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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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19. Dezember 2015 mit Maik Novotny
Der Standard

Kons­truk­ti­ve Her­bergs­su­che

Ös­ter­reich stellt sich auf der Ar­chi­tek­tur­bien­na­le 2016 dem The­ma Flücht­lin­ge. Doch Ge­dan­ken da­rü­ber ha­ben sich die Ar­chi­tek­ten schon län­ger ge­macht. Da­bei geht es nicht um Hoch­glanz-Meis­ter­wer­ke, son­dern um ganz ein­fa­che Din­ge.

Manch­mal hilft es, sich aufs We­sent­li­che zu be­sin­nen, auch wenn die­ses We­sent­li­che auf den er­sten Blick ba­nal er­scheint. „Or­te für Men­schen“, der Ti­tel des Ös­ter­reich-Bei­trags für die Ar­chi­tek­tur-Bien­na­le 2016 ist so ein Fall. Or­te für Men­schen – das ist im Grun­de ei­ne Tä­tig­keits­be­schrei­bung für das, was Ar­chi­tek­ten tun.

Doch das All­ge­mei­ne re­sul­tier­te aus dem Aku­ten: „Im Som­mer, als wir beim Brains­tor­ming zum Bien­na­le-Bei­trag sa­ßen, hat uns das The­ma Flücht­lin­ge stark be­wegt“, er­klär­te Bien­na­le-Kom­mis­sä­rin El­ke De­lu­gan-Meissl bei der Prä­sen­ta­ti­on des Kon­zepts An­fang die­ser Wo­che. Die 2016 in Ve­ne­dig aus­ge­stell­ten Or­te für Men­schen wer­den da­her drei kon­kre­te Stand­or­te in Wien sein, an de­nen sich die Te­ams Ca­ra­mel Ar­chi­tek­ten, the Next Ent­er­pri­se und Eoos in den näch­sten Mo­na­ten zur neu­en Hei­mat für Flücht­lin­ge wer­den las­sen.

So om­ni­prä­sent war und ist das The­ma in die­sem Jahr, dass es kaum wun­dert, dass auch an­de­re Bien­na­le-Na­tio­nen sich sei­ner an­ge­nom­men ha­ben: Deutsch­lands Bei­trag steht un­ter dem be­wusst pro­vo­kan­ten Mot­to: „Ma­king Hei­mat. Ger­ma­ny, Ar­ri­val Coun­try.“ Ganz im Sin­ne des Mer­kel’schen „Wir schaf­fen das!“ sol­len da­bei deut­sche An­kunfts­städ­te un­ter­sucht und die Er­geb­nis­se ei­nes „Call for Pro­jects“ vor­ge­stellt wer­den, den das Deut­sche Ar­chi­tek­turm­useum Frank­furt (DAM) im No­vem­ber aus­sand­te, um Bau­ide­en für Flücht­lin­ge zu sam­meln.

Dass dies kei­ne Schau der Hoch­glanz­vi­sio­nen wird, ist ab­zu­se­hen, denn die Bei­trä­ge, die Ar­chi­tek­ten bis­her zur kons­truk­ti­ven Nots­tands­hil­fe ge­leis­tet ha­ben, sind be­wusst prag­ma­tisch. Schon 2014 fan­den sich in Wien die IG Ar­chi­tek­tur und die NGO „Ar­chi­tek­tur oh­ne Gren­zen“ zu­sam­men, um sich un­ter dem Mot­to „Kein Ort. Nir­gends“ in Ar­beits­grup­pen auf die Su­che nach Lö­sun­gen zu ma­chen. Ei­ne da­von ist die In­nen­ge­stal­tung der Asyl­be­wer­be­run­ter­kunft Haus Da­ria, das die Ca­ri­tas in Wien-Fa­vor­iten be­treibt. Der Be­darf, so die be­tei­lig­ten Ar­chi­tek­ten uni­so­no, sei eben vor al­lem die Mo­bi­li­sie­rung des Leers­tands. Ein schi­ckes De­sig­ner-Flücht­lings­heim auf dem Prä­sen­tier­tel­ler wür­de wohl bei al­len Be­tei­lig­ten für Ma­gen­grim­men sor­gen.

An­ge­sichts des sen­si­blen The­mas war Ös­ter­reichs Bien­na­le-Te­am be­müht, zu be­to­nen, es ge­he ge­ne­rell um Räu­me für Hilfs­be­dürf­ti­ge, ob Flücht­lin­ge oder nicht. Auch ein Sym­po­si­um un­ter dem Ti­tel „Ho­me not Shel­ter“ am vo­ri­gen Wo­che­nen­de fass­te den Rah­men wei­ter, bis hin zum leist­ba­ren Woh­nen. „Ho­me not Shel­ter“ ist ei­ne Ko­ope­ra­ti­on der TU Wien mit vier deut­schen Hoch­schu­len zum The­ma „Ge­mein­sam le­ben statt ge­trennt woh­nen.“ Die Er­geb­nis­se wer­den 2016 zu se­hen sein. „Es geht bei der Auf­ga­be da­rum, so pro­gram­ma­tisch zu den­ken, dass die Me­tho­de auch an­dern­orts an­ge­wen­det wer­den kann“, sagt Ale­xan­der Hag­ner von Gau­pen­raub Ar­chi­tek­ten, der die Wie­ner Stu­den­ten be­treut.

Eben­falls Teil des Te­ams ist die Leib­niz-Uni­ver­si­tät Han­no­ver, dort ent­war­fen Ar­chi­tek­turs­tu­den­ten schon im Rah­men ei­nes Wett­be­werbs Woh­nun­gen für Flücht­lin­ge. Der Ti­tel: „The Peo­ples Pro­ject“. Mit­te die­ser Wo­che wur­den die be­sten Pro­jek­te von ei­ner Ju­ry aus­ge­wählt. Bis Fe­bru­ar 2016 sol­len die Ent­wür­fe wei­ter­ent­wi­ckelt und an­schlie­ßend auf dem Ge­län­de vor der Fa­kul­tät für Ar­chi­tek­tur und Land­schaft in Han­no­ver-Her­ren­hau­sen ge­baut und be­wohnt wer­den.

Men­schen­wür­di­ger Wohn­raum

„Die schein­bar so gro­ßen Hin­der­nis­se wie die Ein­hal­tung tech­ni­scher und äs­the­ti­scher Stan­dards so­wie die Be­zahl­bar­keit durch die öf­fent­li­che Hand sind über­wind­bar, wie die Pra­xis un­miss­ver­ständ­lich zeigt“, sagt Mar­kus Gild­ner, Ini­ti­ator und Ent­wi­ckler des Pro­jekts. „Es ist mög­lich, Flücht­lin­gen ei­nen men­schen­wür­di­gen Wohn­raum in­mit­ten un­se­rer Ge­sell­schaft zu bie­ten. Es braucht nur ech­ten Wil­len, mu­ti­ge In­ves­to­ren, wil­li­ge Be­hör­den­lei­ter und ehr­gei­zi­ge Po­li­ti­ker.“

Und manch­mal auch die Pri­vat­ini­tia­ti­ve ei­ni­ger we­ni­ger Pro­ta­go­nis­ten. Im Inns­bru­cker Stadt­vier­tel Sag­gen, nur ei­nen Stein­wurf von der In­nens­tadt ent­fernt, wur­de En­de No­vem­ber die „HER­ber­ge“ fer­tig­ge­stellt. Das Pro­jekt um­fasst 45 Wohn­ein­hei­ten für ins­ge­samt 131 Flücht­lin­ge. Die Re­vi­ta­li­sie­rung des ehe­ma­li­gen Klos­ter­schu­len-Mäd­chen­wohn­heims, das 1960 er­rich­tet wur­de und seit 2008 leers­tand, geht auf ei­ne Ini­tia­ti­ve des Or­dens der Barm­her­zi­gen Schwes­tern zu­rück.

„Tat­sa­che ist, dass die Kir­che über ei­ni­ge leers­te­hen­de Bau­ten ver­fügt“, sagt Schwes­ter Pia Re­gi­na im Ge­spräch mit dem Stan­dard . Die 71-Jäh­ri­ge ist Pro­vinz­vi­ka­rin der Barm­her­zi­gen Schwes­tern und war in das Pro­jekt stark in­vol­viert. „Nach­dem es un­se­re Auf­ga­be als Or­den ist, Men­schen in der Not zu hel­fen, war für uns klar, dass wir die Zur­ver­fü­gungs­tel­lung des ehe­ma­li­gen Wohn­heims auf un­se­rem Grund­stück als Auf­trag se­hen müs­sen. Wir sind zwar schon alt, und ei­ni­ge von uns kön­nen nicht mehr rich­tig zu­pa­cken, aber das war der Bei­trag, den wir leis­ten kön­nen.“

Das Ge­bäu­de wur­de ge­dämmt, mit neu­en Sa­ni­tär- und Elek­tro­ins­tal­la­tio­nen aus­ge­stat­tet so­wie mit ei­ner neu­en Hei­zung ver­se­hen. Pro Ge­schoß gibt es nun ein bis zwei Bal­ko­ne, die als Frei­raum, Wä­sches­tän­der und Open-Air-Rauch­kam­merl die­nen. Da­rü­ber hin­aus wur­de das ge­sam­te Haus mö­bliert und mit Son­der­räu­men wie et­wa Spiel­zim­mer, Näh­zim­mer und Fit­ness­raum aus­ge­stat­tet. Zu den Be­wohn­ern zäh­len Fa­mi­li­en und jun­ge Män­ner aus Sy­rien, Af­gha­nis­tan, Irak, Aser­baid­schan, So­ma­lia und Ni­ge­ria.

Güns­ti­ge Bau­stof­fe

„Der Um­bau zur Her­ber­ge war ein ab­so­lu­tes Low-Bud­get-Pro­jekt“, sagt die zu­stän­di­ge Ar­chi­tek­tin Bar­ba­ra Po­ber­schnigg, Part­ne­rin im Inns­bru­cker Bü­ro Stu­dio Lo­is. „Vor dem Pro­jekt­start ha­ben wir zu­nächst ein­mal ei­ne Um­fra­ge ge­star­tet, wel­che Un­ter­neh­men Aus­lauf­mo­del­le und Fehl­be­stel­lun­gen ab­zu­ge­ben ha­ben. Auf Ba­sis die­ses Ka­ta­logs an güns­tig zu­kauf­ba­ren Bau­stof­fen ha­ben wir dann erst mit der ei­gent­li­chen Pla­nung be­gon­nen.“ Man­che Fir­men, so Po­ber­schnigg, hät­ten ih­re Pro­duk­te und Ma­te­ria­li­en so­gar kos­ten­los oder zum Ein­kaufs­preis wei­ter­ge­ge­ben.

Das Ge­samt­bud­get für Um­bau und Sa­nie­rung be­läuft sich auf 2,5 Mil­lio­nen Eu­ro. Zu­sätz­lich da­zu schlägt die Mö­blie­rung mit 1700 Eu­ro pro Zim­mer zu Bu­che. „Die Ein­rich­tung der pri­va­ten Wohn- und Schlaf­räu­me be­steht zu ei­nem gro­ßen Teil aus Fer­tig­mö­beln, die wir vor Ort mit rund 200 frei­wil­li­gen Hel­fern zwei Ta­ge lang zu­sam­men­ge­schraubt ha­ben“, er­klärt die Ar­chi­tek­tin. Die Mö­bel für die ge­mein­schaft­li­chen Wohn­be­rei­che ha­be man aus di­ver­sen Alt­be­stän­den und Woh­nungs­auf­lö­sun­gen zu­sam­men­ge­tra­gen. Ein Teil der Vin­ta­ge-Ein­rich­tung stam­me von di­ver­sen Dach­bö­den der Barm­her­zi­gen Schwes­tern.

„Wis­sen Sie, ei­ni­ge der Schwes­tern hat­ten Angst, als wir das Pro­jekt ge­star­tet ha­ben“, er­in­nert sich Schwes­ter Pia Re­gi­na. „Aber ich den­ke, die Men­schen brau­chen sich nicht zu fürch­ten. Die Er­fah­rung zeigt, dass es al­len bes­ser geht, so­bald sie nicht mehr hung­rig und hei­mat­los sind. Und wir ha­ben die­sen Men­schen ei­ne Her­ber­ge ge­ge­ben. Ei­ne Her­ber­ge, die kei­ne Hal­le ist und auch kein Zelt.“

Ein Ort für Men­schen eben. Ei­ne neue Hei­mat für die Hei­mat­lo­sen und ei­ne Frisch­zel­len­kur für die Ar­chi­tek­tur, die sich ein­mal mehr ih­rer ur­ei­ge­nen Auf­ga­be ver­ge­wiss­ern kann.

5. Dezember 2015 mit Maik Novotny
Der Standard

Ein neu­es al­tes Haus am Platz

Vor kur­zem wur­de der Wett­be­werb „Wien-Mu­se­um neu“ ent­schie­den. Da­mit ge­hen jah­re­lan­ge Stand­ort­fra­gen und Denk­mal­schutz-Dis­kuss­io­nen zu En­de. Das Sie­ger­pro­jekt von Čer­tov, Wink­ler+Ruck lie­fert er­freu­li­che Ant­wor­ten.

Der Karl­splatz, so das be­kann­te und noch gül­ti­ge Bon­mot von Ot­to Wag­ner, ist we­ni­ger ein Platz als ei­ne Ge­gend. Ein Durch­ein­an­der von We­gen und In­seln, um­stellt von bau­li­chen Schwer­ge­wich­ten. Vie­le ha­ben ver­sucht, die­se Ge­gend in den Griff zu be­kom­men. Ge­wor­den ist da­raus ei­ne Grab­stät­te un­ge­bau­ter Ide­en – auch je­ner von Ot­to Wag­ner selbst, der mit sei­nem Ent­wurf für ein neu­es Stadt­mu­se­um 1902 der Lö­sung schon sehr na­he kam. Sei­nem Bau wä­re es im­mer­hin ge­lun­gen, der do­mi­nie­ren­den Karl­skir­che kei­ne Kon­kur­renz zu ma­chen und trotz­dem selbst­be­wuss­ter Stadt­bau­stein zu sein. Kei­ne leich­te Auf­ga­be.

Dem jet­zi­gen Wien-Mu­se­um von Os­wald Ha­erdtl, er­öff­net 1959, ist das nicht ge­lun­gen – trotz al­ler Fif­ties-Ele­ganz im De­tail. Zu nie­drig, zu un­ent­schlos­sen, zu ver­huscht gibt es sich nach au­ßen, eher den An­schein des Ver­wal­tungs­baus ei­ner un­gla­mou­rö­sen Ge­werk­schaft er­we­ckend als den ei­nes stol­zen Mu­se­ums. Georg Lip­perts 1971 er­bau­tes Win­ter­thur-Haus, in un­be­hol­fe­ner Ver­mitt­lungs­ge­ste wie ein lang­ge­zo­ge­ner Kau­gum­mi zwi­schen Kir­che und Mu­se­um ge­klebt, mach­te die Sa­che auch nicht bes­ser.

Die Auf­ga­be für die Ar­chi­tek­ten beim Wett­be­werb „Wien-Mu­se­um neu“, der An­fang die­ses Jah­res aus­ge­lobt wur­de, war al­so nicht nur die Ent­wi­cklung neu­er Räu­me für das be­eng­te Mu­se­um, son­dern auch ein Sta­te­ment zum Ha­erdtl-Bau, zum Win­ter­thur-Haus, zur Karl­skir­che, zur Ge­gend Karl­splatz. Die 274 welt­wei­ten Ein­rei­chun­gen der er­sten Run­de und die da­raus aus­ge­wähl­ten 14 Pro­jek­te für die zwei­te Run­de zeig­ten dann auch die gan­ze Band­brei­te: Vie­le rück­ten den Ha­erdtl-Bau in die zwei­te Rei­he und stell­ten ei­nen neu­en So­li­tär auf den Karl­splatz, mal form­ver­liebt über­bor­dend, mal spie­le­risch, mal streng. Man­che spiegel­ten die Platz­kan­te des TU-Ge­bäu­des, um die Karl­skir­che sym­me­trisch zu rah­men. An­de­re zerr­ten und zupf­ten am Ha­erdtl-Bau he­rum oder mach­ten ihn zu ei­ner auf­ge­pump­ten XL-Ver­si­on sei­ner selbst – ei­ne Do­ping­sprit­ze fürs Selbst­be­wusst­sein. Die drit­te Grup­pe blieb mit dem Mu­se­ums­zu­bau ganz be­schei­den im Un­ter­grund und de­fi­nier­te die Er­wei­te­rung als Teil des Plat­zes.

Lo­gi­sche Auf­sto­ckung

Dass die Wahl der Ju­ry um den Vor­sit­zen­den Ema­nu­el Christ (Ba­sel) an die­sem Ort nicht auf ei­ne bom­bas­ti­sche Gug­gen­heim-Lö­sung fiel, die wild we­delnd vor der Karl­skir­che her­um­steht, ist zu be­grü­ßen. Mit dem Sie­ger­pro­jekt der Kärnt­ner Ar­chi­tek­ten Wink­ler+Ruck und des Gra­zer Ar­chi­tek­ten Fer­di­nand Čer­tov hat ei­ne lo­gisch und selbst­ver­ständ­lich wir­ken­de Auf­sto­ckung des be­ste­hen­den Mu­se­ums den Vor­zug be­kom­men.

Die ver­glas­te Fu­ge, in der der „Wien-Raum“ zu Hau­se sein wird, hält zum Ha­erdtl-Bau ei­nen re­spek­ta­blen Ab­stand und ver­leiht ihm so mehr stadt­räum­li­che Sub­stanz, oh­ne ihn da­bei kom­plett zu ver­frem­den. Vor den Bau setz­ten Čer­tov, Wink­ler+Ruck ei­nen schma­len Tor­bau – halb Bau­werk, halb Pa­vil­lon – als ein­la­den­des Sig­nal, dass es sich hier um ein Mu­se­um han­delt. Ein Mu­se­um, für das die „Ge­gend“ Karlsplatz ge­nau der rich­ti­ge Ort ist und das an die­sem Platz endlich an­ge­kom­men ist und da­ran teil­neh­men kann.

Ein neu­es al­tes Haus am Platz, 2. Teil
(Interview: Woj­ciech Cza­ja)

Den Bau­ten der ös­ter­rei­chi­schen Nach­kriegs­mo­der­ne man­gelt es an Fröh­lich­keit und Freu­de, sagt Ar­chi­tekt Ro­land Wink­ler von der AR­GE Čer­tov, Wink­ler+Ruck. Beim Wien-Mu­se­um kom­me nun im­mer­hin so et­was wie all­ego­ri­scher Spaß ins Spiel.

Stan­dard: Der Wie­ner Kul­tur­stadt­rat An­dre­as Mai­lath-Po­kor­ny hat Sie bei der Pres­se­kon­fe­renz vor kur­zem als jun­ges Kärnt­ner Te­am be­zeich­net. Ist das ein Kom­pli­ment?

Wink­ler: Ich bin froh, dass er das ge­tan hat, und froh, dass das nicht stimmt. Wir sind Mit­glied der Grup­pe „Jun­ge Ar­chi­tek­tur Kärn­ten“. Die Grup­pe ha­ben wir vor 20 Jah­ren ge­grün­det. Wir fei­ern ge­ra­de Ju­bi­lä­um.

Stan­dard: Ihr Ent­wurf ist ei­ne sehr stil­le, be­hut­sa­me Er­gän­zung zum Ha­erdtl-Bau. War die­ser zu­rück­hal­ten­der An­satz von An­fang an klar?

Wink­ler: In der Aus­schrei­bung war es ver­bo­ten, den Ha­erdtl-Bau auf­zu­sto­cken. Wir ha­ben es trotz­dem ge­macht, und zwar um zwei Ge­scho­ße bzw. um knapp zehn Me­ter, weil wir der Mei­nung sind, dass die Karl­skir­che da­mals – viel­leicht war es vor­aus­ei­len­der Ge­hor­sam – ei­nen zu schwa­chen Nach­barn be­kom­men hat. In ge­wis­ser Wei­se hat der Bau jetzt je­ne Ra­di­ka­li­tät, die dem Karl­splatz bis­lang ge­fehlt hat.

Stan­dard: Vie­le an­de­re Bü­ros ha­ben auf die Pau­ke ge­haut und ein auf­fäl­li­ges Denk­mal à la Gug­gen­heim vor­ge­schla­gen.

Wink­ler: Und das ha­ben wir zu Be­ginn auch! Da wa­ren vie­le, auch sehr wil­de Ent­wurfs­sta­dien da­run­ter. Doch die ha­ben wir al­le wie­der fal­len­ge­las­sen. Denn wenn man be­ginnt, die Schwä­che des Ha­erdtl-Baus aus­zu­glei­chen, in­dem man ihm ei­nen star­ken Bru­der da­ne­ben­stellt, dann er­zeugt man da­mit wo­mög­lich ei­nen Be­lei­dig­ten, der es ei­nem aus der zwei­ten Rei­he her­aus übel­neh­men kann. Das woll­ten wir nicht. Wir ha­ben den Ha­erdtl stark ge­macht.

Stan­dard: Ganz all­ge­mein scheint es, dass der Bau­sub­stanz aus den Nach­kriegs­jah­ren in Ös­ter­reich we­nig Lie­be ent­ge­gen­ge­bracht wird. Das Wien-Mu­se­um ist da ei­ne gro­ße Aus­nah­me. Wo­ran liegt das?

Wink­ler: Es gibt die­se ganz spe­ziel­le Qua­li­tät der 1959/60er, die wir heu­te so sehr lie­ben. Das ist das Bun­te, Lus­ti­ge, Frisch-Fröh­li­che. Das gibt es über­all auf der Welt, nur nicht bei uns. Bei der Nach­kriegs­mo­der­ne in Ös­ter­reich schwingt et­was Trau­ri­ges, et­was Schmerz­vol­les mit. Nur we­ni­ge Bau­ten aus der Wie­der­auf­bau­zeit ma­chen Spaß.

Stan­dard: Kommt jetzt ein biss­chen Spaß mit dem Wien-Mu­se­um neu?

Wink­ler: Na hof­fent­lich! Am stärk­sten wird sich das wohl an der Vor­platz­ge­stal­tung mit dem Ent­ree, dem Kaf­fee­haus und den Sitz­ge­le­gen­hei­ten vor dem Mu­se­um äu­ßern. Mein per­sön­li­cher Fa­vo­rit ist das ver­glas­te Zwi­schen­ge­schoß rund um den Wien-Raum, von dem aus man auf den Karl­splatz wird hin­aus­schau­en kön­nen. In all­ego­ri­schem Sin­ne ist das ei­ne ähn­li­che Raum­fu­ge, wie sie der Karl­splatz für Wien ist.

Stan­dard: Wie wird sich der Karl­splatz ab 2019/2020 mit dem Wien-Mu­se­um neu wei­ter­ent­wi­ckeln? Gibt es ei­ne Zu­kunfts­vi­si­on?

Wink­ler: Ich bin schon froh, wenn ich es schaf­fe, die näch­sten fünf Jah­re zu vi­sio­nie­ren! Nein, ich ha­be kei­ne Ah­nung, wie sich der Karl­splatz wei­ter­ent­wi­ckeln wird. Die­se Un­vor­her­seh­bar­keit ist mei­nes Er­ach­tens ei­ne gro­ße Qua­li­tät die­ses Or­tes – noch nie wuss­te man im Vor­hin­ein, was ei­nem der Karl­splatz als Näch­stes auf­tischt. Aber ich bin froh, dass wir mit un­se­rem Pro­jekt ei­nen klei­nen Bei­trag zum Dia­log mit un­ge­wis­sem Aus­gang lie­fern dür­fen.

28. November 2015 Der Standard

Form folgt Fahr­en­heit

Der Pa­ri­ser Ar­chi­tekt Phi­lip­pe Rahm baut flie­gen­de Ba­de­wan­nen und Gär­ten als Hight­ech-La­bor. Da­bei kon­zen­triert er sich auf un­sicht­ba­re ther­mi­sche, kli­ma­ti­sche Phä­no­me­ne. Sein wich­tigs­ter Bau­stoff: Luft.

Kal­te Luft fällt zu Bo­den, war­me Luft steigt auf, das weiß je­des Kind“, sagt Phi­lip­pe Rahm. „Und den­noch bau­en wir heut­zu­ta­ge so, als wüss­ten wir über das phy­si­ka­li­sche Ein­mal­eins, das uns im täg­li­chen Le­ben um­gibt, nicht das Ge­ring­ste.“ Das kli­mal­ose Bau­en, wie er es aus­drückt, ist dem Pa­ri­ser Ar­chi­tek­ten zu we­nig. Die Form sei­ner Bau­ten und Land­schafts­pro­jek­te folgt näm­lich nicht nur der viel­zi­tier­ten Funk­ti­on, son­dern in er­ster Li­nie kli­ma­ti­schen Ge­ge­ben­hei­ten wie Tem­pe­ra­tur, Luft­feuch­tig­keit, Luft­druck, Wind und Kon­vek­ti­on. Da kann es schon ein­mal pas­sie­ren, dass die Ba­de­wan­ne knapp un­term Pla­fond pickt.

So ge­sche­hen in Ly­on, Quai Per­ra­che, nur ein paar Schrit­te vom Bahn­hof ent­fernt. Für ein jun­ges Ärz­te­paar bau­te Rahm 2011 ein vier Me­ter ho­hes Fa­brik­loft aus, be­stück­te es mit „Räu­men“ (wo­bei die­ser Be­griff in sei­nen Pro­jek­ten ei­ner neu­en De­fi­ni­ti­on un­ter­zo­gen wer­den muss), ar­ran­gier­te da­rin un­ter­schied­li­che Funk­tio­nen wie et­wa Woh­nen, Ko­chen, Es­sen, Le­sen, Schla­fen, Du­schen und Ba­den und ver­band die­se Räu­me schließ­lich mit den nö­ti­gen We­gen in Form von Stie­gen, Lei­tern und schwe­ben­den Platt­for­men.

Fürs Schla­fen, so Rahm, emp­feh­le sich küh­le, tro­cke­ne Luft – al­so run­ter, weit weg vom Ba­de­zim­mer. In der Bi­blio­thek sol­le es an­ge­nehm warm und auf­grund der ge­hor­te­ten Bü­cher eben­falls sehr tro­cken sein – al­so rauf, noch wei­ter weg von den Sa­ni­tär­räu­men. Wenn man in der Ba­de­wan­ne sitzt, brau­che man, da­mit der Kopf nicht ab­kühlt, mög­lichst war­me Luft rund­he­rum – al­so rauf bis an die De­cke da­mit. Und in der Du­sche sol­le es nicht nur warm, son­dern auch feucht sein, mö­ge sich die Luft­feuch­tig­keit um den nack­ten, nas­sen Kör­per schmie­gen – al­so be­sten­falls di­rekt über dem Herd, wo beim Ko­chen so­dann mul­ti­funk­tio­na­le Koch­dämp­fe zum Du­schen­den em­por­stei­gen.

