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Dächer und Dachgeschosse werden heute so intensiv genutzt wie selten zuvor – und dabei geht es längst nicht mehr nur um Aufstockungen oder klassische Dachausbauten. In unserer aktuellen db-Ausgabe stellen wir Projekte vor, bei denen das Dach weit mehr ist als nur der »Deckel« des Hauses. Vom massiven Satteldach bis hin zur filigranen Dachkonstruktion zeigen wir Ihnen, wie vielfältig Dächer sein können – als gestaltprägendes Element und als nutzbarer Raum.

Artikel

9. Januar 2026 Oliver G. Hamm
deutsche bauzeitung

Gästehaus im Spreewald

Ein Neubau anstelle eines baufälligen Pferdestalls ergänzt einen Vierseithof mit großem Nutzgarten im Spreewald, der der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte (auch zur Versorgung eines angeschlossenen Hotels in Berlin) und zugleich der Beherbergung dient.

Seit 2009 lockt das Michelberger Hotel in der Warschauer Straße 39/40 in Berlin-Friedrichshain Gäste aus aller Welt an, die inmitten des Szeneviertels zwischen Boxhagener Platz und Spree etwas Anspruchsvolleres suchen als die in dieser Gegend sonst übliche gewöhnliche Hostelatmosphäre (siehe db 07/2012, S. 42–47). Im Auftrag von Nadine und Tom Michelberger richtete seinerzeit Werner Aisslinger einen ehemaligen Gewerbehof sehr geschmackvoll als Hotel und Restaurant ein, später erweiterten GBP Architekten das Etablissement auf das 4. Obergeschoss sowie auf ein Untergeschoss des Hinterhauses. Da die Hotelbetreiber Gästen für einen längeren Aufenthalt etwas Besonderes bieten wollten, ließen sie sich zudem vom dänischen Architekten Sigurd Larsen ein passendes Konzept für sogenannte Hideouts maßschneidern.

Gästehaus statt Pferdestall

Neun Jahre nach der Hoteleröffnung suchten die Michelbergers nach einem geeigneten Ort für den Anbau der im Hotel/Restaurant verwendeten landwirtschaftlichen Produkte – und fanden ihn im Biosphärenreservat Spreewald, rund 100 km südöstlich der Warschauer Straße: einen baufälligen Vierseithof mit angrenzender landwirtschaftlich nutzbarer Fläche in Naundorf, das heute zur Kleinstadt Vetschau/Spreewald gehört. Das Wohnhaus und den sich südöstlich im rechten Winkel anschließenden Schweine- und Hühnerstall brachte ein örtlicher Handwerker baulich wieder auf Vordermann. Auf dem nordöstlich an den Vierseithof angrenzenden, rund 1,3 ha großen Grundstück wurde zunächst mithilfe von Pionierpflanzen ein großer Nutzgarten angelegt, der nach dem Vorbild von Ernst Götzschs Konzept der syntropischen Agrokultur einen Wald nachahmt und der zugleich zahlreichen Nutzpflanzen Schatten und »Nahrung« bieten soll: Die Biomasse der gehäckselten Baumkronen wird fortlaufend auf den Boden aufgebracht und schließlich zu Humus umgewandelt. Das Bild dieses »Nahrungswaldes« mit ausschließlich einheimischen Gehölzen – darunter Birke, Linde, Erle, Ahorn und Pappel –, die zunehmend von Obstbäumen verdrängt werden sollen, sowie mit Stauden, Sträuchern und Kräutern wird sich permanent wandeln. Damit längst nicht nur den hier arbeitenden Gärtnern täglich vor Augen führen, was für ein besonderer und abwechslungsreicher Ort auf der mittlerweile so genannten Michelberger Farm zu finden ist.

Denn dass der Vierseithof mit seinem außergewöhnlichen Nutzgarten über seinen ursprünglich beabsichtigten Zweck hinaus ein großes Potenzial auch für Beherbergungen, für Gastronomie und für besondere Events (wie Tagungen und Feiern) bietet, ist den Betreibern recht schnell klar geworden. Folgerichtig beauftragten Nadine und Tom Michelberger das in Berlin ansässige Büro Sigurd Larsen Design & Architecture, mit dem sie bei den Hideouts im Hotel bereits gute Erfahrungen gemacht hatten, mit der Planung eines Multifunktionsneubaus anstelle eines nicht erhaltenswerten Pferdestalls und mit der Umplanung des bisherigen Kuhstalls in eine Küche. Der Neubau, auf den Fundamenten und dem Ziegelboden des früheren Pferdestalls und ungefähr in dessen Abmessungen errichtet, bildet nun gewissermaßen das Scharnier zwischen dem Hof und dem Waldgarten; das weitgehend verglaste Erdgeschoss – der offene Gemeinschaftsraum – gewährt Ein- und Ausblicke entlang beider Längsseiten.

Mit Blick auf den »Nahrungswald«

Der Neubau wird durch seinen Materialdreiklang aus Glas, dunkel gebranntem Holz und roten Ziegeln geprägt – und durch sein gewaltiges Satteldach, unter dem sich eine an der Dachkonstruktion aufgehängte Galerie verbirgt. Auf der reihen sich acht knapp bemessene, an Mönchszellen erinnernde Hotelzimmer (»Cosy«), zwei kleine Gemeinschaftsbäder und ein »Loft« für 3–4 Personen mit eigenem Bad aneinander; in den Nischen zwischen je zwei an einem Korridor aufgereihten Zimmern fanden zudem jeweils ein Schreibtisch und ein Stuhl Platz. Die Zimmer sind auf das Nötigste beschränkt (Doppelbett und Bank) und über große Panoramafenster jeweils auf den angrenzenden Waldgarten ausgerichtet.

Auf der dem »Nahrungswald« zugewandten Nordostseite ergänzen sich die Panoramafenster zu einer gebäudebreiten Schleppgaube, die das hohe, mit roten Ziegeln gedeckte Satteldach teilt. Wie auch auf der südwestlichen, dem Hof zugewandten Seite wird das Dach von einem um 45° verdrehten Baukörper durchstoßen, einem Turm aus roten Ziegelsteinen, der als Treppenhaus und im Erdgeschoss zusätzlich als Kamin dient und von einer kleinen Aussichtsterrasse mit 360°-Blick bekrönt wird. Ebenso wie die Dachziegel verfügen die gemauerten Ziegel über individuelle Texturen und Farbnuancen, was dem Neubau ein lebendiges und zu den Bestandsbauten passendes Erscheinungsbild verleiht.

Ein zweiter, ebenfalls um 45° verdrehter, aber deutlich kleinerer Baukörper – ein Küchenblock aus Ziegelsteinen – und ein langer heller Holztisch prägen den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, der durch die angrenzenden Freiflächen noch ergänzt wird; Letztere sind mit langen Tischen möbliert, die aus Elementen des früheren Pferdestalls gefertigt wurden. Gemeinschaftlich genutzt werden können auch die Sauna mit Ruheraum, ein separater Yogaraum und eine Werkstatt im ehemaligen, weitgehend erneuerten Hühner- und Schweinestall, der künftig auch als Rezeption mit Verkaufsstand für die eigenen Farmerzeugnisse dienen soll. Im ehemaligen Wohnhaus wurden weitere Hotelzimmer (»Hideout«) und eine Wohnung für die Michelbergers eingerichtet.

Mit der Michelberger Farm ist so etwas wie ein Komplementär zum Michelberger Hotel entstanden, der eine ganz eigene Atmosphäre hat: Hier können stressgeplagte Stadtbewohner zur Ruhe kommen und einen Eindruck vom einfachen Landleben erhalten – und unmittelbar vor Ort dessen selbst erzeugte landwirtschaftliche Produkte genießen.

21. Januar 2026 Nele Rickmann
deutsche bauzeitung

»Haus für Vieles« bei Zürich

Gibt es ein Haus, das Wohn- und Gemeindeort zugleich sein kann? In Wernetshausen bei Zürich schufen die jungen Schweizer Architekten Comte/Meuwly ein Gebäude, das privaten wie auch halböffentlichen Zwecken dient. Mit dem »House for Almost Everything« bleiben sie ihrer Haltung treu, mit konstruktiver Finesse eine adaptive Architektur für die Zukunft zu entwickeln.

