nextroom.at

Artikel

25. April 2002 Der Standard

Suche nach „sinnvoller Lösung“

Das Festspiel-Kuratorium wird heute Abend über die weitere Vorgangsweise in Sachen Kleines Festspielhaus in Salzburg entscheiden. Inzwischen werden kritische Stimmen aus der Architektur laut.

Wien - Heute könnte eine Vor-, wenn nicht gar eine Entscheidung über den Umbau des Kleinen Festspielhauses fallen. Wie DER STANDARD berichtete, hat Wilhelm Holzbauer kürzlich beim Bundesvergabesenat Einspruch gegen das Siegerprojekt der Bietergruppe Hermann & Valentiny, Wimmer, Zaic erhoben und damit die Vergabe gestoppt. Heute Abend tritt das Kuratorium zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, um, so ein Mitglied, „zu einer für alle, vor allem aber für die Architektur sinnvollen Lösung“ der Causa zu kommen.

Zwischenzeitlich hat sich eine prominente architektonische Front gebildet, die Holzbauers Vorgehensweise als nicht standesgerecht empfindet. In einem Brief an das Kuratorium plädiert etwa der Fachbeirat Architektur des Landeskulturrates, man möge „Verfahrensmängel ausräumen, um das Siegerprojekt beauftragen zu können. Vergessen Sie nicht, dass Holzbauers Projekt nie mehr als die zweitbeste Lösung war und auch bleiben wird.“

Auch der Schweizer Juryvorsitzende Carl Fingerhut meint in einem Brief an die Salzburger Festspiele: „Es fand eine sehr objektive Abwägung aller Vor- und Nachteile der Projekte statt, die zu einer einstimmigen Entscheidung des Gremiums geführt hat. Es ist für mich absolut unverständlich, dass jetzt aus juristischen Gründen auf diesen Entscheid zurückgekommen werden soll und ein schlechter beurteiltes Projekt mit wesentlichen Defiziten zur Grundlage der Ausführung bestimmt werden soll.“


Schwierige Rechtslage

Rainer Kaschl, Jurymitglied und Vorsitzender der Salzburger Altstadtkommission, beurteilt Holzbauers Einspruch als „Vorgangsweise, die mir fremd ist und die er selbst verantworten muss“. Kaschl widerspricht auch der Aussage des Vorprüfers Hans Lechner im STANDARD, dieser habe in der Jury wiederholt auf die angeblichen Vergabeverstöße des Siegerprojektes hingewiesen: „Das ist eine Aussage, die mich total irritiert. Dem war sicher nicht so, was man auch belegen kann, denn die Sitzung wurde mit Video aufgezeichnet. Lechner kommt mit dieser Aussage in eine schwierige Rechtslage.“

Der Vergabekontrollsenat hatte vor allem die Kostenseite des Projektes behandelt, doch in Lechners „Kostenvergleich- plausibilisierung“, die dem STANDARD vorliegt, finden sich, so Franz Valentiny und Robert Wimmer, einige Unplausibilitäten. So setzte Lechner das von den siegreichen Bietern mit 40 Millionen Schilling angegebene Pauschalhonorar auf 81 Millionen. Auch das Argument, durch einen Rohrkanal würde sich die Statik verteuern, räumen die Architekten aus. Wimmer: „Auf diesen Kanal haben überhaupt erst wir aufmerksam gemacht, und unser Projekt berücksichtigt ihn sehr wohl.“

Die vom Vergabekontrollsenat noch nicht behandelten Punkte stellen laut Anwalt der einstweiligen Bestbieter, Christoph Bamberger (Liebscher Hübel & Partner), kein Problem dar:

„Ich erwarte, dass der Senat des Bundesvergabeamtes nach Vorliegen der fehlenden und bereits vom Amt angeforderten Unterlagen in rund zwei bis drei Wochen über die im Rahmen der Entscheidung vom 12. 4. 2002 noch nicht abgesprochenen Anträge entscheiden wird. Wir rechnen, nachdem uns der Inhalt der vorzulegenden Unterlagen bekannt ist, mit einer positiven Entscheidung.“

18. April 2002 Der Standard

Festspielhaus-Streit: Juristen sind am Zug

Holzbauer: Auswahlverfahren „unkorrekt“

Wien - Wie DER STANDARD gestern berichtete, spitzt sich der Konflikt um den Umbau des Kleinen Salzburger Festspielhauses zu. Wilhelm Holzbauers Berufung beim Vergabekontrollsenat wurde stattgegeben. Der im Bewerbungsverfahren im Herbst erstgereihten Bietergruppe Hermann & Valentiny, Wimmer Zaic wurde die bereits erfolgte Auftragsvergabe aberkannt.

Holzbauer will zu den in der gestrigen STANDARD-Ausgabe erhobenen schweren Anschuldigungen Franz Valentinys keine Stellung beziehen: „Auf diesem Niveau sage ich gar nichts.“ Er selbst habe jahrelang am Kleinen Festspielhaus gearbeitet, diverse Studien erstellt und fühle sich als Holzmeisters Schüler dessen Tradition verpflichtet. „Ich meine“, so der Wiener Architekt, „dass das von der Jury empfohlene Projekt mit einer geplanten Aufstockung das wichtige Ensemble zerstört, das die Keimzelle der Salzburger Festspiele darstellt. Ich habe versucht, mit Hermann & Valentiny zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, bin aber gescheitert.“


Dreifacher Verstoß

Für Holzbauer lief „das gesamte Verfahren unkorrekt“ ab, Schützenhilfe bekommt er vom Wiener Kollegen Hans Lechner, der an der Verfahrensvorbereitung und Betreuung maßgeblich beteiligt war. Lechner meint, er habe bereits während der Jurierung mehrfach darauf hingewiesen, dass das Siegerprojekt in drei Punkten gegen die Ausschreibung verstoße: Obwohl nur ein Projekt präsentiert werden durfte, hätten Hermann & Valentiny, Wimmer Zaic zwei Varianten erstellt, mit ihren Planungen in explizit ausgewiesene Tabuzonen eingegriffen sowie das vorgegebene Kostenlimit von 400 Millionen Schilling um 86 Millionen überschritten.

Auf die Frage, warum er in der prominent besetzten Jury auf taube Ohren gestoßen sei, meint er: „Valentiny hat einen brillanten Vortrag gehalten, das Beste, was ich in Sachen Wettbewerbspräsentation je gehört habe, und damit wurden die Weichen gestellt.“

Holzbauer, so Lechner, hätte sich im Gegensatz zu den Gewinnern an alle Regeln gehalten, ein juristisches Nachspiel sei zu erwarten gewesen. Die Verteuerung des Siegerprojektes, so Lechner, erkläre sich unter anderem durch den Umstand, dass es im Bereich eines erst vor wenigen Jahren errichteten Rohrkanals Umbauten vorsehe, die eine Adaptierung der gesamten Statik dieser Zone erfordern würden. Lechner: „Insgesamt ist zu sagen, dass der Auslober offensichtlich nicht ganz korrekt vorgegangen ist. Holzbauer hat das aufgegriffen.“

Drei mögliche Szenarien zeichnen sich nun ab: Die Siegergruppe könnte mit Wilhelm Holzbauer gemeinsame Sache und ein adaptiertes Projekt machen, was nach den Konflikten der vergangenen Monate unwahrscheinlich ist, aber die rascheste Lösung wäre. Das Verfahren könnte mit denselben Teilnehmern noch einmal ganz von vorne aufgerollt werden, was eine Nachprüfung durch den Vergabekontrollsenat mit sich zöge. Dritte Variante: Das Verfahren könnte noch einmal öffentlich ausgeschrieben werden, was in eine Schadenersatzklage der Teilnehmer des Erstverfahrens münden könnte.

Wilhelm Holzbauer hat genug juristischen Zündstoff in der Hand, um eine Entscheidung jahrelang hinauszuzögern. Die Salzburger Festspiele selbst kommen als Auftraggeber in argen Zugzwang, will man das Haus wie geplant im Mozart-Jahr 2006 eröffnen. Jedes Neuverfahren dauert mindestens ein halbes Jahr, doch wollte man rechtzeitig fertig sein, müssten die Bauarbeiten heuer noch in Angriff genommen werden.

Genau deshalb werfen die Erstgereihten dem Vergabeamt unnötige Verzögerungstaktik vor, denn nur mit Holzbauer im Team scheint ein rechtzeitiger Baustart möglich. Valentiny: „Warum ließ man sich sonst so lange Zeit mit der Entscheidung?“

17. April 2002 Der Standard

„Eine Katastrophe für die Festspiele“

Das Verfahren „Kleines Festspielhaus Salzburg“ wurde auf Einspruch Wilhelm Holzbauers vom Vergabekontrollsenat für nichtig erklärt. Eine Fertigstellung des Projektes bis 2006 scheint damit aussichtslos, die Vorbildwirkung für die Architekturszene ist katastrophal.

Salzburg - Der Umbau des Kleinen Festspielhauses in Salzburg muss baldigst in Angriff genommen werden, will man das Mozart-Jahr 2006 mit einer Mozart-Spielstätte begehen. Im Herbst gewann das Team Hermann & Valentiny und Wimmer Zaic mit neun zu null Stimmen das Architekturverfahren, Wilhelm Holzbauer bemühte daraufhin als Zweitgereihter den Bundesvergabesenat. Mit Beschluss vom 12. 4. wurde die am 14. 11. 2001 bereits erteilte Beauftragung der Bietergemeinschaft „für nichtig“ erklärt, laut Holzbauers Anwalt Stephan Heid eine „bahnbrechende Entscheidung, da erstmals im Bereich Architektur eine Fehlentscheidung einer Jury aufgehoben wurde“.

Konkret spießt es sich an den Kosten: Laut Kostenprüfer Hans Lechner würde sich Holzbauers Projekt bei vorgegebenem Rahmen von 400 Millionen Schilling auf eine Bausumme von 410 Millionen belaufen, das Siegerprojekt allerdings auf 487 Millionen. Die Bietergemeinschaft hält dem entgegen, dass Lechner in seiner Berechnung auch die Zusatzvarianten, also quasi die Fleißaufgaben miteingerechnet hätte, was die Kosten verzerren würde. Lechner seinerseits hat jüngst auch im Falle der Volksoper die empfohlenen Entwürfe geprüft, auch damals wurde Holzbauer der Zuschlag erteilt.

Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden empfindet die Entscheidung als „Katastrophe für die Festspiele und ganz Österreich, die Sache trägt die Züge einer Operette und wird auch in der internationalen Architekturszene einen Aufschrei provozieren“. Kulturlandesrat Othmar Raus will sich terminlich „nicht unter Druck setzen lassen“, das Ziel bleibe der Umbau, allerdings ohne Terminvorgabe. Armin Fehle vom Festspielkuratorium: „Das ist zu einer sehr unerfreulichen Sache geworden, unsere Anwälte analysieren derzeit die Situation. Wir werden Anfang nächster Woche wissen, was wir weiter tun werden.“

Holzbauer selbst sieht durch das Siegerprojekt das historische Ensemble gefährdet und meint: „Ich wurde die ganze Zeit an der Nase herumgeführt, alles muss man sich auch nicht gefallen lassen.“ Der Luxemburger Projektsieger und Holzbauer-Schüler Franz Valentiny hat derweilen die Kontakte zu seinem Lehrer abgebrochen und empfindet das Verfahren als Farce.

STANDARD: Was erschien Ihnen dubios?
Valentiny: Wir haben diesen Wettbewerb im Herbst mit neun zu null Stimmen gewonnen und standen jetzt wie Verbrecher vor einem Tribunal. Architektur wurde hier nach rein juristisch-formalen Gesichtspunkten abgehandelt, es ist ein Skandal, dass diese Leute sich kein Gesamtbild des Projektes gemacht, sondern nur die Kosten behandelt haben. Die Kostenaufstellung, die anhand eines Formblattes nachzuweisen war, werden wir liebend gerne machen. Hier werden Steuergelder verplempert, weil ein ignoranter, schlechter Architekt gemeinsame Sache mit einem Amt macht und ein Verfahren unnötig in die Länge zieht. Es ist skandalös, dass ein Lehrer, der ohnehin nur mehr einen Schüler hatte, der zu ihm stand, diesen opfert wie Abraham seinen Sohn. Holzbauer ist ein alter Mann, der nicht mehr weiß, worum es im Leben geht. Er zeigt egoistisches Blut-und-Boden-Denken, das mit der heutigen Welt nichts mehr zu tun hat.

STANDARD: Wie geht es in Salzburg weiter?
Valentiny: Ich weiß es nicht. Wir wurden jedenfalls nicht ausgeschieden, und Holzbauer wird als Zweitgereihter auch nicht automatisch zum Zug kommen. Das Amt hat den Bauherren aufgefordert, vergleichbare Kosten vorzulegen. Dieses Urteil ergibt keinen Sinn, sondern hilft nur der Eitelkeit eines Einzelnen.
STANDARD: Die Vorbildwirkung für weitere Wettbewerbsverfahren ist gegeben - werden künftig hauptsächlich Juristen in Österreich über Architektur entscheiden?
Valentiny: Solange es altmonarchistische Menschen wie Holzbauer gibt, die öffentlich Ansprüche stellen, die ihnen nicht zustehen, ist das möglich. Das ist eine undemokratische Haltung, die in ganz Europa schon nicht mehr verstanden wird, ein Denken aus längst vergangener Zeit, und wenn sich Österreich mit dieser Haltung darstellt, dann wird es Probleme bekommen. Holzbauer baut seit 20 Jahren nur mehr miese Investorenarchitektur, er hat seinen Idealismus, sein Können, sein Talent dem Geld geopfert.

16. April 2002 Der Standard

Pritzker-Preis für Glenn Murcutt

Spitzenauszeichnung für fast Unbekannten

Los Angeles - Auf die Frage, welches Internet-Architektur- netz ihm das wichtigste sei, antwortete der australische Architekt Glenn Murcutt unlängst folgendermaßen: „Ich ziehe Spinnenetze vor.“ Diese Einstellung, mit einfachsten Mitteln den größtmöglichen Nutzen zu erzielen, bescherte dem 66-Jährigen den diesjährigen Pritzker-Preis für Architektur und damit die wichtigste Auszeichnung, die der internationalen Spitzen-Baugilde zugedacht ist.

Der mit 113.714 EURO dotierte Preis katapultiert den bis dato außerhalb der Grenzen Australiens kaum bekannten Architekten augenblicklich ins Zentrum des Szeneinteresses. Er selbst äußerte Journalisten gegenüber, dass er sich - nach über drei Jahrzehnten des Architekturschaffens - nun bestätigt fühle, dass Bauten „die Erde nicht zu sehr belasten dürfen“. Murcutts Architekturauffassung ist die einer stillen Bescheidenheit und Natürlichkeit. Alles, was man verstehen müsse, um gute Architektur zu machen, sei die Natur selbst und die Kostbarkeit aller Materialien, so der Australier, der bei seinen Häusern für Stararchitekten eher unkonventionelle Materialien wie Wellblech und kaum bearbeiteten Naturstein einsetzt. Vor allem der Dialog seiner Häuser mit der jeweiligen Landschaft und Umgebung steht für den Architekten im Vordergrund.

Murcutts Schwerpunkt liegt im Wohnhausbau, er selbst gilt als eigenwilliger Außenseiter und hat sich beispielsweise bis dato geweigert, Aufträge außerhalb des australischen Kontinents anzunehmen. Gute Architektur, so meint er, beginne eigentlich mit einem guten, an exzellentem Bauen interessierten Auftraggeber, der dem Architekten genug Freiraum ließe und die Muße, ein Gespür für die Evolution zu entwickeln. Vorbildwirkung hatten etwa Murcutts nur scheinbar primitive Wohnhäuser, die er für Aborigines entworfen hat.