„Wir be­rück­sich­ti­gen beim Pla­nen so vie­le un­ter­schied­li­che Pa­ra­me­ter, von Sta­tik und Ma­te­ri­al­qua­li­tät über Sa­ni­tär- und Elek­tro­tech­nik bis hin zu Brands­chutz, Erd­be­ben­schutz und un­zäh­li­gen bau­recht­li­chen An­for­de­run­gen“, sagt der 48-jäh­ri­ge Ar­chi­tekt, der an der Gra­dua­te School of De­sign in Har­vard un­ter­rich­tet. „Aber bei der Ther­mik setzt un­ser Plan­sinn ein­fach aus. Dann ord­nen wir die Funk­tio­nen so, dass sich das ge­sam­te Le­ben im Be­reich von 40 Zen­ti­me­tern bis 1,80 Me­ter über dem Fuß­bo­den ab­spielt. Den kli­ma­tisch wert­vol­len Raum da­run­ter und da­rü­ber las­sen wir un­be­rück­sich­tigt.“

Je­des ein­zel­ne sei­ner Pro­jek­te wird kom­pli­zier­ten Rech­nun­gen und Si­mu­la­tio­nen un­ter­zo­gen. Am En­de, so der Plan, pro­fi­tiert man mit heiz­tech­nisch ef­fi­zien­ten Wohn- und Ar­beits­räu­men, die – an­statt da­ge­gen – mit dem Kli­ma ar­bei­ten und die ge­sam­te Pa­let­te der Wohl­fühl­zu­stän­de ab­de­cken – wenn man denn auch be­reit ist, wie der Lyo­ner Arzt auf Tü­ren und Wän­de zu ver­zich­ten und, statt auf Par­kett­bo­den zu wan­deln, über Git­ter­ro­ste und Lei­ter­spros­sen zu ba­lan­cie­ren.

Ge­baut hat Rahm, der sich selbst als Hy­brid aus Ar­chi­tekt, In­ge­ni­eur und Wis­sen­schaf­ter be­zeich­net, bis­lang nur we­nig. Sein Fo­kus rich­te­te sich stets auf das Künst­le­ri­sche, auf das Theo­re­ti­sche, auf das Me­te­or­olo­gi­sche. Bis er 2011 den in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb für die Er­rich­tung des Ja­de Eco Park in Tai­chung ge­won­nen hat. Mit dem sie­ben Hek­tar gro­ßen Park will sich die Drei-Mil­lio­nen-Ein­woh­ner-Me­trop­ole an der West­küs­te Tai­wans ein tech­ni­sches Denk­mal set­zen.

„Die Luft in Tai­chung ist ex­trem feucht und sti­ckig“, sagt Rahm. „Ge­ra­de im Som­mer ha­ben ei­ni­ge Parks und grö­ße­re Frei­flä­chen feind­li­che Be­din­gun­gen, die den Auf­ent­halt an der fri­schen Luft un­an­ge­nehm und schwie­rig ma­chen.“ Das liegt nicht nur am Smog und am sub­tro­pi­schen Kli­ma, son­dern auch am lo­ka­len Heiz­kraft­werk, das mit 37 Mil­lio­nen Ton­nen pro Jahr den welt­weit größ­ten Koh­len­di­oxid­aus­stoß sei­ner Art hat.

Im Ja­de Eco Park, des­sen Bau An­fang 2014 be­gon­nen hat und der näch­stes Jahr in Be­trieb ge­nom­men wird, soll die Luft mit­tels tech­ni­scher und na­tür­li­cher Maß­nah­men et­was wirt­li­cher ge­macht wer­den. Orien­tie­rungs­punkt für die er­rech­ne­te, er­sehn­te Luft­qua­li­tät ist die kli­ma­tisch ge­mä­ßig­te und dünn be­sie­del­te Ost­küs­te Tai­wans. Da macht es nichts, wenn die punk­tu­el­le Sym­ptom­be­hand­lung der Be­he­bung der ei­gent­li­chen Ur­sa­chen vor­ge­zo­gen wird. Da macht es auch nichts, dass Rahm im Auf­trag der Stadt kur­zer­hand zum De­us ex Ma­chi­na mu­tiert.

Das Ba­tail­lon an Ma­schi­nen um­fasst Was­ser­zers­täu­ber, die für Ver­duns­tungs­käl­te sor­gen, künst­li­che an­ge­leg­te Ver­duns­tungs­be­cken ent­lang der We­ge so­wie ei­ne Viel­zahl von Feuch­tig­keits­ab­sor­bern, die die sol­che­rart an­ge­rei­cher­te Luft so­dann wie­der tro­cken ma­chen. Hin­zu kom­men ei­gens aus­ge­such­te Grä­ser, Sträu­cher und Bäu­me, die ims­tan­de sind, Feuch­tig­keit und Schmutz­par­ti­kel aus der Luft zu fil­tern.

Park mit Kli­maan­la­ge

Doch das ist noch lan­ge nicht al­les. Über künst­li­che Ne­bel­an­la­gen, über Was­ser­dü­sen, die quer über den Park ver­streut sind, so­wie über ab und zu un­ter­ir­disch in­stal­lier­te Küh­lan­la­gen – ei­ne Art um­ge­kehr­te Fuß­bo­den­hei­zung für Mut­ter Na­tur – wird nicht nur die un­mit­tel­ba­re Park­luft ge­kühlt, son­dern auch für ther­mi­schen Luft­aus­tausch zwi­schen den ein­zel­nen Hoch- und Tief­druck­in­seln ge­sorgt. Das Re­sul­tat ist ei­ne Art Wind im Wes­ten­ta­schen­for­mat.

Über fünf Me­ter ho­he Ge­gen­schall­lauts­pre­cher, die sich als mo­der­ne Skulp­tu­ren tar­nen, wird an ei­ni­gen Stel­len im Park der städ­ti­sche Um­ge­bungs­lärm neu­tra­li­siert. Hier soll man zur Ru­he kom­men. Doch die „Well-being-Oa­se“, wie der Park in Prä­sen­ta­ti­ons­fil­men Tai­chungs be­zeich­net wird, ist längst nicht für al­le da. Ul­tra­schall­lauts­pre­cher im Be­reich der Was­ser­flä­chen sol­len läs­ti­ge Mos­ki­tos und an­de­res Mü­cken­ge­tier fern­hal­ten.

Ist das un­se­re Zu­kunft? „Die­ses Pro­jekt ist ein Ex­pe­ri­ment“, sagt Phi­lip­pe Rahm. „Wir wol­len da­mit un­ter­su­chen, in­wie­fern man heu­te schon mit dem Bau­stoff Kli­ma bau­en kann. Viel­leicht ge­lingt uns da­mit ei­ne Art Syn­er­gie aus künst­li­chem und na­tür­li­chem Mi­kro­kli­ma. Wir wer­den se­hen, ob das Kon­zept auf­geht.“

Flie­gen­de Ba­de­wan­ne? Hight­ech-La­bor na­mens Gar­ten? Die Ar­chi­tek­tur hat die Macht des Kli­mas für sich ent­deckt. Ob dies ein Aus­blick auf die Zu­kunft un­se­rer Le­bens­raum­ge­stal­tung ist oder bloß ein kur­zes Aus­rei­zen der Mög­lich­kei­ten und Gren­zen, wird sich erst wei­sen.

Phi­lip­pe Rahm hielt kürz­lich ei­nen Vor­trag auf der Ex­po 2015 in Mai­land. Die Teil­nah­me an die­sem zwei­tä­gi­gen Cli­ma­tec­tu­re-Sym­po­si­um im Ös­ter­reich-Pa­vil­lon er­folg­te auf Ein­la­dung des In­sti­tuts für Ar­chi­tek­tur und Land­schaft, TU Graz.

21. November 2015 Der Standard

Er­wei­te­rung und Auf­sto­ckung für „Wien-Mu­se­um neu“

Kon­zept von Wink­ler+Ruck und Čer­tov setzt sich durch

Um sich die sechs Pro­jek­te der Schluss­run­de räum­lich bes­ser vor­stel­len zu kön­nen, er­zähl­te der Ju­ry­vor­sit­zen­de Ema­nu­el Christ, sei man am Don­ners­tag zur fi­na­len Dis­kuss­ions­run­de an die fri­sche Luft ge­tre­ten. „In die­sem Mo­ment“, so Christ, „war ei­gent­lich klar, wie wir uns zu ent­schei­den ha­ben.“ Frei­tag wur­de die Ent­schei­dung der 15-köp­fi­gen Ju­ry im Wien-Mu­se­um prä­sen­tiert.

Das „Wien-Mu­se­um neu“ am Karl­splatz wird kein schril­ler Zu­bau, kei­ne hy­per­mo­der­ne Land­mark à la Gug­gen­heim, son­dern ei­ne be­hut­sa­me Er­wei­te­rung und Auf­sto­ckung des be­ste­hen­den, denk­mal­ge­schütz­ten Os­wald­Ha­erdtl-Baus aus dem Jahr 1959, des er­sten Mu­se­ums­baus der Zwei­ten Re­pu­blik. Ins­ge­samt soll die Flä­che von der­zeit 8000 um mehr als 6000 Qua­drat­me­ter er­wei­tert und so­mit fast ver­dop­pelt wer­den.

Auf­fäl­ligs­tes Ele­ment ist die dunk­le Be­ton-Box, die der recht zu­rück­hal­ten­den Iko­ne der Mo­der­ne wie ein schwe­ben­des Et­was auf­ge­setzt wird. Die­se wird in Zu­kunft die gro­ßen Wech­sel­aus­stel­lun­gen be­in­hal­ten. Im rund­um ver­glas­ten Zwi­schen­ge­schoß zwi­schen Alt­bau und Neu­bau wird der so­ge­nann­te „Wien-Raum“ mit Ca­fé, rund­um­lau­fen­der Ter­ras­se und ver­miet­ba­ren Ver­an­stal­tungs­flä­chen un­ter­ge­bracht sein.

Vor dem Ein­gang ist ein Por­tal­bau ge­plant, den der neue Wien-Mu­se­um-Chef Mat­ti Bunzl schon jetzt als ei­ne „Ge­ste der Hand­rei­chung“ be­zeich­net. Da­run­ter ent­steht – da­zu wird der Platz vor dem Mu­se­um groß­flä­chig auf­ge­gra­ben – ein un­ter­ir­di­sches De­pot, das das bis­he­ri­ge La­ger in Him­berg ent­las­ten und die Lo­gis­tik im Haus ver­ein­fa­chen soll.

Re­spekt­vol­ler Ein­griff

Der Ent­wurf für die­ses Re­zept, das in den näch­sten Mo­na­ten aus­ge­ar­bei­tet und Ba­sis für ein Ver­hand­lungs­ver­fah­ren wer­den soll, stammt vom Kla­gen­fur­ter Bü­ro Wink­ler+Ruck und vom Gra­zer Ar­chi­tek­ten Fer­di­nand Čer­tov. Wink­ler+Ruck, die sich im Wett­be­werb ge­gen ins­ge­samt 273 in­ter­na­tio­na­le Mit­strei­ter durch­set­zen konn­ten, ha­ben im Be­reich Sa­nie­rung und im Um­gang mit denk­mal­ge­schütz­ter Bau­sub­stanz be­reits lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung.

„Die his­to­ri­sche Sub­stanz ist fan­tas­tisch, da­her bleibt un­ser Ein­griff re­spekt­voll und zu­rück­hal­tend“, so Ar­chi­tekt Ro­land Wink­ler. Die Be­ton­fas­sa­de wird struk­tu­rell zu ei­nem Licht- und Schat­ten­re­lief ge­stal­tet, der Frei­raum vor dem Mu­se­um wird zu­guns­ten ei­ner bes­se­ren Sicht­bar­keit und Er­reich­bar­keit ent­rüm­pelt. Das Bud­get für den Um- und Zu­bau liegt nach Aus­sa­ge von Kul­tur­stadt­rat An­dre­as Mai­lath-Po­kor­ny bei 70 bis 100 Mil­lio­nen Eu­ro. Der Spa­ten­stich ist für 2017 ge­plant. 2019/2020 soll das „Wien-Mu­se­um neu“ in Be­trieb ge­hen.

2. November 2015 deutsche bauzeitung

Das Museum der unsichtbaren Absichten

Erweiterung des Museum Liaunig in Neuhaus (A)

Das bereits unter Denkmalschutz stehende Privatmuseum in Kärnten wurde um Präsentationsräumlichkeiten sowie zusätzliche Depotflächen erweitert. Allesamt liegen eingegraben unter der Erdoberfläche, weil sich dadurch Bau- und Unterhaltskosten minimieren ließen. Zudem bleibt das liebliche Landschaftsbild unangetastet. Durch Rohbaucharme und die Inszenierung natürlicher Lichtquellen entsteht ein höhlenartiger, archaischer, bisweilen sakraler Charakter, dessen Sinnhaftigkeit sich jedoch nicht überall erschließt.

Es ist, als würde man im römischen Pantheon stehen. Massiver Boden, massive Wände, massive Kuppelkonstruktion. In der Mitte der Decke ein rundes Loch, durch das ein kontrolliertes Bisschen Sonnenschein in den Raum fällt. Unweigerlich, als hätte man bereits eine Vorahnung, muss man in die Hände klatschen. Und dann zählen. Noch einmal. Diesmal laut schreien. Und zählen. Fünf Sekunden beträgt die Nachhallzeit. Sakrale, ja fast einschüchternd göttliche Dimensionen tun sich hier auf.

Umso erstaunlicher, dass der kreisrunde, archaisch betonierte Raum zunächst als privater Lagerraum für Plastiken und auch Landmaschinen genutzt wurde. Heute ist der einstige Abstellraum, dessen Geometrie und Bauweise 2010 im Rahmen einer »kleinen Erweiterung« traditionellen Gärungsbehältern nachempfunden wurde und der sich an der Oberfläche wie ein überdimensionaler Maulwurfshügel durch den Grasteppich wölbt, erstmals öffentlich zugänglich. Allerdings wagt man sich als Besucher kaum, das Skulpturendepot zu durchschreiten. Zu mächtig, zu erhaben stehen die bronzenen Figuren umher und beanspruchen die gesamte Halle als Aura für sich. Mit angehaltenem Atem versucht man, bloß nichts zu berühren.

Das 2008 eröffnete Museum Liaunig in der zweisprachigen Gemeinde Neuhaus/Suha in Kärnten, nur wenige Kilometer von der slowenischen Grenze entfernt, zählt zu den aufregendsten privaten Ausstellungsräumen Österreichs. Selten findet man ein Museum mit so viel nacktem, unbeschönigtem Beton, selten eine so kompromisslos zusammengestellte, auf österreichische Gegenwartskunst konzentrierte Privatsammlung wie die des Großindustriellen und Kunsthedonisten Herbert Liaunig. Das Projekt, Resultat eines geladenen Wettbewerbs, aus dem das Wiener Architekturbüro querkraft als Sieger hervorgegangen war, ging damals durch sämtliche Blogs und Gazetten. Und sogar für den Mies van der Rohe Award 2009 wurde es seinerzeit nominiert.

Nicht nur die Raumqualität, auch die ungewöhnliche Entscheidung, die Architektur in die Erde einzugraben und nur an ein paar Ecken ans Tageslicht treten zu lassen, machten den Bau zur Ikone. Das einprägsame Bild der stahlbekleideten Betonröhre, die aus dem Hang über die Bundesstraße B81 zischt, schaffte es als reduzierte Strichzeichnung sogar auf eine Briefmarke – in prominenter Gesellschaft mit dem Kunsthaus Bregenz (Peter Zumthor), dem Kunsthaus Graz (Peter Cook und Colin Fournier), dem Lentos Kunstmuseum in Linz (Weber & Hofer Architekten) und dem Schindler House in Los Angeles (Rudolph Schindler).

Im Dezember 2012 wurde das Museum, nur vier Jahre nach Fertigstellung, als jüngstes österreichisches Objekt aller Zeiten unter Denkmalschutz gestellt. Liaunig höchstpersönlich hatte sich um die Unterschutzstellung bemüht. »Schon beim Steinhaus von meinem mittlerweile verstorbenen Freund Günther Domenig war ich in Sorge, dass es verfallen und in Vergessenheit geraten könnte. Der Denkmalschutz ist ein gewisser Schutz, damit das nicht passiert, damit die Substanz erhalten bleibt. Eines Tages auch hier in Neuhaus.«

Im vorletzten Sommer wurden die Räumlichkeiten, auf die nun die Augen des Bundesdenkmalamts gerichtet sich, von 5 000 auf rund 7 500 m² vergrößert. Kein leichtes Unterfangen, bedenkt man die strengen behördlichen Auflagen, mit denen sich Hausherr Liaunig und querkraft Architekten auseinanderzusetzen hatten. Es sei schon ein eigenartiges Gefühl, das eigene Projekt zu erweitern und dabei zu berücksichtigen, dass man am Altbestand eigentlich kaum mehr etwas verändern darf, meint Jakob Dunkl, einer der drei Partner bei querkraft. »Worauf wir besonders viel Wert legen wollten, aber auch mussten, war die Beibehaltung des rohen, sakralen, unterirdischen Ambientes.«

Zu den neu errichteten beziehungsweise adaptierten Räumlichkeiten zählen neben dem umgewidmeten, nun erstmals öffentlich zugänglichen Traktorenpantheon ein Ausstellungsraum für die Glassammlung Liaunigs (1500 bis 1850) und für Porträtminiaturen aus aller Welt (1590 bis 1890) sowie ein großer, dreieckiger Raum für Wechselausstellungen, in dem zurzeit Arbeiten des irischen Künstlers Sean Scully zu sehen sind. Mit seinen pastosen, schwarz-weiß-grauen und gedeckt bunten Streifen und Balken, die er auf die Leinwand bannt, bringt er Farbe in den sonst nur weiß-grauen Raum. »Weltaneignung« nennt Scully diese Verschmelzung von Licht und Melancholie.

5 m über dem hell beschichteten Boden durchdringen sich gegenseitig riesige, bis zu 35 m lange Stahlbetonträger und umfassen mal dreieckige, mal trapezförmige Waben. Die Bauweise ist ein Zugeständnis an geänderte OIB-Richtlinien (Österreichisches Institut für Bautechnik), nach denen ein Raum, dessen Fußboden-Niveau sich unterhalb der Erdoberfläche befindet, keine primärkonstruktiven Stahlbauteile mehr aufweisen darf. Brandbeständigkeit F90 ist Vorschrift.

Ein bisschen erinnert diese rohe, unverblümte Megastruktur mit ihren bedrohlichen Hohlräumen, in denen chaotisch eingehängte Leuchtstoffröhren (vergeblich) etwas Leichtigkeit und Schwerelosigkeit hineinzubringen suchen, an die Bauten von Peter Eisenman, Louis Kahn, Le Corbusier. »Wir wollten den Raum nackt und unverkleidet belassen«, sagt Jakob Dunkl. »Damit kommt der archaische Charakter dieses Gebäudes, das ja fast zur Gänze in der Erde drinsteckt, besser zur Geltung. Es gibt keinen Unterschied zwischen Rohbau und fertigem Haus. What you see is what you get. Alles ist alles zugleich.« Er hält inne, um dann, nach einer kurzen Kunstpause den bereits vielzitierten querkraft-Slogan zum Besten zu geben: »Kein Gramm Fett.«

Doch warum wird die Kunst in die Erde eingebuddelt? Warum darf sich das so wertvolle Werk des Menschen nicht an der Oberfläche abzeichnen? Der ureigentliche Grund, der 2008 zu dieser Entscheidung geführt hatte, war ein zutiefst pragmatischer. 1 500 Euro/m², hatte Auftraggeber Liaunig damals in der Wettbewerbsausschreibung gefordert, durfte das Gebäude kosten – und keinen Cent mehr. Sogar Architekt Dietmar Eberle, der seinerzeit den Juryvorsitz innehatte, meinte, um diesen Preis könne man nie und nimmer ein Museum bauen. Querkraft hat bewiesen, dass man doch kann.

»Die billigste Außenwand, die man nach heutigem Stand der Technik produzieren kann, ist eine Kellerwand«, sagt Jakob Dunkl. »Genau so ist das gesamte Museum konzipiert. An den paar Stellen, an denen das Bauwerk den Hang durchbricht, haben wir uns ganz normaler Industriebauweise bedient, wie man sie in jedem Gewerbegebiet vorfindet.« Die Kombination machts. Obwohl an der Außenseite Wellblech, Trapezblech, handelsübliche Lichtkuppeln und 08/15-Stahlbauteile zum Vorschein kommen, wirken diese im Dialog mit der sanften, samtig weich dahinfließenden Landschaft um ein paar Nuancen verfeinert und veredelt.

Das Licht wird, wo benötigt, durch entsprechend in die Höhe oder in die Länge verlängerte Lichtrüssel eingefangen. Einzig in der Goldkammer und in den neuen Glas- und Miniatur-Ausstellungsräumen macht man sich die Eigenheiten der unterirdischen Bauweise zunutze und lässt das Tageslicht gar nicht erst ins Innere dringen. Hier erst entfaltet sich der Nimbus des Unterirdischen, des Unsichtbaren und verleiht dem Museum – indem es die volle Konzentration auf die funkelnden, in Summe millionenschweren Exponate richtet – einen Hauch von dramaturgisch durchaus ins Konzept passender Klaustrophobie und Katakombenhaftigkeit.

Kosten wurden durch die unterirdische Bauweise gleich doppelt gespart. Nicht nur durch die Senkung des Baubudgets, sondern auch die Betriebskosten ließen sich durch das umliegende Erdreich, das als wertvolle speicherfähige Masse mit entsprechender Trägheit fungiert, auf ein Minimum reduzieren. »Wir brauchen keine fossilen Brennstoffe«, sagt Reinhold Jamer, zuständiger Haustechniker im Museum. »Gekühlt und geheizt wird bei uns mittels Erdwärme und Wärmepumpe, wobei die Energie über eine Fußbodenheizung in die Räume geschleust wird. Der wirklich große Vorteil gegenüber öffentlichen Einrichtungen jedoch ist, dass wir die Ausstellungsräume nicht rund um die Uhr temperieren und lüften müssen, sondern die Anlage je nach Bedarf ein- und ausschalten können.«

Im Haustechnikraum hinter den Sean-Scully-Gemälden sind heute Stühle, Kartons und Holzkisten geschichtet – Reservematerial für Lesungen und andere Veranstaltungen sowie für die Rückspedition der großformatigen Werke. Eines Tages, so der Plan von querkraft, könne man die Haustechnik ohne Schwierigkeit aufrüsten, sollte das Museum noch einmal erweitert werden. »Das ist aber nicht mein Plan«, sagt Hausherr Herbert Liaunig. »Das Museum ist jetzt groß genug. Es wird keine weitere Ausbaustufe mehr geben.« Nur noch der in die Landschaft eingelassene Skulpturengarten, heute ein Krater in der Wiese, soll kommendes Frühjahr eröffnet werden. Die Baustelle läuft bereits. Das, versichert Liaunig, wird der letzte Akt gewesen sein.

Das Museum Liaunig lebt von einem Paradoxon: Einer der wohlhabendsten Industriellen und Kunstsammler Österreichs hat auf brutale, ja fast kaum zu realisierende Weise den Architekten die Daumenschraube angelegt und das Baubudget bis zum äußersten Minimum gesenkt. Die unterirdische Bauweise – so glücklich sie in der Ausgestaltung auch sein mag, so welt- und neubauoffen sie die Gutachter des österreichischen Bundesdenkmalamts anrücken ließ – ist damit Produkt von Rotstift und härtester, unternehmerischer Ökonomie. Museale Absichten, konzeptionelle Überlegungen und Maßnahmen zum Landschaftsschutz sind nicht mehr als willkommene Begleiterscheinungen, die querkraft hier so wunderbar als Kür ins Projekt zu implementieren wusste. Wie heißt es doch so schön? Zwänge und Einschränkungen beleben den Geist des Architekten. Es bleibt ein Hauch von Irritation.

2. November 2015 Der Standard

Wolf D. Prix entwarf Alban-Berg-Denkmal

Skulptur soll im Frühjahr 2016 vor Staatsoper stehen

Alban Bergs Vermächtnis, darunter etwa die Opern Wozzeck und Lulu sowie die Einführung der Zwölftonmusik, ist weltberühmt. Und doch ist der Wiener Komponist (1885-1935) in seiner Heimatstadt bislang unterrepräsentiert. Das soll sich nun ändern. Gestern, Montag, präsentierte die Alban-Berg-Stiftung im Kulturministerium in Anwesenheit von Kulturminister Josef Ostermayer (SP) die Pläne für das Alban-Berg-Denkmal, das im kommenden Frühjahr auf dem Herbert-von-Karajan-Platz vor der Wiener Staatsoper aufgestellt werden soll. „Eigentlich hasse ich die Metapher von Architektur und gefrorener Musik, weil sie ein Blödsinn ist“, sagt Wolf Prix, der für den Entwurf – eine abstrakte Variation über vier Notenbilder – verantwortlich zeichnet. „Aber in diesem Fall stimmt es wirklich.“ Der Chef des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au hat nicht nur eine persönliche Vorliebe für die Musik Bergs und seiner Zeitgenossen Arnold Schönberg und Anton Webern, sondern auch eine familiäre Beziehung: „Mein Großonkel Klaus Maetzl war Mitglied im ersten Alban-Berg-Streichquartett.“ Die Kosten der sechs Meter hohen Skulptur, die laut Präsident Maximilian Eiselsberg „höchstwahrscheinlich in Nirosta errichtet werden soll“, trägt die Stiftung selbst. Rund fünf Prozent der eingenommenen Tantiemen bis 2005 (70 Jahre nach dem Tod des Komponisten) und somit des derzeitigen Stiftungsvermögens werden in die Planung und Errichtung des Denkmals investiert.

