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5. Januar 2002 Der Standard

Adaptierung im Basaltblock

Das Mumok wird seinem Neubetrieb im MQ gemäß zurechtgeschliffen

Wien - Das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig (Mumok) im Wiener Museumsquartier soll, so will es sein neuer Chef Edelbert Köb, noch im Frühjahr adaptiert und auch räumlich seinem neuen Ausstellungskonzept angepasst werden. Das gesamte Haus - es handelt sich um den schwarzen Basaltblock - stehe vor einer inhaltlichen Neukonzeption, die auch architektonische Eingriffe erfordere, sagte Köb zum STANDARD.

Dringend gebraucht werde vor allem eine klar definierte Ausstellungsebene, die sich vom musealen Bereich, in dem künftig „größere thematische, didaktisch und pädagogisch aufbereitete Teile der Sammlung“ gezeigt werden sollen, auch optisch unterscheiden müsse.

Der Mumok-Direktor hat den Künstler Heimo Zobernig aufgefordert, verschiedene Lösungen für dieses Problem auszuarbeiten. Im Idealfall, so Köb, könnte der prominente hohe Liftschacht des Gebäudes im Geschoß unter dem Kuppelsaal überdeckt werden, was eine geräumige Ausstellungshalle erzeugen würde. Museumsquartier-Architekt Laurids Ortner steht den Plänen auf Anfrage des STANDARD aufgeschlossen gegenüber: „Adaptionen gehören dazu, ein Haus wie dieses muss so etwas aushalten können. Es wird sich im gesamten Areal sicherlich noch einiges tun, da soll es ruhig wuchern.“

Notwendig ist auch ein außen geführter neuer Erschließungssteg zum Restaurant des Museums, das derzeit nur äußerst schwer auffindbar ist. Dieser neue Weg wird Besucher künftig auch in neue Mumok-Repräsentationsräumlichkeiten innerhalb der alten Hofstallungen leiten. Edelbert Köb: „Wir machen dort aus einem barocken, marmorverkleideten Stall einen Bankettsaal, denn wie sollen wir Geld verdienen, wenn für Sponsoringaktivitäten kein Raum vorhanden ist.“

Das kolportierte enorme Ausmaß der Bauschäden dementiert der Mumok-Chef, es seien „viele Kleinigkeiten zu adaptieren, die allerdings bei Projekten dieser Größenordnung das Übliche nicht übersteigen“ würden. Um sowohl die Schäden auszubessern - die Terrazzoböden müssen etwa neu geschliffen und versiegelt werden - als auch die Ausstellungsorganisation zu perfektionieren und die diversen Räumlichkeiten zu adaptieren, wird das Museum ab April voraussichtlich vorübergehend geschlossen werden. Köb: „Wir machen zu, um die Sammlung umzustellen und beseitigen in dieser Zeit auch die diversen Mängel. Wir hoffen, alles in fünf, sechs Wochen erledigt zu haben.“

29. Dezember 2001 Der Standard

Die Landschaft unter dem Sternenhimmel

Der internationale Starrummel um Spitzenarchitekten verstellt den Blick auf die breite Front der wackeren Streiter im Dienste guter Architektur.

Die letzten Tage des Jahres verleiten gerne zu so genannten Rückblicken, zu einer Art Wiederkäuen und Verdauen des Gewesenen, was nur dann Sinn macht, wenn die Analyse des zurückgelegten Weges einen Fort-Schritt in die Zukunft weist.

Was die Architektur anbelangt, so hat das vergangene Jahr einen massiven Trend fortgesetzt, der seit einiger Zeit unaufhaltsam scheint: Die internationale mediale Aufmerksamkeit für diese öffentlichste aller Kunstdisziplinen ist weiter gestiegen - und mittlerweile hat sie in Form heftigen Prominentenrummels durchaus gefährliche Höhen erreicht. Wer stets nur die Bergspitzen und den Sternenhimmel darüber betrachtet, der verliert leicht den Überblick über die Täler und ihre verborgenen Schönheiten.

Die fast schon hysterische weltweite Anbetung von Architektur-Stars aller Art in allen Gazetten lässt diejenigen ein wenig in eine vergessene Einsamkeit rutschen, die sich lokal jahrein jahraus der Mühen der Ebene annehmen und mit konstant guter Arbeit einen unschätzbaren, öffentlich erstaunlich unbeachteten kulturellen Beitrag leisten. Jeder Volkswirt weiß und kann das auch vorrechnen, dass vor allem die gesunden mittelständischen und kleineren Betriebe die Räder in Gang halten, dass sie Krisenzeiten abpuffern und das Leuteausbilden übernehmen, während die begehrten und mit Förderungsmitteln aller Art umworbenen Multis gerne schnell das Handtuch werfen, Personal abbauen, abwandern, volkswirtschaftliche Totalpleiten hinlegen, wenn die Rendite einmal nicht den Konzernerwartungen entspricht.

In der Architektur, die ihrerseits als Wirtschaftszweig angesehen werden muss, funktioniert das Spiel ganz ähnlich. Gegen eine gesunde, zugkräftige Prominenz ist dabei selbstverständlich in keiner Branche etwas einzuwenden, im Gegenteil: Jede Szene braucht ihre Propheten, Ausrufer, Glitzergestalten, Reibebäume, doch in Maßen zelebriert ist auch gefeiert.

Mittlerweile ist es fast schon egal geworden, was Größen wie etwa Frank O. Gehry, Rem Koolhaas, Herzog & de Meuron oder Norman Foster, um nur ein paar der Fixsterne anzuvisieren, auf die grüne Wiese stellen: mediale Kritik wird kaum je laut, eine konstruktive, gründliche Auseinandersetzung mit Starprodukten rotiert höchstens kurz in Kritikerkreisen, die mächtigeren Mediengeschütze fahren meistens voll auf diese Art von Gebäudekult ab, und wirklich gut tut das vor allem der Architektur selbst nicht.

Denn wenn wichtige städtebauliche Widmungen, wie etwa besondere Gebäudehöhen, nur mehr in Kombination mit klingenden Architektennamen an Bauträger quasi als Förderungen vergeben werden, hört sich der Sternenspaß ganz schnell auf, dann geht die Politik in vorauseilendem Gehorsam vor der Macht der Medien in die Knie, und die bestimmende Architekturkritik findet letztlich nur mehr auf den Adabei-Prominentenseiten der Zeitungen statt.

Dabei verfügt die heimische Bauszene über eine gut gewachsene Schar tadelloser Architekten und Architektinnen, sie alle werden sich im kommenden Jahr wieder wacker durch Höhen und Tiefen ihres schwierigen Geschäftes kämpfen. Medial oder gar mittels Förderungen unterstützen wird sie, im Vergleich zu anderen Branchen, kaum jemand dabei, obwohl die architektonischen Produkte als wichtiges Allgemeingut die Landschaft prägen.

Das kommende Jahr wird auch für diese Bauszene ein paar erfreuliche internationale Highlights bringen. Zaha Hadids Bergisel-Schanze wird gerade eingesprungen, im April eröffnet man das neue Gebäude des Österreichischen Kulturinstituts in New York von Raimund Abraham, im Mai erfolgt die feierliche Seidenschleifendurchschneidung von Hans Holleins Vulkan-Museum in der Auvergne. Zuhause wird man derweilen darüber weiterstreiten, ob die abgebrannten Sophiensäle in Wien rekonstruiert oder doch besser zu einem ordentlichen Bauplatz für Zeitgenössisches plattgewalzt werden sollen. Es werden zahllose unpraktische Häuslbauerhäuser ihre Satteldachgleiche feiern, es werden aber auch viele feschere darunter sein, die Anleihe genommen haben an den gut durchdachten, geschickt einfachen Familienvillen, die, vor allem in Westösterreich, im vergangenen Jahrzehnt von Architekten geplant wurden.

Mitte des Jahres stehen die Kammerwahlen an, und dem Vernehmen nach rumort es bereits jetzt heftig im Gebälk der Architektenvertretung. Diverse Misstände müssen rasch in Angriff genommen werden, um der Zunft auch künftig ein Auskommen zu sichern: Der so genannte Witwen-und-Waisen-Fonds der Kammer, die Pensionsregelungen, das bundesweite Anerkennen der Wettbewerbsordnung, die allgemein grassierende und auch von den Architekten selbst verschuldete Unmoral bezüglich der Gebührenordnung - all das sind wichtige Themen, die diskutiert und in geordnete Bahnen gelenkt werden müssen. Es wird ein spannendes Architekturjahr werden.

22. Dezember 2001 Der Standard

Es ist, was es war.

Während Wien seine Ernennung zum Weltkulturerbe feiert, werden in Afghanistan jahrtausendealte Kulturen zerstört. Ein vergessenes Buch dokumentiert die Reste einer vergessenen Welt.

Die christliche Welt feiert Weihnachten, wie sie eben Weihnachten feiert. Mit Pomp und Einkaufsstress. Irgendwo in der Wiener Innenstadt ein Buchladen. Bummvoll, Gedränge. Im untersten Geschoß reißt man sich um die Schätze abendländischen Kunst- und Kulturschaffens in Prachtbandform, dazwischen bleibt ein schlichter Band unbeachtet. Er beschreibt Afghanistan, und zwar „Landschaft. Menschen. Architektur.“

Die Reihenfolge ist logisch und richtig, wenn nach der Architektur der Mensch wieder drankommt, zerbricht meistens etwas im Gefüge. Das Buch ist nicht neu, und es ist nicht alt, weil alles ist relativ auf dieser Welt. Der Wiener Architekt Karl Wutt hat es geschrieben und 1981 auf den Markt gebracht. Damals zerbombten gerade die Sowjets das, was er darin beschrieben hat. Jetzt sind wieder andere dran.

Die Wiener Innenstadt wurde soeben von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Auch ein paar Dörfern im Nordiran, mindestens dreimal so alt, wurde diese Ehre vor geraumer Zeit zuteil. Sie ähneln sehr stark den prachtvollen Gebirgsdörfern nordöstlich der afghanischen Hauptstadt Kabul, wie Wutt sie auf seinen Reisen in den 70er-Jahren noch gesehen und großteils intakt vorgefunden hat. Erst war die Landschaft da, dann die Menschen, dann die Architektur. Ob heute überhaupt noch Spuren dieser, schon lange vor der Islamisierung geblüht habenden Kulturen übrig sind, kann außerhalb der afghanischen Grenzen schon seit Jahren keiner wirklich sagen. Die Presseagenturen begnügen sich damit, von Siegen, Niederlagen, gebrochenen Hüften amerikanischer Helden, von untergetauchten Terroristen und potenziellen Machtübernahmen zu berichten. Keine Nachricht weit und breit über das Schicksal der Leute, die in den Bergen ihr karges, und wie Wutt beschreibt, gastfreundlich-fröhliches Dasein fristen. Doch die Nachrichten werden kommen, spätestens wenn man den Bau der Ölpipelines wieder aufgenommen hat.

Wutts epische Erzählungen über die Leute, ihre Bräuche, ihre Eigenarten und ihre einfachen, eindrucksvollen Häuser schlängeln sich durch diverse Täler des ostafghanischen Hindukuschvorlandes zwischen der Jalalabad-Senke und Nuristan. Es ist nicht einfach, sich mit den zahlreichen erwähnten Bevölkerungsgruppen, ihren unterschiedlichen Sprachen und Religionen zurechtzufinden. Doch das macht nichts, denn die Bilder, Zeichnungen und Fotografien des Bandes sprechen eine klare, einfache Sprache. Die Architektur, die hier zu sehen ist, stammt großteils aus der vorislamischen Zeit, die hier vor ein paar Hundert, dort vor vielleicht einem Dutzend Jahren zu Ende gegangen ist, weil der Islam sich zwar schon vor tausend Jahren in den Ebenen festsetzte, doch nur langsam in das unzugängliche Bergland einsickerte, und alles Gebaute hier ist von archaischer Schönheit. Vor allem die Details, die Holzkonstruktionen, die Steinschichtungen, die zierlichen, überreichen Schnitzereien sind bestechend. Doch auch die, wie der Westler sagen würde, städtebaulichen Konzeptionen sind hochinteressant. Sie passen perfekt in die Landschaft und sind in ihrer vermeintlichen Armut an keiner Stelle armselig.

Was gelegentlich auf den ersten Blick zwar wie eine Ansammlung ärmlicher Hütten erscheinen mag, offenbart dem aufmerksamen Betrachter eine raffinierte, praktisch und sozial klug angelegte Lebensstruktur, die einen optimalen Lebensraum für einen Dorforganismus inmitten rauer Hochgebirgsnatur schafft. Jedes Hausdach ist zugleich die Terrasse des Nachbarn, und dass das Miteinanderleben hier auf engem Raum nach feinen Gesetzmäßigkeiten ablaufen muss, so es funktionieren soll, versteht sich von selbst. Wutt beschreibt auch diese komplizierten ungeschriebenen Regeln des Gebens und Nehmens und die unbewussten, unbeholfenen Verstöße des uneingeweihten Gastes dagegen. Er selbst kam zum Beispiel nicht ohne Ziegen durch das Land, denn geben muss, wer nehmen will, und gefeiert wurde oft, überall und großzügig.

Der Charakter dieser Feste war gerade im Begriff, sich zu verändern, als der Architekt die Täler bereiste. Als er einmal in einem Ort namens Oigal traditionelle Gesänge aufnehmen wollte, holte man einen blinden Mullah, der „mit wirklich gewaltiger Stimme das Auf und Ab der Koranrezitation“ zum Besten gab. Arabisch verstand zwar keiner, so Wutt, „aber die Wirkung auf die Gemüter war groß“. Zufälligerweise setzte gleich nebenan gleichzeitig ein heftiges Getrommle und Wechselgesinge ein, das von den Gastgebern verschämt ignoriert wurde. Es handelte sich dabei um ein traditionelles nicht islamisches nandara zu Ehren des neugeborenen Sohnes eines Khans.

Von „ehrlichen Konstruktionen“, schreibt Wutt, wäre in seiner Architekturstudentenzeit in Wien oft die Rede gewesen, von „Ingenieuren und Konstrukteuren, die - im Dienste eines Bauherren - alles unter einen Hut bringen konnten“. Die Reise nach Afghanistan tat er, „um der Freudlosigkeit meiner Ausbildung zu entkommen“. „Spätestens dort gingen einem Architekturstudenten die Augen auf, und er erfuhr die Wahrheit über gute Architektur im ,Basar der Märchenerzähler' (...) Ich stellte mir die alte Frage, wodurch in Städten wie Wien der Überfluss so armselig erscheint und auf Kosten des Allernotwendigsten besteht, auch um den Preis jener Armut, die etwa in Peshawar herrscht - und die der europäische Tourist wie ein Paradies erlebt, dessen Blumen und Früchte einfach vor ihm an den Straßenrändern ausgebreitet sind.“ Weltkulturerbe. Aber anders.


[Karl Wutt: Pashai. Landschaft. Menschen. Architektur., Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, Graz, 1981, öS 344,-/EURO 25,- / 144 Seiten]

7. Dezember 2001 Der Standard

Kosmisch oder irdisch

Architektur ist alles, was in ein Buch passt.

In den vergangenen Jahren hat die Architekturbuchproduktion zu einer erstaunlichen Fülle gefunden, und es ist nicht ganz einfach, einen Weg durch die Irrgärten dieser Publikationsstapel zu finden. Diverse Zeitschriften schauen mittlerweile aus wie große, prächtig gemachte Bücher. Manche Bücher bedenkt man dafür wieder mit layouterischen Behandlungen wie Insidermagazine. Mit anderen Worten: Alles ist erlaubt, vieles gefällt, manches informiert dabei auch. Das ALBUM bringt an dieser Stelle eine völlig willkürliche Auswahl verschiedener, für sich jeweils interessanter Publikationen.

Eine davon befasst sich zum Beispiel in üppiger Aufmachung mit Cosmic Architecture in India (von Andreas Volwahsen, Verlage Prestel und Mapin, öS 715,-/EURO 51,96) Sollten Sie nicht gewusst haben, dass es die gibt, so sind Sie nicht allein, können aber hiermit alles darüber nachlesen: Maharadscha Jai Singh II. von Jaipur ließ in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts diverse Observatorien anlegen, deren Sinnhaftigkeit und Nutzen wahrscheinlich nur von Astrologen völlig ausgelotet werden können, die aber als architektonische Skulpturen und Monumente von erstaunlicher Anmut und Würde sind. Das etwa auf unserer Abbildung links gezeigte „Mishra Yanta“ in Neu-Delhi kann neben kosmisch Wissenswertem auch die Ausrichtung von Meridianen und des Äquators anzeigen. Jai Singhs „astronomische Instrumente“ wurden von hinduistischen Priester-Architekten wie Mandalas angelegt und sollen sozusagen als der steinerne Ausdruck einer kosmischen Ordnung verstanden werden.

Eine gewisse kosmische Ordnung anderer, zeitgenössischer Art stellen die diversen Computerprogramme dar, mit deren Hilfe heute gebaut, konstruiert und sogar Material geformt wird. Die Publikation Architektur und Computer (Herausgegeben von James Steele, Verlag Callwey, öS 1007,-/EURO 73,18) versucht der „Planung und Konstruktion im digitalen Zeitalter“ auf die Schliche zu kommen und stellt den Rechner als „Cybertool“ mit all seinen Stärken und Schwächen vor. Gezeigt werden Entwürfe und realisierte Projekte von Toyo Ito, dem (was Computerarchitekturbücher anbelangt) mittlerweile unvermeidlichen Frank O. Gehry, Peter Eisenman, NOX, Karl S. Chu, Coop Himmelb(l)au, Morphosis und vielen anderen. Hauptaugenmerk legt das Buch allerdings auf die verschiedenen Computerprogramme, die das Morphen und Computerwürgen überhaupt erst möglich machen. Englischsprachige Publikationen dieser Art liegen bereits seit geraumer Zeit vor, die deutschen Versionen haben auf sich warten lassen. Architektur und Computer ist eine der ersten von ihnen und für noch nicht so in diese bitzlige Materie Eingearbeitete sicher ein informativer Einstieg.

Manche Computerprodukte, vor allem die des Designs, haben die seltsame Aura des neumodisch verspielten Uralten, und eigentlich ist der Rückschritt von hier zu den geschwungenen Möbel- und Raumentwürfen des Antonio Gaudí nicht allzu groß. Bei Hatje Cantz ist vor einiger Zeit Gaudí - Der Künstler und sein Werk erschienen. Die Folgepublikation Gaudí - Interieurs, Möbel, Gartenkunst (öS 715,-/EURO 51,96) zeigt nun den Katalanen als Gartenarchitekt, Innenausstatter und Möbelentwerfer. Was uns die schwülstig-üppigen Ensembles heute noch zu sagen haben, möge jeder anhand dieses Prachtbandes für sich selbst herausfinden.

