Bauwerk

Umbau Haus G.
Claudia Cavallar, Lukas Lederer - Wien - 2022
Umbau Haus G., Foto: Mattias Klos
Umbau Haus G., Foto: Mattias Klos
20. April 2023 - Az W
Im von Claudia Cavallar zusammen mit Lukas Lederer umgebauten Haus G. findet die Wiener Wohnkultur der Moderne, aber auch der Postmoderne eine Übersetzung ins Heute. Cavallar hat sich als Ausstellungsarchitektin intensiv mit der Wiener Moderne auseinandergesetzt. Sie gestaltete Schauen im MAK über die Frauen der Wiener Werkstätte, über Bugholzmöbel (Thonet), über (Post) Otto Wagner und vor allem über Josef Frank. Zu Josef Frank hat Cavallar selbst grundlegende Forschung geleistet. Im Zentrum ihrer Beschäftigung stand dabei die Villa Beer in Hietzing – Hauptwerk der Wiener Wohnkultur der 1920er und 1930er Jahre. Ebenfalls in Hietzing – dem Nukleus des modernen Villen- aber auch Siedlungsbaus in Wien – liegt das Haus G.
Die Liebe zu Josef Frank verband Auftraggeber:innen und Architektin. Der Wohnbereich ist weitgehend mit Möbeln und den phantastischen Stoffen Franks eingerichtet. Die Sessel um den Esstisch sind allesamt von Frank, aber ein Mix unterschiedlicher Typen. Diese Heterogenität anstelle eines einheitlichen Ensembles ist geradezu ein Symbol der Wiener Wohnkultur, die im Kreis um Josef Frank und Oskar Strand entstanden war. Deren Leitgedanken – Leichtigkeit, Verschieb- und Veränderbarkeit, Freundlichkeit, Farbigkeit, Gediegenheit – kennzeichnen auch das Haus G. Für jeden erdenklichen Sitz- oder Liegebedarf gibt es ein angemessenes Möbel.
Auf Frank verweisen auch der neue Kamin mit dem typischen Schachbrettmuster-Boden und die Abdeckungen der Heizkörper aus ausgesuchtem Material, die gleichzeitig funktionell und ästhetisch sind.

Über zehn Jahre dauerte der Prozess der Hausadaptierung und der Auseinandersetzung der Bewohner:innen mit ihrem Haus und ihren Wohnbedürfnissen. Mit dem Umbau ging auch die Neuaufstellung und Hängung ihrer Kunstsammlung einher. Begonnen hat es mit einer Transformation der Terrasse, für den die Auftraggeber:innen einen kleinen Wettbewerb veranstalteten, den der Künstler Peter Sandbichler gewann. Claudia Cavallar koordinierte den Wettbewerb. Gleichzeitig plante sie den Eingangsbereich neu, in den man über die Terrasse gelangt. Der neue Garderobenschrank, ein Nischeneinbau mit integrierten Sitzmöglichkeiten, hat mit dem verfremdenden Einsatz von Glas und Spiegeln selbst etwas von einem Kunstwerk.

Das Haus stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und wurde in den 1930er Jahren aufgestockt und mit einem Anbau versehen. Den Charakter der 1930er Jahre wollten die Auftraggeber:innen erhalten. Zeittypische Elemente sind die Schiebefenster und die hölzernen Sonnenblenden.
Nach dem Umbau durch Cavallar und Lederer ist schwer zu sagen, was schon war und was neu ist. Gleichwohl hat sich viel verändert. Raumfunktionen wurden verlegt. Das Wohnzimmer nimmt anstelle des Speisezimmers nun die vom Eingang aus gesehen hinterste Zone des Hauses an der Nordseite ein und wird zum Ort der Ruhe. Das Speisezimmer rückt näher an die Küche und ist über eine neue Glastür mit der Terrasse an der Südostseite verbunden. Die Wand zwischen Speisezimmer und Wohnzimmer wurde breit geöffnet, eine Falttür ermöglicht dabei räumliche Veränderbarkeit. Zu den wirkungsvollsten Änderungen zählt die Öffnung des Wohnzimmers zum anschließenden Wintergarten an der Nordseite. Gab es hier bisher nur zwei hochrechteckige Fenster, die vergleichsweise wenig Licht einließen, wurde die Wand zum Wintergarten nun weitgehend entfernt und durch eine Regalwand aus Glas und Holz ersetzt. Die Schrägen der gläsernen Regaleinbauten zur Glasflügeltür hin erzeugen einen Sog zum Wintergarten. Die beiden flankierenden rot lackierten Säulen unterstreichen diese räumliche Bewegung. Der Wintergarten mit seinen Pflanzen und das durch ihn einfallende Licht entfalten nun bei geöffneten Türen ihre Wirkung bis hin zum Eingangsbereich. Die Bewegungs- und Sichtachse durch die vier aufeinander folgenden Raumzonen verläuft dabei nicht gerade, sondern ist subtil versetzt.

Stube und Küche im Anbau der 1930er Jahre bilden nach dem Umbau eine räumliche Einheit. Die Thonet Stühle von Hermann Czech in der Stube sind ein Hinweis auf die intensive Auseinandersetzung der Architektin mit Czechs Denken. Wie Czech geht es Cavallar um „eine gewisse architektonische Beiläufigkeit um nicht zu sagen Unscheinbarkeit“. Diese wird jedoch raffiniert erzeugt. Holz-/Glasregale als Einbauten und das Spiel mit Durchblicken und Spiegelungen sind prägende Gestaltungselemente. Die gläsernen Regale fungieren auch als Vitrinen für die Kunst. Zu den Durchblicks-Raffinessen gehört das ovale Fenster zwischen dem Speisezimmer und dem Arbeitszimmer der Bauherrin, durch welches ein an der Decke befestigtes Kunstwerk in beiden Räumen zur Wirkung kommt.
Die vom Obergeschoß aus zugängliche Terrasse erhielt durch eine Markise in leuchtenden Orange-Gelb Tönen und durch Bänke, die gleichzeitig als Geländer fungieren, neue Aufenthaltsqualität. (Text: Maria Welzig)

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Für den Beitrag verantwortlich: Architekturzentrum Wien

Ansprechpartner:in für diese Seite: Maria Welzigwelzig[at]azw.at