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Wenn die Ziegel bröckeln
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Eine Kirche, die bald nach ihrer Einweihung, 1898, zu zerfallen begann. Und die bis heute vor sich hin bröselt: die Pfarrkirche zum heiligen Laurentius in Wien-Breitensee. Eine Sanierung ist überfällig, Eile geboten.

1. November 2008 - Judith Eiblmayr
Vor ziemlich genau 110 Jahren, am 12. November 1898, wurde die Wiener Secession eröffnet. In der Gestalt des Ausstellungsgebäudes von Joseph Maria Olbrich, das auch der Sitz jener avantgardistischen Gruppe um Gustav Klimt war, die sich vom Künstlerhaus abgespaltet hatte, manifestierte sich die moderne Haltung der „Jungen“. Sie lehnten den Historismus ab, und der Bau vermittelte glaubwürdig die Suche nach dem Neuen, dem Jugendstil.

Zeitgleich, am 8. Oktober 1898, wurde in Wien Breitensee – heute im 14. Bezirk – im Beisein von Kaiser Franz Josef die katholische Pfarrkirche zum heiligen Laurentius geweiht. Es war dies eine von 25 Kirchen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den neuen Arbeiterquartieren von Wien in Ziegelbauweise errichtet wurden. Die Backsteinkirchen galten als Standardtypus des historistischen Wien, von Floridsdorf bis Favoriten wurden sie, vorwiegend im Stil der Neogotik gehalten, den neuen Stadtteilen implantiert.

Während sich also die „jungen Wilden“ in der Stadt gegenüber dem Konservativismus des Habsburger Reiches abzugrenzen begannen und die Moderne proklamierten, wurde über die Vororte in bewährter gründerzeitlicher Manier ein Raster gelegt, um möglichst effizient und gewinnbringend Wohnbauten zu errichten. Die Wiener Ziegelindustrie florierte, und Arbeitskräfte, die die Ziegel im Verband verlegten, waren billig zu haben, daher war es logisch, dass man nicht nur beim Bau der „Zinskasernen“ auf diese Bauart setzte. Auch die Kirchen mit kathedralähnlichen Dimensionen konnten in kürzester Zeit errichtet werden, schließlich wusste das christlich-soziale Wien unter Karl Lueger genau, was es seinen vorwiegend katholischen Zuwanderern aus den Kronländern, die die Industrialisierung in Wien erst möglich gemacht hatten,vordergründig schuldig war, um Identifikation mit der neuen Heimat herzustellen. Das Plädoyer für die „Moderne im Kirchenbau“, das Otto Wagner ebenfalls 1898 in einer Studie formulierte, wurde (noch) nicht erhört – die Kirche am Steinhof wurde erst 1907 fertig gestellt –, und so gerieten die neogotischen Kirchtürme zu spitz herausragenden Markierungspunkten in der neu geformten Dachlandschaft der Wiener Außenbezirke.

„Es bedarf wohl auch keines besonderen Hinweises, dass nicht nur religiöse, sondern auch sozial-politische Erwägungen die Errichtung der Kirche in Breitensee notwendig erscheinen lassen“, stand im ersten Ansuchen des Kirchenbauvereins von 1894 an die Statthalterei. Der Wiener Vorort Breitensee hatte zwischen 1835 und 1890, der Zeit der Eingemeindung, eine wahre Bevölkerungsexplosion erfahren. Nicht nur, dass die vorhandene barocke Kapelle für den Andrang an Gläubigen bald zu klein wurde, der Zuzug schaffte soziale Probleme, mit denen die vormals kleinen bürgerlichen Dorfgemeinden seitens der neu entstandenen Weltstadt allein gelassen wurden. Im Zeitalter noch fehlender sozialer Maßnahmen der öffentlichen Hand hing es vom Engagement der Ortsansässigen ab, den sozialen Nöten des Industrieproletariats beizukommen. Man organisierte private Fürsorge über Wohltätigkeitsvereine, wobei den kirchennahen Einrichtungen eine wesentliche Rolle zufiel. Im Falle von Breitensee wurde bereits im Jahr 1882 der „Verein der Kinderfreunde“ gegründet, um die Betreuung der nicht schulpflichtigen Kinder zu organisieren. Diesist insofern erwähnenswert, als diese Implementierung eines sozialen Zentrums der Errichtung des identitätsstiftenden Gebäudes, nämlich der Kirche, voranging.

