Quo vadis, Pritzker?
Die Verleihung des Pritzker-Preises wurde verschoben, nachdem Namensgeber Thomas Pritzker aufgrund seiner Rolle in den Epstein-Files zurückgetreten war. Anlass, sich Gedanken über die Zukunft dieses hochdotierten Preises zu machen. Weitermachen, umbenennen oder abschaffen?
Es gibt 360 Grad, also warum sollen wir uns immer nur auf einen einzigen rechten Winkel beschränken?“, sagte Zaha Hadid. „Ich erfinde nichts Neues, ich verwende vorhandene Materialien einfach nur anders“, meint Shigeru Ban aus Tokio, auch besser bekannt als jener Architekt, der Häuser aus Pappe und Papier baut. Und der aus Burkina Faso stammende Architekt Diébédo Francis Kéré erklärte in einem Interview: „Ich hoffe, Paradigmen zu verändern, denn jeder verdient Qualität, jeder verdient Luxus, und jeder verdient Komfort.“
Der Pritzker Architecture Prize, der gerne auch als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet wird, dotiert mit 100.000 US-Dollar, ist so etwas wie eine Architektur-Posaune, die Jahr für Jahr in alle Welt hinaustönt und in Radio, Fernsehen, Zeitungen, Lifestyle-Medien und sogar im VOR- Magazin, das in der Wiener U-Bahn zwischen den Sitzen baumelt, vielfach reproduziert wird – mit prächtigen Fotos und Zitaten von Ban, Kéré und Hadid. Im Dunstkreis von Aga Khan Award (Fokus auf den Globalen Süden) und EU Mies van der Rohe Award (Schwerpunkt Europa) gibt es weltweit kein anderes Architekturformat, das so viel Öffentlichkeit erzeugt.
Ins Leben gerufen wurde der Pritzker-Preis 1979 von Jay A. Pritzker, Gründer der Hotelkette Hyatt, und seiner Frau Cindy Pritzker. Mit dem neuen Architekturpreis, zu dieser Zeit bereits inmitten wirtschaftlicher Superprosperität des Hotelimperiums, wollte man „lebende Architekten würdigen, deren Bauten eine Kombination aus Talent, Vision und Engagement aufweisen und deren Baukunst einen bedeutenden Beitrag für die Menschheit und die gebaute Umwelt geleistet haben“. Um Beständigkeit zu sichern, wurde der Preis in die Hyatt Foundation eingegliedert.
Zu kritisieren gibt es am Pritzker-Preis viel: Er ist so macho-chauvinistisch durchtränkt, dass in 48 Jahren erst zweimal (!) eine rein weibliche Position ausgezeichnet wurde: Zaha Hadid 2002 und Yvonne Farrell und Shelley McNamara 2020. Das ist indiskutabel und unverzeihlich. Immer noch gibt es eine zu große Verbandelung zwischen Jury und Preisträgern. Alejandro Aravena beispielsweise war Jurymitglied von 2009 bis 2015 – und bekam nach Beendigung der Jurytätigkeit 2016 den famosen Preis verliehen. Das macht keinen schlanken Fuß. Und nun gibt es einen kollateralen Image-Schaden durch den Fall Epstein.
Die Lösung dieser Probleme ist keine Abschaffung, sondern eine radikale Neupositionierung mit mehr Frauen und mehr Transparenz. Der Pritzker-Preis hat der Architektur große Sichtbarkeit verliehen – und soll das auch in Zukunft tun.
Wojciech Czaja
WEG DAMIT!
Es fing ja alles schon nicht so gut an. „Ich bin eine Hure“ – so lautet das berühmte Zitat, mit dem Architekt Philip Johnson, in den 1930er-Jahren Nazi-Sympathisant, sein Selbstverständnis erklärte. Selbst für den Teufel persönlich würde er arbeiten. 1979 war Johnson der erste Preisträger jenes Awards, den sich Jay und Cindy Pritzker, Gründer des Hyatt-Hotelkonzerns, ausgedacht hatten. Das enge Naheverhältnis zur Macht, das der Architektur schon immer anhing, war dem hoch dotierten Preis also von Beginn an eingeschrieben.
Dass Hyatt-Erbe Thomas Pritzker, dessen Vermögen von Forbes auf 6,3 Milliarden Dollar geschätzt wird, sich im vermeintlich rechtsfreien Raum der Superreichen bewegte, bringt den Preis, der laut Eigendefinition den „Glauben an den absoluten Wert des Einzelnen und der Menschheit“ würdigen soll, weiter in Schieflage. Dass Pritzker in 2454 Dokumenten der Epstein-Files auftaucht und dass Epstein-Opfer Virginia Giuffre unter Eid aussagte, sie sei zu nicht einvernehmlichem Sex mit ihm gezwungen worden, bringt sein Fundament zum Einsturz.
In patriarchaler Schieflage war das Konstrukt schon immer, mit 48 männlichen und nur sechs weiblichen Preisträgern. Nicht die einzige Realitätsverzerrung. Denn der Pritzker-Preis ist mitverantwortlich für den Siegeszug eines Phänomens, das den schrecklichen Namen „Star-Architektur“ trägt. Er ist Gütesiegel und Mehrwertgarant für Investoren und Diktatoren, die sich mit (oft mittelmäßigen) Bauten eines großen Namens rühmen konnten wie mit einer Trophäe. Viel Gewinn für wenige, wenig Gewinn für alle.
Ein Preis als Trägerrakete für das Klischee des genialen Künstlers, dessen Bauten sich blitzartigen Eingebungen verdanken, die schnell auf Servietten skizziert werden; der auf der Baustelle mit dem Finger herumdeutet, den visionären Blick gen Himmel gerichtet. Ein kompletter Unfug und ein großes Missverständnis. Denn Architektur ist viel komplizierter, und sie ist immer Teamarbeit. Sie ist viel mehr als ein blobförmiges Museum oder ein zipfeliges Opernhaus. Architektur ist nicht nur das, was ikonisch, spektakulär und instagrammable ist, sondern alles um uns herum. Heute ist die Ära der Architekturstars am Abklingen, und das ist gut so.
Der nun irreparabel beschädigte Name des Preises und die abstoßenden Umstände dieser Beschädigung sind ein Anlass, mit dieser Ära endgültig abzuschließen. Ohne den Pritzker-Preis müssen sich Investoren, Bauherren, müssen wir alle uns eben etwas mehr anstrengen, die gute Architektur um uns herum selbst zu entdecken. Das kann uns allen nur guttun.
Maik Novotny