Im Spätherbst liegt im Zürcher Oberland Frost auf den Feldern; in der Ferne sind die Bergketten südlich des Zürichsees bereits mit Schnee bedeckt. Von der Stadt Zürich aus braucht man etwas mehr als eine halbe Stunde, um nach Wernetshausen zu gelangen. Das Dorf zählt circa 800 Einwohner und liegt im Osten des Kantons, am Westhang des Bachtels – mit 1 115 m. ü. M. eine der höchsten Erhebungen der Region. Von Wernetshausen aus richtet sich der Blick nach Zürich, nach Westen, und in Richtung des Sonnenuntergangs, der an diesem kalten Abend besonders klar zu sehen ist. Der Ausblick vom »House for Almost Everything« über die Region ist nahezu ungehindert, denn das Gebäude steht am östlichen Ende einer weiten Streuobstwiese.

Walter Bachmann ist Bauherr und Bewohner des Hauses; ihm gehört das Grundstück, auf dem seine Familie früher Landwirtschaft betrieb. Er selbst lebte unter anderem in Zürich, bevor er sich entschied, im Alter wieder nach Wernetshausen zurückzukehren. Sein Motto, das er an diesem Abend mehrfach erwähnt, ist Anpassungsfähigkeit – und auf sich selbst bezogen: für (fast) alles zu haben! Auf die beiden jungen, aus der Romandie stammenden und inzwischen in Zürich arbeitenden Architekten Adrien Comte und Adrien Meuwly wurde Bachmann durch eine Nachbarin aufmerksam, die bei einer Schweizer Architekturzeitschrift arbeitet. Ihm war von Anfang an klar: Für seine besondere Idee wollte er junge Planende beauftragen. Die Bauaufgabe: ein Haus, das zugleich privater Wohnraum und Begegnungsort für die Gemeinde sein soll. Mittlerweile verfügt das »Haus für Vieles« sogar über eine eigene Internetseite, auf der Walter Bachmann gemeinsam mit anderen ein vielseitiges Programm anbietet – von Kochabenden über Lesungen bis hin zu Konzerten und Ausstellungen.

Konstruktives Feingefühl

Die vom Bauherrn geforderten vielseitigen Anforderungen übersetzten Comte/Meuwly in eine Architektur, die zwar nicht groß ist, dafür aber viel kann. Der lang gestreckte Baukörper besitzt eine konkav-rechteckige Grundrissform von gerade einmal 125 m². In der zur Dorfstraße nach Osten orientierten Gebäudehälfte befinden sich das Entree, Nebenräume wie Abstellraum und Gäste-WC sowie das private Schlafzimmer mit angrenzendem Bad. Zur Obstwiese im Westen öffnet sich ein großer Hauptraum, der Walter Bachmanns Wohnküche und gleichzeitig Veranstaltungsraum für die Gemeinde ist. Über das mittig gelegene Entree betritt man unmittelbar diesen Raum, dessen südliche und westliche Fassaden vollständig verglast sind. Hohe Vorhänge zur Verschattung und zum Sichtschutz laufen in vorinstallierten Deckenschienen, die gleichermaßen als Hängevorrichtung für Kunst im Rahmen einer Ausstellung dienen können.

Eine Terrasse, die sich über die gesamte Länge des Hauses erstreckt, kann als zusätzlicher Raum verstanden werden. Als Erweiterung der betonierten Bodenplatte scheint sie ein paar Zentimeter über dem Gelände zu schweben. Bei gutem Wetter lassen sich auf der Terrasse Tätigkeiten ins Freie verlagern. Durch die hohen Faltschiebetüren an den verglasten Seiten geht der Übergang von innen nach außen fließend ineinander über – eine Eigenschaft, welche die Architektur von Comte/Meuwly charakterisiert, wie unter anderem auch ihr Filter House in Genf (2022). Leichte Fassaden treffen auf ausgeklügelte Details, die vom konstruktiven Scharfsinn der Architekten zeugen.

Dann drückt Walter Bachmann einen Knopf, und das Haus beginnt zu brummen. Er möchte vorführen, wie sich das lange Vordach über der Westterrasse absenkt. Per Knopfdruck setzt sich die Hydraulik in Bewegung. In der dunklen Jahreszeit lässt er das Vordach meist oben, erzählt er. Gerade jetzt, wenn die Sonne untergeht, kann man den Himmel sonst kaum sehen. Ist das Vordach in seiner oberen Position, bildet es mit dem aluminiumgedeckten Hauptdach eine plane Fläche. Um etwas mehr als 45° wird es durch die Kraft von vier Hydraulikzylindern nach unten bewegt, bis die Zylinder vollständig eingefahren sind. Für einige Minuten fühlt man sich wie in einer Maschine. Ein Gefühl, das vor allem durch die brummende Geräuschkulisse hervorgerufen wird und zur Architektur mit ihrer nüchternen Materialität aus Aluminium, Glas und sichtbarer Technik passt.

Adaptiver Re-use

Der Kraftkörper beziehungsweise Technikraum befindet sich allerdings nicht im Haus selbst, sondern wurde aus Platzgründen ausgelagert. Rund 10 m südöstlich des »House for Almost Everything« steht der »Schopf«, ein Überbleibsel aus der Zeit, als das Grundstück noch landwirtschaftlich genutzt wurde. Der einfache Holzständerbau mit ungedämmter Bretterfassade sollte ursprünglich abgerissen werden. Doch Comte/Meuwly hatten eine andere Idee: Mit einer neu eingezogenen Zwischenebene machten sie das Gebäude von geringer Grundfläche nicht nur vielseitiger nutzbar, sondern auch standfest. Die neue Ebene aus feuerverzinktem Stahlrost übernimmt aussteifende und stabilisierende Funktionen.

Im Erdgeschoss wurde ein Drittel der Fläche für die Haustechnik vorgesehen; hinter transluzenten Paneelen befindet sich nun alles, was unter anderem für den Betrieb der Hydraulik und die weitere Energieversorgung erforderlich ist. Eine Zugtreppe führt auf die Zwischenebene, die derzeit als Lager dient. Oben angelangt steht man in einem Raum fast ohne Decke, denn das Dach besteht aus lichtdurchlässigen Photovoltaik-Modulen. Diese sogenannten Glas-Glas-Module bieten gegenüber konventionellen, rückseitig folierten PV-Elementen Vorteile: höhere Formstabilität, längere Lebensdauer, besseren Feuchtigkeitsschutz und eine einfachere Wiederverwertung. Die regelmäßig gereihten schwarzen Quadrate ergeben ein Raster und fassen den Raum in ein einzigartiges Licht- und Schattenspiel. Der Strom, der hier erzeugt wird, kann bisher noch nicht gespeichert werden, sondern wird von Walter Bachmann direkt verbraucht oder in das angeschlossene Stromnetz eingespeist.

Wandlungsfähige Räume

Im »Schopf« wird jedoch nicht nur Technik untergebracht und gelagert. Zuletzt fanden dort eine Wanderausstellung und Workshops rund um das Thema Lehmbau statt. Die Architektur von Comte/Meuwly hingegen verkörpert Nachhaltigkeit auf anderen Ebenen. Ihr Ziel ist eine Architektur, die Bestand hat – materiell wie funktional. Hochwertige Materialien wie Stahl und Glas werden aufgrund ihrer Eigenschaften und Langlebigkeit gezielt eingesetzt und qualitativ verbaut. Nichts wird dem Zufall überlassen; jedes Detail ist sorgfältig geplant. Alles ist darauf ausgelegt, eine Architektur zu entwerfen, die, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine lange Lebensdauer geschaffen ist. Qualitative Materialien unterstützen diese Haltung ebenso wie flexible Grundrissstrukturen. Das Wohnhaus von Walter Bachmann ist jetzt schon mehr, als seine eigentliche Funktion verlangt – und kann in Zukunft wiederum neu und anders genutzt werden. Mit konstruktiver und technischer Finesse erschaffen die Architekten eine Architektur, die sich wandeln darf – und gerade dadurch Relevanz und Bestand hat.