. Sie ist kein Spektakel, will es auch nicht sein. Die Hallen sind, so Laurids Ortner, „grundsolide Häuser - und aus“. Er hat erstaunlicherweise vollkommen Recht. Der Besucher durchschreitet grundsolide Architektur, an der es nichts zu meckern gibt, es sei denn die teils ärgerlich schlamperte Ausführung.

Zu Kaisers Zeiten hätte etwa der Steinmetz der hingeschluderten weißen Kalksteinfassade des Leopold-Blocks wahrscheinlich für den Rest seines Lebens im tiefsten Banat Wache schieben müssen. Heutzutage kann er erklären, dass die Ritzen zwischen den Platten halt zu schmal seien, um verfugt zu werden. Er möge diese Aussage überdenken, denn erst wenn diese Falten geglättet sind, wird der Steinblock seine Monolithwirkung entwickeln.

Im Museumsinneren geht es ruhig und unspektakulär weiter. Ein hohes Atrium empfängt den Besucher, rundherum schließen sich entspannt Ausstellungshallen windflügelartig an. Weiße Wände, dunkle Eichenparketten, die Verkehrsflächen auch bodenseits Kalkstein - alles ist groß, schwer, tief, quasi zurückhaltend im Dienste der großen Schieles und Klimts und anderer Malervorväter, die hier im Mittelpunkt stehen werden. Das Haus bohrt sich so tief in den Boden hinein, wie es herausschaut, es ist insgesamt fast 40 Meter hoch.

Das Gleiche gilt für den schwarzen Basaltlavablock, in dem das Museum moderner Kunst residiert. Hier wird's ein bisschen spannender, weil zum einen ein großzügiger Liftschacht das gesamte Haus durchbohrt und seine enormen Dimensionen eröffnet, und weil zum anderen die verwendeten Materialien eine interessante Kombination bilden. Schwarzer, poröser Stein trifft auf sattes, speckiges Gusseisen. Dazwischen schießen glänzende Stahllifts mit grünem Glas auf und ab. Die dazugehörigen Ausstellungshallen: ebenfalls ruhig, unaufgeregt, ihrem Zweck entsprechend. Tadellos.

Die eingeschobene Sitztribüne inmitten der ehemaligen Winterreithalle ist auf der Unterseite mit blitzendem Aluminium verkleidet, das sich flott vom Sisi-Schnörkelbestand abhebt und ein schönes Foyer (samt einem Café von Eichinger oder Knechtl) schafft. Hinter dieser Veranstaltungshalle liegt die großzügig dimensionierte Kunsthalle im Ziegelkleid.

Was das MQ grundlegend von Architekturheulern wie Guggenheim-Bilbao unterscheidet: Es wird mit seinen vielfältigen Außen- und Innenbiotopen vor allem von den Ortsansässigen belebt werden. Touristen sind willkommen, aber nicht Mittelpunkt. Was allerdings schmerzlich fehlt, ist das architektonische Rufzeichen. Ein fescher „Leseturm“ wäre dringend angesagt.

23. Dezember 2000 Der Standard

Warum nicht eine Weihnachtsgeschichte?

Warum nicht eine Weihnachtsgeschichte?Die Architektur wünscht sich nicht gar viel - nur einen anständigen Umgang mit denjenigen, die wissen, was zu tun ist.

Halten wir inne, betrachten wir die Städte, Dörfer, Siedlungen, in denen wir wohnen. Sie sind im vergangenen Jahr nicht schöner geworden. Wohnsilos sind da entstanden, Fabrikshallen dort. An den Stadträndern wuchern Einkaufszentren, in den innerstädtischen Baulücken klotzen Betonburgen. Die Bauindustrie verändert die Landschaft, das Neue entsteht rasch und unüberlegt, es ist oft hässlich, unfreundlich und schon vor seiner Geburt tot wie ein reguliertes Gebirgsbächlein.

Schuld daran - und da ist die Volkesmeinung traut und einig - sind natürlich die Architekten. Die würden schließlich den ganzen Mist in die Gegend stellen und sich daran noch dumm und dämlich verdienen.

Kein Vorurteil sitzt tiefer, keines ist dümmer und dämlicher. Kaum ein Berufsstand ist derart misskreditiert wie der des Architekten, ausgenommen zur Zeit vielleicht die Branche der Tiermehlproduzenten. Tatsächlich ist die fortschreitende Verhüttelung und Verunstaltung der Gegend nichts anderes als der Ausdruck einer kollektiven Unkultur, die in der selbstdeklarierten Kunst- und Kulturnation Österreich allerorten Raum greift. Schuld daran sind, wenn schon, wir alle.

Die Architektur eines Landes ist stets der Spiegel der Gesellschaft, die sie hervorbringt, und Österreich, als eines der reichsten Länder der Welt, ist im Gegensatz zu anderen Nationen, wie etwa Holland, meistenteils unfähig, mit seinem kostbarsten Gut Ort, Raum, Landschaft gezielt und sinnvoll zu haushalten, geschweige denn sich seiner vielen hervorragenden, international immer wieder hochdekorierten Architekten in einer anständigen Weise zu bedienen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig.

Gute Architektur, und hier befinden wir uns schon an der Wurzel des Übels, ist kein politisches Anliegen mehr. Der erste und fürchterlichste natürliche Feind des Architekten ist der Bürgermeister, sozusagen als der kleinste politische Nenner. Der Gemeindehäuptling zieht als oberste Bauinstanz die Fäden, und, wie es bei Politikern so ist, laufen die so gut wie immer als feines, undurchsichtiges Gespinst über Wirtshaustische, durch Stadtkoalitionsverhandlungen, durch Wahlkämpfe und Freundschaftsbeziehungen.

Wer glaubt, bei Vergaben würde alles meistens im Dienste des Volkes eh mit rechten Dingen zugehen, ist ein armer Tor, und die Abscheulichkeiten des Landes spotten seiner Hohn. Warum wohl wachsen immer noch Einfamilienhüttchen im Grünland wie die Schwammerl und müssen um Milliardensummen an die öffentlichen Versorgungsnetze angeschlossen werden, während sinnvoller Bauplätze veröden? Warum entstehen immer noch völlig uninspirierte kommunale Wohnburgen, die überhaupt nicht auf der Höhe ihrer Zeit sind? Warum finden Architektenwettbewerbe nur dann statt, wenn sie sich gar nicht mehr vermeiden lassen? Und wie oft wird das Resultat bis zur Unkenntlichkeit hingebügelt, immer von Leuten, die keine Ahnung haben?

