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In der Ziegelzange
Neue Zürcher Zeitung

Schauplatz Madrid

Spaniens Hauptstadt als riesige Baugrube

17. November 2003 - Markus Jakob
Die Madrider Stadtentwicklung droht aus dem Ruder zu laufen. Ziegel sind zum Symbol einer Habgier geworden, die selbst demokratische Spielregeln ausser Kraft setzt. Eine Reise den Rändern der spanischen Hauptstadt entlang gibt Aufschluss über eine ungehemmte Bauwut, die in Europa kaum ihresgleichen kennt.

Ziegelrot ist eine Farbe, die diverse Empfindungen auslösen kann. Für die Bewohner des 133. Stadtkreises von Madrid, Palomeras Bajas, der aussieht wie von einem Ziegelfabrikanten geträumt, hat sie vielleicht den traulichen Ton angenommen, der im Wort Barrio mitschwingt. An der Ecke Tristana/Mogambo gibt es sogar eine Bar. Wäre man in Deutschland, so würde man weiter nichts daran finden, dass dann wieder ganze Blöcke weit Ödnis herrscht, höchstens eine Fahrschule und ein Institut für Kickboxing das Strassenbild beleben. Für spanische Verhältnisse allerdings ist Palomeras ein eher tristes Viertel - und doch zugleich ein Muster sozialistischer Planung, das sich eventuell bald vorteilhaft von andern, jetzt entstehenden Überbauungen abhebt.


Politische Verstrickungen

Während sich allmählich die Furcht zu verbreiten beginnt, dass die Spekulationsblase platzen könnte, hat das Immobiliengeschäft politische Dimensionen wie nie zuvor erlangt. Bei den Regionalwahlen im Mai 2003 schien die Linke nach acht Jahren wieder an die Macht zu gelangen, doch verhinderten zwei abtrünnige sozialistische Abgeordnete die Regierungsbildung. Bei den dadurch unumgänglichen Neuwahlen im Oktober setzte sich der konservative Partido Popular knapp durch. Obwohl der parlamentarische Untersuchungsausschuss - eine Farce, bei der die «Verräter» über ihren eigenen Fall mit abstimmen dürften - zu keinen Schlussfolgerungen kam, sind die Indizien doch zu zahlreich, als dass man hinter dem Absprung der beiden Abgeordneten nicht Machenschaften der Bauwirtschaft und handfeste Interessen des Immobilienhandels, die sich von der konservativen Regierung besser bedient fühlten, vermuten müsste.

So kam es, dass Backstein in Madrid zum Symbol für Korruption und Habgier wurde. Derweilen wird Madrid weitergebaut, sowohl an seinen Rändern als auch in der Kernstadt. Einige Interventionen waren überfällig: Der verwahrloste Aussenraum der Prachtachse von Atocha bis Colón etwa - Paseo del Prado, Paseo de Recoletos und umliegende Zonen - wird demnächst nach dem Masterplan von Alvaro Siza neu gestaltet. Fraglicher, was ihre Notwendigkeit betrifft, ist die Verwandlung der Metrostation Sol in einen Nahverkehrsbahnhof, zumal das Stadtzentrum schon über mehrere derartige Knotenpunkte verfügt. Damit wird die passantenreichste Zone der Stadt auf vier Jahre hinaus in eine Grossbaustelle verwandelt. Das Metro-Netz wurde in den letzten Jahren auf 227 Kilometer Länge fast verdoppelt. Doch auch zugunsten des Individualverkehrs sind Stadt- und Regionalregierung von einem Tunnelrausch erfasst - als Nächstes soll das dem Río Manzanares folgende Teilstück des ersten Autobahnrings, der M-30, in den Boden verlegt werden.

Das erklärt noch nicht die Symbolkraft des Ziegelsteins. Um sie zu begreifen, hat man sich die in Spanien bei Wohnbauten fast ausnahmslos angewandte Skelettbauweise vor Augen zu halten. Mit ihren Decken, teilweise aus Ortsbeton, gewöhnlich aber aus armierten und mit Beton ausgegossenen Deckenziegeln, sind es leichte und entsprechend hellhörige Konstruktionen. Das Betonskelett wird mit Mauerwerk ausgefacht, das meist unverputzt bleibt - nur bei gehobenem Standard werden die Ziegel noch irgendwie postmodern verbrämt. Die zurzeit geplanten oder bereits angelaufenen urbanistischen Operationen in der Madrider Peripherie addieren sich auf mindestens 300 000 Wohnungen: ein Indiz dafür, dass sich die eher strukturschwache spanische Ökonomie auf die Bauwirtschaft als wichtigste Wachstumsbranche stützt. Der Konflikt entzündet sich daran, wie hemmungslos mit dem Boden geschachert werden darf - etwa auf Kosten der Umwelt. Ausserdem daran, welche Umzonungen urbanistisch sinnvoll, wie hoch die Ausnutzungsziffer und der Anteil an Sozialwohnungen sind. Es ist offensichtlich, dass einige Grossbanken und Baukonsortien diesbezüglich in jüngerer Zeit in Madrid freie Hand hatten und dass der Anteil an Sozialwohnungen Richtung null tendiert.

Man kann den Tour d'horizon am Flughafen aufnehmen, wo die neuen Terminaldächer von Richard Rogers und dem Madrider Studio Lamela wellig in der Sonne glitzern - spielzeughaft im Vergleich zur Weite der Meseta, doch als Vier- Milliarden-Euro-Bau, der die Kapazität auf 65 Millionen Passagiere pro Jahr erhöhen wird, rekordverdächtig. Vom Flughafen, der am heftig zugeklotzten Ostkorridor liegt, kann man sich südwärts über die M-40 absetzen, von dort auf die M-45 oder auf die M-50 wechseln, die Madrid in einem Radius von knapp zwanzig Kilometern umschlingt. Diese Autobahnringe ersetzen teilweise das alte radiale Wegsystem, und zweifellos leisten sie der Dezentralisierung Vorschub. Jede der Ringstrassen hat eine neue Grenze geöffnet. Allmählich setzt sich das amerikanische Siedlungsmodell durch. Wenn die Lage eines Grundstücks heute beschrieben wird als «zwischen M-40 und M-45», so heisst das nicht: irgendwo in der Wüste zwischen Autobahntentakeln, sondern: ideale Verkehrsanbindung. Was sich auf den Restflächen zwischen den Asphaltschlingen abspielt, dafür gibt der Architekt Alfredo Villanueva sarkastisch die Stichworte: «Minimum an Planung, absolute Permissivität. Metabolismus des Ziegels: höchste Gefrässigkeit, wenig Gehirn. Hauptsache, die Kasse stimmt.»

Der 900-seitige «Atlas de Madrid» führt einem die urbanen Metastasen en détail vor Augen: ein fraktales Chaos herein- und herausbrechender Ränder. Es bietet auch in der Wirklichkeit keinen schönen Anblick. Allein die südliche Suburbia, das grosse Auffangbecken für unbemittelte Immigranten, zählt heute weit über eine Million Einwohner, die meist in Blockclustern, teilweise auch in Bidonvilles leben. Im Westen bieten die Richtung Guadarrama-Gebirge ausgerollten Reihen- und Einfamilienhausteppiche einen womöglich noch niederschmetternderen Anblick. Das urbanistische Kronjuwel ist der auch klimatisch privilegierte Norden der Stadt. Fest etabliert sind da die beiden scheinbar nur aus schützenden Hecken bestehenden Luxussiedlungen La Florida und La Moraleja - in letzterer scheint der Fussballstar David Beckham ein Heim gefunden zu haben.


Ein Volk von Spekulanten?

Beckhams neuer Arbeitgeber, Real-Madrid- Präsident Florentino Pérez, zählt zu den Drahtziehern im Madrider Immobilienhandel. Der Bauunternehmer Pérez hätte sein fussballerisches Musterknabenteam wohl kaum zu finanzieren vermocht, wäre ihm nicht die Umzonung des ehemaligen Trainingsgeländes des Klubs geglückt. Vier je 215 Meter hohe Türme unter anderem von Foster und Pei sind auf diesen Parzellen nördlich der Plaza Castilla vorgesehen, Ausdruck einer schon länger sich abzeichnenden Verlagerung des Zentrums nordwärts, die mit der Gleisüberbauung des Bahnhofs Chamartín fortgesetzt werden wird. Umso gieriger hat sich die Baulobby auf die daran anschliessenden Grundstücke gestürzt, eindrücklich zu sehen in Form der Kranlandschaften der künftigen Grosssiedlungen Las Tablas und Sanchinarro. Erstere soll unter anderem den Hauptsitz des mächtigsten Konzerns des Landes, Telefónica, aufnehmen; letztere ist als Wohnanlage so banal wie irgendeine Madrider Überbauung, doch ist hier mit einer 21-geschossigen Wohnmaschine von MVRDV auch eine der wenigen innovativen Architekturen geplant.

Braucht Madrid überhaupt so viele Wohnungen? Der Leerbestand liegt allein in der Stadt offiziell bei 107 000. Andererseits hat nun die Agglomeration die Zahl von fünf Millionen Einwohnern überschritten. Es sind indessen nicht die Zuwanderer aus der Dritten Welt, die sich eine Eigentumswohnung in Sanchinarro leisten können. Die filtern sich eher durch die noch nicht gentrifizierten Teile des alten Zentrums ein. Der typische Abnehmer für eine Wohnung in Sanchinarro ist eher ein Herr, der vielleicht sein Leben lang in Burgo de Osma gelebt hat, dessen Sohn in Madrid studiert und der sich das Objekt nicht aus Notwendigkeit, sondern als Kapitalanlage leistet. Die galoppierenden Immobilienpreise - jährlich fünfzehn Prozent Wertsteigerung sind die Regel - lassen ihm gar keine andere Wahl, wenn er nicht als Finanzbanause dastehen will. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu, nämlich der traditionell hohe Anteil an Eigentumswohnungen in Spanien: über achtzig Prozent. Wer zur Miete wohnt, gilt hier im Grunde als blöd. Deshalb sitzen ja dann auch die Kinder bei ihren Eltern, bis sie selber fast grau sind, und Spanien weist noch vor Italien die niedrigste Geburtsrate der Welt auf. Wenn ein rechtschaffener Mann einst eine Hypothek mit dreissigjähriger Laufzeit auf sich nahm, dann in einem psychologischen Umfeld, das für ein Menschenleben genau ein Haus, einen Ehepartner und eine Arbeitsstelle vorsah. Dem ist heute nicht mehr so, dafür hat die Kultur des Wohnungsbesitzes jeden Normalbürger in einen kleinen Immobilienspekulanten verwandelt. Sehr zur Freude der grossen Spekulanten.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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