Eine frische, fröhliche Publikation sei zu guter Letzt nicht nur aus patriotischer Anwandlung wärmstens empfohlen: 20 x 3 (Herausgegeben von Volker Dienst, 2001 architektur - in progress, Triton Verlag, öS 387,-/EURO 28,12) zeigt mit Band 1 eine gelungene Auswahl junger oder besser neuer österreichischer Architekten und -teams. Das Layout erinnert zwar ein bisschen gar sehr an die Kataloge der Archilab-Kongresse von Orléans, aber in diesem Falle ist es übersichtlicher und lesbarer und erleichternd unkostbar. Die mit jeweils drei Projekten vorgestellten 20 Bau-Truppen - von Pichler & Traupmann über The next enterprise bis zu L.O.V.E. Architecture - bringen alle erfrischend neue Ansätze in das Baugeschehen. Wer sich also einen Überblick über neue österreichische Architektur machen will, der soll seine Nase sofort tief in das silberschwarze Buch senken.

7. Dezember 2001 Der Standard

Das Röhren des Jahrhunderts

Zünd-Up, die subversivste heimische Architekturgruppe der 60er-Jahre, erfährt eine späte Würdigung

Man schrieb das Jahr 1969. An der Wiener Hochschule für Technik war wieder einmal ein Sommersemester angebrochen, und mit ihm näherten sich die alljährlichen Entwurfsübungen für Studenten der Architektur ihrem Ende, was zugleich den Beginn der großen Ferien markierte. Zuvor mussten die zuständigen Professoren und ihre Assistenten den Architekturstudenten allerdings noch die üblichen Lösungsvorschläge für die üblichen Problemstellungen des Bauens abringen. Das Institut für Gebäudelehre von Karl Schwanzer, der intern nur als Karl der Große firmierte, forderte seine Studenten beispielsweise mit gebotener Technikernüchternheit auf, eine „Parkgarage am Karlsplatz“ zu entwerfen, um „die augenblicklich schlechte Verkehrssituation im Bereich Innere Stadt Wien zu verbessern“.

Es war, wie gesagt, das Jahr 1969, das hier sommerlich reifte, und irgendwie wollten akademische Themenstellungen wie diese nicht ganz in das Weltbild einer Gruppe von vier Studenten passen. „die funktionelle, technische bearbeitung eines entwurfsprogramms rationalisiert sichtlich die unfähigkeit zu tatsächlicher ideen- und phantasienproduktion“, lästerten sie provokant, und, wie es sich damals gehörte, schriftlich und in Form eines Pamphlets. Gezeichnet war es mit dem Namen Zünd-Up, und unter diesem Titel baten die Herren Bertram Mayer, Michael Pühringer, Hermann Simböck und Timo Huber Professor Schwanzer wenig später in die Wiener Tiefgarage Am Hof. Dort unten wollte man ihm die vollendete Entwurfsarbeit präsentieren, und Karl der Große stieg tatsächlich am 28. Juni des Jahres freiwillig in die Düsternis des Parkhauses hinab.

Unten fand er sich, wie das Licht von den Motten, sogleich von 40 Harley-Davidson-Rittern in Aktion umschwärmt wieder. Lärm und Abgasgestank müssen grandios gewesen sein. Karl der Große wurde zum lebenden Beweis seiner Würde, er fackelte nicht lange, erklomm den Sozius einer der Maschinen und wurde zu einem - heute würde man sagen: Joyride durch die unterirdischen Parkräumlichkeiten entführt. Er umrundete hurtig die an diesem unkonventionellen Abgabeort aufgebauten Entwurfsübungen und donnerte unter anderem auch an „The Great Vienna Auto-Expander“ vorbei, mit dessen motorisch-psychedelischer Hilfe der Benutzer „das Röhren des Jahrhunderts“, also den ultimativen Motorenlärm, zu erleben können sollte.

Zünd-Up wurde mit dieser Aktion sofort zur Architekturlegende, und gewissermaßen sind die vier Exstudenten das bis heute geblieben. Im Gegensatz zu anderen Architekturrevoluzzern ihrer Zeit, zu Coop Himmelb(l)au oder den Haus-Ruckern, zerfiel die Gruppe bald wieder, und man kann nicht leugnen, dass diese Art der Konservierung eine gewisse Frische garantiert. In den paar Jahren, die man zusammen aktionistisch verbracht hatte, wurden Konventionen abgefackelt, brannten Ideen und Visionen. Eine neue Publikation, sorgfältig von der Wiener 60er-Architektur-Spezialistin Martina Kandeler-Fritsch herausgegeben, schürt die alte Zünd-Up-Glut, und tatsächlich fliegen noch Funken, wenn auch nicht mehr ganz so hoch. Eine Aufarbeitung der kurzen, intensiven Geschichte der Gruppe war längst angesagt - genial nach wie vor die Collagen von Timo Huber, erfreulich auch die Zusammenstellung der verschiedenen Zünd-Up-Manifeste.

„Unser Ansatz war ein politischer“, sagt Timo Huber heute. Wer die aktuellen jungen, scheinbar wilden Architekten mit ihren 60er-Ahnen vergleicht, der möge einen Kontrollblick in dieses Buch werfen und überlegen, ob ähnliche Radikalitäten heutzutage auch nur irgendwo ansatzweise zu verspüren sind: „(...) weg von den einfamilienhausweiden, dem komfortgreuel, der rücksichtslosen demonstration von pekuniärer potenz, dem klassenbewusstseinsgartenzwerg. wer baukunst sagt, wird erschossen. dieser stil ist sehr ästhetisch. diese ästhetisch geschwungenen formen. diese ästhetische materialentsprechung. scheißen sie bitte ästhetischer. (...)“


[Martina Kandeler-Fritsch (Hg.), Zünd-Up. öS 491,80/
EURO 34,76/270 Seiten, Springer, Wien New York 2001.]

7. Dezember 2001 Der Standard

Miesmöbel

Mies van der Rohes Möbel sind heute Klassiker, dem Architekten selbst waren seine Häuser wichtiger

Für Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) war das Entwerfen von Möbeln eigentlich nur Notwendigkeit, um seine Architekturen damit einzurichten und im Miesschen Sinn fertig zu stellen. Er tat es auch nur für den kurzen Zeitraum von 1926 bis 1932, während andere Architekten wie Mart Stam oder Marcel Breuer Sessel, Tische, Geschirre um ihrer selbst willen entwarfen. Bei Mies war das kaum je der Fall, sein Interesse galt vielmehr der großen Konstruktion, dem Hochhaus, der raffiniert assemblierten Halle und dem intelligenten neuen Fassadensystem. Trotzdem zählen einige seiner sozusagen mit links entworfenen Wohn- und vor allem Sitzgegenstände zu den wichtigsten Designklassikern des vergangenen Jahrhunderts. In Neuauflage sind sie heute noch begehrt, in originalen Varianten ihrer Entstehungszeit sind sie museumswürdige, kaum bezahlbare Sammlerstücke.

Natürlich war der nach Amerika ausgewanderte Aachener ein detailversessener Perfektionist, deshalb sind also auch seine Möbel durchkomponierte Konstruktionen und bis zum letzten Schräublein wohl durchdacht. Und dass sie fast alle ausgesprochen elegant aussehen, ist das i-Tüpferl.

Mies van der Rohe ist derzeit aufgrund einiger Ausstellungen in den USA und in Deutschland und entsprechender auf den Buchmarkt gekommener Kataloge in vieler Munde und bleibt nach wie vor so aktuell wie zu Lebzeiten. Eine dieser Schauen läuft derzeit noch in Berlin und hat ebenfalls einen stattlichen Katalog in den Buchhandel gebracht: Das Vitra Design Museum zeigt „Mies van der Rohe. Architecture and Design in Stuttgart, Barcelona, Brno“ und beschränkt sich damit auf das europäische Oeuvre des hochinteressanten Baumannes, der auf unserer Abbildung übrigens in sportlich-amerikanischer Betätigung des Baseballspiels zu sehen ist.

Van der Rohes Möbel bilden einen Schwerpunkt dieser Ausstellung. Vor allem die gebogenen Stahlrohre als neuartige Materialien für den Möbelbau schreibt man Mies zu, obwohl es hier auch Widersprüchlichkeiten gibt, wer was zuerst gebogen und sodann besessen hat. Bekannte Mies-Möbel sind etwa der Sessel für den Deutschen Pavillon in Barcelona, die Sitzmöbel für die Villa Tugendhat, alle sehr sorgfältig proportioniert und aufregend neu für ihre Entstehungszeit. Hier im Bild zu sehen ist ein heute noch von Thonet hergestellter Sesselklassiker, der seinerzeit in Berlin von zwei kleinen Metallwerkstätten gefertigt worden war und der heute völlig zeitlos-modern wirkt, obwohl er gute 70 Jahre auf der Lehne hat.

Wer mehr über Produktion, Material, Form und auch den Wettstreit der Möbelentwerfer untereinander wissen will, dem sei der Katalog „Mies van der Rohe. Architecture and Design in Stuttgart, Barcelona, Brno“ empfohlen. Er erscheint bei Skira (Mailand), Herausgeber ist das Vitra Design Museum, die Abbildungen sind zahlreich, die Texte vorzüglich.

1. Dezember 2001 Der Standard

Nach dem Blitz der Donner

Die Architektur ist eine gefährdete Pflanze, sagt BIG-Prokurist Peter Holzer. Wenn nach einem ordentlichen Donnerwetter die Sonne wieder scheint, kann der Guss ganz fruchtbar für sie gewesen sein, wie das Beispiel Krems nun zeigt.

Vergangene Woche hat das Album an dieser Stelle über ein Wettbewerbsverfahren in Krems berichtet, das von heftigen Spannungen und Aufladungen vor allem innerhalb der Jury gekennzeichnet war. Ein von einem der Wettbewerbsteilnehmer, Günter Katherl, zufällig mitgehörtes Telefonat zwischen dem ebenfalls im Rennen befindlichen Architekten, Gustav Peichl, und dem Vorprüfer, Helmut Kunze, am Tag der Abgabe hatte für Aufregung gesorgt. Gegenstand des Gesprächs war das Jurymitglied Manfred Wolff-Plottegg gewesen, der sich gemeinsam mit Jurykollegen Gerhard Steixner geweigert hatte, das Protokoll der ersten Verfahrensstufe zu unterschreiben, und der in der Folge erst in letzter Sekunde und nach schriftlicher Aufforderung durch die Architektenkammer als Juror in die zweite Runde geladen wurde.

Vergangenen Mittwoch kam es vor der entscheidenden Jurysitzung schließlich zu heftigen Entladungen, die vorhandene Elektrizität konnte jedoch sinnvoll abgeleitet werden. Sorge dafür trug die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) als Ausloberin des Kremser Verfahrens, das eine Erweiterung der dort beheimateten Tourismusschule mit dem komplizierten Namen HBLAfT/BHAK/BHAS darstellt. DER STANDARD wurde von der BIG zur Teilnahme an der Debatte eingeladen.

Ihr Prokurist Peter Holzer nahm stellvertretend für den mächtigen Bauherren, den er repräsentiert, die Gelegenheit vor Ort wahr, um etwaige Verfahrensschlampereien auch mittels juristischen Beistands zu hinterfragen, einer Klärung zuzuführen und allgemein für eine neue, sorgfältigere Umgangskultur aller Beteiligten untereinander zu plädieren. Erst nach fast fünfstündiger teils hitziger Diskussion über den kritisierten Ablauf des Verfahrens schritt man zur eigentlichen Jurysitzung und fand mit dem Projekt von Reinhard Halswanter einstimmig den Sieger. Eine als vorbildlich bezeichnete Teillösung von Günter Katherl soll in Form einer Arbeitsgemeinschaft in das Projekt eingearbeitet werden.
DER STANDARD erkundigte sich bei Peter Holzer über etwaige Nachwirkungen des klärenden Architekturgewitters, die Rolle der Bundesimmobiliengesellschaft als potentester Architekturauftraggeber der Republik und über die hochkompetitive Situation, in der sich die Architektenschaft befindet.

STANDARD: Nach dem Bericht im ALBUM der Vorwoche hat Jury-Vorsitzender Wilhelm Holzbauer von einer nicht gerechtfertigten „Skandalisierung“ dieses Wettbewerbs durch den STANDARD gesprochen. Hegen Sie ähnliche Empfindungen?

Peter Holzer: Ich sehe das nicht so, obwohl wir als Auslober von dem Bericht selbst überrascht wurden. Unser spontaner Zugang war, alle Beteiligten an einem Tisch zu versammeln und die Angelegenheit aufzuklären, bevor die eigentliche Juryarbeit weitergeht. Wir haben sowohl unseren als auch den Anwalt der Architektenkammer dazugebeten. Ich sehe das als notwendigen Ordnungsruf zu mehr Präzision, zu besserer Dokumentation und zu größerer Exaktheit. Ich denke, dass ein positiver Disziplinierungseffekt damit erzielt wurde.

STANDARD: Hat sich in Wettbewerbe prinzipiell eine gewisse routinemäßige Schlampigkeit eingeschlichen?

Holzer: Man kann Routine positiv und negativ sehen, die Routiniertheit birgt in allen Arbeitsprozessen die Gefahr einer gewissen Schlampigkeit und Oberflächlichkeit. Wettbewerbe sind prinzipiell ausgesprochen heikel, wir wissen, wie gefährlich Unpräzision hier ist, und deshalb wollten wir auch im Falle Krems jetzt bewusst genau und akkurat vorgehen.

STANDARD: Die BIG ist der wichtigste Auftraggeber der Republik. Nehmen Sie Ihre Vorbildwirkung wahr?

Holzer: Als BIG befinden wir uns natürlich im kritischen Beobachtungsfeld der Branche. Wir sind erst seit 1993 operativ tätig, und unser Wirken wird genau beobachtet. Wir bemühen uns, den schwierigen Spagat zwischen Kosten, Wirtschaftlichkeit und architektonischer Qualität zu schaffen. Das ist das oberste Ziel, an dem wir beständig feilen, deshalb muss man auch in Planungsprozesse einsickernde Schlampereien herausfiltern, denn nur dann kann es erreicht werden. Schließlich wollen wir beweisen, dass gute Architektur mit einem sauberen Auslobungsprozess beginnt. Wenn hier bereits Ungenauigkeiten einreißen, ist das gesamte Ziel gefährdet.

STANDARD: Die BIG ist allgemein ziemlich gut beleumundet in der Branche. Unternehmen Sie auch Anstrengungen, junge Architekten zu fördern?

Holzer: Wir beschreiten sehr häufig den Weg des anonymen Verfahrens, gerade um auch jungen Architekten die Chance zu geben, in den Arbeitsprozess einzusteigen, und um sie zu fördern. Außerdem bringt das eine Vielfalt in der Planerauswahl.

STANDARD: Architekturwettbewerbe werden von ihren Teilnehmern häufig als ungemein aufwendig und ruinös bezeichnet. Haben Sie hier ein Instrument entwickelt, dem entgegenzusteuern?

Holzer: Auch die Minimierung des Aufwandes, eine bewusste Schmälerung der Leistung ist eines unserer Ziele. Wir geben etwa meistens das Papierformat vor, damit der Wettbewerb nicht in eine Materialschlacht ausartet. Man muss sich vor Augen halten, was es bedeutet, wenn sich, wie das oft der Fall ist, bis zu 80 Architekten an einem Verfahren beteiligen. 79 davon haben umsonst gearbeitet, das bedeutet nicht nur für sie selbst, sondern auch volkswirtschaftlich einiges, und diesen Umstand muss ein Auslober ebenfalls im Auge behalten.

STANDARD: Warum gilt bei BIG-Wettbewerben einmal die Wettbewerbsordnung für Architekten (WOA), ein andermal aber nicht?

Holzer: Wir sind selbst noch Suchende nach dem idealen Verfahren. Es gibt sehr heikle juristische Spielregeln, wir versuchen, verschiedene Wege auszuprobieren, in aller Regel schreiben wir aber nach WOA aus.

STANDARD: Ziehen Sie, wenn man das so formulieren darf, eine persönliche Lehre aus den Vorkommnissen in Krems?

Holzer: Wir werden künftig versuchen, vermehrt Einfluss auf die Wettbewerbsvorbereitung zu nehmen. Die Unterlagen, die den Planern zur Verfügung gestellt werden, müssen einwandfrei sein. Auch die Abwicklung des Verfahrens, vom ersten Hearing bis zur entscheidenden Sitzung, muss im Dienste der Objektivierung präzise und ohne mündliche Statements, etwa zwischen Vorprüfer und Teilnehmern, ablaufen. Hintergrundgespräche halte ich für das Gefährlichste, Chancengleichheit für alle für das Wichtigste. Nur wenn Informationsgleichstand herrscht, kann ein einwandfreier, objektiver Prozess ablaufen. Alles andere wird schwierig.

STANDARD: Die Architekten können nicht gerade aus einer reichen Wettbewerbsfülle schöpfen. Hat auch das Einfluss auf die momentan etwas aufgeheizte Stimmung in der Szene?

Holzer: Wir schreiben jährlich etwa fünf bis zehn Verfahren aus und sind damit ebenfalls etwas rückläufig. Die Branche ist im Moment tatsächlich sensibilisiert, die Ausdünnung der Auftragssituation ist natürlich einer der Gründe dafür. Es gibt zu wenig Geschäft für zu viele Architekten. Die Beteiligungszahlen der einzelnen Wettbewerbe steigen enorm, was selbstverständlich auch eine ungeheure psychische und physische Belastung für die Juroren bedeutet. Wir nehmen uns mittlerweile zwei Tage für die Beurteilung Zeit, Wettbewerbe mit bis zu 100 Teilnehmern sind bereits an der Grenze des Machbaren.

STANDARD: Gebaut wird zwar relativ viel, die Architekten scheinen hier aber ein wenig den Anschluss zu verlieren. Woran liegt das?

Holzer: Wenn es so weitergeht, wird diese wichtige Branche tatsächlich gesellschaftspolitisch in eine Randsituation manipuliert. Vieles bleibt, ohne architektonische Planung, im Mittelmaß, beträchtliche Investitionen werden getätigt, ohne Architekten am Planungsprozess zu beteiligen. Das schadet letztlich unserer kulturellen Gesinnung, es ist ausgesprochen unvernünftig, Projekte an dieser schillernden, flimmernden Architektenwelt vorbeizumanövrieren. Der Wert guter Architektur ist in unserer Gesellschaft bedauerlicherweise nicht sehr verankert. Wir versuchen unseren Beitrag zu leisten und diese gefährdete Pflanze Architektur zu schützen. Es gelingt nicht immer, wir versuchen es trotzdem unentwegt.

28. November 2001 Der Standard

Wie Raubtiere in der Shoppingmall

Der Trend des kollektiven Dauershoppings als Freizeitvergnügen verändert weltweit die gebaute Umwelt: Die Einkaufswut befeuert eine Baumaschinerie, die mit herkömmlichen Architekturkriterien nicht mehr messbar ist.

Shopping, meinte der holländische Architekt Rem Koolhaas am Montag in einem Vortrag an der Akademie der bildenden Künste in Wien, würde unsere gesamte Kultur mittlerweile nachhaltiger prägen als jedes andere gesellschaftliche Phänomen.

