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nextroom fragt: Cukrowicz Nachbaur Architekten
nextroom fragt: Cukrowicz Nachbaur Architekten © Darko Todorovic

Das silberne Jubiläum ihrer Zusammenarbeit feiern Cukrowicz Nachbaur bereits. In der Art und Weise hat sich gar nichts geändert, mit dem Wettbewerbsgewinn des Münchner Konzerthauses jedoch die Dimension. Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm im Interview mit Martina Pfeifer Steiner.

14. November 2017

In welchen Bürostrukturen arbeiten Sie?

A. N. Vom Entwurf oder Wettbewerb weg sind wir immer beide dabei.

A. C. Egal was wir entwerfen, wir machen das Konzeptionelle. Bei kleineren Projekten sind wir auch nur zu zweit, bei größeren im Team. Heuer feiern wir das 25-Jahr Jubiläum unserer Zusammenarbeit. Das klingt so altehrwürdig, aber wir haben sehr früh angefangen. Noch heute ist die Arbeitsweise miteinander tupfgleich wie am ersten Tag, wir sitzen einander sogar in selber Weise gegenüber.

A. N. Dieses Miteinander gibt uns Sicherheit. Wir haben ja beide sehr hohe Ansprüche und wenn wir einer Lösung sicher sind, ist diese sehr abgeklopft und hinterfragt, sodass Gegenargumente schon gewichtig sein müssen.

A. C. Das heißt aber trotzdem, dass die Diskussion dann im größeren Kreis genauso wichtig ist. Unsere Hierarchien sind flach und wir arbeiten nach wie vor in einer eher kleinen Struktur mit insgesamt 15 Leuten. Letztens besuchten StudentInnen unser Büro und einer fragte, welche Kriterien wir anlegen würden, wenn wir jemanden einstellen. Für uns ist ganz klar, das Wichtigste ist, dass er oder sie ein guter Typ ist und WILL.

A. N. Mit „Wollen“ meinen wir, dass die Leute Interesse, Offenheit und Bereitschaft sich einzulassen mitbringen. Natürlich sollten gewisse Qualifikationen erfüllt sein, doch die Chemie muss stimmen. Eine große Qualität - die auch von Außen geschätzt wird – ist, dass wir kaum Fluktuationen haben. Wir schauen halt, dass in unserem Büro die richtigen Leute zusammenfinden und sich wohlfühlen, verbringen wir doch sehr viel Zeit miteinander.

A. C. Das beinhaltet aber auch, dass wir uns intensiv mit dem einzelnen Menschen beschäftigen, dass wir für alles, auch Privates, ein offenes Ohr und Zeit haben. Wir machen regelmäßig Büroausflüge und wenn dann die Partnerinnen, Partner, Kinder mitkommen wird mir immer wieder bewusst, wie weit diese Verantwortung, die wir als Chefs haben, schlussendlich geht, dass da mitunter fünf, sechs Menschen mitbetroffen sind.


Was inspiriert Sie?

A. C. Im Prinzip ist alles was ich bewusst oder unbewusst erlebe Inspiration. Wenn es um Kraftquellen geht, dann finde ich diese in der Natur, aber auch in der Beschäftigung mit tiefgehenden Themen, beispielsweise bei spirituellen Aufgabenstellungen, vorwiegend architektonischer Art.

A. N. Da sind wir fast deckungsgleich. Ich sehe auch diese zwei Pole: auf der einen Seite die Inspiration immer und überall, ich lese sehr viel. Andererseits wird die Natur als Ausgleich für mich immer wichtiger. Hinausgehen, einen Schneekristall betrachten oder eine besondere Lichtstimmung im Wald. Das erdet und gleichzeitig wird mir die Beschränkung im eigenen Tun bewusst, denn was die Natur schafft, ist eigentlich unerreichbar und so inspirierend.


Was begrenzt die Verwirklichung Ihrer Visionen?

A. C. Eine gefinkelte Frage! Es gibt natürlich Visionen, aber nicht ohne Fragestellungen und diese beinhalten per se eigentlich die Grenzen, weil sie nie alles umfassen können.

A. N. Vorstellen kann ich mir alles, sei es noch so absurd – und dann kommen die Beschränkungen aus unseren Erfahrungen, aus dem Wissen und auch vom eigenen Können dazu. In der Vorstellung gibt es keine Grenzen, erst in der Umsetzung.

A. C. Sind es schlussendlich nicht die Einschränkungen, die quasi die Kreativität auslösen? Ich brauch doch irgendwo etwas wo ich mich reibe und nur dort kann die inhaltliche Wärme entstehen, durch die Auseinandersetzung. Sonst wäre ja immer alles möglich.

A. N. Für eine Lösung brauche ich eine Aufgabenstellung und die ist eigentlich schon die Einschränkung. Das unterscheidet Architektur vermutlich von der Kunst, die eigentlich freier ist. Die Rahmenbedingungen beim Bauen sind enger und es ist gut so, dass es nicht die komplette Freiheit gibt. Je größer die Herausforderungen umso spezieller ist das Ergebnis zu erwarten, umso mehr lockt diese Aufgabe und fördert unsere Kreativität, genau darauf eine Antwort zu finden.


Welches Ihrer Projekte möchten Sie hervorheben?

A. C. Die Bischofsgruft in Rottenburg am Neckar. Das Projekt beinhaltet genau, was ich mit Inspiration und Kraftquelle aus der Arbeit heraus meine. Die spirituelle Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen bringt mich persönlich in andere Ebenen und zu tiefen Erkenntnissen. Wir haben mit 1500 Jahre alter Friedhofserde gebaut! Diese Transformation – Erde zu Erde und wir geben sie mit Stampflehm wieder dem Ort zurück - wird jeden berühren. Unter der bestehenden, sehr alten Kirche ist die Krypta ein unsichtbares Bauwerk und so radikal reduziert, dass absolut gar nichts mehr weggelassen werden dürfte.

A. N. Die Bergkapelle auf der Vorderen Niederen Alpe berührt das gleiche Thema, hier kommt noch etwas Besonderes dazu, nämlich die Verknüpfung mit der Bauherren-Familiengeschichte und dass diese Aufgabe weit über die Planung hinaus ging, wir bauten mit. Ein großes Erlebnis und am Ende auch eine tiefe Freundschaft.

A. C. Ganz aktuell und klar hervorzugeben ist das Konzerthaus in München. Da ist ganz viel Herzblut drinnen und intensive Beschäftigung, nämlich unter extremen Rahmenbedingungen an einem Nichtort, dem ehemaligen Industrieareal, einen neuen Ort für Kultur und Musik zu definieren.

A. N. Unabhängig davon, dass wir den Wettbewerb gewonnen haben und stolz sind eine Antwort gefunden zu haben, die von der Jury als richtig angesehen wurde, freue ich mich auf die Herausforderungen bei diesem unglaublich komplexen Projekt. Es gibt so viele neue Bereiche, in denen wir mit ExpertInnen auf absolutem Spitzenniveau zusammenarbeiten dürfen, das wird sehr spannend.

A. C. Ich hätte doch noch ein Projekt: Beim Fassadenthema des Vorarlberg Museum gab es eine schöne Erfahrung mit Manfred Mayr und Urs Roth. Sie haben uns Einblicke in völlig andere Welten, wie die Mathematik gegeben, das war mehr als Bauen. Und es ist immer bereichernd mit Leuten zu arbeiten, denen es nur um das bestmögliche Ergebnis geht.


Worüber sollten ArchitektInnen reden, einen Diskurs anzetteln?

A. C. Es gibt so eine Eigenschaft von Architekten, dass sie meinen, zu jedem Thema ihren Senf dazu geben zu können und alles zu wissen. Wir müssen zwar wirklich viel wissen, die Projekte koordinieren, mitunter auch Varianten finden, in Bereichen wo andere Spezialisten sind, doch es bräuchte sehr viel mehr Vertiefung um wirklich überall mitreden zu können. Trotzdem gibt es ganz wenige Berufe, die eine derartige Bandbreite haben, von der großräumig visionären Strategie bis zum technischen Detail.

A. N. Unsere Themen sind zweifellos immer auch gesellschaftsrelevant. Wir müssen beispielsweise über leistbares Wohnen oder Raumplanung diskutieren. Es gibt jedoch eine Wechselbeziehung im Diskurs zwischen Architektur und Gesellschaft. Die Architektur muss nicht unbedingt die Themen vorgegeben, sie findet ihre Rolle auch, indem sie mit Gesellschaft und Umfeld korrespondiert und darauf in vorausschauender Weise reagiert.


»nextroom fragt« ist ein neues Format für die in der nextroom Architekturdatenbank vertretenen PlanerInnen und Planer, das Raum für eine übergeordnete Eigenpräsentation schafft. Fünf gleichbleibende Fragen laden ein, Einblicke in den Arbeitsalltag und die Bedingungen für Architektur zu geben - ob aus der Sicht junger oder arrivierter, großer oder kleiner Büros.

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