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nextroom fragt: Hohengasser Wirnsberger Architekten
nextroom fragt: Hohengasser Wirnsberger Architekten, Pressebild: Manuela Wilpernig

Die Prozesse sind bei den Projekten von Hohengasser Wirnsberger Architekten immens wichtig und zur Preisverleihung fährt man dann im Kleinbus, vollzählig, mit Bauherrschaft. Sonja Hohengasser und Jürgen Wirnsberger im Interview mit Martina Pfeifer Steiner.

30. Januar 2018

In welchen Bürostrukturen arbeiten Sie?

Seit nunmehr zehn Jahren arbeiten wir als Zwei-Frau-Mann-Büro zusammen. Obwohl wir aus benachbarten Orten stammen, lernten wir uns erst an der Fachhochschule Kärnten anlässlich einer Anfrage für ein „Haus am See“ kennen. Ich war bereits wissenschaftliche Mitarbeiterin und Jürgen im 2. Semester seines Masterstudiums. Nachdem auch er hier eine Anstellung fand, konnten wir weitere interessante Bauaufgaben verfolgen und umsetzen. Wir wollten eigentlich beide immer neben der Lehre auch Bauen, also den Bezug zur Praxis nicht verlieren. Das eigene Büro und die Möglichkeit an der FH Kärnten in einem relativ kleinen Team in der Lehre sehr aktiv mitzuwirken ist einerseits reizvoll aber auch zeitintensiv. Bei Engpässen bedeutet dies dann lange Arbeitswochen, was zeitweilig auch mit der Vernachlässigung des Privatlebens eingeht. Die Arbeit zu zweit passt für uns gut, wobei sich das in Zukunft wohl ändern wird müssen um die ganzen Aktivitäten bewältigen zu können.

Was inspiriert Sie?

Wir stammen ja beide aus einem bäuerlich-ländlichen Umfeld und sind sehr naturverbunden. Beim Wandern, Schitouren gehen, aber auch Lesen und Reisen schöpfen wir Kraft, da sind wir ähnlich interessiert, deswegen funktioniert auch unsere Zusammenarbeit so gut.
Viel Inspiration gibt es für uns aus dem Zusammenwirken von Lehre und Praxis. Und uns interessiert die autochthone Architektur, das elementare Bauen in der Landschaft und wie die unterschiedlichsten Kulturen darauf eingegangen sind. Hier Quervergleiche zu ziehen ist für uns sehr anregend.

Was begrenzt die Verwirklichung Ihrer Visionen?

Die immense Anzahl an Normen und Richtlinien hemmt oft die kreative Auseinandersetzung mit Problemstellungen, da hakt es wirklich im System und nimmt uns als Architekten aber auch der Zivilgesellschaft Handlungsspielraum und Mitgestaltungsmöglichkeit! Heutzutage wird obendrein alles zunehmend standardisiert. Eine Türe, ein Fenster zum Beispiel, hat nur mehr eine Funktion zu erfüllen. Das lässt unsere gebaute Umwelt abflachen und die Kreativität des Handwerklichen geht so aus unserer Sicht immer mehr verloren.
 
Welches Ihrer Projekte möchten Sie hervorheben?

Die Kaslab´n Nockberge. Das Zusammenwirken von Architektenteam und den Genossenschaftern, das gemeinsame Wachsen an einer Aufgabe, die Offenheit der Bauherrschaft macht dieses Projekt zu einem ganz besonderen. Das war für beide Seiten eine echte Horizonterweiterung und von Beginn an ein wertschätzendes Miteinander. Wir setzten uns alle in einen Bus und besichtigten Käsereien in Tirol, Südtirol und Vorarlberg. Vielleicht entstand schon dabei das gegenseitige Vertrauen auf dem der gesamte Planungs- und Bauprozess basierte.
Dass wir die Bäuerinnen und Bauern mit diesem Entwurf so gut überzeugen konnten, hängt sicherlich damit zusammen, dass wir sie auf allen Ebenen einbezogen und anerkannten, wie wertvoll ihre Arbeit auch für die Kulturlandschaft ist. Wir interpretierten die in den Nockbergen zu findende Typologie der Labn neu. Die Bauernhäuser sind hier meist in den Hang gebaut und um von der einen Seite zur anderen zu kommen, gibt es als durchgestecktes Element die Labn. Also lauter Ansätze, mit denen sich die Menschen vor Ort identifizieren können. Genauso wie die Holzbauweise: für die Kaslab´n wurde das eigene Holz aus den umliegenden Wäldern verwendet.
Es sind noch so viele weitere Dinge abseits von Architektur entstanden, wie ein Vermittlungsmöbel, bei dem wir die Fragen stellten und die Genossenschafter die Antworten hatten. Oder eine Butterdose aus Holz, denn die in der Kaslab´n hergestellte Butterrolle passt in keine übliche Butterdose. Als das Budget knapp wurde und Stühle für den Hofladen gebaucht wurden, entstand die Idee, dass jeder Genossenschaftsbetrieb einen Stuhl vom Hof einbringt - dies steigerte zusätzlich die Identifikation mit dem Projekt.

Worüber sollten ArchitektInnen reden, einen Diskurs anzetteln?

Eine wesentliche Aufgabe ist aus unserer Sicht die Vermittlung von Baukultur (Architektur_Spiel_Raum_Kärnten und Bauarchiv Kärnten), die bereits bei Kindern und Jugendlichen unerlässlich ist. Hier ein Bewusstsein zu schaffen wird unsere latenten Probleme wie Zersiedelung, Umgang mit öffentlichem Raum, Wertschöpfungsketten usw. in Zukunft hoffentlich besser lösen helfen. 
In der Architektur wird vorwiegend über das fertige Objekt gesprochen und nicht über den Prozess. Dieser ist jedoch nach unserer Erfahrung wesentlich für ein Projekt und dessen Gelingen. Und - wir ArchitektInnen sollten uns wieder trauen mehr über Schönheit zu sprechen!


»nextroom fragt« ist ein neues Format für die in der nextroom Architekturdatenbank vertretenen PlanerInnen und Planer, das Raum für eine übergeordnete Eigenpräsentation schafft. Fünf gleichbleibende Fragen laden ein, Einblicke in den Arbeitsalltag und die Bedingungen für Architektur zu geben - ob aus der Sicht junger oder arrivierter, großer oder kleiner Büros.

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