Nicht nur zur Vorweihnachtszeit, sondern mittlerweile zu jeder Jahreszeit wird eingekauft auf Teufel komm raus, und diese weltweite Wut, quasi zum Zeitvertreib Geld auszugeben, wird zu einem der bestimmenden Faktoren für die gebaute Umwelt und für die Städte, in denen wir leben. Vor allem in deren Randzonen entstehen - architektonisch betrachtet fast immer unkontrolliert und quasi sich selbst rasch und vermeintlich ungeplant organisierend - Einkaufskonglomerate enormer Größenordnung: Geschäfte, Märkte, Buden klumpen sich zu kaum überschaubaren Einkaufsvorstädten. Die Shopping-Erlebniswelten werden vom kleinsten gemeinsamen Nenner, dem Publikumsgeschmack, geformt, doch auch ganzheitlich konzipierte Malls unterliegen dauernder Veränderung.

Die Geschwindigkeit des Marktes wird hier zu einem formgebenden Element, der Shop und sein nährender Shoppingzentrumsorganismus müssen schließlich auf ständig neue Trends fast so schnell reagieren wie auf die heutzutage so beweglichen Aktienmärkte. Geschäfte tauchen auf und verschwinden wieder, andere bleiben wie Felsen in der Brandung der Einkaufsmassen und Wirtschaftskräfte bestehen. Nach Koolhaas' Überzeugung dient überhaupt die überwiegende Mehrheit all dessen, was heutzutage gebaut wird, in irgendeiner Weise der Tätigkeit des Kaufens und Verkaufens, und wenn die Architektur vom großen Shopping-Trubel mitgerissen werden will, dann muss sie, so der Holländer, ihre altbewährten traditionellen Terminologien schleunigst zu Hause lassen.

In seinem demnächst erscheinenden Buch zum Thema (siehe Kasten) heißt es: „Im Ökosystem des Shoppings, wo ständig neue Spezies gezüchtet und geboren werden, sich anpassen, mutieren, altern und sterben, bewegen sich die Einkäufer mit wachen Sinnen wie beutesuchende Tiere durch die Korridore und Shops, stets auf der Suche nach Essen, Kleidung und Spielzeug. Die Geschäftsinhaber verteidigen und kämpfen für ihre Territorien, während die Shopper ständig auf der Suche nach besseren Jagdgründen sind, mit größerem Angebot und mit niedrigeren Preisen.“

Koolhaas sieht diese Jagdlust allerdings genau so mit umgekehrten Vorzeichen, wenn er meint, dass sich heute viele Institutionen wie etwa Museen, Bibliotheken und andere Kulturorganisationen zu regelrechten Shoppingbetrieben mausern, die ihrerseits vom Kauftrend profitieren wollen. Der Museumskonzern Gugging finanziert sich beispielsweise zu einem Gutteil über Museumsshops, und eine der wichtigsten Architekturen des 20. Jahrhunderts, der Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe, ist zu einem Mies-Reliquienladen mutiert.

24. November 2001 Der Standard

Die Welt als Wille und Vorstellung

Eine Reihe von gebeutelten Wettbewerben und anderen Architektur- vergabeverfahren deutet darauf hin, dass die Tage der Willkür und der persönlichen Vorstellungen Einzelner in der Architektur vielleicht doch im Schwinden sind.

Spätestens im Kindergarten lernt der Mensch, dass die Welt dann halbwegs funktioniert, wenn vor allem folgender schlichter Grundsatz berücksichtigt wird: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu.

Im Laufe des immer länger werdenden Lebens entfernt sich der Mensch natürlich aus seinen Kinderstuben, und die Kindergartentantenweisheiten - die einfachen, freundlichen und wichtigen, sozusagen die lebensnahen - verblassen zugunsten anderer Lebensphilosophien. Doch irgendwann kommt alles zurück, und wer die Welt als Wille und Vorstellung betrachtet, muss, unter Umständen bereits reif und gealtert, erkennen, dass Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu auch in Gruppen Grauhaariger und Glatzköpfiger noch gilt.

In Krems findet seit fast einem Jahr ein Architekturwettbewerb um den Neubau einer HTL statt, was auf einen gewissen Querfeldein-Dauerlauf der teilnehmenden Architektenschaft schließen lässt. Denn Wettbewerbe sind gewöhnlich Sprintveranstaltungen, werden innerhalb weniger Wochen absolviert, schließlich gewonnen oder verloren - und damit ist die Sache vorbei. Vielleicht reden wir aber hier von der guten alten Zeit, und heute ist alles ganz anders.

In Krems konnte man sich jedenfalls nach der ersten Runde im Frühjahr nur schwerfällig dazu aufraffen, in eine zweite, vielleicht sogar bereits entscheidende Runde zu gehen. Sie findet Mittwoch kommender Woche, am 28. November, statt, doch ob es tatsächlich einen Sieger geben wird, steht keineswegs fest. Immerhin verblieben ganze fünf Architektenkollegen im Rennen, und Juroren gibt es auch nach wie vor noch alle. Vor allem letzteres stellt für manche Teilnehmer eine gewisse Lästigkeit dar.

Einer der fünf, Gustav Peichl, rief am Montag, dem 12. November, ziemlich genau um vier Uhr nachmittags, Herrn Helmut Kunze, an. Kunze ist Vorprüfer des Verfahrens, bei ihm müssen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt alle Teilnehmer ihre Wettbewerbsunterlagen abgeben. Da ein unerforschliches Naturgesetz gegen die Architektenschaft wirkt, geschieht das so gut wie immer in letzter Sekunde. Es war also fünf nach Vier, um halb Fünf war Abgabefrist, und der Anrufer verkündete denn auch dem Vorprüfer, dass sich sein Krems-Ouevre ein wenig verspäten würde. Kunze zeigte Verständnis: „Selbstverständlich, Herr Professor, kein Problem!“

Was er allerdings vergessen hatte, war ein ebenfalls spät liefernder Kollege, der sich, in der anderen Telefonleitung befindlich, über den Verbleib des Taxis erkundigen wollte, das er seinerseits soeben mit den Krems-Materialien und der Bitte um schleunige Ablieferung zu Kunze geschickt hatte, und der sich plötzlich in einer unfreiwilligen Lauscher-Position wiederfand, weil das Telefonat des Professors halt Vorrang hatte.

Der Wettbewerbsteilehmer wurde Zeuge, wie man sich über eine ominöse Person in der Jury unterhielt, die das bis dato so reibungslos verlaufende Verfahren stören würde. Man wolle dafür Sorge tragen, diese Person von der finalisierenden Jurysitzung fern zu halten, und überhaupt - warum das Kind nicht mit Namen nennen, so Kunze zum Professor, man könne es ruhig aussprechen, dass es sich um den Plottegg handle.

Die Welt ist, was der Fall ist: Der Grazer Architekt Manfred Wolff-Plottegg wurde von der Kammer ordnungsgemäß in die Jury entsandt, der Wettbewerbsordnung halber hat er auch darin zu verbleiben, was Kunze, darauf vom STANDARD angesprochen, nicht so sieht. Bis dato wurde der Juror von Kunze weder über den Jurytermin informiert, noch mit den entsprechenden Unterlagen versorgt, so dass sich die Architektenkammer genötigt sah, mittels eines Schreibens dem Vorprüfer auf die Sprünge zu helfen. Am 19. 11. forderte ihn Länderkammer-Vorsitzender Michael Buchleitner schriftlich unter anderem auf: „Wir ersuchen Sie, Architekt Plottegg unverzüglich zu informieren und zur Jury einzuladen.“

Kunze bestätigte auf Anfrage des STANDARD Zeitpunkt und Tatsache des Telefonats mit Peichl, weist allerdings den vom Kollegen mitgehörten Inhalt des Gesprächs „mit Protest zurück“. Aufgrund des laufenden Verfahrens, in dem Kunze Schriftführer und Vorprüfer ist, behält sich der STANDARD die namentliche Nennung des Architekten vor, obwohl dieser dazu bereit wäre, öffentlich Rede und Antwort zu stehen. Nach zweistündiger Überlegung teilte Kunze dem STANDARD telefonisch mit, dass nicht er, sondern ein Bürokollege mit dem betreffenden Wettbewerbsteilnehmer telefoniert habe, er selbst persönlich gar nicht zugegen gewesen und die gesamte Angelegenheit eine Erfindung sei.

Freilich können Vorkommnisse wie diese als „Architekturtratsch“ abgetan werden, doch wohl nur von denjenigen, die diese Art von Tratsch betreiben und andere damit in Mitleidenschaft ziehen. Der Ordnung halber ist zu sagen, dass neben Peichl und Partner die Architekten Franz Berzl, Adele Feitzinger, Reinhard Haslwandter und Günter Katherl die zweite Runde bestreiten, juriert wird sie anonym und architektenseits von Gerhard Steixner, einem, wie ausgeführt, noch nicht feststehenden Kollegen sowie Wilhelm Holzbauer, der den Vorsitz führt.

Holzbauer will sich, vom STANDARD befragt, in die Jurybestellung nicht einmischen. Er meint: „Das ist allein Sache von Helmut Kunze.“ Bundeskammerchef Peter Scheifinger will jedenfalls einen nicht stimmberechtigten Kammerjuristen quasi als Rechtsbeistand im Dienste der Sache in die Sitzung entsenden. Denn es habe sich in jüngerer Vergangenheit gezeigt, dass es durchaus hilfreich sei, manche Verfahren mit fundierter juristischer Unterstützung abzuwickeln. Scheifinger: „Das ist ein Service, den die Kammer gerne bereit ist anzubieten.“


Wilhelm Holzbauer seinerseits hat in den vergangenen Wochen einen Wettbewerb in Wien gewonnen, einen anderen in Salzburg verloren, und beide Verfahren haben jeweils ein juristisches Nachspiel. Im Falle des Kleinen Festspielhauses in Salzburg empfahl die Jury des Verhandlungsverfahrens im Sommer mit neun zu null Stimmen das Projekt der Architekten Hermann & Valentiny als Sieger. Holzbauers Entwurf kam nur auf Rang Zwei, ein Umstand, der nun die Vergabekontrollore der Nation beschäftigt.

Holzbauer sieht als Schüler und wohl intimster Kenner des Salzburger Bau-Ahns Clemens Holzmeister dessen Werk durch das Projekt der Kollegen gefährdet. Dass diese ihrerseits Schüler Holzbauers und somit Holzmeisters Enkerl sind, rundet das Bild ab. Holzmeister-Sohn Holzbauer: „Man will dieses Ensemble zerstören, ich will das überprüft haben.“ Holzmeister-Enkel Franz Valentiny: „Wir haben dieses Verfahren einstimmig gewonnen, wir sind mit Wilhelm Holzbauer gut befreundet, wir wollen dazu gar nichts sagen.“

Am 13. 11. stellte der jedenfalls Antrag auf Einleitung eines Nachprüfungsverfahrens. Dieser Antrag wurde mit Eingabe vom 15. 11. um einen Antrag auf Erlassung einer Einstweiligen Verfügung erweitert. Letzterer wurde mit Bescheid des Bundesvergabeamtes vom 20. 11. abgewiesen. Parallel zum Antrag auf Einleitung eines Nachprüfungsverfahrens stellte Holzbauer Antrag auf Einleitung eines Schlichtungsverfahrens bei der Bundes-Vergabekontrollkommission. Diese teilte mit Entscheidung vom 21. 11. mit, ein Schlichtungsverfahren nicht durchzuführen, sodass das Ergebnis des eingeleiteten Nachprüfungsverfahrens abzuwarten bleibt.


Ebenfalls turbulent entwickelt sich die Sanierung der Wiener Volksoper, die über einen, in diesem Fall EU-weiten Wettbewerb vergeben werden sollte. Hier entschied die Jury im Juli dieses Jahres, dass sie sich nicht entscheiden könne, dass sie mit den Entwürfen von Holzbauer sowie den Berlinern Zerr, Hapke, Nieländer zwei gleichrangige Projekte zur Nachbearbeitung empfehle, und dass der Auslober in Form der Bundestheater Holding selbst entscheiden solle, was zu bauen sei.

Georg Springer gab vorige Woche Holzbauers Projekt offiziell den Vorzug, was in einen medialen Schlagabtausch mit der Wiener Architektenkammer mündete. Michael Buchleitner warf den Bundestheatern eine architektonische Operetten- inszenierung vor, was von Springer erbost als „in jedem einzelnen Punkt widerlegbar“, „boulevardesk“ und „schlecht recherchiert“ zurückgewiesen wurde.

Fest steht, dass Wilhelm Holzbauer hier in Wien das gleiche Spiel, nämlich eine genaue Untersuchung des Verfahrens durch das Bundesvergabeamt, bevorstehen könnte, wie er es selbst in Salzburg inszeniert hat. Nur halt mit umgekehrten Vorzeichen. Georg Springer betont, dass der Wettbewerb, dem übrigens Gustav Peichl vorsaß, nach bestem Wissen und Gewissen abgewickelt worden sei. Die zweitgereihten Berliner Architekten haben sich derweilen einmal einen Wiener Anwalt gesucht, da sie Kostengutachten, die von den Bundestheatern in Auftrag gegeben worden waren, mittels Gegengutachten anzweifeln.

Da das gesamte Wettbewerbswesen offenbar nun nicht nur mehr während des eigentlichen Aktes, sondern auch danach in Entartung mündet, hat Christoph Chorherr eine parlamentarische Anfrage der Grünen bezüglich Stellenwert zeitgenössischer Architektur in Österreich sowie Mindeststandards von Wettbewerbsverfahren bei öffentlichen Bauwerken an Bundeskanzler Wolfgang Schüssel angekündigt. Hier ein Auszug: „In Ländern mit hoher Baukultur, wie z. B. Frankreich, sind Fragen der Architektur immer ,Chefsache'. Österreich ist stolz darauf, ein Land mit kulturellem Weltruf zu sein. Hervorragenden Architekt/innen gelingt es, trotz, nicht wegen politischer Rahmenbedingungen, außergewöhnliche Leistungen zu erbringen. Dass die Baukultur in diesem Land trotzdem bloß Mittelmaß ist, liegt insbesondere an den politischen Rahmenbedingungen, z. B. an der Form, wie Wettbewerbe bei öffentlichen Bauten vorbereitet und durchgeführt werden.“ Weiter: „Warum gibt es bis heute keine Sicherstellung von Mindeststandards für die Durchführung von Architekturwettbewerben, um Missstände, wie jüngst beim Verfahren ,Volksoper' zu verhindern? ... Internationale Vergleiche zeigen, dass rechtmäßig durchgeführte, transparent abgewickelte Wettbewerbe und deren qualitätsvolle Umsetzung die Baukultur bereichern. Wie gedenken Sie in Zukunft sicherzustellen, dass in Österreich die Baukultur einen ihr angemessenen Stellenwert bekommt?“

Sinnvolle Regeln, wie man miteinander umzugehen hat, sind auch in der Architektur ohnehin bereits vorhanden. Sie heißen Wettbewerbsordnung und Gebührenordnung und schreiben genau vor, was wer darf, kann, soll. Wenn diese Regeln von allen anerkannt wären, wenn auch das gute alte Was du nicht willst, dass man dir tu... nicht auf beschämende Art und Weise in Vergessenheit geraten wäre, müssten nicht Vergabejuristen belangt und parlamentarische Anfragen gestellt, sondern dann könnte endlich vernünftig gebaut werden.

22. November 2001 Der Standard

„Volksoperette“ mit Architektur-Akteuren

Gerangel um die Sanierung der Volksoper

Wien - Mit ungewöhnlich harschen Tönen bedachte Michael Buchleitner, Vorsitzender der Wiener Architektenkammer, diese Woche per Aussendung die Österreichischen Bundestheater. Buchleitner bezeichnete deren Entscheidung, die Sanierung der Wiener Volksopernhülle in zwei Schritten in Angriff zu nehmen, als eine „in einem architektonischen Selbstbedienungsladen selbst inszenierte Vergabeoperette“ und sieht in der „halbherzigen Entscheidung“ Sinn und Zweck des Wettbewerbs „konterkariert“, nämlich „der Volksoper gute Architektur zuteil werden zu lassen“.

Im Juli hatte eine Jury die Projekte der Wettbewerbsteilnehmer Zerr, Hapke, Nieländer (Berlin) sowie Wilhelm Holzbauer (Wien) gleichrangig erstgereiht und die Letztentscheidung der Bundestheaterholding überlassen. Deren Geschäftsführer Georg Springer teilte nach mehreren Phasen architektonischer Überarbeitung und kostenmäßiger Berechnung vergangene Woche mit, dass Holzbauer die Fassadensanierung übernehmen solle. In Sachen Foyer, das ebenfalls neu organisiert werden muss, wolle man auf die Berliner Kollegen zurückkommen, sobald die Finanzierung dieser Maßnahme gesichert sei. Den Bundestheatern stehen jährlich etwa 80 Millionen Schilling für die Gebäudeerhaltung zur Verfügung. Die Fassadensanierung beläuft sich laut Gutachten auf etwa 37 Mio.


Heikle Wettbewerbe

Auf die Vorwürfe der Kammer reagierte Springer via Austria Presse Agentur mit Furor: Die „Operetteninszenierung“ habe wohl eher die Architektenkammer aufgeführt, und zwar „ohne den Inhalt der Ausschreibung und damit die Grundlagen des Verfahrens zu kennen“. Dem STANDARD gegenüber betonte Springer, dass man in Kenntnis der momentan heiklen Architekturwettbewerbssituation mit großer Sorgfalt an die Angelegenheit herangegangen und sich keiner Schuld bewusst sei: „Ausgeschrieben waren nur die Fassade und eine Ideenbringung mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass hier die Finanzierung nicht gesichert sei. Wenn wir das Foyer angehen, wollen wir uns auf den Entwurf der Berliner stützen, weil der gut ist.“

Die Berliner zeigten sich erstaunt über die Heftigkeit der Debatte, wollen aber zurzeit keinen Kommentar abgeben. Auch Holzbauer hält sich mit Statements zurück. Er meinte: „Mich wundert eigentlich schon gar nichts mehr.“

21. November 2001 Der Standard

Markenzeichen Licht

Ein an Platznot leidendes Waidhofener Elektrounternehmen leistete sich eine auffällige Betonarchitektur in Form eines neuen Betriebsgebäudes: Die Halle Rigler, geplant von der Wiener Architektengruppe BEHF, liegt wie ein grauer Gesteinsblock zwischen Straße und dem Ufer der Ybbs.

„Gewisse Investitionen rechnen sich sicher“, sagt Franz Rigler, Inhaber der Rigler Electric GmbH und seit kurzem Besitzer eines auffälligen neuen Betriebshauses zwei Kilometer vor Waidhofen an der Ybbs. Die Investition belief sich in diesem Fall auf 24 Mio. S (1,7 Mio. EURO) und steht in Form einer markanten, kaum übersehbaren Halle in freier Landschaft direkt an der Straße nach Waidhofen.

Warum sich ein 60-Millionen-Schilling-Umsatz-Unternehmen ein solches, doch recht kräftiges Investment leistet, erklärt Rigler folgendermaßen: „Erstens hat man lange Zeit große Freude damit, zweitens baut man nur einmal und drittens werden Mitarbeiter, die von architektonischer Qualität umgeben sind, auch an die Kunden Qualität weitergeben.“ Das Unternehmen beschäftigt sich mit Sicherheits-, Anlagen-und Beleuchtungstechnik, die neue Halle samt Bürostruktur wurde notwendig, weil man rasch gewachsen und aus den Nähten geplatzt war.

Die geeigneten Architekten fand der Unternehmer mit der Wiener Gruppe BEHF, deren Projekte er bereits elektrotechnisch begleitet hatte. Rigler wünschte sich eine schnörkselfreie Architektur, ein „einfaches, geradliniges Gebäude mit einem gewissen Schwung“. Für Architekt Armin Ebner von BEHF war er „der ideale Bauherr“. Zu planen begann man im Herbst 1999, im April 2001 konnte das 1377 m² große neue Betriebsgebäude schlüsselfertig übergeben werden. In einer Gegend, die von sehr alter Architektur und einer prachtvollen Landschaft geprägt ist, fällt die raue, fast brutale Sichtbetonskulptur außerordentlich aus dem Rahmen, doch da sie keine unmittelbare bauliche Nachbarschaft hat, ist das ganz in Ordnung.


Glasflächen

Zur Straße hin zeigt sich die Halle bis auf zwei kleinere Fensterausschnitte geschlossen, nach Süden und auf Seite der Ybbs, die parallel zur Straße fließt, gibt es großzügige Glasflächen und Fensterbänder. Von Waidhofen kommend, haben Autofahrer sogar freie Sicht durch eine Glasfassade direkt in die Lagerhalle.

Im neuen Haus arbeiten rund 15 Mitarbeiter, aufgeteilt in die Bereiche Lager, Technisches Zeichen sowie Büro. Es war die deklarierte Absicht von Bauherr und Planern, die einzelnen Bereiche nicht streng und hierarchisch voneinander zu trennen, sondern eine interne Kommunikation auch über das Gebaute möglich zu machen oder sogar zu fördern. Die Architekten hängten deshalb sozusagen das obere Geschoß in den zweigeschoßigen Luftraum und verbanden Oben und Unten über Glasflächen, die Durchblicke auf die Kollegen erlauben.

Das strenge, für viele gewöhnungsbedürftige Material des Sichtbetons wurde hier sowohl außen als auch innen verwendet, die Bereiche der Büros sind weiß gestrichen - und zwar von der Decke bis zum Boden. Ebner: „Wir wollten in diese grobe Außenhaut eine innere Schicht einziehen“. Durch den zweischaligen Aufbau der Betonwände ergeben sich wunderbare Möglichkeiten, Leitungen und andere Versorgungselemente unterzubringen, was für einen Elektrobetrieb, der seinen Kunden auch vor Ort die neuesten Technologien vorzeigen will, nützlich ist.

17. November 2001 Der Standard

Panzer- strickers Erben

Waidhofen an der Ybbs hat den Beweis erbracht, dass gute Architektur und sinnvoller Städtebau nur durch Denken, Reden, Zusammenraufen zu erbringen sind. Das Resultat wurde gerade ausgezeichnet.

Waidhofen an der Thaya ist ein Städtchen mit Tradition - und mit einem ausgeprägten Bewusstsein dafür. Seit 1277 wird die schöne Ortschaft in Niederösterreich als Stadt erwähnt. Eisen und Stahl und die Verarbeitung dieser Materialien brachten nicht nur weithin berühmtes Sensen-, Rüstungs-, Messerallerlei hervor, bereits im Mittelalter bis nach Venedig reichender Handel und entsprechender Reichtum produzierten eine stolze Architekturmasse und auch ein kraftvolles, selbstbewusstes Bürgertum. Waidhofen verwaltet sich bis heute als eine Art Stadtstaat selbst, juristisch nennt man das autonome Statuarstadt, immerhin zählt man 10.000 Einwohner und viele Jahrhunderte.

Wer in das Allerheiligste ehemaliger Schwertschmiede, Hammerproduzenten und Panzerstricker eindringt - und sei es auch noch so behutsam - muss mit einem kritischen, wachen Beäugtwerden rechnen. Der aus Waidhofen gebürtige, heute in Wien ansässige Architekt Ernst Beneder hat es gewagt, und er hat, gemeinsam mit den Waidhofner Bürgern und den Stadthäuptlingen - nach langem konstruktivem miteinander Ringen - auf allen Linien gewonnen.

Beneder verpasste der alten, gewachsenen Stadtarchitektur sorgfältig neue Konturen, sein Revitalisierungskonzept wurde nicht nur großteils umgesetzt, es gewann soeben auch den mit 200.000 Schilling gut dotierten und begehrten Otto-Wagner-Städtebau-Preis, den das Wiener Architekturzentrum und die Österreichische Postsparkasse alle drei Jahre gemeinsam vergeben, um vorzügliche städtebauliche Bemühungen ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Am Anfang stand ein geladener Wettbewerb, den der Waidhofner 1991 klar für sich entscheiden konnte. Damals war eigentlich nur ein Gestaltungs- und Verkehrskonzept für das chronisch autoverstopfte Waidhofen verlangt, Beneders kluger ganzheitlicher Ansatz brachte jedoch eine Eigendynamik in Bewegung, die schließlich die gesamte Stadt erfasste und somit jeden einzelnen Bürger in irgendeiner Form betraf: Straßenzüge wurden neu strukturiert, mit intelligenten, versenkten Stecksystemen für etwaige Kirtage, Straßenfeste, Open-Air-Messen bedacht, das alte, gebrechliche Rathaus wurde modernisiert und revitalisiert, das zuvor als Gstätten sein Dasein fristende Ybbsufer wurde mit vergleichsweise geringem Aufwand zum idyllischen Fluss-Spazierweg und zu einem Naherholungsgebiet, ein paar markante zeitgenössische Architekturelemente frischten das ohnehin prächtige alte Stadtbild zusätzlich auf.


Der Weg zu einer modernen alten Stadt war allerdings lang und von reger Bürgerbeteiligung spaliert. Quasi jeder neue Pflasterstein, jedes Straßenlämpchen wurde gemeinschaftlich diskutiert, die regelmäßig vor Ort stattfindenden Baubesprechungen wuchsen sich im Laufe der Zeit zu willkommenen Bevölkerungs-Stelldicheins aus, auf Waidhofnerisch fröhlich Veranstaltung genannt. Ernst Beneder: „Es bildete sich jedes Mal sofort ein ganzer Rattenschwanz an Leuten, die Baubesprechungen wurden wie eine Abwechslung, eine Unterhaltung gesehen und arteten stets in dreistündige Bürgertohuwabohus aus.“

Andere Planer hätten - von Projektgegnern zum Beispiel bei jedem Schritt sorgfältig mit Videokameras gefilmt - irgendwann genervt das Handtuch geworfen, doch Beneder sah die Dynamik vielmehr positiv-konstruktiv: „Entwurfs- und Entscheidungsprozesse sind nun einmal keine Schreibtisch- und Reißbrettangelegenheit, sondern finden im ständigen Dialog statt. Ohne diese zum Teil ziemlich hitzigen Diskussionen, die für alle Beteiligten, auch für mich, eine Art Ventil waren, wäre das Projekt wahrscheinlich nicht machbar gewesen.“ Beneder ist das Gegenteil eines verspielten Architekten. Er plant klar und kompromisslos, und das ist offensichtlich die optimale Umgangsweise mit alter Substanz. Das alte Rathaus funktionierte er beispielsweise zu einem offenen, hellen Treffpunkt um, ohne dem Historischen am Gemäuer Abbruch zu tun. Im Gegenteil, das Moderne unterstreicht hier das Traditionelle. Angesichts der oft in katastrophale Kitschigkeit mündenden denkmalpflegerischen Anbiederungen, die man alten Häusern zumeist angedeihen lässt, ist das Waidhofener Rathaus eine Augenweide.

Gleich davor befindet sich mitten im Straßenraum ein Brunnen, an dem sich der Stadtgeist derzeit noch ein wenig reibt: In ein gläsernes, lang gestrecktes Brunnengefäß plätschert Wasser, rinnt in Strudeln ab und ergießt sich in eine steinerne Wanne. Was daran auszusetzen sei, ist nicht ganz so klar, gegen dieses Stadtmöbel hat sich jedoch derzeit noch der harte Kern der Erneuerungsgegner eingeschossen. Da Waidhofen aber bisher mit dem Mittel der Bevölkerungsbefragung hantiert und so stets Konsens erreicht hat, dürften auch diese Wogen irgendwann zur Zufriedenheit aller auskräuseln.

„Schön war Waidhofen vorher schon“, konstatiert Beneder, „jetzt funktioniert es halt besser.“ Ein wichtiges Element seines Konzeptes steht noch aus, und zwar eine versenkte Parkgarage im zugeschütteten ehemaligen Stadtgraben, die Altstadt und Erweiterungsviertel logisch miteinander verbinden könnte. Der Waidhofener Kraftakt wäre damit perfekt absolviert. Doch auch so beweist das Waidhofen-Projekt, dass dem Können ein Wollen vorangehen muss, und der Otto-Wagner-Preis gebührt dem Planer, den Stadtverwaltern, den Bürgern zu gleichen Teilen.

14. November 2001 Der Standard

Häuser oder heiße Luft

Der Wiener Rudolf Michael Schindler war eine der wesentlichen Architekturgrößen der kalifornischen Moderne. Die erste umfassende Schau seiner Arbeiten ist ab heute im Wiener Museum für angewandte Kunst zu sehen.

Wien - Rudolf M. Schindler musste ein Vierteljahrhundert tot sein, bevor er bekannt und anerkannt wurde: Bis in die 80er-Jahre beschäftigte sich bis auf ein paar Insider kaum jemand mit Werk und Lebensgeschichte des 1953 in Los Angeles verstorbenen Wieners, obwohl er viele der hübschesten und interessantesten Villen Kaliforniens gebaut und nachweislich dauerhaften Einfluss auf viele zeitgenössische und nachfolgende Architektenkollegen gehabt hat.

Mittlerweile ist Schindler international zu einem Begriff und zu einer Art Markenzeichen geworden. Seine Arbeiten sind umfassend dokumentiert und in einigen Büchern zusammengefasst. Der Mann mit dem Schnurrbart und den für seine Zeit gewagt-kühnen Entwürfen ist fast so etwas wie ein posthumer österreichischer Amerika-Exportschlager geworden.

MAK-Chef Peter Noever war einer der Ersten, die sich intensiver mit dem in jeder Hinsicht - sei es Materialwahl, sei es der Umgang mit Raum - erfrischend innovativen Architekten und seinem Werk auseinander gesetzt haben. Er organisierte 1986 auch eine der allerersten Schindler-Ausstellungen überhaupt, zu sehen im MAK, und seit heute ist dort die bisher sorgfältigste und reichhaltigste Schindler-Ausstellung zu Gast, die es bisher gab.

Organisiert wurde die Schau „R. M. Schindler. Architektur und Experiment“ vom Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles, zu sehen gibt es Modelle seiner wichtigsten Arbeiten, Möbelentwürfe, Archivaufnahmen sowie zeitgenössische Fotografien, diverse originalgetreue Nachbildungen von Details und - bei Architekten des vorcomputerischen Zeitalters fast immer aufregend und interessant - rund 150 Originalzeichnungen.

Schindler hatte Wien 1914 im Alter von 27 Jahren und nach einer Ausbildung unter anderem bei Otto Wagner in Richtung Amerika verlassen, und er lernte schon früh von US-Kollegen wie Frank Lloyd Wright, wie man seine Entwürfe fesch präsentiert. Seine fein konstruierten, bunten Schaubilder sind ausgesprochen schön anzuschauen und zeigen darüber hinaus zwei wesentliche Merkmale Schindlerscher Architektur: Sein kaum übertroffenes Geschick in der Komposition von harmonisch zusammenklingenden Innen- und Außenräumen sowie die sorgfältige Überlegung, welche Architektur auf welche Topographie gesetzt werden soll.

Schindlers Häuser stehen nie zufällig irgendwo, sie passen stets perfekt in ihre Umgebung hinein. Im Laufe seiner 30-jährigen Laufbahn baute er vor allem Einfamilienhäuser, aber auch einige Wohnhäuser, Lokale, Geschäfte. Sie alle gelten heute als klassische kalifornische Architektur, jenseits der gewissen Formkälte, die die Villen der Moderne auszustrahlen pflegten. Schindler: „Der Punkt ist, ob einem mehr daran liegt, dass ein Haus auch wirklich ein Haus ist oder dass es aus Stahl, Glas, Kitt oder heißer Luft besteht.“


[„R. M. Schindler. Architektur und Experiment“, bis 10. 2., MAK, Stubenring 5, 1010 Wien, www.MAK.at]

14. November 2001 Der Standard

Flugzeugtechnik im Büro

Der Laminat- und Verbundstoffhersteller Isovolta hat sich mit den Architekten AT&P ein feines neues Zuhause mit Hightech- Einsprengseln gebaut.

Mitten im zwar übersichtlich strukturierten, von fescher Architektur aber nicht eben gesegneten Industrieareal von Wiener Neudorf steht seit einer Weile ein außergewöhnliches Bürohaus. Gebaut hat es das auf die Produktion und Entwicklung hochwertiger Kunststoffe spezialisierte Unternehmen Isovolta (Jahresumsatz: 2,6 Mrd. S/187,2 Mio. EURO), die ausführenden Architekten waren Achammer, Tritthart und Partner.

Die neue Isovolta-Zentrale (4755 m Bruttogeschoß-, 3942 m Nettonutzfläche) zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus: Zum einen nimmt das Haus für etwa 200 Mitarbeiter die schöne, hierzulande kaum je praktizierte Tradition des Aufstelzens auf, das heißt, man kann bis auf den Bereich des gläsernen Foyers unter dem eleganten Gebäude durchschauen. Zum anderen wurden für die Innenausstattung zum Teil Produkte aus der Unternehmenspalette verwendet, was sich in der sehr kargen, reduzierten, mit exzellenten Sichtbetonelementen verfeinerten Architektur durchaus gut macht.

Die Handläufe der Geländer im luftigen, großzügigen Stiegenhaus etwa bestehen aus hoch isolierenden Kunstharzen, die 100.000 Volt abisolieren können; die Liftkabinen sind mit Folien aus Technischen Laminaten ausgekleidet, die normalerweise im Flugzeugbau Verwendung finden. All diese, quasi zum Spaß hier eingesetzten Hightech-Spielereien sind natürlich Innenausbau-Unikate, weil sie aufgrund der hohen Produktionskosten nicht als architektonisches Massenprodukt in Frage kommen.


Kunststoffkocher

Die Materialien für Büromöbel und Wandverkleidungen sind hingegen wohlbekannte Standardprodukte: Die hier verwendeten max-Platten stammen ebenfalls aus den Isovolta-Kunststoffküchen, ihre Produktion bildet einen wichtigen Geschäftsbereich des Unternehmens.

Die Büros selbst sind schlicht, funktional und von Einzel- bis Großraum zu haben. Lichtbänder sorgen überall für Tageslicht, auch in den Gangzonen, und die Außenraumgestaltung ist ebenfalls vorzüglich durchdacht: Das Bürohaus liegt direkt an einem Ziegelteich, die Mitarbeiter dürfen sich im Sommer an einer Terrasse über dem See samt Einköpfelrampe freuen, und für den Winter hat Isovolta-Chef Silvio Kirchmair angekündigt, jeweils zu Weihnachten feierlich ein Bad im See nehmen zu wollen, sofern das angepeilte Unternehmensergebnis erreicht wurde, was für Arbeitsansporn sorgen dürfte.

Damit die Energieversorgung so fortschrittlich erfolgt, wie es sich für ein Technologieunternehmen gehört, produziert eine 180 m große Photovoltaikanlage an der Fassade mehr Strom, als verbraucht wird. Gekostet hat das Haus übrigens nur 57,6 Mio. Schilling, obwohl es mit 59 Mio. S veranschlagt war, was 11.800 S/m Bruttogeschoßfläche entspricht.

13. November 2001 Der Standard

Wasser als Ort der Begegnung

Die umstrittene Mur-Insel für Graz nimmt Gestalt an. In einem Gespräch mit Ute Woltron reagiert ihr Konstrukteur Vito Acconci auf Kritik und erläutert, was der schwimmende Freizeitpark für die Stadt bedeuten könnte.

Graz - Dieser Tage beginnen in Graz die wasserbaulichen Vorbereitungsarbeiten für die vom US-Künstler und Architekten geplante schwimmende Insel auf der Mur, die eines der Leitprojekte im Programm der „Kulturhauptstadt Europas Graz 2003“ darstellen soll.

Die Installation ist mit rund 70 Mio. S (fünf Mio. EURO) veranschlagt. Vor allem SP und Grüne kritisierten das Projekt als „sündteuer und ohne Nachhaltigkeit“ (Grünen-Klubchef Hermann Candussi). Ende Oktober schließlich gab Programmintendant Wolfgang Lorenz bekannt, dass die Finanzierung des Projektes gesichert und die wasserbautechnischen Versuche positiv abgeschlossen seien, der Ausführung des Projektes also nichts mehr im Weg stünde. Die Bewilligung seitens des Bundes lässt freilich auf sich warten. Die Fertigstellung der umstrittenen Installation wäre mit Ende 2003 geplant.

Ihr Konstrukteur, Vito Acconci (62), wuchs in den Bronx auf und begann seine Karriere in den 60er-Jahren als Dichter und Poet. In den 70ern erregte er mit avantgardistischen Videoarbeiten und Body-Performances Aufsehen und wandte sich schließlich Raum- und Architekturinstallationen zu. Heute betreibt er ein Architekturbüro in New York.


STANDARD: Was erwartet die Besucher auf Ihrer Installation?

Vito Acconci: Die Insel treibt auf der Wasseroberfläche und beinhaltet ein Café, ein Theater und einen Spielplatz. Eine geeignete Form für das Theater schien uns die Kugel zu sein, für das Café haben wir das Element Kugel umgestülpt und zu einer Kuppel gemacht. Das gesamte Projekt besteht also aus Kugelformen, die sich drehen, verziehen und ineinander stülpen. Die verschiedenen Funktionen sollen fließend ineinander laufen, denn auch das Wasser rund um diese Insel fließt und bewegt sich ständig, und wir wollten etwas konstruieren, das ebenfalls flüssig und veränderlich ist.

STANDARD: Aus welchem Material wird die Insel sein?

Acconci: Sie ist eine teils offene, teils geschlossene Stahlkonstruktion. Sie ist über Stege erreichbar. Ursprünglich wollten wir einen Tunnel unter dem Fluss führen, doch das war zu teuer. Geld bleibt eben ein formender Faktor in der Architektur. Ich hoffe, dass das Ding wie ein Raumschiff auf dem Fluss liegen und man sich auf einer Art treibender Welt befinden wird.

STANDARD: Die Mur ist ein bescheidenes Flüsschen. Wäre es nicht aufregender, dieses Projekt in einem großen Strom auszuführen, etwa der Donau?

Acconci: Kann schon sein, doch Graz und nicht Wien hat mich gebeten, das Projekt zu machen. Außerdem glaube ich nicht, dass diese Insel unbedingt einen großen Fluss braucht. Es scheint mir, als ob die Mur von der Stadt und ihren Bewohnern nicht genutzt würde. Sie fließt ganz vergessen durch die Stadt. Vielleicht wird der Fluss mit diesem Projekt wieder ein Teil von Graz. Ich glaube, das Einzige, was dieses Projekt wirklich braucht, ist das Wasser als Umgebung.

STANDARD: Würde es die Mur-Insel auch nach 2003 geben?

Acconci: Das Projekt wird speziell für das Jahr 2003 entwickelt. Ich hoffe, dass dieser öffentliche Raum weiter verwendet werden wird und sich ein späterer Nutzer findet. Im Moment steht noch nichts fest, es wird sich zeigen, ob ein Privater die Insel kaufen, mieten, nachnutzen will. Es kann auch sein, dass Graz Interesse daran hat.

STANDARD: Es gibt viel Kritik am Projekt, vor allem an den Kosten von 70 Millionen Schilling, die hinsichtlich des Gesamtbudgets von Graz 2003 enorm sind. Ist sie berechtigt?

Acconci: Ich hoffe, dass das Projekt nicht so sehr als Kunstwerk betrachtet wird, sondern als Ort, den Leute besuchen und in Besitz nehmen. Ich hätte es nicht so gerne als Art-Thing verstanden, sondern vielmehr als Ort, an dem die Leute einander treffen, kommunizieren, essen, trinken, sich wohl fühlen, wo Theater passiert, verschiedene Musik gespielt wird.

Was das Geld anbelangt: Ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. Natürlich ist das Unterfangen im Vergleich zu den anderen Projekten gut dotiert, es kostet in der Tat mehr als andere Projekte, und ich kann verstehen, dass das manche Leute ein wenig aufregt, dass jemand, der nicht aus Graz kommt, so etwas realisieren kann. Doch wir bauen schließlich eine Insel, der Fluss ist ein wildes Ding, das gezähmt werden muss, und dafür ist das Budget klein.

STANDARD: Sie selbst haben Ihre Laufbahn als Künstler begonnen, arbeiten seit geraumer Zeit aber hauptsächlich als Architekt. Wie ist das passiert?

Acconci: Es ist schleichend passiert. Meine Ausstellungen wurden immer mehr zu Installationen, ich habe begonnen über den Raum nachzudenken und bin draufgekommen, dass es vernünftiger ist, den Raum nicht in Galerien und Museen, sondern in der wirklichen Welt zu gestalten. Mich haben Leute viel mehr angesprochen, die eigentlich gar kein Interesse an Kunst haben, die einfach verwenden und gebrauchen, was ich ihnen bereit stelle. Nicht weil ihnen irgendjemand gesagt hat, das sei Kunst, sondern weil sie für sich entschieden haben, das sei interessant.

10. November 2001 Der Standard

Die Werkstatt-Büro-Wohnung

Monokultur in der Architektur hat weitgehend ausgedient: Die Zukunft gehört der Durchmischung von Arbeitsstätte, Büro und Wohnung. Ein Beispiel dafür von BUS Architektur in Wien.

Im gleichen Maße, wie sich soziale und ökonomische Strukturen verändern, wird auch das gebaute Umfeld einer Gesellschaft schleichend modifiziert. Das passiert naturgemäß immer ein wenig zeitverzögert und wird am Anfang unter Umständen argwöhnisch beäugt, doch Architekturen dieser Art haben sich auf lange Sicht immer noch durchgesetzt. Dennoch mutig diejenigen, die sich an derlei Avantgarde-Projekte heranwagen.

Die Wiener Architektengruppe BUS, das sind die Argentinier Laura P. Spinadel, Claudio J. Blazica und der Österreicher Rainer Lalics, haben über viele Jahre hinweg, aufgefordert von der Stadt, ein solches Projekt geplant und schließlich durch- und umgesetzt. Die so genannte Compact City in der Wiener Donaufelderstraße 101 (21. Bezirk) wurde vom Bauträger SEG errichtet, wird auch von ihr verwertet und ist nun so gut wie fertig gestellt.

Das Besondere an diesem Gebäudekonglomerat ist die feine Durchmischung des gesamten, geschickt gegliederten Blocks mit Geschäften, Büros, Wohnungen und Werkstätten für Gewerbebetriebe - und die beachtliche Dimension des Projekts. Denn in kleineren Varianten wurden Versuche in diese Richtung zwar bereits zuvor unternommen. Die Compact City erstreckt sich aber über eine Grundstücksfläche von mehr als 10.000 Quadratmetern. Rund 72.000 Kubikmeter Raum wurden umbaut sowie eine Bruttogeschoßfläche von etwa 32.000 Quadratmeter gewonnen. Die Baukosten betrugen 210 Millionen Schilling (15,25 Mio. EURO).

Der kleine Stadtteil für Leute, die dort arbeiten wollen, wo sie wohnen, ist strukturell ausgesprochen kompliziert und deshalb effizient aufgebaut. Anlieferungszonen und -rampen mussten berücksichtigt werden, die bewohnten Zonen sollten dabei jedoch unbeeinträchtigt bleiben. Die Architekten haben den zur Verfügung stehenden Platz wohlüberlegt in Geschäfts-, Wohn-, Büro- und Arbeitsblöcke zerlegt, die verschiedenen Nutzungen rinnen schlau ineinander. So bietet das Ensemble Interessenten die verschiedensten Organisationsmöglichkeiten, von der klitzekleinen Büroeinheit mit angeschlossener Gar¸connière bis zur Werkstatthalle von Fußballfeldgeräumigkeit mit Dienstwohnung ein Stockwerk darüber.


Fußgängerzonen

Halb private, halb öffentliche Fußgängerzonen erschließen die gesamte Angelegenheit in alle Richtungen, es bildet sich im vorderen Bereich eine große „urbane Platte“ heraus; es gibt einen weiten, von Restaurants, Cafés gesäumten, von Geschäftspavillons getüpfelten, teils begrünten Platz hoch über dem Donaufelderstraßenniveau.

Die Architekten haben die Anlage solchermaßen konzipiert und durchgefeilt, dass nach Wunsch die verschiedenen Einheiten zusammengelegt und getrennt werden können. Das funktioniert sowohl auf einer als auch auf mehreren Geschoßebenen und kann bei Bedarf oder für Nachnutzer rasch und einfach rückgebaut werden.

Die Nachfrage nach solchen multifunktionalen Architekturen dürfte in den kommenden Jahren heftig werden, Homeworking ist eindeutig ein Trend, dem auch baulich entsprochen werden muss. Die Compact City wurde als erster Schritt dorthin bereits honoriert und vor zwei Jahren mit dem Otto Wagner Städtebaupreis ausgezeichnet.

BUS haben zwar eine ausgesprochen komplizierte Struktur ersonnen, sie aber unkapriziös und ohne Allüren ausgeführt. Die Details sind einfach und gelungen, und dass die strengen Wohnbauförderungskategorien einzuhalten waren, merkt man kaum, was gediegene Architektenarbeit auszeichnet.


[Am 17. November ist Tag der offenen Tür in der Compact City in Floridsdorf.]

10. November 2001 Der Standard

„Wir reißen uns den Hintern auf und verbluten“

Teil 2 des Architekten-Streitgesprächs zu den Themen Stadtplanung, Vergabe- und Bauherrenkultur, moderiert von Ute Woltron.

Die heimische Architekturszene kracht. Das ALBUM bat die Architekten András Pálffy, Elsa Prochazka, Heinz Neumann, Kammerpräsident Peter Scheifinger sowie den Leiter der ÖBB-Bahnhofsoffensive, Norbert Steiner, zur Diskussion, um die Gründe dafür auszuloten: Fortsetzung der Diskussion. (Teil 1 ist über http://derStandard.at abrufbar.)

ALBUM: Man hört, dass die Unterschreitung der GOA (Gebührenordnung für Architekten), die sich in den vergangenen Jahren zwischen 7 und 30 Prozent eingependelt hat, mittlerweile bis auf 50 Prozent geht.

Neumann: Selbstverständlich.

Scheifinger: Nochmals: Städtebauliche Wettbewerbe beeinflussen auf das Äußerste die Wirtschaftlichkeit und Prosperität einer Kommune, eines Viertels. Früher haben solche Verfahren noch den Geist geatmet, dass Städtebau nicht etwas ist, was man in den nächsten drei oder fünf Jahren realisiert. Sie haben langfristige Perspektiven einer Stadt aufgezeigt. Da war es klar, dass der Realisierungsanspruch von den Teilnehmern nicht gestellt werden konnte. Die Preisträgerprojekte haben dazu gedient, Ideen zu liefern, und es gab entsprechende Preisgelder.

Prochazka: Die zehnfach so hoch waren wie die heutigen.

Scheifinger: Klar. Es gab Preisgelder von 600.000 Schilling, obwohl der Sieger nicht gebaut hat. Bei Projekt- und Realisierungswettbewerben hingegen ist es infam, wenn hinterher nicht gebaut wird. Da ist Schadenersatz evident. Allerdings sind nicht alle Verfahren dieser Vergabe-Rechtsnorm unterworfen und bevorzugen den Auslober aus der privatwirtschaftlichen Gestion heraus. Wenn der Blöde, Arme, Finanzschwache findet, die da mittun, dann wird er die noch weiter ausbluten lassen, vernichten und in der Folge Mangelprodukte bekommen.

Ein Verfahren steht und fällt mit dem Auslober?

Scheifinger: Solange die Auftraggeber, sowohl privater als auch öffentlicher, das nicht erkannt haben, werden wir weiterhin gequält werden, weil wir Architekten sind, weil wir bauen wollen, weil das unser Beruf ist.

Offenbar war die Situation einmal deutlich besser. Hat ein Niedergang in der Architekturkultur stattgefunden?

Scheifinger: Nicht in der Architektur-, sondern in der Auftraggeberkultur.

Prochazka: In der Bauherrenkultur, würde ich sagen.

Steiner: Es ist aber auch so, dass selbst gute Architekten freiwillig wirklich viel an Honorar nachlassen, also es sind nicht immer nur die Auftraggeber die Bösen.

Neumann: Die Auftraggeber verlangen andererseits unseriöserweise städtebauliche Studien als Eintrittskarten für Projekte und bezahlen dafür gar nichts. Das ist eine Zumutung.

Steiner: Es ist für Auftraggeber legitim zu sagen: Wir wollen eine erste Idee, eine Skizze, wie ihr ein Problem städtebaulich lösen würdet.

Prochazka: Das ist eine völlige Fehleinschätzung einer Aufgabenstellung.

Neumann: Städtebaulich zum Beispiel den Praterstern einzubetten, wie das die ÖBB gerade in einem Wettbewerb verlangen - wissen Sie überhaupt, was das für eine unglaubliche Arbeit ist?

Pálffy: Das ist so, als ob ein Arzt eine Ferndiagnose aus ein paar Dutzend Metern macht und meint: Sie könnten vielleicht Bauchweh oder Halsweh haben. Was kann man mit einer Skizze seriös darstellen?

Steiner: Ich will das ja nicht fein durchgearbeitet haben, sondern gute Ideen bekommen.

Scheifinger: Ich würdige den Anspruch, den Aufwand papiermäßig zu verringern, aber der geistige Input geht über die Skizze weit hinaus, wenn man nicht nur ein paar Striche abgeben will.

Neumann: Ich kann ja auch gleich ein Comic liefern.

Steiner: Was soll ein Auftraggeber wie die ÖBB also tun?

Scheifinger: Die Antwort muss von der Stadt Wien kommen. Die Stadtplanung muss prinzipiell dafür sorgen, dass Rahmenbedingungen für Projekte geklärt sind.

Steiner: Darauf warte ich ja schon seit zwei Jahren.

Neumann: Und jetzt sollen das die Architekten kostenlos liefern, wenn's die G'moa nicht bringt?

Scheifinger: Die ÖBB muss Schnittstellen zur Stadt vorfinden. Ich habe schon vor drei Jahren Klotz und Görg darauf angesprochen, als die Bahnhofsoffensive noch gut in Fahrt war, und gefragt: Was tut ihr zur Vorbereitung, um der Bahn entgegenzukommen? Die städtebaulichen Rahmenbedingungen hat die Stadt selbst zu schaffen.

Was tut die Gemeinde eigentlich wirklich?

Pálffy: Sie will, dass privates Kapital in der Stadt Fuß fasst. Die Staatskassen sind leer, doch dann wäre es auch Aufgabe der Gemeinde, diese Prozesse zu moderieren. Das beginnt bei Wettbewerben und geht bis hin zur begleitenden Kontrolle, dass alles ordentlich umgesetzt wird. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, nicht nur für Investoren, sondern auch für die Stadt.

Steiner: Eine vorbereitende Flächenwidmung gibt es nicht mehr, es gibt nur eine anlassbezogene. Auch werden keine Anreize für Investoren geschaffen, du musst immer selbst als solcher auftreten, damit überhaupt etwas geschieht.

Prochazka: Richtig, und das Anlassbezogene ist natürlich immer das Schwächste. Ich will aber noch etwas dazu sagen: Ich bin entsetzt darüber, dass Sie als wichtiger Bauherr offenbar keine Ahnung von bestimmten Aufgabenbildern, wie etwa dem Städtebau, haben. Das ist ein Problem für uns Architekten, dass wir nicht vermitteln können, was wir als Input zu leisten haben. Es gibt zum Beispiel eine schöne Skizze von mir zu einem 35 Hektar großen Baugrund, die Vorarbeit dazu hat aber drei Monate beansprucht.

Scheifinger: Und die Vorleistungen werden von der Stadt einfach nicht erbracht. Die Stadtplanung ist zahnlos geworden, weil sie kein Geld hat.

Neumann: In Wien findet überhaupt keine Stadtplanung statt.

Pálffy: In der Wiener Innenstadt sind etwa zwei Tiefgaragen geplant, die ein erhöhtes Verkehrsaufkommen in die Altstadt bringen werden. Da geht es um grundlegendes Verständnis, was Stadt- und Verkehrsplanung ist. Ein übergeordnetes Verkehrskonzept ist in seinen Konturen nicht erkennbar.

Die Architektur scheint also eine verfahrene Szene zu sein, in die man sich als junger Mensch besser nicht begibt?

Scheifinger: Im Gegenteil. Wegdenken, Wegschauen ist nicht zulässig. Daher sitzen wir jetzt hier, sitzen in unseren Büros, reißen uns den Hintern auf für die Thematik und verbluten langsam irgendwann einmal. Und am Ende haben wir nicht wenig, sondern weniger als nichts am Konto.

Neumann: Bravo. So ist es.

Scheifinger: Es gibt bereits Beispiele, wo die Banken über bankrotte Kollegen sagen: Das ist ein wichtiger Mann in der Stadt. Ein paar intervenieren auch für ihn, dann gibt es irgendwann einfach einen Schuldennachlass oder Konkurse.

Neumann: Schuld daran sind die GOA-Abschläge und die unseriösen Wettbewerbe. Auch für die Verfahren muss es die Gebührenordnung spielen. Wenn das Projekt dann, aus welchen Gründen auch immer, nicht umgesetzt wird, so ist das ebenfalls zu bezahlen. Es gibt für einen Bauherrn, der uns Architekten in Hundertschaften fordert, kostenlos Millionen hinzutragen, keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Der sitzt für mich am Spieltisch wie ein Croupier, und er muss auch auszahlen. Der kann nicht aufstehen, hinausgehen und sagen: Heute ist nix.

Steiner: Dann wird es nicht mehr lange Wettbewerbe geben.

Neumann: Das wäre ohnehin das Klügste, wenn die sittliche Reife der Auslober fehlt. Der Wettbewerb ist eine moralische Instanz, die von beiden Seiten wahrgenommen werden muss.

Prochazka: Ich bin ergebnisorientiert und frage mich, ob volkswirtschaftlich nicht enorme Summen vergeudet werden.

Neumann: Wir haben nicht mehr das Kapital, jedes Projekt in der Tiefe, Schärfe, Genauigkeit zu führen, weil wir das gesamte Geld in nicht gebaute Wettbewerbe stecken.

Das alles ist bekannt, aber wie kommt man aus der Situation heraus? Warum berechnet die Kammer nicht, welche Summen verschleudert werden und wie teuer die Körperschaften letztlich schlecht umgesetzte Wettbewerbe kommen?

Scheifinger: Ich habe genau das vor Jahren mit Hannes Swoboda besprochen, der gemeint hat: Na, rechnet das einmal aus. Aber wir haben nicht den Apparat der Magistrate hinter uns. Die haben die Beamten und die Rechenstifte, warum soll das delegiert werden? Die Körperschaften müssen das selbst nachrechnen.

Sie tun es aber offensichtlich nicht.

Scheifinger: Dann muss man sie zwingen.

Prochazka: Die Kammer wäre schon ein Instrument, so etwas zu machen. Wir zahlen ja schließlich Beiträge.

Scheifinger: Ich leide schon darunter, den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten. Ich kann es nicht machen, weil das Geld nicht da ist. Der Magistrat hat die Beamten, was tun die bitte?

Es geschieht aber nicht, weshalb wir nicht aus dem Problem herauskommen. Wie schaut also die Strategie aus?

Scheifinger: Dann muss es die öffentliche Meinung verlangen. Es geht schließlich um viel Geld. Ein städtebaulicher Wettbewerb, der schlecht ausgeht, kostet unter Umständen Milliarden. Schlechte Architektur produziert enorme Folgekosten.

Das wissen die Architekten, aber sonst kein Mensch.

Scheifinger: Der Souverän, der mit öffentlichen Geldern jongliert, muss rechnen. Nehmen wir nur aus aktuellem Anlass Karlsplatz und Künstlerhaus her.

Pálffy: Da werden um mindestens 23 Milliarden Schilling U-Bahn-Erweiterungen aus dem Zentrum an die Peripherie gebaut, es gehen täglich mindestens 50.000 Personen in dieser Station rein und raus. Das gesamte Areal liegt als großartiges Verkehrsbauwerk brach. Wenn man drüberfährt, glaubt man am Verkehrsverteiler Süd zu sein, nur statt dem Horr-Stadion steht der Musikverein dort. Das sind die Realitäten. Um eins komma irgendwas Prozent der genannten Summe könnte man die gesamte Situation dort tadellos in Ordnung bringen und die Lebensqualität Tausender Menschen aufwerten. Es handelt sich um einen der wichtigsten Orte in einer Stadt, die sich eigentlich als Kulturstadt versteht. Das geht aber alles nicht, weil die U-Bahn keinen Lift auf die unteren Geleise führen kann - denn das sind die Argumente, bei denen wir als Architekten, die den Ort verbessern wollen, landen.

Prochazka: Dieses Projekt ist ein klassisches Beispiel: Hier hat ein Gutachterverfahren mit erstklassigen Architekten stattgefunden, das Büro Jabornegg-Palffy hat es gewonnen, baureif geplant, jetzt ist das Projekt abgestürzt, und sie kämpfen um ihr Honorar. Ein Symptom der allgemeinen Situation.

Offenbar mangelt es an gescheiter Organisation architektonisch-städtebaulicher Prozesse, und es gibt einen eklatanten Mangel an Wertschätzung gegenüber der Arbeit, die Architekten zu erbringen imstande sind. Wie steuert man dem entgegen?

Neumann: Das beginnt damit, dass nicht der Architekt nachweisen muss, die finanzielle Potenz für einen Auftrag zu haben - das geht so weit, dass man aufgefordert wird, Bankgarantien vorzuweisen - sondern der Bauherr müsste die Bankgarantie legen, dass er sich das Haus überhaupt leisten kann.

Prochazka: Ich gebe eines zu bedenken: Die Diskussion über Wettbewerbe suggeriert, wenn alles ordnungsgemäß abgehandelt würde, wäre die Welt in Ordnung. Doch Wettbewerbe können nie objektiv sein und stellen ruinöse Verfahren dar: ein Roulette, das die Architekten immer wieder zu spielen gezwungen sind. Sie sind das einzige gesellschaftlich akzeptierte Glücksspiel, das es in Österreich gibt.

Neumann: Wobei im Kasino definiert ist, wievielfach was ausbezahlt wird. Wir wissen hingegen nicht, ob der Croupier überhaupt ausbezahlt. Das ist für mich der Grund, warum ich lieber in ein Kasino gehe, als einen Wettbewerb zu machen. Am Wettbewerb Kulturinstitut New York haben 260 Architekten teilgenommen, die haben insgesamt mehr hineingesteckt, als der schließlich mit dem Bau beauftragte Wettbewerbssieger Raimund Abraham an Honorarsumme bekommen hat.

Scheifinger: Dabei war bei diesem Wettbewerb, wie bei anderen auch, eigentlich von vornherein klar, wer letztlich ganz vorne mitmischen würde. Alle anderen sind verheizt worden.

Prochazka: Jeder, der die Szene ein bisschen kennt, weiß, dass das natürlich stimmt. Die Botschaft in Berlin ist auch so ein Fall. Warum kann Hans Hollein nicht direkt beauftragt werden?

Scheifinger: Das ist anders gelaufen, da war die Wirtschaft beteiligt. Stahl- und Steinfassade haben hinter den Kulissen miteinander gerungen.

Wer wäre Stahl gewesen?

Scheifinger: Man zwinge mich bitte nicht, vor laufender Kamera die Hosen herunterzulassen.

Prochazka: Wir sind keine Neidgenossenschaft. Bei manchen Projekten ist es natürlich sinnvoll, direkt ohne Wettbewerb zu vergeben.

Scheifinger: Die Architektur muss es schaffen, mit den richtigen Gesprächspartnern am Diskussionstisch zu sitzen. Ich will nicht mit einem Leiter einer MA verhandeln, sondern mit dem Stadtrat. Die Handschlagqualität ist abhanden gekommen, alle verstecken sich hinter Verordnungen und Gesetzen.

Gab es diese Handschlagqualität denn wirklich einmal?

Scheifinger: Natürlich, keine Frage, und es ist noch nicht allzu lange her.

Pálffy: Noch etwas: Für rund 1300 Wiener Kammermitglieder gab es heuer genau einen öffentlichen Wiener Wettbewerb, und das war die Katharinengasse.

Scheifinger: Das war kein Wettbewerb, das war ein Massaker. Und das nächste Massaker folgte mit Schönbrunn.

Pálffy: Für mich heißt das, dass eine Moderation der Stadt einfach hergehört. Eine gewisse Breite, eine qualitative Auseinandersetzung - und das entsprechende Klima könnte gefördert werden. Revolutionen passieren nicht von einem Tag auf den anderen. In Basel, um ein Beispiel zu nennen, ist aufgrund eines engagierten Beamten eine architektonische Blüte entstanden. Es gibt auch weitere Beispiele, in Spanien, Holland usw. Da gibt es Qualitätsbegriffe, die unangefochten sind, und wenn man die respektiert, dann funktioniert es. Das illustriert, dass neben einem angebrachten Regelwerk eine der Grundlagen für gute Architektur vor allem der Wille dazu sowie eine gewisse Kompetenz in der Materie ist. Wenn man die nicht hat, muss man sich um ein Umfeld bemühen, muss sich lokale und durchaus auch externe Experten holen, um Qualitätsarchitektur bewirken zu können.

5. November 2001 Der Standard

Türmchenbau zu Schanghai

Österreich gibt seine Visitenkarte als Land der Baukunst wie des Designs ab: Ute Woltron über eine imposante, von Hans Hollein kuratierte Schau im „Shanghai Art Museum“.

Schanghai - Die österreichisch-chinesischen Kulturbeziehungen sollen künftig mit System vertieft werden, der ersten Spatenstich dazu erfolgte am Wochenende in Schanghai: Kunststaatssekretär Franz Morak eröffnete quasi Hand in Hand mit Architekt und Kurator Hans Hollein eine großzügige Ausstellung österreichischer Kulturprodukte, und es ist kein Zufall, dass es sich bei den Exponaten im Shanghai Art Museum hauptsächlich um Ansichten heimischer Paradearchitekturen handelt.

Schanghai selbst ist derzeit die emporschießende Baustelle der Welt - die blutjungen Wolkenkratzer hier nehmen sich gegen die gediegen gewachsenen Wiener Hochhäuserln aus wie Stangenbohnen gegen Radieschen. Beides hat seine Qualität, auch die Geschwindigkeit wird ein zunehmend wichtiger Faktor in der Architektur, und wie sich andererseits die Baukunst mit Design und Kunst zu einer neuen Disziplin verbünden kann, hat Hollein international an vorderster Front vorgezeigt.

Die von ihm kuratierte Ausstellung mischt denn auch Kunst, Architektur, Design zu einem bekömmlichen Cocktail, dem es, einigen Unkenrufen zum Trotz, weder an Jugendlichkeit fehlt noch am gediegenen weiblichen Input. Holleins Crossover-Geschick, die gesamte Szene zu einem Präsentationsteppich zu verknüpfen, ist beeindruckend, und dass eine Überblicksschau nicht dazu da ist, den allerneuesten Tendenzen der Branche auf den letzten Milchzahn zu fühlen, versteht sich von selbst.

Der Bogen der gezeigten Arbeiten spannt sich weit von der wohletablierten Klientel, wie Wilhelm Holzbauer und Gustav Peichl mit ihren Wiener Türmen, bis zur jüngeren Garde, hier vertreten etwa von Henke & Schreieck, Delugan & Meissl, Rainer Pirker und Florian Haydn, und reicht bis hin zu Coop Himmelb(l)au und Zaha Hadid. Hollein hat sich selbst und seinen Media-Tower freilich nicht vergessen.

Die Designschiene der Ausstellung ist ein wenig schmal: Walter Pichlers Fauteuilklassiker Galaxy ist zu sehen und Paolo Pivas Wittmann-Entwürfe stehen elegant herum, insgesamt hätte Österreich hier allerdings mehr zu bieten, vor allem im Bereich des ausstellungsmäßig stets unterbelichteten Industriedesigns. Etwas umfassender hat man sich der bildenden, der Medien-und der angewandten Kunst angenommen, wohl weil die Sammler Karlheinz und Agnes Essl ihre Kunstkammern zur Verfügung gestellt haben.

Der Kurator hat auch in diesem Bereich versucht, ein Gesamtgemälde zu erstellen, und Valie Export, Franz West, Peter Kogler, Heimo Zobernig, Hans Christian Attersee, Maria Lassnig, Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Hubert Schmalix unter ein Ausstellungsdach gebracht.

Holleins Schanghai-Ausstellung versucht einen, wie er meint, „Crossover zwischen den Künsten“, der den Österreichern seiner Ansicht nach mit „fließenden Übergängen zwischen den Bereichen Malerei, Plastik, Architektur und auch Medien, Film, Design, Mode“ besonders zu liegen scheint. Die international meistbeachtete Kunstentwicklung Österreichs im vergangenen Halbjahrhundert bleibe aber die Architektur.


[„Austrian Contemporary Art, Architecture and Design“, Shanghai Art Museum, bis 30. 11., ein Katalog ist bei Holzhausen erschienen.]

3. November 2001 Der Standard

Die Branche wird mit System ausgeblutet

Die Architektur kämpft gegen Honorardrückerei, fiasköse Wett- bewerbe, mangelnde Stadtplanung und die Windmühlen der Bürokratie: Teil 1 eines Streitgesprächs, moderiert von Ute Woltron

Die heimischen Architekten liefern zwar hervorragende Produkte, bekommen internationale Anerkennung, sind selbst aber dabei großteils fast pleite. Das ALBUM bat die Architekten András Pálffy, Elsa Prochazka, Heinz Neumann, Kammerpräsident Peter Scheifinger sowie den Leiter der ÖBB-Bahnhofsoffensive, Norbert Steiner, zur Diskussion, um die Gründe dafür auszuloten. Warum kracht es also dermaßen im Architektengebälk?

Elsa Prochazka: Ich bemerke, dass sich bedauerlicherweise ein Klima der Gegnerschaft zwischen Bauherren und Architekten herausbildet. Das ist einer der Gradmesser der Verschlechterung der Situation. Letztlich haben beide ein gemeinsames Interesse, nämlich ein ökonomisches, optimales Ergebnis zu erzielen. Ich verstehe nicht, warum es da Reibungsverluste durch Gegnerschaft geben muss.

András Pálffy: Das Schitzophrene ist folgendes: Architekturführer aus den 70er-, 80er-Jahren sind dünn und klein. Heute gibt es Architekturführer für fast jede Region, es gibt sichtbar eine dichtere Qualität in der österreichischen Architektur. Zugleich kämpfen viele Büros wirtschaftlich um das Überleben, was es früher einfach nicht gab. Außerdem bemerkt man, dass diese gute Architektur hauptsächlich auf private Initiativen zurückzuführen ist.

Prochazka: Gleichzeitig hat aber in der Öffentlichkeit die Diskussion über Architektur enorm zugenommen, auch in den Medien. Es gibt Institutionen wie Architekturstiftung und Architekturhäuser. Es leben also ganze Branchen vom Thema Architektur ganz gut - nur nicht die Architekten selbst.

Viele Architekten behaupten, dass ihre Leistungen nicht entsprechend abgegolten werden und Planungen oft auf ein Nullsummenspiel herauslaufen. Wie schaut die Zahlungsmoral der Auftraggeber tatsächlich aus?

Peter Scheifinger: Man darf den von den Kollegen selbst dargebotenen Honorarnachlass nicht außer Acht lassen. Der bringt Auftraggeber natürlich dazu, sich dieses Verhalten allgemein anzueignen.

Prochazka: Die Honorarordnung (Anm.d.Red.: Die GOA regelt das Architektenhonorar nach erbrachter Leistung) ist ein komplexes Thema, und ein wichtiger Punkt ist dabei, wann sie überhaupt einsetzt. Es gibt tatsächlich für die Architekten lange Fristen der Vorfinanzierung: Das ist ein schleichender Nachlass, über den nie gesprochen wird. Im Wohnbau greift es darüber hinaus um sich, dass die Bauträger den Architekten bis zur Einreichung beauftragen, dann wird das Projekt samt der Architektenleistung zu einem Bruchteil der Architektenhonorare auf Generalplaner übertragen, was einen enormen Informations- und letztlich Qualitätsverlust bedeutet. Die Verantwortlichkeit entgleitet dem Architekten zunehmend. Die vorhin genannten Abschläge sind nur die Spitze des Eisberges.

Scheifinger: Andererseits erkennen immer mehr Bauherren, dass Qualität besser vermarktbar ist.

Prochazka: Das gilt nicht für den Wohnbau.

Scheifinger: In Einzelfällen schon.
Pálffy: Schön, dass es das gibt, aber in Summe schaut's ganz anders aus. Letztlich zählt bauherrenseits nur mehr der Einsparungswille, mit dem oft ein Mangel an inhaltlicher Kompetenz kompensiert werden soll. Das endet auch im letzten Nachlass, nämlich damit, dass man auf die Bezahlung der Schlussrechnung noch einmal zwei Jahre warten muss.

Jede andere Branche würde sich das nicht gefallen zu lassen. Die Architekten scheinen ein sehr geduldiges Volk zu sein.

Heinz Neumann: Diese Branche ist ausgeblutet, und zwar mit einem System, das Wettbewerb heißt. Wir werden laufend gezwungen aus Gründen der Existenz an diesen Verfahren teilzunehmen. Dann passieren die eigentümlichsten Dinge, der Bauherr sagt etwa: Schön, der Wettbewerb, aber ich bau jetzt doch lieber nicht. 50 Architekten haben teilgenommen, jeder hat 300.000 bis 500.000 Schilling ausgegeben, damit sind zig Millionen in den Rauchfang geblasen. Das ist ruinös, denn es gibt kein Äquivalent, das diese Berufsgruppe wieder in eine Gewinnsituation führt. Wir haben für das Kulturbewusstsein der Nation beizutragen, ohne bezahlt zu werden. Daher haben die meisten Büros absolut keine Reserven und sind gezwungen, unmenschliche Vertragsbedingungen einzugehen, um überhaupt zu überleben.

Wie schauen solche Vertragsbedingungen konkret aus?

Prochazka: Das vorhin Gesagte gilt für jeden Vertrag. Ich kann das in jedem Punkt unterstreichen. Ich habe im vergangenen Jahr vier Wettbewerbe mitgemacht, zwei gewonnen, davon ist einer aus politischen, der andere aus Widmungsgründen abgestürzt. Ich kann mir also die zwei gewonnenen auch in die Haare schmieren. Ich habe dafür 500.000 Schilling Abgang zu verbuchen. Wenn sich die Situation jedes Jahr so darstellt, kann man sich leicht ausrechnen, wohin das führt.

Agieren die Auslober fahrlässig?

Prochazka: Es nützt alles nichts, denn auch wenn alle vier Parteien in der Jury vertreten sind, stürzen Wettbewerbe ab, trotz Konsens. Der Wettbewerb ist ein prinzipiell ungeeignetes Verfahren, um zu innovativen und guten Ergebnissen zu kommen.

Wie sieht die Situation ein potenter Architektur-Auftraggeber wie die ÖBB?

Norbert Steiner: Für mich gehört dazu, dass man über Wettbewerbe auch geliefert bekommt, wie ich widmen soll und was ich wo baue.

Auch städtebauliche Vorstudien?

Steiner: Es handelt sich eben um Ideenwettbewerbe, und die Architekten brocken sich selbst schon viel ein, wenn zwar wenig gefordert, aber unheimlich viel geliefert wird. Ich glaube, dass man sich als Architekt prinzipiell einmal mit anderen Rollenbildern beschäftigen sollte. In anderen Ländern gibt es den Designarchitekten, der sich halt auf bestimmte Sachen beschränkt. Nicht jeder Wohnbau muss aus einem Wettbewerb entstehen, wo 50 Leute mitmachen.

Das hört sich nach Wohnung als austauschbare Ware an, vielleicht geht der Weg ja wirklich dorthin?.

Steiner: Wir stellen uns den Architekten jedenfalls als jemanden vor, der auch noch das letzte Schrauberl mitbestimmt. Ich frage mich, ob das noch das adäquate Rollenbild ist.

Prochazka: Es gibt nichts Komplexeres und Anspruchsvolleres als zum Beispiel ein städtebauliches Konzept zu entwickeln, das, wenn es gescheit gemacht ist, einen Milliardenmehrwert für den Grundeigentümer schafft. Das ist genau eine dieser Aufgabenstellungen, die wir österreichischen Architekten immer als Draufgabe dazubekommen, um überhaupt an Bauaufträge heranzukommen. Apropos internationale Rollenbilder: In England finanziert sich das Büro Foster hauptsächlich über Bebauungspläne, die sie überall auf der Welt machen, und die höchst dotiert werden. Wenn man sich nach anderen Rollenbildern umschaut, sollte man wirklich auch diese Aspekte einmal durchdenken. Große städtebauliche Verfahren, die der Gemeinde Wien vor einigen Jahren noch 700.000 Schilling wert waren, werden heute mit 70.000 Schilling abgegolten.

Neumann: Die gesamte Wettbewerbssituation hat sich in den vergangenen 15 Jahren enorm verschlechtert.

Steiner: Die wirtschaftliche Situation hat sich doch überall verschlechtert, und ich muss schon auch sagen können, dass Marktsituationen auch für Architekten gelten.

Prochazka: Wir wären ja schon froh, wenn sie für uns gelten würden!

Neumann: Warum müssen die Architekten kostenlos Ideen bringen, damit Bebauungspläne entstehen. Das ist nicht nachvollziehbar. Jeder andere Berufsstand wird für vergleichbare Leistungen gut bezahlt. Die Gemeinde soll sich zehn dafür qualifizierte Leute suchen, soll drei Junge auch dazuholen und jedem ein entsprechendes Entgelt zahlen. Dass ein Wettbewerb veranstaltet und dann abgesagt wird, weil es keine Flächenwidmung gibt, ist unmoralisch und unfair. Wenn ein Bauherr im Nachhinein sagt, das Projekt sei nicht umsetzbar, hätte er sich vorher darum kümmern oder ein Gutachterverfahren veranstalten müssen. Wenn er jedem geladenen Teilnehmer 500.000 Schilling in die Hand drückt, dann kann er mit den Plänen später machen, was er will. Andernfalls hat es einen Sieger zu geben, der baut, und zwar nach der Gebührenordnung. Dann gibt es noch ein anderes Thema, das mich langsam sehr nervös macht, und zwar die Verhandlungsverfahren. Da sitzt man dann plötzlich vor jemandem, der sagt: Na, von der Gebührenordnung müssen'S 50 Prozent nachlassen, sonst kommen Sie leider nicht zum Zug.

27. Oktober 2001 Der Standard

Raumgefasster Zeitwille

Ludwig Mies van der Rohe ist omnipräsent: in Ausstellungen, Büchern und in den Arbeiten seiner Nachfolger

Der Architekt Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969) war 83 Jahre alt, als er sich zum Sterben legte. Er wusste, dass er Krebs und nicht mehr lange zu leben hatte, und beschloss, seiner Tochter Georgia sein architektonisches Vermächtnis zu diktieren. An einem Sommertag des Jahres 1968 machte er sich in seiner Chicagoer Wohnung zurecht, band die unvermeidliche Krawatte um, ließ sich den ebenfalls unvermeidlichen Martini zu fünf Teilen mit Gin mixen, entzündete eine Havanna-Zigarre und sprach über mehrere Stunden die wichtigsten Stationen seines Architektenlebens in die Kamera.

