Bauwerk

Natur- und Kulturpanorama Gacher Blick
columbosnext - Fließ (A) - 2016
Natur- und Kulturpanorama Gacher Blick, Foto: Hanno Mackowitz
Natur- und Kulturpanorama Gacher Blick, Foto: Hanno Mackowitz
24. August 2016 - aut. architektur und tirol

Am "Gachen Blick" am Piller Sattel – der Schnittstelle zwischen Kaunertal, Pitzal und Inntal – befindet sich mit dem vor ca. 10 Jahren eröffneten Naturparkhaus das Informations- und Servicezentrum des Naturpark Kaunergrat. Als Erweiterung der bestehenden Anlage realisierten columbosnext gemeinsam mit giencke mattelig landschaftsarchitektur das neue Natur- und Kulturpanorama mit Aussichtsplattform.

Der „Gache Blick“ – „gach“ bedeutet so viel wie „plötzlich“ bzw. wird im Tiroler Oberland auch für „schnell“ oder „steil“ verwendet – ist ein Ort, wo Geschichte, Kultur und Natur aufeinander treffen. Am nördlichen Ausläufer des Engadiner Fensters von enormen Kräften und in geologischen Zeitdimensionen geschaffen, bietet sich hier ein Ausblick bis an die Grenzen Nordtirols hin zu bedeutenden Stätten der Tiroler Freiheitsgeschichte sowie auf das Engadiner Fenster – eine geologische Besonderheit.

Seit Jahrtausenden war der Piller Sattel ein wichtiger Haltepunkt für Reisende auf ihrem beschwerlichen Weg über die Alpen, wie die zahlreichen Fundstücke in dieser Region belegen. Und auch heute übt der „Gache Blick“ mit seinem faszinierenden Ausblick ins Obere Inntal auf Einheimische und Touristen eine große Anziehungskraft aus. Entsprechend hoch ist das Verkehrsaufkommen und damit verbunden der Bedarf an Parkplätzen. Ein wesentlicher Aspekt in der Neugestaltung bestand darin, durch gezielte Maßnahmen der Renaturierung die Parkflächen samt Fahrzeugen möglichst auszublenden, wobei der volle Umfang dieser Maßnahmen erst über die Jahre mit dem Wachstum der Baum- und Sträuchergruppen erfahrbar sein wird.

Speziell der südliche Aussichtsbereich des Naturparkhauses wurde beruhigt, indem ein Bepflanzungskonzept in Form einer Lichtung mit gezielt gesetzter „Bewaldung“ den Parkplatz neu zoniert. Der hintere Parkbereich wird durch die Bepflanzung abgeschottet, neue Parkinseln wurden in den anliegenden Wald eingebettet. Die notwendige Umkehrschleife für Busse wurde in den vorderen Hauptbereich gelegt, die Grüninsel in der Mitte schottet die Autoabstellplätze zur Straße hin ab.

Vom Naturparkhaus aus führt ein neu angelegter Weg zur Aussichtsplattform. Der barrierefreie Steg mit drei Haltepunkten ist durch bewusst gesetzte Bepflanzungen als räumlich differenzierte Abfolge inszeniert. Ausgeführt in schlichten Betonelementen und hangseitig mit einem Handlauf versehen mündet der 200 m lange und 1,5 m breite Weg in eine Brücke und die weit über das hier 800 m steil abfallenden Gelände auskragende Plattform. Die Brücke ist mit Cortenstahl-Flanken eingefasst, die auf die Höhe des anschließenden Fachwerks ansteigen und in ihrer Verengung den Weg zur Plattform verstärken. Das nach vorne schmaler werdende Fachwerk sitzt auf Betonwänden auf, die den darunter liegenden brüchigen Felsen zusammenhalten. Die Ausführung der Plattform – Gitterroste am Boden und auf den Seiten sowie eine Glasfront ganz vorne – verstärken das Rundum-Erlebnis der Natur an dieser extrem exponierten Stelle.

Das Natur- und Kulturpanorama Gacher Blick erhielt 2016 bei der "Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen 2016" eine lobende Erwähnung. "Es ist unsere Zeit ..., über tausende Jahre hat die geografische Ausprägung eines Ortes dem Menschen genügt, um etwas zu sehen, zu erleben, etwas einzigartig Entstandenes, eben das, was man heute touristisch den „gachen Blick“ nennt. Es ist aber dem Menschen immanent, dem speziellen Ort selbstbewusst und mit Respekt noch eins „drauf zu setzen“. Wie ein jahrhundertealter Baum, der den letzten Sturm nicht stehend überlebte, liegt dieser Steg in der Landschaft, eine leichte Senke überbrückend; die Spitze kam über dem steilen Abhang zu liegen. Bewusst ausgesuchtes Material, grafisch gesetzte Linien, abwechselnd offene und geschlossene Flächen – all das macht nur der Mensch: aus reiner Neugierde, den „gachen“ Blick zu erhaschen. Daraus wird ein ästethisches Bauwerk, das als Objekt selbst schön anzuschauen ist. Was wäre die Welt ohne die skulpturalen Objekte von Eduardo Chillida, Ulrich Rückriem, Carl Andre und wie sie alle heißen?" (Jurytext: Wolfgang Feyferlik) (Text: Claudia Wedekind)

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Für den Beitrag verantwortlich: aut. architektur und tirol

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