Etwa 400 Milliarden Schilling beträgt hierzulande das gesamte jährliche Bauvolumen, nur ein geringer Prozentsatz davon wird tatsächlich von der ordnenden Hand der Architektur betreut. Vieles entsteht auf den Zeichentischfließbändern großer Bauunternehmen, wo Profit und Umsatzplus und die amikalen Verflechtungen mit der lokalen Politik so haushoch im Vordergrund stehen, dass die Aussicht auf Qualität und Sorgfalt im Umgang mit Raum, Licht, Lebensfreude mit rasch hochgezogenen Bunkern auf ewig verstellt wird.

An der Planung kann am einfachsten gespart werden, doch nur das ganz genaue, immer wieder hinterfragte Nachdenken über ein Haus, seine Benutzer, die Bewohner, die Umgebung, in der es einmal stehen wird, bringt Qualität hervor.

Im Gegensatz zu Baumeistern und Großplanern habe die Architekten genau das gelernt, nämlich Architektur maßzuschneidern, die richtigen Materialien einzusetzen, ein gutes, dauerhaft erfreuliches Ding verantwortungsvoll zu erfinden. Zumindest medial ist Architektur zu einer schicken Angelegenheit geworden, zu einem Thema, das Prestige bringt. Doch dieser Trend steht im krassen Gegensatz zu den Umgangsformen, denen die Bau-Künstler des Landes ausgesetzt sind, und die man schlichtweg im Schnitt nur als Dauerdemütigung bezeichnen kann.

Keine Ahnung hat der normalsterbliche Architektenkritiker davon, wie schwierig es ist, ein tausendmal durchdachtes Haus durch Bauinstanzen und Behörden zu boxen und das Kind heil auf die Welt zu bringen. Was übrig bleibt, um dann tatsächlich in die Landschaft geworfen zu werden, ist viel zu oft nur der Rest und die Ruine einer Idee.

Marc Augé beschreibt in seinem gar nicht neuen doch sehr aktuellen Buch „Orte und Nicht-Orte“ das politische Architekturdilettantentum folgendermaßen: „Die Ausdehnung der Nicht-Orte (...) hat bereits vom Denken der Politiker Besitz ergriffen, und sie fragen sich immer häufiger, wohin sie gehen, weil sie immer weniger wissen, wo sie sind.“

Angesichts der neueren Umgangstöne im Parlament darf ihm im letzten Punkt unbedingt Glaube geschenkt werden, doch ob die Politik wirklich noch dazu imstande ist, sich zu fragen, wohin sie geht, sei dahingestellt.

19. Dezember 2000 Der Standard

Bauen im Datenstrom

Die Neue Galerie in Graz zeigt Manfred Wolff-Plottegg

Der Computer revolutioniert die Architektur. Der Prozess wird zum Planungsinstrument. Peter Weibel und Manfred Wolff-Plottegg schildern Ute Woltron die künftigen Szenarien.

Graz - Die Ausstellung Plotteggs Plots zeigt computergenerierte Projekte des Grazer Architekten von 1980 bis 2000. Peter Weibel hat sie kuratiert. DER STANDARD fragte nach dem Input der Computer in die künftige Architektur.

Plottegg: Das Wesen des Computers ist es, Prozesse zu steuern. Es geht also nicht mehr um das Erzeugen von Bildern, sondern um Planungs- und in weiterer Folge um Architekturprozesse.

Peter Weibel: Seit der Existenz der Fotografie gibt es gedruckte Architektur, doch bisher hat man das Foto nur als Dokument des Gebauten gesehen. Im 20. Jahrhundert wurde die Kluft zwischen dem, was gebaut werden kann, und der utopischen Architektur, die nicht gebaut werden darf, immer größer. Die Architektur wurde medialer, und zwar nicht nur in der Abbildung, sondern auch im Generierungsprozess. Utopisches, das nur gezeichnet ist, ist altmodisch, weil es davon ausgeht, tatsächlich umgesetzt werden zu können. Radikaler ist es, moderne Architektur prozessuell zu sehen. Plottegg zählt zu den wenigen, die diese Konsequenz gezogen haben.

STANDARD: Welche Hilfe bietet der Computer?

Weibel: Die Leute, die mit Computern arbeiten, begreifen die moderne Welt als Datenlandschaft, in der ständig Datenströme verschickt werden. Architektur, die das nicht versteht, wie etwa jene am Potsdamer Platz in Berlin, degeneriert zu Ruinen der Repräsentation. Plotteggs Architektur wird durch das Medium Prozessor zu einer Zeitreihe.

STANDARD: Wird da die Architektur nicht zu einer Kunst des Selbstzwecks?

Weibel: Der Prototyp des guten Architekten ist der Künstler, der Architektur als Selbstzweck macht. Die Architektur hat ja seit jeher beansprucht, das Leitbild der Künste zu sein.

Plottegg: Die klassische Architektur war immer von Bildhaftigkeit geprägt. Es drehte sich immer um die Oberfläche, auch wenn strukturelle Elemente vorkamen. Diese Auffassung hatte die letzte große Blüte in der Postmoderne. Da wurden die Bilder auch noch austauschbar, und alles war zulässig.

Weibel: Im Grunde bewegt man sich in einer Ruinenlandschaft, lauter verlassene, obsolete Bilder liegen herum.

STANDARD: Wie beliebig stapelbare Spielklötzchen?

Plottegg: Genau, doch mit dieser Bildhaftigkeit bekommt man die heutigen Fragen der Architektur, des Städtebaus nicht mehr in den Griff. Mit Grundrissmustern kann man die Probleme großer Städte wie Kairo oder Mexico City nicht lösen. Die Problemlösung muss über Prozesssteuerung erfolgen. Der Computer kann Prozesse steuern, auch städtebauliche, Verkehrsflüsse und dergleichen, und auch in der Gebäudetechnik dreht es sich mehr um Facility-Management, was ebenfalls wiederum Prozesssteuerung ist.

STANDARD: Er bringt eine vierte Dimension in die der Architektur?

Plottegg: Das neue Instrument, der Computer, mit dem man Prozesse simulieren kann, bringt uns einen Schritt weiter - vernünftig eingesetzt und nicht bloß als Bildmaschine. Es ist verhängnisvoll, dass die meisten Architekten mit ihren Computern wieder nur Bilder produzieren, damit aber an den Grundfragen vorbeigehen.

Weibel: Architektur, die nach Bildern funktioniert, ist heute zu Facility-Management und Immobiliendevelopment abgesunken. Es handelt sich nur noch um Ruinen der Bilder der Vergangenheit. Prozessive Architektur, die ihren eigenen Gesetzen folgt, kann weder vom Architekt noch vom Developer beeinflusst werden. Der Rückzug auf das Medium Papier, Print oder Plot ist tatsächlich kein Rückzug, sondern heute der eigentliche Ort des Widerstandes, wo die Architektur sich als Realität gegen das Imaginäre behaupten kann.

STANDARD: Was ist aber mit den Computerprogrammen, werden die dann zu den eigentlichen Kreateuren?

