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nextroom fragt: Michaela Wolf und Gerd Bergmeister
nextroom fragt: Michaela Wolf und Gerd Bergmeister, Pressebild: Manuel Ferrigato

Die Besonderheit jeder Intervention ist das Ergebnis einer gezielten, rücksichtsvollen Arbeit auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Gebautem und Landschaft. bergmeisterwolf entdecken Bautraditionen wieder und verknüpfen sie mit neuen Materialien, sie experimentieren damit und erweitern sie in zeitgemäßer Dialektik. Michaela Wolf und Gerd Bergmeister im Interview mit Martina Pfeifer Steiner.

28. Mai 2019
In welchen Bürostrukturen arbeiten Sie?

Wir haben das Glück, dass wir schon seit vielen Jahren beruflich und privat eine Einheit sind. Unter Einheit verstehen wir ähnliche Gedanken, gleiche Ziele, gemeinsame Ideen und Träume. Zugleich ist der rege Austausch und die Kritik ein Instrument im Entstehungsprozess unserer Architektur. Diese Art der positiven Reibung, dieses nicht gekränkt sein, immer wieder von neuem zu beginnen, bewährt sich auch im Austausch mit den Bauherren. So kann man aber nur in einem kleinen Team arbeiten – in unserem Falle sind es bis zu zehn ArchitektInnen, InnenarchitektInnen und PraktikantInnen aus unterschiedlichen Nationen. Bürosprache ist jedoch italienisch, mit Einschlägen von Englisch und Deutsch. Unser Büro-Knotenpunkt ist die Modellbauwerkstatt, um die sich alles dreht: das gemeinsame Entwickeln am Modell, das Experimentieren und Forschen in unterschiedlichen Maßstäben. Modelle sind für uns Werkzeuge, sie werden zu Prototypen, an denen gearbeitet, entwickelt, im Landschaftsmodell getestet und verfremdet wird.

Was inspiriert sie?

Uns inspiriert jeweils die Freude und Neugier des anderen am Entwickeln von Ideen, Neues zu entdecken, in fremde Welten einzutauchen. Auch die Bauherrschaft inspiriert, die mit Begeisterung an ein Projekt herangeht. Uns inspirieren die Gespräche bei den langen Spaziergängen durch die Weingärten und wir lieben den Gedankenaustausch mit befreundeten KünstlerInnenn, ArchitektInnen, Sommeliers, etc. – Zuhören können, sich freischalten, ein bewusstes Nichtstun, der Besuch von Ausstellungen, das Genießen von gutem Essen, Wein, ..., das alles gibt uns Kraft und Ausdauer neue Wege einzuschlagen, querzudenken.

Was begrenzt die Verwirklichung ihrer Visionen?

Visionen sind für uns freie Gedanken und lassen sich eigentlich nicht begrenzen. Sie motivieren uns immer wieder die Grenzen auszuloten, uns zu verbessern und uns zu hinterfragen. Gebautes, Realisiertes ist für uns nur ein Teil des Puzzles. Es ist ein Weiterdenken, ein an-sich und mit-sich Arbeiten am Entwurf. Durch das Weiterbauen kommen wir einer – unserer – Vision immer näher.  Das hat etwas Prozesshaftes an sich und durch die Kontinuität, durch stetiges Arbeiten, durch Einsatz und Leidenschaft erreicht man eine Art Vision, die dann zugleich Projekt wird.

Welches ihrer Projekte möchten sie hervorheben?

Es sind für uns immer jene Projekte, an denen wir gerade intensiv arbeiten, wobei jedes seine Wichtigkeit und Eigenständigkeit hat. Aus Projekten entstehen Freundschaften und dadurch potenziert sich für uns die Bedeutung enorm. Jedes einzelne ist Teil eines anderen und ist wiederum Teil eines Ganzen. Irgendwie wird jedes Projekt auch ein Teil von uns, ein Baustein in unserer Entwicklung, der uns weiter formt, ja modelliert. Vielleicht ist noch ein gewonnener Wettbewerb hervorzuheben: die Verbindung Stadt-Berg in Brixen. Dieses städtebauliche Projekt bringt eine markante Veränderung des Stadtraums, des öffentlichen Verkehrs mit sich, und es geht auch um Landschaft, um den Ort, um Verdichtung, um Architektur – ein Ineinandergreifen verschiedenster Disziplinen, ein Entwurf, der für Lebensqualität steht.

Worüber sollten Architektinnen reden, einen Diskurs anzetteln?

Vielleicht sollte die Architektin, der Architekt sich selbst wieder öfter hinterfragen und mitunter auch Nein sagen. Wir müssen die Gesamtheit im Blick behalten und unsere Entwürfe Teil einer Baukultur werden lassen, die weit über das Gebaute, Geplante hinaus gehen. Gedanken zur Landschaft, zum Ort, zu Verdichtung, Verkehr und Nachhaltigkeit sollten selbstverständlich sein. Und es sollte wieder mehr um Inhalte gehen, die eine Geschichte erzählen.
»nextroom fragt« ist ein neues Format für die in der nextroom Architekturdatenbank vertretenen PlanerInnen und Planer, das Raum für eine übergeordnete Eigenpräsentation schafft. Fünf gleichbleibende Fragen laden ein, Einblicke in den Arbeitsalltag und die Bedingungen für Architektur zu geben - ungeachtet ob aus der Sicht junger oder arrivierter, großer oder kleiner Büros.

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