Bauwerk

HERberge
STUDiO LOiS - Innsbruck (A) - 2015
HERberge, Foto: David Schreyer
HERberge, Foto: David Schreyer
HERberge, Foto: David Schreyer

HERberge für Menschen auf der Flucht

23. Dezember 2015 - aut. architektur und tirol

Noch vor dem Akut-Werden der Flüchtlingskrise beschloss die Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck 2014, eine Unterkunft für Menschen auf der Flucht zu schaffen und damit gemäß ihrem Glaubensgrundsatz das Wort in die Tat umzusetzen. Sie stellten sowohl das ehemalige Internatsgebäude auf dem Areal ihres Ordenshauses im Saggen, als auch die zur Sanierung und Erweiterung des Gebäudes notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung und ermöglichten damit, dass für über 130 Menschen auf der Flucht eine erste Unterkunft realisiert werden konnte.

Unter der Prämisse, die vorhandenen Mittel bestmöglichst zu nutzten, wurde das aus den 1960er Jahren stammende Mädcheninternat generalsaniert und um einen Zubau inkl. Treppenhaus erweitert. Auf fünf Stockwerken wurden jeweils Wohngemeinschaften für 25 bis 27 Menschen eingerichtet, die sich eine Küche und – bis auf eine Zimmereinheit - auch die Sanitärräume teilen. Im Bestand gab das vorhandene Grundraster die Zimmergrößen vor, die jeweils für 3 Personen gedacht sind, wobei für größere Familienverbände ein Nachbarzimmer mittels einer Verbindungstür angekoppelt werden kann. Im Anbau wurden 4-Personen-Zimmer eingerichtet, die zum Teil auch über einen eigenen Balkon verfügen. Herzstück jeder Wohngemeinschaft ist das gemeinsame, zentral gelegene Wohnzimmer, außerdem gibt es pro Stockwerk einen weiterer Allgemeinraum, z.B. einen Kinderspielraum, Fitnessraum, Lernraum oder ein Nähzimmer. Nachdem der bestehende Gang mit seinen parallel verlaufenden Wänden einen nicht gewünschten Anstaltscharakter vermittelte, wurde die Wand in der Gangmitte – vor den Gemeinschaftsräumen – aufgebrochen und durch schräg gesetzte Kunststoffverglasungen und Schiebetüren aufgeweitet. Die damit akustisch nicht sehr wirksame Abtrennung der Wohnzimmer und Gemeinschaftsräume vom Gang wurde bewusst so gewählt – ist doch die Versuchung einer Funktionsänderung aufgrund des ständig steigenden Bedarf an Betten groß. Aber gerade jene Räume, die ein gemeinsames Miteinander ähnlich dem Leben im privaten Familienverband ermöglichen, sind für ein qualitätvolles Wohnen in der Gemeinschaft notwendig.

Für die Architekten war das Arbeiten an diesem Projekt ein anderes als üblich. Um mit einem bescheidenen Budget möglichst viel an Baumaßnahmen umsetzen zu können, ginge es nicht vordergründig um gestalterische Fragen, sondern vielmehr um das Kombinieren und Reagieren auf günstig verfügbare Ressourcen. So wurde bei Industrie- und Handwerksbetrieben nach Produktalternativen angefragt, was dazu führte, dass beispielsweise Böden, Leuchten, Plattenmaterial, Dämmstoffe und Fenster günstig aus Sonderproduktionen und Auslaufmodellen erworben werden konnten.

Während die Kosten für den Umbau von den Barmherzigen Schwestern übernommen wurden, konnte die gesamte Innenausstattung – eigentlich der Part der zukünftigen Mieter – nur über ein Bausteinsponsoring aufgebracht werden. Die Gemeinschaftsräume wurden fast ausschließlich mit Gebrauchtmöbeln ausgestattet, die beim Durchstöbern der Dachböden am Ordensareal, bei Wohnungsauflösungen oder als Schnäppchen bei Altwarenhändlern gefunden oder auch als Geschenk zur Verfügung gestellt wurden. Der Großteil der Möbel für die Zimmer wie Schränke, Bänke und Tische wurden so konzipiert und von einem heimischen Tischler zugeschnitten, dass diese im Selbstbausystem von geschickten Laien zusammengebaut werden konnten. Vorhänge wurden von Freiwilligen genäht, lediglich Betten, Sofas und Stühle als „Fertigprodukt“, meist zu Sonderpreisen, gekauft. Nach einem Aufruf durch Pfarren und Medien waren schließlich an einem Wochenende über 200 Freiwillige quer durch alle sozialen Schichten und Altersklassen – darunter auch junge Männer im Asylstatus – am Werk und halfen beim Schleppen, Zusammenbauen, Bohren und Putzen. Durch dieses Schenken von Arbeitskraft und Zeit erhielt die HERberge ihre oberste, nutzbare und spürbare Gebäudeschicht, ein Wohnumfeld, das den Bewohnern in einem schwierigen Lebensabschnitt ein qualitätsvolles Leben ermöglicht. Gerade dieser letzte und einzigartige Akt im Baugeschehen macht die HERberge neben ihrem eigentlichen, wesentlichen Zweck zu einem wunderschönen Beispiel für soziales Miteinander und Nebeneinander.

2016 erhielt dieses Bauwerk bei der "Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen 2016" eine lobende Erwähnung. "Das Projekt „HERberge für Menschen auf der Flucht“ wird lobend erwähnt, weil es mit geringen Mitteln einen sympathischen Ort für Flüchtlinge schafft und zeigt, wie gemeinschaftliches Wohnen und die Vernetzung dieses Lebensraums mit der Umgebung gestaltet werden können. Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, dass ArchitektInnen in der Entwicklung unserer Städte ganz neue Rollen einnehmen können, da sie Prozesse moderieren und Möglichkeitsräume gestalten können." (Jurytext: Tina Saaby) (Text: Claudia Wedekind nach einem Text der Architekten)

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Für den Beitrag verantwortlich: aut. architektur und tirol

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