Weibel: Die Skepsis kommt zum falschen Moment. Diese Programme haben es der Architektur erstmals ermöglicht, mit den zeitgenössischen Diskurspraktiken gleichzuziehen. Die erste Sequenzierungsrevolution war die Sprache: Die Griechen entdeckten, dass man diesen kontinuierlichen Strom von Lauten in 26 Buchstaben teilen kann. Aus denen kann ich unendlich viele Romane und Theaterstücke bauen. Diesen Zustand, den die Sprache bzw. die Linguistik schon vor Jahrtausenden hatte, erreicht nun auch die Architektur. Sie beteiligt sich an dieser Sequenzierungsrevolution, sie entwickelt ein Raumprogramm.

STANDARD: Das heißt, die Architektur steht eigentlich erst am Beginn ihrer Evolution?

Weibel: Genau. Sie überlebt das postgenomische Zeitalter.

Plottegg: Die Grundregeln, die Architektur bisher bestimmt haben, purzeln weg: Das Bild ist weg. Der Raum ist weg. Der Autor ist weg, und die Funktion kommt auch zunehmend abhanden. Wenn heute Großprojekte ausgeschrieben werden, sind immer gleichzeitig auch Nachnutzungen gefragt. Es findet auch in den Funktionsfolgen eine Prozesshaftigkeit statt.

Weibel: Durch den Übergang von der Repräsentation zur Prozessierung kann sich die Architektur unserer Gesellschaft im Zeitalter der Informationstechnologie anpassen. Im herkömmlichen Sinn Gebautes ist nur noch Wasteland, und Widerstand gegen die Developer kann nur entstehen, indem die Architektur strukturell wird und das spiegelt, was Informationstechnologie ist, nämlich Prozessierung geschluckt.

STANDARD: Wo wird die Computerarchitektur zuerst zur Anwendung kommen?

Plottegg: In Geschäftshäusern, Großunternehmen, Rathäusern, Spitälern, also überall dort, wo große Datenmassen verwaltet werden.


[Bis 7. 1. 2000. ]

16. Dezember 2000 Der Standard

Ordnungen niederwalzen. Befreiungen erzwingen.

Eine Fülle neuer Architekturpublikationen nimmt das Gestern, Heute und Morgen auf's Korn. Hier eine Auswahl.

Wer wird in Zukunft die Umwelt gestalten? Die Architekten? Die Baukonzerne? Die Masse Mensch? In dem Buch Tokyo Superdichte (Ritter Verlag, öS 210,-) zeigt Wolfgang Koelbl ein Zukunftszenario, das bereits existiert. Er seziert fast literarisch die zentrale Bahnstation Shinjuku, einen Ort, den täglich rund 3,4 Millionen Menschen, also halb Österreich, durchhasten. Eine glatte Raumlandschaft sei dort entstanden: „Die Menschenmassen haben einfach alle Barrieren und offensichtlichen Ordnungen niedergewalzt und derart die befreiende Glätte erzwungen.“ Koelbls Abhandlungen über ungeheure Verkehrsdichten, „kommunizierende Netzwerke“ aus Rolltreppen, Rollbändern, Gängen, Autoabstellanlagen bis hin zu drei Quadratmeter kleinen Karaokeboxen zur Zerstreuung der Passagiere kommt fast ohne Fotos aus. Die Texte sind stark genug, um Bilder im Kopf entstehen zu lassen; das könnte ein Teil der Architekturpublikationszukunft sein.

Die Gegenwart ist da noch ein wenig beschaulicher, zumindest was das gute alte Europa anbelangt. Hoch im Kurs stehen hier etwa Jacques Herzog und Pierre de Meuron, und die beiden Schweizer haben nun endlich ihre mehrteilige Monographie durch den Band Herzog & De Meuron. 1992-1996 (Birkhäuser, öS 1287,-) erweitert. Die dokumentierten Jahre waren besonders spannend, entstanden sind etwa die Domus-Vinery in Kalifornien, die Tate Modern und etliches mehr, das in diesem Prachtwälzer von Gerhard Mack eingefangen wurde. Macht Lust auf die ersten beiden Bände.

Die österreichischen Kollegen Ortner & Ortner haben mit einem Wörterbuch der Baukunst (Birkhäuser, öS 926,-) ebenfalls frisch zugeschlagen. Zwischen den großteils sehr netten kleinen Texten zu (in Österreich) architekturrelevanten Begriffen wie „hausbacken“, „Unternehmenskultur“ und „x-beliebig“ kommt zum einen viel Ortner&Ortner-Architektur vor und auch das Wort „Mediator“. Museumsquartiertechnisch und ortnermäßig ist selbiges natürlich gewissermaßen brisant und die zugehörige Abhandlung auch in der Möglichkeitsform gehalten. Doch lesen Sie selbst, es zahlt sich aus.

Die zweite Moderne der niederländischen Architektur, die im vergangenen Jahrzehnt eine Fülle herausragender Gebäude und charismatischer Baugestalten hervorgebracht hat, versucht Bart Lootsma in Superdutch (DVA, öS 709,-) zu erklären: „Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass es in den Niederlanden in diesem speziellen Zeitraum mehr Talente gegeben haben sollte als anderswo, aber diese Talente bekamen eben deutlich mehr Chancen als in anderen Ländern.“ Christkind! Erbarme dich unser und bedenke die heimischen Politiker und Bürgermeister mit dieser Fallstudie eines architektonischen Aufschwungs.

Einen tiefen Tauchgang in die Vergangenheit unternimmt hingegen der Band Erich Mendelsohn. Gedankenwelten (Hatje Cantz, öS 347,-). Bisher kannte man auszugsweise die Briefwechsel Mendelsohns; die Texte zur Architektur, geschrieben von 1918 bis 1948, bekommt man hier erstmals zu Gesicht. Sie mäandern durch damalige Kultur, Politik, Tagesgeschehen und zeichnen ein markantes Bild des Mannes und seiner Aura. 1948 blickte er auf sein Architektenleben zurück und bemerkte in einer Ansprache: „Seien Sie sich bewusst, dass es der Architekt ist, der die Geschichte unserer Kunst schreibt.“


[Herzog & de Meurons Caricature and Cartoon Museum in Basel, 1994-96 (li.) und ihr Küppersmühle Museum in Duisburg, 1997-99 (o.)
Fotos: aus dem Buch ]

2. Dezember 2000 Der Standard

Turbo - Docs

propeller z gehören zu den profiliertesten der Neuen Architekten. Eine ihrer Stärken ist das Durchleuchten und Diagnostizieren der architektonischen Anliegen ihrer Klienten.

Mit propeller z ist es ein bisschen so wie mit ganz besonders gescheiten Ärzten. Irgendwo tut einem was weh. Irgendwas zwickt. Ein Problem muss gelöst werden. Man geht also hin zum Doktor. Die Selbstdiagnose ist selbstverständlich schon gestellt, von ihrer Richtigkeit ist man so tief überzeugt wie der Bundespräsident von seiner Würde, und dann erfährt man, dass man an etwas komplett anderem leidet. Weil schließlich sind nicht wir die Ärzte, sondern die, die das gelernt haben.

propeller z sind Architekten und haben auch was gelernt, und es ist wesentlich erfreulicher, sich mit seinem Anliegen in das Propeller-Büro in der Wiener Mariahilfer Straße zu verfügen, als zu jedem Dr.med. Erstens gibt es dort Zigaretten und einen guten Mokka, zweitens stehen und hängen überall aufregende Architekturteile herum, und dann bekommt man noch dazu fast immer eine Diagnose gestellt, die man nicht erwartet hat.

Die Propellers - es gibt fünf von ihnen - sind von einer ruhigen, freundlichen Überzeugungskraft. Sie pflegen die architektonischen Anliegen ihrer Klienten erst einmal zu röntgen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu durchleuchten. Meistens kommen sie drauf, dass der Kunde etwas ganz anderes braucht, als er sich einbildet, weil der Architekturpatient selten wirklich weiß, was er eigentlich will.

Diverse Beispiele und Beweise für diese These pflastern den Propeller-Turboarchitektenweg: Das bekannteste davon befindet sich in Deutschland, in Essen um genau zu sein, und lag vor seiner Entstehung weit hinter dem Vorstellungshorizont seines Auftraggebers verborgen. Die RWE AG hatte sich Mitte der 90er Jahre eigentlich ein großes Rausche-fest anlässlich eines Unternehmensjubiläums gewünscht und unter anderen André Heller (vgl. Seite 12) zum Festgestaltungswettbewerb geladen. Der spielte den Ball an propeller z weiter, und die damals superjungen Architekten konnten das Unternehmen erstaunlicherweise davon überzeugen, dass es sinnvoller wäre, den satten Party-Etat in etwas Dauerhafteres wie die Architektur eines extravaganten Ausstellungsgebäudes zu investieren. „Meteorit“ heißt das Haus, und es hat natürlich auch medial ordentlich eingeschlagen, mit seinem fast ganz im Erdboden eingegrabenen Ausstellungskörper, der filigranen Glashalle und dem Aluminiumröhrl, in dem Café und Büros untergebracht sind.

Die damals Superjungen sind heute noch immer nicht alt, sie sind alle zwischen 1964 und 1970 auf die Welt gekommen. In der Gruppe mischen sich diverse Kulturkreise, türkische genau so wie Salzburgerische, Steirische, Wienerische, Tirolerische. Die Mitglieder heißen Korkut Akkalay, Christoph Kaltenbrunner, Kriso Leinfellner, Philipp Tschofen und Carmen Wiederin. Der Name propeller z stammt von der Apple-Computertastenkombination - das gezwirbelte propellerartige Ding gleichzeitig mit der Taste z gedrückt bedeutet „Rückgängig machen“.

Neben dem RWE-Projekte nahmen Propeller Z ihre Architekturordinationsarbeit samt Rückführung auf das Wesentliche auch an anderen Klienten auf. Zum Beispiel wünschte sich die Gemeinde Wolkersdorf ein neues Stadtmöbeloutfit und lud zu einem Wettbewerb. Die Architekten waren der Ansicht, dass die in einer Senke gut vom Außenblick verborgene Siedlung keiner neuen Sitzbänke, sondern vielmehr einer Art Landmark bedürfe. Die einzigen Hochhäuser in Niederösterreichs Flachlanden sind die Kirchtürme und die Silos. Da erstere sakrosankt sind, umhüllten die Planer zweiteren mit einem Baustahlgittermantel, befüllten ihn mit Weinflaschen, in die individuell ansteuerbare Lampen eingesteckt waren. Das Resultat: Ein Leuchtturm für Wolkersdorf, der mit fünf Meter hoher Leuchtschrift Botschaften über bevorstehende Erntedankfeste, Bürgermeistergeburtstage und ähnliches in die Gegend hätte senden können. propeller z gewann diesen Job nicht. Die unangepasste Herangehensweise an die Sache führe überhaupt, so Philipp Tschofen, zu „einer gewissen Häufung an verlorenen Wettbewerben“.

Gewonnen konnte allerdings jener werden, den die Betreiber der Riegersburg zur Gestaltung einer Erlebniswelt samt Neuerschließung des historischen Gemäuers ausschrieben. Auch hier befanden die Architekten, dass die Aufgabe nicht die Lösung sei, weil die spektakuläre Anlage ohnehin für sich spräche. Sie verpassten dem Ausflugsziel einen schrägen Aufzug, bohrten einen Tunnel in den Berg und präsentierten die Riegersburg aus neuen überraschenden Perspektiven. Die Umsetzung des Siegerprojektes bleibt derweilen aus.

Diverse Lokal- und Ordinationsumbauten haben propeller z durchgeführt, immer sehr sauber und immer gleich mit den nötigen grafischen Begleitzuckerln versehen. Die Basis Wien bekam im alten Museumsquartier ein neues Lokal, der GIL-Shop in der Mariahilfer Strasse ein neues Jöppchen. Die Architektursprache der Propellers ist immer eindeutig, und wie sehr sie auf den Raum und seine Individualität eingehen, macht das Beispiel GIL-Shop Nummero Zwei im Steffl-Kaufhaus der Kärntnerstraße klar. Hier hat man versucht, das Konzept des gelungenen Mariahilfer-Erstlings zu übertragen, und es hat eigentlich nicht ganz so gut geklappt, dem Geschäft fehlt das typische Propeller-Flair, etwas ganz Neues wäre hier spannender gewesen.

Sehr eigenwillig gehen die Fünf auch ihre Ausstellungsdesigns an, das grüne Installationspuzzle für die Fast-Forward-Schau im Künstlerhaus sollte allen, die dort waren, gut erinnerlich sein. Neue Projekte sind auch verbucht. Im März wird eine Ausstellung mit Propeller z-Design zum Thema Medien im Künstlerhaus eröffnet, in Wien entstehen demnächst ein Doppelwohnhaus und eine Villa, für Wittmann werden Möbel entworfen, im Auftrag der Stadt städtebauliche Leitbilder gesucht. Mit anderen Worten, der Turbo ist angeworfen.

29. November 2000 Der Standard

Ode an die Stille

Exponate aus dem Nachlass des Architekten Luis Barragán im MAK

Luis Barragán verheiratete Licht, Farbe, Materie miteinander und inszenierte spektakuläre Räume der Stille. Er selbst hielt sich dabei rätselhaft im Hintergrund. Im MAK sind nun Skizzen und Dokumente aus dem Nachlass des ersten Minimalisten zu sehen.

Wien - „Über das ästhetische Talent von Luis Barragán braucht nicht viel gesagt zu werden“, meint der Architekt Tadao Ando, „Er erreichte die Gipfel der Schönheit, Raffinesse und Perfektion.“ Doch über allen Gipfeln ist Ruh', und so schön, so raffiniert, so perfekt sind die Häuser des Mexikaners, dass seinerzeit die Architekturjournalistin Elena Poniatowska nach einem letzten Interview mit dem betagten Bau-Mann fluchtartig dessen prachtvolles Wohnhaus verließ, um im unperfekten Straßentrubel Mexico Citys wieder Atem zu schöpfen.

Zu erdrückend hätten Barragáns berühmte stumme Inszenierungen architektonischer Kraft und Schönheit auf sie gewirkt. Tatsächlich, meint Wolf D. Prix, habe Barragán Form und Licht zu einer Konzentration zusammengefasst wie kein anderer.

Luis Barragán, 1902 in den satten Reichtum einer Gutsbesitzerdynastie aus Guadalajara hineingeboren, 1988 als erfolgreicher Architekt, Pritzkerpreisträger und geschickter Grundstücksmakler gestorben, ist zwölf Jahre nach seinem Tod populär wie nie.

Zahlreiche Publikationen dokumentieren seine Werke wie die Casa Gilardi, El Pedregal, Los Clubes. Epigonen folgen vergebens farbklecksend seinen Spuren, die Person Barragán bleibt dabei im Gegensatz zu griffigeren Kollegengestalten wie Mies und Corbusier seltsam verwaschen und vernebelt hinter den Mauern und Murmelbrünnlein seiner Architekturen verborgen. Wer war der Mann, der ganze Wohnhäuser kunstvoll rund um einen einzelnen alten Baum wob, der den Garten zum wichtigsten Element der Architektur erhob, der mexikanische Folklore mit der architektonischen Strenge der Moderne verband, der Licht, Farbe und Materie quasi verheiratete und in gespenstischen Inszenierungen miteinander tanzen ließ? Wer eine Antwort in der umfangreichen Ausstellung „Luis Barragán: The Quiet Revolution“ sucht, wird sie nicht finden. Kein persönliches Lebenszeichen ist da zwischen Skizzen und Plänen, Fotos und Videos, sorgfältig zusammengestellt von seinen Nachlassverwaltern, der Barragán Foundation, in Kooperation mit dem Vitra Design Museum.

Zwei spekulative Begründungen dafür: Barragán wird von Zeitgenossen einerseits als tiefreligiöser Katholik beschrieben, andererseits als Mann, der seine homoerotischen Neigungen im Land der Stierkämpfe und des Machismo wohl zu verbergen verstand. Künstlerfreunde wie Jesús Chucho Reyes wanderten dafür ins Gefängnis.


Herrenreiter

Kuratorin Federica Zanco: „Viele Aspekte seiner Persönlichkeit werden wir trotz der zahlreichen erhaltenen Briefe wahrscheinlich nie mehr verstehen. Barragán war ein Herrenreiter, ein Gentleman, eine unerhört fesche, imposante Erscheinung, doch sein privates Leben hielt er bedeckt.“

Zum anderen fordern die Häuser des Architekten mit ihrer Klarheit und Farbigkeit ein plakatives, oberflächliches Abhandeln geradezu heraus, doch die eigentlichen Qualitäten lassen sich - wie alle guten Architekturen - nicht mit den Mitteln der Fotografie einfangen. Die kargen Formen, seine Mauern, Patios, Fensteröffnungen, die sorgfältig konstruierten Blickbezüge inszenieren atemberaubende Stimmungen.

„Die psychische und emotionelle Komponente spielt in seinen Räumen eine derart starke Rolle, dass es zum Teil sogar unangenehm wird“, meint Prix. Selbst Barragáns Stallgebäude vermitteln dem Betrachter das Gefühl, sich in hippologischen Klostergemäuern zu befinden, wo die Vierbeiner Wasser aus altarähnlichen Trögen zu sich nehmen wie die heilige Hostie. „Eine Architektur, die keine Ruhe entstehen lässt, kann ihre geistige Mission nicht erfüllen“, hatte der Mexikaner gepredigt.

„Barragán“, fasst Tadao Ando den grassierenden Barragánismo zusammen, „ist zu einem Mythos geworden, und zahlreiche Leute, die ihn nicht gekannt haben, deuten seine Persönlichkeit und sein Leben. Oft versuche ich mir vorzustellen, wie er darauf reagieren würde, wenn er noch am Leben wäre. Er wäre sicher entsetzt!“


[„Luis Barragán: The Quiet Revolution“, MAK Wien, bis 28. Jänner ]

11. November 2000 Der Standard

Wie willst du das verkaufen, Richard?

Jeder Architekt sei für seine eigene Publicity verantwortlich, behauptet Fotografenlegende Julius Shulman. Der Amerikaner muss es wissen, seine Architekturfotografien haben stets ein Rauschen im Blätterwald bewirkt.

Julius Shulman ist der Pionier der Architekturfotografie. Der Blick auf die Moderne, wie wir ihn heute kennen, geschah sozusagen aus seinem Augenwinkel. Gerade ist das Gesamtwerk Richard Neutras in beeindruckendem dezimeterdickem Großformat bei Taschen erschienen, und gemeinsam mit Pierluigi Serraino hat der 90-jährige Amerikaner, zuletzt vortragend im Wiener MAK zu Gast, ebenfalls bei Taschen das Buch Modernism rediscovered auf den Markt gebracht. Der Band zeigt selten publizierte Häuser dennoch hoher Qualität. Ungerecht, dass ihre Architekten Unbekannte blieben, meint der Fotograf. Nach welchen Mechanismen erfolgt also die Verbreitung von Architektur in Zeitungen und Magazinen?

DER STANDARD: Sie wollen mit Ihrem neuen Buch die unbekannten Winkel der modernen Architektur ausleuchten?

Shulman: Mein Fotoarchiv umfasst die Zeitspanne von 1936 bis 1990. Autor Serraino und ich haben festgestellt, dass viele der Projekte enorme Qualität haben - Projekte, die einer breiteren Öffentlichkeit völlig unbekannt sind. Die Architekten dieser Häuser hatten keine ordentliche Publicity, niemand berichtete über ihre Arbeiten. Die großen Namen, Männer wie Neutra, Schindler, Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe, sind weltbekannt geworden. Pierluigi und ich haben das ungerecht gefunden und die besten unbekannten Häuser und Gebäude für dieses Buch hervorgeklaubt.

Wie passierte in den 30er-, 40er-Jahren Architekturpublizistik? Wer hat damals den Kontakt zu den Magazinen geknüpft? Waren Sie das oder die Architekten selbst ?

Ich natürlich.

Sie waren sozusagen der PR-Agent der Architekten?

