Veranstaltung

Ornament neu aufgelegt
Ausstellung
1. Juni 2008 bis 21. September 2008
Schweizerisches Architekturmuseum
Steinenberg 7
CH-4001 Basel


Genau 100 Jahre nach der Publikation von Adolf Loos’ Ornament und Verbrechen, ein Manifest dem es tatsächlich gelang, das Ornament an den Rand des Architekturdiskurses zu verbannen, unternimmt «Ornament neu aufgelegt» einen Schritt, um dem Wiederaufleben des Ornaments in der zeitgenössischen Architektur nachzuspüren. Abgesehen von einigen wenigen denkwürdigen postmodernen Experimenten war die Sprache des Ornaments in der Architektur jahrzehntelang verstummt. Dennoch steht – von Owen Jones’ Grammar of Ornament über John Ruskin, Gottfried Semper, Louis Sullivan und William Hogarth – ein reichhaltiges Vokabular gegensätzlicher, oft auch widersprüchlicher Theorien bereit, das im Zentrum der architektonischen Praxis, neu aufgelegt und bewertet, wieder angewendet werden kann.

Oliver Domeisens Untersuchung der historischen und aktuellen Verwendung des Ornaments in der Architektur – im Rahmen seiner Tätigkeit an der Architectural Association in London – hat es ermöglicht, eine gemeinsam getroffene Auswahl aktueller Architekturprojekte durch eine Vielfalt historischer Terminologien und Bezüge zu bereichern. Damit kommen Verwandtschaften und Zuordnungen zum Zug, die entscheidende Spuren des Ornaments in der heutigen Praxis erkennbar werden lassen und gleichzeitig erlauben, seine Grenzen zu überdenken und einen neuen Kontext zu schaffen, in dem zeitgenössische Projekte neu definiert und reflektiert werden können.

Auch wenn die Moderne seinerzeit die mit der Massenproduktion des Ornaments verbundene Dekadenz und Verschwendung ideologisch strikt ablehnte, ist heute unbestritten, dass vollkommen neue Bau- und Produktionsprozesse im Laufe der letzten zehn Jahre die Wiedereinführung des Ornaments finanziell erschwinglich gemacht haben. 3D-Computermodelle kontrollieren heute individuelle Serienanfertigungen von CNC-gesteuerten Fräsprozessen bis zum Laserschnitt.

Ornament ist die Heimat der Metamorphose, die widersprüchliche weltliche Elemente vereint und verwandelt. Es ist eine Verbildlichung der Kombination und ein Spektakel der Transformation. Das Ornament ist eine Methode, mit der sich fast alles in die Sprache der Architektur integrieren lässt: der menschliche Körper, Pflanzen, Militaria, mikroskopische Muster, phantastische Fabelwesen – es ist das Reich der Monster und Hybriden. Das Ornament ist Transgression.

Entscheidend für ein neues Verständnis des architektonischen Ornaments ist sein von alters her bestehender Bezug zur Natur. «Ornament neu aufgelegt» nimmt sich das Recht, das konzeptionelle Spiel mit der Schönheit zu geniessen und die Sinnlichkeit in zeitgenössischen Umsetzungen des Ornamentalen in der Architektur wiederzuentdecken. Es gibt, so der Architekturhistoriker Kent Bloomer formbare und erotische «biologische Schlüssel», die über Kulturen und Epochen hinwegreichen, als gäbe es einen tief verwurzelten genetischen Code des Ornaments. John Ruskin suchte mit seinen «massvollen und ausschweifenden Kurven» eine Geometrien der Tugend im Ornament, eine Geometrie, der William Hogarth mit wissenschaftlicher Genauigkeit in der Krümmung von Knochen und den Linien des weiblichen Beckens nachspürt. Heute ermöglicht das computergestützte Design der Architektur organische Formen zu erzeugen und die Kunstfertigkeit auf die Spitze zu treiben.

In unserem Zeitalter demonstrativen Konsums ist der Firmen- und Markenkult auch willkommener Anlass für das architektonische Ornament in seiner ganzen Prachtentfaltung. Die Logos, die die Wirtschaftswelt um uns herum bestimmen, sind vielleicht die Ikonen unserer Zeit: die Erzeuger unseres Begehrens. Die hier vorgestellten Architekturen, die neue Stile und Sprachen prägen, um dieser Ikonographie Rechnung zu tragen, zeichnen sich durch die Eleganz aus, mit der sie einzigartige Lösungen für das Dilemma der Repräsentation erarbeiten und das Ornament mit einem treffenden Kommentar zur heutigen visuellen Kultur vereinen.

«Ornament neu aufgelegt» ermöglicht durch das Sichtbarmachen des reichhaltigen Repertoires eines vergangenen Diskurses, das Ornament in der zeitgenössischen Architektur in der ganzen Fülle seiner konzeptuellen und ästhetischen Möglichkeiten wieder in Kraft zu setzen. Das Ornament ist in seiner Wirkung trans-kulturell und trans-historisch. Es ist stetige dynamische Bewegung und Expansion. Das Ornament ist nicht Wahrheit – es ist Mimesis, materielle Transubstantiation, Illusion, Künstlichkeit, Freude und Schönheit, die das Nützliche erträglich macht.

KuratorInnen:
Oliver Domeisen und Francesca Ferguson

Ausstellungsdesign:
Revolver Creative Services – Thilo Fuchs & Oliver Mayer


Die Ausstellung zeigt:

Hitoshi Abe
AIP (RESTAURANT AOBA-TEI), SENDAI 2005

Jun Aoki
LOUIS VUITTON ROPONGI HILLS, TOKYO 2003

Barkow Leibinger
CUT TO FIT, 2008

Berthelier Fichet Tribouillet
MEDIATHEK, TOURS NORD 2007

Patrick Blanc
DER VERTIKALE GARTEN – MUSÉE DES ARTS PREMIERS QUAI BRANLY, PARIS 2004

Evan Douglis
HELIOSKOPE, LOS ANGELES 2006-2007

Manuelle Gautrand
‹C_42›: CITROEN - FLAGSHIP SHOWROM, PARIS 2007

Gramazio Kohler
WEINGUT GANTENBEIN, FLÄSCH 2006

Thomas Heatherwick
EAST BEACH CAFÉ, LITTLEHAMPTON 2007

Hild & K
FASSADENSANIERUNG BERLIN-SCHÖNEBERG, BERLIN 1999

Toyo Ito
TOD’S OMOTESANDO GEBÄUDE, TOKYO 2004

Jürgen Mayer H
DANFOSS UNIVERSE, NORDBORG 2007

Office for Metropolitan Architecture OMA & 2x4
THE MC CORMICK-TRIBUNE CAMPUS CENTER, CHICAGO 2003

Realities United & Nieto Sobejano
OSTFASSADE DES ‹CENTRO DE CREACIÓN CONTEMPORÁNEA DE CORDOBA› (C4), CORDOBA 2008/2011

François Roche / R&Sie(n)
WATER FLUX, EVOLÈNE 2009

Francis Soler
MINISTERIUM FÜR KULTUR UND KOMUNIKATION, PARIS 2005

teilen auf