24. Oktober 2015 Der Standard

So muss Wohn­zim­mer

Ge­stern, Frei­tag, wur­de der Bau­her­ren­preis 2015 ver­ge­ben. Un­ter den sechs Preis­trä­gern fin­det sich auch ei­ne al­le Maß­stä­be spren­gen­de Wohn­haus­an­la­ge im Wie­ner Sonn­wend­vier­tel. Da kann man glatt vor Neid er­blas­sen

Darf ich Ih­nen ein klei­nes Ge­heim­nis an­ver­trau­en? Aber schrei­ben Sie das dann auch so in die Zei­tung?“, fragt Ishrat Za­far. „Ach, ist doch egal.“ Sie bleibt in der Woh­nungs­tü­re ste­hen. Es riecht nach Cur­ry und in­di­schen Ge­wür­zen. „Ich bin jetzt 40 Jah­re alt, aber ich ha­be mein gan­zes Le­ben lang nie­mals schwim­men ge­lernt. Ich kom­me aus Dha­ka, der Haupt­stadt von Bang­la­desch, und da gibt es kaum Ba­de­mög­lich­kei­ten. Da muss ich erst nach Wien kom­men, um end­lich zu schwim­men an­zu­fan­gen!“

Die Ein­la­dung zur sport­li­chen Er­tüch­ti­gung im Schwe­be­zu­stand ist in der Tat mehr als ver­lo­ckend. Auf Stie­ge 1 gibt es ein Kel­ler­schwimm­bad mit Sau­na, Dampf­bad und Fit­ness­raum. Ein­tritt vier Eu­ro, na­tür­li­ches Ta­ges­licht von oben, zwei Au­to­ma­ten für Co­la und Kaf­fee, und so­gar ei­ne Süd­see­ku­lis­se mit Pal­mens­trand und azur­blau­em Was­ser ist da. Je­den Mon­tag ist Frau­en­tag. Vor al­lem von den mus­li­mi­schen Be­wohn­er­in­nen und An­rai­ne­rin­nen aus der Um­ge­bung wird das An­ge­bot re­ge ge­nutzt. An man­chen Ta­gen, sagt Fa­ti­ma, die zehn­jäh­ri­ge Toch­ter, die be­reits ins Gym­na­si­um geht, ste­hen die Frau­en Schlan­ge bis nach drau­ßen. „Manch­mal ge­he ich mit. Ich fin­de das Frau­en­schwim­men voll cool.“

Ge­stern, Frei­tag, wur­de das „Wohn­zim­mer Sonn­wend­vier­tel“, so der of­fi­ziel­le Na­me des Wohn­bau­pro­jekts im Hin­ter­land des neu­en Wie­ner Haupt­bahn­hofs, als ei­nes von ins­ge­samt sechs Ge­bäu­den (sie­he un­ten) mit dem Ös­ter­rei­chi­schen Bau­her­ren­preis 2015 aus­ge­zeich­net. Die Preis­ver­lei­hung fand im Werk­raum Bre­gen­zer­wald in An­dels­buch statt. Der Ort ist kein Zu­fall, schließ­lich ist Pe­ter Zum­thors Hand­werk­er­haus ei­ner der Preis­trä­ger des letz­ten Jah­res. „Üb­li­cher­wei­se ge­hen Ar­chi­tek­tur­prei­se an die Ar­chi­tek­tin­nen und Ar­chi­tek­ten“, sagt Mar­ta Schrei­eck, Prä­si­den­tin der Zen­tral­ver­ei­ni­gung der Ar­chi­tek­tIn­nen Ös­ter­reichs (ZV). „Mit die­sem Preis je­doch möch­ten wir all je­ne Men­schen vor den Vor­hang ho­len, die die­se Leis­tun­gen über­haupt erst er­mög­li­chen, ja so­gar ein­for­dern. Es ist ei­ne Wür­di­gung der of­fe­nen, qua­li­täts­be­wuss­ten Bau­her­ren und Auf­trag­ge­be­rin­nen. Oh­ne die­se wä­re die Ar­chi­tek­tur in Ös­ter­reich nicht da, wo sie heu­te ist.“

15 Me­ter lan­ge Ta­fel

Drei lan­ge Rie­gel, viel Be­ton, ver­zink­ter Stahl an der Fass­ade und je­de Men­ge durch­geo­me­tri­sier­te Ar­chi­tek­tur­kom­po­si­ti­on im Be­reich der Log­gien und Bal­ko­ne. Auf­ge­lo­ckert wird die stren­ge Er­schei­nung der Wohn­haus­an­la­ge von drei ro­ten, acht­ge­scho­ßi­gen Skulp­tu­ren im In­nen­hof. Mit­tels gum­mi­en­ten­gel­ber Brü­cken, die im drit­ten und vier­ten Stock durch die Luft pfei­fen, wer­den die ins­ge­samt 427 Woh­nun­gen zu ei­ner zu­sam­men­hän­gen­den Stadt in der Stadt ver­bun­den.

Zu so ei­ner Stadt ge­hö­ren aber nicht nur pri­va­te Wohn­räu­me, son­dern auch öf­fent­li­che und halb­öf­fent­li­che Ein­rich­tun­gen. Und da­von gibt es im Wohn­zim­mer Sonn­wend­vier­tel je­de Men­ge: Schwimm­bad, Well­ness-Cen­ter, Fit­ness­raum, Ju­gend- und Mu­sik­zim­mer, ei­ne Aus­stel­lungs­ga­le­rie, ein klei­nes Thea­ter mit Büh­ne und öf­fen­ba­rer Glas­fass­ade, ein Mäd­chen­zim­mer, ei­ne Klet­ter­hal­le, ei­nen drei­ge­scho­ßi­gen In­door-Spiel­platz mit Rut­schen­la­by­rinth (Selbst­ver­such, Tem­po, Hal­le­lu­ja), ei­ne Ge­mein­schafts­kü­che mit Spei­se­saal, ei­nen Grill­platz mit ei­ner 15 Me­ter lan­gen Ta­fel, ja so­gar ei­nen fix ein­ge­bau­ten Open-Air-Markt­stand, der sams­tags von 8 bis 15 Uhr mit Bio­pro­duk­ten aus den Bun­des­län­dern be­stückt wird, zäh­len zum Aus­stat­tungs­ka­ta­log die­ses viel­leicht un­ge­wöhn­lich­sten Wohn­hau­ses Wiens.

Das Highl­ight je­doch, das sa­gen vie­le, ist der Ki­no­saal, der wie ei­ne winds­chie­fe Box im Be­ton­wirr­warr des Stie­gen­hau­ses zu hän­gen scheint. Im On­li­ne-Ka­len­der ist un­schwer zu er­ken­nen, dass das Ho­me-Ci­ne­ma mit sei­nen zwölf Sitz­plät­zen die näch­sten drei Mo­na­te mehr oder we­ni­ger rest­los aus­re­ser­viert ist. Vor al­lem die UE­FA Cham­pi­ons Lea­gue hat es den Vä­tern und Ehe­män­nern an­ge­tan. Ins­ge­samt, heißt es, be­tra­gen die Ge­mein­schafts­flä­chen rund sie­ben Pro­zent der Ge­samt­wohn­flä­che. Kein Wun­der, dass das Pro­jekt in der ak­tu­el­len Aus­ga­be des Wirt­schafts­ma­ga­zins brand eins (Schwer­punkt Im­mo­bi­lien) als „Lu­xus­apart­ment-An­la­ge“ mit „Voll­kom­mu­ni­ka­ti­on“ be­zeich­net wird.

„Ich ha­be noch nie zu­vor so ei­ne Wohn­haus­an­la­ge be­treut“, sagt Ge­rhard Weiß­kir­cher. Der 48-Jäh­ri­ge ist Ge­schäfts­füh­rer von IFSM und Fa­ci­li­ty-Ma­na­ger vor Ort. Par­don, Con­cier­ge heißt es hier, wird man bei ei­ner Füh­rung durch die Räum­lich­kei­ten kor­ri­giert. „Je­den­falls war für mich von An­fang an klar, dass die­ses Pro­jekt ei­nen, wenn nicht gleich meh­re­re Prei­se ab­kas­sie­ren wird. Es ist ein­fach per­fekt.“

Auch Christ­oph Nimm­rich­ter, sei­nes Zei­chens Gar­ten­ge­stal­ter, der mit sei­ner Fa­mi­lie ei­ne 64 Qua­drat­me­ter gro­ße Woh­nung mit 60 Qua­drat­me­ter (!) gro­ßer Ter­ras­se be­wohnt, ist vom Wohn­zim­mer vor dem Wohn­zim­mer mehr als an­ge­tan. „Ich ha­be das Ge­fühl, dass man die Nach­barn in die­sem Pro­jekt ra­scher ken­nen­lernt als in an­de­ren Wohn­haus­an­la­gen. Es hat fast ei­ne Art Dorf­cha­rak­ter. Und das sa­ge aus­ge­rech­net ich, der im­mer in Alt­bau­ten ge­lebt hat und dem Neu­bau so skep­tisch ge­gen­über­stand!“ Die Ar­chi­tek­ten hin­ter dem vor ei­nem Jahr fer­tig­ge­stell­ten Wohn­zim­mer Sonn­wend­vier­tel sind die drei Bü­ros Klaus Ka­da, Stu­dio Vlay mit Le­na Stree­ru­witz und Riepl Kauf­mann Bam­mer Ar­chi­tek­tur. Der hier wohl­weis­lich aus­ge­zeich­ne­te Bau­trä­ger nennt sich win4wien, ein Zu­sam­men­schluss der vier Wohn­bau­trä­ger Neu­es Le­ben, Neue Hei­mat, EBG und Mi­schek.

„Ich freue mich über den Preis, und ich hof­fe, dass das Pro­jekt in Zu­kunft vie­le In­ves­to­ren und Bau­trä­ger in­spi­rie­ren wird“, sagt Mi­chae­la Mi­schek-Lai­ner von win4wien. „Es war ei­ne ziem­li­che Her­aus­for­de­rung, das al­les un­ter ei­nen Hut zu brin­gen, und wir muss­ten in­tel­li­gent und ef­fi­zient pla­nen, aber es ist sich aus­ge­gan­gen.“ Von den 55 Mil­lio­nen Eu­ro Ge­samt­bau­kos­ten wur­den von An­fang an 1,9 Mil­lio­nen Eu­ro fürs Schwimm­bad und wei­te­re 300.000 Eu­ro für die Aus­stat­tung der Ge­mein­schafts­flä­chen re­ser­viert. „Die­ses Bud­get war vom er­sten Tag an sa­kro­sankt“, so Mi­schek-Lai­ner. „In die­sem Be­reich durf­te kein ein­zi­ger Cent ein­ge­spart wer­den.“ So muss Woh­nen.

21. Oktober 2015 Der Standard

Lift me up!

Beim Leo­pold­to­wer in Wien-Don­aus­tadt ver­zich­te­te Bau­trä­ger ÖSW auf För­der­mit­tel und schlich­te­te den Woh­nungs­mix nach ei­ge­nem Er­mes­sen zu ei­nem 85 Me­ter ho­hen Turm. Bloß für die nö­ti­ge An­zahl an Lif­ten reich­te das Geld schein­bar nicht mehr aus.

„Der Aus­blick aus un­se­rer Woh­nung ist ein­fach ein Traum“, sagt No­di­ra Aza­no­va. „Wir schau­en nach Sü­den, di­rekt auf die In­nens­tadt, und so­gar den Ste­phans­dom kön­nen wir von un­se­rem Wohn­zim­mer aus se­hen.“

Die 27-Jäh­ri­ge stammt aus Us­be­kis­tan. Ge­mein­sam mit ih­rem Mann, der in der Uno ar­bei­tet, und ih­ren bei­den Klein­kin­dern wohnt sie in ei­ner Ei­gen­tums­woh­nung im zehn­ten Stock. Drei Zim­mer mit Bal­kon für 275.000 Eu­ro, das sei durch­aus okay. „An­de­re Wohn­pro­jek­te wa­ren deut­lich teu­rer“, so Aza­no­va.

Ei­nen Stock un­ter ihr wohnt die Psy­cho­lo­gie-Stu­den­tin Christ­ine Pu­fitsch. Die 23-Jäh­ri­ge hat­te es auf ei­ne Woh­nung mit gu­ter öf­fent­li­cher An­bin­dung zur Uni ab­ge­se­hen. „Die U1 fährt prak­tisch an der Woh­nungs­tür vor­bei, und auch sonst ist mit den Ge­schäf­ten im Ein­kaufs­zen­trum Ci­ty­ga­te al­les da, was man zum täg­li­chen Le­ben braucht.“ 55 Qua­drat­me­ter be­wohnt sie in Mie­te. Da­zu gibt es ei­nen rund zehn Qua­drat­me­ter gro­ßen Bal­kon. Die ein­ma­li­ge Miet­vor­aus­zah­lung in der Hö­he von 30.000 Eu­ro – ja, so heißt der Be­trag im Bau­trä­ger­fach­jar­gon – be­kommt sie bei Aus­zug wie­der zu­rück­er­stat­tet. „Das passt al­les ganz gut. Nur die Ge­gend … na ja, In­dus­trie und Ge­wer­be halt.“

Der Leo­pold­to­wer mit sei­nen 26 Stock­wer­ken und ins­ge­samt 302 Woh­nun­gen wur­de im Som­mer an die Be­wohn­er­in­nen und Be­woh­ner über­ge­ben. Der 85 Me­ter ho­he Turm in der Sey­rin­ger Stra­ße 5, der schon von wei­tem sicht­bar aus der Ebe­ne des be­gin­nen­den March­felds em­por­schießt, ist nicht nur die bau­li­che Ant­wort auf den stei­gen­den Wohn­be­darf in Wien, son­dern auch ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu den im­mer schwie­ri­ger zu fi­nan­zie­ren­den Bau­grün­den, die den ge­mein­nüt­zi­gen Bau­trä­gern zur Ver­fü­gung ste­hen. Das kom­plet­te Haus wur­de frei­fi­nan­ziert – oh­ne ei­nen ein­zi­gen Cent För­der­geld.

„Als ge­mein­nüt­zi­ger Bau­trä­ger kommt man heu­te kaum noch an leist­ba­re Grund­stü­cke he­ran“, sagt Mi­cha­el Pech, Vor­stand des Ös­ter­rei­chi­schen Sied­lungs­werks (ÖSW), im Ge­spräch mit dem STAN­DARD . „In Zu­sam­men­spiel mit den ge­stie­ge­nen tech­ni­schen und bau­recht­li­chen An­for­de­run­gen gibt es manch­mal kei­ne an­de­re Mög­lich­keit, als so ein Pro­jekt au­ßer­halb des eng­ge­steck­ten Rah­mens der För­der­bar­keit zu er­rich­ten.“

Un­ter­schied­li­che Ty­po­lo­gien

Leist­bar im her­kömm­li­chen Sin­ne, meint Pech, sei­en die Woh­nun­gen den­noch – zu­min­dest ein gro­ßer Teil da­von. Denn schließ­lich wer­den im Leo­pold­to­wer vie­le un­ter­schied­li­che Wohn­ty­po­lo­gien mit­ein­an­der ver­mischt, wo­durch sich die Mög­lich­keit er­gibt, güns­ti­ge­re Miet­woh­nun­gen, die Mie­ten im durch­aus för­der­ba­ren Be­reich auf­wei­sen, mit hoch­wer­ti­ge­ren Ei­gen­tums­woh­nun­gen und mö­blier­ten Apart­ments auf Zeit quer­zu­fi­nan­zie­ren. Un­term Strich er­gibt sich ein wirt­schaft­li­ches Null­sum­men­spiel für den ei­nen, ein Mix an güns­ti­gen und hoch­wer­ti­gen Wohn­räu­men für den an­de­ren.

„Wir ge­hen schon lan­ge mit der Idee schwan­ger, ein frei­fi­nan­zier­tes Wohn­hoch­haus zu er­rich­ten“, so Pech. „Vor vier Jah­ren schon hat­te ich die­ses Pro­jekt erst­mals auf dem Schreib­tisch, aber da­mals hat­te ich mich noch nicht drü­ber­ge­traut. Mitt­ler­wei­le se­he ich drin­gen­den Hand­lungs­be­darf. Wien wächst ra­sant, die Ge­sell­schaft ver­än­dert sich, und mitt­ler­wei­le sind 45 Pro­zent al­ler Woh­nun­gen in Wien Sing­le­haus­hal­te.“

Ent­spre­chend viel­fäl­tig sieht das Spek­trum der an­ge­bo­te­nen Woh­nun­gen aus: In den un­ter­sten fünf Ge­scho­ßen gibt es 107 voll­mö­blier­te Kurz­zeit­apart­ments, die man für zwei Mo­na­te bis zwei Jah­re mie­ten kann. Be­treib­erin die­ser rund 40 Qua­drat­me­ter gro­ßen Woh­nun­gen, die sich an Ex­pats, Aus­lands­stu­die­ren­de und Men­schen in ver­zwick­ten fa­mi­liä­ren Ver­hält­nis­sen wie et­wa Tren­nung und Schei­dung rich­ten, ist die ÖSW-Toch­ter room4rent.

Fa­ti­ma Afs­har ist ei­ne von ih­nen. Die 40-jäh­ri­ge Stu­den­tin aus dem Iran wohnt mit ih­rem Sohn im fünf­ten Stock. „Es war al­les da, nur das Ge­schirr und den Tep­pich ha­be ich selbst kau­fen müs­sen“, sagt Afs­har, die in Wien Ame­ri­can Stu­dies und Eng­lish Li­te­ra­tu­re stu­diert. „Ich mie­te die Woh­nung für zwei bis drei Mo­na­te. Auf die­se Wei­se ha­be ich ge­nü­gend Zeit, um mich nach ei­ner pas­sen­den Woh­nung um­zu­schau­en, oh­ne Druck und oh­ne Stress.“

In den Stock­wer­ken sechs bis neun gibt es 36 kom­pak­te Smart-Woh­nun­gen auf Miet­ba­sis (ÖSW), vom zehn­ten bis zum 17. Stock­werk 72 frei­fi­nan­zier­te Ei­gen­tums­woh­nun­gen (Bau­trä­ger Woh­nungs­ei­gen­tum), da­rü­ber schließ­lich ex­klu­si­ve Ei­gen­tums­woh­nun­gen und Pent­hou­ses, die die bei­den Bau­trä­ger 360°, eben­falls ei­ne ÖSW-Toch­ter, und 6B47 Re­al Es­ta­te In­ves­tors ver­mark­ten. Die Qua­drat­me­ter­prei­se hier oben in den Wol­ken lie­gen be­reits bei 4300 bis 5500 Eu­ro. Ein Pent­hou­se ist be­reits weg, drei sei­en noch zu ha­ben, so Pech.

„Ma­xi­mal fle­xi­bel“

Nicht von un­ge­fähr er­in­nert die Ar­chi­tek­tur­spra­che ein we­nig an den be­nach­bar­ten 100 Me­ter ho­hen Ci­ty­ga­te-To­wer, den die Stumpf AG er­rich­te­te. Bei­de Hoch­häu­ser wur­den vom Wie­ner Ar­chi­tek­tur­bü­ro quer­kraft ge­plant. „Das Re­zept ist ganz ein­fach“, meint Ar­chi­tekt Gerd Er­hartt. „Es gibt tra­gen­de Au­ßen­wän­de, ei­nen tra­gen­den Stie­gen­haus­kern, al­les an­de­re da­zwi­schen ist in Leicht­bau er­rich­tet – auch die Woh­nungs­trenn­wän­de.“ Auf die­se Wei­se sei das Hoch­haus ma­xi­mal fle­xi­bel. „Vom Loft bis zur Kleinst­woh­nung ist al­les mög­lich“, so Er­hartt. Das zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­ge Farb­kon­zept in den Gän­gen stammt von Hei­mo Zo­ber­nig. In düs­ter dun­kel­grün und vor­letzt­klas­sig vio­lett aus­ge­pin­sel­ten Kor­ri­do­ren heim­zu­kom­men ist nicht je­der­manns Sa­che.

Ein­zi­ger Knack­punkt des Leo­pold­to­wers ist aus­ge­rech­net je­nes Ding, mit dem das Funk­tio­nie­ren ei­nes Hoch­hau­ses steht und fällt. „Wis­sen Sie, es lebt sich hier wirk­lich gut“, sa­gen Ka­rin und Ibra­him Yil­diz, die im 14. Stock woh­nen. „Aber dass es für die Woh­nun­gen im Hoch­haus nur zwei Lif­te gibt, ist ei­ne Ka­ta­stro­phe. Manch­mal ste­hen wir in der Früh fünf, sechs, sie­ben Mi­nu­ten lang da und war­ten, bis der Auf­zug da ist. Da über­legt man sich drei­mal, ob man in die Woh­nung zu­rück­fährt, wenn man et­was ver­ges­sen hat.“ Sieht so Le­bens­qua­li­tät aus?

Nach Aus­kunft Pechs be­trägt das In­ves­ti­ti­ons­vo­lu­men „et­was über 50 Mil­lio­nen Eu­ro“. Ein paar Pro­mil­le drauf, und der Leo­pold­to­wer wä­re ein hoch­wer­ti­ges, in sich schlüs­si­ges Hoch­haus mit ei­ner ent­spre­chend hoch­wer­ti­gen Er­schlie­ßung ge­wor­den. Die Kür des 85 Me­ter ho­hen Turms, des­sen In­nen­le­ben auf meh­re­re Bau­trä­ger und meh­re­re Wohn­mo­del­le auf­ge­teilt wur­de, ist ge­lun­gen und ein gu­tes Bei­spiel für al­ter­na­ti­ve Fi­nan­zie­rung im teu­er ge­wor­de­nen Wien. Wa­rum aus­ge­rech­net an der Pflicht ge­spart wur­de, bleibt ein Rät­sel. Den rund 600 Be­wohn­ern des Hau­ses ist man ei­ne Er­klä­rung (oder noch bes­ser ein paar Auf­zü­ge) schul­dig.

3. Oktober 2015 Der Standard

Woh­nen als die Sum­me der Teil­chen

Auf dem Hun­zi­ker-Are­al in Zü­rich wur­de das Zu­sam­men­le­ben in der WG völ­lig neu er­fun­den. Statt in klei­nen, ab­ge­schot­te­ten Zim­mern ko­exis­tiert man nun in ei­ner rie­si­gen Clus­ter-Woh­nung mit ein paar klei­nen Ein­lie­ger­woh­nun­gen. Das hat was.

Komm rein in die Stu­be!“, sagt Mar­co Gäh­ler, 27 Jah­re alt, ge­fühl­te 2,10 Me­ter groß bis zu sei­nem Schei­tel, rollt laut­los ins Wohn­zim­mer und plat­ziert sich mit ei­ner hal­ben Pi­rou­et­te rück­lings auf die Couch. „Die Woh­nung ist so groß, dass ich manch­mal Lust ha­be, ein paar Run­den zu dre­hen und neue Fi­gu­ren aus­zu­pro­bie­ren, ein­fach so.“ An sei­nen Fü­ßen hat er ein Paar Ska­ter­schu­he fest­ge­schnallt, sol­che, die man nor­mal­er­wei­se in ei­ner Half­pi­pe vor­fin­det, ge­wiss nicht zwi­schen Vor­zim­mer und Kü­che. „Ich weiß, das sind un­ge­wöhn­li­che Haus­schu­he. Man ge­wöhnt sich dran.“

Mar­co ist Phy­si­ker, Che­mi­ker und IT-Pro­gram­mie­rer und wohnt im so­ge­nann­ten Clus­ter-Haus auf dem neu be­bau­ten Hun­zi­ker-Are­al im Nor­den Zü­richs. Frü­her wur­den hier Be­ton­fer­tig­tei­le für die gan­ze Schweiz her­ge­stellt, heu­te ste­hen hier 13 Wohn­häu­ser mit ins­ge­samt 450 Woh­nun­gen, die un­ter dem viel­ver­spre­chen­den Ti­tel „Mehr als Woh­nen“ fir­mie­ren. Ne­ben den Du­plex Ar­chi­tek­ten, die das in Zie­gel und Be­ton er­rich­te­te Clus­ter-Haus ge­plant ha­ben, sind noch ei­ni­ge an­de­re Zür­cher Ar­chi­tek­tur­bü­ros mit von der Par­tie. Die Mi­schung könn­te wil­der nicht sein.

„Mehr als Woh­nen“ be­deu­tet: Die Be­wohn­er­in­nen und Mit­glie­der der Ge­nos­sen­schaft ver­zich­ten auf ihr ei­ge­nes Au­to und so­mit auch auf ei­nen in der Re­gel kost­spie­li­gen Ga­ra­gen­platz. Im Ge­gen­zug wird ih­re As­ke­se mit mehr oder we­ni­ger lu­xu­riö­sen Ser­vi­ce-Zu­ckerln be­lohnt. Das An­ge­bot er­streckt sich von Cars­ha­ring und Elek­tro­mo­bi­li­tät über Ge­mein­schafts­kü­chen, Glas­häu­ser, Kräu­ter­be­ete bis hin zu im Haus in­te­grier­ten Ho­tel­zim­mern für den Tan­ten­be­such aus Über­see. Vor al­lem aber be­sticht die Wohn­haus­an­la­ge, an der sich mehr als 60 Zür­cher Wohn­bau­ge­nos­sen­schaf­ten be­tei­ligt ha­ben, durch ein enor­mes Pot­pour­ri an neu­en Wohn- und Grund­riss­ty­po­lo­gien.

„Ich fin­de die­se Woh­nung klas­se“, sagt Mar­co. „Ich ha­be zwar schon mal in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft ge­lebt, aber hier hat je­der sei­nen ei­ge­nen Rück­zugs­be­reich, und es gibt kein An­stel­len am WC und kei­ne Strei­te­rei­en we­gen der Zahn­pas­ta­tu­be.“ Je­der Clus­ter be­steht aus ei­nem rund 200 Qua­drat­me­ter gro­ßen Wohn­be­reich für al­le, da­zwi­schen lie­gen – wie Häu­ser rund um ei­nen Dorf­platz – klei­ne, au­tar­ke Ein­lie­ger-Mi­ni­woh­nun­gen mit Wohn- und Schlaf­be­reich, Tee­kü­che und ei­ge­nem Dusch­bad. Die Tü­ren ste­hen die meis­te Zeit of­fen. Ab und zu nur ver­kriecht sich je­mand und ward ei­nen gan­zen Tag lang nim­mer ge­se­hen.

„400 Qua­drat­me­ter zu zehnt, mit ei­ner rie­si­gen Wohn­kü­che, ei­nem 30 Me­ter lan­gen Wohn­zim­mer, das uns ehr­lich ge­sagt viel zu groß ist, ei­ner über­durch­schnitt­lich gro­ßen Log­gia, auf der man mit Freun­den gril­len und Par­tys fei­ern kann, und das al­les mit­ten in Zü­rich …“, er­zählt Mar­co mit ei­nem im­mer brei­ter wer­den­den Grin­ser und ei­ner ge­wis­sen Süf­fi­sanz in sei­ner schwy­zer­düt­schen Stim­me, „al­so ich wür­de das schon als so­zia­len Lu­xus be­zeich­nen.“

Zwei Eta­gen über ihm wohnt Karl Klisch. Der 49-jäh­ri­ge Tier­arzt stammt aus Ham­burg und lebt nun seit knapp über ei­nem Jahr in Zü­rich. „Wenn ich schon ei­nen Ta­pe­ten­wech­sel vor­neh­me, dann will ich auch ei­ne neue Art des Woh­nens aus­pro­bie­ren“, sagt er. „Ich fin­de die­ses Pro­jekt und die­se Form des Zu­sam­men­le­bens ex­trem be­rei­chernd. Ich ge­nie­ße das Mit­ein­an­der.“ Vis-à-vis wohnt An­na Ham­bit­zer, 28 Jah­re alt, Phy­si­ke­rin und Elek­tro­me­di­zi­ne­rin. „Hier zu sein ist wirk­lich mehr als nur woh­nen“, sagt sie. „Die­ses Haus ist ein Bei­trag für ein zu­künf­ti­ges, ge­sell­schafts­über­grei­fen­des Ko­exis­tie­ren, weit über die klas­si­sche Stu­den­ten-WG hin­aus.“

Miet­ver­trag nach sechs Mo­na­ten

Un­ge­wöhn­lich ist je­doch nicht nur der Woh­nungs­grund­riss, son­dern auch das Ver­mie­tungs­mo­dell. „Be­reits ei­ne klei­ne Grup­pe von nur drei Leu­ten kann sich bei uns für ei­ne Woh­nung an­mel­den“, sagt An­dre­as Ho­fer, Ge­schäfts­füh­rer der ei­gens für die­ses Pro­jekt ge­grün­de­ten Su­per-Bau­ge­nos­sen­schaft Mehr als Woh­nen. „Da­nach ha­ben die Leu­te ein hal­bes Jahr Zeit, um in Ei­gen­ini­tia­ti­ve ei­ne grö­ße­re Wohn­ge­mein­schaft zu for­mie­ren. In die­ser Zeit un­ter­stüt­zen wir sie fi­nanz­iell, da­mit sie die Ge­samt­mie­te nicht al­lein auf­brin­gen müs­sen.“

Erst nach Ab­lauf die­ser Frist star­tet der Miet­ver­trag mit der Ge­nos­sen­schaft. Die WGs sind von nun an au­tark und küm­mern sich selbst­stän­dig um die Be­le­gung und Nach­ver­mie­tung ih­res Woh­nungs­clus­ters. „In­dem man Ver­ant­wor­tung ab­gibt, stärkt man bei den Be­wohn­er­in­nen und Be­wohn­ern ein Stück weit auch den Ge­dan­ken ei­nes Mit­ein­an­ders“, so Ho­fer. „Man­che Ge­nos­sen­schaf­ten ha­ben die­ses Mo­dell be­reits seit über zehn Jah­ren im Port­fo­lio. Es funk­tio­niert per­fekt.“

Die Mie­ten im Clus­ter­haus lie­gen je nach Grö­ße, Stock­werk und Him­mels­aus­rich­tung zwi­schen 4000 und 6000 Fran­ken, rund 3700 bis 5500 Eu­ro. Ob­wohl je­der ein­zel­ne Mie­ter ei­nen ei­ge­nen Miet­ver­trag be­kommt, obliegt es der Wohn­ge­mein­schaft zu ent­schei­den, wie die­se für die mo­nat­li­che Mie­te auf­kom­men will. Man­che WGs ha­ben den Ge­samt­preis ein­fach nur durch die An­zahl der Be­woh­ner di­vi­diert, an­de­re ha­ben kom­pli­zier­te For­meln ent­wi­ckelt, die die Grö­ße der pri­va­ten Ein­lie­ger­woh­nung so­wie ei­ne an­tei­li­ge, mal ge­sieb­tel­te, mal ge­ach­tel­te, mal ge­neun­tel­te Nut­zung der Ge­mein­schafts­flä­chen be­rück­sich­tigt. Schweiz halt.