Ja. Ich habe die Fotos auch persönlich von der Westküste an die Ostküste zu den Verlegern gebracht. Ich hatte Flügel an meinen Schultern. Meine Fotos waren in New York sehr willkommen, denn niemand wusste, was in Kalifornien los war. Ich bin dann mit der Kamera quer durch Amerika gefahren, durch Kansas, Missouri, Nebraska, Texas. Gelegentlich haben mich die Architekten mit ihren eigenen Flugzeugen von Stadt zu Stadt geflogen. Die waren nett zu mir, weil sie wussten, dass sie in gewisser Weise von meinen Fotos abhängig waren. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, muss ich sagen, ich glaube an die Geschichte. So haben wir den architektonischen Fortschritt mitgetragen und öffentlich gemacht.

Warum wurden einige Architekten weltbekannt, während viele hervorragende Kollegen in der Versenkung verschwanden?

Diese Architekten hätten sich selbst um Veröffentlichungen kümmern müssen. Doch sie waren immer zu beschäftigt. Ein Haus war fertiggestellt, das nächste schon in Planung. Sie sagten, ach was, das mit den Magazinen und den Zeitungen ist nicht so wichtig, ich hab ohnehin genug zu tun, und was ich jetzt gerade mache, wird sowieso besser als das Alte. Diese Leute haben nicht genug kommuniziert. Richard Neutra zum Beispiel war ganz anders. Er hat von mir stets Hunderte Fotos bestellt und in die ganze Welt verschickt.

Es fällt auf, dass Sie sehr oft Menschen, so auch in Neutras eleganten Villen, malerisch in Ihren Fotomotiven positioniert haben.

Nur wo es hinpasst. Das hier zum Beispiel ist eine ungewöhnliche Bar (siehe unten, zweites Foto v.li.), viele Feste wurden dort gefeiert. Wir haben die Dame des Hauses, meinen Assistenten und ihren Sohn dort positioniert und vorne ein paar Polster higelegt, um Farbe reinzubekommen. Alle Möbel wurden sorgfältig platziert. Wir waren unsere eigenen Stylisten.

Sie sollen von Zeit zu Zeit sogar Kunstrasenballen entrollt haben, wenn die Sache noch zu sehr nach Baustelle aussah?

Na klar, sehr oft sogar. Aber schauen Sie sich diese Häuser hier in dem Buch an. Die sind gut. Die sind unbekannt. Die hatten keine Publicity, und das ist unfair.

Muss sich Ihrer Meinung nach der Architekt aktiv um die Veröffentlichung seiner Arbeiten kümmern?

Das ist sogar seine Verantwortung. Für sich selbst, für seine Familie, für die Leute, die für ihn arbeiten. Sehr viele Architekten denken aber nicht daran, sie sind einfach keine guten Geschäftsleute. Die Leute in den Magazinen wissen gar nichts, bis man ihnen etwas zeigt. Wenn ich nicht ins Nirgendwo gefahren wäre und die Häuser dort fotografiert hätte, wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, dass es mitten in Amerikas Niemandsland gute Architektur gibt. Viele dieser Architekten werden jetzt bekannt, weil die Nachfrage nach meinen Fotos steigt, ihre Architektur war aber immer schon ausgezeichnet.

Welche Publikationen sind wichtiger für Architektur - Magazine, Fachpresse, Tageszeitung?

Ich gebe ein Beispiel: Eines Tages fotografierten wir ein Haus von Neutra in Palm Springs. Es gehörte einer reichen Kunstsammlerin, doch Neutra mochte ihre Möbel nicht. Er nannte sie abfällig auf Österreichisch „Biedermeier“. Ich fand die Einrichtung zwar nett, doch ihm war sie nicht modern genug, er hätte lieber etwas Architektonisches, Mies-van-der-Rohe-artiges gehabt, mit dem er bei anderen Architekten angekommen wäre. Nur die waren ihm wichtig. Also ließ er die Möbel alle entfernen.

Sie haben höchstpersönlich Möbel geschleppt?

Aber wo. Ich hatte eine Vereinbarung mit ihm. Ich war engagiert, Fotos zu machen, nicht um Möbel herumzuschieben, also brachte er immer zwei Leute aus seinem Büro zu den Fototerminen mit. Ich fragte ihn also: Richard, wie willst du diese Fotos ohne Möbel an Magazine wie „House & Garden“ verkaufen? An Magazine, die Leute mit Geld lesen, also genau die Leute, die dich einmal engagieren könnten? Diese Art der Publicity ist mir wurscht, sagte er, ich will meine Arbeit sowieso nur in Architekturmagazinen sehen. Also habe ich das Haus zwei Wochen später heimlich mitsamt den Biedermeiermöbeln darinnen fotografiert, und prompt hat ein wichtiges französisches Kunstmagazin diese Fotos wenig später auf dem Cover und auf acht Hochglanzseiten gebracht.

Was hat Neutra dazu gesagt?

Nichts.

Kann es sein, dass er ein wenig seltsam war?

Nun ja, Neutra dachte eben nur an Neutra.

Haben Sie sich jemals auch dafür hergegeben, wirklich schlechte Architektur zu fotografieren?

Klar, für Baufirmen zum Beispiel, die Häuser von der Stange verkauft haben. Das waren sehr gute Kunden, weil sie gut bezahlt haben. Bei diesen Jobs habe ich das meiste Geld gemacht und konnte dadurch junge Architekten unterstützen, die sich meine Fotos eigentlich nicht leisten konnten.

Ihre Fotos sind immer sehr persönlich, sehr speziell, ganz anders. Ist das Schulung oder Ihr vielgerühmtes „Auge“?

Ach, es ist eine Gabe. Ich habe mein Leben nicht geplant, alles ist passiert. Ich habe sieben Jahre herumstudiert und darauf gewartet, dass etwas Entscheidendes passiert. Es war schicksalhaft, dass ich mein Studium aufgab, heim nach LA fuhr, dass Neutras Assistent bei meiner Schwester zu Untermiete wohnte, mich zu einem der Häuser mitnahm, dass ich es mit einer Kamera fotografierte, die ich zufälligerweise dabei hatte, und dass Neutra die Fotos großartig fand. Ich wusste damals absolut nichts über Architektur oder Fotografie. Ich erinnere mich genau an den Tag, es war der 5. März 1936. An diesem Tag wurde ich Architekturfotograf.

Sie haben sich vor zehn Jahren zur Ruhe gesetzt. Fotografieren Sie gar nicht mehr?

Ich habe keine Zeit dafür, ich muss jetzt Bücher machen. Nächstes Jahr sollen noch zwei im Verlag Taschen herauskommen. Eines, das sich mit dem Thema Innen und Außen befasst, eines darüber, wie mithilfe der Fotografie Architekturikonen entstanden sind.

