Veranstaltung

Original Resopal
Ausstellung
25. November 2006 bis 11. Februar 2007
Deutches Architektur Museum
Schaumainkai 43
D-60596 Frankfurt / Main


Die Ästhetik der Oberfläche

Faszinierend am Thema „Resopal“ ist, dass fast jeder diesen Markennamen kennt, aber wenig über diesen Werkstoff, kaum etwas über seine Geschichte und nur sehr eingeschränkt über seine Anwendungen weiß.

Resopal – wie sein Vorläuferprodukt das Bakelit – einer der frühen vollsynthetischen Kunststoffe, hat sich bereits um 1930 als Werkstoff für Platten und Pressgegenstände mit seiner neutralen Ästhetik und seiner kühlen, eleganten und glatten Erscheinung als betont modernes Produkt eingeführt und sich später als Schichtstoffplatte durchgesetzt. Der Begriff „Schichtstoffplatte“ beinhaltet das Prinzip ihrer Herstellung: Mehrere übereinander geschichtete Zellulosebahnen werden mit Kunstharz getränkt und unter hohem Druck und Hitze zu einem homogenen, sehr dünnen Plattenmaterial verpresst.

Seit den fünfziger Jahren werden unverwüstliche Resopalplatten vor allem zur Ausstattung von privaten und öffentlichen Innenräumen, zur Beschichtung von Möbeln – insbesondere in der Küche – und seit den siebziger Jahren auch im Fassadenbau verwendet.

Insbesondere da, wo sich der Werkstoff Resopal unauffällig – das heißt monochrom – modernen Objekten und Räumen anpasst, erscheint er unauffällig und unspektakulär. Aber sobald Dekor im Spiel ist, bleibt Resopal als Synonym für Imitation umstritten – als ein Material, das als ein anderes erscheint – eben als das erscheint, was auf ihm abgebildet ist.

Die Auseinandersetzung über Echtheit, moderne Werkstoffe, Funktionalität und geschmackvolle Massenprodukte, die sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung der Moderne des 20. Jahrhunderts zieht, hatte auch direkte Auswirkungen auf die Gestaltung und Anwendung des Werkstoffs Resopal – entweder für oder gegen ihre Prinzipien.

Ziel der kulturhistorisch angelegten Ausstellung ist, mit ausgewählten Exponaten das Phänomen „Resopal“, das nunmehr seit 75 Jahren existiert, in seinen wichtigsten Entwicklungen auf dem Hintergrund von Architektur- und Designgeschichte des 20. Jahrhunderts darzustellen. Dabei spannt sich der Bogen von Werbegraphiken des renommierten Designers und Produktgestalters Jupp Ernst aus den dreißiger Jahren, über seine Schaffung einer Corporate Identity für die Herstellerfirma von Resopal zu Anfang der fünfziger Jahre, über die danach sprunghaft einsetzende weite Verbreitung des Materials in nahezu allen öffentlichen Bereichen (Verkehrsmittel, Läden, Gastronomie, Sportstätten, Hotels, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen) bis hin zu den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in allen Räumen einer Privatwohnung.

Neben anonymen Anwendern, die maßgeblich zum „schlechten“, aber heutzutage auch kultigen Image von Resopal beigetragen haben, spielen in der Ausstellung vor allem auch Gestalter und Architekten eine Rolle, die sich gerade in der Nachkriegszeit konsequent für einen distinguierten Gebrauch des Materials eingesetzt haben, wie zum Beispiel Jupp Ernst, Wolfgang Schmittel und Helmut Lortz sowie der Kalderoni-Chefarchitekt Rudolf Lübben. Beispiele der Gegenwart sind Projekte von Carola Schäfers Architekten, Architekten HildundK, Niemann Architekten, Claus een Kaan Architecten, H2S Architekten oder der Innenarchitektin Romana Olms. Diese Projekte werden in Photos dargestellt, denen Materialproben der eingesetzten Resopalqualität beigegeben sind.

Die sonstigen Exponate umfassen zeittypische, historische Photographien über die unterschiedlichen Anwendungen von Resopal, Werbematerialien aus verschiedenen Epochen und originelle Dekorentwürfe, ferner Pressgegenstände aus der Zeit vor und nach dem zweiten Weltkrieg sowie ausgewählte Beispiele von Möbeln der vierziger bis sechziger Jahre, die mit Resopalplatten belegt sind. Unter den Pressstoffgegenständen aus den dreißiger Jahren sind vor allem Geschirrteile aus Resopal des Bauhäuslers Christian Dell von besonderer Kostbarkeit.

Ein wichtiger, aber in Vergessenheit geratener Aspekt in der Geschichte von Resopal ist die Anwendung dieses Materials in der Kunst. Insbesondere in den fünfziger Jahren wurden zahlreiche öffentliche Räume mit Resopal-Wandschmuck ausgestattet. Die Ausstellung zeigt dazu originale Beispiele, u. a. eine „Collage unter Resopal“ von HAP Grieshaber aus einer Serie von Arbeiten, die der Künstler 1956 für die Universitätskinderklinik in Freiburg/Breisgau geschaffen hat. Fielen die meisten Resopalbilder dieser Zeit unter die Kategorie „Kunst am Bau“, haben seit den achtziger Jahren Künstler völlig autonom dieses Material für ihre Werke genutzt. Die Ausstellung zeigt dazu Arbeiten von Jupp Gauchel, Sarah Pelikan und Tom Stark.

Kunststoffe durchdringen schon seit Jahrzehnten unser Leben und unsere Gesellschaft derart, dass sie längst kulturgeschichtlich relevant geworden sind. Die Kunststoffoberfläche, für die Resopal als Gattungsbegriff steht und die seit dem Ende des zweiten Weltkriegs maßgeblich die Anmutung moderner Räume mitbestimmt, ist allerdings noch nie in ihrer Eigenart betrachtet worden. Diese Lücke möchte die Ausstellung schließen und aufzuzeigen, wie ein repräsentativer moderner Werkstoff, bei dem die Ästhetik der Oberfläche mittlerweile die größere Rolle als das Material selbst spielt, in unterschiedlichen Epochen eingesetzt wurde und somit jeweils eine besondere Facette der Zeitgeschichte spiegelt.

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildertes, deutsch/englisches Katalogbuch von 192 Seiten beim Jovis Verlag/ Berlin. Namhafte Autoren mit Schwerpunkt der Erforschung „kunststoffgeschichtlicher Kulturgüter“ wie Eva Brachert, Gerda Breuer und Günter Lattermann haben Beiträge dazu verfasst. Gert Selle beschreibt die soziokulturellen Implikationen des Phänomens Resopal und Ulrich Höhns geht der Auseinandersetzung mit der Oberfläche in der Architektur des 20. Jahrhunderts nach. Das Katalogbuch, das von Romana Schneider und Ingeborg Flagge herausgegeben wird, kostet 39,80 €.

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