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    Zwischen den Welten
    deutsche bauzeitung

    Zwischen den Welten

    Multifunktionelles Zentrum »Fusion« in Amsterdam (NL)

    Der breit gelagerte Bau beherbergt neben den Räumlichkeiten für zwei unterschiedliche islamische Gemeinden auch ein städtisches Fortbildungs-, Beratungs- und Sozialzentrum. Die handwerklich vermauerte Backsteinfassade bindet das öffentliche Gebäude unauffällig in die Umgebung ein und schafft durch die gelungene Verbindung aus klassischer Moderne und islamischer Ornamentik für die Nutzer die Möglichkeit der Identifikation.

    09. Februar 2010 - Robert Uhde

    Der im Südosten von Amsterdam gelegene Stadtteil Transvaal zählt architektonisch und städtebaulich zu den interessantesten Vierteln der niederländischen Hauptstadt. Das hoch verdichtete Quartier wurde seit den 20er Jahren nach städtebaulichen Plänen von Hendrik Pieter Berlage angelegt, dem Altmeister und Mitbegründer der niederländischen Moderne. Mit seinen plastisch-skulptural gestalteten Backsteinbauten bietet es ein Musterbeispiel der sogenannten Amsterdamse School, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts das Gesicht der Grachtenstadt entscheidend geprägt hat. Lange Zeit wurde das Viertel überwiegend von Angehörigen der niederländischen Mittelschicht bewohnt, doch die ursprünglichen Mieter drängte es seit den 70er Jahren immer stärker in moderne Wohnviertel an den Stadtrand. Heute haben von den rund 10 000 Bewohnern des Quartiers mehr als 50 % einen »nicht-westlichen Migrationshintergrund« – die meisten von ihnen stammen aus Marokko oder aus der Türkei.

    Verschärft durch fehlende Freiflächen und einen dringend sanierungsbedürftigen Gebäudebestand mit häufig zu kleinen Wohnungen hat sich Transvaal seitdem immer mehr zu einem Problemviertel entwickelt. Bereits seit den 80er Jahren wurden unterschiedliche Maßnahmen beschlossen, um die Lebensqualität und die Integration vor Ort zu verbessern. Einen wichtigen Beitrag dazu liefert inzwischen das Multikulturelle Zentrum in der Joubertstraat. Der flexibel nutzbare Neubau beherbergt auf einer Nutzfläche von rund 1 600 m² Büroflächen, Unterrichtsräume und drei unterschiedlich große Gebetsräume für die marokkanisch-islamische sowie für die türkisch-islamische Gemeinde des Viertels. Entsprechend der Auflagen des Fonds für Regionale Entwicklung (D2-Programm) der EU, durch den das Projekt zu rund 30 % finanziert wurde, integriert der Neubau außerdem ein städtisches Fortbildungs-, Beratungs- und Sozialzentrum.

    Hybride Baukultur

    Die Entstehungsgeschichte der Doppelmoschee geht zurück auf einen Beschluss des Stadtteilrates aus dem Jahr 2000. Damals war das Projekt noch als Umbau einer vormals auf dem Grundstück stehenden Schule geplant. Nach eingehender Analyse ihrer Bausubstanz entschied man sich jedoch schon frühzeitig für einen Neubau. Ende 2005 konnte dann ein Architekturwettbewerb durchgeführt werden, den Marlies Rohmer gewann: »Es ist schon ziemlich ungewöhnlich, Türken, Marokkaner und Niederländer an einem gemeinsamen Ort unter einem Dach zusammenzubringen«, beschreibt die Architektin den Ausgangspunkt ihrer Planung. »Wir haben das Projekt daher als ›Fusion‹ betrachtet, als Zeichen einer ›hybriden Baukultur‹, die nach Synergien und nach einer neuen Ikonografie sucht, die das Gemeinsame und Verbindende betont, ohne dabei die eigene Identität der unterschiedlichen Parteien außer Acht zu lassen.«

    Ähnlich integrativ wie das Nutzungskonzept präsentiert sich nun auch die Architektur des Neubaus. Die Errichtung eines Gebetshauses mit Kuppel und Minarett, wie er gegenwärtig so heftig diskutiert wird, spielte dabei von Anfang an keine Rolle. Stattdessen entwickelte Marlies Rohmer einen viergeschossigen, als Stahlträgerkonstruktion ausgeführten Flachdachbau mit einer langgestreckten, sich an der Traufhöhe der angrenzenden Bauten orientierenden Schaufassade aus roten Klinkern. Die frei von tragenden Funktionen errichtete Backsteinhülle fügt den Neubau auf den ersten Blick nahtlos in die umgebende Bebauung ein. Aus der Nähe betrachtet zeigt sich jedoch, dass die Planerin neben Mauerwerkstechniken und stilistischen Details aus dem Repertoire der Amsterdamse School auch islamisch anmutende Elemente in die Fassade übernommen hat. Das materialbetonte Zusammenspiel der unterschiedlichen Einflüsse schafft eine reizvolle Synthese, die sinnfällig die multikulturelle Nutzung des Gebäudes thematisiert.

    Ein wichtiges Resultat dieser angestrebten »Fusion« ist die Gestaltung der Erschließungssituation im Gebäude: Zwar haben die Gebetsräume der marokkanischen und türkischen Gemeinde jeweils einen eigenen Zugang erhalten, beide sind aber einem deutlich größeren, von beiden Gemeinden genutzten Haupteingang untergeordnet, der als doppelgeschossige Glasfuge mittig in die Klinkerfassade geschnitten wurde. Weiteren Raum zur wechselseitigen Begegnung der unterschiedlichen Nutzer bieten die Eingangshalle, das gemeinsam genutzte Treppenhaus, die große Freifläche im Innenhof sowie der im 2. OG gelegene Kursraum, der durch das breite Panoramafenster hindurch einen freien Ausblick auf den gegenüber liegenden Sportplatz bietet.

    Architektonisch aber geht mit dem Betreten des Innenbereichs ein auffälliger stilistischer Bruch einher. Entsprechend der gestalterischen Wünsche der beiden Gemeinden trifft der Blick, überraschend, auf eine wuchtige Treppenverkleidung aus Holz sowie auf Bodenfliesen und gestalterisch von arabischen Schriftzeichen inspirierte Wanddekore in Blau und Weiß. Linkerhand vom Eingangsflur schließt sich der Gebetsraum für die männlichen Mitglieder der türkischen Gemeinde an, rechterhand liegt der Gebetsraum für die männlichen Mitglieder der marokkanischen Gemeinde. Beide Räume wurden jeweils doppelgeschossig, vielfach in Eigenleistung, mit reich verzierten Wänden und Böden in arabischer Ornamentik gestaltet. In den darüber liegenden Ebenen schließen sich ein kleinerer Gebetsraum für die Frauen sowie die verschiedenen Büros und Unterrichtsräume an.

    Filigrane Detaillierung

    Da die Gestaltung des Innenbereichs hauptsächlich in der Verantwortung der beiden Gemeinden lag, stand für die Architekten insbesondere die Detaillierung der Schaufassade im Mittelpunkt. Bei der »hybriden Verschmelzung«, wie Marlies Rohmer sie nennt, schienen die unterschiedlichen Stilelemente – arabische und jene der Amsterdamse School – zunächst weit voneinander entfernt zu sein, bei näherer Betrachtung ergaben sich jedoch einige Gemeinsamkeiten, vor allem, was die Plastizität und die Ornamentik betrifft. Es entstand eine rhythmisch abwechslungsreiche, durch verschieden große Fenster strukturierte Collage aus unterschiedlichen Mauerwerksverbänden, die ebenso gut als Synthese unterschiedlicher Kulturen wie als spielerische Erweiterung des strengen Formenkanons der niederländischen Moderne lesbar ist.

    Aus der Distanz betrachtet wirkt die Fassade aufgrund ihrer homogenen, auf den Ort bezogenen Materialität zunächst eher unauffällig und zurückhaltend, wie eine zweidimensionale »Backsteintapete«. Beim Näherkommen wandelt sich der Eindruck. Die Front erscheint zunehmend vielschichtiger, filigraner und verspielter, ohne dabei aber ihre klare Struktur zu verlieren und überladen oder gar chaotisch zu wirken. Mehr und mehr werden unterschiedliche gestalterische Details sichtbar, so etwa der durchgehende Sockelbereich aus blutrot glasierten Steinen, die in vier Reihen vertikal übereinander im Parallelverband gemauert wurden. Die beiden außen liegenden Bereiche der Fassade wurden demgegenüber als geometrisches Backsteinrelief mit quadratischen Feldern aus teils vertikal, teils horizontal gemauerten Steinen gestaltet, die sich in bewegtem Rhythmus jeweils um ein kleines quadratisches Fenster im Zentrum des Feldes anordnen. Zusätzliche Dynamik erhalten die an sakrale Rosetten erinnernden und handwerklich hochwertig ausgeführten Felder durch die Ausstrahlung des durchgängig verwendeten, mit tief zurückliegenden dunklen Fugen gemauerten dänischen Handform-Verblenders in unterschiedlichen Formaten. Die vielfältigen Farbnuancen des Steins von Hellgelb über Orange und Dunkelrot bis hin zu Grau und Schwarz lassen dabei in ihrer vibrierenden Wirkung auf den ersten Blick an farbige arabische Mosaiken denken.

    Eine ähnliche Anmutung zeigt die Fassade im Bereich des 3. OG, allerdings wurden hier etwas größere Fenster integriert. Im 2. OG schafft das rund 20 m breite, aus fünf Elementen zusammengesetzte Panoramafenster einen markanten Materialkontrast zur übrigen Fassade. Im Bereich des Haupteingangs wurde die Front dagegen als halbtransparente Hülle mit regelmäßigen Aussparungen gestaltet, um den Neubau so zur Stadt zu öffnen und den offenen Charakter des Hauses zu betonen. Besonders reizvolle Perspektiven ergeben sich dabei während der Dunkelheit, wenn der halbdurchlässige Vorhang Einblicke in die dahinter liegenden Büros und Gebetsräume ermöglicht, ohne dabei aber sofort preiszugeben, was sich dort abspielt. Als gelungene architektonische Metapher für eine selbstbewusste Religion und Kultur, die sich öffnet, ohne sich dabei zu verleugnen.

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    Für den Beitrag verantwortlich: deutsche bauzeitung

    AnsprechpartnerIn für diese Seite: Ulrike Kunkelulrike.kunkel[at]konradin.de