„Modernism Rediscovered“, Pierluigi Serriano & Julius Shulman, Taschen Verlag, öS 351,-/576 Seiten.
„Richard Neutra“, Complete Works, Fotografiert von Julius Shulman, Taschen Verlag, öS 2.170,-/360 Seiten.

verknüpfte Publikationen
- All began just by chance. Julius Shulman.

25. Oktober 2000 Der Standard

Architektur der Ruhe und Besinnlichkeit

Standard: Welches Anliegen hatten Sie mit Ihrer Architektur?

András Pálffy: Wir wollten eine klare Trennung zwischen Mahnmal und Ausgrabung, und dazu die Geschichte dieses Hauses freilegen. Der Gebäudezustand war merkwürdig, mit dem Ablösen des Putzes hat sich die Geschichte offenbart. Auf mittelalterliche Struktur folgt barocke, das Haus ist ein Sammelsurium an baulichen Eingriffen.

STANDARD: Sie haben das Umfeld miteinbezogen.

Christian Jabornegg: Da das Mahnmal ein sehr stilles ist, haben wir auch die Platzgestaltung still gehalten. Alle Zuführungsstraßen wurden beruhigte Fußgängerzonen und stimmen mit möglichst wenig gestalterischen Mitteln auf das ein, was den Besucher im Museum erwartet, nämlich Ruhe und Besinnlichkeit.

STANDARD: Wie erschließt sich das Museum?

Pálffy: Über das Haus Judenplatz 8 erreicht man die Ausstellungsräume im Untergeschoß, die auf den archäologischen Schauraum vorbereiten. Er ist über einen unterirdischen Gang zu erreichen. Das verschafft dem Besucher Überblick über die Ausgrabung. Decken und Wände sind mit schwarzem Blech verkleidet, der Raum tritt in den Hintergrund, die ausgeleuchteten Ausgrabungen sind das Zentrale. Das Spiel mit Licht und Dunkel ergibt einen Grad der Abstraktion, der hilfreich ist für das Verständnis der Funde.

STANDARD: Welche Materialien wurden verwendet?

Jabornegg: Wir haben überall nur die notwendigsten Mittel eingesetzt, damit die Struktur lesbar bleibt. Neue statische Eingriffe sind in Sichtbeton gemacht, ein einheitlicher Monolithestrich ist der Boden, nur die Treppen sind aus Kalksandstein.

14. Oktober 2000 Der Standard

Die beunruhigende Gegenwart des Meisters

Ein Architekturrätsel: Er steht in einem seiner Gebäude, aber wo genau befindet sich Mies van der Rohe?

Ein altes Foto. Schwarz Weiß. Darauf zu sehen: Fensterglas, gehalten von einem Stahlgerüst, Lamellenjalousien, dahinter schemenhaft die Zweige eines Baumes, Spiegelungen auf dem Steinboden, ein Mann, sein Schatten, eine Zigarre. Ein Rätsel. Wo befindet sich Mies van der Rohe? Denn dass er höchstselbst der so korrekt gekleidete Mann auf besagtem Bild ist, wenigstens darüber herrscht Klarheit.

Erstmals publiziert wurde diese penibel inszenierte Fotografie im Jahr 1958 in einer amerikanischen Architekturzeitschrift. Den Spanier Ricardo Daza ließ „dieses historische Foto des weltberühmten Architekten nicht zu Ruhe kommen“, er wollte den genauen Aufenthaltsort des Architekturgiganten ausfindig machen: „Vermutlich sehen wir dieses oder ein sehr ähnliches Foto nicht zum ersten Mal. Ohne die Person Mies wäre die Szene uninteressant. In der beunruhigenden Gegenwart des Meisters kommt man jedoch nicht um hin, nach seinem genauen Standort zu fragen.“ Wo genau, auf welchem Kontinent, in welcher Stadt, welchem Haus, auf welche Bodenplatte hatte sich der Meister an einem trüben Tag irgendwann um 1956 hingestellt, die Zigarre entzündet, die rechte Hand in der Hosentasche in die berühmt lässige Pose geworfen, um sich vom Fotografen Bill Engdahl ablichten zu lassen?

Ricardo Dazas Indizienjagd nach diesen präzisen, aber flüchtigen Koordinaten Mies van der Rohes ist als das witzigste Architekturbuch seit langem gerade auf den Markt gekommen. Auf der Suche nach Mies ist ein vergnüglich formulierter kleiner Zeitvertreib. Das sorgfältig und gut designte Buch verrät nebenbei eine ganze Menge über Mies, seine Zeit, seine Aura, seine Arbeit, die Architektur im allgemeinen. Daza nimmt uns Leser als Verbündeten mit auf die Reise zu Mies und seinem vorläufig unbekannten Aufenthaltsort. Wir alle suchen ihn, wir alle finden ihn, weil der Autor uns 188 Seiten lang geschickt vor Augen führt, was der Mensch zu sehen imstande ist, wenn man ihm beibringt, genau und das Gehirn gebrauchend hinzuschauen.

Mies, so erfahren wir beispielsweise, war Beidhänder. Er konnte mit beiden Händen zeichnen - und rauchen, was er auch unablässig tat. Seine Montecristos sind Legende. Die stets tadellosen dunklen Anzüge, auf jedem Foto knitterfrei und fussellos im Bild, stammten aus den Maßschneidereien Knizes und wurden vom Meister mit weißen Stecktüchern veredelt. Im Zuge der Lektüre decken wir auf, dass der Architekt vor allem im fortgeschrittenen Alter sehr schlecht sah und die jugendliche Allüre eines Monokels später gegen eine Brille tauschte. Die trug er allerdings nur dann, wenn er nicht gerade ein Kameraauge auf sich gerichtet fühlte. Eine Fotografie im Buch ertappt ihn gerade in dem Moment, da der schon reifere Mies sein Sehgerät verschämt zu verstecken sucht.

Natürlich ist es völlig nebensächlich, wenn wir irgendwann herausgefunden haben, dass sich Mies in der Hundertstelsekunde dieser Fotoaufnahme 2,06 Meter vor der Westseite und 2,36 Meter rechts von der Nordseite der Crown Hall befindet. Er hatte den Stahlbau - als Chicagoer Sitz der Architekturabteilung der Technischen Universität von Illinois - selbst in den Jahren 1950 bis 1956 errichtet. Wir haben damit nur einen Etappensieg errungen, Ricardo Daza hetzt uns sofort weiter, tiefer in Psyche und Leben des Architekten hinein. Er will sich mit der Standortangabe allein nicht begnügen und fragt: „Doch wohin schaut Mies van der Rohe?“

Die Antwort fällt ein wenig metaphysisch aus, doch das macht gar nichts, im Gegenteil. Wir befinden uns zwischenzeitlich auf Seite 124, und Mies van der Rohe ist uns schon menschlich nähergekommen, ein Freund geworden. Wohin schaut Mies aber wirklich? Nicht alles lässt sich analytisch beantworten. „Nähern wir uns dem verschleierten Blick seiner Haselnußaugen. Wer eine Brille trägt, zieht sich von der Welt zurück. Er lebt und fühlt in dem vernarbten und beschränkten Raum, der vom Brillenglas bis zur Netzhaut des Auges reicht. (...) Die Welt, das Auge und die Architektur sind schon eins.“


[Ricardo Daza, Auf der Suche nach Mies,
öS 288,-/188 Seiten, Birkhäuser, Actar, 2000.]