„Die Wohn­form der Zu­kunft“

„Ich den­ke, dass sich die­se groß­städ­ti­sche Wohn­form in Zu­kunft noch dra­ma­tisch wei­ter­ent­wi­ckeln wird“, sagt Dan Schürch, Pro­jekt­lei­ter im zu­stän­di­gen Ar­chi­tek­tur­bü­ro Du­plex. „Das Clus­ter-Woh­nen ist für mich die mo­der­ne Va­ri­an­te der Groß­fa­mi­lie mit all ih­ren ge­sell­schaft­li­chen Ab­si­che­run­gen wie Kin­der­be­treu­ung, Kran­ken­pfle­ge und ganz all­täg­li­cher Hil­fe im Al­ter, so wie man das von Bau­ern­hö­fen von frü­her kennt. In die­sem Fall bloß ha­ben wir das so­zia­le Pro­gramm auf ei­ne mo­der­ne, 400 Qua­drat­me­ter gro­ße Pass­iv­haus­woh­nung um­ge­münzt.“

In Ös­ter­reich, und da vor al­lem in und um Wien, ha­ben sich in den letz­ten Jah­ren schon et­li­che Bau­grup­pen for­miert, die be­reits Er­fah­rung mit Au­tar­kie, Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und der gro­ßen Bür­de und Wür­de der Ei­gen­ver­ant­wor­tung ma­chen konn­ten. Al­ler­dings be­schränkt sich die­ses Mo­dell auf Woh­nen im Ei­gen­tum. Der näch­ste Schritt wird sein, auch Mie­te­rin­nen und Mie­tern die­se Frei­hei­ten zu­zu­ge­ste­hen. Um ein so in­no­va­ti­ves Pro­jekt wie „Mehr als Woh­nen“ auch hier­zu­lan­de zu rea­li­sie­ren – da­zu braucht es nicht nur mu­ti­ge Bau­trä­ger, frisch durch­lüf­te­te Be­hör­den, son­dern auch ein völ­li­ges Um­den­ken der Bau­ord­nung, der För­der­richt­li­ni­en und nicht zu­letzt des sprö­den, ver­al­te­ten Miet­rechts­ge­set­zes.

Über das Clus­ter-Haus in Zü­rich wur­de ein Do­ku­men­tar­film ge­dreht. „Mit den Au­gen der an­de­ren“ ist noch bis 17. Ok­to­ber in der Ar­chi­tek­tur­ga­le­rie Ber­lin zu se­hen. www.ar­chi­tek­tur­ga­le­rie­ber­lin.de

Die Aus­stel­lung „Da­heim. Bau­en und Woh­nen in Ge­mein­schaft“ im Deut­schen Ar­chi­tek­turm­useum (DAM) in Frank­furt am Main wid­met sich in­no­va­ti­ven Wohn­bau­ten in Eu­ro­pa und der gan­zen Welt. 26 über­aus in­spi­rie­ren­de Pro­jek­te wer­den da­bei un­ter die Lu­pe ge­nom­men. Zu se­hen bis 28. Fe­bru­ar 2016. www.dam-on­li­ne.de

26. September 2015 Der Standard

Ein Brett vorm Kopf

Ja, auch in Wien gibt es Holz. Ei­ne Ju­ry hat die be­sten Holz­bau­ten der letz­ten zehn Jah­re un­ter die Lu­pe ge­nom­men und prä­miert. Am Don­ners­tag­abend wur­de der wien­wood 15 über­ge­ben.

400 Qua­drat­me­ter Frei­heit. So groß ist die Flä­che der insge­samt vier Hort­grup­pen oben im er­sten Stock. 100 Kin­der zwi­schen sechs und zehn Jah­ren to­ben hier all­nach­mit­tags hin und her und kreuz und quer und wild durch­ein­an­der, oh­ne dass man je so ge­nau sa­gen kann, wer ei­gent­lich wo hin­ge­hört. Das mag wohl auch da­ran lie­gen, dass es im ge­sam­ten Hort­be­reich kei­ne ein­zi­ge Tür, kei­ne ein­zi­ge Trenn­wand, kei­ne ein­zi­ge räum­li­che Ein­schrän­kung gibt. Vor­ge­stern, Don­ners­tag, wur­de der Kin­der­gar­ten Schu­ko­witz­gas­se in Wien-Don­aus­tadt als ei­nes von ins­ge­samt sechs Pro­jek­ten mit dem Holz­bau­preis wien­wood 15 ausgezeichnet.

„Ich muss ge­ste­hen, dass die of­fe­ne Hort­grup­pe auf so gro­ßer Flä­che ein ziem­li­ches Um­den­ken war“, er­in­nert sich die Kin­der­gar­ten­lei­te­rin Ger­tru­de Meis­ter. „Es dau­ert vie­le Mo­na­te, ja viel­leicht so­gar Jah­re, bis man sich da­ran ge­wöhnt und da­mit zu ar­bei­ten be­gon­nen hat, dass so ei­ne Öff­nung al­ter, ein­ze­men­tier­ter Mus­ter nicht nur Nach­tei­le, son­dern auch sehr vie­le Vor­tei­le mit sich bringt.“

Stu­di­en be­le­gen, dass Kin­der in gro­ßen Grup­pen ten­den­zi­ell ru­hi­ger sind und we­ni­ger Ag­gres­si­ons­po­ten­zi­al ha­ben. Hin­zu kom­me, so Meis­ter, das Er­ler­nen von Frei­heit und Wahl­mög­lich­keit: „Na­tür­lich bin ich als Hort­kind ei­ner be­stimm­ten Grup­pe und ei­ner be­stimm­ten Pä­da­go­gin zu­geord­net. Aber in so ei­ner Kin­der­ta­ges­stät­te oh­ne Mau­ern ler­ne ich, dass ich letz­tend­lich selbst Ver­ant­wor­tung über­neh­men und mir den Tag auch nach mei­nen ei­ge­nen Vor­lie­ben ge­stal­ten kann.“

Der Ein­satz von Holz spielt in die­sem Raum, dem viel­zi­tier­ten drit­ten Pä­da­go­gen, ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Ei­ner­seits deckt das Holz sämt­li­che hier be­nö­tig­ten An­for­de­run­gen an Akus­tik und Raum­be­hag­lich­keit ab. An­de­rer­seits – auch das be­le­gen Un­ter­su­chun­gen der letz­ten Jah­re – wirkt sich ei­ne höl­zer­ne Um­ge­bung auf Kin­der und Ju­gend­li­che be­ru­hi­gend im Sin­ne der Herz­fre­quenz und för­der­lich im Sin­ne der Kon­zen­tra­ti­on aus. Mit an­de­ren Ma­te­ria­li­en wä­re ein sol­ches pä­da­go­gi­sches Kon­zept zwar nicht un­mög­lich, aber schwie­ri­ger in der Um­set­zung.

700 Eu­ro Heiz­kos­ten pro Jahr

„Was mir bei die­sem Pro­jekt so gut ge­fällt, ist der gu­te Al­te­rungs­pro­zess des Hau­ses“, sagt Cle­mens Kirsch, Sie­ger des 2009 aus­ge­schrie­be­nen, EU-wei­ten Wett­be­werbs und Er­bau­er des Kin­der­gar­tens, der nun sei­ne sech­ste Sai­son be­strei­tet. „Das Holz al­tert schön und wür­de­voll. Die fünf Jah­re seit Er­öff­nung sind dem Haus kaum an­zu­se­hen.“ Was den Wie­ner Ar­chi­tek­ten be­son­ders freut: Die in der Pla­nungs­pha­se kal­ku­lier­ten Be­triebs­kos­ten konn­ten – fast, al­so mit ei­ner ge­rin­gen Über­schrei­tung – ein­ge­hal­ten wer­den. Im Schnitt be­lau­fen sich die Heiz- und Kühl­kos­ten die­ses mit ei­ner Wär­me­pum­pe aus­ge­stat­te­ten 1200 Qua­drat­me­ter gro­ßen Hau­ses auf ge­ra­de mal 700 Eu­ro pro Jahr. Das er­füllt selbst Be­woh­ner ei­ner mit­tel­gro­ßen Neu­bau­woh­nung mit Neid.

Er­rich­tet wur­de der Kin­der­gar­ten Schu­ko­witz­gas­se als so­ge­nann­ter Holz­hy­brid­bau. Das heißt: Meh­re­re Ma­te­ria­li­en wie et­wa Be­ton, Stahl und Holz wur­den je nach sta­ti­scher und bau­phy­si­ka­li­scher An­for­de­rung mit­ein­an­der kom­bi­niert, wo­bei der Holz­an­teil mit mehr als 50 Pro­zent deut­lich über­wiegt. Kirsch: „Bo­den­plat­te, De­cke, Säu­len und Stie­ge sind aus Stahl­be­ton. Der Rest be­steht aus Holz­ele­men­ten, die im Bre­gen­zer­wald halb vor­ge­fer­tigt und an­schlie­ßend per Tief­la­der nach Wien trans­por­tiert wur­den.“ In nur 14 Ta­gen war die zim­mer­manns­mä­ßi­ge Mon­ta­ge der Ele­men­te vor Ort ab­ge­schlos­sen.

„Da ist noch Luft nach oben“

Knapp ein Vier­tel al­ler heu­te Jahr für Jahr in Wien ein­ge­reich­ten Pro­jek­te sind be­reits Holz­bau­ten. „Da hat sich in den letz­ten 20 Jah­ren schon sehr viel ge­tan“, meint Al­fred Tei­schin­ger, Pro­fes­sor für Holz­tech­no­lo­gie und nach­wach­sen­de Roh­stof­fe an der Bo­ku Wien, der al­le fünf Jah­re um­fang­rei­che bun­des­wei­te Er­he­bun­gen zu die­sem The­ma macht. „Ge­mes­sen an Ge­samt­ös­ter­reich, wo auf­grund sei­nes ho­hen Wald- an­teils be­reits 43 Pro­zent al­ler Neu­bau­ten in Holz er­rich­tet wer­den, ist das aber noch im­mer ziem­lich we­nig. Da ist noch Luft nach oben.“

Auf die­se Ent­wi­cklungs­po­ten­zia­le hin­zu­wei­sen und die­se Luft nach oben aus­zu­nut­zen, das ist die Mis­si­on des wien­wood 15, der als Ge­mein­schafts­pro­jekt von pro­Holz Aus­tria, Ar­chi­tek­tur­zen­trum Wien und Stadt Wien heu­er zum zwei­ten Mal ver­ge­ben wur­de. „Mit die­sem Preis“, sagt Georg Bin­der, Ge­schäfts­füh­rer von pro­Holz Aus­tria, „möch­ten wir Holz der Be­völ­ke­rung, vor al­lem aber den Be­hör­den ins Ge­dächt­nis ru­fen. Mei­ne Vi­si­on ist, Holz in der Stadt als voll­wer­ti­gen und gleich­be­rech­tig­ten Bau­stoff zu eta­blie­ren.“

Die­sen Zu­stand gab es in der Ver­gan­gen­heit be­reits des Öf­te­ren. Die his­to­ri­schen Fach­werk­häu­ser in Deutsch­land und Frank­reich prä­gen bis heu­te das Er­schei­nungs­bild gan­zer Groß­städ­te. Und hier­zu­lan­de? „Al­lein das grün­der­zeit­li­che Wien wä­re oh­ne Holz ab­so­lut un­denk­bar“, sagt Ar­chi­tekt Cle­mens Kirsch und ver­weist auf die in Holz er­rich­te­ten Tram­de­cken und Dach­stüh­le die­ser Bau­ten. Bes­ser als an­hand die­ser mehr als hun­dert Jah­re al­ten Häu­ser kann man Nach­hal­tig­keit nicht dar­stel­len.“

19. September 2015 Der Standard

Und wenn es nur ein Tep­pich ist

Die deut­sche So­zio­lo­gin Ya­na Mi­lev be­schäf­tigt sich mit Emer­gen­cy De­sign, al­so mit Ent­wurfs­stra­te­gien in Zei­ten der Kri­se. Gibt es die per­fek­te No­tun­ter­kunft für Flücht­lin­ge? Ja. Man muss nur die kul­tu­rel­len Co­des re­spek­tie­ren.

Stan­dard: Sie ha­ben bul­ga­ri­sche Wur­zeln und sind in der DDR auf­ge­wach­sen. Wie ha­ben Sie die Flücht­lings­de­bat­te und die da­mit ver­bun­de­ne Asyl­quar­tier­kri­se der letz­ten Wo­chen mit­er­lebt?

Mi­lev: Es hat mich emo­tio­nal sehr mit­ge­nom­men. Wenn auch aus am­bi­va­len­ten Grün­den. Ei­ner­seits hat es mich be­rührt zu se­hen, wel­che Zi­vil­cou­ra­ge die Ös­ter­rei­cher und Deut­schen ent­wi­ckelt ha­ben, um sich für die Flücht­lin­ge aus Sy­rien zu en­ga­gie­ren. An­de­rer­seits ha­be ich be­ob­ach­tet, wel­chen Na­tio­na­lis­mus und wel­che Här­te die Län­der in so ei­ner Not­si­tua­ti­on an den Tag le­gen. Ich ha­be die Sou­ver­äni­tät des Wohl­fahrtss­taa­tes ver­misst. Hier ist das Mo­dell schein­bar an sei­ne Gren­zen ge­sto­ßen.

Stan­dard: In Ös­ter­reich wer­den die Flücht­lin­ge in Zel­te und Con­tai­ner ge­steckt.

Mi­lev: So­fern ein Land nicht über per­fekt auf­be­rei­te­te La­ger samt der nö­ti­gen In­fras­truk­tur ver­fügt, kann ich nur sa­gen: Zelts­täd­te und im­pro­vi­sier­te Con­tai­ner­sied­lun­gen sind prin­zi­pi­ell ei­ne sehr gu­te und ef­fi­zien­te Me­tho­de, um rasch auf Not zu rea­gie­ren und in kür­zes­ter Zeit zehn­tau­sen­de Men­schen auf­zu­neh­men – so­fern ge­wis­se Spiel­re­geln be­ach­tet wer­den. Das zei­gen die UN-Flücht­lings­la­ger in Jor­da­nien, aber auch Ja­pans prompt or­ga­ni­sier­te No­tun­ter­künf­te nach Fu­kus­hi­ma.

Stan­dard: Wie lau­ten denn die­se Spiel­re­geln?

Mi­lev: Ob­dach, In­fras­truk­tur wie et­wa Du­schen und WC so­wie Ver­sor­gungs­mög­lich­kei­ten von au­ßen mit Nah­rungs­mit­teln, Klei­dung und Me­di­ka­men­ten. Das ist ein­mal die Hard­wa­re. Die Soft­wa­re al­ler­dings ist min­des­tens ge­nau­so wich­tig. Und da­mit mei­ne ich ei­ner­seits Be­we­gungs­spiel­räu­me wie et­wa ein Tep­pich, ein Blu­men­beet vor dem Zelt, aus­rei­chend Platz zum Ko­chen, Es­sen, Schla­fen so­wie Sport­flä­chen. An­de­rer­seits Hand­lungs­spiel­räu­me für kul­tu­rel­le Co­des, et­wa für kol­lek­ti­ve Ri­tua­le, für Re­li­gi­on, für Mu­sik, für ein­fa­che Tausch­ge­schäf­te, für Dienst­leis­tun­gen im tem­po­rä­ren All­tag – und sei es nur ein Fri­seur, der ei­nem nach ein paar Wo­chen die Haa­re schnei­det.

Stan­dard: Ganz all­täg­li­che Din­ge al­so …

Mi­lev: Im Grun­de ge­nom­men muss ein Auf­fang­la­ger für Flücht­lin­ge all je­ne Mög­lich­kei­ten bie­ten, die sich in in­for­mel­len Sied­lun­gen al­ler Art – so wie et­wa in Slums – ganz von al­lein ent­wi­ckeln, wenn man sie nur lässt. Die Er­fah­rung zeigt, dass die­se Spiel­räu­me ex­trem wich­tig sind.

Stan­dard: Weil?

Mi­lev: Weil die Men­schen ih­re ei­ge­ne Krea­ti­vi­tät aus­le­ben kön­nen müs­sen, da­mit sie sich, wenn sie schon kein mo­ne­tä­res Ka­pi­tal ha­ben, zu­min­dest auf ihr so­zia­les und kul­tu­rel­les Ka­pi­tal stüt­zen kön­nen, da­mit sie nach ein paar Wo­chen nicht durch­dre­hen und sich nicht ge­gen­sei­tig um­brin­gen. Die Pfle­ge der Kul­tur, die Auf­recht­er­hal­tung ei­nes ge­wis­sen All­tags ma­chen die Men­schen psy­chisch im­mun.

Stan­dard: Ha­ben Sie das Ge­fühl, dass die­se Min­dest­stan­dards in den Er­stauf­nah­me­zen­tren und Asyl­quar­tie­ren ein­ge­hal­ten wer­den?

Mi­lev: Da traue ich mir kein Ur­teil zu. In den Me­dien hat man die­sen Ein­druck je­den­falls nicht ver­mit­telt be­kom­men.

Stan­dard: In Ih­rem Buch „Emer­gen­cy De­sign“ schrei­ben Sie, dass ge­si­cher­te in­ne­re Wohn­raum­ver­hält­nis­se am An­fang al­ler Ar­chi­tek­tur- und De­sign- stra­te­gien stün­den. Ab wann kann man von ei­nem sol­chen ge­si­cher­ten in­ne­ren Wohn­raum spre­chen?

Mi­lev: So­bald die Men­schen ei­nen Hauch von Hoff­nung und Si­cher­heit spü­ren und an­fan­gen, sich wohl­zu­füh­len. Da­zu braucht es ei­gent­lich gar nicht viel. Ha­ben Un­garn, Ös­ter­reich und Deutsch­land das bie­ten kön­nen? Da bin ich mir nicht si­cher …

Stan­dard: Sind Ih­nen po­si­ti­ve Bei­spie­le für No­tun­ter­künf­te be­kannt, wo es ge­lun­gen ist, rasch, bil­lig, ef­fi­zient und den­noch hoch­wer­tig zu han­deln?

Mi­lev: Da gibt es vie­le gu­te Bei­spie­le. Ich den­ke et­wa an den Wie­der­rauf­bau von New Or­le­ans nach dem Hur­ri­kan Ka­tri­na, an die Flücht­lings­la­ger der UN, an ein Kunst­pro­jekt von Da­ni­el Ker­ber in Saa­ta­ri, das größ­te Flücht­lings­camp der Welt, oder et­wa an den Flat Pack Shel­ter, den Ikea für die UNHCR ent­wi­ckelt hat. Die Er­fah­rung ist da, das Know-how ist da, man soll die Men­schen nicht un­ter­schät­zen.

Stan­dard: Es gibt ei­ni­ge Un­ter­neh­men, die sich da­rauf spe­zi­a­li­siert ha­ben, schnel­len, kos­ten­güns­ti­gen, mo­du­lar auf­ge­bau­ten Wohn­raum zu schaf­fen, der sich spä­ter sehr leicht für an­de­re Nut­zun­gen adap­tie­ren lässt. Wä­re das nicht nach­hal­ti­ger?

Mi­lev: Ich fin­de es be­ein­druckend, wie sich hier im Lau­fe der Zeit ein ei­ge­ner Markt­zweig ent­wi­ckelt hat. Nur all­zu ver­ständ­lich! Die An­mie­tung von Con­tai­nern ist ja auf Dau­er auch nicht ge­ra­de bil­lig. Und ich den­ke, dass sich hier in den kom­men­den Jah­ren ei­ne ei­ge­ne neue In­dus­trie mit Mehr­weg­häus­ern und re­cy­cel­ba­ren Ein­we­gun­ter­künf­ten eta­blie­ren wird.

Stan­dard: Noch mehr, als das heu­te schon der Fall ist?

Mi­lev: Ja. Und zwar aus ei­nem ganz ein­fa­chen Grund – weil der Not­fall kei­ne ein­ma­li­ge Sa­che mehr ist. Seit den Neun­zi­ger­jah­ren sind wir mit Na­tur­ka­ta­stro­phen und po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen De­sas­tern in ei­ner wahr­nehm­bar er­höh­ten Fre­quenz kon­fron­tiert. Not­fäl­le und Emer­gen­cies ste­hen mitt­ler­wei­le auf der Ta­ges­ord­nung. Wir bräuch­ten längst schon ei­ne In­dus­trie, die sich auf Con­tai­ner- und Zelt­sied­lun­gen spe­zi­a­li­siert, die auf Knopf­druck auf­ge­baut und ak­ti­viert wer­den kön­nen.

Stan­dard: Was ist mit Im­mo­bi­lien­leers­tand? Laut ei­ner Un­ter­su­chung der bri­ti­schen Ta­ges­zei­tung „The Gu­ar­di­an“ ste­hen in der EU mehr als elf Mil­lio­nen Häu­ser und Woh­nun­gen leer. Al­lein in Deutsch­land sind es über 1,8 Mil­lio­nen un­ge­nutz­te Ob­jek­te.

Mi­lev: Das ist mehr, als ich zu glau­ben ge­wagt hät­te. Schwie­rig! Die Zu­rück­hal­tung von leers­te­hen­den Im­mo­bi­lien ist ein enor­mes Pro­blem der Ka­pi­tal­ge­sell­schaft. Lei­der wird das Zu­rück­hal­ten der pri­va­ten Res­sour­cen um­so stär­ker, je pre­kä­rer die Si­tua­ti­on, je grö­ßer die Kri­se ist. Bei den Pri­va­ten se­he ich al­so schwarz.

Stan­dard: Und was ist mit der öf­fent­li­chen Hand? Wä­re es nicht volks­wirt­schaft­lich sinn­vol­ler, sich kurz­fri­stig in die­sen Leers­tand ein­zu­mie­ten, an­statt das Geld für Zel­te und Con­tai­ner aus­zu­ge­ben? Lässt sich so ein Sys­tem nicht ent­wi­ckeln?

Mi­lev: Theo­re­tisch ist das mög­lich. Hier muss man an die po­li­ti­sche Ebe­ne so­wie an die NGOs ap­pel­lie­ren. Doch prak­tisch hal­te ich die Ak­ti­vie­rung von Im­mo­bi­lien­lees­tand für ei­nen sehr lan­gen, stei­ni­gen Weg. Lei­der. Der be­ste An­satz wä­re hier noch die Nut­zung leers­te­hen­der Ka­ser­nen. Da­von gibt es in Ös­ter­reich und Deutsch­land ja ei­ne Men­ge.

Stan­dard: Ab­schluss­fra­ge: Was ist Ihr Wunsch für hier und jetzt?

Mi­lev: Dan­ke für die­se Fra­ge! Ich wün­sche mir, dass wir uns auf­raf­fen, die In­sti­tu­tio­nen – vor al­lem die po­li­ti­schen – zu über­ge­hen, denn die­se ha­ben auf wei­ter Flur ver­sagt. Wir müs­sen selbst los­ge­hen und han­deln. Jetzt so­fort. Und wir müs­sen an­fan­gen, Ei­gen­ka­pi­tal zu in­ves­tie­ren. Und wenn es nur ein biss­chen un­se­res Reich­tums ist. Das ist un­se­re Ver­ant­wor­tung.

Ya­na Mi­lev, ge­bo­ren in Leip­zig, ist Kul­tur­phi­lo­so­phin, So­zio­lo­gin und Ku­ra­to­rin. Sie ist For­sche­rin am Se­mi­nar für So­zio­lo­gie (SFS) so­wie Do­zen­tin an der School of Hu­ma­ni­ties und So­ci­al Scien­ces (SHSS) an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len. 2015 grün­de­te sie das Kyp­ton3000 In­sti­tut für Ge­sell­schafts- und Zu­kunfts­for­schung. 2011 er­schien ihr Buch „Emer­gen­cy De­sign“ (Mer­ve-Ver­lag).

13. September 2015 Der Standard

Die Schrumpfungsmeisterin

Raumordnungsexpertin Gerlind Weber fordert, nicht immer nur von Wachstum zu sprechen. In strukturschwachen Regionen plädiert sie für „aktive Sterbehilfe“

Baukulturgespräche 2015 in Alpbach: Gerlind Weber, Wissenschafterin für Raumplanung und Raumordnung, fordert, nicht immer nur von Wachstum zu sprechen. In strukturschwachen Regionen plädiert sie im Gespräch mit Wojciech Czaja für kontrollierte Schrumpfung und aktive Sterbehilfe.

STANDARD: Stadtmensch oder Landei?

Gerlind Weber: Ich bin durch und durch ein Landei. Wenn auch mit starken städtischen Einsprengseln. Ich bin am Land aufgewachsen, am Attersee, und obwohl ich den Großteil meines Lebens in der Stadt verbracht habe, fühle ich mich dem Land auch heute noch stark verbunden. Allein schon aus beruflichen Gründen bin ich mehr oder weniger gezwungen, in Wien zu leben. Die Verbindung von beiden empfinde ich als große Bereicherung.

STANDARD: Mehr und mehr entwickelt sich zwischen Großstadt und manchen Landregionen eine Ungleichbehandlung, was Infrastruktur, Arbeitsplätze und Mobilitätsangebot betrifft. Wie geht die Regionalentwicklung mit dieser Ungleichheit um?

Weber: In der Vergangenheit hat sich die Regionalentwicklung immer bemüht, einen Ausgleich zwischen Stadt und Land zu schaffen und Geld von den strukturstarken in die strukturschwachen Regionen zu verlagern. Dennoch ist es nicht gelungen, das Abrutschen dieser schwachen Regionen zu verhindern. Jede finanzielle Hilfe ist eine Tablette, die Linderung bringt. Aber sie bringt keine Heilung.

STANDARD: Von welchen strukturschwachen Regionen sprechen wir hier eigentlich?

Weber: Die Muster sind seit Jahrzehnten immer noch die gleichen. Wir sprechen in erster Linie von den ländlichen Regionen entlang des Eisernen Vorhangs, sofern diese nicht von Ballungsräumen wie etwa Wien und Graz unterbrochen sind, sowie von einer alpinen Zunge, die sich von Osttirol über den Alpenhauptkamm bis in die Bucklige Welt in Niederösterreich erstreckt.

STANDARD: Wer trägt Schuld daran, dass diese Regionen so stark vernachlässigt wurden?

Weber: Niemand und alle zugleich. Niemand, weil: Es kann nicht jede Region in Österreich eine boomende, florierende sein. Faktoren wie periphere Lage, dünne Besiedelung, zeitintensive Erreichbarkeit, fehlende soziale Infrastruktureinrichtungen, Mangel an guten Erwerbsmöglichkeiten und so weiter benachteiligen diese Regionen. Und alle zugleich, weil wir uns tendenziell dort niederlassen, wo wir uns bessere Chancen versprechen.

STANDARD: Was tun?

Weber: Sich nicht gegen das Schrumpfen erfolglos stemmen, sondern es zulassen und aktiv gestalten! Aber wie gesagt: Finanzielle Hilfe allein ist, wie wir gesehen haben, zu wenig. Wir haben wie auch viele andere Länder ein Verteilungsproblem.

STANDARD: Macht es einen Sinn, diese Regionen überhaupt noch zu retten beziehungsweise zu unterstützen? Die Schweiz etwa ist dafür bekannt, dass sie unter bestimmten Gesichtspunkten Dörfer und Regionen abbaut und kontrolliert verfallen lässt.

Weber: Die Schweizer sind uns in dieser Hinsicht um einiges voraus. Ob so etwas möglich oder auch nur denkbar ist, hängt von der politischen Akzeptanz ab, vom Konsens zwischen Individuum und Kollektiv, letztendlich auch von der demokratischen Reife eines Volkes, das in der Lage ist, das Allgemeinwohl und den volkswirtschaftliche Benefit über die individuellen Interessen zu stellen. Um Dörfer und ganze Regionen wirklich aufzugeben, dazu braucht es verdammt viel Kraft und Ausdauer. Ja, es ist möglich. Aber ich würde den Aufwand und den Gegenwind nicht unterschätzen. Erklären Sie einmal einer Bauernfamilie, dass ihr Grund und Boden, das ihr Leben in dieser Form keine Zukunft mehr hat!

STANDARD: Aber genau damit setzen Sie sich in Ihrer Arbeit ja auseinander!

Weber: Und ich wurde für meine Überlegungen lange Zeit kritisiert. Am liebsten hätte man mich von so manchem Rednerpult weggezogen, als ich davon gesprochen habe, nicht immer nur das Wachstum zu beschwören, sondern auch die kontrollierte Schrumpfung mancher Regionen in Erwägung zu ziehen. Die einen haben mir aktive Sterbehilfe unterstellt, die anderen haben gemeint, ich sei ein Pompfüneberer der Raumordnungspolitik.

STANDARD: Woher nimmt man die Energie, um diesen Buhrufen standzuhalten?

Weber: Aus einer fachlichen Überzeugung und aus dem Glauben, dass auch das Schwierige ausgesprochen werden muss.

STANDARD: Mit welchen Argumenten?

Weber: Schauen Sie, die Regionalpolitik wie auch die Wirtschaft spricht vom permanenten Wachstum. Das ist quasi systemimmanent. Allein, die Realität sieht anders aus: Wir haben eine Studie über Gemeinden in Niederösterreich gemacht, in denen die Schlüsselparameter Einwohner und Arbeitsplätze schon seit Jahrzehnten rückläufig sind. In manchen Fällen beträgt das Bevölkerungssaldo bis zu 45 Prozent! Und trotzdem sprechen die Bürgermeister und Planer immer noch von Infrastrukturausbau, Zuwanderungspotenzial und Gewerbeansiedlung. Da kann ich nur sagen: Wacht auf! Mit den Wachstumsversprechen und Rezepte für den erhofften Turn-around vom Niedergang zum Wachstum ist es vorbei, allein schon, weil es vor Ort gar nicht mehr die Menschen gibt, die diesen Zuwachs erzeugen könnten.

STANDARD: Manche wachen auf.

Weber: Ja, zum Glück! Und ich gebe zu, das ist nicht leicht, denn so eine Gemeinde wird, sobald von Schrumpfung und rückläufiger Entwicklung die Rede ist, in ihrer Würde gekränkt. Manche von ihnen verkommen zu einer zähen, gallertartigen Masse.

STANDARD: Wie sehen die konkreten Schritte aus, wenn es darum geht, einen Schrumpfungsprozess einzuleiten?

Weber: Das wichtigste ist, dass so ein Prozess nicht nur von oben, sondern vor allem auch auf Gemeindeebene abgewickelt wird. Ich rate dazu, im Einvernehmen mit der Bevölkerung und den direkt davon Betroffenen intensiv zu arbeiten. Erst wenn für die Letztverbleibenden Ersatzstandorte gefunden sind, erst dann kann man dazu übergehen, einen Standort aufzugeben, indem man dort dann nicht mehr investiert, keine Reparaturen mehr vornimmt und beginnt, den Ort sich selbst zu überlassen.

STANDARD: Das klingt nach einem schmerzvollen Prozess.

Weber: Das ist er auch. Da werden ganze Familiengeschichten unterbrochen und müssen woanders ihre Fortsetzung suchen.

STANDARD: Wie groß muss der Leidensprozess sein, damit man zu handeln beginnt?

Weber: Der muss enorm sein.

STANDARD: Gibt es positive Beispiele, wo dieses Auflassen und Aufgeben von Land gut funktioniert hat?

Weber: Ein wunderbares Beispiel dafür ist Ostdeutschland. Dort hat man es geschafft, die Städte nicht nur zu schrumpfen, sondern ihnen dadurch auch eine neue Lebensqualität zu verleihen. Häuser wurden abgerissen, und zwar nicht planlos, sondern stets so, dass sich nun von der Stadtgrenze bis in den Kern grüne Lungen durch die Stadt ziehen. Dank diesen neuen Naherholungsgebieten sind wunderbare, lebenswerte Stadträume entstanden. Es geht!

STANDARD: Wird Raumordnung Ihrer Meinung nach in Österreich zu wenig ernst genommen?

Weber: Und wie! Ein Lied könnte ich Ihnen davon singen! Bei den Baukulturgesprächen in Alpbach habe ich von Finanzminister Hans Jörg Schelling das erste Mal gehört, dass man nun endlich überlegt, Raumplaner in die Finanzausgleichsverhandlungen einzuladen. Das habe ich schon vor vielen Jahren vorgeschlagen. Damals hat man mich noch ausgelacht.

STANDARD: Inwiefern müssen Schrumpfungsprozesse auch beim Finanzausgleich berücksichtigt werden?

Weber: Der Finanzausgleich begünstigt die ohnehin wachsenden Zentralräume. Dort buttern wir ständig Geld hinein. Hier würde ich mir stattdessen wünschen, etwas differenzierter an die Sache heranzugehen. Ja, ein ordentlicher, behutsam begleiteter Schrumpfungsprozess kostet Geld, und diese Gelder müssten eigentlich auch im Finanzausgleichsgesetz (FAG) berücksichtigt werden. Das ist derzeit nicht der Fall. Die Landgemeinden haben zwar keine zentralen Aufgaben zu erfüllen, aber durch die geringe Bevölkerungsdichte müssen sie Kosten für weite Infrastruktursysteme tragen.

STANDARD: Wenn Sie die Macht hätten, ein neues Raumordnungsgesetz zu erlassen: Was wären die drei wichtigsten Punkte, die darin auf jeden Fall enthalten sein müssten?

Weber: Wenn ich die Macht hätte? Nun… Erstens würde ich einen sorgfältigeren Umgang mit Bodenressourcen verlangen: weniger Bodenversiegelung, mehr Nachverdichtung und Revitalisierung von Leerständen. Zweitens würde ich ein Instrumentarium für kontrollierte Schrumpfung schaffen, damit solche Prozesse professionell abgewickelt werden könnten. Das ist ein neues Berufsfeld, das sich hier herauskristallisiert. Und drittens vermisse ich in der Raumordnung, die ja ihre Wurzeln im Städtebau hat, ein Bekenntnis zur Ernährungssicherung. Ich würde fordern, dass die Bodengüte und die Agrarstruktur bei den Entscheidungen über die Siedlungsentwicklung stärker berücksichtigt werden. Spontan fallen mir diese als diese drei wichtigsten Punkte ein.

STANDARD: Wie wird Österreich im Jahr 2100 aussehen?

Weber: Wenn es so weiter geht wie in den 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, dann wird das für Österreich fatale Folgen haben. Manche Teile wären stark zersiedelt, andernorts wäre man mit verlassenen Landstrichen konfrontiert. Dann wird man Österreich im Jahr 2100 nicht wiedererkennen. Wir sollten daher stärker die Dezentralisierung auf regionaler Ebene betreiben und auf örtlicher Ebene die Zersiedelung unserer Landschaft nicht weiter sorglos vorantreiben. (Langfassung des Interviews)

22. August 2015 mit Maik Novotny
Der Standard

Der Mann hinter der runden Brille

Le Corbusier ist einer der bedeutendsten Baukünstler des 20. Jahrhunderts. Am 27. August jährt sich sein 50. Todestag. Ein Rückblick auf das teils großartige, teils beängstigende Schaffen des Schweizer Architekten und Stadtplaners

Pro: Ein Philosoph des Wohnens
von Wojciech Czaja

Stundenlang könnte man an die Fassade starren, das Gelb-Rot-Blau des Betons studieren, die Unregelmäßigkeiten in der Regelmäßigkeit erkunden, und niemals wird man das Haus in seiner Gänze bis zum letzten Millimeter begriffen haben. Hinter der 138 Meter langen Unité d'Habitation in Marseille, einer von insgesamt fünf Wohnmaschinen, die Le Corbusier in den Jahren zwischen 1947 und 1967 geplant hat, verbirgt sich nicht nur eine halbe Kleinstadt mit 337 Wohnungen, Kindergarten, Hotel und diversen Geschäften, sondern auch ein vollkommen neues Wohnmodell, das trotz Serienproduktion und hohen Vorfertigungsgrades bis heute maximalen Wohnkomfort für die breite Masse bietet.

„Ich liebe es, hier zu wohnen“, sagt eine alte Dame, eine der wenigen noch lebenden, allerersten Mieterinnen im Haus. „Die Lebensqualität in diesen vier Wänden ist mit nichts vergleichbar, was heute im Bereich des sozialen Wohnbaus auf den Markt geworfen wird. Am 14. Oktober 1952 habe ich den Schlüssel entgegengenommen, und selbst nach all diesen Jahrzehnten merkt man, wie intelligent und wie emotional Le Corbusier diese Wohnungen entworfen hat. Ich führe Sie gerne durch, aber bitte drucken Sie meinen Namen nicht ab, sonst läuten wieder so viele Leute an und fragen, ob sie sich als Nachmieter auf die Liste setzen dürfen. Ich will ja noch ein paar Jahre weiterleben.“

Hinunter in den dritten Stock. Hotel Le Corbusier. Die Zeit scheint hier stehen geblieben. Das Mobiliar ist noch wie von Charles-Édouard Jeanneret-Gris, wie der Architekt mit seiner unverwechselbaren Rundbrille mit bürgerlichem Namen hieß, aufs Papier gezeichnet. Hochglanzparkett und Kunststoffboden zu Füßen. Ja, das lässt sich kombinieren. An der Decke prangen Holzdielen, mal längs, mal quer in den Beton geschraubt. Dazwischen offenbart sich ein kontrastreicher Möbelreigen, perfekt konserviert aus den Fünfzigerjahren.

„Jedes noch so kleine Detail hier versprüht Leidenschaft und Geschichte in einer Art und Weise, wie sie heute nur noch selten zu finden ist“, meint Alban Gérardin, der das Hotel Le Corbusier im dritten, vierten und achten Stock gemeinsam mit seiner Frau Dominique leitet. 21 Zimmer und Suiten gibt es insgesamt. „Auch in den Zimmern haben wir uns sehr bemüht, den Geist Le Corbusiers weiterleben zu lassen. Manche können es kaum glauben, dass die Räume noch im Originalzustand erhalten sind.“ Obligates Stück, das in keinem der Zimmer fehlen darf: die Stahlrohrliege LC4, entworfen vom Meister höchstpersönlich.

Die Unités d'Habitation in Marseille, Rezé, Briey, Firminy und Berlin (von Letzterer distanzierte sich Le Corbusier nach Fertigstellung, da der Bau anders ausgeführt wurde als geplant) sind mehr als nur Wohnhäuser. Mit ihren durchgesteckten Maisonette-Wohnungen, mit ihren zweigeschoßigen Lufträumen und vor allem mit ihrem Modulor-Maß von 2,26 Meter Raumhöhe, basierend auf einem von Le Corbusier definierten Normmenschen mit ausgestrecktem Arm, haben den Wohnbau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt.

Le Corbusiers architektonischer und programmatischer Mut war eine Art Turbo-Boost der Moderne. Der unbeugsame Weitblick des strengen Schweizers, der in Europa, Russland, Tunesien, Indien, Brasilien, Argentinien und in den USA unzählige Wohn-, Büro- und Kulturbauten realisierte, würde der heutigen Baukultur guttun.


Kontra: Ein Feind der Stadt
von Maik Novotny

Nichts gegen Schweizer Kleinstädte! Und, ja, das Werk eines Menschen aus dessen Geburtsort zu erklären ist vermessen. Aber betrachtet man das urbanistische Werk von Le Corbusier, geboren 1887 im Uhrmacherstädtchen La-Chaux-de-Fonds, kann man den Verdacht nicht abschütteln, dass den Architekten die innere Provinz nie so ganz verlassen hat.

Nun waren in den 1920ern hochfliegende Visionen neuer Millionenstädte keine Seltenheit. Dem tuberkuloseverseuchten Elend der Altstadtslums und Gründerzeitbauten galt es zu entkommen: Licht, Luft und Sonne, Metropolen der Hygiene und Vernunft! Doch keiner der Kollegen begegnete der Großstadt und ihrer jahrtausendealten Geschichte mit solch hasserfüllter Verachtung wie Corbusier. Im Text zu seinem berühmten „Plan Voisin“, der 1925 das alte Paris mit einem Raster aus Wolkenkratzern ersetzen sollte, ereiferte er sich über die Straßen der damaligen Städte. Unterschiedlich aussehende Häuser, wie unästhetisch! Die Enge, der Lärm, all die anderen Menschen, unerträglich! New Yorks Straßenschluchten? „Schreckliche Albträume!“ Nur ein visionäres Genie könne hier den Ausweg finden: gerasterte Glasfassaden, dazwischen grün wogende Landschaften und Stadtautobahnen für die kommende Ära des Automobils. Alles schön sauber und ordentlich, wie eine ins Monströse skalierte Schweizer Kleinstadt. Die Stadt als Widerspruch und Konfrontation, als Verdichtung baulichen und kulturellen Schaffens blieb Le Corbusier sein Leben lang fremd.

Vom Plan Voisin ist Paris bekannterweise verschont geblieben, doch das Erbe Le Corbusiers eroberte bald die Welt. Das moderne Stadtlabyrinth in Jacques Tatis Film Playtime (1967), in dem sich Paris und London nur noch durch einsame Wahrzeichen wie Triumphbogen und Big Ben in einem Meer aus immergleichen Spiegelfassaden unterscheiden, war von der Realität nicht weit entfernt.

Man würde Corbusier seine der damaligen Zeit entsprungenen Visionen eher nachsehen, hätte er sie und sich nicht mit solchem Nachdruck inszeniert, vom Künstlernamen über die Branding-Brille bis zur penibel kontrollierten Dokumention des Schaffens. Arroganz, Besserwissertum und Opportunismus (seine unrühmliche Rolle im Vichy-Regime wurde erst in den letzten Jahren beleuchtet) – bis heute kämpfen Architekten mit diesen Vorurteilen, die ihnen der ikonische Schweizer eingehandelt hat. Selbst posthum ist die Inszenierung noch erfolgreich: Scharen von ergebenen Corbusier-Jüngern und die Fondation Corbusier achten darauf, dass das Denkmal des Architektengenies nur ja keinen Kratzer abbekommt.

Den Rang im Pantheon hat Le Corbusier verdient, Bauten wie die Villa Savoye (1931) und das Kloster Sainte-Marie-de-la-Tourette (1960) sind zeitlose Meisterwerke, die die Architektur ins 20. Jahrhundert katapultierten, und das Innere der Kapelle in Ronchamp (1955) bietet eines der ergreifendsten Raumerlebnisse, die man überhaupt haben kann.

Doch es ist kein Zufall, dass all diese Bauten mitten im Grünen entstanden und sich selbst seine Wohnmaschinen nur an die Stadtränder von Berlin und Marseille vorwagten: Die sich ihm zum Trotz nicht unterkriegen lassende chaotische Stadt blieb ihm immer suspekt. Besiegen konnte er sie nicht.

1. August 2015 Der Standard

Ele­fan­ten und an­de­re Luft­schlös­ser

Ele­phant & Cast­le ist das neue Hoff­nungs­ge­biet der In­ves­to­ren. Hier ent­ste­hen bis 2025 5000 Woh­nun­gen und gro­ße Re­tail­flä­chen. Doch wel­che Fol­gen hat die Gen­tri­fi­zie­rung auf das letz­te noch leist­ba­re Lon­do­ner Stadt­vier­tel?

Krä­ne und Bag­ger, so weit das Au­ge reicht. Vom al­ten Ima­ge des Lon­do­ner Quar­tiers Ele­phant & Cast­le, frü­her be­kannt für Pubs, La­ger­hal­len und Be­ton­wohn­bur­gen aus den Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­ren, ist kaum noch et­was zu spü­ren. Nach­dem ein Groß­teil der be­ste­hen­den Ge­bäu­de, oft so­zia­le Ghet­to-Schmelz­tie­gel mit tech­ni­schen und bau­li­chen Män­geln, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ab­ge­ris­sen wur­de, to­ben sich nun pri­va­te Bau­trä­ger aus, um das Are­al in ein „le­ben­di­ges, pul­sie­ren­des Wohn­vier­tel in Cen­tral Lon­don“ zu ver­wan­deln, „in dem es je­der liebt, da­zu­zu­ge­hö­ren“, wie Rob He­as­man, Pro­ject Di­rec­tor von Ele­phant & Cast­le, dies aus­drückt.

Nach ei­ni­gen klein­eren Wohn­haus­an­la­gen von der Stan­ge, die be­reits zwi­schen 2003 und 2009 er­rich­tet wur­den, war der 2010 fer­tig­ge­stell­te Stra­te To­wer die er­ste ar­chi­tek­to­nisch auf­fal­len­de Land­mark, die das Stadt­ent­wi­cklungs­ge­biet Ele­phant & Cast­le erst­mals auf die Land­kar­te der In­ves­to­ren ka­ta­pul­tier­te. Der Pro­jekt­ent­wi­ckler Brook­field Mul­ti­plex schuf nicht nur ein Wohn­hoch­haus mit 408 Wohn­ein­hei­ten, son­dern auch ein Wind­kraft­werk mit ins Ge­bäu­de in­te­grier­ten Wind­rä­dern in den letz­ten Eta­gen.

Kaum so­zia­ler Wohn­bau

Es reg­net und win­det an die­sem Tag, die Rä­der ste­hen still, doch der Ver­mark­tung des Ob­jekts hat das High-Tech-Gim­mick Rü­cken­wind be­schert, von dem vie­le Kon­kur­ren­ten nur träu­men kön­nen. Die ober­sten Woh­nun­gen wa­ren be­reits nach 24 Stun­den ver­kauft, die rest­li­chen konn­ten bin­nen vier Ta­gen kom­plett ver­wer­tet wer­den. Ein Vier­tel der Woh­nun­gen fir­miert als „af­for­da­ble hou­sing“, was dem so­zia­len Wohn­bau, wie er in Ös­ter­reich de­fi­niert ist, aber nur va­ge ent­ge­gen­kommt.

Die Mie­ten für ei­ne durch­schnitt­li­che Drei-Zim­mer-Woh­nung lie­gen bei 300 bis 500 Pfund, al­so rund 400 bis 700 Eu­ro – pro Wo­che, wohl­ge­merkt.

Zu den ak­tu­el­len In­ves­to­ren, die ihr Geld höchst lu­kra­tiv ver­be­to­nie­ren, ge­hö­ren Oak­may­ne, De­lan­cey, APG und Ma­ce & Es­sen­ti­al Li­ving. Ein paar Wohn­tür­me mit 30 bis 40 Stock­wer­ken und frei­fi­nan­zier­te Woh­nun­gen um 8000 Pfund (rund 11.300 Eu­ro) auf­wärts sind eben­falls da­bei. Den Lö­we­nan­teil je­doch trägt das aus­tra­li­sche Bau­un­ter­neh­men Lend Lea­se. Auf ei­ner Flä­che von knapp zehn Hek­tar, wo frü­her die Hey­ga­te and Rod­ney Es­ta­tes stan­den, sol­len bis 2025 rund 2500 Woh­nun­gen in un­ter­schied­li­chen Preis­klas­sen ent­ste­hen. Das Fi­lets­tück von Lend Lea­se ist der 37-stö­cki­ge „One Ele­phant“ mit 284 Woh­nun­gen. Die Ar­bei­ten sind voll im Gan­ge. Die Fer­tigs­tel­lung des Turms ist für 2016 ge­plant.

„Wir le­gen gro­ßen Wert da­rauf, dass hier ein neu­er, at­trak­ti­ver Stadt­teil mit ei­ner ge­wis­sen so­zia­len Durch­mi­schung ent­steht“, er­klärt Ale­xan­der Do­na­do, Se­ni­or Sa­les Con­sul­tant De­ve­lop­ment, in sei­nem Bü­ro mit Blick auf die um­lie­gen­den Bau­stel­len. Die An­ge­stell­ten, dicht an dicht an ih­ren Schreib­ti­schen ge­drängt, sind um­ge­ben von Ele­fan­ten, grü­nen Blät­tern und al­ler­lei an­de­ren in­spi­rie­ren­den Ele­men­ten. „Aus die­sem Grund wer­den wir un­ter­schied­li­che Ty­po­lo­gien wie ,af­for­da­ble‘, ,in­ter­me­dia­te‘ und ,pri­va­te hou­sing‘ auf dem ge­sam­ten Are­al mit­ein­an­der kom­bi­nie­ren.“ Hin­zu kom­men ei­ne gro­ße Par­kan­la­ge mit so­zia­len und kul­tu­rel­len Ein­rich­tun­gen so­wie knapp 17.000 Qua­drat­me­ter Re­tail­flä­che.

Die Wohn­mie­ten wer­den bei 500 Pfund (rund 700 Eu­ro) pro Wo­che lie­gen, die Kauf­prei­se bei et­wa 1000 Pfund (14.000 Eu­ro) pro Qua­drat­me­ter. Mit Stolz ver­wei­sen Im­mo­bi­lie­nex­per­ten wie An­to­nio Ma­rin-Ba­tal­ler, zu­stän­dig für UK Re­si­den­ti­al In­vest­ments bei der deut­schen Pa­tri­zia Im­mo­bi­lien AG, auf die güns­ti­ge La­ge: „Das ist das ein­zi­ge Vier­tel in­ner­halb der Ver­kehrs­zo­ne 1, in dem sich der Mit­tel­stand noch das Woh­nen leis­ten kann.“

Wunsch und Wirk­lich­keit

Al­lein, nicht al­le sind mit der Ent­wi­cklung von Ele­phant & Cast­le zu­frie­den. „Ich le­be schon seit 20 Jah­ren in Lon­don, und Ele­phant & Cast­le war mit sei­nen La­ger­hal­len, In­dus­trie­bra­chen und sei­nen schä­bi­gen Wohn­bau­ten so et­was wie das so­zia­le Ab­stell­gleis im Her­zen der Stadt“, er­zählt Se­bas­ti­an De­an. Er be­treibt die Long­wa­ve Bar, ei­nen mit Holz­bret­tern be­hübsch­ten Bau­con­tai­ner am Ran­de des Bau­stel­len­are­als. Sein Miet­ver­trag läuft in vier Jah­ren aus. „Das war zwar ei­ner­seits pro­ble­ma­tisch, an­de­rer­seits aber auch ei­ne Art Hin­ter­tür für je­ne, die zwar zen­tral le­ben woll­ten, sich aber hoch­prei­si­ge Woh­nun­gen nicht leis­ten konn­ten. Das ist jetzt vor­bei.“

Die Woh­nun­gen, die am Markt an­ge­bo­ten wer­den, wür­den im­mer teu­rer, die Ge­schäf­te im­mer ex­klu­si­ver, die Res­tau­rants im­mer hoch­prei­si­ger, kri­ti­siert De­an, Lo­cken, Bart und Tat­toos am Kör­per. „Für Rand­grup­pen, für un­te­re Ein­kom­mens­schich­ten, für Leu­te wie dich und mich wird Ele­phant & Cast­le in ei­ni­gen Jah­ren tot sein. Ich wer­de weg­zie­hen müs­sen. Das war’s dann.“ Es spre­che nichts ge­gen wirt­schaft­li­che Ent­wi­cklung, so De­an. „Aber hier geht die Gen­tri­fi­zie­rung dann doch ein biss­chen schnell.“

In acht bis zehn Jah­ren wer­den die­se Sor­gen ver­ges­sen sein. Glaubt man den Ren­de­rings, wer­den glü­ckli­che Men­schen Arm in Arm durch die Stadt spa­zie­ren, Kin­der­wa­gen vor sich her­schie­ben und ge­nüss­lich Lat­te Mac­chia­to schlür­fen. Dass die ar­chi­tek­to­ni­sche Qua­li­tät des neu­en Wohng­het­tos zu wün­schen üb­rig lässt, dass die an­ge­peil­te so­zia­le Durch­mi­schung nach heu­ti­ger Ein­schät­zung mehr Wunsch als Wirk­lich­keit zu sein scheint und dass das ge­sam­te Are­al trotz sei­ner Grö­ße oh­ne Mas­ter­plan und Wett­be­werb ab­ge­wi­ckelt wer­den konn­te, wird dann nie­man­den mehr küm­mern.

„Echt? In Ös­ter­reich braucht man Stu­di­en und Wett­be­wer­be, muss die Pro­jek­te von Bei­rä­ten ab­seg­nen las­sen und städ­te­bau­li­che Ver­trä­ge mit der Stadt ein­ge­hen?“, fragt ein Ken­ner der Lon­do­ner Im­mo­bi­lien­bran­che, der nicht ge­nannt wer­den möch­te, er­staunt. „Aber das ist ziem­lich kom­pli­ziert für In­ves­to­ren, oder?“

1. August 2015 Der Standard

Elefanten und andere Luftschlösser in London

Elephant & Castle ist das neue Hoffnungsgebiet der Investoren. Doch welche Folgen hat die Gentrifizierung auf das letzte noch leistbare Londoner Stadtviertel?

Kräne und Bagger, so weit das Auge reicht. Vom alten Image des Londoner Quartiers Elephant & Castle, früher bekannt für Pubs, Lagerhallen und Betonwohnburgen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, ist kaum noch etwas zu spüren. Nachdem ein Großteil der bestehenden Gebäude, oft soziale Ghetto-Schmelztiegel mit technischen und baulichen Mängeln, in den vergangenen Jahren abgerissen wurde, toben sich nun private Bauträger aus, um das Areal in ein „lebendiges, pulsierendes Wohnviertel in Central London“ zu verwandeln, „in dem es jeder liebt, dazuzugehören“ , wie Rob Heasman, Project Director von Elephant & Castle, dies ausdrückt.

Nach einigen kleineren Wohnhausanlagen von der Stange, die bereits zwischen 2003 und 2009 errichtet wurden, war der 2010 fertiggestellte Strate Tower die erste architektonisch auffallende Landmark, die das Stadtentwicklungsgebiet Elephant & Castle erstmals auf die Landkarte der Investoren katapultierte. Der Projektentwickler Brookfield Multiplex schuf nicht nur ein Wohnhochhaus mit 408 Wohneinheiten, sondern auch ein Windkraftwerk mit ins Gebäude integrierten Windrädern in den letzten Etagen.

Kaum sozialer Wohnbau

Es regnet und windet an diesem Tag, die Räder stehen still, doch der Vermarktung des Objekts hat das High-Tech-Gimmick Rückenwind beschert, von dem viele Konkurrenten nur träumen können. Die obersten Wohnungen waren bereits nach 24 Stunden verkauft, die restlichen konnten binnen vier Tagen komplett verwertet werden. Ein Viertel der Wohnungen firmiert als „affordable housing“, was dem sozialen Wohnbau, wie er in Österreich definiert ist, aber nur vage entgegenkommt.

Die Mieten für eine durchschnittliche Drei-Zimmer-Wohnung liegen bei 300 bis 500 Pfund, also rund 400 bis 700 Euro – pro Woche, wohlgemerkt.

Zu den aktuellen Investoren, die ihr Geld höchst lukrativ verbetonieren, gehören Oakmayne, Delancey, APG und Mace & Essential Living. Ein paar Wohntürme mit 30 bis 40 Stockwerken und freifinanzierte Wohnungen um 8000 Pfund (rund 11.300 Euro) aufwärts sind ebenfalls dabei. Den Löwenanteil jedoch trägt das australische Bauunternehmen Lend Lease. Auf einer Fläche von knapp zehn Hektar, wo früher die Heygate and Rodney Estates standen, sollen bis 2025 rund 2500 Wohnungen in unterschiedlichen Preisklassen entstehen. Das Filetstück von Lend Lease ist der 37-stöckige „One Elephant“ mit 284 Wohnungen. Die Arbeiten sind voll im Gange. Die Fertigstellung des Turms ist für 2016 geplant.

500 Pfund pro Woche

„Wir legen großen Wert darauf, dass hier ein neuer, attraktiver Stadtteil mit einer gewissen sozialen Durchmischung entsteht“, erklärt Alexander Donado, Senior Sales Consultant Development, in seinem Büro mit Blick auf die umliegenden Baustellen. Die Angestellten, dicht an dicht an ihren Schreibtischen gedrängt, sind umgeben von Elefanten, grünen Blättern und allerlei anderen inspirierenden Elementen. „Aus diesem Grund werden wir unterschiedliche Typologien wie ,affordable', ,intermediate' und ,private housing' auf dem gesamten Areal miteinander kombinieren.“ Hinzu kommen eine große Parkanlage mit sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie knapp 17.000 Quadratmeter Retailfläche.

Die Wohnmieten werden bei 500 Pfund (rund 700 Euro) pro Woche liegen, die Kaufpreise bei etwa 1000 Pfund (14.000 Euro) pro Quadratmeter. Mit Stolz verweisen Immobilienexperten wie Antonio Marin-Bataller, zuständig für UK Residential Investments bei der deutschen Patrizia Immobilien AG, auf die günstige Lage: „Das ist das einzige Viertel innerhalb der Verkehrszone 1, in dem sich der Mittelstand noch das Wohnen leisten kann.“

High-Speed-Gentrifizierung

Allein, nicht alle sind mit der Entwicklung von Elephant & Castle zufrieden. „Ich lebe schon seit 20 Jahren in London, und Elephant & Castle war mit seinen Lagerhallen, Industriebrachen und seinen schäbigen Wohnbauten so etwas wie das soziale Abstellgleis im Herzen der Stadt“, erzählt Sebastian Dean. Er betreibt die Longwave Bar, einen mit Holzbrettern behübschten Baucontainer am Rande des Baustellenareals. Sein Mietvertrag läuft in vier Jahren aus. „Das war zwar einerseits problematisch, andererseits aber auch eine Art Hintertür für jene, die zwar zentral leben wollten, sich aber hochpreisige Wohnungen nicht leisten konnten. Das ist jetzt vorbei.“

Die Wohnungen, die am Markt angeboten werden, würden immer teurer, die Geschäfte immer exklusiver, die Restaurants immer hochpreisiger, kritisiert Dean, Locken, Bart und Tattoos am Körper. „Für Randgruppen, für untere Einkommensschichten, für Leute wie dich und mich wird Elephant & Castle in einigen Jahren tot sein. Ich werde wegziehen müssen. Das war's dann.“ Es spreche nichts gegen wirtschaftliche Entwicklung, so Dean. „Aber hier geht die Gentrifizierung dann doch ein bisschen schnell.“

Wunsch und Wirklichkeit

In acht bis zehn Jahren werden diese Sorgen vergessen sein. Glaubt man den Renderings, werden glückliche Menschen Arm in Arm durch die Stadt spazieren, Kinderwagen vor sich herschieben und genüsslich Latte Macchiato schlürfen. Dass die architektonische Qualität des neuen Wohnghettos zu wünschen übrig lässt, dass die angepeilte soziale Durchmischung nach heutiger Einschätzung mehr Wunsch als Wirklichkeit zu sein scheint und dass das gesamte Areal trotz seiner Größe ohne Masterplan und Wettbewerb abgewickelt werden konnte, wird dann niemanden mehr kümmern.

„Echt? In Österreich braucht man Studien und Wettbewerbe, muss die Projekte von Beiräten absegnen lassen und städtebauliche Verträge mit der Stadt eingehen?“, fragt ein Kenner der Londoner Immobilienbranche, der nicht genannt werden möchte, erstaunt. „Aber das ist ziemlich kompliziert für Investoren, oder?“

19. Juli 2015 Der Standard

See­gur­ke im Wun­der­land

Der dies­jäh­ri­ge Ser­pen­ti­ne-Pa­vil­lon von Sel­gas­Ca­no spal­tet die Ge­mü­ter. Es ist gei­ßelnd hell und brü­tend heiß. Je­doch: Das bun­te Bau­werk ge­fällt ge­ra­de je­nen, für die es kon­zi­piert wur­de – der Lon­do­ner Be­völ­ke­rung.

Es hat 37 Grad an die­sem Tag. Aus­nah­me­zu­stand in Lon­don. Und wäh­rend die In­fras­truk­tur zu­sam­men­bricht und die Zü­ge und U-Bah­nen auf­grund des kom­plett über­la­ste­ten Net­zes nur noch mit Tem­po 30 durch den Un­ter­grund zu­ckeln, scheut die bri­ti­sche See­le, leicht un­ter­kühlt in ih­rer kli­ma­ti­schen Na­tur, nicht da­vor zu­rück, sich an ei­nen noch hei­ße­ren, ei­nen noch un­er­träg­li­che­ren Ort zu be­ge­ben.

„Oh, es ist ein­fach wun­der­voll“, sagt San­dra Mil­ler. Die Pen­sio­nis­tin trifft sich ein­mal im Mo­nat mit ih­ren Freun­din­nen zum Frau­en­zir­kel, je­des Mal an ei­nem an­de­ren Ort, die­ses Mal ist es der Ser­pen­ti­ne-Pa­vil­lon in den Ken­sing­ton Gar­dens. Der Schweiß rinnt in Strö­men über ih­re Schmin­ke, über die Haut legt sich ein mal grün­li­cher, mal pin­ker Schlei­er. „Es gibt Ge­bäu­de, die las­sen ei­nen die­sen Som­mer in ge­wis­ser Wei­se wür­di­ger und stil­vol­ler er­tra­gen, das kann ich nicht leug­nen. Aber trotz­dem macht mich die­ses Ding, so­bald ich es be­tre­te, auf ei­ne ganz ei­ge­ne Wei­se glü­cklich. Ich füh­le mich hier an mei­ne Kind­heit er­in­nert.“

Jahr für Jahr lädt die Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry Ar­chi­tek­ten und Ar­chi­tek­tin­nen aus al­ler Welt ein, für ei­ne Sai­son ei­nen tem­po­rä­ren, öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Pa­vil­lon auf das his­to­ri­sche An­we­sen zu stel­len. Man möch­te dem bri­ti­schen Pu­bli­kum zeit­ge­nös­si­sche Ar­chi­tek­tur, ja ein biss­chen so­gar das un­or­tho­do­xe Den­ken von Räu­men nä­her­brin­gen. Nach wohl­klin­gen­den und be­stens ver­trau­ten Na­men wie et­wa Za­ha Ha­did, Frank Geh­ry, Oscar Nie­mey­er, Da­ni­el Li­be­skind, Je­an Nou­vel und Pe­ter Zum­thor hat man be­reits 2013 be­gon­nen um­zu­den­ken und auch we­ni­ger eta­blier­ten Ar­chi­tek­ten ei­ne Büh­ne zu ge­ben. Mit dem spa­ni­schen und in­ter­na­tio­nal kaum be­kann­ten Bü­ro Sel­gas­Ca­no be­strei­tet man nun das 15-jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um der Re­nais­san­ce der Pa­vil­lon-Kul­tur.

Far­ben­fro­hes Sel­fie-Pa­ra­dies

„Wir ha­ben uns da­zu ent­schie­den, in Zu­kunft mit ei­ner jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on von Ar­chi­tek­ten zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Das macht das Spek­trum der Ge­stal­tung rei­cher und brei­ter“, sagt Em­ma En­der­by, zu­stän­di­ge Ku­ra­to­rin in der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry, die die Pa­vil­lons oh­ne För­de­rung ein­zig und al­lein mit Spon­so­ren­geld­ern fi­nan­ziert. „Die fri­sche und in­no­va­ti­ve Her­an­ge­hens­wei­se an das The­ma Licht, Far­be und Ma­te­ri­al, die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Na­tur und nicht zu­letzt die Ex­pe­ri­men­tier­freu­de zeich­nen die­ses, wie ich mei­ne, ein­zig­ar­ti­ge Ar­chi­tek­tur­bü­ro aus.“

Von au­ßen be­trach­tet liegt der dies­jäh­ri­ge Pa­vil­lon mit sei­nen vier wur­mar­ti­gen Ein- und Aus­gän­gen wie ein wei­ches, amor­phes X, wie ei­ne dop­pelt sia­me­si­sche See­gur­ke aus Ali­ce’ Wun­der­land in der Wie­se. Far­bi­ge, kreis­chend re­gen­bo­gen­bun­te Fo­lien aus ET­FE, ei­ni­ge da­von ge­tupft, an­de­re mit Me­tal­lic-Ef­fekt, schmie­gen sich über weiß la­ckier­te, ge­krümm­te und ge­knick­te Stahl­rah­men. An man­chen Stel­len so­gar ist die Stahl­kons­truk­ti­on mit an Pa­ket­kle­be­band ge­mah­nen­den Plas­tik­schlei­fen um­wi­ckelt. Ein Sel­fie-Pa­ra­dies für Fa­ce­boo­ker und In­sta­gram­mer.

„Mir ge­fällt das Zu­fäl­li­ge, das Un­vor­her­seh­ba­re an die­sem Ge­bil­de“, meint die eng­li­sche Kunst­kri­ti­ke­rin Han­nah Lan­cas­ter. „Es geht von nir­gend­wo nach nir­gend­wo. Man weiß nie, wo der Ein­gang ist, man weiß nie, wo man wie­der her­aus­kommt. Die Pro­jek­te in den Vor­jah­ren wa­ren lang­wei­li­ger. Das heu­ri­ge Pro­jekt je­doch lie­fert den Be­weis, dass Ar­chi­tek­tur rich­tig Spaß ma­chen kann.“ Ver­schwin­det wie­der im Wurm­loch psy­che­de­li­scher Farb­tän­ze und po­si­tio­niert das Smart­pho­ne am En­de des aus­ge­streck­ten Arms. Und klick.

Al­lein, an­ders als in den Vor­jah­ren darf man kei­nen ar­chi­tek­to­ni­schen Blick auf den Pa­vil­lon wer­fen, be­trach­tet es rat­sa­mer­wei­se vom Stand­punkt des Lai­en, des städ­ti­schen Be­woh­ners, des in die­ser sonst so grau­en Stadt nach Far­ben­rausch trach­ten­den Glücks­rit­ters. Ver­ges­sen sol­len sie sein, all die ge­bas­tel­ten De­tails, all die zu­ge­knif­fe­nen Au­gen im gei­ßeln­den Licht der tau­send­fach ref­lek­tier­ten Son­ne, all die schweiß­trei­ben­den Mi­nu­ten un­ter dem Bal­da­chin des Plas­tik­fo­lie­nin­fer­nos.

„Ich mag mei­nen Job, aber hier zu ar­bei­ten ist ei­ne rich­ti­ge Her­aus­for­de­rung“, sagt Kit­ty Roe. Sie steht an der Bar und ver­kauft Ge­trän­ke an Be­su­che­rin­nen und Be­su­cher. Die Was­ser­fla­schen ge­hen in die­sem Jahr hek­to­li­ter­wei­se über die Schank. „Ich muss zu­ge­ben, dass ich heu­er sehr ent­täuscht bin“, meint An­drew Sta­ple­hurst, der aus den Mid­lands ex­tra nach Lon­don ge­reist ist, um den Pa­vil­lon zu be­su­chen. „Das gan­ze Ding sieht schä­big aus, so als ob man es not­dürf­tig re­pa­riert hät­te. Muss denn Tem­po­rä­res wirk­lich so tem­po­rär aus­se­hen?“ Und The Gu­ar­di­an schreibt in sei­ner Kri­tik gar: „Es ist, als hät­te man ei­nen Clown für ei­ne Kin­der­par­ty or­ga­ni­siert, und dann stellt sich her­aus, dass die­ser gar nicht so lus­tig ist, wie man dach­te.“

Ex­pe­ri­men­tie­ren muss sein

Die Ar­chi­tek­ten Sel­gas­Ca­no stört die­se Kri­tik nicht im Ge­ring­sten. „Das ist kein fer­ti­ges Ge­bäu­de, son­dern mehr ei­ne Skiz­ze für et­was, das sich da­raus ei­nes Ta­ges ent­wi­ckeln könn­te“, er­klärt Jo­sé Sel­gas, der das Bü­ro ge­mein­sam mit sei­ner Part­ne­rin Lu­cía Ca­no be­treibt. „Wir ar­bei­ten ger­ne mit neu­en Ma­te­ria­li­en und neu­en Fer­ti­gungs­me­tho­den. Fort­schritt und über den Tel­ler­rand bli­cken ... das ist un­se­rer Mei­nung nach ei­ne der es­sen­ziel­len Auf­ga­ben der Ar­chi­tek­tur.“

Auch die an­de­ren Pro­jek­te von Sel­gas­Ca­no – da­run­ter et­wa ein Ska­te­park und Ju­gend­zen­trum in Mé­ri­da, ein Kon­fe­renz­zen­trum in Pla­sen­cia so­wie ihr ei­ge­nes, halb im Wald­bo­den ein­ge­grab­enes Ar­chi­tek­tur­bü­ro in der Nä­he von Ma­drid – sind im­mer wie­der Ex­em­pel für das Neue, für das noch nie da Ge­we­se­ne in der Ar­chi­tek­tur. Plas­tik in all sei­nen che­mi­schen und for­ma­len Er­schei­nungs­for­men spielt da­bei ei­ne wich­ti­ge Rol­le. „Ex­pe­ri­men­tie­ren ist der Schlüs­sel in die Zu­kunft“, sagt Sel­gas. Auch wenn das Er­geb­nis, wie The Gu­ar­di­an schreibt, wie ein mü­der, zu­sam­men­ge­sack­ter Luft­bal­lon da­her­kommt.

Der dies­jäh­ri­ge Ser­pen­ti­ne-Pa­vil­lon spal­tet die Ge­mü­ter. Es ist ei­ne Ar­chi­tek­tur, die dem Kol­lek­tiv gut ge­fällt, wäh­rend sie das ar­chi­tek­to­ni­sche, hoch­kul­tu­rel­le Es­ta­blish­ment schau­de­rhaft zu ver­stö­ren weiß. Und das ist gut so. Ge­ra­de in ei­ner Stadt wie Lon­don, die sich tra­di­tio­nell und mehr denn je seit That­cher dem Dik­tat der Pri­va­ti­sie­rung, des Aus­ver­kaufs des öf­fent­li­chen Raums und der mit­un­ter bru­ta­len Ab­kehr je­des Wohl­fahrts­ge­dan­kens un­ter­wor­fen hat, kommt die­ses lus­ti­ge, hu­mor­vol­le und auch ir­gend­wo ge­nuss­vol­le Gu­te-Lau­ne-Na­tur­ell gut zu ste­hen. Die Lon­do­ner Be­völ­ke­rung hat be­wie­sen, dass das Kon­zept auf­geht.

27. Juni 2015 Der Standard

Hin­ter Dis­ne­ys Gar­di­nen

Kon­zern­chef statt Bürg­er­meis­ter. Ein Re­gel­buch fürs Bau­en und Woh­nen. Und 100 Dol­lar Stra­fe für den fal­schen Vor­hangs­toff im Fens­ter. Zu Be­such in Walt Dis­ne­ys to­tal über­wach­ter Re­tor­tens­tadt Ce­le­brat­ion, Flo­ri­da.

„Es ist gut, hier zu le­ben“, sagt Kat­hy Carl­son. „Die Stadt ist fuß­gän­ger­freund­lich und sehr si­cher, es gibt vie­le Kir­chen, ei­nen hüb­schen See in der Mit­te und ei­ne wun­der­ba­re At­mo­sphä­re in den Stra­ßen. Doch am meis­ten schät­ze ich un­se­ren aus­ge­präg­ten Ge­mein­schafts­sinn, der uns al­le ver­bin­det.“ Erst un­längst ha­be die Com­mu­ni­ty ei­ner Be­wohn­erin zum 100. Ge­burts­tag ein elek­tri­sches Vier­rad ge­schenkt. Die La­dy sei ganz au­ßer sich ge­we­sen. Jetzt kön­ne sie end­lich wie­der ak­tiv am All­tag teil­ha­ben.

Ce­le­brat­ion, nur we­ni­ge Mei­len von der Walt Dis­ney World Or­lan­do ent­fernt, ist ei­ne Bil­der­buch­klein­stadt, ein So­zi­al­ex­pe­ri­ment, ei­ne uto­pi­sche Re­tor­te aus der Fe­der des Trick­film­kon­zerns Dis­ney. Wer hier woh­nen möch­te, der muss sich den Spiel­re­geln des pri­vat­wirt­schaft­li­chen Gi­gan­ten un­ter­ord­nen. Und die­se se­hen nicht nur vor, in wel­cher Far­be das Haus gest­ri­chen ge­hört, son­dern auch, wie hoch der Ra­sen ge­mäht sein muss und wie die Vor­hän­ge und Gar­di­nen aus­zu­se­hen ha­ben. Schließ­lich sind auch die­se Teil der un­er­bitt­lich nach­hal­ti­gen, op­ti­schen Har­mo­nie. Dem­nächst be­geht Ce­le­brat­ion sein 20-Jahr-Ju­bi­lä­um. Die Fei­er­lich­kei­ten sind be­reits in Pla­nung.

„Wis­sen Sie, das ist kei­ne Stadt für je­den Ge­schmack“, sagt Kat­hy, die in der Ce­le­brat­ion Ave­nue ein Mak­ler­bü­ro be­treibt. Ima­gi­na­ti­on Re­al­ty heißt ih­re Im­mo­bi­lien­welt. Sie ist kurz an­ge­bun­den. In we­ni­gen Mi­nu­ten muss sie wie­der los, um ih­rer Kun­din ein Haus auf­zu­sper­ren. „Wer hier­her­zieht, der weiß ganz ge­nau, wo­rauf er sich ein­lässt. Und das ist auch gut so, denn so bleibt der schö­ne Cha­rak­ter der Stadt, so blei­ben die tra­di­tio­nel­len Wer­te er­hal­ten. Sa­gen Sie selbst! Sieht es hier nicht aus wie in Sa­van­nah oder wie in Charles­ton?“

Un­kraut ent­fernt?

Über der Mar­ket Street, der zen­tra­len, wie­wohl nur 100 Me­ter lan­gen Fuß­gän­ger­zo­ne in der Downt­own, hän­gen Dut­zen­de von Ka­me­ras. Ver­trau­en ist gut, Vi­deoü­ber­wa­chung ist bes­ser. Täg­lich rückt ein so­ge­nann­tes Com­pli­an­ce Te­am aus, um in den Stra­ßen und Vor­gär­ten nach dem Rech­ten zu se­hen: Ist das Haus sau­ber? Ist das Un­kraut ent­fernt? Sitzt die Lat­te wie­der pro­per im Zaun? Ist die Fass­ade, nach­dem die Süd­sei­te so stark aus­ge­bli­chen war, nun end­lich frisch gest­ri­chen?

Die Da­men und Her­ren, die mit Ar­gu­sau­gen durch die eng ge­kurv­ten Stra­ßen rol­len, sind Teil der Ce­le­brat­ion Re­si­den­ti­al Ow­ners As­so­cia­ti­on (CROA). Sie no­tie­ren Auf­fäl­lig­kei­ten, do­ku­men­tie­ren Schä­den und for­dern im Be­darfs­fall die Be­wohn­er­in­nen und Be­woh­ner zur In­stands­et­zung auf.

Wer die­ser Ein­la­dung bis zu ei­ner ver­trag­lich fest­ge­setz­ten Frist nicht Fol­ge leis­tet, wird zur Kas­se ge­be­ten. Pro Tag in Ver­zug sind 100 Dol­lar Stra­fe fäl­lig. Nach 50 Ta­gen und er­go 5000 Dol­lar Schul­de­nan­häu­fung ist Schluss. Dann wird das Ge­richt ein­ge­schal­tet.

„Kei­ne Sor­ge, das pas­siert nicht oft“, meint Scott Nelms, Ar­chi­tekt im ört­li­chen Bü­ro Loo­ney Ricks Kiss (LRK). Er ist ei­ner der Ma­cher der Häu­ser im vik­to­ria­ni­schen, fran­zö­si­schen, me­di­ter­ra­nen, ko­lo­nia­len oder ein­fach nur klas­si­schen Stil. Die­se fünf Bau­kas­ten­sys­te­me sind es, die dem Käu­fer zur Wahl ste­hen. Fass­ade, Holz­lat­ten­brei­te und Fens­ter­rah­men­de­sign sind im Ce­le­brat­ion Pat­tern Book, ei­ner Art Bau­bi­bel, ge­nau fest­ge­hal­ten. „Na­tür­lich ist der Gar­ten manch­mal nicht sehr ge­pflegt, na­tür­lich tanzt mal je­mand aus der Rei­he, in­dem er sein Haus pink oder blau streicht, aber mei­ne Er­fah­rung ist, dass man sich in der Re­gel zu ei­ni­gen ver­sucht. Die Aus­brü­che hal­ten sich in Gren­zen.“

In der Mar­ket Street rie­seln idyl­li­sche Spa- und Kla­vier­klän­ge aus den Bo­xen. Der mu­si­ka­li­sche Schlei­er soll da­rü­ber hin­weg­täu­schen, dass die Stadt seit der Fi­nanz­markt­kri­se 2008 kon­ti­nui­er­lich schrumpft. Es wa­ren schon mal 11.000 Ein­woh­ner, jetzt sind es 7000. Rea­ding Trout Books, der ein­zi­ge Buch­la­den weit und breit, hat be­reits dicht­ge­macht. Auch das Ki­no, das sich wie die ge­sam­te In­nens­tadt seit 2004 in Be­sitz der New Yor­ker Be­treib­er­fir­ma Le­xin Ca­pi­tal LLC be­fin­det, muss­te schlie­ßen. Man schaut sich be­reits nach ei­ner lu­kra­ti­ven Al­ter­na­tiv­nut­zung um, heißt es auf An­fra­ge bei Ima­gi­na­ti­on Re­al­ty.

Je­des Mit­tel ist recht, um neue Kon­su­men­ten nach Ce­le­brat­ion zu lo­cken. Von Be­wohn­ern kann man in ei­ner Stadt, die kei­nen Bürg­er­meis­ter hat, son­dern von De­le­gier­ten des Dis­ney-Kon­zerns ge­lenkt und über­wacht wird, kaum spre­chen. Zu Weih­nach­ten schneit es über der Fuß­gän­ger­zo­ne Flo­cken von Ra­sier­schaum auf den Bo­den. Der ein­zi­ge Schnee weit und breit. „Ce­le­brat­ion. Der Ort, nach dem Ih­re See­le ge­sucht hat“, steht auf ei­ner Im­mo­bi­lien­schau­ta­fel an der Stadt­ein­fahrt. Un­wei­ger­lich fühlt man sich an Die Frau­en von Step­ford und an den all­mäh­lich Ver­dacht schöp­fen­den, Un­bill ah­nen­den Jim Car­rey ali­as Tru­man Bur­bank in der Tru­man Show er­in­nert.

„Na­tür­lich han­delt es sich da­bei um ei­ne Il­lu­si­on“, schreibt Nao­mi Klein in ih­rem 500-sei­ti­gen Best­sel­ler No Lo­go! . „Die Fa­mi­li­en, die Ce­le­brat­ion zu ih­rem Wohn­ort er­ko­ren ha­ben, sind die Er­sten, die ein Le­ben im Zei­chen der Mar­ke füh­ren.“ Und die Wie­ner So­zio­lo­gin An­et­te Bal­dauf meint gar, Ce­le­brat­ion sei das „wahr­schein­lich in­fams­te Stadt­pla­nungs­ex­pe­ri­ment des aus­lau­fen­den 20. Jahr­hun­derts“. Doch wa­rum seh­nen sich so vie­le Men­schen nach ei­nem Le­ben in der Lü­ge? In der Hand der Mäch­ti­gen? Im Dik­tat der om­ni­prä­sen­ten US-ame­ri­ka­ni­schen und längst schon glo­bal agie­ren­den Pri­vat­wirt­schaft?

„Die kom­mer­ziell über­wach­ten Mo­nos­truk­tu­ren sind nichts an­de­res als die lo­gi­sche Fol­ge der Sub­urbs und der jahr­zehn­te­lan­gen Stadt­pla­nung, die je­de kul­tu­rel­le Iden­ti­tät der Pe­ri­phe­rie in den Or­bit des Plu­to ver­bannt hat“, sagt der ka­li­for­ni­sche So­zio­lo­ge und His­to­ri­ker Mi­ke Da­vis im Ge­spräch mit dem Stan­dard . „Wir sind es schon längst ge­wohnt, uns der Kon­trol­le und Über­wa­chung durch an­de­re un­ter­zu­ord­nen. Das macht die Kom­ple­xi­tät der Stadt sim­pler und leich­ter ver­ständ­lich.“

Die ei­gent­li­che Ge­fahr der Di­gi­ta­li­sie­rung, der Ro­bo­ti­sie­rung und der zu­neh­men­den Da­ten­spei­che­rung welt­weit, so Da­vis, sei nicht die künst­li­che In­tel­li­genz oder der Kampf zwi­schen Mensch und Ma­schi­ne. „Um das zu glau­ben, bin ich wohl zu alt und zu stark im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert ver­haf­tet. Die ei­gent­li­che Ge­fahr näm­lich, der wir aus­ge­lie­fert sind, ist die Dua­li­tät der im­mer mäch­ti­ger wer­den­den Me­dien und Kon­zer­ne und der im­mer schwä­cher wer­den­den per­sön­li­chen po­li­ti­schen Stim­me.“

Vom Über­wa­chungs­kon­zern zum Über­wa­chungs­staat ist es nur ein klei­ner Schritt. Die welt­weit höch­ste Dich­te an Vi­deo­ka­me­ras gibt es in Lon­don. Die meis­ten Au­gen lau­ern im vir­tu­el­len Raum. Ce­le­brat­ion ist über­all. „Ach, die Ka­me­ras da oben … Nein, da ma­che ich mir kei­ne Sor­gen. Die die­nen nur zu un­se­rer per­sön­li­chen Si­cher­heit“, meint ei­ne Mut­ter, die ih­ren Kin­der­wa­gen durch die Mar­ket Street schiebt. „Das ist es, was ich an die­ser Stadt schät­ze. Man ist un­ter sich, und es ist al­les in Ord­nung.“

13. Juni 2015 Der Standard

Kein Gramm Fett

Das un­ter­ir­di­sche Mu­se­um Li­au­nig im kärnt­ne­ri­schen Neu­haus ist um ein paar Räu­me rei­cher. Es re­giert die nack­te Ge­walt von Licht und Be­ton – und von fünf Se­kun­den Echo.

Rau­chen strengs­tens ver­bo­ten. Kunst dul­det kei­nen Qualm. Doch die Na­sen­här­chen sind ein we­nig ir­ri­tiert an­ge­ruchs der hier vor­ge­fun­de­nen Ta­bak­kon­zen­tra­ti­on. Über das ge­sam­te Mu­se­um legt sich ein be­tö­ren­der Schlei­er von ku­ba­ni­schem Zi­gar­ren­rauch. Her­bert Li­au­nig ist zu­ge­gen. Er sitzt im Foy­er und ge­nießt den gei­ßeln­den Son­nen­schein an die­sem früh­som­mer­li­chen Nach­mit­tag auf sei­ne Art und Wei­se. „Mit dem Es­sen kommt der Ap­pe­tit“, sagt Li­au­nig. „Die Samm­lung wur­de im­mer grö­ßer und grö­ßer, und so war es un­aus­weich­lich, dass das Mu­se­um ei­nes Ta­ges er­wei­tert wer­den muss­te.“

Vor rund ei­nem Mo­nat ging das nun­mehr von 5000 auf 7500 Qua­drat­me­ter ver­grö­ßer­te, un­ter­ir­di­sche Pri­vat­mu­se­um in Neu­haus/Su­ha in Be­trieb. Wo sich frü­her Kä­fer und Re­gen­wür­mer durch das Er­dreich fra­ßen, hän­gen nun Aqua­rel­le und Öl­ge­mäl­de des iri­schen Ma­lers Se­an Scul­ly. Mit sei­nen pas­to­sen, schwarz-weiß-grau­en und ge­deckt bun­ten Strei­fen und Bal­ken, die er auf die Lein­wand bannt, bringt er Far­be in den Raum. „Welt­an­eig­nung“ nennt Scul­ly die­se Ver­schmel­zung von Licht und Me­lan­cho­lie.

Mit dem dreie­cki­gen Raum, der gleich ne­ben dem Foy­er ab­zweigt, hat Li­au­nig nun erst­mals auch ei­ne Büh­ne für Leih­ga­ben und Wech­sel­aus­stel­lun­gen – und für Le­sun­gen, Kon­zer­te, di­ver­se Ver­an­stal­tun­gen wel­chen For­mats auch im­mer. „Wir möch­ten uns jetzt et­was brei­ter auf­stel­len und ei­nen viel­fach nutz­ba­ren Raum zur Ver­fü­gung stel­len, in dem Kul­tur statt­fin­den kann“, so Li­au­nig. Die Akus­tik ist wun­der­bar. Wenn hier ei­nes Ta­ges Pe­ter Hand­ke aus ei­nem sei­ner Bü­cher le­sen wer­de, so der Plan, dann wird er dies oh­ne Ver­stär­kung tun kön­nen.

Fünf Me­ter über dem Bo­den pfei­fen rie­si­ge, bis zu 35 Me­ter lan­ge Stahl­be­ton­trä­ger durch den Raum. Ein biss­chen er­in­nert die­se ro­he, un­ver­blüm­te Me­gast­ruk­tur an der Drau an die Bau­ten von Pe­ter Ei­sen­man, Lou­is Kahn, Le Cor­bu­sier. „Wir woll­ten den Raum nackt und un­ver­klei­det be­las­sen“, sagt Ja­kob Dunkl von quer­kraft ar­chi­tek­ten. „Da­mit kommt der ar­chai­sche Cha­rak­ter die­ses Ge­bäu­des, das ja fast zur Gän­ze in der Er­de drins­teckt, bes­ser zur Gel­tung. Es gibt kei­nen Un­ter­schied zwi­schen Roh­bau und fer­ti­gem Haus.“ Hält kurz in­ne. Und dann, druck­reif: „Kein Gramm Fett.“

Die ma­te­riel­le Ab­spe­ckungs­kur hat nicht nur räum­li­che und ge­stal­te­ri­sche Grün­de, son­dern ist nicht zu­letzt dem Por­te­mon­naie ge­schul­det. Der Un­ter­neh­mer und Kunst­samm­ler Li­au­nig ist kei­ner, der sich all­zu oft in sei­nen Spen­dier­ho­sen zeigt. Und so ver­wun­dert es nicht, dass die Net­to­bau­kos­ten für den Er­wei­te­rungs­bau mit 1500 Eu­ro pro Qua­drat­me­ter kei­nen Cent über dem ur­sprüng­li­chen, 2008 er­rich­te­ten Ur­mu­se­um lie­gen durf­ten. Das Ge­samt­in­ves­ti­ti­ons­vo­lu­men be­läuft sich auf 5,5 Mil­lio­nen Eu­ro.

Wa­rum bloß drei E­cken?

Doch wa­rum bloß drei E­cken? „Wir wa­ren zu Be­ginn auch ein we­nig skep­tisch“, meint Dunkl. Dreie­cki­ge Aus­stel­lungs­räu­me sei­en nicht ge­ra­de all­täg­lich im Mu­se­ums­bau. „Al­ler­dings hat ein Drei­eck bei gleich blei­ben­der Flä­che un­ter den ein­fa­chen euk­li­di­schen Grund­for­men den größ­ten Um­fang. So ge­se­hen kann man bei gleich blei­ben­den Bau­kos­ten mehr Bil­der an die Wand hän­gen.“ Das hat den Haus­herrn über­zeugt.

Orts­wech­sel. Et­was wei­ter drin im Berg. Über ei­nen mehr als 50 Me­ter lan­gen Kor­ri­dor ge­langt man in die neue Glas- und Mi­nia­tur­samm­lung. Ram­pen ge­hen auf und ab, man ver­liert nicht nur die Orien­tie­rung im Raum, son­dern auch das Ge­fühl für die be­reits zu­rück­ge­leg­ten Hö­hen­schicht­li­ni­en. Die In­stal­la­ti­on der ös­ter­rei­chi­schen Künst­le­rin Est­her Sto­cker, die den Gang an Bo­den, Wand und De­cke schwarz-weiß ge­pi­xelt hat, tut ein Üb­ri­ges. Um­so er­nüch­tern­der sind dann die bei­den Aus­stel­lungs­räu­me mit Tep­pich­bo­den und Vi­tri­nen, in de­nen Glas­ar­bei­ten und im Mil­li­me­ter­be­reich aqua­rel­lier­te Por­träts aus dem Zeit­raum von 1500 bis 1800 prä­sen­tiert wer­den.

Ein Highl­ight ist da­für die Skulp­tu­ren­hal­le ne­ben­an. Der kreis­run­de, ar­chaisch be­to­nier­te Raum, der be­reits 2011 er­rich­tet wur­de, dien­te bis zu­letzt als La­ger­raum für Plas­ti­ken und Land­ma­schi­nen und Trak­to­ren. Heu­te ist der ein­sti­ge Ab­stell­raum, des­sen Geo­me­trie und Bau­wei­se tra­di­tio­nel­len Gä­rungs­be­häl­tern nach­emp­fun­den ist und der sich an der Ober­flä­che wie ein über­di­men­sio­na­ler Maul­wurfs­hü­gel durch den Gras­tep­pich wölbt, öf­fent­lich zu­gäng­lich.

Fünf Se­kun­den Nach­hall­zeit

Zeit­ge­nös­si­sche Fi­gu­ren ste­hen frei im Raum. Fast pant­heong­leich strömt von oben das Licht in den Be­häl­ter. „Spä­ter ein­mal“, sagt Haus­tech­ni­ker Rein­hold Ja­mer, er kennt das Haus in- und aus­wen­dig, „sol­len hier Kon­zer­te und Ge­sangs­aben­de auf­ge­führt wer­den. Das wird wirk­lich dra­ma­tisch wer­den, da­rauf freue ich mich schon.“ Fünf Se­kun­den be­trägt die Nach­hall­zeit. Sa­kra­le Di­men­sio­nen tun sich da auf. Im De­zem­ber 2012 wur­de das Mu­se­um Li­au­nig, nur vier Jah­re nach Fer­tigs­tel­lung, als jüngs­tes ös­ter­rei­chi­sches Ob­jekt al­ler Zei­ten un­ter Denk­mal­schutz ge­stellt. Die Grün­de da­für mö­gen viel­fäl­tig ge­we­sen sein. Als sei­ne per­sön­li­che Mo­ti­va­ti­on je­doch nennt Haus­herr Li­au­nig den Schutz des Hau­ses über sei­nen Tod hin­aus: „Nach­dem Günt­her Do­me­nig ge­stor­ben ist, war mei­ne größ­te Be­fürch­tung, dass das von ihm ge­plan­te Stein­haus am Os­sia­cher See in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten könn­te. Das wä­re scha­de ge­we­sen. Der Denk­mal­schutz ist ei­ne ge­wis­se Ge­währ, dass das nicht pas­siert.“

Schon jetzt wach­te das Bun­des­denk­mal­amt mit Ar­gu­sau­gen über das Er­wei­te­rungs­pro­jekt der mit dem Pro­jekt wohl be­stens ver­traut ge­we­se­nen Haus- und Ho­far­chi­tek­ten quer­kraft. Wei­te­re Zu­bau­ten wer­den nur un­ter größ­ter An­stren­gung mög­lich sein. „Das wird nicht nö­tig sein“, sagt der Zi­gar­re paf­fen­de Kunst­samm­ler. „Das Mu­se­um ist jetzt groß ge­nug.“ Näch­stes Jahr soll der in die Land­schaft ein­ge­las­se­ne Skulp­tu­ren­gar­ten er­öff­net wer­den. Die Bau­stel­le hat be­reits be­gon­nen. Da­mit wird das Werk Li­au­nig ab­ge­schlos­sen sein.

Be­sich­ti­gungs­zei­ten:
Mitt­woch bis Sonn­tag 10 bis 18 Uhr.

Ge­öff­net bis 31. Ok­to­ber

6. Juni 2015 Der Standard

Ba­de­ho­se und Bau­stel­le

In Lon­don fällt neu­er­dings nicht nur das Wet­ter ins Was­ser. Im King’s Cross Pond kann man in­mit­ten von Bag­gern und Krä­nen ein Bad in ei­nem Kunst­werk von Mar­je­ti­ca Potrč neh­men. Ein frös­teln­der Lo­ka­lau­gen­schein.

Kalt. Ver­dammt kalt. 14,2 Grad Cel­si­us kalt, um ge­nau zu sein. Und wäh­rend der ge­sam­te Kör­per lang­sam von ei­ner pri­ckeln­den Taub­heit über­zo­gen wird, dre­hen sich im Him­mel ein Dut­zend Bau­krä­ne im Kreis, mit an den Ha­ken baum­eln­den Stahl­trä­gern, Be­ton­fer­tig­tei­len und glä­sern glit­zern­den Fass­ade­ne­le­men­ten. Grü­ne Gras­hal­me, die wa­cker dem stür­mi­schen Lon­do­ner Sau­wet­ter trot­zen, brin­gen et­was Grün in die­ses von Lärm, Staub und Ze­ment durch­wühl­te Am­bien­te. Ir­gend­wo da­zwi­schen, quak, hört man im Schilf die Hei­mat der jüngs­ten Be­woh­ner.

King’s Cross, die­ses ab­ge­schnitt­ene, von Glei­sen durch­zo­ge­ne Stück Stadt hin­ter dem gleich­na­mi­gen Bahn­hof im Nor­den der In­nens­tadt, ist ei­nes der größ­ten Stadt­ent­wi­cklungs- und Stadt­ver­dich­tungs­ge­bie­te Lon­dons. Wo einst Gas­ome­ter, Fa­bri­ken und La­ger­hal­len stan­den, ent­steht nun ein Grät­zel mit Kunst und Kul­tur, mit Uni­ver­si­tät, Woh­nen, Bü­ros und vie­len schö­nen Frei­räu­men ent­lang des Re­gent’s Ca­nal. Die Ini­tia­ti­ve da­für kommt nicht et­wa von der öf­fent­li­chen Hand, son­dern von pri­va­ten, ge­winn­orien­tier­ten In­ves­to­ren, die seit Mar­ga­ret That­cher in Lon­don das Sa­gen ha­ben. Auf ins­ge­samt 27 Hek­tar Flä­che to­ben sie sich mit ih­ren Pro­jek­ten aus.

Ein paar Tem­pi noch. End­lich spürt man wie­der sei­ne ei­ge­nen Glied­ma­ßen im Nass. Ei­ner der hier um­trie­bigs­ten Im­mo­bi­lien­ent­wi­ckler, die 1981 ge­grün­de­te Ar­gent LLP, die kur­zer­hand selbst ei­ne der erst kürz­lich von ihr re­vi­ta­li­sier­ten Fa­briks­hal­len in King’s Cross be­zog, wünsch­te sich für die Mit­te des neu­en Stadt­quar­tiers et­was Be­son­de­res und lud die slo­we­ni­sche Künst­le­rin Mar­je­ti­ca Potrč da­zu ein, ihr die­sen Wunsch zu er­fül­len. Potrč, ei­ne Meis­te­rin des Ver­stö­rens, zö­ger­te nicht lan­ge und schlug ih­ren Auf­trag­ge­bern ei­nen öko­lo­gi­schen, na­tur­be­las­se­nen Schwimm­teich vor. Mit­te Mai wur­de die feucht-fröh­li­che At­trak­ti­on „Of So­il and Wa­ter: King’s Cross Pond Club“, so der of­fi­ziel­le Ti­tel, er­öff­net.

„Ich fin­de es span­nend, die Na­tur zu in­sze­nie­ren“, sagt die 62-Jäh­ri­ge. „Vor al­lem hier, in King’s Cross mit sei­nem Ka­nal und sei­nen vie­len Bau­stel­len, spie­len Was­ser und Er­de ei­ne wich­ti­ge Rol­le. In ge­wis­ser Wei­se ist die­ses Pro­jekt in­mit­ten des Bau­stel­len­thea­ters ei­ne Art leicht er­ho­be­ne Büh­ne für die Na­tur und für die Schwim­mer. Das Haupt­au­gen­merk gilt der Ba­lan­ce und der Ko­exis­tenz die­ser bei­den Pro­ta­go­nis­ten.“

230 Qua­drat­me­ter misst das nie­ren­för­mi­ge Be­cken, ei­ne Art rot-weiß ge­streift um­ran­de­te Boh­ne in­mit­ten von Bag­gern und Krä­nen. Teich­ro­sen, Bach­min­zen, Was­ser­ster­ne, Stern­mie­ren, Laich­kraut, Was­ser­kraut, Zy­perng­ras und Tan­nen­we­deln sor­gen da­für, dass das Was­ser auf na­tür­li­chem We­ge ge­fil­tert und mit Sau­er­stoff ver­sorgt wird. Al­gen, Phy­to­plank­ton und di­ver­se an­de­re Mi­kro­or­ga­nis­men er­le­di­gen den Rest. Auf die­se Wei­se kann auf Chlor und che­mi­sche Fil­tra­ti­on des Was­sers gänz­lich ver­zich­tet wer­den.

Vor der Kunst bit­te du­schen

Klir­rend kalt. Das Blut schießt ei­nem durch die Adern. Die Re­zep­tur für das Bio-Schwimm­be­cken stammt von King­com­be Aqua­ca­re, dem bri­ti­schen Part­ner des ös­ter­rei­chi­schen Un­ter­neh­mens Bio­top. „Das Öko­sys­tem ist sehr fra­gil“, sagt John Col­ton, Ge­schäfts­füh­rer von King­com­be. „In ge­wis­ser Wei­se ver­su­chen wir, in die­sem künst­li­chen, mit Re­cyc­ling-Plas­tik­pla­nen aus­ge­klei­de­ten Teich die Spiel­re­geln von Mut­ter Na­tur nach­zu­emp­fin­den. Wenn man auch nur ei­nen Bruch­teil da­ran ve­rän- dert, könn­te das ge­sam­te Sys­tem kip­pen.“

Da­mit das nicht pas­siert, ist die An­zahl der Be­su­cher li­mit­iert. „Ma­xi­mal 40 Men­schen im Was­ser, mehr geht nicht“, sagt Ga­vin Roo­ney (33) ro­tes Bay­watch-T-Shirt am Leib, im tief­sten Cock­ney. Er ist Li­fe-Gu­ard und küm­mert sich da­rum, dass die Dos and Don’ts ein­ge­hal­ten wer­den. „In ei­nem Mu­se­um darf man auch nicht je­des Bild an­grei­fen, wenn ei­nem da­nach ist, oder? Zu den Be­nimm­re­geln für die­ses Kunst­werk ge­hört eben, dass man vor dem Schwim­men du­schen muss. Und bit­te auch nicht rein­pin­keln! Man muss Kunst und Na­tur ja nicht gleich über­for­dern.“

Pro Tag kom­men an die 100 bis 120 Schwim­mer zum Pond. Auch bei Wind und Wet­ter wie zu die­ser un­er­bitt­li­chen Stun­de. Es stürmt. „Die meis­ten un­se­rer Be­su­cher sind Bu­si­ness­leu­te vor Ar­beits­be­ginn oder in der Mit­tags­pau­se, Stu­den­ten, Pen­sio­nis­ten und ab­ge­brüh­te Eis­bä­ren, die sich vor dem kal­ten Was­ser nicht scheu­en“, er­zählt Ga­vin. Manch­mal kom­men auch die Bau­ar­bei­ter von ne­ben­an, tau­schen für ein paar Mi­nu­ten Blau­mann ge­gen Ba­de­ho­se. „Und im­mer öf­ter ha­ben wir Be­such von den Eu­ros­tar-Ge­schäfts­rei­sen­den aus Deutsch­land und Frank­reich, die in St. Pan­cras an­kom­men, nur we­ni­ge Schrit­te von hier.“

Paul Whi­te­he­ad ist ei­ner von ih­nen. Der 60-Jäh­ri­ge trägt Po­los­hirt und Son­nen­bril­le. Vol­ler Op­ti­mis­mus blickt er in die dun­kel­grau­en Wol­ken hoch. „Ich woh­ne an der Küs­te und bin 365 Ta­ge im Jahr im Meer“, sagt er. Das sei gut fürs Im­mun­sys­tem. „Jetzt ha­be ich end­lich auch in Lon­don die Mög­lich­keit, mei­nem täg­li­chen Ri­tu­al nach­zu­ge­hen. Ich fin­de den King’s Cross Pond groß­ar­tig. Das ist ei­ne für Lon­don ganz neue Out­door-Kul­tur, die hof­fent­lich noch vie­le Nach­ah­mer fin­den wird.“ Und er ver­schwin­det in der rot-weiß ge­streif­ten Um­klei­de­ka­bi­ne.

Die nack­te De­mo­kra­tie

Der King’s Cross Pond ist der er­ste künst­lich ge­schaf­fe­ne Na­tur­teich in ganz Groß­bri­tan­nien. Ei­ne er­fri­schen­de Pre­mie­re. Doch was ist der künst­le­ri­sche Aspekt an die­sem Pro­jekt? „Es geht um den Kon­text“, sagt Eva Pfan­nes vom Rot­ter­da­mer Bü­ro Oo­ze Ar­chi­tects. Schon seit vie­len Jah­ren un­ter­stützt sie Mar­je­ti­ca Potrč in der Pla­nung ih­rer Kunst­pro­jek­te. „In der Ba­de­ho­se zeigt man sich nackt und ver­letz­lich, und das in­mit­ten ei­ner der größ­ten Bau­stel­len Lon­dons, mit all den lau­ten Ma­schi­nen rund­he­rum. Es ist span­nend, hier so ei­nen Raum zu öff­nen. Das ist nicht all­täg­lich.“

Die größ­te Qua­li­tät die­ses Kunst­pro­jekts im öf­fent­li­chen Raum – über die ge­nau­en Bau­kos­ten schweigt sich der In­ves­tor Ar­gent LLP lei­der aus – ist sei­ne so bo­den­stän­di­ge De­mo­kra­tie. Es rich­tet sich an Künst­le­rin­nen und Kunst­lieb­ha­ber, an Schwim­mer, Öko-Fre­aks und Nach­hal­tig­keits­ak­ti­vis­ten, an An­zug-und-Kra­wat­ten-Trä­ger so­wie an ganz nor­ma­le Be­su­cher von Kunst im öf­fent­li­chen Raum. Im Was­ser sind al­le Men­schen gleich.

Der King’s Cross Pond ist als tem­po­rä­res Zwi­schen­nut­zungs­pro­jekt kon­zi­piert. Zwei Jah­re lang soll es Be­stand ha­ben. Da­nach, wenn das Vier­tel mit all sei­nen Im­mo­bi­lien­ent­wi­cklun­gen be­kannt ge­wor­den ist, so der Plan, soll es ab­ge­baut wer­den und ei­nem lu­kra­ti­ve­ren Pro­jekt Platz ma­chen. Am En­de wird wie­der die Ren­di­te sie­gen. Das ist Gen­tri­fi­ca­ti­on in Rein­kul­tur. Doch die Künst­le­rin und die Ar­chi­tek­ten zei­gen sich op­ti­mis­tisch: „Das ist ein ur­ba­nes Ge­mein­schafts­pro­jekt. Es ist ein Werk­zeug, das da­bei hel­fen soll, ei­ne re­si­lien­te und le­bens­wert­ere Stadt ent­ste­hen zu las­sen.“ Mö­gen sich die In­ves­to­ren von die­sem Glau­ben an­ste­cken las­sen. Nach dem Sprung ins kal­te Was­ser wird ei­nem ganz warm ums Herz.

[ Die Rei­se nach Lon­don er­folg­te auf Ein­la­dung von Bio­top. ]

2. Juni 2015 Der Standard

Architektin Françoise-Hélène Jourda gestorben

Die Französin hat die europäische Passivhaus-Architektur mitgeprägt

Die französische Architektin Françoise-Hélène Jourda hat sich zeit ihres Lebens einer neuen Form des menschlichen und nachhaltigen Bauens gewidmet. Mit ihren Bauten, darunter soziale Wohnbauten sowie zahlreiche Rathäuser und Universitäten, hat sie die europäische Passivhaus-Architektur mitgeprägt. In Wien hat sie ein Bürohaus in der Dresdner Straße realisiert. Zuletzt war Jourda Professorin an der TU Wien, wo sie den internationalen Blue Award für nachhaltige Architektur ins Leben rief. Am Montag ist sie nach langer Krankheit in Paris gestorben.

1. Juni 2015 deutsche bauzeitung

Demut vor Omamas Mobiliar

magdas Hotel Caritas in Wien (A

Das »magdas hotel« im Wiener Prater ist eine Oase abseits von Konsumsucht und ethnischen Vorurteilen. Das Social-Business-Projekt der Caritas ist ein Experiment, bei dem Touristen und Asylbewerber unter einem Dach wohnen. Die Architektur von AllesWirdGut orientiert sich an diesem ungewöhnlichen Programm und tischt dem Besucher so manchen Grund zum Schmunzeln auf. Der Luxus dieses Hauses liegt im neuen Blick auf alte Dinge.

Die Wände in den Korridoren erinnern an Omamas Wohnsalon. Auf taubenblauem Hintergrund hat ein Maler mit weiß-grauer Farbwalze propellerartige, längst vergessene Ornamente aufgebracht. Auch in den Zimmern dieses offiziell mit null Sternen ausgezeichneten Hotels taucht so manches Déjà-vu aus alten Tagen auf. Da steht eine alte Stehleuchte mit Stoffbespannung, da werden Opas Koffer zu einem Nachtkästchen voller Historie gestapelt, da scheint ein halber, ganz offensichtlich überlackierter Holzstuhl aus der Wand zu wachsen. Eine Ablage? Vielleicht.

»Das ist genau diese Art von Hotel, die man immer sucht und niemals findet«, sagt ein Ehepaar aus Deutschland. »Es gibt hier so viele schöne Details zu entdecken! In Wien waren wir schon öfter, aber nachdem wir von diesem Haus gehört haben, dachten wir uns, es sei wieder mal an der Zeit, die Stadt aus einem ganz neuen Blickwinkel kennenzulernen.« Im magdas, nur wenige Gehminuten vom Riesenrad entfernt, ist diese neue Perspektive garantiert. Und zwar nicht nur auf eine unkonventionelle und freche Hotellerie, sondern auch auf einen neuen Umgang mit baulichen, finanziellen und nicht zuletzt kulturellen Ressourcen.

Das magdas, der Name leitet sich von »ich mag das« ab, ist kein alltägliches Hotel. Es ist ein Social-Business-Projekt der römisch-katholischen Hilfsorganisation Caritas Österreich. An der Rezeption und in der Küche steht kein jahrelang ausgebildeten und auf aalglatt getrimmtes Personal, sondern Flüchtlinge und Asylbewerber aus insgesamt 16 Ländern. »Hier bekommen die Menschen die Chance, nach vielen Jahren im Wartezimmer des Lebens, ohne Job und ohne Aussichten, eine neue Aufgabe wahrzunehmen und sich für den Arbeitsmarkt zu wappnen«, sagt Michael Landau, Präsident von Caritas Österreich. »Unsere Vision ist, dass das Hotel ein Ort der Begegnung wird, an dem Vorurteile abgebaut werden.« Nationalflaggen von Algerien, Afghanistan, Guinea-Bissau, Syrien, Somalia, Iran und Irak, die im Treppenhaus und an den Balkonbrüstungen hängen, machen das ungewöhnliche Programm manifest.

Ein früher oder später zufälliges Gespräch zwischen Tourist und Asylbewerber scheint hier fast unausweichlich, denn man begegnet einander nicht nur an der Rezeption, man wohnt auch Tür an Tür: Der südliche Bauteil dieses ehemaligen Seniorenheims, das in den 60er Jahren errichtet wurde, steht den Mitarbeitern zur Verfügung, in den anderen beiden Trakten befinden sich die Zimmer und die Einrichtungen für die Gäste. 78 Zimmer gibt es insgesamt. Die Übernachtungspreise liegen zwischen 60 und 110 Euro. Für die Honeymoon-Suite im 4. OG mit Blick auf den Prater muss man etwas tiefer in die Tasche greifen – es ist für einen gleich mehrfach guten Zweck.

Die außergewöhnlichen Eckdaten dieses Projekts schlagen sich auch auf die Gestaltung nieder. Dem Wiener Architekturbüro AllesWirdGut (awg) ist es gelungen, die im Trend liegenden Ansätze Vintage und Recycling nicht nur als pseudo-soziales Feigenblatt zu interpretieren, wie dies allzu oft der Fall ist, sondern als ökonomische Notwendigkeit – und auch als Fundgrube für eine neue Form der Ästhetik. Sie animiert zu einer gewissen Demut.

»Das war ein außergewöhnliches Projekt, mit dem man als Architekt nicht alle Tage konfrontiert wird« sagt Herwig Spiegl, Generalplaner bei awg. »Wir mussten viel improvisieren und mit dem arbeiten, was da ist. Gelandet sind wir schließlich bei einem ziemlich wilden, aber doch stimmigen Stilmix aus Mid-Century, was zu diesem Haus sehr gut passt. Das ist weitaus nachhaltiger als der ganze modische Deko-Kitsch, den man in urbanen Hotels heute meist vorfindet.« Zu den alten Resopalmöbeln gesellen sich Stühle, Tische, Schränke und Betten aus dem Caritas-Archiv. Ein Teil der Einrichtung wurde privat gespendet. Und bei so manchem Möbelstück – wie etwa bei der alten Stahlgitter-Garderobe, die nun als skulpturales Betthaupt herhalten darf – erkennt man, welch riesiges Universum sich hinter der Idee des Upcycling auftut.

»Mit dem schonenden Umgang der Ressourcen haben wir einerseits das Budget reduzieren können, andererseits zeigen wir den Besucherinnen und Besuchern, welche Möglichkeiten es gibt, Altes und Vorhandenes wiederzuverwenden«, erklärt Projektleiterin Johanna Aufner. In gewisser Weise ist das magdas ein Appell an uns alle, uns unserer eigenen sozialen Verantwortung bewusst zu werden und ein Stückchen weit den Konsum zu unterbrechen und den Lebenszyklus der Gegenstände zu nutzen. Das Investitionsvolumen für die Revitalisierung des Hotels beläuft sich auf 1,5 Mio. Euro. Die Möbel und Einrichtungsgegenstände schlagen mit gerademal 10 bis 15 % der Gesamtkosten zu Buche. Von so einem niedrigen Anteil können andere Hotelbetreiber nur träumen.

Zahlreiche Details, die zum Schmunzeln anregen, lassen sich bei einem Rundgang entdecken. Viele davon sind quasi Null-Euro-Maßnahmen. So etwa die witzig gestalteten Piktogramme und Orientierungshinweise der Wiener Grafikagentur We Make. Schwarze Strichzeichnungen auf weißer Wand weisen einem den Weg zum Humor. Oder etwa die künstlerische Gestaltung der Suiten, in denen Studierende der Akademie der Bildenden Künste die Wandoberflächen als Leinwand nutzten. Auch die hölzerne Terrasse mit Tulpen- und Zwiebelbeeten, gestaltet nach einem Konzept von 3:0 Landschaftsarchitektur, überrascht als robust gezimmertes Langzeit-Provisorium. Wenig Geld, viel Nutzen. Das ist übrigens auch das Motto für die mittels Crowdfunding finanzierte Verschönerung des außen kaum veränderten 60er-Jahre-Hauses: Die beiden Künstler Marc Werner und Christian Gattringer laden die Hotelgäste dazu ein, quadratische Kupferplatten zu erwerben und die Loggien und Balkone auf diese Weise Stück für Stück zu veredeln. Architektur und Engagement gehen hier Hand in Hand.

Das magdas hotel ist ein temporäres Zwischennutzungsprojekt, anberaumt für fünf Jahre. Danach soll das Haus einem modernen Bau für pflegebedürftige Senioren weichen. Ob das wirklich der Fall sein wird? »Schauen wir mal«, sagt José Rodas, der Rezeptionist aus Kolumbien.

11. Mai 2015 Der Standard

Lorbeeren für die kantigste Architektin

Die Wiener Architektin Elke Delugan-Meissl ist Trägerin des Großen Österreichischen Staatspreises und Kommissärin der Architekturbiennale 2016

Sie ist ein Fan von Yohji Yamamoto. „Mich fasziniert, wie er mit Schnitt und Materialität umgeht“, sagt die Wiener Architektin Elke Delugan-Meissl, die nicht wenige Stücke des japanischen Designers besitzt. „Indem man seine Kleidungsstücke anzieht, entsteht am Körper eine neue, eine ganz unbekannte Form.“ So ähnlich könnte man auch ihr Architekturmotto in Worte fassen. Die Bauten der 55-jährigen Linzerin sind nicht nur „fesch“ und „gut geshaped“, wie sie selbst meint, sondern hüllen den Bewohner in ein großes Ganzes, in ein fließendes Raumkontinuum mit bisweilen messerscharf abgehackten Kanten.

Für genau diesen Ansatz, den der Kunstsenat als „radikal“ bezeichnet, wird sie heuer - mit ihrem Partner Roman Delugan - mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. „Das ist eine wunderschöne Anerkennung für unsere Arbeit“, sagt Delugan-Meissl. „Vor allem in einer Zeit, da sich viele Dinge zum Wirtschaftlichen wenden und Architektur oft nur als Beiwerk und Dekoration aufgefasst wird, bin ich sehr froh darüber, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass der gebaute Raum in unser aller Leben eine große Rolle spielt.“ Auch in ihrem eigenen. Gegenüber dem Büro am Mittersteig in Wien-Wieden entstand vor einigen Jahren auf dem Dach eines Sechzigerjahre-Baus das vielfach ausgezeichnete Penthouse „Ray 1“, in dem nun Delugan-Meissls Tochter wohnt. Das Projekt war ein ästhetischer und konstruktiver Kraftakt. Und wahrscheinlich kein leichter. Anders kann man sich kaum erklären, warum die Architektin auf ihrer Website in einem A-bis-Z-Glossar junge Architekten davor warnt, ihre Karriere mit einem Dachboden-Ausbau zu beginnen.

Dann schon lieber große Wohn- und Kulturbauten, die das 1993 gegründete Büro nach einem Raketenstart vom ersten Tag an plante. „Wir waren nie jung, wir waren nie lustig“, so die leidenschaftliche Golferin, die auch Mitglied im Gestaltungsbeirat Regensburg ist. Ein Wunsch für die Zukunft? „Ich will etwas auf die Bremse steigen. Ich will mehr im Büro sitzen und über meinen Projekten brüten.“ Dazu wird es in den kommenden Monaten genügend Gelegenheit geben.

Wie gestern bekannt wurde, wird Delugan-Meissl als Kommissärin den Österreich-Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig 2016 kuratieren. „Das hat mich sehr überraschend getroffen. Ich bin grad am Brainstormen. Das Konzept gibt's dann in ein paar Wochen.“

11. Mai 2015 Der Standard

Großer Österreichischer Staatspreis an Architekten Delugan Meissl

Elke Delugan-Meissl ist österreichische Kommissärin der Architekturbiennale 2016

Den großen internationalen Durchbruch hatten sie 2008 mit dem Porsche-Museum in Stuttgart. 35.000 Tonnen Gebäudemasse brachten sie auf drei Stützen zum Balancieren. Das Ergebnis ist ein Autotempel, der einem im optischen Turbo-Boost um die Ohren fliegt. „Wie oft baut man schon ein Porsche-Museum?“, sagten Roman Delugan und Elke Delugan-Meissl damals. „Wir wollten diesen Umstand feiern und haben zu diesem Zweck 80 Sportwagen einfach in die Höhe gehoben.“

Seit gestern haben die Wiener Architekten, die mit ihrem Porsche-Tempel für Furore sorgten, einen weiteren Grund zum Feiern: Kulturminister Josef Ostermayer erklärte, dass sie, die mit ihrem Büro Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) „zu den international erfolgreichsten Architekten Österreichs“ zählen, mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet werden. Begründet wurde die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung mit den „vielschichtigen, zum Teil radikalen Arbeiten“ sowie der „dezidiert gesprochenen Formensprache“.

Scharfsinnig designte Bauten

Nirgendwo zeigt sich diese besser als im Eye-Filmmuseum in Amsterdam sowie im neuen Festspielhaus in Erl (beide 2012). Als wäre die Architektur mit scharf gewetzten Messern zurechtgeschnitten worden, fallen die kantigen, mitunter scharfsinnig designten Bauten in der Masse des Gebauten auf. Sogar das kleinste, jemals von DMAA realisierte Objekt, eine Türklinke für den deutschen Hersteller Hewi, präsentiert sich in einer so außergewöhnlichen Dynamik, dass man gar nicht widerstehen kann zuzugreifen.

Neben den zahlreichen Design- und Kulturprojekten, wie etwa dem kürzlich gewonnenen Wettbewerb für die Revitalisierung des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe, sind es vor allem die sozialen, die alltäglichen Projekte, mit denen sich das Büro von jeher befasst: etwa das Geriatriezentrum Donaustadt, der Zubau Rudolfstiftung, das Bürogebäude und Kundenzentrum für die Bestattung Wien sowie die vielen sozialen Wohnbauten in Wien. Großes Los für das kommende Jahr: Elke Delugan-Meissl wurde als Österreich-Kommissärin der Architektur-Biennale in Venedig 2016 nominiert.

9. Mai 2015 Der Standard

Ei­ne Welt aus Co­la und Scho­ko­la­de

Vor ei­ner Wo­che öff­ne­te die Ex­po in Mai­land ih­re Pfor­ten. Un­ter dem Ge­ne­ral­the­ma „Den Pla­ne­ten er­näh­ren. En­er­gie für das Le­ben“ wä­re Welt­be­we­gen­des mög­lich ge­we­sen. Die­se Chan­ce wur­de ver­spielt. Der ös­ter­rei­chi­sche Pa­vil­lon lädt zu ei­ner kur­zen Ver­schnauf­pau­se vom Schock.

Spa­nien lädt zu ei­ner Aro­ma­rei­se der Sin­ne. Ka­tar prä­sen­tiert sich mit ei­nem dreis­tö­cki­gen Ein­kaufs­korb. Un­garn ze­le­briert sich als kup­fer­be­schlag­enes Holz­fass mit Dach­ter­ras­se. Oman macht ei­nen auf über­di­men­sio­na­le Sand­burg mit Markt­ge­schrei aus der Kon­ser­ven­do­se. Turk­me­nis­tan tarnt sich als tem­po­rä­rer Suk mit Plas­tik­oran­gen und Tep­pi­chen. Deutsch­land, mit dem größ­ten Pa­vil­lon von al­len, übt sich als mul­ti­me­dia­ler Auf­klä­rer, der dem Be­su­cher klar­macht, dass Ho­nig gut und ge­sund ist. Und in den „USA“, Glanz­stück der Bi­gott­erie, kann man glü­ckli­chen, sub­ur­ba­nen Fa­mi­li­en da­bei zu­se­hen, wie sie im Sti­le der Fünf­zi­ger­jah­re im häus­li­chen Rah­men Teig kne­ten, Brot ba­cken und kol­lek­tiv dem müh­sam zu­be­rei­te­ten Mahl frö­nen.

„Den Pla­ne­ten er­näh­ren. En­er­gie für das Le­ben“ lau­tet das Mot­to der glo­ba­len Na­bel­schau Ex­po, die am 1. Mai in Mai­land er­öff­net wur­de. Welt­weit, so lau­tet ei­ne grau­en­vol­le sta­tis­ti­sche Zahl, geht rund ei­ne Mil­li­ar­de Men­schen abends hung­rig ins Bett. Ein nicht en­den wol­len­der Fra­gen­ka­ta­log tut sich hier auf. Doch an­statt Kon­zep­te für ei­ne ge­rech­te, ef­fi­zien­te und vor al­lem nach­hal­ti­ge Er­näh­rung der Welt­be­völ­ke­rung auf­zu­ti­schen, ist die Welt­aus­stel­lung, die mit 2,65 Mil­li­ar­den Eu­ro und et­li­chen Schmier­geld­af­fä­ren zu Bu­che schlägt, ein Rei­gen an ver­klär­ten, ro­man­ti­sie­ren­den Wunsch­bil­dern, der den Be­su­cher wis­sens­dur­stig und in­halts­hung­rig ster­ben lässt. Da­ran kön­nen auch die schö­nen Pa­vil­lon­bau­ten von Da­ni­el Li­be­skind und Her­zog & de Meu­ron nichts än­dern.

Food-Kon­zer­ne als Spon­so­ren

Mehr noch als dass die Ex­po von den ei­gent­li­chen The­men der näch­sten Jah­re und Jahr­zehn­te ab­lenkt, holt sie sich je­ne Food-Kon­zer­ne als Part­ner und Spon­so­ren ins Boot, die für die Mi­se­re und das Ge­schäft mit der Not mit­ver­ant­wort­lich sind: McDo­nald’s, Co­ca-Co­la und Nest­lé. Ganz zu schwei­gen von den zahl­rei­chen Pa­vil­lons und Ver­kaufs­stän­den von Uni­le­ver, Lindt, Fer­re­ro und Co, die Scho­ko­la­de und Nu­tel­la-Cre­me als Grund­nah­rungs­mit­tel der Zu­kunft zu prei­sen schei­nen.

Zwar hat­ten sich die Ex­po-Ver­an­stal­ter im Vor­feld, so hört man, da­ge­gen ab­ge­si­chert, dass die Spon­so­ren (350 Mil­lio­nen Eu­ro Ge­samt­wert) die Welt­aus­stel­lung als Wer­be­platt­form und Um­satz­pa­ra­dies nut­zen, in­dem sie hier ih­re Stan­dard­pro­duk­te an­bie­ten, doch wo mehr als 20 Mil­lio­nen Be­su­che­rin­nen und Be­su­cher er­war­tet wer­den, da lässt auch die Krea­ti­vi­tät der Pro­fis nicht lan­ge auf sich war­ten. So wie et­wa am Mag­num-Stand, wo man zwar kein Mag­num, sehr wohl aber ein nack­tes Eis am Stiel er­wer­ben und die­ses im Self­ma­de-Ver­fah­ren vol­len­den kann, in­dem man es ei­gen­hän­dig in flüs­si­ge Scho­ko­la­de tunkt. Fünf Eu­ro das Stück.

Die Dreist­heit und Ver­lo­gen­heit die­ser Ex­po zeigt sich nir­gend­wo bes­ser als im Schweiz-Pa­vil­lon, wo man mit dem Lift in den Olymp des Le­bens­mit­tel­mark­tes hoch­fährt und so­dann durch ei­nen Si­lo-Par­cours des Haupt­spon­sors Nest­lé ge­schleust wird. Hier darf man sich be­die­nen, bis ei­nem die Ho­sen­ta­schen rei­ßen – mit Ne­sca­fé in Plas­tik­tüt­chen, mit luft­dicht ver­schweiß­ten Ap­fel­rin­gen, mit Salz aus den Schwei­zer Sa­li­nen so­wie mit hek­to­li­ter­wei­se Was­ser aus Plas­tik­be­chern. Was das al­les mit der viel zi­tier­ten Nach­hal­tig­keit und Res­sour­cen­scho­nung zu tun hat? Da­rauf wis­sen auch die hübsch ge­klei­de­ten Hosts und Hos­tes­sen kei­ne Ant­wort.

Aus­ver­kauf der Et­hik und Mo­ral

Viel­leicht er­klärt sich vor die­sem Hin­ter­grund, der vom Aus­ver­kauf un­ser al­ler Et­hik und Mo­ral an die welt­wei­ten Kon­zer­ne zeugt, wa­rum aus­ge­rech­net der ös­ter­rei­chi­sche Bei­trag als in­tel­lek­tu­el­le und emo­tio­na­le Oa­se wahr­ge­nom­men wer­den darf, in der man ger­ne ei­ne Pau­se ein­legt, um zu ver­schnau­fen und nach all die­sen haar­sträu­ben­den In­ter­pre­ta­tio­nen des Ex­po-Mot­tos wie­der tief Luft zu ho­len.

Und zwar im wört­li­chen Sin­ne, denn „bre­at­he.aus­tria“ – so der of­fi­ziel­le Ti­tel des ös­ter­rei­chi­schen Bei­trags – ist nichts an­de­res als ein 560 Qua­drat­me­ter gro­ßes Wald-Im­plan­tat, das ims­tan­de ist, 1800 Men­schen pro Stun­de mit fri­schem, wohl­tem­pe­rier­tem Sau­er­stoff zu ver­sor­gen. Zu ver­dan­ken ist dies 12.800 Stau­den, ei­ni­gen Hun­dert klein­eren Ge­höl­zen so­wie 56 Bäu­men, ei­ni­ge da­von bis zu 15 Me­ter hoch, die hier nun die kom­men­den sechs Mo­na­te be­strei­ten wer­den. Nach Ab­lauf der Ex­po sol­len die Bäu­me zur Auf­fors­tung an die Stadt Bo­zen ver­schenkt wer­den.

Zwar gibt es auch in Ös­ter­reich kei­ne Ant­wort da­rauf, wie wir in Zu­kunft un­se­ren Pla­ne­ten er­näh­ren sol­len, sehr wohl aber so man­chen Lö­sungs­vor­schlag für den re­spekt­vol­len Um­gang mit je­nem Mit­tel, das un­ver­zicht­bar ist, das uns in ge­wis­ser Wei­se al­le nährt – mit der Luft. „Der Wald ist ei­ne der wich­tigs­ten Res­sour­cen Ös­ter­reichs“, sa­gen An­dre­as Go­rit­schnig und Karl­heinz Boi­ger, Pro­jekt­lei­ter des te­am.bre­at­he.aus­tria. „Er spielt nicht nur im Ima­ge, in der Kul­tur und im Tou­ris­mus ei­ne wich­ti­ge Rol­le, son­dern letz­tend­lich auch im ge­sam­ten Wirt­schafts- und Le­bens­zy­klus die­ses Lan­des.“

Low­tech-Bio-Kli­maan­la­ge

Al­le paar Mi­nu­ten schal­ten sich die Ne­bel­dü­sen ein, die den Pa­vil­lon an hei­ßen Ta­gen in ei­ne küh­le, feuch­te Bri­se hül­len. 27 Ven­ti­la­to­ren set­zen sich so­dann mit ih­ren ge­zack­ten Rot­or­blät­tern in Be­we­gung – die Form ist den Flü­geln der Eu­le, dem lei­ses­ten Tier der Vo­gel­welt, nach­emp­fun­den – und ver­tei­len die er­fri­schen­de Feuch­te im ge­sam­ten Wald. Um fünf bis sie­ben Grad Cel­si­us kann der Pa­vil­lon auf die­se Wei­se ge­kühlt wer­den. Das Kon­zept für die Low­tech-Bio-Kli­maan­la­ge stammt vom Kli­ma­spe­zi­a­lis­ten Trans­so­lar.

„Der­zeit ist die Stadt ei­ne Ma­schi­ne, die En­er­gie und Sau­er­stoff ver­braucht“, sagt der Ar­chi­tekt und Pa­vil­lon-Pla­ner Klaus K. Lo­en­hart. „Viel­leicht wird es in Zu­kunft ge­lin­gen, die­ses Ver­hält­nis um­zu­dre­hen. Un­ser Bei­trag be­weist, dass die­se Tech­nik-Na­tur-Per­for­manz nicht un­mög­lich ist. So ge­se­hen bin ich froh da­rü­ber, dass es uns ge­lun­gen ist, hier ein Best-Prac­ti­ce-Bei­spiel zu bau­en und ein Ex­em­pel für die Zu­kunft zu sta­tuie­ren. Ich den­ke, dass die­se Idee über die Ex­po hin­aus Be­stand ha­ben wird.“ Der ös­ter­rei­chi­sche Bei­trag bleibt als Licht­schim­mer und Ide­en­ge­ber in Er­in­ne­rung. Viel­leicht als Ein­zi­ger.

Welt­aus­stel­lun­gen wa­ren noch nie der Nähr­bo­den für kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung. Das kön­nen an­de­re For­ma­te bes­ser. So ist auch die­se nun­mehr zum 99. Mal aus­ge­tra­ge­ne Ex­po in Mai­land ein mas­sen­taug­li­cher Rum­mel­platz der Na­tio­nen, der für kur­ze Zeit die gan­ze Welt auf klein­stem Raum zu­sam­men­trom­melt. Das wä­re nicht wei­ter schlimm. Mit dem heu­er auf­er­leg­ten und mehr als bri­san­ten The­ma der glo­ba­len Er­näh­rung al­ler­dings hät­te man sich ei­ne der stärk­sten Schau­en der ver­gan­ge­nen Jah­re er­war­tet – und nicht die mit Ab­stand geist- und ge­schma­cklo­ses­te. Die­se Chan­ce wur­de ver­spielt.

24. April 2015 Der Standard

Pro­test mit Tie­fen­schär­fe

Ge­stern, Frei­tag, wur­de in Frank­furt am Main der Eu­ro­päi­sche Ar­chi­tek­tur­fo­to­gra­fie­preis ver­lie­hen. Im Fo­kus der Ge­winn­erin steht kein sli­ckes, hoch­äs­the­ti­sier­tes Bau­werk, son­dern die Do­ku­men­ta­ti­on des Raums als po­li­ti­sche Büh­ne.

Feu­er, Rauch und Trä­nen­gas. Man hört das Fo­to förm­lich schrei­en. Im Fit­nes­scen­ter des Mar­ma­ra-Ho­tels ste­hen, mit Fo­to­ap­pa­rat und Ent­set­zen dicht an die Glas­fass­ade ge­bannt, Ho­tel­be­su­cher und star­ren hi­nab auf den Tak­sim-Platz. Was sie se­hen, das sieht man nicht, aber was sie se­hen, das weiß man. Die deut­sche Fo­to­künst­le­rin Pe­tra Ger­schner hat die Bil­der der Un­ru­hen, die welt­weit Wel­len schlu­gen, mit ih­rer Klein­bild­ka­me­ra fest­ge­hal­ten. Ge­stern, Frei­tag, wur­de sie für ih­re vier­tei­li­ge Se­rie Ge­zi ge­gen Gen­tri­fi­zie­rung in Frank­furt am Main mit dem Eu­ro­päi­schen Ar­chi­tek­tur­fo­to­gra­fie­preis aus­ge­zeich­net.

„Ich war da­mals, im Ju­ni 2013, ge­ra­de in der Ost­tür­kei, in der kur­di­schen Stadt Wan, als ich in der Ho­tel­lob­by die Bil­der von den Ge­zi-Un­ru­hen im Fern­se­hen ge­se­hen ha­be“, er­in­nert sich Ger­schner im Ge­spräch mit dem STAN­DARD . „Hun­dert­tau­sen­de käm­pften da­mals ge­gen die Ent­eig­nung des öf­fent­li­chen Raums und ge­gen die Im­mo­bi­lien­pro­jek­te Re­cep Tayyip Er­doğans. Kurz da­rauf bin ich nach Is­tan­bul ge­flo­gen. Ich konn­te gar nicht an­ders.“

Im Ge­gen­satz zu den Bil­dern, die in den Me­dien wo­chen- und mo­nat­elang zu se­hen wa­ren, ist der Blick Ger­schners kein di­rek­ter, son­dern viel­mehr ein Ab­bild des Ab­bilds. „Ich ver­fol­ge mit mei­nen Fo­to­gra­fien kei­ne vor­der­grün­di­ge Re­pro­duk­ti­on der Er­eig­nis­se“, sagt die 1960 in Mün­chen ge­bo­re­ne Künst­le­rin, „son­dern woll­te viel­mehr dar­stel­len, wie die Pro­tes­te me­di­al trans­por­tiert und wie sie bei den Nach­barn, Be­ob­ach­tern und Pro­tes­tie­ren­den emo­tio­nal wahr­ge­nom­men wur­den. Über die­sen Kon­text näm­lich war in den Nach­rich­ten und Ta­ges­zei­tun­gen nichts zu er­fah­ren.“

Was hat das al­les mit Ar­chi­tek­tur­fo­to­gra­fie zu tun? Sehr viel, meint Ger­schner. „Ar­chi­tek­tur ist die ge­bau­te Welt, in der wir uns be­we­gen. Und wenn der tür­ki­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent im Is­tan­bu­ler Tar­la­başi-Vier­tel die dort an­säs­si­gen Sin­ti, Ro­ma und Kur­den ver­trei­ben will, in­dem er es gen­tri­fi­ziert und dort spe­ku­la­ti­ve Bü­ro­bau­ten und Shop­ping­cen­ter er­rich­tet, dann ist das ein ganz grund­le­gen­der An­griff auf die so­zia­len Struk­tu­ren der Mar­gi­na­li­sier­ten, aber auch auf die Stadt, auf die Ar­chi­tek­tur, die uns al­len ge­hört.“

Ge­nau die­ser kri­ti­sche, nicht im­mer nur schö­ne Blick ist der An­triebs­mo­tor des Eu­ro­päi­schen Ar­chi­tek­tur­fo­to­gra­fie­prei­ses, der seit 1995 al­le zwei Jah­re ver­lie­hen wird. Der vom Ver­ein Ar­chi­tek­tur­bild und vom Deut­schen Ar­chi­tek­turm­useum (DAM) aus­ge­lob­te Preis ist „ei­ne Er­gän­zung zur klas­si­schen Ar­chi­tek­tur­fo­to­gra­fie, die das Bau­werk im be­sten Licht dar­stellt, die die Um­ge­bung ig­no­riert und die meist auch die Men­schen aus­blen­det“, er­klärt Ver­eins­vor­sit­zen­de Si­mo­ne Hü­be­ner. „Wir wol­len mit un­se­rem Preis die künst­le­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ge­bau­ten för­dern.“

Vor al­lem das heu­er aus­ge­schrie­be­ne The­ma „Nach­bar­schaft“, ei­ne in­tel­lek­tu­el­le Fund­gru­be an In­ter­pre­ta­tio­nen, sei gut an­ge­nom­men wor­den. Ins­ge­samt gab es mehr als 260 Ein­rei­chun­gen aus 14 Län­dern. Die 28 be­sten, die von ei­ner Ju­ry aus­ge­wählt wur­den, da­run­ter auch der mit 4000 Eu­ro do­tier­te Haupt­preis, sind nun in Form ei­ner Buch­pu­bli­ka­ti­on so­wie im Rah­men ei­ner Aus­stel­lung im DAM zu se­hen.

„Der Pro­test ist ein es­sen­ziel­ler Be­stand­teil je­der Ge­sell­schaft“, sagt Pe­tra Ger­schner, die mit ih­rer Ar­beit Ge­zi ge­gen Gen­tri­fi­zie­rung die Nach­bar­schaft als ei­nen so­zia­len, nicht zu­letzt po­li­ti­schen Zu­sam­men­halt dar­ge­stellt hat. „We­der der Acht-Stun­den-Ar­beits­tag noch das Frau­en­wahl­recht noch das Recht auf Bil­dung und ge­sund­heit­li­che Ver­sor­gung hät­ten sich oh­ne Pro­test durch­ge­setzt. Noch nie in der Ge­schich­te wur­de dem Men­schen die De­mo­kra­tie ge­schenkt. Im­mer hat er sie sich erst er­kämp­fen müs­sen.“

Ge­zi ge­gen Gen­tri­fi­zie­rung ist ein Auf­ruf zur Ref­le­xi­on. Ger­schner: „Bil­der sind im­mer auch Tei­le von kol­lek­ti­ver Er­in­ne­rung. Wenn sie öf­fent­lich wer­den, tra­gen sie da­zu bei, das Er­eig­nis zu stüt­zen und den da­mit er­reich­ten ge­sell­schaft­li­chen Wan­del zu do­ku­men­tie­ren.“

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag