Bauwerk

Kallco-Haus - Remise - Artbox
Walter Stelzhammer - Wien (A) - 2000
Kallco-Haus - Remise - Artbox, Foto: Rupert Steiner

Die Weihen der Wippe

Was kommt heraus, wenn ein architektonisch ambitionierter Bauunternehmer einen profilierten Architekten seinen Firmensitz adaptieren, umbauen und erweitern läßt? Bei der Paarung Wilfried Kallinger und Walter Stelzhammer ein Gesamtkunstwerk in Wien-Margareten.

5. Januar 2001 - Liesbeth Waechter-Böhm
Baustufe drei in einem denkmalgeschützten Ensemble in Wien-Margareten. Ein Hoftrakt aus der Jahrhundertwende, der nun im Erdgeschoß als Ausstellungsraum, im ersten und zweiten Obergeschoß als Bürofläche und im neu ausgebauten Dachgeschoß auch für zwei Wohnungen genutzt wird. Baustufe drei heißt übrigens präzise: Der Architekt Walter Stelzhammer hat den Firmensitz des Bauträgers Wilfried Kallinger saniert, adaptiert, umgebaut und erweitert. Und das in drei Etappen, ab 1989.

Ein Glücksfall, muß man heute resümieren. Denn die Zusammenarbeit zwischen dem - naturgemäß bauerfahrenen - Auftraggeber und dem speziell im Umgang mit alter Bausubstanz - siehe Österreichische Beamtenversicherung - profilierten Architekten war offenkundig kongenial. Das Ergebnis: ein Gesamt(kunst)werk, entstanden aus dem Diskurs zweier Partner, die weder Arbeitseinsatz noch finanziellen Aufwand gescheut haben, um einen Qualitätslevel zu erreichen, der deutlich über dem Durchschnitt liegt.

Zuerst wurde der Straßentrakt - ein Biedermeier-Haus - als Bürostammsitz der Firma Kallco saniert (1989 bis 1990), dann in den Hof die sogenannte Art-Box - ein multifunktionales Einraumgebäude mit Holz-Glas-Fassade - gestellt (1994 bis 1995), und im vergangenen Jahr wurden die Arbeiten am Hoftrakt beendet.

Ein Terrainsprung im Hof - er ist fast 75 Meter tief, aber nur acht Meter breit - wurde mit zwei Stufen und einer ausladenden Eisenwippe bewältigt, die malerisch vor sich hin rostet. Diese Wippe ist an sich schon ein schönes Objekt. Daß sie obendrein auch einen Zweck erfüllt, verleiht ihr gewissermaßen „höhere Weihen“. Über diese Wippe lassen sich Dinge - unter Umgehung der Stufen - in den höher gelegenen Hofteil transportieren. Bedeutsam ist das schon deswegen, weil der Bauherr eine stolze Oldtimer-Sammlung sein eigen nennt, die jetzt im Erdgeschoß des Hoftrakts garagiert - richtiger: „ausgestellt“ - ist.

Das Hofgebäude liegt in einer Schutzzone und mußte daher erhalten werden. Aber der Architekt gibt freimütig zu, daß das Haus, so wie es jetzt dasteht, nach mehr „Bestand“ aussieht, als tatsächlich vorhanden ist. Schon das Erdgeschoß wurde praktisch entkernt, das ganze Haus mit einer Stahlkonstruktion unterfangen. Fassade im Erdgeschoß: gewaltige verglaste Garagentore mit zwischen den Scheiben liegenden Sonnenschutzlamellen. Dieser „Ausstellungsbereich“, vorläufig zu einem erheblichen Teil mit den (exorbitanten!) Oldtimern des Bauherrn gefüllt, ist tatsächlich aber auch bestens geeignet für - zum Beispiel - die ausführliche Präsentation eigener Bauvorhaben, auch für größer konzipierte Besprechungen, Konferenzen. Und sollte sich Wilfried Kallinger einmal die „galeriemäßige“ Ausstellung seiner Firmentätigkeit vornehmen - er wird dafür keine Galerie nötig haben. Was man an Räumlichkeiten dafür tatsächlich braucht, das hat er selbst - und nicht zuletzt dank der architektonisch angedach-ten Dehnbarkeit der einzelnen Rauminterpretationen.

Besonders hier in der Erdgeschoßzone, dann auch in den beiden neuen Stiegenhäusern, ist das räumliche Outfit konsequent industriell: Terrazzo, grober Anstrich, Beton, sichtbare Stahlkonstruktion. Andererseits: Das Lichtkonzept etwa ist sehr ausgetüftelt; es besteht aus Reflexionsleuchten, die ein ambitioniertes Wiener Büro entwickelt hat; wenn man das sieht, dann kann man auf das unsägliche Bartenbach-Design einmal mehr verzichten.

Darüber hinaus: Atmosphärisch, also was die innenräumliche Stimmung betrifft, lebt das Projekt letztlich auch davon, daß Fertigprodukte eine untergeordnete Rolle spielen. Das fängt schon bei den Garagentoren an: Sie sind eine Produktentwicklung des Architekten, gemeinsam mit einer Firma.