14. Oktober 2000 Der Standard

Spannungsfelder noch und nöcher

Der Herbst verwöhnt mit einer Reihe lesens- und herumblätternswerter Architekturbücher. Das ALBUM stellt die interessantesten vor.

Beginnen wir mit dem fettesten Wälzer: Kenneth Frampton hat darin das bisherige Gesamtwerk Álvaro Sizas untergebracht und mit Sorgfalt die Arbeiten des portugiesischen Pritzkerpreisträgers hilfs kleiner Skizzerln, Pläne und natürlich Fotografien dokumentiert. Eine Gesamtschau Sizas Werkes gab es bislang in dieser Fülle nicht, Freunde des äußerst produktiven und vielseitigen Baumannes werden an álvaro siza. das gesamtwerk (DVA, öS 1.794,-) also ihre Freude haben.

Ebenfalls erfrischend ist eine Biographie des österreichischen Kollegen Clemens Holzmeister (Haymon, öS 398,-), die deshalb besonders spannend zu lesen ist, weil weniger die Architekturtheorie als die Person Holzmeister im Vordergrund steht und als Autoren vor allem Nicht-Architekten mit dem entsprechend unverbrauchten Blick verantwortlich zeichnen.

Kein Architekt, sondern ein Architekturtyp steht im Mittelpunkt des Titels Skyscrapers (Mario Campi, ETH Zürich, Birkhäuser, öS 564,-), der die wichtigsten Hochhäuser der Welt analysiert. Die Vorstellung erfolgt standardisiert angenehmerweise jeweils auf einer Doppelseite. Kleines Manko: Die Qualität der Fotos ist nicht gerade überwältigend. Dafür werden auch Hochhäuser vorgestellt, die kurz vor der Vollendung stehen, wie der Menara Telekom Tower in Kuala Lumpur von Hijjas Kasturi und Renzo Pianos eleganter Philip Street Office Tower in Sydney.

Eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur, mit dem sich wandelnden Berufsbild und den veränderten Anforderungen an den Architekten beinhaltet der Band mit dem schönen Titel Prinz Eisenbeton (Springer Wien New York, öS 405,-). Gezeigt werden hier die in den vergangenen drei Jahren unter Debatten mit Leuten wie Heidulf Gerngroß, Günther Feuerstein und Michael Mönninger entstandenen Arbeiten an der Meisterklasse von Wolf D. Prix an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Prachtvoll ausgefallen ist der Band Le Corbusier. Paris-Chandigarh (Birkhäuser, öS 1.070,-), in dem Autor Klaus-Peter Gast Corbu im „Spannungsfeld“ zwischen Frankreich und Indien zeichnet. Das Buch richtet sich mit seinen schweren architekturtheoretischen Texten sicherlich eher an Insider, doch allein die Fotos der monumentalen Gebäude Chandigarhs sind mehr als einen Blick wert


[Zu guter Letzt drei Bücher, auf die Insider schon gewartet haben: Die Serie The IT Revolution in Architecture (Birkhäuser, je öS 143,-) von Antonio Saggion geht mit Digital Design. New Frontiers for the Objects, New Wombs. Electronic Bodies and Architectural Disorders sowie New Flatness. Surface Tension in Digital Architecture flott, interessant, konsumentenfreundlich knapp und U-Bahn-tauglich klein weiter.]

verknüpfte Publikationen
- Álvaro Siza

13. Oktober 2000 Der Standard

Die Revolution hat ihre Kinder verdaut

Junge Wohnvisionen im O.K. Centrum Linz

Linz - Wie könnten wir übermorgen wohnen? Dieser Frage geht die Ausstellung „Future Vision Housing“ nach, die heute im Linzer O.K. Centrum für Gegenwartskunst eröffnet wird. Die Antworten stammen von Architekten unter 35, rund 360 Jungbaukünstler aus aller Welt haben sich am Ideenwettbewerb beteiligt.

Auslober waren Herbert Lachmayers Art & Tek Institute sowie das Architekturforum Oberösterreich. Organisatorin Margit Ulama: „Wichtig war eine konzeptuelle Fragestellung als Basis, die Teilnehmer sollten akute Probleme aufgreifen und nicht übliche Wohnbauprojekte liefern.“

Die 360 Entwürfe geben einen erhellenden Überblick über Visionen und Denkschemata der kommenden Architektengeneration. Die nimmt ungeniert Anleihe bei Vorvätern aus den 60ern. Pneumatische Konstruktionen, Kapseln, Wohnmaschinen sind hip, aber auch Computerentwürfe und die offen deklarierte Bereitschaft, mit der Industrie zusammenzuarbeiten. Doch was früher Ausbruch sowohl in gesellschaftliche als auch räumliche Freiheit hätte sein sollen, ist heute Mittel zum Zweck des Geldverdienens. Viele Manifeste sind primär Verkaufskataloge.

So räumten etwa Christine Esslbauer, Christine Horner, Tibor Tarcsay und Christoph Hinterreitner aus Wien den ersten Preis mit einem fingierten Fertighausprospekt ab. „Today I feel like a Rose“ heißt es da, und sowohl Hausbesitzerin als auch Gebäude haben sich in ein rosarotes Blumengewand geworfen, die veränderbare Hochtechnologiehaut des Hauses macht's möglich. Solid - we don't build houses, so der Titel des Beitrags.

Der zweite Hauptpreis geht an die Wiener Gruppe alles wird gut. Sie hat mit urbansushi ein Wohnmöbel entwickelt, das erst einmal - no na - in Form eines prächtigen Prospekts auf den Markt kommt. Ohne Computerrendering geht heute nichts mehr. Auch der dritte Preis (Team TTT&T aus Berlin) raffiniert schon Dagewesenes: ein „pharmazeutisches Produkt“, eine „Wohnpaste“ verändert bei Auftragen auf die Haut die Wahrnehmung von Räumen. Das wirkungsvolle Pendant früherer Zeiten hieß LSD.

Wie es das Credo der 60er war, „dagegen“ zu sein, sind die 00er mangels Feindbilder „dafür“. Ältere kampferprobtere Architektensemester werfen den Jungen denn auch Jasagertum vor, aber die kommerziell talentierten Jungen sind ja Teil ihres Vermächtnisses, die Revolution hat ihre Kinder verdaut und toughe Geschäftsleute ausgespuckt.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag