Emirat auf Einkaufstour
Vom Kaufhaus Harrods über ein Schweizer Luxushotel bis zu einem Palais in Wien: Katar hat in den letzten Jahren in großem Maßstab Architektur gekauft. Geht es nur um sicheres Investment, oder stecken politische Interessen dahinter?
Ein Schokoladenosterei für 750 Pfund, ein Maniküreset mit Diamanten für 60.000 Pfund oder rubinbesetzte Pumps für zwei Millionen Pfund. Wer im Londoner Kaufhaus Harrods sehr, sehr viel Geld ausgeben will und kann, steht vor keinem allzu großen Hindernis. Doch das teuerste je über den Ladentisch gegangene Objekt dieser britischen Institution ist das Gebäude selbst. Im Jahr 2010 verkaufte es Mohamed Al-Fayed für 1,5 Milliarden Pfund an den Staat Katar.
Es ist nicht das einzige Stück Londoner Architektur, das in den letzten Jahren im Einkaufswagen des kleinen Golfstaats landete. An Renzo Pianos scharfkantiger 310 Meter hoher Glaspyramide The Shard, nach der Eröffnung 2012 für ein paar Monate der höchste Wolkenkratzer Europas, hält Katar 95 Prozent. Drei Jahre später erwarb man im Konsortium mit der Investmentfirma Brookfield das Büroquartier Canary Wharf, dessen Hochhaus-Skyline in den 1990er-Jahren London in eine neue Ära katapultierte und den Triumph des Thatcher-Neoliberalismus symbolisierte, komplett für 2,6 Milliarden Pfund. Das Nobelquartier Mayfair nahe dem Hyde Park, in dem Katars Herrscherfamilie einige Luxushotels und Privatresidenzen besitzt, trägt den Spitznamen „Little Doha“. Heute besitzt Katar, mit knapp über drei Millionen Einwohnern nicht einmal halb so groß wie London, an der Themse mehr Immobilien als die britische Königsfamilie.
Trophy-Assets
Eine Recherche der britischen Zeitung Observer von 2022 fand mehr als 4000 Grundbucheinträge im ganzen Land, die sich nach Katar zurückverfolgen ließen, von „Trophy-Assets“ wie Harrods bis zum banalen Gewerbegebiet in einer Kleinstadt, von Mietwohnungen im ehemaligen Olympischen Dorf bis zu einem 20-Prozent-Anteil am Flughafen Heathrow. Die Gesamtsumme auf dem Kassenzettel: rund zehn Milliarden Pfund. Zentral gesteuert wird das Immobilien-Shopping von der 2005 gegründeten Qatar Investment Authority (QIA), die direkt der Herrscherfamilie des Emirats untersteht.
Warum ausgerechnet London? „Dafür gibt es unterschiedliche Gründe“, sagt David Roberts, Dozent für Internationale Sicherheit und Middle East Studies am King’s College London, zum ΔTANDARD. „Ich denke, am Anfang war es die simple Logik: Wir haben sehr viel Geld aus der Ölproduktion, London ist sicher, und Immobilien werden dort nie an Wert verlieren. Seither hat sich diese Strategie professionalisiert und diversifiziert.“
Zwar ist das Vereinigte Königreich bis heute beliebter Geld-Parkplatz der QIA, doch zum Portfolio zählen auch das Businessquartier Porta Nuova in Mailand oder Luxushotels in New York, San Francisco, Barcelona und Paris, wo man nebenbei immer noch genügend Geld im Börserl übrig hatte, um sich 2011 über das zur QIA gehörende Qatar Sports Investments (QSI) den Fußballklub Paris Saint-Germain einzuverleiben.
Hard, soft, sharp
In Wien-Alsergrund erwarb Katar 2016 für kolportierte 30 Millionen Euro von Frankreich das klassizistische Palais Clam-Gallas, um dort die eigene Botschaft (unweit der amerikanischen) einzurichten. Dann passierte jahrelang nichts. Das Bundesdenkmalamt genehmigte 2021 Veränderungen am Gebäude, inzwischen wurde mit der Renovierung begonnen, die dieses Jahr abgeschlossen sein sollte. Ob der zum Palais gehörende Park, wie von Bezirksvorsteherin Saya Ahmad (SPÖ) gewünscht, wieder öffentlich zugänglich wird, ist noch offen.
Der Staatsfonds QIA ist nicht der einzige aus der Golfregion, der weltweit aktiv ist. Er ist einer der sogenannten Oil Five, neben dem saudischen Public Investment Fund (PIF) und den drei emiratischen Fonds Abu Dhabi Investment Authority (ADIA), Mubadala und ADQ. Sie alle haben die Aufgabe, Öleinnahmen in Investitionskapital umzuwandeln und das außenpolitische Handlungsspektrum zu erweitern.
Stephan Roll, Senior Fellow der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten an der Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin, unterscheidet in seiner 2025 publizierten Studie „Wie Saudi-Arabien, die VAE und Katar in ihre Macht investieren“ drei außenpolitische Motivationen: Sharp Power, Hard Power und Soft Power. Sharp Power (ein von der amerikanischen NGO National Endowment for Democracy für China und Russland eingeführtes Konzept) will durch Manipulationen offene Gesellschaften destabilisieren, Hard Power verfolgt die Strategie, andere Staaten durch die Übernahme wichtiger Industrien und Infrastrukturen wirtschaftlich abhängig zu machen. Mit Soft Power schließlich soll das eigene Image verbessert werden. Katar holte sich etwa die prestigeträchtige Art Basel nach Doha, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate profilieren sich streichelweich mit (durchaus gut kuratierten) Kunst- und Architektur-Biennalen und -Triennalen.
Akuter Stresstest
Wie sich das Immobilien-Shopping in diese drei Strategien einordnen lässt? Das sei, so Roll, unter Expertinnen und Experten durchaus umstritten. „In der medialen Berichterstattung und in Analysen von Thinktanks wird immer wieder auf die Rolle der Fonds als Instrument zur Ausübung politischer Macht hingewiesen. Allerdings ist es durchaus mit Schwierigkeiten verbunden, die Engagements von Staatsfonds entsprechend zu instrumentalisieren.“ Auch gebe es wenig Beweise dafür, dass Fonds wie der QIA systematisch für außenpolitische Zwecke genutzt würden.
Wenig Zweifel besteht unter Experten daran, dass sich die Krisensicherheit des Architekturshoppings bewährt hat. Die globale Finanzkrise 2008 und die regionale Katar-Krise 2017 bis 2021 hat der Kleinstaat überstanden. Die gegenwärtige Iran-Krise beutelt das Land schon schwerer, der Angriff des Iran auf die Produktionsstätte in Ras Laffan im März hat deren Kapazität um 17 Prozent reduziert. Ein Weckruf auch für QIA, die globale Diversifizierung schnell weiter anzutreiben, schreibt der Ökonom Shayne Heffernan: „Diese Ereignisse sind ein Stresstest und ein Antrieb für die Beschleunigung der Strategien, die man bereits fährt.“
In manchen Fällen kommen Stresstest und Soft Power, kommen Außenpolitik und Architektur an einem Ort zusammen. Im Juni verhandelten unter der Vermittlung von Katar und Pakistan Delegationen der Vereinigten Staaten und des Iran im luxuriösen Hotel Bürgenstock Resort Lake Lucerne am Vierwaldstättersee über Waffenstillstand und Deeskalation am Golf. Eigentümer des Hotels: die Katara Hospital Group, Teil der QIA.