Gästehaus im Spreewald
Ein Neubau anstelle eines baufälligen Pferdestalls ergänzt einen Vierseithof mit großem Nutzgarten im Spreewald, der der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte (auch zur Versorgung eines angeschlossenen Hotels in Berlin) und zugleich der Beherbergung dient.
Seit 2009 lockt das Michelberger Hotel in der Warschauer Straße 39/40 in Berlin-Friedrichshain Gäste aus aller Welt an, die inmitten des Szeneviertels zwischen Boxhagener Platz und Spree etwas Anspruchsvolleres suchen als die in dieser Gegend sonst übliche gewöhnliche Hostelatmosphäre (siehe db 07/2012, S. 42–47). Im Auftrag von Nadine und Tom Michelberger richtete seinerzeit Werner Aisslinger einen ehemaligen Gewerbehof sehr geschmackvoll als Hotel und Restaurant ein, später erweiterten GBP Architekten das Etablissement auf das 4. Obergeschoss sowie auf ein Untergeschoss des Hinterhauses. Da die Hotelbetreiber Gästen für einen längeren Aufenthalt etwas Besonderes bieten wollten, ließen sie sich zudem vom dänischen Architekten Sigurd Larsen ein passendes Konzept für sogenannte Hideouts maßschneidern.
Gästehaus statt Pferdestall
Neun Jahre nach der Hoteleröffnung suchten die Michelbergers nach einem geeigneten Ort für den Anbau der im Hotel/Restaurant verwendeten landwirtschaftlichen Produkte – und fanden ihn im Biosphärenreservat Spreewald, rund 100 km südöstlich der Warschauer Straße: einen baufälligen Vierseithof mit angrenzender landwirtschaftlich nutzbarer Fläche in Naundorf, das heute zur Kleinstadt Vetschau/Spreewald gehört. Das Wohnhaus und den sich südöstlich im rechten Winkel anschließenden Schweine- und Hühnerstall brachte ein örtlicher Handwerker baulich wieder auf Vordermann. Auf dem nordöstlich an den Vierseithof angrenzenden, rund 1,3 ha großen Grundstück wurde zunächst mithilfe von Pionierpflanzen ein großer Nutzgarten angelegt, der nach dem Vorbild von Ernst Götzschs Konzept der syntropischen Agrokultur einen Wald nachahmt und der zugleich zahlreichen Nutzpflanzen Schatten und »Nahrung« bieten soll: Die Biomasse der gehäckselten Baumkronen wird fortlaufend auf den Boden aufgebracht und schließlich zu Humus umgewandelt. Das Bild dieses »Nahrungswaldes« mit ausschließlich einheimischen Gehölzen – darunter Birke, Linde, Erle, Ahorn und Pappel –, die zunehmend von Obstbäumen verdrängt werden sollen, sowie mit Stauden, Sträuchern und Kräutern wird sich permanent wandeln. Damit längst nicht nur den hier arbeitenden Gärtnern täglich vor Augen führen, was für ein besonderer und abwechslungsreicher Ort auf der mittlerweile so genannten Michelberger Farm zu finden ist.
Denn dass der Vierseithof mit seinem außergewöhnlichen Nutzgarten über seinen ursprünglich beabsichtigten Zweck hinaus ein großes Potenzial auch für Beherbergungen, für Gastronomie und für besondere Events (wie Tagungen und Feiern) bietet, ist den Betreibern recht schnell klar geworden. Folgerichtig beauftragten Nadine und Tom Michelberger das in Berlin ansässige Büro Sigurd Larsen Design & Architecture, mit dem sie bei den Hideouts im Hotel bereits gute Erfahrungen gemacht hatten, mit der Planung eines Multifunktionsneubaus anstelle eines nicht erhaltenswerten Pferdestalls und mit der Umplanung des bisherigen Kuhstalls in eine Küche. Der Neubau, auf den Fundamenten und dem Ziegelboden des früheren Pferdestalls und ungefähr in dessen Abmessungen errichtet, bildet nun gewissermaßen das Scharnier zwischen dem Hof und dem Waldgarten; das weitgehend verglaste Erdgeschoss – der offene Gemeinschaftsraum – gewährt Ein- und Ausblicke entlang beider Längsseiten.
Mit Blick auf den »Nahrungswald«
Der Neubau wird durch seinen Materialdreiklang aus Glas, dunkel gebranntem Holz und roten Ziegeln geprägt – und durch sein gewaltiges Satteldach, unter dem sich eine an der Dachkonstruktion aufgehängte Galerie verbirgt. Auf der reihen sich acht knapp bemessene, an Mönchszellen erinnernde Hotelzimmer (»Cosy«), zwei kleine Gemeinschaftsbäder und ein »Loft« für 3–4 Personen mit eigenem Bad aneinander; in den Nischen zwischen je zwei an einem Korridor aufgereihten Zimmern fanden zudem jeweils ein Schreibtisch und ein Stuhl Platz. Die Zimmer sind auf das Nötigste beschränkt (Doppelbett und Bank) und über große Panoramafenster jeweils auf den angrenzenden Waldgarten ausgerichtet.
Auf der dem »Nahrungswald« zugewandten Nordostseite ergänzen sich die Panoramafenster zu einer gebäudebreiten Schleppgaube, die das hohe, mit roten Ziegeln gedeckte Satteldach teilt. Wie auch auf der südwestlichen, dem Hof zugewandten Seite wird das Dach von einem um 45° verdrehten Baukörper durchstoßen, einem Turm aus roten Ziegelsteinen, der als Treppenhaus und im Erdgeschoss zusätzlich als Kamin dient und von einer kleinen Aussichtsterrasse mit 360°-Blick bekrönt wird. Ebenso wie die Dachziegel verfügen die gemauerten Ziegel über individuelle Texturen und Farbnuancen, was dem Neubau ein lebendiges und zu den Bestandsbauten passendes Erscheinungsbild verleiht.
Ein zweiter, ebenfalls um 45° verdrehter, aber deutlich kleinerer Baukörper – ein Küchenblock aus Ziegelsteinen – und ein langer heller Holztisch prägen den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, der durch die angrenzenden Freiflächen noch ergänzt wird; Letztere sind mit langen Tischen möbliert, die aus Elementen des früheren Pferdestalls gefertigt wurden. Gemeinschaftlich genutzt werden können auch die Sauna mit Ruheraum, ein separater Yogaraum und eine Werkstatt im ehemaligen, weitgehend erneuerten Hühner- und Schweinestall, der künftig auch als Rezeption mit Verkaufsstand für die eigenen Farmerzeugnisse dienen soll. Im ehemaligen Wohnhaus wurden weitere Hotelzimmer (»Hideout«) und eine Wohnung für die Michelbergers eingerichtet.
Mit der Michelberger Farm ist so etwas wie ein Komplementär zum Michelberger Hotel entstanden, der eine ganz eigene Atmosphäre hat: Hier können stressgeplagte Stadtbewohner zur Ruhe kommen und einen Eindruck vom einfachen Landleben erhalten – und unmittelbar vor Ort dessen selbst erzeugte landwirtschaftliche Produkte genießen.