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Versöhnung in Rot-Weiß
Der Standard

Die Slowakische Nationalgalerie in Bratislava, ein so umstrittener wie großartiger Bau der sozialistischen Moderne, wurde mit großem Respekt renoviert. So ist sie mit Verspätung das kulturelle Zentrum geworden, das sie immer sein wollte.

30. März 2024 - Maik Novotny
Ein 70 Meter langes Bündel aus roten und weißen Balken, mit Wucht zwischen zwei Altbauten geklemmt, ein Gebäude als Abstraktion einer Brücke. Die Slowakische Nationalgalerie dominiert die Uferpromenade der Donau, wenn man sich vom Fluss her der Altstadt von Bratislava nähert. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass sich hinter dieser abstrakten Wucht ein barocker Innenhof verbirgt. Taucht man in diesen ein, unter der Brücke hindurch, sieht man hinter dem Dach wiederum rote und weiße Streifen hervorlugen. Ein architektonisches Nebeneinander mit harten Brüchen. Zu hart für viele.

Das barocke Herzstück ist das Überbleibsel einer 1763 erbauten Kaserne, deren donauseitiger Flügel in den 1940er-Jahren der verbreiterten Uferpromenade zum Opfer fiel. Kurz darauf, im Jahr 1948, zog die soeben gegründete Slowakische Nationalgalerie in den amputierten Funktionsbau ein. Im alten Gemäuer war sie nicht gerade sichtbar, und die sich in der Nachkriegszeit rapide vom Ländlichen in die Moderne entwickelnde slowakische Hälfte der ČSSR verlangte nach einem kulturellen Aushängeschild.

Nur Torso realisiert

Dieses lieferte die Planungsgruppe um den Architekten Vladimír Dedeček, der schon einige öffentliche Bauten realisiert hatte. Sein Entwurf schaffte es, mit großer Geste sowohl auf die Umgebung einzugehen als auch sie komplett zu dominieren. Nach zehnjähriger Bauzeit voller Probleme wurde der Bau 1979 eröffnet, und die meisten Slowakinnen und Slowaken hassten ihn. Auch Dedeček war zutiefst unglücklich, da von seinen Plänen nur ein Torso aus zwei Teilen realisiert wurde. Eine Tragik der Baugeschichte, denn in einer besseren Welt, in der das Bauwerk vollendet und die Architektur des Sozialismus nicht vom Westen ignoriert worden wäre, hätte die Nationalgalerie zweifellos als herausragende Ikone der Moderne gegolten.

Nach der politischen Wende war die sozialistische Moderne noch unbeliebter als zuvor, zudem war das Gebäude stark reparaturbedürftig und musste um die Jahrtausendwende geschlossen werden. Nicht wenige forderten den Abbruch. Stattdessen wurde das Unglück zum großen Glück. Denn 2005 wurde ein Wettbewerb für die Sanierung ausgelobt, den Martin Kusý und Pavol Paňak vom erfahrenen Büro BKPS gewannen. Der Baubeginn erfolgte nach wirtschaftlichen Krisen erst 2016, die Eröffnung mit pandemischer Verspätung im Dezember 2022. Mit 75 Millionen Euro ist das Museum das teuerste öffentliche Gebäude in der Slowakei.

Neu-alt und alt-neu

„Die Jahre des Stillstands waren im Nachhinein eine wichtige Denkpause“, sagt Pavol Paňak beim Gespräch im neuen Café der Galerie. So habe man genug Zeit gehabt, die Pläne mit Vladimír Dedeček zu besprechen, der 2020 im Alter von 91 Jahren starb und BKPS seine Autorenrechte vermachte. Dass sich das Denken und Reden ausgezahlt hat, sieht man sofort, denn in der strahlend neu-alten Galerie wurde offensichtlich nichts dem Zufall überlassen. „Wir haben bei der Annäherung an den Baubestand drei verschiedene Methoden kombiniert“, erklärt Paňak. „Das originalgetreue Replikat, die Interpretation und den Neubau.“ Erstere wurde beim Verwaltungstrakt angewandt, der bauphysikalisch generalüberholt werden musste, hier wurden die roten und weißen Lamellen durch neue vom selben Hersteller ersetzt. Ergebnis: alter Bau mit neu-alter Fassade. Als kompletter Neubau wurde ein Depot in den Hinterhof gesetzt, das wiederum mit den originalen rot-weißen Seventies-Lamellen verkleidet wurde, deren Patina ein lebendiges Muster zeichnet. Ergebnis: neuer Bau mit alt-neuer Fassade.

Eine Neu-Interpretation wählten Kusý und Paňak bei der stark sanierungsbedürftigen Brücke. Deren beeindruckender Innenraum mit seinen terrassenartigen Ausstellungsflächen gewann durch die Öffnung der Fassade zur Donau einen grandiosen Panoramablick dazu. Das bisher kaschierte mächtige Stahltragwerk wurde freigelegt und in gemütlichem Holz ausgefacht, was eigenartig klingt, sich aber vor Ort exakt richtig erweist. Ergebnis: ein neu-alter Bau, in dem das Alte zur besseren Version seiner selbst wird. Die wichtigste Entscheidung betraf jedoch die Art, wie das Museum auf die Stadt trifft. Die in den 1970er-Jahren nicht realisierte Eingangshalle wurde in abgewandelter Form realisiert; hier darf die rohe Barockfassade ihr würdiges Alter zeigen. Die bisher eng-labyrinthischen Gänge wurden geöffnet, neue Zugänge geschaffen.

Im obersten der wagemutig auskragenden Geschoße des Verwaltungstrakts sitzt Alexandra Kusá. Die Kunsthistorikerin, die über den sozialistischen Realismus promoviert hat, ist seit 2010 Direktorin der Nationalgalerie. „Der 1970er-Jahre-Bau eröffnete zur selben Zeit wie das Centre Pompidou in Paris, und beide waren sehr kontroversiell. Hier im Osten war das Urteil vielleicht noch härter, weil Architektur einer der wenigen Bereiche war, den man im Sozialismus hemmungslos kritisieren durfte. Die rote Farbe hat zur Abneigung wohl auch einiges beigetragen.“

Heute habe sich die öffentliche Meinung gewandelt, sagt Kusá, und sie weiß das, denn sie geht nicht nur selbst oft bei Führungen im Haus mit, sondern arbeitete auch während der Neueröffnung der Galerie zwölf Stunden inkognito an der Garderobe, um dem Urteil der Besucher zu lauschen. „Viele sagten: „Ich habe das Gebäude früher gehasst, aber jetzt ist es schön.“ Das freut uns, denn wir wollen, dass sich die Leute hier zu Hause fühlen.“

Für Award nominiert

Der Architektur kommt dabei eine besondere Rolle zu, denn in einem staatlichen Museum, das die Kulturgeschichte einer Nation widerspiegelt, erzählt das Nebeneinander von historischen Bauteilen diese Geschichte kongenial mit. Barock und Moderne werden miteinander und mit der Stadt versöhnt. Ein meisterhaftes Beispiel für den baukulturellen und sinnlichen Reichtum, den ein sensibler und einfallsreicher Umgang mit Bausubstanz eröffnet, wie es sich im Umkreis von Wien sonst nirgends findet – und eines, das völlig zu Recht für den EU Mies van der Rohe Award 2024 nominiert wurde.

„Jetzt zeige ich Ihnen noch etwas“, sagt Alexandra Kusá und deutet auf eine Fensternische im Foyer: Klein und versteckt hängt dort ein gerahmter Brief des greisen Vladimír Dedeček, in dem er sich für die Rettung seiner Idee bedankt. Auch er hat sich mit seiner Geschichte versöhnen können.

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