Diesen Aufwand muß man sich natürlich leisten können - und wollen. Aber wir reden hier ja nicht von preisgünstigem Einfamilienhausbau, wir reden vom Firmensitz eines Bauträgers, eines besonderen Bauträgers noch dazu. In Wien zählt er zu jener knappen Handvoll von Vertretern dieser Branche, die im Wohnbau nicht nur Kubaturen hinstellen, sondern architektonische Ambition mit sozialer Verantwortung verknüpfen.

Noch einmal der Hoftrakt: In der Erdgeschoßzone ist er praktisch aufgeschnitten, als eigene Fläche ausgestellt. Die Kernzone darüber, das erste und zweite Obergeschoß, ist Büroflächen vorbehalten und ganz eindeutig am Bestand festgemacht. Das neue Dachgeschoß darüber orientiert sich zwar an den Umrissen der ursprünglichen Dachform, die beiden Wohnungen - jede mit eingeschnittener Dachterrasse - liefern mit ihrem zweigeschoßigen Zuschnitt aber weit mehr, als herkömmlich geboten wird. Für die klassische Kleinfamilie mit zwei Kindern sind sie nicht vorgesehen. Wenn das einmal klar ist, dann kommt man mit Stelzhammers Raumplan zurecht - einem Servicegang, dem die notwendigen Funktionen angelagert sind, und teils zweigeschoßigen, beliebig nutzbaren Wohnflächen.

Die „Selbstverwirklichung“ des Architekten ist immer ein Thema, selbst bei der scheinbar bescheidensten Intervention im historischen Bestand. Aber so bescheiden war Stelzhammer gar nicht. Nur: Er hat sich auf das Hauptstiegenhaus konzentriert. Das wurde gewissermaßen in die Substanz eingeschnitten, das tritt auch aus der Substanz (der Baulinie) sichtbar heraus. Dabei scheinbar kurios: Der Stiegenhaustrakt ist zwar verglast, aber geradezu primitiv - oder klassisch? Keine Punkthalterung, keinerlei modische Aperçus, eine herkömmliche Rahmenkonstruktion, gehalten von Schwertern. Und die Betonstiege selbst ist ein Faltwerk, selbsttragend, das expressiv, aber auch ganz minimalisiert in Erscheinung tritt. Das Pendant zu dieser Hauptstiege - am Ende des Hoftrakts gelegen - ist dann in die Substanz hineingepreßt und entspricht mit seinen geradläufigen Treppen natürlich auch den geltenden Bauvorschriften bezüglich Fluchttreppen für Arbeitnehmer.
Stelzhammer kann sich glücklich preisen. Es ist ein sehr schönes Ensemble, das ihm da über ein Jahrzehnt hinweg gelungen ist. Es ist natürlich schon eine nicht alltägliche, eine besondere Nutzung, die Thema seines Entwurfs war. Auch die Büros sind schließlich für Leute, die in der einen oder anderen Form mit Architektur zu tun haben. Da geht man anders mit Raum um, da freut man sich auch, wenn man in Räumen arbeitet, die herkömmlichen Schemata nicht ohne weiteres entsprechen.

In dieses Bild paßt übrigens ganz besonders der zweite Bauabschnitt, die Art-Box. Kallinger hat hier Büros eingerichtet, die den Verkauf der von ihm gebauten Wohnungen betreiben. Die Wohnungswerber sind also schon von vornherein einer Architektur konfrontiert, die sich vom Baumarkt in Haltung, Detailformulierung und Nutzungsdefinition unterscheidet.
Architekten - wenn sie Gutes realisieren - lobt man gern. Bei Bauträgern tut man sich als Architekturpublizist ungleich schwerer. Kallinger ist eine der wenigen Ausnahmen von der Regel. Da freut man sich wirklich, daß sein Firmensitz all dem entspricht, was man erwartet, wenn es ums Bauen geht, und wenn es von jemandem betrieben wird, der den Nimbus des „Ambitionierten“ vereinnahmt hat.

Trotzdem: Hier geht es um Architektur. Und die stammt - Dialog hin, Dialog her - in letzter Instanz von Stelzhammer. Er hat sich in der architektonischen Selbstverwirklichung zwar unbeschreiblich weit zurückgenommen. Aber genau deswegen ist es jetzt auch ein Kunstwerk. Man wird lange suchen müssen, wenn man ein vergleichbares Ensemble ausfindig machen will. Eines, das historische Substanz und zeitgenössischen Eingriff vergleichbar besonders vereint - und vergleichbar unaufdringlich.

Es ist eine Frage der Grundeinstellung des Architekten. Wie und wodurch drückt sich seine Haltung, drücken sich seine „Visionen“ aus? Wenn man das abklärt, und wenn man die zeitgeistigen Aperçus vom substantiellen Gehalt eines Entwurfs abzieht, dann bleibt normalerweise nicht sehr viel übrig. Normalerweise. Und nicht sehr viel.

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