Nachdem ein erster Entwurf vom Architekten Gustav Matthies eher modern angelegt gewesen sein dürfte – es wird erwähnt, dass er dieMittelpfeiler der Hallenkirche in Gussbeton herstellen wollte – und von den Behörden abgelehntworden war, kam der „Lokalmatador“ Ludwig Zatzka zum Zug, Architekt, Stadtbaumeister und Gemeinderat aus Breitensee. Zatzka saß ab 1895 für die christlichsoziale Partei im Wiener Gemeinderat, just jenem Jahr, in dem er den Zuschlag für Planung und Errichtung der Kirche in Breitensee erhielt. 1898 wurde er Stadtrat für Bauangelegenheiten und krönte sein Lebenswerk mit der Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche am Zentralfriedhof, die er nach einemEntwurf von Max Hegele baulich umsetzte.

Obwohl die Finanzierung des Neubaus in keiner Weise gesichert war, setzten sich Ludwig Zatzka und seine Familie vehement für die Errichtung der Kirche ein. Zatzkas Eltern spendeten den Glockenstuhl und die Glocken, sein Bruder, der Maler Hans Zatzka, entwarf die Glasmalereien im Chor, und der Baumeister selbst spendete Baumaterial. In nur zwei Jahren wurde die Kirche mit ihrem 62 Meter hohen Turm errichtet, aber kaum, dass die Darlehen abbezahlt waren, traten 1929 die ersten Mängel am Gebäude auf, die man in der Pfarrchronik „mit den Worten bitterster Entrüstung“ auf das „schlechte, weiche Steinmaterial“ schob. Unter anderem dürfte sich die Sachspende vom Architekten als Danaer-Geschenk erwiesen haben, denn das Problem, das mit schweren Steinbrocken begann, die „mit unglaublicher Regelmäßigkeit auf den Gehsteig herabfielen“, ist bis zum heutigen Tag nicht gelöst.

Die Qualität der Ziegel und des Mörtels war originär so schlecht, dass die Fassade im Laufe der Zeit weiter zu bröckeln begann, bis Ende 2004 wegen Gefahr im Verzug sogar der Turmhelm mit dem Kreuz abgetragen werden musste. Seither sind der gestutzte Kirchturm und die den Eingang flankierenden Kapellen eingerüstet, was dem Bauwerk zwar auf Distanz eine akkurate, modernistische Extravaganz verleiht, dem Gotteshaus jedoch die feierliche Würde nimmt. Die Erzdiözese als für die Erhaltung der Kirche Verantwortliche hat mehrere Gutachten erstellen lassen, ein schlüssiges Lösungskonzept gibt es allerdings noch nicht. Zu vielfältig sind die Mängel, darüber hinaus sind die Kosten für eine Sanierung seriös nicht bezifferbar. Der historische Ortskern von Breitensee rund um den Laurentiusplatz, der mit Kirche, Volksschule und Pfarrheim mit Kindergarten – und nicht zu vergessen: den Breitenseer Lichtspielen, einem der ältesten Kinos der Welt – nach wie vor als soziales Zentrum funktioniert, steht als Ensemble unter Denkmalschutz, denn schützenswert ist auch das Stück Stadtgeschichte, das an diesem Ort erzählt wird. Aber welchem Sponsor ist das etwas wert, denn mit Spenden aus dem Klingelbeutel wird es wohl nicht getan sein. Es muss rasch gehandelt werden, sei es im Sinne einer Schadensbegrenzung oder einer Form der „Moderne im Kirchenbau“.

Um an den Anfang und zu den Avantgardisten zurückzukehren: Beide Seiteneingänge der Breitenseer Kirche werden von einem Mosaik nach einem Entwurf von Alfred Roller geschmückt. Roller war Gründungsmitglied der Wiener Secession. Könnte Synthese von alt und jung ein Lösungsansatz sein, wo man sich neuer Technologien bedient, um die alten Gemäuer zu retten?

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