Zu guter Letzt, als alles gesagt schien, bat er die töchterliche Regisseuse, das Gerät doch noch einmal für ein letztes Statement aufzudrehen, um Folgendes festzuhalten: „In meinem langen Leben habe ich immer danach gesucht, worum es sich eigentlich dreht in der Baukunst. Und ich bin mehr und mehr zu der Überzeugung gekommen, dass die Baukunst unsere Zivilisation ausdrücken soll - in ihren wesentlichen Teilen, nicht in den nebensächlichen Wünschen. Das Essentielle sollte herausgearbeitet werden, und das sehe ich als die eigentliche Baukunst an. Es war ein langer Prozess, und alles, was ich gemacht habe, hat sich darum gedreht, das zu klären, Schritt für Schritt. Man kann nicht alle Montagmorgen eine neue Baukunst erfinden. Das ist etwas naiv. Baukunst war immer eine ganz ernste Sache, man hat die Epochen danach benannt. Und so wird es bleiben.“

Mies selbst hat eine dieser Epochen maßgeblich mitgeprägt, er hat sozusagen das Wesentliche seiner Zeit herausgearbeitet. Ohne die gewagten, seinerzeit hochexperimentellen Konstruktionen des Steinmetzsohnes aus Aachen, ohne seine auch heute noch aktuellen Abhandlungen über das Wesen der Architektur wäre die Epoche der Moderne eine andere gewesen. Klassiker wie sein Barcelona-Pavillon, seine Wohnhäuser in Brünn und Illinois, seine Stahlskeletthochhäuser samt vorgehängten Glasfassaden sprechen für sich. So richtig still war es um Mies auch nach seinem Tod nie, doch dieser Tage scheint der Mann mit der Zigarre ein regelrechtes Revival zu erleben. Ausstellungen in New York und Berlin versuchen, das umfangreiche Werk des Architekten, seinen Werdegang, den vielschichtigen Einfluss, den er auf Zeitgenossen und nachfolgende Generationen ausübte, aufzuarbeiten. Die große Mies-Schau im Whitney Museum of American Art ist zwar schon wieder abgebaut, doch ab 27. Oktober zeigt das Vitra Design Museum in Berlin eine umfangreiche Auswahl von Möbeln des Architekten, und im Dezember übersiedelt die Ausstellung Mies in Berlin vom New Yorker Museum of Modern Art in das Alte Museum Berlin.

Wer nicht vor Ort sein kann beziehungsweise die Whitney-Ausstellung versäumt hat, der darf sich zumindest an fetten Ausstellungskatalogen ergötzen, die in Buchform ab sofort im Handel zu haben sind. Mies in Berlin handelt vorzüglich auf insgesamt 391 Seiten Die Berliner Jahre 1907-1938 ab und ist, ebenso wie der zweite, 791 Seiten lange Wälzer, der Mies van der Rohe in America präsentiert, weniger Bild- als Textarbeit. Ein kleiner Zusatzhappen erschien bereits im heurigen Frühjahr: In der Autobiografie La donna è mobile hat Mies-Tochter Georgia ihr kompliziertes Leben mit dem unsteten Vater abgearbeitet - aus dieser Lebensbeichte stammt auch das eingangs festgehaltene Zitat der Miesschen Lebensabschlussbetrachtung.

Ludwig Mies, der aus Gründen der Extravaganz 1922 auch den Familiennamen seiner Mutter an den väterlichen Namen anhängte, hatte nie Architektur studiert. Die Qualitäten handwerklicher Perfektion sowie die Vorzüge präziser Details bekam er schon als Bub im väterlichen Maurer- und Steinmetzbetrieb mit. Er begann sein Arbeitsleben als Zeichner und Entwerfer von Stuckornamenten und Möbeln, wechselte wenig später in Architekturbüros und gelangte 1908 schließlich zu Peter Behrens, dessen Architektur ihn entscheidend prägte. 1912 gründete er schließlich sein eigenes Architekturbüro in Berlin, konnte sich rasch etablieren, leitete 1926 als Vizepräsident die Werkbundausstellung Weißenhofsiedlung in Stuttgart, wurde 1930 Direktor des Bauhauses in Dessau und Berlin und emigrierte 1938 in die USA. Der Sprung auf den anderen Kontinent erwies sich als fruchtbar, noch im selben Jahr konnte der Aachener ein Architekturbüro in Chicago gründen und begann zugleich als Direktor der Architekturabteilung des Illinois Institute of Technology mit der Neuplanung des gesamten Campus.

Mies war stets der radikalen Klarheit, der straffen Organisation und Ökonomie verpflichtet, seine Materialien waren der Beton, der Stahl, das Glas. Bereits im Mai 1923 hatte er schriftlich festgehalten: „Eisenbetonbauten sind ihrem Wesen nach Skelettbauten. Keine Teigwaren noch Panzertürme. Bei tragender Binderkonstruktion eine nichttragende Wand. Also Haut- und Knochenbauten. (...) Jede ästhetische Spekulation, jede Doktrin und jeden Formalismus lehnen wir ab. Baukunst ist raumgefasster Zeitwille. Lebendig. Wechselnd. Neu.“ Die öffentliche Zurschaustellung dieses raumgefassten Zeitwillens war dem Architekten schon zu Lebzeiten ein dringliches Anliegen. Mies baute nicht nur, er stellte auch heftig und immer wieder aus. Sein Stammlokal war dabei das New Yorker Museum of Modern Art, wo er 1932 in Philipp Johnsons legendärer Schau The International Style präsent war und wo er 1942 seine erste Einzelausstellung beging.

Heute, so schreibt Terence Riley, setze man sich „auf vielfältige, ganz neue, kreative Weise mit dem Werk Mies van der Rohes auseinander“. Sein Einfluss auf die zeitgenössische Architektur sei nach wie vor enorm: „Die schöpferische Neubeschäftigung mit Mies' Transparenzstudien und mit Fragen zur Architektur in ihrer Beziehung zu Natur, Technik sowie Bewusstsein und Bewusstheit des Menschen spiegelt sich in den Bauten zweier Generationen von Architekten, die sich seit 1986 international einen Namen gemacht haben - von Herzog & de Meurons Weingut in Napa Valley über Rem Koolhaas' Maison à Bordeaux bis zu Jesse Reiser und Nanako Umemoto. Diese und zahlreiche weitere Beispiele haben uns davon überzeugt, dass die erneute Beschäftigung mit Mies' Frühwerk genau zum richtigen Zeitpunkt erfolgt.“

Dieses Raffinieren von Älterem mit Jüngerem zu einem Neuen ist ganz im Miesschen Sinne. Er hatte einmal gemeint: „Ich fühlte, dass es möglich sein müsse, alte und neue Kräfte in unserer Zivilisation miteinander in Harmonie zu bringen. Jeder meiner Bauten war eine Demonstration dieser Gedanken und ein weiterer Schritt in dem Prozess meines eigenen Suchens nach Klarheit.“


[„Mies in Berlin. Die Berliner Jahre 1907-1938“, herausgegeben von Terence Riley und Barry Bergdoll, Verlag Prestel,
öS 934,-/EURO 75,-
„Mies van der Rohe in America“, herausgegeben von Phyllis Lambert, Verlag Hatje Cantz,
US $ 75
„La donna è mobile. Mein bedingungsloses Leben“ von Georgia van der Rohe, Aufbau-Verlag, öS 360,80/EURO 25,51]

20. Oktober 2001 Der Standard

Die Grammatik des Bauens

Das Architekturzentrum Wien überrascht mit einer kleinen, gewagten Ausstellung, die, wie jede wirklich gute Schau, dem Betrachter Schwerarbeit abverlangt. Was ist Architektur? So lautet die Frage, die letztlich jeder nur für sich selbst beantworten kann.

Architektur sei von Erzählungen durchdrungen, sagt Mark Rakatansky, Architekturprofessor an der Columbia University: „Alle ArchitektInnen, alle Gebäude erzählen Geschichten - wenn auch mehr oder weniger bewusst.“

Diese Geschichten einzufangen, womöglich sogar zu verbalisieren, ist eine schwierige, reizvolle Aufgabe, und irgendwann erreicht derjenige, der es versucht, einen Punkt, an dem sich ein paar wichtige Fragen stellen, nämlich: Was ist Architektur überhaupt? Was verbirgt sich eigentlich hinter diesem akademischen, nachgerade langweiligen und zumeist ebenso langweilig-akademisch abgehandelten Begriff? Welche bunteren, lebendigeren Fabeln können Häuser spinnen als die ewigen Abhandlungen über Raumvalenzen und Detailakrobatik? Welche Parabeln können sie weben, wie tun sie es, und - was haben sie uns alle miteinander eigentlich zu sagen?

Das neue alte Architekturzentrum Wien eröffnet seine frisch herausgeputzten Räumlichkeiten im Museumsquartier mit einer Ausstellung zu diesem Thema. Die kleine, gehaltvolle Schau (zu sehen bis März) ist eine erfreuliche und gewissermaßen ruppige Überraschung in der ansonsten so glatt bis platt gehaltenen Architekturpräsentationswelt. Denn vor allem hinter diese Glanzbilderkulissenästhetik wollte man lugen, so Zentrumschef und Dauerwirbelwind Dietmar Steiner: „Die Mediatisierung von Architektur liegt wie eine wasserdichte Folie über den Objekten. Der Markt verlangt nach Sensationen und fragt nicht mehr nach tatsächlichen Qualitäten. Qualitäten der Architektur wollten wir deshalb im und am Unspektakulären bewusst machen.“

Steiner hat der Ausstellung mit der Unterzeile what is architecture? den Titel Sturm der Ruhe verpasst, und während er ihm einfiel, war er eingedenk der Verwirrung, die damit gestiftet würde, mit Sicherheit von diebischem Vergnügen erfüllt.

Die Ausstellung ist Arbeit. Sie erfordert ein stationenweises Durchkämpfen und belohnt dafür mit der Erkenntnis, dass man selbst der Chef ist. Jeder darf, wie Harry Haller im magischen Theater, selbst den Weg zu seiner Architekturauffassung gehen, und das funktioniert am besten, wenn man das Hirn frei und die Seele voll macht. Entsprechendes Füllmaterial ist hier reichlich vorhanden, es steht bereit in Form von Videosequenzen, Büchern, Fotografien, beglückend wenig Planzeichnung, guten Texten, Skizzen, Artefakten. Alles wird nicht zuletzt in eine angenehme Fassung gebracht von der Ausstellungsarchitektur von Eichinger oder Knechtl, die allerorten warmes Orange walten ließen - an den Wänden der neun Kojen, am Boden, an der Decke, an den unwabbelig bequemen Schaumstoffsitzgelegenheiten.

Was ist also Architektur, und welche Geschichten werden erzählt? Ist sie zum Beispiel die hier via Fotogalerie zu besichtigende, durchdesignte Klamottenverkaufsmaschine für Calvin Klein in New York? Ist sie das reduzierte, preiswert gehaltene Einfamilienhaus in Frankreich von Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal? Ist sie das karge, raue, vom Künstler Gerhard Merz entworfene Lagerhaus in Deutschland? Und was machen eigentlich Abbildungen alter Bauernhäuser in der Ausstellung, was haben Videotapes von mexikanischen Steppenlandschaften hier zu suchen, und wozu liegen Tannenbretter fein säuberlich aufgestapelt hier herum?

Die Antwort darauf muss, wie gesagt, jeder selbst finden, und aus den vielen möglichen Zugängen sei an dieser Stelle nur einer herausgepickt. Ein kleiner, fein gemachter Katalog ist nicht Zusammenfassung, sondern Teil der Ausstellung. Er kommt fast ohne Fotos aus und besteht hauptsächlich aus Texten verschiedenster kluger AutorInnen, die kammartig ineinander verwoben sind (hundert von hundert möglichen Punkten gehen an das Layout). Ein Beitrag stammt vom Architekturtheoretiker Mark Wigley und widmet sich der „Architektur der Atmosphäre“. Über dieses Nichtgreifbare der Architektur zu schreiben, stellt in einer Szene cooler Kritikerrationalisten durchaus ein Wagnis dar.

Wigley fragt sich also unbefangen: "Wie wird Atmosphäre konstruiert? Atmosphäre beginnt offenbar genau dort, wo die Konstruktion endet. Sie umgibt ein Gebäude, haftet seiner Materie an. Tatsächlich scheint sie dem Objekt zu entströmen. Das Wort „Atmosphäre“ wurde ursprünglich zur Bezeichnung der Gashülle benutzt, von der Himmelskörper umgeben sind, und man glaubte, dass sie dem Planeten entstamme und ein Teil von ihm sei. Ganz ähnlich scheint die Atmosphäre eines Bauwerks durch dessen physische Form erzeugt zu werden. Sie ist gewissermaßen eine sinnlich wahrnehmbare Emission von Schall, Licht, Wärme, Geruch und Feuchtigkeit; ein wirbelndes Klima nicht greifbarer Effekte, die von einem stationären Objekt erzeugt werden."

Ein wirbelndes Klima nicht greifbarer Effekte also, das dem darinnen Befindlichen auf seine Weise etwas zu sagen hat: Das erklärt auch die Anwesenheit des Weißtannenbretterstapels in der Ausstellung, denn wenn man die Nase energisch zwischen die Hölzer steckt und die dort beheimatete Atmosphäre tief inhaliert, befindet man sich augenblicks in einem Raum des Geruchs. Nicht nur Oberfläche, sondern ein ganzes Planetarium verschiedener Atmosphären umhüllt auch den mächtigen grünschwarzen Betonmusterstein für das Kunstmuseum Liechtenstein von „Morger, Delego, Kerez Architekten“. Der Stein erzählt, wenn man so will, seinem Betrachter die verschiedensten Geschichten des Poliertwerdens, Fräsens, Angebohrtwerdens und seine Reaktionen darauf.

Adolf Loos hat, auf seine trocken-kantige Art, bereits im Jahr 1910 das Atmosphärische einer Architektur beschrieben: „Wenn wir im walde einen hügel finden, sechs schuh lang und drei schuh breit, mit der schaufel pyramidenförmig aufgerichtet, dann werden wir ernst, und es sagt etwas in uns: Hier liegt jemand begraben. Das ist architektur.“

Auch der Architekt Raimund Abraham und der Fotograf Josef Dapra haben seinerzeit in den 60er-Jahren eine ganz eigene Architekturatmosphäre eingefangen, indem sie gemeinsam Architekturen ohne Architekten im Alpenraum Italiens, Österreich und der Schweiz gesucht, fotografisch festgehalten und ohne viel Herumkommentieren zu einem Buch gefasst haben. Der Band „Elementare Architektur“ war lang vergriffen. Einige der - atemberaubenden - Fotos sind in der Ausstellung zu sehen, und erfreulicherweise ist auch das Buch in Neuauflage demnächst wieder zu haben.

Raimund Abraham sagt in einem Interview, das die neue Ausgabe ergänzt, zu Dietmar Steiner Folgendes: Es habe ihn „nicht so sehr die Anonymität, das heißt Bauten ohne architektonische Übersetzung, interessiert, sondern die Grammatik des Bauens“. Nun ist es so, dass Architektur viele Sprachen sprechen kann, und die entsprechende jeweils richtige Grammatik zu finden, darauf kommt es wirklich an. Wenn die Sprache und Grammatik zusammenpassen, zusammengehören und stimmen, dann kommen wunderbare Geschichten heraus und die Häuser singen unter der Sonne wie die Tempel, die Goethe beschrieb. Ob Architekten dabei ihre Finger im Spiel haben, oder baumhäuserbauende Kinder, ob noble Shops dabei herauskommen, ob Villen oder reduziert-schöne Lagerhallen, das ist letztlich egal. Denn man kann sich der Angelegenheit auch wie Mies van der Rohe nähern, der meinte: „Architektur beginnt dort, wo zwei Steine sorgfältig übereinandergelegt werden.“


[„Sturm der Ruhe. what is architecture?“
AzW, Museumsquartier, bis 4. Februar 2002,
Info unter www.azw.at

Raimund Abraham, Elementare Architektur, Verlag Anton Pustet, neu herausgegeben vom AzW.]

6. Oktober 2001 Der Standard

Gestern. Heute. Morgen.

Neue Architekturbücher für Traditionalisten, Nostalgiker, Bilderfreaks und Computerwürmer

Herbstzeit ist Bücherzeit. Das ALBUM hat wieder einmal eine erste kleine Auswahl neuer Architekturpublikationen zusammengestellt: Charles-Edouard Jeanneret, bekannter unter dem Namen Le Corbusier (1887-1965), gab 1960, fünf Jahre vor seinem Tod, ein Buch heraus, das er schlicht Mein Werk nannte. Dieses Werk Corbusiers bestand keinesfalls ausschließlich aus Plänen und Architekturen, sondern auch aus zahlreichen Schriften, Vorträgen, Pamphleten zur Gesellschaft und der sich daraus ableitenden Aufgabe des Baukünstlers. Außerdem betätigte sich der Schweizer als formidabler Zeichner und Maler. Der Titel Le Corbusier. Mein Werk. (Hatje Cantz, 715,- öS/ EURO 50,10) fasst all diese Facetten Le Corbusiers sowie diverse historische Fotografien vom Architekten und seinen Gebäuden zu einem publizistischen Kleinod, das lange vergriffen war, nun aber druckfrisch erfreulicher weise wieder aufgelegt wurde.

Ebenfalls eher zu den Oldtimern der Szene darf Hugo Häring (1882-1958) gezählt werden, ein wirklich umfassender Werkbericht des deutschen „neuen“ Bauers stand bisher aus. Häring gehörte der Architektenvereinigung „Der Kreis“ an, die sich um Mies van der Rohe scharte und eine Gegenfraktion zum vorhin beschriebenen Corbusier bildete. Die fette Publikation Hugo Häring. Architekt des Neuen Bauens (Matthias Schirren, Hatje Cantz, öS 936,-/ EURO68) begibt sich gründlich auf die Fährte des Baumannes. Matthias Schirren legt darin ein gründliches Werkverzeichnis sowie eine Bibliographie Härings vor und lässt anhand vieler Pläne, Skizzen und alter Aufnahmen einen Einblick in die Arbeitswelt des zu Unrecht bislang wenig Dokumentierten entstehen.

Mit BLOBMEISTER digitalreal (herausgegeben von Peter Cachola Schmal, Birkhäuser, öS 716,-/ EURO 52,05) tun wir einen Sprung in die Zukunft der Architektur, die, unter anderem, auf dem Computer entschieden wird. Das leider nicht wirklich gut bebilderte Buch (weder die Computergrafiken noch die Fotos der tatsächlich ausgeführten Bauten befriedigen) führt seine Leser und Betrachter in virtuelle Computerwelten, die allerdings wahrhaftig bereits umgesetzt wurden. Die Beispiele spannen den Bogen von den computerisch avantgardistischen USA über die Niederlande und Großbritannien bis nach Japan und überzeugen nur zum Teil. Souverän setzen etwa die Amerikaner Sulan Kolatan und William Mac Donald den Rechner ein, bis dato allerdings für kleinere Architekturformate. Wie das mit Größe funktioniert, zeigt Frank O. Gehry in mittlerweile schier endlosen Wiederholungen, wie es nicht so ganz hinhaut, demonstriert Computerwunderwuzzi Greg Lynn gemeinsam mit Michael McInturf und Garofalo Architects mit der eigenartigen New York Presbyterian Church. Weitere Beispiele finden sich etwa von Oosterhuis, Hadid, Asymptote. Viel aufschlussreicher als die gezeigten Objekte selbst sind die Texte von Leuten wie etwa Marcos Novak und Antonino Saggio.

Ein vergleichsweise erdverbundeneres, diesmal schön-fotolastiges Prachtwerk befasst sich mit dem Thema Treppenhäuser (Catherine Slessor, Callwey, öS 729,-/ EURO49,95) und zeigt anhand einer Fülle von (nicht nur ganz neuen) Beispielen, dass Stiegen und die dazugehörigen Häuser von außergewöhnlicher Vielfalt sein können. Von der stahlseilverspannten Aluminiumtreppe von Future Systems in London, über die in ihrer Zartheit fast papieren wirkende feine Rampe von Kiyoshi Kasai in Tokio, bis zur schweren Holzskulptur von Herzog & de Meuron in Duisburg - dieses Stiegenbuch führt auch mit einfachen Plänen (Schnitte, Ansichten, gelegentlich Details) in die Welt der Treppe.

Zu guter Letzt noch zwei Architektur-Lesebücher: In bignes? Kritik der unternehmerischen Stadt (herausgegeben von Jochen Becker, b-books, öS 225,-/ EURO16,35) wird von fast drei Dutzend Autoren zeitgenössische Urbanität teils sehr witzig, teils ziemlich abstrakt unter die Lupe genommen. Der Ausbau der Städte zu Erlebnislandschaften wird ebenso thematisiert wie Park Fictions, Airline Food, Territoriale Intimitäten oder Sensible Zonen: „Saint-Denis empfängt die Fußball-Weltmeisterschaft“.

Und die Leute vom Grazer Haus der Architektur haben ebenfalls Über die Aufgabe der Architektur als Aufgabe der Architektur nachgedacht, Gäste dazugeladen und diese Gedankengänge zu einer Publikation zusammengefasst (HDA Dokumente zur Architektur 13/14, öS 285,-/ EURO19,90). Ernst Giselbrecht und Harald Saiko: „Dynamik und Veränderung sind grundlegende Erscheinungen unserer Zeit und haben zur Folge, dass Wert und Mehrwert gängige Schlagwörter unserer Gesellschaft sind.“ Das vorliegende Heft fasst quasi Veranstaltungen des HDA in Buchform und wird Fortsetzung finden: „Der Übergang des Programmes von den handelnden Personen zu Phänomenen der Architektur wird anhand des Benutzers, des Users erörtert, welches als nächstes Heft erscheinen wird.“

6. Oktober 2001 Der Standard

Architektenzoo für Schönbrunn

Der städtebauliche Wettbewerb wird bereits vor der Juryentscheidung zum Publikumsmitbestimmungsprojekt

Schönbrunn ist nicht nur ein Schloss, ein Park und ein Zoo, Schönbrunn ist vor allem eine Gegend. Zu dieser Auffassung kam auch die Wiener Stadtplanung, weshalb man sich im heurigen Frühjahr entschloss, einen städtebaulichen Wettbewerb internationalen Formats und enormer Größenordnung auszuschreiben, um die verbesserungswürdigen Stellen dieser Gegend kraft intelligenter Architektinnen und Architekten zu perfektionieren. Man gab vier Un-Orte zur Bearbeitung vor, und zwar den von Touristenbussen zur Unkenntlichkeit verwüsteten Schloss-Vorbereich, die schwach genutzte Kasernengegend am schönen Schlossbergbuckel, das ungebändigte Hietzinger Platzl sowie die so genannten Fiatgründe an der vorderen linken Schlossparkflanke, die der Bauträger Austria Immobilien GmbH. (B.A.I.)gehören.

Von den in die Zehntausende gehenden EU-weit tätigen Architekten gaben 17 tatsächlich Entwürfe ab, was gewisse Rückschlüsse auf die Formulierungsklarheit der Aufgabenstellung zulässt. Von diesen 17 Projekten wurde keines für preiswürdig befunden, die Jury unter Vorsitz des deutschen Architekten Ferdinand Stracke wählte je drei Architekten oder Teams pro Teilbereich für eine zweite Planungsrunde aus. Obwohl natürlich das Hietzinger Platzl, das Kasernenareal sowie die Schlosseingangswüstenei hochinteressante Problemfälle darstellen, liegt das eigentliche architektonische Goldgräberloch auf den Fiatgründen der B.A.I.:

Dort will man laut deren Chef Maximilian Weikhart „ein Projekt realisieren, das sich in der Investitionsgegend einer Milliarde Schilling“ bewegt. Dieser Wunsch ist nicht neu, er besteht seit etwa drei Jahren. Damals übernahm die Bank Austria-Tochter das Grundstück, organisierte einen Architekturwettbewerb, die Jury unter Vorsitz von Manfred Wehdorn reihte das Projekt Peter Podsedenseks an erster Stelle, man ging damit in den Gestaltungsbeirat und scheiterte - verkürzt dargestellt - an der Höhe des Gebäudes sowie einem schutzwürdigen Architekturobjekt, das sich auf dem Areal befindet. Ein Hochhaus neben Schönbrunn kam auch für die Grünen sowie für Anrainer nicht in Frage, weshalb die Angelegenheit vorerst auf Eis gelegt wurde.

Das neuerliche, diesmal im Rahmen des Schönbrunnwettbewerbs von der Gemeinde selbst veranstaltete Verfahren, wird von Weikhart begrüßt, doch hat die Sache folgende architektonischen Haken:

Erstens stellen die laut Ausschreibung geforderten Pläne im Maßstab 1:2000 und 1:5000 ungefähr jene Genauigkeit dar, wie sie Maßschneider erzielen, wenn sie via Fernrohr an einer drei Kilometer entfernten Person Maß nehmen. Zweitens wird es aufgrund eines bereits feststehenden Wettbewerbssiegers aus dem ersten Verfahren - Peter Podsedensek - zu einer komplizierten Vergabemodalität kommen. Drittens veranstaltet der Auslober zur Zeit im Magistratischen Bezirksamt Meidling eine Ausstellung aller eingereichten Projekte, die Interessierte auffordert, via Stimmzettel ihre Bürgermeinung zu den eingereichten Projekten kundzutun - eine der Wettbewerbsordung direkt zuwiderlaufende Aktion. Am Tag vor der Jurysitzung am 17. Oktober soll außerdem eine Publikumsdiskussion zum Thema stattfinden. Juror Manfred Nehrer blickt dem mit gemischten Gefühlen entgegen, geht aber davon aus, dass trotzdem „eine faire Jury stattfinden wird.“ Laura Spinadel, neben Rüdiger Lainer und dem Team Caramel (Günter Katherl, Martin Haller, Ulrich Aspetsberger) in der zweiten, übrigens anonymen Fiat-Runde, empfindet „Partizipation an sich als schön, aber nur, wenn so etwas vorbereitet wird“. Kammerchef Peter Scheifinger „weiß nicht, wie seriöse Meinungsvermittlung von einem Tag auf den anderen funktionieren sollte“, er will zwar den „guten Willen anerkennen, doch braucht das andere Voraussetzungen, als ein paar Meinungen abzuklopfen“. Auch Günther Katherl findet die Publikumsbefragung „schon etwas komisch“. Karl Glotter, stellvertretender Leiter der MA18 und für den Wettbewerb zuständig, geht „davon aus, dass die Fachleute in der Jury Potenz genug haben, sich von geschmäcklerischen Rülpsern von außen nicht beeinflussen zu lassen“, will aber einfach „den Menschen die Möglichkeit bieten, sich zu informieren und etwas dazu sagen zu können.“

Für Rüdiger Lainer ist der gesamte Wettbewerb schief gelaufen, denn: „Den großen Wurf für das gesamte Areal zu erwarten war von vornherein ein falscher Ansatz, und die Resultate sind auch recht kümmerlich. Die erste Stufe ist für mich gescheitert.“ B.A.I.-Boss Weikhart wartet das finale Wettbewerbsergebnis ab, schließt aber eine Kooperation des neuen mit dem alten Wettbewerbssieger nicht aus: „Es ist in beiden Wettbewerbsausschreibungen nachzulesen, dass die Vergabe nach Maßgabe der Möglichkeiten erfolgen wird, die Entscheidung ob und wer welche Teilbereiche bekommt, ist offen.“ Podsedensek dazu: „Es ist vieles unglücklich begonnen und unglücklich weiterbearbeitet worden, die Aufgabenstellung war unklar und schwierig.“

Schönbrunn-Juror Nehrer ortet die Wurzel des Übels in der Stadt Wien: „Alle diese laufenden Vergabeprobleme handelt man sich deshalb ein, weil sich die Stadt Wien unnötigerweise weigert, die Wettbewerbsordnung anzuerkennen und einzuhalten. Sie ist ein vom Wirtschaftsministerium genehmigtes Instrument, das jeden Schritt genau regelt und dieses ganze Dilemma von vornherein erledigt hätte.“

1. Oktober 2001 Der Standard

Wogendes Gedeixe unter Narrenkappen

Krems eröffnete Peichl-Karikaturmuseum

Krems - Was rennt das Volk, was wälzt sich dort, die langen Gassen brausend fort? In Krems war's, und am Samstag, und viel Volk drängte zur Eröffnung des neuen Karikaturmuseums des Gustav (Ironimus) Peichl. Gerammelt voll war der Platz vor dem neuen Zipfelmützending, unfassbar die feiertäglich geschwanzten und föhngewellten Massen für das kleine Museum. Weißhaubige Bierzelte rundherum, so mancher Besucher mit Narrenkappe saß darin, zwei blade, hässliche Deix-Bronzestatuen überblickten die Szene.

Zum Objekt der Eröffnung: Fassadenseits hat das neue Peichl-Werk ein Gesicht aus zwei Quadratfensteräuglein und einer rotlaternenen Würfelnase, darunter sozusagen ein breites Maul mit der Aufschrift „Alles Karikatur. Die Welt des Manfred Deix“, denn mit dem Oeuvre dieses Sohnes Niederösterreichs eröffnete die Lachlokalität. Das Haus ist schnell durchmessen: Zwei Geschoße wurden durch eine gewendelte Treppe verbunden, das Dach mittels Shed-Zipfeln aufgelockert, auf dass das Licht von oben komme. Ergibt im Obergeschoß zwei helle Wechselausstellungsräume, im Untergeschoß zwei finstere Kammern zur Dauerbespielung. Eines davon heißt „Ironimus Kabinett“ und beherbergt die Zeichenprodukte des Architekten. In Buchform sind diese sowie Deix-Allerlei im Bookshop zu haben.

Während das Deix-Bier noch auf Käufer wartete, plätscherte am Vorplatz schon der Ironimus-Riesling sowie Eröffnungsreden. Die interessanteste entquoll Landeshauptmann Erwin Pröll, der sich vor allem „bei dir, lieber Gustav“ bedankte, denn „es ist keine Selbstverständlichkeit, wenn ein international berühmter Architekt mit vielen Aufträgen spontan Ja zu so einem Gebäude sagt“. Andere hätte man wahrscheinlich ja wirklich zur Vertragsunterzeichnung hinprügeln müssen. Pröll hatte Graz die Idee zu einem Deix-Museum mittels beschleunigter Vergabe abgejagt, zum Karikaturmuseum erweitert und den Niederösterreicher Deix quasi repatriiert, denn: „Was die Steirer können, das können wir schon lang, und auf Niederösterreicher, die sich zur Heimat bekennen, legen wir besonderen Wert.“ In diesem Fall lag der bei Entstehungskosten von 40 Millionen Schilling und war wohlfeil, denn, so Pröll: „Für gute Sachen gibt es in Niederösterreich immer Geld.“

Mit der Bemerkung „Wem ist es noch nicht passiert, dass er sich umschaut und glaubt, er ist von lauter Deix-Gesichtern umgeben“ fuhr Severin Heinisch, der künstlerische Leiter des Museums, zwar nicht ganz so großen Szenenapplaus ein, seine Worte konnten aber im Gegensatz zu jenen des Landeshauptmanns vor Ort auf Authentizität überprüft werden.

29. September 2001 Der Standard

Sittenbild mit Dame

Die Gemeinde Wien verklagt ein Architekturbüro, weil es seiner- seits nie bezahlte Honorar-forderungen eingeklagt hat, und macht den Architekten ganz nebenbei klar, dass sie in Wien nie wieder einen Auftrag bekommen werden.

Um gute Architektur liefern zu können, braucht ein Planer einen klaren Auftrag. Wer einen Maßanzug bestellt, muss seinen Schneider wissen lassen, wie dick der Bauch, wie dürr das Haxl, wie prall das Portemonaie ist, erst dann kann teurer Stoff zerschnitten und losgeschneidert werden. Zwischendurch gibt es - eh klar - die eine und andere Anprobe.

In der Architektur ist natürlich alles noch viel komplizierter als in der Schneiderzunft, viele Maßarbeiter werden hier zusammengespannt, häufig müssen Planer loslegen, obwohl sich der Auftraggeber eigentlich nicht entscheiden kann, ob er nun einen Gehrock haben will oder doch lieber einen Staatsfrack. Unweigerlich passt später etwas nicht, doch der Bauherr, der die Schuld bei sich und nicht bei seinem Architekten findet, der muss erst auf die Welt kommen. Es ist das ein - meist - unfaires und ein gängiges Spiel, weil immer die einen mächtiger als die anderen sind. Und hier ist ein aktuelles Beispiel:

Vor vier Jahren gewannen Hemma Fasch und Jakob Fuchs den zweistufigen Wettbewerb für die Erweiterung des Wiener Kaiserin-Elisabeth-Spitals mit einem Projekt, das laut Jury „städtebaulich überraschend innovativ“ war, einen „günstigen Lösungsansatz“ für die innere Organisation des Spitals aufwies, die „Einbeziehung und Bearbeitung des Grünraumes unter optimaler Bearbeitung der inneren und äußeren Erschließung“ zustande brachte und dessen architektonische 1-A-Qualität auch in weiterer Folge von niemandem je angezweifelt wurde. Das Haus könnte längst stehen, statt dessen befindet man sich in einem Rechtsstreit, der es in sich hat. Erst haben die Architekten davidmäßig ihre nicht bezahlten Honorare eingeklagt (laut Anwalt handelt es sich um 5.069.000 Schilling), kurz darauf folgte nun der Gegenschlag Goliaths: Die Gemeinde Wien verklagte Fasch und Fuchs, so die Information aus deren Anwaltskanzlei Hannes Pflaum, wegen „mangelhafter Planungsleitung und Terminverzug“, und außerdem habe man durch die notwendig gewordene neuerliche Ausschreibung „Schaden erlitten“. Streitwert: 10.780.000 Schilling, eine Summe, die wahrscheinlich gerade zwei oder drei Architekturbüros österreichweit verkraften können, ohne augenblicklich pleite zu machen.

Doch zur Genese: Nach dem Wettbewerbssieg hatte man „in einem Café“ (Fasch) den entsprechenden Generalplanervertrag unterzeichnet (für Architektenkammerchef Peter Scheifinger ein Ausdruck von „Winkeladvokatentum“) und „mit hohem Druck die Entwicklung des Projektes“ vorangetrieben. Die Projektbetreuung seitens des Auftraggebers, so die Architektin, „war ausgesprochen mangelhaft, anderswo, etwa in der Steiermark, wird ein Projekt dieser Größenordnung ganz anders betreut, es gibt einen eigenen Stab, der sich damit befasst und alles professionell abwickelt.“ Fasch und Fuchs waren derweilen mit dem auf 210 Millionen Schilling veranschlagten Projekt ihrer Ansicht nach eher alleingelassen. Hemma Fasch: „Die Ansprechpartner wechselten ständig, erforderliche Gutachten über die Beschaffenheit des Baugrundes wurden versprochen, kamen aber nie.“ Darüber hinaus verlangten, so die Planer, die späteren Nutzer diverse Erweiterungen des Hauses, die Architekten planten weiter, warnten aber wiederholt davor, dass eine Vergrößerung natürlich auch eine entsprechende Kostenentwicklung mit sich bringen würde. Als klar wurde, dass das auch tatsächlich der Fall war, wurde es ungemütlich. Hemma Fasch: „Man hat uns gesagt, der Vertrag sei ungültig, wir müssten die Bauleitung hergeben und einen neuen Vertrag machen. Wir hatten Gespräche mit Juristen der Stadt Wien, die meinten, wenn wir aus dem Vertrag ausstiegen, würde die Hälfte des vereinbarten Honorars bezahlt werden.“ Außerdem, so Fasch, bekam sie zu hören: „Wenn ihr das nicht macht, bekommt ihr nie mehr einen Auftrag in Wien.“

Ob derlei atmosphärische Drohgebärden geziemlich sind für eine große, auf ihre Architektur bedachte Stadt wie Wien, ist eine Frage des Stils, die jeder selbst entscheiden darf. Die praktischen vertraglichen Angelegenheiten wurden von Hemma Fasch jedenfalls dem Gericht übergeben, da keine Einigung in Sicht war und diverse Planungsleistungen nie abgegolten worden waren. Der damalige Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder begründete die unfriedliche Trennung von Auftraggebern und Planern auf Anfrage der Liberalen im Gemeinderat damit, dass das Projekt „an sich zweifellos städtebaulich und auch funktionell sehr attraktiv“ sei, „aus Kostengründen aber nicht realisiert“ werden könne. Er gab aber in gleichem Atemzug zu, dass die Preisvorgabe, nämlich schon jene des Wettbewerbes, „zugegebenermaßen vielleicht zu eng kalkuliert“ war.

Jeder halbwegs erfahrene Architekt riecht an dieser Stelle blitzartig, wo das Problem liegt, nämlich in einer mangelhaften Bestellqualität seitens des Bauherren und einer für ein großes Unternehmen atemberaubenden Ahnungslosigkeit, was die Abwicklung derartig komplizierter Bauunternehmen anbelangt. Peter Scheifinger: „Der Krankenanstaltenverbund war offensichtlich nicht in der Lage, ein Projekt dieser Größenordnung zu entwickeln, und schlägt nun mit unfairen Mitteln zurück, obwohl die Architekten nur ihre eigene Leistung honoriert haben wollen. Es wurde etwas bestellt, das man sich nicht leisten kann, und die fahrlässige Ausübung des Amtes wird nun auf diese Weise kompensiert.“ Die - mit der Generaldirektion abgestimmte und von PR-Referentin Birgit Wachet übermittelte - Argumentation des Krankenanstaltenverbunds lautet folgendermaßen: „Schon in der Planungsphase hat sich herausgestellt, dass die veranschlagten Kosten von Fasch und Fuchs unser Kostenlimit übersteigen.“ Im Normalfall geht dieser Punkt übrigens eindeutig an die Architekten, denn die haben darauf hingewiesen, während andere gerne Verschleierungstaktiken zur Anwendung bringen. Weiter: „Es gab eine Abschlagzahlung, die Sache war erledigt, doch Fasch, Fuchs haben weitere Forderungen gestellt, deshalb hat die Stadt Wien Gegenklage eingebracht.“ Warum die doppelt so hoch sei wie die Fasch-Fuchssche Honorarforderung, wird so argumentiert: „Wenn schon vor Gericht gestritten wird, dann möchte man die Abschlagzahlung auch wieder hereinhaben.“

Die streitbare Architektin Hemma Fasch ist eine der ganz wenigen, die sich aktiv gegen unqualifizierte Vorgangsweisen seitens öffentlicher Auftraggeber zu wehren versucht, die erstens der Architekturqualität enorm schaden und zweitens das Planen für die Öffentliche Hand zu einem lebensgefährlichen Balanceakt für jedes nicht vollkommen willfährige Architekturbüro machen. Scheifinger: „Hier findet eine Auseinandersetzung auf emotionaler Ebene statt: Wenn ich mit Kanonen auf Spatzen schieße, dann treff ich schon ein paar.“

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag