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Profil

Architekturstudium in Berlin
1999 – 2006 Ausstellungsprojekt Sondermodelle, mit Oliver Croy
2003 – 2006 Architekturkritiker und Journalistin Wien (Der Standard, profil)
Seit 2007 Kurator am Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt / Main
2016 Kurator der Ausstellung des deutschen Pavillons der Architektur-Biennale 2016 in Venedig
2017 Co-Gründer des CCSA (Center for Critical Studies in Architecture)

Lehrtätigkeit

2006 – 2007 wissenschaftlicher Assistent an der TU Graz, Lehrstuhl Prof. Hild
2012 – 2013 Vertretungsprofessor für Szenografie, FH Mainz
2021 Vertretungsprofessor für Architekturtheorie, KIT (Karlsruhe)

Mitgliedschaften

AICA, BDA (a.o.)

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Artikel

19. Februar 2004 Der Standard

Zu viel Landschaft hemmt den Entwurf

Der Industrielle und Kunstsammler Herbert Liaunig hat fünf international bekannte Architekturbüros zu einem Museums- wettbewerb eingeladen, dessen Beiträge zurzeit in Klagenfurt ausgestellt werden.

Oft geht das Spiel ja so: Ein privater Sammler bietet einer Stadt oder Gemeinde an, seine Werke ausstellen zu dürfen, und verlangt im Gegenzug den Bau eines Museums. Die öffentliche Hand, von dürftigen Kulturbudgets ganz ausgezehrt, greift bereitwillig zu und erwirbt nicht selten die Katze im Sack. Ist doch die Errichtung eines Museums bei weitem günstiger als der kontinuierliche Aufbau einer eigenen Sammlung, und es wird zugleich eine prägnante Marke eingekauft. Die Sammlung des Kölner Schokoladefabrikanten Ludwig ist hierfür das beste Beispiel.

In diesem Falle liegen die Dinge etwas anders. Herbert Liaunig sammelt seit vier Jahrzehnten österreichische Kunst, die nach 1945 entstanden ist. Die Werke wurden bisher noch nicht öffentlich gezeigt. Nun plant der Sammler, der sich im Geschäftsleben auf den Erwerb angeschlagener Unternehmen spezialisiert hat, die er saniert und wieder verkauft, die Gründung eines eigenen Museums in Sichtweite seines Wohnsitzes an der Kärntner Grenze zu Slowenien.

Zur Realisierung des Museums in Neuhaus (slowenisch Suha) gibt es einen Zweistufenplan. Liaunig veranstaltete einen Wettbewerb unter fünf internationalen Architektenteams, die aufgefordert waren, eine „große Lösung“ zu erarbeiten, die dann umgesetzt wird, wenn das Land Kärnten etwa 30 Prozent der Kosten übernimmt. Andernfalls würde Liaunig eine kleinere Variante bauen lassen, die dann nicht für die Öffentlichkeit zugänglich wäre.

Die Entwürfe sind derzeit im Klagenfurter Museum für Moderne Kunst zu besichtigen, wo auch eine kleine Auswahl von Werken aus der Sammlung zu sehen ist. Wie aus dem Architekturzentrum Wien zu erfahren war, dessen Leiter Dietmar Steiner bei der Auswahl der Architekten beratend zur Seite stand, gibt es bereits einen Favoritenkreis. Dazu zählen die Entwürfe der Amerikaner Elisabeth Diller und Ricardo Scofidio sowie die Arbeit von Odile Decq aus Frankreich.


Zwei Favoriten?

Diller+Scofidio unterscheiden sich von den Mitbewerbern dadurch, dass ihr Museum nicht aussieht, als wolle es am liebsten unsichtbar in der Landschaft verschwinden. Die schräg in einen künstlich angehäuften Hügel eingegrabene Glasbox erzeugt zwar „points de vue“ nach jeder Seite, bleibt selbst aber kantig, abstrakt und räumlich sehr vielfältig. Für die Amerikaner, die bisher im theoriefreudigen Ostküstenmilieu der USA durch gleichermaßen sinnliche wie intellektuelle Kleinstarchitekturen hervorgetreten sind, wäre das Museum einer der ersten größeren Bauten.

Odile Decq, deren Punkfrisur sehr angenehm aus dem üblichen Architektenunderstatement herausragt, ist den entgegengesetzten Weg gegangen. Ihr Baukörper verschmilzt mit der Landschaft und terrassiert den Hügel, bleibt aber selbst recht eigenschaftslos.

Das lässt sich wiederum über die Arbeit des Slowenen Jurij Sadar und Bostjan Vuga nicht sagen: Bekannt wurde das Duo mit dem Gebäude der slowenischen Industrie- und Handelskammer in Ljubljana, einer frechen Antwort auf die „Rasteritis“ der industriellen Bauweise. Ihr Museumsentwurf in Form eines plattgedrückten Ufos ist hingegen in seiner Formverliebtheit ein schwacher Versuch, sich an den grassierenden Retro-Futurismus à la Kunsthaus Graz dranzuhängen.

Die ehemalige Partnerin des früh verstorbenen Spaniers Enric Miralles, Benedetta Tagliabue, hat sich als Einzige bis ins Detail mit der Frage beschäftigt, wie die gesammelten Kunstwerke, von denen auch im Museum nur ein Teil gezeigt wird, aufbewahrt werden, und daraus ein Präsentationssystem mit Kisten und Kästchen abgeleitet, dessen Kleinteiligkeit sich auch in der Gebäudeformation wiederfindet. Auch sie verzahnt das Museum sehr stark mit der Umgebung, wodurch einige landschaftliche Bezüge, wie etwa zur benachbarten Drau, verloren gehen, weil die Bauten sich zu sehr an den Grund schmiegen. Nur Diller+Scofidios erhabene und gleichzeitig vergrabene Glaskiste stellt auch diese Verbindung her.

Der Entwurf von Ben van Berkel und Caroline Bos aus Amsterdam zeigt sich als einziger so selbstbewusst, die Ausstellungsetage in den Himmel zu stemmen. Doch auch dort fließen die Wände pseudolandschaftlich durch den Bau und erzeugen schmale und damit kaum geeignete Galerieflure. Eine Entscheidung über das Siegerprojekt wird Herbert Liaunig voraussichtlich Ende Februar treffen.


[Museum Moderner Kunst Kärnten, Klagenfurt, Burggasse 8. Bis 18. 4. 2004]

7. Februar 2004 Der Standard

Und 365-mal in Ihrer Nähe!

„The Unit“ sind, in Stückzahlen gemessen, die erfolgreichsten Architekten Österreichs.

Über den Reiz eines Produkts entscheidet nicht selten die Verpackung. Bücher machen da keine Ausnahme. Zum Beispiel Sex, der gerade noch jugendfreie Fotoband, den Madonna 1992 herausbrachte. Um die Zensoren der Ära George Bush sen. zu besänftigen, war das Buch in eine silbrige Hülle eingeschweißt, was den angenehmen und sicher sehr verkaufsfördernden haptischen Nebeneffekt hatte, dass es schon knisterte, bevor man das erste Bild gesehen hatte.

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das erste Architekturbuch in derselben Aufmachung auf den Markt kommen würde. Nun ist es so weit: „superdiscounit“ steht auf der schwarzen Plastikverpackung und drinnen steckt ein Bilderbuch, das eigentlich nur an Architekten über fünfunddreißig verkauft werden dürfte. Aber die Sitten sind ja schon seit Generationen so verlottert, dass es im Grunde auch wieder egal ist. Der Inhalt lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ein Architekturbüro mit dem alles und nichts sagenden Namen The Unit strebt nach der Weltherrschaft und beginnt zunächst in Österreich eine Reihe wichtiger Konzerne so zu unterwandern, dass kein Kind mehr wird aufwachsen können, ohne mindestens einmal pro Woche ein Gebäude von The Unit zu betreten. Gestaltet ist das Buch als knallharter Architektenporno: kein Drumherum, keine Pläne oder Erklärungen, einfach Seite um Seite nackte, gebaute Tatsachen. Beim Durchblättern meint man die Euroscheine knistern zu hören: drei Filialen für die Verkehrskreditbank, vier für die Generali Versicherung, drei Merkur-Märkte, zwölf Jet2web-Shops, vierzehn Mondo/Bipa-Kombimärkte, zwanzig Filialen der Post und schließlich 365 Bipa-Geschäfte sowie gut drei Dutzend weitere Bank- oder Versicherungsfilialen, Messestände, Bürogebäude. Zwei, maximal drei Fotos pro Projekt und weiter zur nächsten Nummer. Das Buch will nicht überzeugen, nicht überreden, es soll überwältigen.

Doch der rasante Aufstieg von The Unit war zu Ende, bevor das Buch die Druckerei verlassen hatte. Die beiden Partner, Georg Petrovic und Wolfgang Bürgler, haben sich getrennt und gehen jetzt eigene Wege. Eine gute Gelegenheit, um zu fragen, wie Architektur unter den Bedingungen maximaler Verkäuflichkeit entstehen kann.

Ortstermin bei Wolfgang Bürgler, der nun unter dem Namen LIMIT firmiert. Im Sitzungsraum stehen noch die Reste einer Präsentation herum. Die Werbeagentur section.d hat für LIMIT ein Corporate Design entworfen, das sämtliche Bereiche des Architektenalltags abdeckt: Für Besuche beim Kunden gibt es Transporttaschen mit der Aufschrift SHOWIT, auf den Memo steht READIT, die Adressaufkleber sagen SENDIT und die Zündholzschachterln sind mit BURNIT bedruckt.

Section.d ist auch gleich das Stichwort. The Unit hat eng mit dieser Agentur zusammengearbeitet und war daher in der Lage, Projekte auf allen Maßstabsebenen durchzuarbeiten. Vom Shopkonzept bis zum Plastiksackl. So etwas ginge nicht mit jedem, es müsse auf beiden Seiten die Bereitschaft geben, ein allumfassendes Produktdesign zuzulassen, sagt Bürgler. Die Werber müssten im Raum, die Architekten im Medium der Grafik denken können.

Ist das die Neuauflage des alten Traums der Moderne von der grenzenlosen Gestaltung? Peter Behrens war wohl der erste Architekt, der für seinen Auftraggeber, die AEG in Berlin, ab 1907 als Architekt, Produktdesigner und Grafiker arbeitete. Sein Zeitgenosse Henry van de Velde ging so gar so weit, zur privaten Villa nicht nur Mobiliar und Geschirr, sondern auch der Hausherrin ein neues Abendkleid zu entwerfen. Das war exzentrisch und verrückt, aber andererseits hatte die große Ausdifferenzierung noch nicht stattgefunden, in deren Folge dann Gestaltungsexperten für jede Lebenslage bereitstanden. Die Architekten haben die Büchse der Pandora nicht wieder zuklappen können, aus der die Apostel der guten Form heraussprangen und jede Selbstverständlichkeit mit einem neuen Design überziehen wollten. Adolf Loos hat das sehr früh erkannt und mit Spott übergossen, doch vergeblich.

The Unit ist da viel pragmatischer. Man hatte das Glück, zur passenden Zeit am richtigen Ort seine Ideen präsentieren zu können. Mitte der Neunzigerjahre machte die wirtschaftliche Entwicklung einen Sprung nach oben. 1996 ging das deutsche Unternehmen Rewe in Österreich auf Shoppingtour und kaufte unter anderem Billa, Bipa und Merkur. Vom kleinen MPreis-Imperium in Tirol war schon in den Jahren zuvor erkannt worden, dass Architektur ein zunächst teures, auf lange Sicht aber wirkungsvolles Mittel sein kann, um Kunden an sich zu binden. Rewe nahm das Rennen auf und suchte in kleinen Wettbewerben nach neuen Ideen für die langweiligen Blechkisten am Rande der Stadt. Und The Unit ging mehr als einmal durchs Ziel. Man hatte aufmerksam die internationale Architekturszene beobachtet, die damals gerade den diskreten Charme des Minimalismus entdeckte. Also wurden die viel zirkulierten Vorbilder aus der Kunst der Sechzigerjahre neu zusammengesetzt: An eine Stahlkiste von Donald Judd schraube man zwei grellbunte Leuchtröhren von Dan Flavin, multipliziere mit dem Faktor 1000 und fertig ist der nächste neue Merkur-Markt.

Sonderlich innovativ war das nicht, sollte es aber auch gar nicht sein. Sondern wirkungsvoll und überwältigend. Kristallpaläste als Leuchtzeichen in der Peripherie. Der gestalterische Ehrgeiz galt eindeutig der Hülle, während im Inneren die Planer der Handelsfirma den eigenen logistischen und verkaufspsychologischen Rezepten folgten. Mit The Unit stand ein Partner bereit, der sich selbst als Dienstleister definierte. Georg Petrovic, die zweite Hälfte der Unit, wirkt etwas gequält, wenn er das erzählt. Er sehe sich mittlerweile lieber wieder als klassischer Architekt, der vom Entwurf bis zur Detailplanung alles in seiner Hand wisse. So faszinierend es auch gewesen sei, so viel Masse zu produzieren - jetzt würde es ihn nicht mehr befriedigen, nur noch in „Leitkonzepten“ zu denken, die andere dann umsetzen. Werbeagenturen hätten es da einfacher und würden für das Erstellen von Corporate-Design-Anleitungen auch ungleich höher bezahlt. Für The Unit sei das eben doch in erster Linie ein Zusatzangebot gewesen, um die Projekte mit dem verkaufsentscheidenden Mehrwert aufzuladen.

In der österreichischen Architektur wird der Schub, den The Unit ausgelöst hat, wohl noch lange spürbar bleiben. Man braucht nur nach Deutschland zu schauen, also ins wahre Heimatland von Billa, Bipa & Co, wo die Blechkisten immer noch Blechkisten sind, in denen verbissene Kunden fernab vom Tageslicht nach Schnäppchen jagen. Die Kolonialstädte der Engländer waren ja auch um einiges prächtiger als die eigenen. Nur ob es in Österreich immer Neon sein muss? Identitätshüllen können manchmal auch in Bambus und Bastmatten wunderbar funktionieren. Das zeigt der durchschlagende Erfolg einer „Organic Food“-Kette namens Trader Joe's in den USA. Und die gehört zur Mutter aller deutschen Billigmärkte, zu Aldi.

Publikationen

2023

Protestarchitektur
Barrikaden, Camps, raumgreifende Taktiken 1830–2023

Protestbewegungen prägen den öffentlichen Raum nicht nur durch ihre Botschaften, sondern in vielen Fällen auch durch ihre – meist temporären – Bauten. Dieser These gehen das Deutsche Architekturmuseum DAM in Frankfurt und das MAK – Museum für angewandte Kunst in Wien in einem Ausstellungsprojekt nach,
Hrsg: Oliver Elser, Anna-Maria Mayerhofer, Sebastian Hackenschmidt, Peter Cachola Schmal, Jennifer Dyck, Lilli Hollein
Verlag: Park Books

2017

SOS Brutalismus
Eine internationale Bestandsaufnahme

SOS Brutalismus ist ein Notsignal. Seit den 1950er-Jahren sind weltweit Bauten bedeutender Architekten des 20. Jahrhunderts entstanden, die Ausdruck einer kompromisslosen Haltung sind. Oft, aber nicht immer, sind sie aus Sichtbeton (béton brut, daher der Begriff Brutalismus). Viele der oft kontrovers
Hrsg: Oliver Elser, Philip Kurz, Peter Cachola Schmal
Verlag: Park Books

2009

Wohnmodelle - Experiment und Alltag
Housing Models. Experimentation and Everyday Life

Die Spanne reicht vom chilenischen Sozialwohnbau zum Selbst-Weiterbauen über die Wiener Sargfabrik bis hin zu einer elitären Wohngemeinschaft in Tokio. Das Projekt Wohnmodelle. Experiment und Alltag geht anhand von elf internationalen Wohnbauprojekten der Frage nach, wie Architekturexperimente im
Hrsg: Oliver Elser, Michael Rieper, Künstlerhaus Wien
Verlag: Folio Verlag

2001

Sondermodelle. Die 387 Häuser des Peter Fritz

Peter Fritz war ein Bastler, der in seiner Freizeit Architekturmodelle entwarf und baute - doch »nicht alle Bastler sind harmlos«, wie Walter Grasskamp bemerkte. Dieses kuriose Bilderbuch für alle Kunstliebhaber und Architekturfreunde beweist diese These. Was tun mit 387 kleinen Architekturmodellen,
Hrsg: Oliver Elser, Österreichisches Volkskundemuseum, Oliver Croy