Der Pritzker-Preis selbst wurde vom Chikagoer Unternehmerpaar Jay A. und Cindy Pritzker 1979 ins Leben gerufen; er gilt stets dem Lebenswerk und ging unter anderem an Hans Hollein, Frank Gehry, Rem Koolhaas und zuletzt an Jacques Herzog und Pierre de Meuron.

9. April 2002 Der Standard

Auch im Stein wohnt die Musik

Von Tel Aviv über Tokyo bis nach Südtirol: Neue Bücher über das Bauen, das Schauen und Sich-was-Trauen in der Architektur von gestern und von heute.

Wie immer im Frühling hat sich das ALBUM aus dem großen Orchester der neuen Architekturpublikationen ein paar Solisten herausgepickt, um sie hier kurz anklingen zu lassen.

Der erste Wohlklang erreicht uns aus Tel Aviv und Jerusalem, wo der Künstler Günther Förg mit seiner Kamera festhielt, was in den 30er- und 40er-Jahren des mittlerweile auch schon wieder vergangenen Jahrhunderts von aus Deutschland emigrierten Bauhaus-Architekten komponiert worden war. Förg fing mit seinen Momentaufnahmen nicht nur die mittlerweile klassisch-modernen Formen dieser herrlich klaren Architekturlieder ein, er dokumentierte zugleich auch die Spuren des Alters, des Gebrauchs und der dazwischen wuchernden Vegetation. Hermann Beil schreibt in seinem Vorwort: "Eine große Architektengeneration war in Tel Aviv und Jerusalem versammelt gewesen - dorthin vertrieben, aber auch dorthin gerufen (...), um für Menschen zu bauen. Und um die Musik dieser Städte in Stein zu komponieren. Günther Förgs fotografische Bilder haben die „unendliche Melodie“ dieser Architektur aufgespürt und notiert." Günther Förg, Photographs. Bauhaus Tel Aviv - Jerusalem, Hatje Cantz, EURO 35,98.

Ebenfalls durchaus melodisch, einmal streng und dann wieder verspielt, zeigt sich eine deutsche Publikation zum Thema Kunst, Foto und Bauen. In Szene gesetzt. Architektur in der Fotografie der Gegenwart, herausgegeben von Götz Adriani, Hatje Cantz, EURO 25,50, ist der Katalog zu einer Ausstellung des Museums für Neue Kunst/ZKM Karlsruhe und zeigt unkonventionelle Architekturfotografie, fein von internationalen Fotokünstlern raffiniert. Etwa Maria Hedlunds „Im Vortragssaal“ oder das hier gezeigte Foto „Halle rot“ von Josef Schulz sind sehr persönliche Interpretationen an sich simpler Themen, die, in die Zweidimensionalität gebracht, einen ganz eigenen Klang entwickeln. Schulz über seine preisgekrönten Arbeiten: „Ich versuche zu verstehen, wie die Gesetze dieser zweidimensionalen Darstellung funktionieren und was in solch einem Abbildungsprozess passiert.“ Architektur einmal nicht von den Architekturfotografieprofis eingefangen und bearbeitet zu sehen kann wirklich Spaß machen. Ralph Melcher schreibt in seinem Essay „Kunstcharakter und Künstlichkeit“ dazu: „Architektur wird zum Material des Bildes und damit auch zum Material einer immanenten Realität. Und diese ist das ursprünglichste Kennzeichen des Schöpferischen in der Kunst.“

Gleich eine ganze Fülle verschiedenster Architekturklangimpressionen liefert das Buch Customize. Review of Peripheral Architecture, Birkhäuser, EURO 39,10, in dem man sich auf die Tonspuren der Vororte, der Industriestätten und Einkaufsmeilen rund um den Globus begeben hat. Das Layout dieser kleinformatigen, vollgepackten Publikation ist eine Art visueller Vorstadt-Kraut-und-Rüben-Samplings, und das Studieren der einzelnen Beiträge und das Zurechtfinden darin ist ebenso zehrend wie das Auffinden eines ganz bestimmten Geschäftes im Geschäftsdschungel der SCS, aber bitte. Das hier aufbereitete Thema Vorstadt und Randzone ist ein derzeit - zu Recht - einigermaßen strapaziertes. „Besser maßschneidern lassen als von der Stange kaufen!“ lautet die Botschaft von Architekten und Gruppen wie Toyo Ito, njiric+njiric arhitekti, Périphériques, Lacaton & Vassal sowie gut zwei Dutzend anderen, die diesen Zonen menschlicher Konsum- und Bauwut ein intelligenteres, benutzerfreundlicheres Gefüge geben wollen. Die wüsten Fotolandschaften sind unterlegt mit diversen Texten der Architekten; man kann nur vorschlagen: Kaufen Sie sich hier durch.

Eine ruhigere Angelegenheit, quasi ein feines getragenes Largo, hat die Südtirolerin Carmen Müller mit einer ganz eigenartigen, schönen Bild-Mensch-Landschaft-Architektur-Arbeit zu Buche gebracht. Meran - Mals Vinschgau. Auf den Spuren einer stillgelegten Bahnstrecke, Folio Verlag Wien Bozen, EURO 25,70, klingt ein wenig wie Dalida und „Der Tag als der Regen kam“ und riecht wie Eisenbahnschwellen an einem heißen Sommertag. Die Autorin Müller wollte hinterfragen, „was sich auf einer Bahnstrecke von ca. 60 Kilometern verändert, über die zehn Jahre kein Zug mehr gefahren ist“, auf einem „Streifen in der Landschaft, der sich durch Obstwiesen, Aulandschaft, Wälder, Felsengelände und Tunnels schlängelt und Ortschaften miteinander verbindet und markiert“. Müller begab sich also auf eine ausgedehnte „private Recherche“ und dokumentierte den „Verwilderungszustand“, recherchierte die Geschichte dieser Bahnlinie und grub alte Dokumente aus. All diese Impressionen wurden zu einem Schau- und Leseband zusammengetragen, zu einem, wie es die Autorin nennt, „poetischen Intermezzo“, denn die Bahnlinie soll wieder saniert und in Gang gebracht und bis 2004 sogar bis nach Bozen weitergeführt werden.

Nun ein zackiger Prestissimo-Hupfer hinauf in die Niederlande und zu den dort beheimateten Architekturzeitgenossen. Das Magazin Topos hat mit dem Heft Im Blickpunkt: Niederlande. Beispielhafte Ideen und Konzepte für Stadt und Landschaft, Callwey Verlag,EURO 35,50, den Versuch unternommen, den allseits ohnehin vielbeachteten Architektur-Modellfall Niederlande noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, und auch hier nähert man sich dem Thema über die Historie. Robert Schäfer analysiert die Geschichte und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass die niederländische Architekturhistorie nur unter politisch wohlkomponierten Rahmenbedingungen geschrieben werden konnte: „Architektur und Stadtplanung sind in den Niederlanden ein öffentliches Thema seit den 70er-Jahren, als die Bürger mehr Mitsprache einforderten, gegen Bauvorhaben demonstrierten und leer stehende Häuser in Sanierungsgebieten besetzten. Dominierten in der Folge die sozialen und ökologischen Belange bei Planungsentscheidungen, wurde schließlich mit einer Reihe von politischen Entscheidungen der Grundstein gelegt für die kulturelle Komponente des Bauens.“ Wer also wissen will, warum die Niederländer derzeit - auch international - ziemlich oft die erste Geige spielen, der bekommt hier die Partitur dafür geliefert. Die jungen, frechen Niederländer haben es auch geschafft, die verschiedenen Disziplinen Architektur, Kunst, Design zu einem interessanten Wohlklang zu vermischen. Adriaan Geuze ist ein gutes Beispiel dafür, hier ist sein gemeinsam mit Paul van Beek erarbeitetes Freiraum-Projekt für den Amsterdamer Flughafen Schiphol abgebildet. Apropos: Auch was die Freiraumplanung anbelangt, liegt Musik in der Luft der Niederlande.

30. März 2002 Der Standard

Konstruierte Landschaft

Die Architekturfotografin Margherita Spiluttini zeigt Bauten in der Natur - in einem Buch und in einer Ausstellung. Sie lädt auch zum Neu-Erschauen von Landschaft und Technik ein.

Um Landschaft als Landschaft erkennen und als sinnlichen Gesamteindruck erfassen zu können, bedarf es der subjektiven und interpretierenden Anschauung", schreibt Kulturjournalist Wolfgang Kos in seinem Beitrag zu einem neuen Buch der Fotografin Margherita Spiluttini, Nach der Natur. Konstruktionen der Landschaft. Kos schreibt weiter: „Dafür ist wiederum Distanz notwendig, also ein Außenblick, wie er den unmittelbar in der Natur Arbeitenden, ob Bauer, Jäger oder Wegmacher, nicht zur Verfügung steht. Er würde sie in ihrem zweckorientierten und pragmatischen Tun behindern, hat er doch Muße und Genussbereitschaft als Vorbedingungen.“

Muße und Genussbereitschaft, und ein anderer, jedoch unverfälschter Blick auf eine vom Menschen zernagte, zersägte, verbetonierte, trotzdem authentische Landschaft - das sind die Zutaten, mit denen die wohl bekannteste österreichische Architekturfotografin, Margherita Spiluttini, ein kunstvolles Schichtwerk konstruiert hat: Zum einen sind im Technischen Museum Wien derzeit die entsprechenden Fotografien zu besichtigen - sorgfältig und liebevoll von der Wiener Architektin Elsa Prochazka quasi gerahmt und in Szene gesetzt. Zum anderen legt Spiluttini besagtes dazugehöriges Buch vor, in dem neben Wolfgang Kos auch noch andere Hochkaräter wie Ilse Aichinger und Friedrich Achleitner zwischen den Fotos rauer Steinbrüche, Erzberge, Felsformationen und Staudammbetonierungen blitzen.

Mit dieser Ausstellung, so die Kuratorin Elisabeth Limbeck-Lilienau, „beschreibt die Künstlerin exemplarisch die Verzahnung von Natur und Technik. Der technische Eindruck tritt in manchen Bildern gänzlich in den Hintergrund, als würde sich die Natur den Fremdkörper einverleiben oder zu einem Dekorelement in der eigenen Inszenierung werden lassen.“ Auf einem Bild, geschossen in Muthmannsdorf, wächst zum Beispiel wie selbstverständlich ein Heckenröslein zart unter einem erdrückenden Betonwall hervor, und Ilse Aichinger beschreibt den Steinbruch von Wopfing wunderbar folgendermaßen: „Er ist niedrig, schattig und zerklüftet, könnte zu kleineren Höhlen neigen. Das helle Feld an seiner unteren Grenze läßt an Weizen und das Ende des Frühsommers denken.“ Landschaft, Natur, Mensch sind alles eins.


[Margherita Spiluttini: „Nach der Natur“, Technisches Museum und Fotohof, EURO 26,-
Die Ausstellung im Technischen Museum ist bis 22. 9. zu sehen, es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, den Start macht die Diskussion Architektur/Landschaft mit Achleitner, Eichinger, Kos u.a.
Info: www.tmw.ac.at]

16. März 2002 Der Standard

Im Ahorndach wohnt der Specht

Georg Driendl mausert sich zu einem der besten Einfamilienhausplaner der Nation. Der neueste Flügelschwung des Tirolers heißt Solar Tube, steht in Wien und befördert seine Bewohner vom schattigen Fuße bis in die lichten Wipfel alter Bäume.

Der Specht hat im Frühling viel zu tun, im 19. Wiener Gemeindebezirk. Schöne alte Bäume stehen hier in der Gegend, mit entsprechenden Specht-Leckereien darinnen. Unter den Baumkronen ducken sich diverse Villen verschiedenster Provenienz - die 70er-Jahre haben hier teilweise mit energischer Pranke gewütet, ein paar Jahrhundertwendehäuser stehen in vollem Efeu, ihre Besitzer suchen in den ausgebauten Dachböden nach der Frühlingssonne, die unten nicht zu finden ist. Draußen in den Gärten beginnen sie bereits herumzukramperln, die Spechte schauen zu.

In der Zuckerkandlgasse, ganz am Ende, entsteht gerade eine neue Klötzchensiedlung mit den üblichen Fenstergucklöchern, viel Beachtung bekommt sie allerdings nicht, weil gleich davor bis in die Baumkronen ein neues Haus gewachsen ist, das alle Aufmerksamkeit der Anrainer und der Passanten auf sich zieht.

Hier drinnen ist es so hell, wie es die Dachbodenausbauer der Umgebung gerne bei sich selbst hätten. Drei Geschoße hoch ist das Haus, das unterste bohrt sich zur Hälfte in den sanften Hang. Das Gebäude steht auf einem schwierigen, weil vom Norden in den Süden gehängten Grundstück, was man aber dank dem Architekten, Georg Driendl, und seiner offenbar sehr aufgeschlossenen Bauherrenschaft, eines Ärztepaares mit drei Kindern, jetzt weder draußen noch drinnen bemerkt.

Das Haus ist eine prachtvolle Gewöhnungsbedürftigkeit, eine Art gläsernen Nests, das bis in die Baumkronen reicht. Georg Driendl hat bereits ein paar sehr beachtliche Häuser in Tirol, Niederösterreich und auch in Wien vorgelegt, im Falle dieses Projektes kommt alles, was er dabei gelernt hat, perfekt zusammen.

Auf insgesamt 308 Quadratmetern Wohnnutzfläche erstrecken sich hier zuunterst der Eingangsbereich samt einer angeschlossenen, derzeit noch nicht genutzten Ordination. Im ersten Stock befinden sich die Küche mit geräumigen Ess- und Knotzbereichen, Letzterer liegt vor einem offenen, betonierten Kamin sowie einer über zwei Geschoße laufenden Bibliothekswand. Ganz oben, unter Dach, sind die drei Kinderrefugien und das Elternschlafzimmer untergebracht. Dazwischen viel Luftigkeit und Helle.

Rein konstruktiv betrachtet ist das Haus schon kühn genug: Zwei massive Betonscheiben stützen eine an Herausforderung grenzende Stahlbrückenkonstruktion, die das oberste Geschoß samt Dach bildet und mittels Stahlfachwerk mit Holz- und Glasausfachung in Form hält. Rundherum ist alles gläsern - teils schwarz und blickdicht, meist aber transparent offen, weil man jeden Sonnenstrahl in die Wohnung hineinholen wollte. Diese Transparenz zieht sich über die Glaswände hinauf bis über das Dach. Denn auch das ist streifenweise verglast, der Specht kann hier herein-, die Bewohner in die Baumkronen hinauslugen. Die Raumwirkung der nach außen gebogenen Glasröhre ist gewaltig. Damit im Sommer das kühle Waldlüfterl Einzug halten kann, lässt sich der hölzerne Teil der Konstruktion mittels elektrischen Antriebs aufschieben. Es entsteht dann ein riesiges Atrium mit Vogelsang und Spechtgetrommel frei Haus.

Driendl beweist mit seinen Arbeiten stets ein fast unheimliches Gefühl für Licht- und Raumsituationen, für präzise Planung jeder noch so kleinen und scheinbar unbedeutenden Ecke, offenbar hat der Mann das richtige G'spür für konstruktive Intelligenz und unkonventionelle Materialeinsätze. Nur ein paar Beispiele: Um das Haus quasi bis zum Untergeschoßfußboden mit Licht fluten zu können, sind in den Decken an wichtigen Stellen ebenfalls Gläser eingelassen. Ein durchlässiger Holzraster in der Decke sorgt für akustische Kommunikation zwischen den oben und unten gelegenen Wohnzonen sowie für eine gute Durchlüftung.

Zu den Materialien: Die markantesten wurden bereits aufgezählt: die Glaswände und Glasdecken, die Sichtbetondecken- und -wandteile sowie die Stahlkonstruktion, die innen sicht- und spürbar bleibt. Doch auch was den gesamten Innenausbau anbelangt, schöpfte Driendl hier aus dem vollen Schatz seiner Hausbau-, Konstruktions- und Materialerfahrung: Die Stiege ist zum Beispiel mittels eines I-Trägers über das Glaswandgeländer aufgehängt, was mit den Ahorn-Trittstufen sehr rassig daherkommt, letztlich wahrscheinlich aber sogar billiger auszuführen war als jede konventionellere Höhenerschließung.

Apropos Baukosten: Leider dürfen sie nicht verraten werden. Doch nur so viel: Das Haus hat dank der Planung und trotz Ausführung mit Qualitätsunternehmen sicher bedeutend weniger gekostet, als man annehmen sollte. Die Zimmerleute kamen aus dem Land der Hölzer, nämlich aus Vorarlberg, der Tischler aus der Steiermark, der Baumeister aus Wien.

Da Driendl seine Einfamilienhäuser stets so konzipiert, dass die Meublage zu einem Teil der Architektur wird, schlägt sich sein unkonventioneller Materialzugang etwa auch im Bereich der Kinder- und Schlafzimmer nieder. Dort gibt es Trennwände aus Papierwabenkernen, die beidseitig mit Glasfaserlaminaten beschichtet wurden: Das ergibt zwar eine blickdichte, dennoch hauchzart transluzente Trennung, die schalltechnisch tadellos ist. Die Schiebetüren der Einbaukästen sind ebenfalls mit Glasfaserlaminaten bespannt. Im Bereich des Bades ist man durch verschiebbare Ornamentglaselemente (Typ Nummero 504) von Einsichten abgeschirmt, sowohl hier als auch in der Küche wurden die Waschtische und Becken in vom Baumeister perfekt gegossenen, geschliffenen und danach lackierten Betonplatten eingelassen. Und noch ein bemerkenswertes Detail: Im Obergeschoß schummert in zwei Wänden Licht durch Onyxplattenwände. Sehr schön.

Obwohl das Gebäude nicht explizit als Niedrigenergiehaus ausgewiesen ist, sorgt die Verglasung gemeinsam mit einer vorzüglichen Dämmung für niedrigenergieähnliche Zustände. Heizkörper hat man sich dank einer Fußbodenheizung erspart - vermissen wird sie hier niemand. Der Blick auf die alten Bäume bleibt unverstellt, ein Sichtschutz in Form verschiebbarer textiler Außenkonstruktionen ist vorgesehen, muss aber erst vollendet werden. Dann können die Passanten nicht mehr hineinschauen, und der freie Blick ins Haus bleibt den Spechten oben in den Baumkronen vorbehalten.

2. März 2002 Der Standard

Frischer Dampf für Bahnhofsoffensive

Die Finanzierung des Ausbaus der wichtigsten ÖBB-Bahnhöfe ist nun sichergestellt.

Der neue Bundesbahn-General Rüdiger vorm Walde will, wie DER STANDARD berichtete, verstärkt auf den Personenverkehr setzen. Ein wesentliches Zugmittel stellt dabei naturgemäß nicht nur das rollende Material, sondern vor allem auch die adäquate Qualität der Bahnhöfe dar, weshalb die ehrgeizige Strategie seines Vorgängers Helmut Draxler, diese infrastrukturell und architektonisch auf internationales Niveau zu heben, nun mit frischem Dampf fortgesetzt werden soll.

Nach einer Phase pekuniärer Stagnation stehen jetzt auch wieder die entsprechenden Mittel zur Verfügung. War ursprünglich die Sanierung von insgesamt 43 Bahnhöfen vorgesehen, so sollen nun zumindest die zwanzig wichtigsten Knotenpunkte in den kommenden Jahren rasch renoviert und adaptiert oder völlig neu gebaut werden. Bis dato waren nur elf Bahnhofsvorhaben ausfinanziert gewesen. Norbert Steiner, Leiter der Bahnhofsoffensive: „Mit dem neuen Generalverkehrsplan ist nun auch die Finanzierung der restlichen neun Vorhaben gesichert.“ Insgesamt stehen 413 Millionen Euro (5,7 Milliarden Schilling) zur Verfügung, davon wurden rund 36,3 Millionen EURO bereits verbaut. Die zwanzig nun in Angriff genommenen Bahnhöfe stellen zwar nur zwei Prozent aller ÖBB-Haltestellen dar, werden aber jährlich von 82 Millionen Reisenden, also 45 Prozent aller Zugfahrer frequentiert, sie sind darüber hinaus für 70 Prozent der Einnahmen aus dem Personenverkehr zuständig.

Vergangenen Dienstag wurde mit Linz einer der acht wichtigsten ÖBB-Knotenpunkte in Angriff genommen, für Entwurf und Architektur ist Wilhelm Holzbauer zuständig, der Fertigstellungstermin liegt im Frühjahr 2005. Auch der Bahnhof Innsbruck, derzeit eine der katastrophalsten Umsteigstellen, befindet sich bereits in Bau. Die elegante neue Halle von Florian Riegler und Roger Riewe soll Anfang 2004 in Betrieb gehen. Ebenfalls aktiv ist man bereits in Wiener Neustadt, wo Zechner & Zechner sowie Paul Katzberger planen. Zechner & Zechner haben auch den Bahnhof Feldkirch sowie den Hauptbahnhof Graz entworfen. Ersterer ist so gut wie fertiggestellt, zweiterer seit Mitte 2001 in Bau.

Noch heuer sollen die Bahnhöfe Wien Mitte, Baden (Henke & Schreieck), Krems (Podrecca u. Göbl), Leoben (NFOG) sowie Wels (Luger & Maul) baulich angegangen werden, die Planungen sind jeweils unter Dach und Fach. In einer weiteren Bauphase, die im Jahr 2003 mit Klagenfurt (Kada) startet und 2004 fortgesetzt wird, stehen Wien Hütteldorf (Hermann Czech), Salzburg (Klaus Kada) und Bruck an der Mur (Riegler Riewe) auf dem Programm. Für Attnang-Puchheim, St. Pölten und Wien Nord sucht man über gerade laufende und zukünftige Wettebewerbsverfahren die geeignetsten Planer. Die Station Wien Heiligenstadt muss erst analysiert und programmiert werden, und Ausbau sowie Adaptierung der großen Stationen Wien West und Wien Süd (Hotz) machen umfassende Verhandlungen mit den Wiener Städteplanern erforderlich.

Vor allem der Bereich Westbahnhof bereitet Steiner Sorge: „Hier agiert die Stadt viel zu restriktiv, die Rahmenbedingungen, die man derzeit andenkt, sind meines Erachtens zu eng gesteckt, um einen sinnvollen städtebaulichen Wettbewerb in Angriff nehmen zu können. Hier besteht ein Potenzial, dem die Stadt im Moment noch nicht gerecht wird.“ Der Westbahnhof liegt inmitten dichter Wohnquartiere, deren Kaufkraft, so der Bahnhosoffensive-Chef, derzeit in das Umland abfließt. Steiner kann sich eine „Verlängerung der Mariahilfer Strasse als Einkaufsmeile“ vorstellen, kombiniert mit „Arbeits- und Gewerbemöglichkeiten“. Ein völlig anderes städtebauliches Thema ist der Südbahnhof. Steiner: „Hier stellt sich die Frage, wie ein Bahnhof mittels kräftigem Impuls erneuert werden kann.“ Der „Bahnhof Wien“, der Süd- und Ostbahn quasi zusammenfasst, müsse schrittweise angegangen werden. Auch hier wären Mut, Initiative und Vision der Wiener Stadtplaner gefragt.

2. März 2002 Der Standard

Sehet hin und staunet

Das Haus als Case Study war ein journalistischer Schöpfungsakt, der sich architektonisch bezahlt machte. Die mediale Seligsprechung der Projekte darf ihrerseits heute noch als einzigartige Architektur-PR-Fallstudie betrachtet werden.

John Entenza war der Heiland einer ganzen Architektengeneration, weil er einige ihrer Weggenossen selbst zu Heiligen erkor und dann auch machte. So einfach war das, so kompliziert es auch war.

Der Architekturprophet begann mit der medialen Segnung seiner Jünger zu Ende des Zweiten Weltkriegs, als er in Los Angeles eine avantgardistisch positionierte, mit Innovationen aller Art reich gedüngte Architektur- und Designzeitschrift namens Art & Architecture leitete. In der ersten Nummer des Jahres 1945 unternahm er seine erste Predigt in Form seines Herausgeberbriefs, mit der Aufforderung, die Architekten mögen seinen Worten folgen, und die begann so: „Vieles, das mal oberflächlich, mal profund, zum Wohnungsbau der Nachkriegszeit gesagt wird, scheint uns doch nur bloßes Gerede und Spekulation auf Papier zu sein. Es ist an der Zeit, zu konkreten Fallbeispielen überzugehen und eine Fülle an Material zusammenzutragen, aus dem schließlich etwas entsteht, das sich Wohnhaus der Nachkriegszeit nennen kann. (...) Auf dieser Idee aufbauend möchten wir jetzt ein Projekt ankündigen, das wir als Case Study House Program bezeichnen.“

Entenza rief also - von ihm hochselbst Auserwählte - dazu auf, schlichte, moderne, innovative und möglichst preiswert herzustellende Einfamilienhäuser als Prototypen zu entwerfen, an den Bauherren, die Baufrau zu bringen und die ganze Angelegenheit formschön und regelmäßig in seiner Zeitung präsentieren zu lassen. Die Saat fiel auf fruchtbaren Boden. Von 1945 bis 1966 entwarfen die verschiedensten amerikanischen Architekten in und um Los Angeles 36 dieser Haustypen, von denen die meisten auch realisiert wurden. Das Case Study Program durchlief über die Jahre verschiedene Entwicklungs- und Qualitätsstufen, ein paar der Häuser - etwa jene, die Charles und Ray Eames, Richard Neutra und Pierre Koenig entworfen hatten - wurden von der Architekturgeschichte schließlich zu heiligen Stätten der Baukunst geweiht, und ihre Erbauer erlangten internationalen Kultstatus. Vor allem die Phase der 50er-Jahre brachte einige Prachtvillen hervor, deren ursprünglich angedachte übergeordnete Botschaft, nämlich für jedermann erschwinglich zu sein und irgendwann einmal sogar in kleine Serien zu gehen, freilich keinen Widerhall fand.

Trotzdem war das Programm einflussreich, die Nachwirkungen sind bis heute in zeitgenössischen Architekturen zu verspüren, etwa was den Einsatz industriell gefertigter Bauelemente anbelangt, aber auch in Sachen Grundrisslösungen und Umgang mit dem Raum rund um das Haus. Die Fall-Studenten ihrerseits standen großteils unter dem Einfluß R. M. Schindlers, der sich schon viele Jahre zuvor mit genau diesem Thema sehr erfolgreich zu befassen begonnen hatte. Schindler selbst nahm nie am Programm teil, ganz einfach weil ihn der Allmächtige nicht dazu einlud, genauso wenig wie andere ebenfalls sendungsbewusste starke Typen wie Gregory Ain oder den geradezu anbetungswürdigen John Lautner.

Warum Entenzas journalistisch-selektiver Architektur-Schöpfungsakt international dermaßen Furore machte, lässt sich retrospektiv kaum mehr analysieren. Fest steht aber, dass der Begriff Case Study House bis heute fast über den Nimbus einer kleinen Architekturschule verfügt, und daran ist die perfekte journalistische Aufbereitung der gebauten Leckerbissen schuld. Der architekturbesessene Entenza ließ in seinem Blatt für jede einzelne der Villen quasi Messen lesen. Dabei entstanden originelle und unkonventionelle Textstrecken wie etwa das von Richard Neutra verfasste fiktive Gespräch zwischen den potenziellen Bauherrschaften Omega, Alpha und dem Architekten selbst. Und nicht zuletzt engagierte der Architekturpublizist die besten jungen Fotografen der Westküste für das Oeuvre, allen voran natürlich Julius Shulman. Allein seine atemberaubende Aufnahme der im Glashaus über LA schwebenden Fräuleins im Koenig-Domizil No. 22 - sicher eines der berühmtesten Architekturfotos überhaupt - hätte das Case-Study-Programm bekannt gemacht.

Wie sich das improvisierte Fotoshooting dort im Jahr 1960 tatsächlich abgespielt hat, wie die Originalbeiträge in Arts & Architecture ausgesehen haben, wie sich die einzelnen Häuser heute und gestern in Plan und Detail präsentieren, das kann demnächst in der riesigen, umfangreichen und faszinierenden Publikation Case Study Houses (Elizabeth T. Smith, EURO 154,20/440 Seiten, Taschen, Köln 2002) nachgeschlagen werden: Ein Trip an die Westküste, in eine vergangene, gegenwärtige Moderne und in die Tiefen einer einzigartigen Architektur PR-Kampagne.

verknüpfte Publikationen
- All began just by chance. Julius Shulman.

2. März 2002 Der Standard

Böhlerhaus wird herausgeputzt

Das vom Wiener Architekt Roland Rainer geplante so genannte „Böhlerhaus“ am Schillerplatz ist eines der letzten erhaltenen Architekturdokumente der 50er-Jahre in Wien. Seine spröde Technologieschönheit liegt derzeit hinter einem Schmutzschleier schlampiger Jahre verborgen, sie kann nur erahnt werden, das Haus steht seit fast elf Jahren leer.

Nun soll der vor allem von der Konstruktion her hochinteressante, zu seiner Zeit impulsgebende VEW-Bürobau endlich aufpoliert und mit einer anderen Nutzung in Betrieb genommen werden: Für die Erhaltung seiner Charakteristika, vor allem was die Fassadenkonstruktion anbelangt, verbürgte sich schon vor geraumer Zeit der Chef des Bundesdenkmalamtes, Wilhelm Rizzi, in Absprache mit den Investoren.

Der Architekt selbst steht der Idee, die ehemaligen Büroräulichkeiten nun zu Hotelzimmern umzufunktionieren, unvoreingenommen gegenüber und äußert seine Freude darüber, dass nun endlich eine Neunutzung in Aussicht steht. Was die sensible Sanierung der Fassade anbelangt wurde ihm das Recht, kritische Punkte selbst zu planen, bereits im Vorjahr eingeräumt. Angestrebt wird eine sanfte Modernisierung, die sowohl den zeitgemäßen Standards entspricht, als auch die mittlerweile fast historische Bausubstanz weiterleben lässt. Das Denkmal sollte also neu belebt doch als signifikanter Typus einer Epoche erhalten bleiben.

1. März 2002 Der Standard

Shopping und Unterhaltung

Das neue Urban Entertainment Center soll sich auf einer Baufläche von insgesamt 17.600 m² erheben. An drei Stellen ist der Komplex 87 bzw. 97 Meter hoch. Die Baukosten belaufen sich auf rund 300 Millionen Euro (4,2 Mrd öS). Als Bauherr tritt die Wien-Mitte Bauprojektmanagement GesmbH auf, die im Eigentum der Bauträger Austria Immobilien GesmbH (B.A.I.) und der Internationalen Projektfinanz (IFP) steht. Als Mitinvestor und Teilbetreiber gewann man den portugiesischen Shoppingmallkonzern Sonae Imobiliaria. Bis 2006 sollen ein Einkaufs- und Entertainmentcenter, ein 340-Zimmer-Hotel, Büros sowie exklusive Dachwohnungen errichtet werden. Die planenden Architekten sind Neumann & Steiner, Lintl & Lintl und Ortner & Ortner.

1. März 2002 Der Standard

Wenn die Rendite baut, baut sie hoch

Streitfall Wien-Mitte

Die Debatte um Hochhäuser in Wien erreicht mit dem Projekt Wien-Mitte einen neuen Höhepunkt. Während die Investoren alle Rahmenbedingungen erfüllt sehen, werfen Projektgegner der Stadtplanung Schlamperei vor.

Während die Planungen eines Urban Entertainment Centers (UEC) in Wien-Mitte so gut wie fertig gestellt und der Baubeginn mit Ende des Jahres terminisiert ist, erreicht der Wirbel um die hohen Häuser am Anfang der Landstraßer Hauptstraße einen Höhepunkt. Entstehen soll dort ein neues Zentrum mit gemischter Nutzung, das an drei Punkten in 87 respektive 97 Meter Höhe emporwachsen wird. Widerstand kommt von Stadtopposition und Bürgerinitiativen. Dass die Innenstadt gerade von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde und sich der Bauplatz in der Schutzzone befindet, sorgt für zusätzlichen Zündstoff.

Warum die Investoren (B.A.I. und IFP) ihre Häuser hoch bauen wollen, erschließt sich durch eine kurze Schlussrechnung: Bei 80.000 m² Nutzfläche und durchschnittlichen 1800 Euro Quadratmeterherstellungskosten ergibt sich eine Bausumme von rund 144 Millionen EURO, das gesamte Projekt wird mit 300 Millionen EURO beziffert, bei der Differenz kann es sich in logischer Folge nur um die Grundkosten handeln. Dieser appetitliche Happen dürfte mittels eines Superedifikats (im Eisenbahnbuch eingetragener Dienstbarkeitsvertrag) in den ÖBB-Säckel gewandert sein, denen das Grundstück gehört.

Will man eine entsprechende Rendite des eingesetzten Kapitals sehen, muss das Grundstück voll ausgeschöpft werden. Roman Rusy, Sprecher der Bauherrin Wien-Mitte Bauprojektmanagement GesmbH will sich dazu nicht äußern, betont aber den für Investoren besonders attraktiven Standort: Schließlich sei Wien-Mitte mit 110.000 Umsteigern der wichtigste heimische Verkehrsknotenpunkt, dieses Publikum wolle man mit dem Shopping-und-Freizeit-Projekt samt Büro-und ausgesuchter Wohnnutzung über den Dächern der Altstadt ansprechen. Außerdem seien die Flächenwidmungspläne genehmigt, der Sanktus der Stadtplaner also längst erteilt.


Schlampig vorbereitet

Projektgegner wie Christoph Chorherr von den Grünen werfen der Stadtplanung „schlampige Vorbereitung“ vor. Chorherr: „Hier rächt es sich, wenn man nicht sorgfältig feststellt, wie viel Dichte ein Standort verträgt.“ Ältere Projekte wie etwa Roland Rainers Studie aus den frühen 80er-Jahren hätten sehr wohl vorgezeigt, dass man „zwar dicht, aber standortverträglich“ bauen könne. Auch TU-Verkehrsplaner Hermann Knoflacher kritisiert das Investorendenken: „Man soll das Geschäft machen, dabei aber längerfristig die Stadtstruktur berücksichtigen.“

Die Projektgenese selbst war langwierig, die nun planende Architekten-Arbeitsgemeinschaft (Neumann & Steiner, Lintl & Lintl, Ortner & Ortner) entstammt einem Architekturwettbewerb aus dem Jahr 1990. Heinz Neumann, Arge-Sprecher, versteht den Aufruhr nicht: „Das Projekt ist längst geplant, wir haben alle Auflagen erfüllt, die Debatte ist kontraproduktiv.“

Zur Architektur des UIC selbst ist zu sagen, dass sie sehr schlicht daherkommt und schon ein wenig an die Berliner Investorenprojekte gemahnt, die der deutschen Hauptstadt keinen Rang in der jüngeren Architekturgeschichte sichern werden.

1. März 2002 Der Standard

„Oberflächlich und banal“

Architekt Roland Rainer warnt vor Kommerz und Dichte

STANDARD:
Sie haben vor zwanzig Jahren eine vom Magistrat bereits abgesegnete, nie realisierte Studie über Wien-Mitte gemacht. Wie beurteilen Sie das aktuelle Bauvorhaben?

Roland Rainer:
An dieser Stelle große Interventionen zu machen würde alles zerstören, denn es gibt dort viele wichtige und empfindliche Punkte und Blickbezüge eines gewachsenen Stadtensembles. Was gerade geschieht, halte ich für die oberflächlichste, banalste und miserabelste Gesinnung, die es überhaupt gibt. Im Umfeld liegen alte Kirchen, der Stadtpark, die Museen - irgendwo muss man einmal auch Zurückhaltung üben können.

STANDARD:
Was passiert, wenn man das nicht tut?

Roland Rainer:
Es wird ein Verkehrschaos und noch mehr Rummel geben. Man glaubt, dass man mit großen Häusern noch mehr Geschäft machen kann, doch das halte ich für Unsinn. Die Leute brauchen keine Hochhäuser, um Stiefel kaufen zu können. Man bedenke allein die Beschattung, die sich durch diese hohe Bebauung ergibt, an die vollkommene Veränderung der Umwelt, der Belichtung, der Lärmbelastung. Dieser Ort ist eine der schönsten Gegenden Wiens, und die soll völlig verändert werden. Andere Städte gehen mit ihrer Substanz wesentlich vorsichtiger um. Was hier in Wien waltet, ist die primitive Geschäftstüchtigkeit der Hausmeister.

STANDARD:
Die Planer verwehren sich gegen den Vorwurf des potenziellen Verkehrschaos, weil man vor allem die in Wien-Mitte Umsteigenden anziehen wolle.

Roland Rainer:
Ich bezweifle, dass das ernst gemeint ist, denn dann wird man dort kein Geschäft machen. Die meisten fahren doch nur durch.

STANDARD:
Wie hätten Sie planerisch mit dem Ort verfahren?

Roland Rainer:
Ich habe gar nichts gegen eine gewisse, aber behutsam geplante Verdichtung, wenn sie dem stadträumlichen Gefüge entspricht, und wenn dazwischen Plätze, wie es sie in Wien ohnehin kaum mehr gibt, geschaffen werden. Doch es ist nicht egal, ob es dort acht oder zwanzig Geschoße gibt, auch wenn die Kanten zurückgesetzt sind.

23. Februar 2002 Der Standard

Elegante Lofts im Kellergeschoß

Wie man mit guter Planung Tageslicht ins Kellerdunkel bringt: Das unterirdische Studiengebäude für die Wiener Albertina von den Architekten Mascher und Steinmayr wird dieser Tage übergeben.

Im Zuge der zu Beginn der 90er-Jahre in Angriff genommenen und voraussichtlich im März 2003 abgeschlossenen Generalsanierung des historischen Albertina-Gebäudes hinter der Wiener Staatsoper veranstaltete man 1993 einen Architekturwettbewerb, um die besten Erweiterungsvorschläge für das morsche und zu beengte Gemäuer zu finden.

Das geforderte Programm stellte eine ausgesprochen schwierige Intervention in einer komplizierten gewachsenen Substanz dar. Die Architekten Friedrich Mascher und Erich Steinmayr konnten das Verfahren mit einem sehr einfachen und gerade deshalb überzeugend raffinierten Projekt für sich entscheiden.

Die Bauarbeiten sind nun fertig gestellt, der neue Albertina-Trakt, bestehend aus einem riesigen unterirdischen Betoncontainer für die Albertina-Sammlung sowie einem Studiengebäude für Lehre und Forschung, kann dieser Tage übergeben werden.

Die neuen Werkstätten, Studiensäle, Büroräume und Restaurierungslabors graben sich, wie auch das Hochsicherheitsdepot gleich daneben, im Bereich der Bastei tief in den Erdboden hinein, beide Baukörper sind von außen so gut wie unsichtbar. Dass trotzdem reichlich Tageslicht bis in das unterste Geschoß in immerhin dreißig Metern Tiefe sickern kann, verdankt der Zubau geschickt angeordneten Lichtschlitzen, einem gerade und unkapriziös gehaltenen, demnächst japanisch bepflanzten Innenhof, sowie dem großzügigen Einsatz des Materials Glas.

Das gesamte Bauunternehmen war sowohl planerisch als auch konstruktiv eine Herausforderung der Ingenieurintelligenz, weshalb die Architekten zwei Generalunternehmer durchsetzen konnten: Die Porr war Bauverantwortliche, für die Stahl- und Glaskonstruktionen zeichnete das Unternehmen Alu-Sommer verantwortlich.

Die Nettoherstellungskosten des neuen, über fünf Geschoße mächtigen Albertina-Speichers sowie des angeschlossenen Studiengebäudes betrugen rund 13 Mio. EURO (180 Mio. öS), zuzüglich Planungs-und Finanzierungskosten ergibt sich eine Gesamtsumme von 18,2 Mio. EURO.

Die Architekten Mascher und Steinmayr schufen unaufwändig überraschend angenehme und moderne räumliche Atmosphären. In den durchwegs hellen, luftigen Räumen kommt man kaum je auf die Idee, sich eigentlich weit unter Straßen- und Basteiniveau zu befinden. Das Licht rieselt indirekt ein, es wurde für die dort getätigten wissenschaftlichen Arbeiten an kostbaren Kunstwerken, denen nur Feuchtigkeit noch mehr schaden kann als pralle Sonne, optimal eingefangen.

Die vorherrschenden Materialien sind - fast überall auffällig gut gearbeiteter - Sichtbeton, das bereits erwähnte Glas, das auch als Raumtrenner eingesetzt wurde, und Eichenholz in Form von Parketten und Wandverkleidungen: gelungene und unaufdringliche Architektur.

23. Februar 2002 Der Standard

Minotaurus im Baustellenlabyrinth

Die Wiener Albertina war ein morsches Haus und eine gut unter Verschluss gehaltene Grafik-sammlung. Bis Klaus Albrecht Schröder kam, eine Vision hatte und sie wahr zu machen begann.

Klaus Albrecht Schröder hat die Sache in die Hand genommen. Man sieht es, man hört es, man riecht es sogar. Nach über fünfzig Jahren gemütlich stillen Vorsichhinrottens rumort es plötzlich heftig in der alten Albertina. Im grauen, auch bei eingehender Betrachtung ausgesprochen unansehnlichen Haus hinter der Staatsoper wird gestemmt und in Betonbottichen gerührt, dass Staub und Zement nur so fliegen und man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Allerorten stehen Gerüste und klaffen Durchbrüche, neue Mauern werden hoch-, Stahlträger eingezogen, Parketten geschliffen, Goldpinsel geschwungen. Der Umbau ist gewaltig, die eingesetzten Mittel enorm, der Weg noch weit. Und überhaupt: Wohin wird er führen?

Schröder trat im vergangenen Jahr dynamisch als Leiter der Graphischen Sammlung an, gerufen hat ihn Ministerin Elisabeth Gehrer. Der Mann ist schließlich bekannt dafür, Visionen zu haben, die auch umzusetzen, und die Museumsmilliarde ist ja auch noch irgendwo vorhanden. Das „kleine Denken“ ist dem Kunstmanager, wie er selbst betont, zuwider, angehen müsse man die Dinge, und das, ohne lange zu fragen oder gar zu zagen. Deshalb wird die Albertina, traditionell ein Hort besinnlich genauer wissenschaftlicher Betrachtungen und Studien, nicht länger in der Stille verharren, sondern zu einem Museum umfunktioniert, zu einem Kunstbetrieb mit Wechselausstellungshallen, Shop und Cafeteria. Wie man das halt so macht, heutzutage.

Irgendwo steht da auch ein Haus, in das die ehrgeizigen Pläne des Klaus Albrecht Schröder hineingepresst werden sollen und das sich nun quasi vor dem Inhalt zu verbeugen hat. Ein Haus mit bewegter Geschichte, mit vielen Um-Ein-Neubauten, mit wertvollen Interieurs und einer tatsächlich grausam vernachlässigten, jahrzehntelang verschlampten Substanz. Wo Ende des 17. Jahrhunderts das Hofbauamt residierte, entstand ein Wohnpalais für Graf Sylva-Tarouca, Lois von Montoyer baute um und vieles Schöne ein, schließlich beauftragte Erzherzog Carl Josef Kornhäusl, noch einmal ordentlich Hand anzulegen. 1945 krachte eine Bombe in das höfische Ensemble, es wurde wieder aufgebaut und sodann dem Verfall überlassen.

Um einen derartigen Riesen wiederzubeleben, bedarf es wahrlich archaischer Kräfte, und Schröder stampft durch die verschlungenen Irrgänge des großen Hauses wie der Minotaurus durch sein Labyrinth. Seine ehrgeizigen Pläne als Verirrung zu bezeichnen, wäre freilich vermessen und unangebracht. Kaum ein anderer Charakter hätte die behäbigen Beamtenmaschinerien rascher unter Dampf setzen, hätte mehr Geldsummen auftreiben können als der gebürtige Linzer. Zwar war die architektonische Erweiterung des Hauses durch einen unterirdischen Speicher sowie ein von den Architekten Friedrich Mascher und Erich Steinmayr geplantes gelungenes Studiengebäude mit Werkstätten, Restaurierungsabteilungen und Bibliothek schon zu Vor-Schröder-Zeiten abgesegnet und in Bau (siehe Immobilien), doch dazu kamen nun eine weitere Ausstellungshalle, eine neue, zeitgenössische Erschließung der Bastei, die Rekonstruktion der straßenseitigen Fassaden sowie die Renovierung der historischen Prunkräume.

Wohlfeil ist hier naturgemäß gar nichts. Das Wirtschaftsministerium lässt insgesamt - derweilen - 51,83 Millionen Euro (713 Millionen Schilling) springen. Für den Rest hat sich Schröder private Sponsoren gesucht und mit Hannes Androsch als einem der „Förderer der Albertina“ einen finanztechnisch ausgefuchsten Verbündeten geangelt. Hans Holleins Bastei-Eingang, das Produkt eines geladenen Wettbewerbes, wird von der Familie Soravia bezahlt, eine Ausstellungshalle von der Stiftung Propter Homines des Fürstentums Liechtenstein. Die mit 4,66 Millionen Euro veranschlagte Renovierung der Prunkräume übernimmt kostenseits zur Hälfte die Gemeinde Wien, der Rest wird privatsponsorenmäßig aufgestellt. Gesetzt den Fall, alles wurde hier richtig ausgerechnet und auch eingenommen, will Schröder sein Reich am 17. März kommenden Jahres feierlich der Öffentlichkeit präsentieren.

Der Vorwurf, man hätte es sodann nicht mehr mit der Albert-, sondern mit der Albrechtina zu tun, wird dennoch allerorten laut. Denn Schröders erstaunliches Durchsetzungsvermögen setzt nun nicht nur das ebenfalls in der Albertina zur Miete befindliche Filmmuseum, dessen marode Räumlichkeiten vom Umbau angeknabbert werden, unter Druck, sondern sogar das mächtige Bundesdenkmalamt. Ein negativer Bescheid, was die Umbauten im dritten Stockwerk anbelangt, wurde vom Ministerium aufgrund „öffentlichen Interesses“ aufgehoben, die Fassadenrückführung auf den Zustand von 1865 wird nicht nur in Fachkreisen als zumindest fragwürdig angesehen.

Doch wo gehobelt wird, fallen Späne, und wenn nach Abschluss der Sanierungsarbeiten das 24-karätige Albertinagold über Kultursponsoren aller Art schimmert, wenn der Grafik-Schatz im sicheren - was die Maschinerie betrifft, allerdings noch nicht finanzierten - Speicher lagert, wenn Ausstellungen und Cocktails eröffnet sind, dann werden Staub und Kämpfe vergessen sein. Bleibt zu hoffen, dass Schröders Macher-Mentalität nicht die ebenso ambitionierten, wenn auch kleineren Institutionen im Haus wie das Filmmuseum zermalmt.

20. Februar 2002 Der Standard

Umbaustaub für alle!

Klaus Albrecht Schröder stampft energisch eine neue Albertina aus morschem Gemäuer. Das ebenfalls dort untergebrachte Filmmuseum schluckt derweilen den Staub und die Erkenntnis, dass für die Sanierung seiner Räumlichkeiten niemand zuständig sein will.

Die Wiener Albertina wird derzeit mit großem Aufwand und erheblichen Kostenentwicklungen saniert, ihr neuer Chef Klaus Albrecht Schröder legt den Elan und das Tempo eines Zentauren vor, Architekten, Baufirmen, Restauratoren und nicht zuletzt Sponsoren versuchen dem hurtigen Schritt des Museumsmachers durch die angemorschten Prachthallen zu folgen. Im März kommenden Jahres will der Kunstmanager 18.000 Museumsquadratmeter in neuem Glanze eröffnen.

Auf vergleichsweise bescheidenen 377 Quadratmetern liegt inmitten dieser güldenen Fassung mit dem Filmmuseum eine beliebte Wiener Institution eingebettet, die, derzeit etwas angealtert, zu einem Schmuckstein im Gesamtensemble herausgeputzt werden könnte.

Doch hier verlieren sich die Zuständigkeiten in einem Irrgarten der Bürokratien und direktoralen Machtbegehrlichkeiten. Schröder würde das Kino am liebsten samt Sammlung und Personal in sein Reich eingemeinden, was freilich einer Entmündigung des ebenfalls ambitionierten, aber auf anderen Parketten heimischen Filmmuseum-Chefs Alexander Horwath samt Mitarbeitern gleichkäme. Zur optimalen Sanierung der seit 1963 hier angesiedelten Filmmuseum-Räume bedarf es etwa 1,8 Millionen Euro, im Vergleich zur Gesamtbausumme von geschätzten 60 Mio EURO ein Klacks.

Horwath hat sein Amt Anfang dieses Jahres angetreten, da bröselte bereits Schröders Umbaustaub in seine Anlagen, und obwohl es wiederholt Gespräche zwischen den beiden gab, konnte kein gemeinsames tragendes Gerüst für den letztlich minimalen Eingriff gefunden werden. Schröder wirft Horwath nun „kleines Denken“ und einen „Mangel an Visionen“ vor und will aufgrund der Planungs-und Einreichfristen gleich gar keine Lösung mehr sehen.

Dem widerspricht Burghauptmann Wolfgang Beer. Als Gebäudeverwalterin ist die Burghauptmannschaft das den Umbau exekutierende Organ. Beer empfindet es als „absurd“, ein paar Räume von der Sanierung auszusparen, und entwirrt die Zuständigkeiten. Obwohl das Filmmuseum ins Ressort von Franz Morak fällt, meint er: „Wenn das Unterrichtsministerium eine einmalige zweckgebundene Subvention bewilligt, sind wir sofort bereit, die Sache in Angriff zu nehmen.“


Ein Fall für Gehrer

Der Ball liegt also wieder bei Elisabeth Gehrer, die vergangene Woche ohnehin ihrer Freude Ausdruck verlieh, hier ein Projekt in einem Aufwaschen vollständig durchführen zu können. Da die Albertina aber ein Haus mit mehreren Mietern ist, erstreckt sich diese Vollständigkeit nun einmal nicht nur auf einen Macher wie Schröder, so dynamisch er auch sein mag. Immerhin wird das Filmmuseum durch seine Pläne in Mitleidenschaft gezogen, Foyerfläche geht durch die Eingangsverlegung, Licht durch neue, runde Fenster verloren.

Bei vernünftiger Absprache könnten jetzt oder nie synergetische Effekte erzielt werden, ansonsten droht eine künftige neue Baustelle. Was das operative Geschäft anbelangt, so konnte Horwath Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Staatssekretär Franz Morak von seinen „Visionen“ sehr wohl überzeugen: Die Stadt hat eine Subvention von jährlich 508.900 Euro zugesagt, die gleiche Summe erhofft man sich nun vom Bund.

16. Februar 2002 Der Standard

Die Probleme der kleinen und der großen Dörfer

Die Analyse der Architektursituation in den Bundesländern schreitet voran: Diesmal nahm sich die Architekturstiftung Österreich die Architekturwirklichkeiten in Salzburg und im Burgenland vor.

Wie schaut es aus mit Architektur und Stadtplanung in den einzelnen Bundesländern? Was funktioniert klaglos, was liegt im Argen, und unter welchen Rahmenbedingungen entsteht Gebautes? Dieser Frage geht die Architekturstiftung Österreich bereits seit vergangenem Herbst mittels argumentationskräftiger Diskussionsrunden nach. Nach der Steiermark kommen diesmal Architekten, Planer und Architekturnutzer aus Salzburg und dem Burgenland zu Wort. Die Moderation der Gespräche übernahm der Vorstand der Architekturstiftung, Christian Kühn. DER STANDARD versucht eine Zusammenfassung, die kompletten Gesprächsprotokolle sind in Architektur & Bauforum nachzulesen.


Architekturwirklichkeiten in Salzburg:
Entwicklungskonzepte und Gestaltungsbeiräte

Die Salzburger Diskussionsrunde setzte sich zusammen aus: Architekt Peter Ebner, Vorstandsmitglied der Initiative Architektur Salzburg, Franz Fürst, Bauträgerunternehmer, Architekt Gerhard Garstenauer, Günter Maierhofer, Geschäftsführer der Sabfinanz, Norbert Mayr, Architekturpublizist, Johann Padutsch, Stadtrat Salzburg, Architektin Ursula Spannberger, Vorsitzende des Fachbeirats Architektur des Landeskulturbeirates Salzburg.

Eine ganze Reihe ambitionierter Architekten bevölkert das schöne Land Salzburg, der entsprechende Architekturoutput stellt sich allerdings nur schwer und unter größeren Mühen ein. Zu diesem Schluss kam das Salzburger Architekturgespräch, in dem vor allem das zögerliche Walten der Stadt Salzburg kritisiert wurde. Norbert Mayr: „Man kann eine sehr engagierte, wachsende Architekturszene beobachten. Dem steht diametral gegenüber, dass Salzburg bei größeren Projekten in den letzten Jahren nichts Gelungenes vorzuweisen hat.“ Angesprochen wurden das Kongresshaus, das neue Stadion sowie die Museumsdebatte rund um den Schlossberg. Als Positivbeispiel wurde von allen der Makartsteg von Halle 1 über die Salzach genannt. Gerhard Garstenauer ortete einen „grundsätzlichen Mangel bei der Vorbereitung dieser und vieler anderer Projekte“, weil gründliche Standortuntersuchungen nicht durchgeführt würden.

Johann Padutsch sagte dazu: „Ich möchte da zwischen den Vorgehensweisen der Planungsabteilungen und der Politik unterscheiden, und dann noch einmal zwischen Stadt und Land.“ Bei Landesprojekten würden „politische und persönliche Eitelkeiten eine entscheidende Rolle“ spielen. Was die Stadtplanung anbelangt, so kritisierte Franz Fürst den Umstand, dass „die Stadt nur alle 30 Jahre ihr Entwicklungskonzept erneuert“, Salzburg hätte sich zu einer Schlaf- und Wohnstadt entwickelt und laufe Gefahr, seine Lebendigkeit zu verlieren. Der Gestaltungsbeirat kümmere sich lediglich um Fragmente: „Dieses Vakuum provoziert die Politiker, das Heft an sich zu reißen und in ihrer Inkompetenz einsame Entscheidungen zu treffen.“

Auch Peter Ebner würdigte zwar die „Bauwut“ und das Architekturinteresse des Landeshauptmanns, würde sich aber eine bessere architektonisch-städtebauliche Beratung der Politik dringend wünschen. Auch die ehemals vorzügliche Wettbewerbskultur des Landes habe, so Ursula Spannberger, an Qualität eingebüßt, was vor allem auf die geänderte EU-Rechtslage zurückzuführen sei: „Heute können Baumeister an den Verfahren teilnehmen, es kann mit den drei Erstgereihten verhandelt werden, und eine Beauftragung nach GOA (Anm.: Gebührenordnung) ist längst nicht mehr selbstverständlich.“ Günter Maierhofer appellierte in diesem Zusammenhang allerdings auch an die Architektenschaft, den jeweils vorgegebenen Kostenrahmen zu verinnerlichen: „Von zehn Wettbewerbsbeiträgen halten ihn bestenfalls zwei ein, und das sind nicht unbe- dingt die, von denen die Jury auch architektonisch überzeugt ist.“

Gerhard Garstenauer wies auf Vorzüge und Schwächen der Salzburger Gestaltungsbeiräte hin und auf die erfreuliche Lernwilligkeit einiger Genossenschaften: „Es gibt so viele Bauträger, die überhaupt kein Organ für Qualität haben. Im Gestaltungsbeirat habe ich wiederholt erlebt, dass wir dem Direktor einer Genossenschaft gesagt haben, so etwas können Sie den Bewohnern nicht zumuten, und das hat viel bewirkt. Auf dem Land, wo eine solche Hilfestellung noch viel dringlicher wäre, funktionieren die Gestaltungsbeiräte aber leider überhaupt nicht. Die Fremdenverkehrsgemeinden sind in einer fürchterlichen Fehlentwicklung gelandet. Die Orte sind total versaut, aber die Gemeinden haben keine Partner, die sie mit neuen Konzepten unterstützen.“ Ursula Spannberger stimmte zu: „Bis auf wenige Projekte gibt es auf dem Land nichts Interessantes vorzuweisen.“ Doch Peter Ebner ortete ebenfalls bereitwillige Aufnahme jedweder fachlich-architektonischen Beratung: „Ich sehe bei der Arbeit in der Initiative Architektur, dass Bürgermeister froh sind, wenn Sie Unterstützung bekommen. Wir haben ein Symposium für diese Zielgruppe veranstaltet, zu dem 80 Bürgermeister gekommen sind. Der Landesrat und Bürgermeister Eisl hat dort zeitgemäße Architektur und eine Abkehr vom Lederhosen-Stil gefordert.“


Architekturwirklichkeiten im Burgenland:
Bauerndörfer und Qualitätsobjekte

Es diskutierten: Architekt Klaus-Jürgen Bauer, Vorsitzender des Architektur Raum Burgenland, Architekt Hans Gangoly, Rupert Schatovich, Mitglied des Beirats für Baukultur und Ortsbildpflege, Architekt Rudolf Szedenik, Mitglied des Dorferneuerungsbeirats und Vorsitzender des Beirats für Baukultur und Ortsbildpflege, Ulrike Tschach-Sauerzopf, Tourismusfachfrau, Franz Weninger, Winzer.

EU-Förderungen und die Grenzöffnung nach Osten beginnen das traditionell bäuerliche Architekturbild des Burgenlandes langsam zu verändern. Auch im kleinsten Bundesland der Nation regt sich eine erkleckliche Anzahl hellwacher Architekturgeister, die diverse vorbildliche Projekte realisieren konnten. Das eigentliche Problem des Landes bringt Rudolf Szedenik auf den Punkt: „Auf der Ebene dazwischen, beim städtebaulichen Gesamtprojekt und beim Siedlungsbau im ländlichen Raum fehlen aber brauchbare Ansätze. (...) Unsere Dörfer waren bis in die frühen 60er-jahre reine Bauerndörfer. Dann sind die Häuser etwas größer geworden, aber es gab noch immer Identität zwischen Wohnen und Arbeiten am selben Ort. In den späten 60ern setzte zuerst die Landflucht ein und später - durch die gute Verkehrsanbindung nach Wien - wieder ein Bevölkerungszuzug, der zu einer Explosion der Dörfer geführt hat.“ Die „suburbanen Wunschszenarien, was die Wohnform betrifft“, meinte Hans Gangoly, würden mit den traditionellen Strukturen nicht zusammenpassen. Den Häuslbauern, so Rupert Schatovich, ginge es vor allem um Individualität, was in den traditionell geschlossenen Dorfstrukturen natürlich zu einer gewissen Irritation führt.

Bebauungspläne, wie sie in manchen Gemeinden versucht wurden, hätten, so Klaus-Jürgen Bauer, wenig Erfolg gebracht: „Im Ortskern wurde einfach nicht mehr gebaut.“ Franz Weninger, selbst Gemeinderat, dazu: "Ich kenne die Probleme bei der Vermarktung von Grundstücken, die nicht so zugeschnitten sind, dass sich jeder seine Villa draufstellen kann. Da gibt man dann irgendwann nach, wenn man Grundstücke dreimal aufparzellieren muss, bis sie endlich gekauft werden.

Sanierungen und architektonisch intelligente Aufwertungen der typischen langen Streckhöfe des Burgenlandes können dabei durchaus zur Zier und wohnlich zeitgemäßen Behaglichkeit gereichen, wie etwa Hans Gangoly mit einem gelungenen Umbau in Stoob unter Beweis stellte. Rudolf Szedenik wundert sich: „Warum erkennt niemand die Qualität dieses Streckhoftyps, wo ein viel intimeres Wohnen möglich ist, weil man da eigentlich den Hof als Wohnzimmer zur Verfügung hat?“ Franz Weninger meint, dass sich das Bewusstsein dafür erst entwickeln müsse. Schatovich: „Die Dörfer müssen dafür kämpfen, die Bevölkerung im Ort zu halten.“

Was die touristischen Aspekte der Burgenlandarchitektur anbelangt, meinte Ulrike Tschach-Sauerzopf, dass man in der Thermenregion, an deren Gesellschaften das Land beteiligt ist, verabsäumt hätte, „Innovatives, Ästhetisches und Funktionales zu schaffen. Lutzmannsburg ist für mich ein Beispiel für eine verpasste Chance, sowohl was die Bauherren als auch die Architekten betrifft. Es hätte für die zukünftige Hotelarchitektur und andere touristische Projekte im Burgenland zum Impulsgeber werden können. So trifft man auf eine Aneinanderreihung von mittelmäßigen bis banalen Hotelbauten, bei denen auch die funktionale Qualität nicht stimmt.“ Um das Land touristisch sinnvoll zu nutzen und die bereits bestehenden Vorzüge zu verwerten, bedürfe es stärkerer Kooperationen zwischen Bauherren, öffentlicher Hand und Architekten.

Das Interesse an Partnerschaften ist seitens der Architektenschaft groß. Bauer: „Es gab in Neusiedl am See eine eigene Veranstaltung zum Thema Architektur und Tourismus, die auch recht gut besucht war, doch vonseiten des Landes war niemand da, weder Beamte noch Politiker. Wir haben zwar alle eingeladen, aber an der Kette herholen können wir sie auch nicht. Wir sind als Architekturraum sehr daran interessiert, Partnerschaften zu finden - mit dem Land, mit dem Tourismus, mit der Werbung - und hier eine Diskussionsplattform entstehen zu lassen.“ Der Architektur Raum Burgenland ist übrigens das einzige Architekturhaus Österreichs, das von seinem Land keinerlei Subventionen erhält. Doch Geld, sagt Bauer, sei in diesem Zusammenhang „nur ein Symptom: Bewusstseinsbildung können wir nicht allein erreichen, sondern nur in Partnerschaften mit anderen öffentlichen und privaten institutionen, die bereit sind, Architektur als Bestandteil der Kultur anzusehen.“

Einer der burgenländischen Kulturträger ist natürlich der Wein, und Winzer wie Franz Weninger, die selbigen nicht in folkloristisch geschwängertem Ambiente keltern und verkosten lassen, sind noch als Sonderjahrgänge zu verbuchen. Er meint: „Ich habe heute kein Verständnis mehr dafür, aus allem Burgenland-Kitsch zu machen.“ Die Architektur seines Weingutes sei mittlerweile zum Marketingträger geworden, doch „vor allem Kunden aus den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland sind sehr begeistert, mehr noch als die Österreicher.“

Die Ostöffnung wird durchwegs positiv gesehen, denn, so Bauer, „Konkurrenz belebt die Wirtschaft, und wir rechnen durch die Öffnung mit einer starken wirtschaftlichen Dynamik und mit positiven Auswirkungen auf die Architekturszene. Es wird im Burgenland stark auf Qualität gesetzt werden müssen, wenn die billigeren Angebote, etwa im Tourismus, nach Ungarn abwandern.“

9. Februar 2002 Der Standard

Wenn das neue Haus alt war

Ein Wälzer zum Thema Altbaumodernisierung hilft Planern und Bauherren auf die Sprünge

Ein großer, landläufig geglaubter Unsinn in Sachen Bauen ist der, dass es billiger wäre, ein altes Haus wegzureißen und ein neues hinzustellen, als bestehende Architekturen zu revitalisieren. Diese schlichte Verallgemeinerungsformel gilt in den meisten Fällen nicht, tatsächlich wird das Sanieren und Modernisieren bereits bestehender Gebäude eine der wichtigsten und kniffligsten - und keinesfalls uninteressantesten - Bauaufgaben der Zukunft darstellen.

Das architektonische Handanlegen an alte und „halbalte“ Gemäuer ist ein schwieriges, aber reizvolles Geschäft, es erfordert nicht nur planerisches Feingefühl, sondern auch eine Menge technischen Know-hows. Was in Sachen Dämmen, Dichten, Fenstererneuern, Heizungeinbauen vor zehn Jahren noch Sanierungsstandard gewesen sein mag, hat einen enormen Technologisierungs- und Innovationsschulb erfahren, der nicht zuletzt der CO-geschädigten Umwelt zugute kommt.

Neue Möglichkeiten, neue Materialien und der ökologisch verantwortungsvolle Umgang damit machen sich direkt in Planung und Architektur bemerkbar. Ein intelligent erneuertes Haus lässt sich nicht nur besser, billiger und zeitgemäßer bewohnen, es erfährt auch eine entsprechende Wertsteigerung, quasi eine Wertschöpfung durch Technologie in Kombination mit Architektur.

Dieser Umstand ist nicht nur für Gebäudeverwaltungen und öffentliche Bauherren interessant, sondern auch für den privaten Häuslbesitzer, der das ererbte oder erworbene und nicht als optimal empfundene Privatdomizil gründlich zu aufzufrischen gedenkt. Doch wie soll die Sache angegangen werden? An wen wendet man sich, welche Umbau- und Modernisierungsmöglichkeiten stehen offen, was kann das alte Gemäuer überhaupt heute noch hergeben?

Diese Wissensbaulücke will nun eine umfangreiche und genau recherchierte Publikation schließen. Der Energie- und Umweltexperte Johannes Fechner hat, als Herausgeber, mit dem Buch Altbaumodernisierung. Der praktische Leitfaden ein Nachschlagwerk vorgelegt, das sowohl sanierenden Architekten als auch umbauwilligen Bauherren gerade recht kommt. Fechner stellt allerlei interessante volkswirtschaftliche Berechnungen zu Beginn der Lektüre, etwa was den Wert nationaler Gebäudebestände im Vergleich zum Volkseinkommen anbelangt und was die Vernachlässigung dieses Gutes an Wertverlusten bedeutet.

Andererseits, so Fechner, schafft Bauen Arbeit. Allein die thermische Sanierung des österreichischen Altbaubestandes stellt ein Investitionsvolumen von bis zu 25 Milliarden Euro dar, in Deutschland erwartet man, dass bei den jährlich rund 500.000 anstehenden Wohnungsmodernisierungen etwa 175.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Und nicht zuletzt profitiert unser aller Umwelt: Rund ein Drittel der verbrauchten Energie verpufft in Raumwärme, wollen die EU-Staaten ihren Treibhausgas-Ausstoß tatsächlich, wie in Kioto versprochen, bis 2008/2012 im Schnitt um acht Prozent (Österreich liegt bei minus 13 Prozent) senken, besteht gerade hier erhöhter Handlungsbedarf.

Doch zurück zur Architektur: Neben einer Vielzahl von sehr speziellen Informationen und Kontaktmöglichkeiten zum Thema werden in der Publikation eine Reihe meist gelungener Sanierungsbeispiele angeführt. Die Zusammenstellung hat Karin Stieldorf übernommen, das ALBUM pickt sich an dieser Stelle ungerechterweise nur drei heraus (siehe Fotos).

Klein und uralt: 1999 veredelten die Architekten Bettina Götz und Richard Manahl, alias ARTEC, ein verfallendes Stallgebäude im niederösterreichischen Raasdorf zu einer außergewöhnlichen Denkerstube samt Schlaf-, Schrank- und Sanitärräumen für die Bauherrin Zita Kern. Das kühne Projekt mit dem markanten Aluminiumdach wurde nicht nur mit Preisen, sondern vor allem mit der Zufriedenheit der Bauherrin ausgezeichnet.

Groß und großstädtisch: Die dynamischen Neustarter RATAPLAN nahmen sich 1998 eines Substandard-Wohnhauses der Gründerzeit in Wien an, das eine Eigentümergemeinschaft der Gemeinde abgekauft hatte, sanierten den Bestand flott, optimierten darüber hinaus die Energiebilanz mittels vorgehängter Stahl-Glas-Pufferzone und schufen damit luftig-helle zusätzliche Räume.

Feudal und multifunktional: Wie man draußen und drinnen elegant vermischen kann, zeigte Architekt Alois Neururer anhand eines Bürgerhauses von 1890 in Neunkirchen (NÖ) vor. An den sanierten Bestand wurden Glaspavillon und „Box“ angefügt, die Vorzüge des Alten hervorgestrichen und das Neue selbstbewusst - und passend - ausgeführt.
Alle diese Beispiele zeigen vor, dass Sanierung nur in Kombination mit guter Planung Sinn macht, und natürlich umgekehrt


[„Altbaumodernisierung. Der praktische Leitfaden“ Herausgeber Johannes Fechner, Springer Wien New York, EURO 74,80/öS 1036,-

Infoadresse für MAX-Architektur-Wettbewerb: freiraum01@maxontop.com]

4. Februar 2002 Der Standard

Die guten Götter von Manhattan

Architekten als Kreatoren einer besseren, friedlicheren Welt? Die Schlacht um die Neugestaltung von Ground Zero hat längst begonnen. Wer sie gewinnt, wird so etwas wie ein Symbolgebäude emporwuchten, vor allem aber wird er sich selbst neu erschaffen - als Architektursuperstar.

New York - Zum Glück gibt es Herrn Max Protetch. Und Gott sei Dank hat er eine Galerie in Manhattan. Wie schön, dass er die Sache sofort in die Hand nahm, als nach dem 11. September des Vorjahrs klar wurde, dass dort, wo früher die beiden Türme des World Trade Centers gestanden hatten, architekonischer Handlungsbedarf bestand.

Wenn sich der New Yorker Galerist nicht bereits Anfang Oktober „spontan“ ans Telefon gehängt, die internationale Architektenschaft rund um den terrorerschütterten Globus antelefoniert und um persönliche Entwürfe und Visionen für eine Neugestaltung von „Ground Zero“ gebeten hätte, die auszustellen er beabsichtigte, dann wäre die Sache nicht so rund gelaufen. Dann hätte man wahrscheinlich noch nicht einmal die Phase des persönlichen wie nationalen In-Sich-Gehens und Nachdenkens überwunden - wo doch noch nicht einmal die letzten Leichen geborgen werden konnten. Und die Architekten hätten irgendwie ethisch-moralische Probleme gehabt, gleich loszulegen und ihre Monumentalentwürfe zur Heilung dieser Katastrophenwunde herzuzeigen, während noch die Trümmer rauchten.

Doch Protetch und seine Galerie machten legitim und offiziell, was die meisten Architekten ohnehin mit einem Schauder des Entzückens heimlich dachten: Lasst uns jetzt gleich ein neues, noch gigantischeres World Trade Center planen, lasst uns der Welt zeigen, was wir Architekten anzubieten haben - und das ist nichts weniger als das Erschaffen eines neuen Manhattan, eines neuen Symbols der westlichen Welt, quasi eines weltweit sichtbaren Architekturzeigefingers. Jetzt erst recht.

Die formenden Architekturkräfte der zivilisierten Menschheit standen augenblicklich wie ein Mann hinter dem Vorhaben, und der ist, wenn man die Teilnehmerschaft an Protetchs Wettbewerb hernimmt, von weißer Hautfarbe und knapp 60 Jahre alt. Bis auf ein paar Ausnahmen wie Frank Gehry, Peter Eisenman, Philip Johnson oder Rem Koolhaas waren so gut wie alle Antelefonierten zur Tat bereit und lieferten eifrig blitzschnell jene großteils absurden, in die Höhe schießenden Konstrukte ab, die nun in der New Yorker Galerie bis Mitte Februar in Bild und Modell ausgestellt sind.

Wer wird denn in den Geruch der Überheblichkeit kommen, wenn man im Dienste einer Stadt, einer Nation, ja einer Geisteshaltung aufgefordert wird, sein Bestes zu geben? Die Architekten sahen sich immer schon als Konstrukteure besserer Welten. Dass ihnen in den vergangenen Jahrzehnten dieser Anspruch neben einer immer mächtiger werdenden Bauindustrie abhanden gekommen ist, hat eine gewisse Sinnleere produziert, die sich nun an diesem einen Ort herrlich demonstrativ auffüllen lässt.

Vielleicht befeuerte auch ganz nebenbei, sozusagen synergetisch, folgender Umstand den Eifer der Konstrukteure: Eine derart perfekte Chance, sich gramgebeugt in den Mittelpunkt zu spielen, dürfte wohl nicht so bald wieder daherkommen. Keine Zeitung, die an der Sache vorbeikommt, und die Architektenhelden der einzelnen Nationen schaffen, was ihnen ansonsten nie gelingt, nämlich auf den Titelseiten Schlagzeilen zu machen.


Image statt Inhalt

Wer letztlich seine Fundamente in diesem prominentesten Baugrund der international wichtigsten Hochhausstadt verankern wird, bleibt da fast schon egal. Die vereinigten Fernsehkameras und Pressefotografen der Welt zeigen jetzt einmal, was sein könnte, und das allein ist schon Goldes wert in einer Szene, die zumindest medial mittlerweile hauptsächlich von Image anstelle von Inhalt bestimmt wird.

Dass mit der schwerst belasteten Baulücke zwischen den Hochhäusern etwas geschehen muss - und zwar rasch und im Dienste der Stadt, ihrer Einwohner und ihrer Wirtschaft -, ist natürlich klar. Investoren und Immobilienmanager wie Larry Silverstein, der Mieter des WTC, drängen bereits auf Lösungen. Silversteins Vorschlag, vier niedrigere, schlichte Türme samt Memorial-Zone zu errichten, scheint vernünftig und unkapriziös. Sie ist auf jeden Fall sympathischer, weil ehrlicher als all jene monumentalen Riesengebilde, die die weltverbessernde Architektenschaft in ihrer Eitelkeit vor die laufenden Kameras hielt.

Das World Trade Center, so sagt man, sei ein Schloss des Geldes und ein Sinnbild des Kapitalismus gewesen. Rund um die Trümmer hängen Transparente, auf denen steht: „United we stand“. Dieser Slogan war einmal die Antwort auf den Manchesterkapitalismus gewesen, erfunden wurde er von den ersten Gewerkschaften der Geschichte. Während die Kinderarbeit und den 18-Stunden-Tag bekämpften, betätigten sich Architekten in Europa - durchaus auch eigeninitiativ - an der Verbesserung der katastrophalen Arbeiterslums. Sehr erfolgreich und in die Architekturgeschichte eingehend. Posthum, versteht sich.

2. Februar 2002 Der Standard

Europas beste Bauten

Ausstellung zum Architekturpreis der EU im Wiener Ringturm

Der jüngste Mies van der Rohe Pavillon Preis, die Auszeichnung der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur, wurde im Vorjahr vergeben, die Ausstellung dazu macht derzeit im Ringturm der Wiener Städtischen Versicherung Halt. Die Schau ist insofern empfehlenswert, als sie anhand von Plänen, Fotos und Modellen ein breites Spektrum europäischen Architekturmachens näher bringt und beweist, wie vielfältig Gebautes sein kann, wenn alle wollen, dass es gut wird. Ausgezeichnet werden deshalb nicht die Architekten, sondern die von der Jury als am besten empfundenen Gebäude. Das macht Sinn, weil ohne die entsprechenden Auftraggeber gute Architektur keine Chance hat. Das Häusermachen ist letztlich ein Prozess, in dem alle Beteiligten, vom Architekten über den Investor bis zum Anrainer und Nutzer, eine entscheidende Rolle zu spielen haben - eine Erkenntnis, die immer wieder zu predigen sich lohnt. Gewonnen hat in diesem Fall also jedes der 37 ausgewählten Häuser und die vielen Leute, die dahinterstehen.

Siegreich war das Kursaal Zentrum im spanischen San Sebastián, vom stillen Architekten Rafael Moneo gekonnt und an prominenter Stelle in Szene gesetzt. Die beiden dynamisch verzogenen, glasumhüllten Blöcke des Stadt-Treffpunktes geben der alten Stadt am Meer ein neues, zeitgenössisch aufgefrischtes Profil. Moneos Kursaal ist nicht nur Haus, sondern auch Umgebung, sprich, die Freiräume und Höfe, die zwischen und um die Blöcke entstanden sind, haben urbanen Pep, der bereitwillig an-und aufgenommen wurde. Sie werden von den skatenden, schlendernden, kaffeetrinkenden Stadtbewohnern offensichtlich auch genutzt, wenn das Zentrum Sperrstunde hat, das stattliche Bauensemble mutiert somit nächtens nicht zur Geisterstadt wie so mancher andere monofunktionale Kollege.

Doch auch wer von den zahlreichen hochgejubelten Kulturbauten der vergangenen Jahre die Nase schon ein wenig voll hat, kann in dieser Schau aus dem Vollen schöpfen: Das Nutzungspanorama der präsentierten Projekte ist bunt, scheinbar so schlichte Bauaufgaben wie Lagerhallen und Friedhöfe wurden ebenso lobend hervorgestrichen wie flotte Einfamilienhäuser oder Fußballstadien. Erfreulich auch, dass mit dem Botanischen Garten in Barcelona, geplant von Carlos Ferrater, Bet Figueras und José Luis Canosa, eine vorzügliche Landschaftsplanung ausgezeichnet wurde.

Was hundert Jahre lang Mistgstätten und Hinterhof einer pulsierenden Metropole war, wurde unter großer kommunaler Anstrengung und mit einer feinen, durchdachten Planung zu einer 14 Hektar großen Freizeit- und Naturvermittlungsoase. Das leicht hügelige Gelände wurde von einem zackigen Wegenetz facettiert, die gestaltende Geometrie ist dabei das Dreieck. In den so entstandenen Zwischenflächen wuchert die Flora Kaliforniens, Chiles, Südafrikas und Australiens. Einen fast absurden Zugang zur Pflanze suchte der Architekt Edouard Fran¸cois im französischen Montpellier. Dort entstand ein unkonventionelles Apartmenthaus, das zwar grundrissmäßig nicht sonderlich aufregend, dafür aber in seiner Ausführung ausgesprochen extravagant ist. Der Franzose hat sowohl formal als auch technisch einigermaßen ungeniert bei diversen Kollegen Anlehnung genommen, was aber vollkommen in Ordnung, ja sogar recht witzig ist: Zum einen stechen aus dem leicht geschwungene Baublock freche Loggienblöcke heraus, wie man sie bei der niederländischen Gruppe MVRDV kennen gelernt hat. Zum anderen übernahm der Architekt die derzeit hochmoderne Idee, fassadenseits Gesteinsbrocken hinter Stahlgittern einzusperren, was die Kollegen Herzog & de Meuron in ihrem Napa-Valley-Weingut wenn schon nicht erfunden, so doch zur Perfektion gebracht haben. Fran¸cois ging allerdings noch einen Schritt weiter und versenkte in den Tiefen der gesamten steinbröckeligen Fassade ein Bewässerungssystem sowie zahllose Säckchen voller Pflanzensamen. Aus dem markanten treppigen Gebilde sollte also in den kommenden Jahren eine rübezahlähnliche Gestalt werden, in der es innen schön kühl sein dürfte.

Ein wichtiges Thema war den Juroren offensichtlich auch der Umgang mit alter Bausubstanz. Hier nur eines der prämierten Beispiele: Seit kurzem führt ein selbstbewusst in den Berg gehauener Pfad von einer tiefer gelegenen, gut versteckten Parkgarage hinauf in die Altstadt von Toledo. Der gesamte Anstieg ist mit der Bequemlichkeit von Rolltreppen ausgestattet und ein gelungenes Beispiel dafür, wie mit zeitgenössischen Mitteln und ohne denkmalpflegerische Verletzungen in gewachsenen Strukturen hantiert werden kann.

Übrigens sind auch zwei österreichische Projekte beziehungsweise Architekten unter den ausgewählten Teilnehmern: Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle konnten mit ihrem experimentellen Wohnkomplex am Lohbach bei Innsbruck punkten. Alfred Berger und Tiina Parkkinen zeichneten sich mit ihrem Botschaftsareal für die Nordischen Länder in Berlin aus. Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, der hat mittels eines Katalogs (European Union Prize for Contemporary Architecture. Mies van der Rohe Award 2001, Actar, EURO 30,-) die Möglichkeit, alle Projekte eingehend zu studieren.


[Architektur im Ringturm: Europas beste Bauten 2001, Mies van der Rohe Pavillon Preis, bis 22. 3., Wien, Schottenring 30,]

2. Februar 2002 Der Standard

„Massiver Schaden für Salzburg“

Architekturgerangel um den Umbau des Kleinen Festspielhauses

Vergangenen Herbst wurde das Architekturverfahren bezüglich Umbau des Kleinen Festspielhauses in Salzburg entschieden. Das Haus soll bis 2005 um insgesamt knapp 30 Millionen Euro umgebaut werden. Je 5,5 Millionen kommen von Stadt und Land, 9,4 schießt der Bund zu, die restlichen 9,6 sollen über Sponsoren aufgetrieben werden. Der Entwurf von Hermann & Valentiny und Wimmer Zaic Architekten wurde erstgereiht und zur Ausführung empfohlen. Wie DER STANDARD berichtete, beantragte der mit seinem Projekt zweitgereihte Wilhelm Holzbauer nach der offiziellen Beauftragung der Erstgereihten durch den Salzburger Festspielfonds beim Bundesvergabeamt die Erlassung einer einstweiligen Verfügung gegen die Juryentscheidung.

Da die Frist mit 26. Jänner abgelaufen wäre, erwirkte Holzbauers Rechtsanwalt Stephan Heid nun eine Fristverlängerung. Zitat aus dem Bescheid des Amtes vom 25. 1.: „Dem Auftraggeber wird das Aussetzen der Zuschlagserteilung aufgetragen. (...) Diese einstweilige Verfügung gilt für die Dauer des Nachprüfungsverfahrens über den Antrag auf Nichtigerklärung vom 26. November 2001, längstens jedoch bis zum 11. März 2002.“

Die Verhandlung zur Causa findet am 1. März statt. Laut Sachbearbeiter Alexander Latzenhofer in der Geschäftsführung des Bundesvergabeamtes „kann die Entscheidung aufgehoben und für nichtig erklärt werden, wenn man zur Ansicht kommt, dass sie rechtswidrig sei, ansonsten werden die Anträge abgewiesen. Das Verfahren selbst als nichtig zu erklären wurde nicht beantragt.“ Holzbauer hat zugleich für den Fall des Abweisens einen Eventualantrag eingebracht, dass, so Latzenhofer „niemand den Zuschlag bekommen und das Verfahren neu durchgeführt werden soll“.

Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden sieht aufgrund der Querelen und der sich dadurch ergebenden Bauverzögerung nun die Festspielsaison im Mozartjahr 2006 gefährdet. Er versteht die Vorgangsweise des Wiener Architekten nicht: „Wenn wir jetzt nicht endlich zu einer Entscheidung kommen, sind sowohl die Festspiele als auch die Stadt und das Land Salzburg massiv geschädigt. Es war klar, dass wir dieses Projekt nicht frei vergeben. Wir haben also ein korrektes Verfahren ausgeschrieben und den Siegern den Zuschlag erteilt, was Wilhelm Holzbauer dazu bewogen hat, das Verfahren nun anzufechten. Er muss wissen, dass damit die Festspiele, die Stadt und das Land Salzburg massiv geschädigt werden.“ Auch Landesbaudirektor Alfred Denk gibt zu bedenken, dass es im Moment „offenbar Mode“ sei, „als Unterlegener Einspruch zu erheben“. Er meint: „Diese Pattstellung ist äußerst unangenehm, wir müssen das Haus so rasch wie möglich umbauen.“ Das Gemunkel, Holzbauer habe als Salzburger und als Festspielkuratoriums- und Direktoriumsintimus die gefühlstechnisch besseren Karten in der Hand, weist er entschieden zurück: „Das ist alles Unsinn, wäre dem so, hätte Holzbauer den Auftrag längst gekriegt.“

Obwohl bis dato weder Juryprotokoll noch Planungsunterlagen veröffentlicht wurden, ist Wilhelm Holzbauer über die Entwürfe seiner Kollegen im Gegensatz zu den anderen Wettbewerbsteilnehmern des EU-weit ausgeschriebenen Verfahrens offenbar gut informiert. Das geht zumindest aus den juristischen Anträgen sowie aus einer aktuellen Presseaussendung hervor, die mit vermeintlichen Schwächen und Verstößen gegen Denkmalschutz und Ausschreibung seitens des Siegerprojektes argumentiert. Für Robert Wimmer ist das ein klarer Verstoß gegen die Regeln und ein illegitimer Wettbewerbsvorteil für den Kollegen: „Der Auftraggeber hat dafür Sorge zu tragen, Unterlagen nicht weiterzugeben, doch offenbar ist das erfolgt. Holzbauer hat offensichtlich Unterstützung auf höchster Ebene.“ Auch Franz Valentiny wird langsam ärgerlich: „Wir werden uns dieses Projekt auf keinen Fall aus der Hand nehmen lassen und all jene mit allen rechtlichen Mitteln attackieren, die uns in diese Position manövriert haben. Wenn es sein muss, werden wir bis zum Europäischen Gerichtshof gehen.“

Laut Christof Bamberger, dem Anwalt der zum Planungsstopp gezwungenen Architekten, könnte sich das Verfahren tatsächlich noch gehörig in die Länge ziehen. Holzbauers Anwalt Stephan Heid war nach Rücksprache mit seinem Mandanten dem STANDARD gegenüber zu einer über die Presseaussendung hinausgehenden Erklärung nicht bereit.

26. Januar 2002 Der Standard

Die Kunsthalle ist tot. Es lebe die Kunsthalle.

Adolph Krischanitz' neue Kunsthalle am Karlsplatz wurde eröffnet. Sie ist phantastisch geworden.

Selbstverständlich ist es nicht ganz fair, verschiedene Architekturen direkt miteinander zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind ihre Entstehungsgeschichten, die zur Verfügung stehenden Gelder und Nutzeransprüche, gar nicht zu reden von Umgebungen, Anrainern, Bauplätzen. Trotzdem kann gesagt werden: Das schnittigere Museumsquartier steht seit zehn Tagen in Form eines kleinen gläsernen Pavillons auf dem Wiener Karlsplatze zur Bespielung und Beschleunigung kreativer Ideenwelten bereit.

Der Wiener Architekt Adolf Krischanitz hat dort auf einer der zahlreichen Verkehrsinseln eine neue, flüchtige Hülle für den Kunstbetrieb und dessen Produkte eingeparkt. Bereits am Tag vor der Publikumseröffnung in der vorvergangenen Woche wurde die gläserne Schachtel von ihrer künftigen Künstlerklientel im Rahmen eines Einweihungsfestes testgefahren und einstimmig für vorzüglich befunden. Der durchsichtige Glaskubus ist genau das, was der verkehrsumtoste Nicht-Ort zwischen Karlskirche, TU-Bibliothek und Stadtautobahn braucht: Eine preiswerte Architektur als Medium, ein Reagenzglas für künstlerische Interventionen, eine Ideen-Beschleunigungsmaschine für eine Szene, die sich in Marmorsälen und Stukkaturhallen nie richtig wohlfühlen wird.

Architekt Adolf Krischanitz hat mit dieser vordergründig einfachen Arbeit eine ausgesprochen schwierige Leistung zustande gebracht, die, man darf das ruhig so formulieren, nicht vielen Architekten zuzutrauen ist: Er hat sich selbst als Baukünstler in seiner kühl-analytischen Art zurückgenommen und lieber für die Kollegen Maler, Bildhauer, Fotografen, Neuemedienzampanos eine Herbergsstation für vorübergehende Aufenthalte gebaut. Ohne Anspruch auf Ewigkeit und Weihe, quasi distanzlos, brutal und direkt.

Die Hülle selbst ist in ihrer einfachen Machart schon klass genug, doch richtig spannend wird sie durch die jeweilige Befüllung, und das ist etwas, was ein Architekt bewusst zulassen muss. Krischanitz hat so gut wie alles zugelassen: Der Galerieraum funkt seine Botschaft ungeniert direkt in den Stadtraum, was vor allem nächtens herrlich funktioniert, wenn draußen die Autos vorbeiflitzen, drinnen die Besucher vergleichsweise zeitlupenhaft und wie Aquarienbewohner ausgeleuchtet ihre Kreise ziehen. Irgendwie vermischen sich hier in dieser feinen Architektur die städtischen Temperamente - Geschwindigkeit, Kommunikation, Information werden zu einer Art urbaner Verrücktheit raffiniert, und das ist genau das, was dem Museumsquartier ein paar Straßenzüge weiter so schmerzlich abgeht.

Während man dort unter enormen Kraft-, Material- und Kostenanstrengungen über viele Jahre und zu Dutzenden den Prototyp einer Luxuskunstlimousine zurechtfeilen wollte, die alle gleichermaßen befriedigt, ist am Karlsplatz blitzschnell ein frecher Straßenflitzer aus einer Hand entstanden. Gang rein, Vollgas, ein paar ordentliche Runden, und die nächste Spritztour unternimmt wieder ein anderer. Leute wie Schiele und Klimt werden naturgemäß nicht darunter sein, die sind in den besagten Marmorhallen tatsächlich viel besser aufgehoben. Doch dass sich die jugendlicheren Kunstkräfte und Kreativköpfe im gut versteckten, nachgerade hinter der Vergangenheit verbarrikadierten Museumsquartier nicht wirklich zum Stelldichein zusammenfinden wollen, liegt unter anderem halt auch an der alten und neuen Architektur dieses weder weihevollen noch subversiven Nicht-Ortes.

Die neue Kunsthalle Karlsplatz führt letztlich vor Augen, welches Potenzial an Quicklebendigkeit ein großes Museumsquartier in Wien gehabt hätte, und wie viele Möglichkeiten der kurzsichtige denkmalpflegerische Wahn in dieser behäbigen Stadt verspielt hat. Der ehemalige Messepalast wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme zu einem Klagegemäuer herausgeputzt, hinter dem sich Kunst und Architektur nun brav ducken müssen. Die Architekten haben sich bemüht, eine wirkliche Chance, eine aufregende Kunst-Kultur-Begegnungsstätte zu schaffen, hatten sie allerdings nie, weil der Wille zur Erneuerung von Anfang an nicht da war. Auf die Frage, wie mit dem Stall- und Messepalastallerlei umzugehen wäre, hätte es nur eine Antwort gegeben: Dynamit.

Die unaufwendigere, einfachere, aber wirkungsvollere Kunsthalle Karlsplatz hingegen ist, was sie sein will: ein zeitgenössisches Transportmittel für zeitgenössische Kunst. Sie erreicht ihre Kundschaft, die Stadtbewohner, über viele Schleusen und hat alle Barrikaden radikal aus dem Weg geräumt. Das angeschlossene Café, schon zu Zeiten des größeren blau-gelben Kunstcontainervorgängers einer der beliebtesten Treffpunkte Wiens, ist ein wenig geräumiger geworden. Eine breite Holzterrasse hat den kiesigen Schanigarten ersetzt. Der neue Ort gleicht dem alten, er wurde auch sofort vom Stammpublikum aufatmend wieder in Besitz genommen. Die Kunsthalle ist tot. Es lebe die Kunsthalle.

19. Januar 2002 Der Standard

Stadtschloss Berlin: Zerstrittene Einigkeit

Nach wie vor berät eine Expertenkommission über Neubau oder Rekonstruktion des Schlosses von Friedrich I. in Berlin. Die DDR hat das Gemäuer gesprengt, die neue Bundesrepublik will es wieder aufbauen. Die Frage lautet nur, wie?

Die Debatte um den Wiederaufbau des barocken Berliner Stadtschlosses geht in das nunmehr elfte Jahr. Seit Ende 2000 berät die hochkarätig besetzte Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“ unter dem Vorsitz des Österreichers Hannes Swoboda, wie mit dem zentralen und wichtigen, aber devastierten Ort Berlins verfahren werden soll. Ein Ende der Debatte war mit Ende vergangenen Jahres nach einer Dekade des Diskutierens erwartet worden, ist aber nach wie vor nicht in Sicht.

1701 hatte Preußenkönig Friedrich I. erst Andreas Schlüter, dann Eosander von Goethe mit dem Bau eines Barockschlosses beauftragt. Tatsächlich wurde bis in das 19. Jahrhundert an dem Repräsentationsblock gemeißelt, auch Friedrich Schinkel legte schließlich noch kräftig Hand an. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gebäude eine ausgebrannte Ruine, die durchaus hätte wiederhergestellt werden können, doch der DDR-Geist entschied sich gegen eine Renovierung des Preußenprachtbaus: In den 50er-Jahren wurde das Schloss kurzerhand gesprengt, am Rand des solchermaßen entstandenen geräumigen Platzes errichtete man später den Palast der Republik.

Seit klar ist, dass mit diesem historisch wie städtebaulich markanten Ort inmitten einer Stadt boomender Neubauten etwas zu geschehen hat, gehen die emotionalen Wogen sowohl in der Bevölkerung als auch im Kreise der Fachleute hoch. Befürworter einer Rekonstruktion des alten Schlosses ringen mit Verfechtern der Erhaltung des DDR-Palastes, dazwischen mengen sich die Stimmen derjenigen, die den prominenten Bauplatz als Chance für zeitgenössische Spitzenarchitektur verstehen. Gut vier Dutzend Architekturentwürfe unterschiedlichster Qualität liegen bis dato vor, ein groß angelegter, wohl überlegter Wettbewerb scheint unvermeidlich. Doch die Expertenkommission für die „Historische Mitte“ wird wohl noch einige Male zu tagen haben, bis Konsens erreicht, ein Wettbewerb ausgeschrieben und ein Baubeginn in Sicht ist.

Einer der Experten ist mit Peter Conradi der Präsident der deutschen Architektenkammer. Das ALBUM bat den obersten Baukünstlervertreter der Bundesrepublik zum Gespräch.

ALBUM: Die Befürworter der Rekonstruktion behaupten, das Berliner Stadtschloss sei der bedeutendste Barockbau nördlich der Alpen gewesen. War dem so?

Peter Conradi: Von wegen. Wir haben den Wiener Professor Hellmut Lorenz, der ein fundierter Barockkenner ist, zu einer Beurteilung eingeladen, und er sagte, das seien herbeigeredete Qualitäten, die das Schloss nie besessen habe. Er warnte ausdrücklich vor einer Rekonstruktion, allenfalls solle man Erinnerungsstücke nachbauen. Denn wie soll man eine Rekonstruktion des Zustands vor der Zerstörung angehen, wenn nur Unterlagen aus dem Jahr 1940 vorhanden sind, als das Schloss schon mehrfach umgebaut war? Will man Schlüters Werk besser nachbauen und schöner machen, als er selbst es geplant hat?

Vergangenen Freitag (11. 1. 2002) hätte eigentlich die abschließende Sitzung des Komitees stattfinden sollen. Für wann erwarten Sie letztlich eine Entscheidung?

Peter Conradi: Die Angelegenheit pressiert ja gar nicht. Weder Berlin noch der Bund haben zurzeit Geld für das Schloss. Ich erwarte auch nicht, dass der Bundestag sich vor der Wahl mit dem Thema befasst. Darüber wird frühestens 2003 entschieden.

Wie schaut es innerhalb der Kommission aus? Herrscht hier Einigkeit?

Conradi: Die Kommission ist in der Nutzungsfrage einig, was die bauliche Gestaltung anbelangt hingegen heftig zerstritten.

Es gibt diverse zeitgenössische Projekte für einen Neubau, aber gab es jemals einen Architekturwettbewerb?

Conradi: Es gab in den 90er-Jahren einen städtebaulichen Ideenwettbewerb, der scheiterte, weil kein klares Programm vorgegeben war. Der erste Preis strahlte den Charme des Zentralgefängnisses von Atlanta aus und war vom, wie ich es nennen will, Geist des Berliner Syndikats bestimmt. Später gab es weitere Vorschläge. Norman Foster schlug eine temporäre Nutzung vor, Gustav Peichl eine Collage aus Alt und Neu, Gerkan & Partner eine Glashülle, auf die das Bild des alten Schlosses projiziert war. Auch Architekt Schultes hat ein interessantes Projekt vorgeschlagen. Ich hoffe, dass wir zu einem offenen Wettbewerb für das von der Kommission empfohlene Nutzungsprogramm kommen werden.

Hat die Kommission präzise Vorstellungen über die Nutzung eines Neubaus?

Conradi: Die Expertenkommission hat einstimmig einen Nutzungsvorschlag beschlossen, in dem sich Kultur, Naturwissenschaft, Kommunikation und Information verbinden. Es könnten völkerkundliche und naturwissenschaftliche Sammlungen untergebracht werden, die Berliner Zentralbibliothek würde eine neue Art der Vermittlung über neue Medien dort anbieten, und des weiteren könnte der Ort als Agora für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden.

Gibt es bereits seriöse Kalkulationen bezüglich der Baukosten?

Conradi: Erst wenn das Programm genau fixiert ist, kann man die Kosten angehen, alles andere wäre fahrlässig.

Die Befürworter der Rekonstruktion beziehungsweise des Zeitgenössischen haben sich nun jahrelang heiße Debatten geliefert. Gab es eigentlich jemals eine Volksbefragung zum Thema?

Conradi: Verlässliche Umfragen gab es nicht. Es gibt drei Positionen: Den Palast der Republik wollen nur wenige erhalten. Der war nicht schön, aber wenn man alles abreißen würde, was nicht schön ist, gäbe es nicht nur in Berlin große Lücken.

Auch in den Neubauvierteln des Westens.

Conradi: Sicher auch dort. Es wäre dennoch eine Option, den Rohbau des Palastes zu erhalten und ein anderes bauliches Kleid darüberzulegen. Was die Rekonstruktion anbelangt, so könnte man bestenfalls drei der Fassaden sowie ein paar Innenräume nachbauen. Mir persönlich haben die zeitgenössischen Lösungen etwa von Peichl und Schultes gut gefallen, die Teile der Erinnerung mit einem neuen Bau verbinden - als Zitate, die nicht so tun, als seien sie ein altes Schloss.

Worauf führen Sie die heftigen Diskussionen über Alt und Neu zurück? Ist die Architektur ein derart wichtiger Identitätsstifter?

Conradi: Es gibt in Deutschland eine Tendenz, die wir als Retro bezeichnen, die vergangenheitsorientiert das Alte glorifiziert. Sie ist mit einer starken Abneigung, sogar mit Hass auf die Moderne verbunden. Sicher steckt auch die Angst vor der Globalisierung und einem damit verbundenen Identitätsverlust dahinter. Wenn sich schon die Gesetzgebung nach Brüssel verlagert, dann wollen wir wenigstens unser altes Schloss wiederhaben, sonst verlieren wir unsere Identität.

Mag da nicht die zeitgenössische Architektur in Deutschland dazu beitragen?

Conradi: Das Zeitgenössische wird sehr kritisch gesehen, doch übersieht man dabei, dass auch nicht alles Alte so gut war. Da ist furchtbares Zeug gebaut und später weggerissen worden. Dennoch gibt es eine Menge wunderbarer Architektur, die auch akzeptiert wird. Die Retro-Stimmung übersieht, dass wir hervorragende Leistungen zu bieten haben.

Dem Außenstehenden scheint es, als ob in Deutschland die Investorenarchitektur überhand nähme.

Conradi: Es gibt bei uns Investorenarchitektur, und die Auftraggeber heute wollen, anders als Bankiers und Unternehmer früher, Geld verdienen und kein Risiko eingehen. Das schlägt natürlich auf die Architektur durch, auch in Berlin, wo alles dazu noch in das Korsett des Senatsbaudirektors gepresst wurde. Da sind zum Teil entsetzliche Langweiligkeiten entstanden.

In jüngerer Vergangenheit wurde in Deutschland sehr viel gebaut. Aber regelrechte Architekturschulen haben in der Zwischenzeit eher andere Länder entwickelt. Woran kann das liegen?

Conradi: Man kann international beobachten, dass so etwas meist ein kleinräumiges Phänomen ist. Die Vorarlberger Schule zum Beispiel, die bei uns einen regelrechten Nimbus hat und ständig Ziel von Architekturreisen ist, entstand in einem verhältnismäßig kleinen Raum und im Widerstand zur dortigen Landesregierung. In Graz widerum wurde eine neue Architekturrichtung offiziell gefördert. In den Niederlanden sind ebenfalls interessante Bewegungen zu beobachten, ebenso in Graubünden. Auch Wien kann sich rühmen, gute Architektur nicht nur zu produzieren, sondern auch zu ex- und importieren. Ihre Kritik an der deutschen Architektur ist leider nicht ganz unbegründet.

12. Januar 2002 Der Standard

MAX Architekturwettbewerb

Plattenhersteller lotet Kreativpotenzial von Architekten und Designern aus

Architektur, Design und Formgebung sind Teil unserer Unternehmensphilosophie", sagt Silvio Kirchmair, Chef des auf Produktion und Entwicklung hochwertiger Kunststoffe spezialisierten Unternehmens Isovolta. Vor kurzem hat der administrative Teil des österreichischen Innovationsbetriebs ein neues, in vieler Hinsicht interessantes Bürohaus (geplant von den Architekten Achammer, Tritthart und Partner) in Wiener Neudorf bezogen, in dem nicht von ungefähr auch die Isovolta-Baustoffpalette zur Anwendung kam.

Für Architekten, Designer und Möbelbauer ist vor allem die MAX-Platten-Division ein Thema, und da man unternehmerseits nicht nur in Entwicklung und Produktion investieren, sondern auch das kreative Potenzial des Landes aktiv sondieren will, veranstaltet das Unternehmen in diesem Frühjahr einen Architektur- und Designwettbewerb, der sowohl Studenten als auch diplomierten Meistern der Formgebung offen steht.

Isovolta-Chef Kirchmair: „Nicht zuletzt setzen wir mit dem Wettbewerb eine langjährige Tradition des Unternehmens fort. Bereits in den 70er-Jahren haben wir mehrere Wettbewerbe in den Bereichen Architektur, Innenausbau und Möbeldesign ausgeschrieben. Die Bedeutung, die Architektur für unser Unternehmen und unsere Produkte hat, wollen wir mit dem aktuellen Wettbewerb einmal mehr unterstreichen. Zukunftsweisende Architektur zu unterstützen und ihr die Möglichkeit zu bieten, sich einem breiten Publikum zu präsentieren stand für uns dabei ganz stark im Vordergrund.“

Letztere Anliegen der Veröffentlichung guter Entwürfe und Projekte werden vom STANDARD im Rahmen einer Kooperation unterstützt. Im ALBUM werden sechs Wochen lang, parallel zur gewohnten Architekturberichterstattung, die jeweils ersten drei Preisträger der beiden Wettbewerbskategorien in Bild und Text vom Wettbewerbsauslober MAX ausführlich vorgestellt.

Für eine hochkarätige Beurteilung der eingereichten Projekte werden unter anderen der Innsbrucker Architekturprofessor Volker Giencke sowie der Architekt Christoph Achammer sorgen. Ob die irakisch-britische Architekturgröße Zaha Hadid ebenfalls mitstimmen wird, bleibt noch offen und zu hoffen. Alle potenziellen Teilnehmer können die Eckdaten des Wettbewerbs dem nebenstehenden Informationskasten entnehmen. Alle eingereichten Arbeiten werden übrigens nach Einreichschluss virtuell für jedermann zugänglich und unter www.maxontop.com/wettbewerb/galerie abrufbar sein. Nun zu guter Letzt für alle, die sich beteiligen wollen, das von den Auslobern ausformulierte Thema temporary architecture in ausführlicher Länge: „Dauerhaft nur in der Erinnerung. Sie lebt von der Endlichkeit. Wie nirgends sonst ist das Vorübergehende der Grundcharakter der Planungsstrategie. Ausstellungsbauten, Messepavillongestaltungen, Shop- und Ladenbaukonzepte, mobile Büros, provisorische Architektur und vieles andere mehr - ihnen allen gemeinsam ist die konstruktivisch durchdachte und gleichzeitig zeitlich begrenzte Struktur der Architektur.“


[Wie MAX ich mit?
Als Juroren des MAX-Wettbewerbs zum Thema
temporary architecture stehen Christoph M. Achammer und Volker Giencke fest, Zaha Hadid ist angefragt. Die Preisverleihung findet Ende Mai im Rahmen einer Festveranstaltung statt.

Zugelassen sind Architekten sowie Studenten der Fachrichtung Architektur, Design, Innenarchitektur.

Die Bewertung erfolgt in zwei Kategorien: bekannt und etabliert nimmt sich der erfahreneren Architektenschaft an, young and hungry der Studenten. In jeder Kategorie wird der erste Preis mit je 3000 EURO honoriert, der zweite und dritte Preis der Kategorie Studenten erhält jeweils die Studiengebühr für zwei Semester in Österreich. Die drei jeweils topgereihten Arbeiten werden weiters von MAX auf einer Seite im STANDARD ALBUM und bei den Alpbacher Architekturgesprächen vorgestellt.

Die Einreichung der Projekte, die nicht realisiert sein müssen, erfolgt digital im PDF- oder EPS-Format. Gefordert sind weiters Erläuterungsberichte mit Angaben zu Entwurf, Gestaltung, Baustoffen und dergleichen als Word-Dokument.

Die Einreichfrist läuft bis Mittwoch, den 6. März 2002. Kontakt und weitere Informationen gibt es unter freiraum@maxontop.com sowie unter
Tel. 07231/33131-465.]

9. Januar 2002 Der Standard

Tingelbahn im Schlosspark

Architekt Roland Rainer missbilligt die Touristenpläne der Schönbrunn-Betreiber

Wien - Die Konzepte der Schönbrunn-Geschäftsführung, den historischen Park in Wien touristisch aufzubereiten, stoßen auf den Unwillen des seit Jahren mit Schönbrunn befassten Architekten Roland Rainer. Er sieht durch eine geplante Touristenkleinbahn durch den Park sowie Zusatzbauten hinter der Gloriette das Ensemble des Weltkulturerbes gefährdet. Rainer erstellte erst im Vorjahr im Auftrag der Schönbrunn-Gesellschaft eine umfassende Studie über Park und Gebäude, jetzt legt er jede Verantwortung als Berater zurück.

STANDARD: Sie wollen nichts mehr mit Schönbrunn zu tun haben?

Roland Rainer: Ich möchte nichts davon, was nun dort geplant ist, in irgendeiner Form mit meinem Namen verbunden sehen, weil ich nicht an der Zerstörung von Schönbrunn mitschuldig sein will.

STANDARD: In welcher Form orten Sie Zerstörung?

Rainer: Geplant sind eine Touristenbahn sowie Bauten im südlichen Bereich der Gloriette, was krass daneben ist. Eine laute, bunte Minibahn ist das Gegenteil dessen, was die Leute in Schönbrunn erwarten. Dort will man spazieren gehen, die Ruhe und die Schönheiten des Raumes genießen. Auch die Gebäude bei der Gloriette wurden meiner Meinung nach lediglich nach dem billigen Motto „Machen wir dort eine Attraktion“ ausgedacht. Besucher hat Schönbrunn tatsächlich von Jahr zu Jahr mehr, wozu errichtet man aus geschäftsfördernden Gründen etwas, das das Weltkulturerbe eigentlich zerstört?

STANDARD: Kunsthistorisch betrachtet ist die Gloriette ein Bauwerk, das sich über seine Silhouette sowie die Durchblicke definiert. Wie verträgt sich das mit Zubauten?

Rainer: Selbstverständlich gar nicht. Zubauten sind ohne Gesamtplan überhaupt nicht vertretbar, und außerdem sollen sie, wie man hört, aus Holz sein, was zum historischen Gebäude sicher gar nicht passt. Die augenscheinliche Konzeptlosigkeit, mit der die Sache angegangen wird, ist ärgerlich. Die Schönheit des Raumes hat Anziehungskraft genug. Schönbrunn ist ein Ort der Ruhe, dessen Eigenart nun mit Allerweltsgeschichten, wie es sie in Freizeitparks weltweit zu Dutzenden gibt, zerstört werden soll. Zu einem Weltkulturerbe gehört nicht nur ein Gebäude oder ein alter Park, sondern auch das, was sich in einem solchen Ensemble abspielt.

STANDARD: Was sagt das Bundesdenkmalamt dazu?

Rainer: Es schweigt. Ich bin von der passiven Haltung der Denkmalpfleger in diesem Bereich überhaupt außerordentlich überrascht.

STANDARD: Die Gemeinde Wien veranstaltet zurzeit eine Reihe von städtebaulichen Wettbewerben, die verschiedene Zonen rund um Schönbrunn betreffen. Sehen Sie hier bereits Verbesserungen zum derzeitigen Zustand?

Rainer: Man sollte diese Dinge strikt voneinander trennen. Innerhalb der Mauer muss man machen, was im Interesse des geschützten Schlosses und des Parks ist, alles Außenliegende ist in der Hauptsache Angelegenheit der Gemeinde Wien.

Doch auch hier bräuchte man einen Schutz, zumindest für die Besucher Schönbrunns, die erst einmal ohne Ampel und Zebrastreifen die A1 überqueren müssen, um überhaupt auf das Schlossareal zu gelangen.

Ich habe detaillierte Pläne und Kostenvoranschläge vorgelegt, was man tun muss, um ohne Überschreitung einer Autobahn zu Fuß zum Schloss zu gelangen. Doch hier herrscht Verkehrschaos, sonst gar nichts. Um etwa 2,18 Millionen EURO (30 Mio. S) könnte alles in Ordnung gebracht werden. Doch anstatt dessen bringt man mit einer Kleinbahn Verkehrslärm in den historischen Park.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag