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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

2. April 2016 Der Standard

„Ich will die Welt seis­mo­gra­fisch er­fas­sen“

Die Aus­stel­lung „Zoom!“ im Ar­chi­tek­tur­zen­trum Wien zeigt Stadt­bil­der aus der Sicht nam­haf­ter Fo­to­gra­fen. Ju­li­an Rö­der wid­me­te sich den in­fras­truk­tu­rel­len Er­schüt­te­run­gen in der ni­ge­ria­ni­schen Me­ga­me­trop­ole La­gos.

Stan­dard: Gel­be, aus­ran­gier­te Bus­se, Well­blech­hüt­ten bis zum Ho­ri­zont, ein ein­zi­ges Meer aus Smog und Staub. Was emp­fin­det man als Fo­to­graf bei so ei­nem An­blick?

Rö­der: Ich bin mir selbst wie ein Fremd­kör­per vor­ge­kom­men. Als Fo­to­graf ist man au­to­ma­tisch im­mer auch Be­ob­ach­ter und Voy­eur, aber in die­sem Fall wa­ren die Kon­tra­ste sehr hart. Ich fühl­te mich als Ein­dring­ling in ei­ne Dys­to­pie, von der ich nichts ver­ste­he. Hin­zu kommt, dass das Fo­to­gra­fie­ren in La­gos nicht ein­fach ist, weil es mit viel bü­ro­kra­ti­schem Auf­wand ver­bun­den ist und man für fast je­des Fo­to ei­ne Be­wil­li­gung be­nö­tigt.

Stan­dard: Wa­rum emp­fin­den Sie La­gos als Dys­to­pie, als Hor­ror­bild ei­ner Stadt?

Rö­der: La­gos ist hart und her­aus­for­dernd. Die Stadt ver­langt ei­nem viel Krea­ti­vi­tät und Ei­gen­en­ga­ge­ment ab. Und sie hat kaum et­was, was ei­ne Groß­stadt zu ei­nem funk­tio­nie­ren­den So­zi­al­raum macht – zu­min­dest nicht in mei­nem Ver­ständ­nis. Es gibt sehr we­ni­ge Stra­ßen, aber sehr vie­le Au­tos. Mor­gens fah­ren al­le in die Stadt rein, nach­mit­tags wie­der raus. Über­all ist Stau, so­ge­nann­ter Slow-Go. Es ist ex­trem. An man­chen Ta­gen ha­be ich von ei­nem En­de der Stadt zum an­de­ren acht Stun­den ge­braucht.

Stan­dard: Die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen von La­gos sind Strom, Was­ser und öf­fent­li­che Mo­bi­li­tät. In wel­chem Zu­stand be­fin­det sich die In­fras­truk­tur?

Rö­der: Was die Mo­bi­li­tät be­trifft: Es gibt Sam­mel­ta­xis und gel­be Nah­ver­kehrs­bus­se. Vor kur­zem wur­de nun ein Schnell­bus­sys­tem, ein so­ge­nann­ter Bus Ra­pid Trans­port (BRT), ein­ge­führt. Das ist ei­ne gro­ße Be­rei­che­rung für die Stadt. So­viel ich weiß, ist das das ein­zi­ge BRT-Sys­tem süd­lich der Sa­ha­ra.

Stan­dard: Was ist mit dem Rest?

Rö­der: Im­mer wie­der bricht die öf­fent­li­che Strom­ver­sor­gung zu­sam­men. Wer es sich leis­ten kann, hat ei­nen ei­ge­nen Ge­ne­ra­tor. Ei­ni­ge sind klein wie Kof­fer, an­de­re groß wie ein Lkw. Das Ge­räusch der Ge­ne­ra­to­ren ist an je­der E­cke zu hö­ren.

Stan­dard: Wie fin­den sich die Men­schen da­rin zu­recht?

Rö­der: Wer in La­gos lebt, ist ge­zwun­gen, zu bas­teln und sich selbst zu or­ga­ni­sie­ren. Die Stadt ist ei­ne ein­zi­ge Werks­tatt. Die gel­ben Bus­se auf dem Bus­park­platz, die ich fo­to­gra­fiert ha­be, be­le­gen das sehr gut. Man­che war­ten auf Pass­agie­re, an­de­re wer­den ge­ra­de ge­war­tet. In La­gos ist je­der Ein­woh­ner zu­gleich Im­pro­vi­sa­ti­ons­künst­ler und In­ge­ni­eur.

Stan­dard: Ih­re Bild­se­rie, die nun in der Aus­stel­lung „Zoom!“ zu se­hen ist, heißt „La­gos Trans­for­ma­ti­on“. Wo­rin be­steht die­se Ver­wand­lung?

Rö­der: Das ist ein stadt­be­kann­tes Schlag­wort, ein Slo­gan des frü­he­ren Gou­ver­neurs und heu­ti­gen Mi­nis­ters für En­er­gie, In­fras­truk­tur und Woh­nen, Ba­ba­tun­de Fas­ho­la. Er möch­te La­gos kom­plett um­krem­peln und in ei­ne le­bens­wer­te Stadt trans­for­mie­ren. Zu­min­dest ist das sei­ne Vi­si­on. Mir schien der Be­griff sehr pas­send, denn tat­säch­lich be­fin­det sich La­gos im Um­bruch. Vie­le Bli­cke, die ich da­mals in mei­nen Fo­tos ein­ge­fan­gen ha­be, exis­tie­ren heu­te nicht mehr. Vie­le Be­woh­ner wur­den ab­ge­sie­delt, und an­stel­le der frü­he­ren Slums und in­for­mel­len Sett­le­ments gibt es heu­te Parks, Wohn­häu­ser und lu­kra­ti­ve Bü­ro­bau­ten.

Stan­dard: La­gos zählt zu den teu­ers­ten Im­mo­bi­lien­märk­ten Afri­kas.

Rö­der: La­gos liegt zwi­schen Meer und La­gu­ne ein­ge­zwängt und hat mit rie­si­ger Platz­not zu kämp­fen. Ich ha­be den Ein­druck, dass das ein sehr har­ter und un­re­gu­lier­ter Im­mo­bi­lien­markt ist.

Stan­dard: Mit rund 18 Mil­lio­nen Ein­woh­nern ist der Groß­raum La­gos heu­te die größ­te Stadt Afri­kas und die schnell­stwach­sen­de Stadt der Welt. Laut Prog­no­sen der UN wird La­gos 2020 die dritt­größ­te Stadt der Welt sein. Wird La­gos die­sem Wachs­tum stand­hal­ten kön­nen?

Rö­der: Ich glau­be schon. La­gos hat ge­lernt, mit Cha­os und Plan­lo­sig­keit um­zu­ge­hen, und ir­gend­wie scheint sich die Stadt mit die­sem Know-how gut er­hal­ten zu kön­nen. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass sie ei­nes Ta­ges kol­la­bie­ren wird. Die Men­schen sind gut vor­be­rei­tet.

Stan­dard: Ist die Groß­stadt, die Sie in Ih­ren Bil­dern im­mer wie­der ein­fan­gen, ein ge­rech­ter Le­bens­ort?

Rö­der: Nein. Auf kei­nen Fall. Die Groß­stadt ist der Raum, in dem sich Chan­cen öff­nen kön­nen und der aus die­sem Grun­de auch vie­le Leu­te, sehr vie­le Leu­te an­zieht. Das führt je­doch un­wei­ger­lich zu Macht­ver­hält­nis­sen, zu Kämp­fen um Be­haup­tung von Raum und Ver­tei­lung von Res­sour­cen. Und das ist meist al­les an­de­re als ge­recht.

Stan­dard: Pe­dro Ga­dan­ho, Ku­ra­tor am Mu­se­um of Mo­dern Art in New York, hat ein­mal ge­sagt: „Je­de ein­zel­ne Groß­stadt ist be­schis­sen. Es geht nur da­rum her­aus­zu­fin­den, wel­che der be­schis­se­nen Städ­te am be­sten funk­tio­niert.“ Stim­men Sie dem zu?

Rö­der: Schwer zu sa­gen. Ich den­ke, Groß­städ­te sind ei­gent­lich ei­ne wun­der­ba­re Sa­che. Al­ler­dings sind die Pro­ble­me ei­ner Ge­sell­schaft in der Stadt ein­fach viel sicht­ba­rer. Die Fra­ge ist, ob man das der Stadt als Sied­lungs­form in die Schu­he schie­ben kann und darf.

Stan­dard: Sie ha­ben fast drei Wo­chen in La­gos ver­bracht. Wie ver­än­dert sich in die­ser Zeit der Blick des Fo­to­gra­fen?

Rö­der: Nor­mal­er­wei­se hat man nach zwei Wo­chen schon ein ver­trau­tes Ver­hält­nis zu ei­nem Ort auf­ge­baut. Das ist mir in La­gos nicht ge­lun­gen. Die Stadt ist be­rau­schend und hat mich bis zum letz­ten Tag per­ma­nent über­wäl­tigt.

Stan­dard: Sie sind be­ruf­lich viel in Afri­ka un­ter­wegs. Was reizt Sie an Gam­bia, Ni­ge­ria, Ägyp­ten?

Rö­der: Die Er­dung der Men­schen. Das Er­ler­nen des Frem­den. Der Kon­trast zu mei­nem ei­ge­nen Le­ben.

Stan­dard: Sie be­schäf­ti­gen sich in Ih­rer Ar­beit prin­zi­pi­ell viel mit po­li­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Macht und mit Un­gleich­heit und Un­gleich­ge­wich­ten.

Rö­der: Ich be­schäf­ti­ge mich mit in mei­ner Fo­to­gra­fie mit Macht und Öko­no­mie. In die­sen Wi­der­sprü­chen und Un­ge­rech­tig­kei­ten, scheint es, kann ich mich am be­sten ent­fal­ten. Ich brau­che die­se Reib­flä­che für mei­ne Ar­beit. Ich möch­te die­se Span­nun­gen und Un­ge­rech­tig­kei­ten ab­bil­den und the­ma­ti­sie­ren.

Stan­dard: Was sa­gen uns Ih­re Bil­der?

Rö­der: Der Mensch macht, was er kann und wo­zu er ims­tan­de ist, wenn man ihn nicht da­ran hin­dert.

Stan­dard: Wel­chen Bei­trag kann die Fo­to­gra­fie leis­ten, um die­se „Dys­to­pie“, um dies mit Ih­ren ei­ge­nen Wor­ten aus­zu­drü­cken, zu lin­dern?

Rö­der: Mit mei­ner Ar­beit möch­te ich Men­schen die Mög­lich­keit bie­ten, sich beim Be­trach­ten Ge­dan­ken über die Welt zu ma­chen. Manch­mal kommt es mir vor, als sei­en mei­ne Fo­tos ei­ne Mög­lich­keit, die Er­schüt­te­run­gen in der Welt seis­mo­gra­fisch zu er­fas­sen.

Ju­li­an Rö­der ist 1981 in Er­furt ge­bo­ren.

Er stu­dier­te Fo­to­gra­fie an der Hoch­schu­le für Gra­fik und Buch­kunst in Leip­zig so­wie an der Hoch­schu­le für an­ge­wand­te Wis­sen­schaf­ten in Ham­burg und lebt heu­te als frei­schaf­fen­der Fo­to­graf in Ber­lin. 2014 ist sein Buch „World Wi­de Or­der“ (Hat­je Cantz) er­schie­nen.

Die Aus­stel­lung „Zoom! Ar­chi­tek­tur und Stadt im Bild“ im Ar­chi­tek­tur­zen­trum Wien (AZW) um­fasst Fo­to­gra­fien zu Wohn­or­ten und Le­bens­um­stän­den von Men­schen auf der gan­zen Welt, da­run­ter auch Ar­bei­ten von Ju­li­an Rö­der. Ge­zeigt wer­den u. a. Neu­bau­sied­lun­gen in Me­xi­ko, Im­mo­bi­lien­geis­ter­städ­te in Spa­nien und il­le­ga­le Dorf­struk­tu­ren auf den Dä­chern von Hong­kong. Zu se­hen bis 17. Mai. www.azw.at

1. April 2016 Der Standard

Za­ha Ha­did 1950–2016

Za­ha Ha­did zähl­te zu den wich­tigs­ten Ar­chi­tek­tin­nen der Ge­gen­wart. Die Pritz­ker-Preis-Trä­ge­rin setz­te auch in Ös­ter­reich Zei­chen – et­wa mit der Berg­isel­schan­ze oder der Bi­blio­thek auf dem WU-Cam­pus. Ge­stern, Don­ners­tag, ist sie 65-jäh­rig in Mia­mi ge­stor­ben.

„Die Kri­ti­ker spre­chen sich oft ge­gen mei­ne Pro­jek­te aus, weil sie ih­nen zu in­no­va­tiv sind und weil sie sol­che Geo­me­trien in der Ar­chi­tek­tur noch nie zu­vor ge­se­hen ha­ben“, sag­te Za­ha Ha­did vor ei­ni­gen Jah­ren in ei­nem In­ter­view. „Aber wis­sen Sie: Wenn ich mich je durch die in­ter­na­tio­na­le Mei­nung über mei­ne Ar­beit hät­te be­ein­flus­sen las­sen, dann hät­te ich den Job schon vor zwan­zig Jah­ren hin­ge­schmis­sen.“

Das hat sie nicht. Mit rund 950 Pro­jek­ten welt­weit war Ha­did nicht nur ei­ne der meist­bau­en­den, son­dern auch ei­ne der wich­tigs­ten zeit­ge­nös­si­schen Ar­chi­tek­tin­nen des 20. und 21. Jahr­hun­derts. Als er­ste Frau, die mit dem Pritz­ker-Preis (2004) aus­ge­zeich­net wur­de, galt sie zu­dem als Avant­gar­dis­tin, Gal­li­ons­fi­gur und Weg­be­rei­te­rin ei­nes neu­en Selbst­ver­ständ­nis­ses in der Ar­chi­tek­turs­ze­ne.

Am Don­ners­tag ist sie in ei­nem Kran­ken­haus in Mia­mi, wo sie we­gen ei­ner Bron­chi­tis be­han­delt wur­de, an den Fol­gen ei­nes Herz­in­farkts ge­stor­ben.

Ha­did wur­de 1950 in Bag­dad ge­bo­ren und ent­warf als Kind ihr ei­ge­nes Kin­der­zim­mer, das in der ira­ki­schen Haupt­stadt von der Haut­evo­lee et­li­che Ma­le ko­piert wur­de. Sie be­such­te ei­ne ka­tho­li­sche Klos­ter­schu­le in Bag­dad so­wie In­ter­na­te in der Schweiz und Groß­bri­tan­nien. Be­reits mit elf Jah­ren wuss­te sie, dass sie Ar­chi­tek­tin wer­den woll­te.

In­ter­na­tio­na­le Stu­di­en

Sie stu­dier­te Mat­he­ma­tik an der Ame­ri­can Uni­ver­si­ty of Bei­rut und Ar­chi­tek­tur an der Ar­chi­tec­tu­ral As­so­cia­ti­on School in Lon­don. Die zu­nächst er­lern­te Welt der Zah­len, Vek­to­ren und hoch­gra­di­gen Funk­ti­ons­kur­ven ließ sie nie wie­der los. Be­reits die Col­la­gen und Ar­chi­tek­tur­zeich­nun­gen der frü­hen Jah­re, mit de­ren Ver­kauf sie ih­re er­sten Be­rufs­jah­re fi­nan­zier­te, ga­ben ei­nen viel­ver­spre­chen­den Aus­blick auf ihr spä­te­res Schaf­fen. 1988 wur­de sie, noch oh­ne je et­was ge­baut zu ha­ben, in der Aus­stel­lung De­cons­truc­ti­vist Ar­chi­tec­tu­re am New Yor­ker Mu­se­um of Mo­dern Art (Mo­MA) por­trä­tiert.

Al­lein, bis zu ih­rem er­sten rea­li­sier­ten Pro­jekt soll­ten noch vie­le Jah­re ver­ge­hen. 1993 schließ­lich, nach ei­nem lan­gen Kampf um ih­re Po­si­ti­on in der da­mals männ­lich do­mi­nier­ten Ar­chi­tek­ten­schaft, wur­de auf dem Are­al des Mö­bel­her­stel­lers Vi­tra in Weil am Rhein ih­re ex­tra­va­gan­te Feu­er­wehr­sta­ti­on er­öff­net.

„Wir müs­sen uns end­lich von der Schach­tel und vom al­les be­stim­men­den 90-Grad-Win­kel ver­ab­schie­den“, mein­te sie da­mals. Und sie mein­te es ernst. Die Win­kel im Feu­er­wehr­haus wa­ren so spitz, dass die Feu­er­wehr­au­tos im Not­fall nicht oh­ne Re­ver­sie­ren hin­aus­fah­ren konn­ten. Heu­te dient das an­ek­do­ten­rei­che Ge­bäu­de als Mu­se­um und Aus­stel­lungs­haus.

In den da­rauf­fol­gen­den zwei Jahr­zehn­ten leg­te Ha­did, die sich – qua­si als Ab­bild ih­rer ei­ge­nen Ar­chi­tek­tu­ri­dee – ger­ne mit Stil­et­tos und mit Stü­cken des ja­pan­is­chen Mo­de­de­sig­ners Is­sey Mi­ya­ke klei­de­te, ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Kar­rie­re hin, die sie zur be­kann­tes­ten und be­deu­tend­sten Ge­gen­wart­sar­chi­tek­tin mach­te. „Nie­mand hat­te auf das zeit­ge­nös­si­sche Bau­en der letz­ten Jahr­zehn­te mehr Ein­fluss als Za­ha Ha­did“, sagt Kol­le­ge und Freund Ri­chard Ro­gers.

Zahl­rei­che be­kann­te Pro­jek­te

Zu Ha­dids be­kann­tes­ten Bau­ten zäh­len das Ro­sen­thal Cen­ter for Con­tem­po­ra­ry Arts in Cin­cin­na­ti (2003), das Wis­sen­schafts­mu­se­um phæ­no in Wolfs­burg (2005), das MAX­XI-Mu­se­um in Rom (2010), das Opern­haus in Gu­ang­zhou (2010), das Ri­ver­si­de Mu­se­um in Glas­gow (2011), das Hey­dar Ali­yev Cen­tre in Ba­ku (2014) so­wie das letz­ten Som­mer fer­tig­ge­stell­te Mess­ner Moun­tain Mu­se­um in Süd­ti­rol.

In Ös­ter­reich bau­te Ha­did, die von 2000 bis 2015 an der Uni­ver­si­tät für An­ge­wand­te Kunst in Wien un­ter­rich­te­te, die spek­ta­ku­lä­re Ski­sprungs­chan­ze am Berg­isel, die Inns­bru­cker Hun­ger­burg­bahn, die Wohn­haus­an­la­ge über den Ot­to-Wag­ner-Bö­gen in Wien-Spit­te­lau so­wie das Li­bra­ry and Le­ar­ning Cen­ter auf dem neu­en WU-Cam­pus im Wie­ner Pra­ter.

Da­rü­ber hin­aus ent­warf sie Mö­bel, Lam­pen, Büh­nen­bil­der, Schu­he für Me­lis­sa und Uni­ted Nu­de so­wie ei­ne Wein­fla­sche für den ös­ter­rei­chi­schen Win­zer Leo Hil­lin­ger. Kri­ti­siert wur­de sie zu­letzt vor al­lem da­für, dass sie für Auf­trag­ge­ber aus dik­ta­to­ri­schen Staa­ten ar­beit­ete und sich zu­neh­mend selbst zi­tie­re.

„Nei­der hat­te ich im­mer schon“, sag­te Za­ha Ha­did. „Das stört mich nicht. Das ist nur Aus­druck da­für, dass die Men­schen ver­lernt ha­ben, an die Mög­lich­keit des Phan­tas­ti­schen zu glau­ben. Ich will mei­ne Phan­ta­sie aus­rei­zen. Bis zu­letzt.“ Das ist ihr ge­lun­gen.

5. März 2016 Der Standard

„Ich baue Lee­re, ich baue Geo­gra­fie“

Die bei­den Irin­nen Yvon­ne Far­rell und Shel­ley McNa­ma­ra lei­ten seit 1978 das welt­weit tä­ti­ge Bü­ro Graf­ton Ar­chi­tects. Am Sams­tag hält Yvon­ne Far­rell ei­nen Vor­trag in Wien. Ein Ge­spräch über das Frau-Sein in ei­ner Män­ner­do­mä­ne.

Stan­dard: Wie oft pas­siert es Ih­nen, dass ein In­ter­view mit Frau­en­kli­schees und Eman­zi­pa­ti­ons­the­men be­ginnt?

Far­rell: Im­mer wie­der, aber zum Glück im­mer sel­te­ner. Mitt­ler­wei­le rea­li­sie­ren die Leu­te, dass zwei Frau­en durch­aus in der La­ge sind, ein gro­ßes Ar­chi­tek­tur­bü­ro zu lei­ten.

Stan­dard: Und was ant­wor­ten Sie, wenn die­se Fra­ge kommt?

Far­rell: Ich zi­tie­re sehr ger­ne die iri­sche Schrift­stel­le­rin Ea­van Bo­land, die meint, Ge­sell­schaft sei ei­ne Ba­lan­ce aus Männ­lich­keit und Weib­lich­keit. Das ei­ne geht nicht oh­ne das an­de­re. Es geht um die Syn­the­se, um die Gleich­zei­tig­keit von Yin und Yang. So ge­se­hen hat je­der und je­de von uns sei­nen und ih­ren Bei­trag zu leis­ten.

Stan­dard: Wo­ran liegt es, dass Frau­en in der Bau­bran­che noch im­mer in der Min­der­zahl sind?

Far­rell: An vie­len ver­schie­de­nen Din­gen, aber auch an Ih­nen als Jour­na­list. Ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung an die­ser Ver­zer­rung der Rea­li­tät tra­gen die Me­dien, die weib­li­che Ar­beits­kräf­te in die­ser Bran­che im­mer noch als et­was Un­ge­wöhn­li­ches dar­stel­len. So wie wir ge­ra­de die­ses In­ter­view hier füh­ren, weil Sie mir ge­sagt ha­ben, dass Sie in Ih­rer Zei­tung an die­sem Wo­che­nen­de ei­nen Schwer­punkt zum The­ma Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­se in der Ge­sell­schaft be­han­deln.

Stan­dard: Der männ­li­che Über­hang in der Bau­bran­che ist ein Fak­tum.

Far­rell: Ja, das schon. Aber ge­nau­so we­nig wie man die Bo­eing 747 ver­lässt, nur weil man kurz vor dem Start die Frau­en­stim­me aus dem Cock­pit ver­nimmt, spielt die­ses The­ma auch in der Ar­chi­tek­tur noch ei­ne Rol­le. Män­ner, Frau­en … egal. Was zählt, ist die Fä­hig­keit, ei­ne Idee Rea­li­tät wer­den zu las­sen. Und ei­ne gu­te, ei­ne ver­dammt gu­te Ma­na­ge­rin zu sein.

Stan­dard: Sie und Ih­re Part­ne­rin Shel­ley McNa­ma­ra ha­ben das Bü­ro 1978 ge­grün­det. Da­mals war das Mi­lieu noch ein an­de­res.

Far­rell: Ich ha­be es im­mer ge­liebt und es auch im­mer als Pri­vi­leg emp­fun­den, die­sen Job aus der Sicht der Frau aus­zu­üben. Wir ha­ben uns von An­fang an mit Fra­ge­stel­lun­gen be­schäf­tigt, die im männ­lich do­mi­nier­ten Mi­lieu da­mals noch nicht so en vo­gue und so selbst­ver­ständ­lich wa­ren wie heu­te: So­zia­les, Kom­mu­ni­ka­ti­on, mensch­li­che Be­zie­hun­gen, Ver­hält­nis des ei­ge­nen Kör­pers im Raum, die Lie­be zum klei­nen Maß­stab und die Fä­hig­keit, sich an Be­ste­hen­des, an be­reits exis­tie­ren­de Wer­te und Ge­schich­ten an­zu­pas­sen.

Stan­dard: Ist das et­was Frau­en­spe­zi­fi­sches?

Far­rell: Das war es da­mals. Aus­nah­men gab es im­mer. Je­ne Män­ner sind in die Ge­schich­te ein­ge­gan­gen.

Stan­dard: Die Uni­ver­si­tà Lui­gi Boc­co­ni in Mai­land, die Sie 2008 fer­tig­ge­stellt ha­ben, ist nicht ge­ra­de fein und gra­zil. Das ist ein ziem­lich mas­si­ver Stein­bro­cken, den Sie da hin­ge­stellt ha­ben.

Far­rell: Boc­co­ni war ei­nes un­se­rer er­sten gro­ßen Pro­jek­te im Aus­land. Wir wa­ren – als ei­nes von ins­ge­samt acht oder zehn Ar­chi­tek­tur­bü­ros – zu ei­nem eu­ro­pa­wei­ten Wett­be­werb ein­ge­la­den. Wir und Ita­li­en! Shel­ley und ich ha­ben uns da­mals sehr in­ten­siv über das The­ma un­ter­hal­ten und wuss­ten: Das wird ein Maß­stabs­sprung in un­se­rer Ar­beit! In­ter­na­tio­nal ge­se­hen war das un­ser gro­ßer Durch­bruch.

Stan­dard: Zu die­ser Zeit hat in Ir­land die Wirt­schafts­kri­se be­gon­nen. Wie war die Si­tua­ti­on da­mals?

Far­rell: Es war ei­ne sehr trau­ri­ge Zeit. Vor der Kri­se ha­ben wir in Ir­land vie­le schö­ne Pro­jek­te rea­li­sie­ren kön­nen: Schu­len, Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de, öf­fent­li­che Kul­tur­bau­ten. 2008 war das al­les mit ei­nem Schlag vor­bei. Die Wirt­schafts­kri­se lag wie ei­ne schwar­ze Wol­ke über dem Land.

Stan­dard: Wie ha­ben Sie all die Jah­re über­lebt?

Far­rell: Wir muss­ten das Bü­ro ver­klein­ern, Leu­te kün­di­gen und Ge­häl­ter kür­zen. Es war hart. Shel­ley und ich wuss­ten: Pro­jek­te in Ir­land kön­nen wir in den näch­sten Jah­ren ver­ges­sen. Al­so ha­ben wir be­gon­nen, sehr ak­tiv an in­ter­na­tio­na­len Wett­be­wer­ben teil­zu­neh­men.

Stan­dard: Ei­ni­ge da­von ha­ben Sie ge­won­nen.

Far­rell: Ja, wir hat­ten ei­ne wirk­lich gu­te Sie­ger­quo­te in die­ser Zeit. Und als Fol­ge des­sen ha­ben wir kurz da­rauf in Lon­don und Pa­ris ge­baut. Das wa­ren gro­ße Pro­jek­te. Ich den­ke, dass uns das ge­ret­tet hat.

Stan­dard: Wenn man sich die Pro­jek­te der letz­ten Jah­re an­schaut, merkt man, dass die Bau­ten tat­säch­lich im­mer grö­ßer und im­mer wuch­ti­ger wer­den. Wo­ran liegt das?

Far­rell: Das ist al­les re­la­tiv. Der spa­ni­sche Ar­chi­tekt Ale­jan­dro de la So­ta, ei­ne der Schlüs­sel­fi­gu­ren der ibe­ri­schen Mo­der­ne, hat ein­mal ge­sagt, die Auf­ga­be von Ar­chi­tek­ten sei es, so viel Nichts wie mög­lich zu bau­en. Schau­en Sie sich nur ein­mal ei­ne ja­pan­is­che Tee­scha­le an! Die Lip­pen be­rüh­ren nur ei­nen Hauch von mil­li­me­ter­dün­nem Ma­te­ri­al. Es ist der lee­re Raum in­ner­halb der Scha­le, der die Schön­heit die­ses Ge­fä­ßes aus­macht. So ist es auch mit un­se­ren Ge­bäu­den.

Stan­dard: Sie sind ei­ne Ar­chi­tek­tin der Lee­re?

Far­rell: Und ich bin ei­ne gro­ße An­hän­ge­rin der Wie­ner Se­ces­si­on. Seit ich die­sen gol­de­nen Kraut­kopf an der Wien­zei­le zum er­sten Mal ge­se­hen ha­be, fas­zi­niert mich die Ele­ganz die­ser mi­ni­ma­len Hül­le um den ma­xi­ma­len Raum he­rum.

Stan­dard: Ih­re ei­ge­ne Ar­beit be­zeich­nen Sie im­mer wie­der als ge­bau­te Geo­gra­fie. Was mei­nen Sie da­mit?

Far­rell: Der An­teil der städ­ti­schen Welt­be­völ­ke­rung wird, wie wir al­le wis­sen, im­mer grö­ßer und geht auf die 60, 70 Pro­zent zu. Das be­deu­tet, dass sich – pa­ral­lel zur na­tür­li­chen Geo­gra­fie ei­nes Lan­des – zu­neh­mend ei­ne ge­bau­te, ei­ne ur­ba­ne Geo­gra­fie ent­wi­ckelt, die es auch zu ge­stal­ten gilt.

Stan­dard: Heißt das, dass die von Men­schen­hand er­rich­te­te Stadt zu­neh­mend zum Er­satz für die Na­tur wird?

Far­rell: Rea­lis­tisch ge­se­hen, ja. Für vie­le Men­schen ist es so. Es geht nicht da­rum, ob ich das gut fin­de oder nicht. Es geht da­rum, dass wir als Ar­chi­tek­tin­nen un­se­ren Bei­trag leis­ten möch­ten, um die­sen Zu­stand best­mög­lich mit­zu­ge­stal­ten. Der Uni­ver­si­täts­cam­pus UTEC in Li­ma (Pe­ru) ist für mich ein wun­der­ba­res Bei­spiel für das, was ich mei­ne. Das ist ein ver­ti­ka­ler, of­fe­ner Cam­pus mit Höh­len, Platt­for­men und auf­re­gen­den Struk­tu­ren, die sich am kon­kre­ten Stand­ort orien­tie­ren. Ein paar Hun­dert Me­ter wei­ter ver­läuft die schrof­fe, bis zu 30 Me­ter ho­he Fels­küs­te, die die Stadt am Pa­zi­fik ab­rupt en­den lässt. Wir ha­ben uns von die­sem Um­stand räum­lich in­spi­rie­ren las­sen.

Stan­dard: Ab­schluss­fra­ge …

Far­rell: Jetzt darf ich mir was wün­schen, oder?

Stan­dard: Möch­ten Sie das denn?

Far­rell: Un­be­dingt! Es spricht die Frau aus dem Cock­pit … Wis­sen Sie, es gab und gibt so vie­le groß­ar­ti­ge Ar­chi­tek­tin­nen auf die­ser Welt: De­ni­se Scott Brown, Aman­da Le­ve­te, Ju­lia Mor­gan, Loui­sa Hut­ton, Odi­le Decq, Be­ne­det­ta Tag­lia­bue, Li­na Bo Bar­di, um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Sie al­le ha­ben Wun­der­ba­res ge­leis­tet. Ich fin­de es scha­de, dass die­sen Per­so­nen we­ni­ger Auf­merk­sam­keit zu­teil­wird, als ih­nen ge­bührt. Ich wün­sche mir, dass sich das bald än­dert. Und ich wün­sche mir, dass end­lich der Pay-Gap zwi­schen Mann und Frau ver­schwin­det. In je­der Bran­che ver­dient ei­ne Frau deut­lich we­ni­ger als ein Mann mit glei­cher Aus­bil­dung, mit glei­chen Fä­hig­kei­ten, mit glei­cher Leis­tung. Das ist scho­ckie­rend. Das geht in mein Hirn nicht rein.

Yvon­ne Far­rell (65) grün­de­te 1978 ge­mein­sam mit ih­rer Part­ne­rin Shel­ley McNa­ma­ra das Bü­ro Graf­ton Ar­chi­tects. Sie un­ter­rich­te­te be­reits an der Ya­le Uni­ver­si­ty und an der Har­vard Gra­dua­te School of De­sign in Bos­ton und hat der­zeit ei­ne Pro­fes­sur an der Ac­ca­de­mia di ar­chi­tet­tu­ra in Men­dri­sio der Schweiz in­ne.

2. März 2016 Der Standard

Ei­ne Oa­se für Al­te und al­le

In Wien-Stad­lau er­rich­te­te die Ge­si­ba ge­mein­sam mit dem stu­dio uek die Oa­se 22. Das Pro­jekt be­in­hal­tet be­treu­ba­re Woh­nun­gen, Flücht­lings­woh­nun­gen, ein ge­ria­tri­sches Ta­ges­zen­trum so­wie ei­nen Sky­walk über den Dä­chern der Don­aus­tadt.

53 Run­den. So vie­le bräuch­te man, um auf dem 800 Me­ter lan­gen Sky­walk, auf dem in der Über­gangs­zeit re­gel­mä­ßig jog­gen­de Sil­hou­et­ten zu er­bli­cken sind, ei­nen klas­si­schen Ma­rat­hon zu lau­fen. Der Loop im Dach­ge­schoß mit Blick auf ganz Don­aus­tadt ist ei­ner der Be­stand­tei­le des um­fas­sen­den und auch bau­teil­über­grei­fen­den Frei­raum­kon­zepts in der ge­för­dert er­rich­te­ten Wohn­haus­an­la­ge Oa­se 22. Er dient nicht zu­letzt als sym­bo­li­sche Klam­mer, um die drei Bau­tei­le der Bau­trä­ger Ge­si­ba, Bu­wog und ÖSW zu­sam­men­zu­fas­sen.

Pro­ble­ma­ti­sches Grund­stück

Einst be­fand sich hier das Fir­men­ge­län­de des Stahl­bau­ers Waag­ner-Bi­ro. 2007 wur­de das 14.000 Qua­drat­me­ter gro­ße Are­al an der Adel­heid-Popp-Gas­se 5 auf­ge­las­sen und ei­nem Eu­ro­pan-Wett­be­werb un­ter­zo­gen. Das Aus­wahl­ver­fah­ren ist die größ­te eu­ro­päi­sche Wohn- und Städ­te­bau­wett­be­werb-Ini­tia­ti­ve für Jung­ar­chi­tek­ten und wird al­le zwei Jah­re aus­ge­schrie­ben. Die be­ste Lö­sung für das pro­ble­ma­ti­sche Stad­lau­er Grund­stück, das zwi­schen S-Bahn-Glei­se, Ein­fa­mi­li­en­häu­ser und rie­si­ge Ge­wer­be­bau­ten ein­ge­zwickt ist, fand da­mals das Wie­ner Ar­chi­tek­tur­bü­ro stu­dio uek.

„Un­se­re Idee war, ei­nen ring­för­mi­gen Loop zu bau­en und da­mit ei­nen gro­ßen, in­nen lie­gen­den Frei­be­reich zu de­fi­nie­ren“, sagt Ar­chi­tekt Ben­ni Eder von uek. „Da­mit len­ken wir ein biss­chen von der he­te­ro­ge­nen, zum Teil in­dus­tri­el­len Um­ge­bung ab.“ Um das wie­der wett­zu­ma­chen, gibt es auf dem Dach ei­nen um­lau­fen­den Sky­walk, der die un­ter­schied­li­chen Bau­tei­le und Häu­ser mit­tels Brü­cken und Stie­gen mit­ein­an­der ver­bin­det. Aus bau­recht­li­chen Grün­den muss­ten die Ver­bin­dungs­ste­ge so aus­ge­führt wer­den, dass sie je­der­zeit auf Wi­der­ruf wie­der de­mon­tier­bar sind.

„Ach, das wird hof­fent­lich nie pas­sie­ren“, sagt Ewald Kir­schner, Ge­ne­ral­di­rek­tor der Ge­si­ba, „denn die Über­brü­ckung der Bau­plät­ze auf der Dach­ebe­ne ist ei­ne wun­der­schö­ne und auch ein­zig­ar­ti­ge Ge­ste. Au­ßer­dem fin­den hier oben wich­ti­ge so­zia­le Ak­ti­vi­tä­ten statt.“ Nach ei­nem Land­schafts­pla­nungs­kon­zept von Ra­jek Bar­osch gibt es auf den Dä­chern Aus­sichts­punk­te, Grün­flä­chen, wind­ge­schütz­te Ni­schen, klei­ne Plät­ze mit Sitz­grup­pen so­wie Hoch­be­ete zum An­bau­en von Kräu­tern und Ge­mü­se. Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen: Aus haf­tungs­tech­ni­schen Grün­den müs­sen ei­ni­ge Tei­le des Sky­walks im Win­ter ge­sperrt wer­den.

„Vor al­lem aber fas­zi­niert mich der Nut­zungs­mix, den wir in der Oa­se 22 er­reicht ha­ben“, so Kir­schner, der 171 der ins­ge­samt 319 Woh­nun­gen er­rich­te­te. „Ne­ben ganz klas­si­schen Wohn­ein­hei­ten ha­ben wir näm­lich 30 be­treu­ba­re, bar­rie­ref­reie Woh­nun­gen so­wie ein ge­ria­tri­sches Ta­ges­zen­trum.“ Be­trie­ben wer­den die bei­den Ein­rich­tun­gen von der Ca­ri­tas so­wie vom Fonds So­zia­les Wien. Hin­zu kom­men di­ver­se Win­ter­gär­ten, Wasch­kü­chen, Ge­mein­schafts­räu­me so­wie ein Haus­be­treu­ungs­zen­trum der Ge­si­ba. Auf der Nach­bar­par­zel­le des ÖSW gibt es zu­dem ei­nen Sport­raum, den die AS­KÖ be­treibt.

Die Ein­stiegs­mie­te liegt bei knapp sie­ben Eu­ro pro Qua­drat­me­ter, der Ei­gen­mit­tel­bei­trag für Bau- und Grund­kos­ten be­läuft sich auf 450 Eu­ro pro Qua­drat­me­ter. Der Mig­ran­te­nan­teil be­trägt nach Aus­kunft der Ge­si­ba ak­tu­ell rund 20 Pro­zent, und in ei­ni­gen der Woh­nun­gen in der Oa­se 22 sind seit kur­zem so­gar sy­ri­sche Flücht­lings­fa­mi­li­en un­ter­ge­bracht.

„In­teg­ra­ti­on ist für mich ein ge­sell­schafts­po­li­ti­scher Auf­trag, dem wir als ge­mein­nüt­zi­ges Bau­un­ter­neh­men nach­zu­kom­men ha­ben“, so Krisch­ner. „Un­se­re Phi­lo­so­phie: So­lan­ge wir Men­schen – Ös­ter­rei­cher oder Mig­ran­ten – in ih­rer ver­trau­ten, an­ge­neh­men Um­ge­bung, in ih­ren ei­ge­nen vier Wän­den be­hal­ten kön­nen, ist das ein so­zia­ler, in­teg­ra­ti­ver Mehr­wert, der sich zu­dem volks­wirt­schaft­lich ren­tiert.“

2. März 2016 Der Standard

Die Ba­lan­ce von Ur­ein­wohn­ern und ethni­schem Mix

In der Sees­tadt Aspern er­rich­te­te die So­zi­al­bau rund 700 Woh­nun­gen für in­ter­kul­tu­rel­les Woh­nen. Da­mit so ein Kon­zept auf­geht, braucht es Ko­ope­ra­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on und ei­ne ge­wis­se Ma­növ­rier­mas­se.

„In­teg­ra­ti­on, das ist ei­ne Grat­wan­de­rung, ei­ne be­son­de­re Mi­schung aus Soft­wa­re und Hard­wa­re, aus der Qua­li­tät der Be­treu­ung und der Qua­li­tät der Ar­chi­tek­tur“, sagt Her­bert Ludl. Der Chef der So­zi­al­bau AG hat mit dem „Glo­ba­len Hof“ in Wien-Lie­sing im Jahr 2000 schon ein­mal ein in­ter­na­tio­nal viel­be­ach­te­tes In­teg­ra­ti­ons­pro­jekt rea­li­siert. Da­mals noch wa­ren Mig­ran­te­nan­tei­le von 30 bis 50 Pro­zent in ei­ner Wohn­haus­an­la­ge ei­ne Sel­ten­heit. „Heu­te aber sind wir in ei­ner eu­ro­pa­po­li­ti­schen Si­tua­ti­on, die es er­for­dert, dass so ein Mix in Stadt­ver­dich­tungs- und Stadt­er­wei­te­rungs­pro­jek­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit ist.“

Ort des Ge­sche­hens ist die Sees­tadt Aspern. Ge­mein­sam mit der Wien 3420 Aspern De­ve­lop­ment AG ent­wi­ckel­te die So­zi­al­bau in der er­sten Tran­che 1300 Woh­nun­gen, von de­nen sie rund 700 selbst rea­li­sier­te. Ei­nes die­ser Pro­jek­te ist das Wohn­haus in der Ja­nis-Jo­plin-Pro­me­na­de 6–8, er­rich­tet nach Plä­nen von Pe­ter Schei­fin­ger. Die knall­gel­ben, licht­durch­läs­si­gen Ter­ras­sen­strei­fen am grau-wei­ßen Haus sind schon von wei­tem sicht­bar – das er­ste Bild, das An­kom­men­de mit der U2 beim Ein­fah­ren in die End­sta­ti­on er­bli­cken.

„Wir ha­ben hier die bil­ligs­te Bau­wei­se, die man sich nur vor­stel­len kann, Stahl­be­ton und Voll­wär­me­schutz“, sagt Schei­fin­ger. „Doch da­für ha­ben wir fi­nanz­iel­le Res­sour­cen mo­bi­li­sie­ren kön­nen, mit de­nen wir nun ein Schwimm­bad auf der Wie­se und ei­nes auf dem Dach rea­li­sie­ren konn­ten. Das mag sich zu­nächst nach ei­nem über­schwäng­li­chen Lu­xus an­hö­ren. Aber ge­ra­de in ei­nem so dicht­be­sie­del­ten Pro­jekt wie hier, mit vie­len Ge­ne­ra­tio­nen und vie­len so­zia­len und ethni­schen Mi­lie­us un­ter ei­nem Dach emp­fin­den es vie­le Be­woh­ner als Vor­teil, ei­ne Wahl zu ha­ben und sich auch ein­mal zu klein­eren Grüpp­chen zu for­mie­ren.“

Mög­lich ge­macht wur­den die vie­len Ge­mein­schafts­ein­rich­tun­gen, weil ein Teil der Sees­tadt als so­ge­nann­tes ko­ope­ra­ti­ves Ver­fah­ren ab­ge­wi­ckelt wur­de: Kon­kur­rie­ren­de Wohn­bau­trä­ger ha­ben sich an ei­nen Tisch zu­sam­men­ge­setzt und ei­ne ge­mein­sa­me Lö­sung er­ar­bei­tet. Das blaue Nass ist nur ein Teil da­von. Hin­zu kom­men Ge­mein­schafts­wasch­kü­chen, Kin­der­spiel­räu­me, Fit­ness­räu­me und so­gar ei­ne kurz­fri­stig ver­miet­ba­re Gäs­te­woh­nung.

„Die Ar­chi­tek­tur ist wich­tig, aber ge­nau­so be­deu­tend ist die Art und Wei­se, wie ich als Bau­trä­ger und Haus­ver­wal­ter so ei­ne gro­ße Wohn­haus­an­la­ge be­treue“, meint Ludl. „Und so ver­an­stal­ten wir hier Ad­vent- und Som­mer­fes­te, Fuß­ball­mat­ches und di­ver­se Mie­ter­tref­fen. Wenn bei so ei­nem Zu­sam­men­kom­men auch nur zwei Be­woh­ner mit­ein­an­der ins Ge­spräch kom­men, die ein­an­der zu­vor noch nicht ge­grüßt ha­ben, dann ist das be­reits ein Er­folg.“

Der ro­te Knopf ver­staubt

Zur so­zia­len Soft­wa­re ge­hört auch ein Haus­be­treu­er di­rekt vor Ort. „Wir ha­ben in je­der Stie­ge ei­nen ro­ten Knopf ein­ge­baut, mit dem man sich di­rekt an den Haus­be­treu­er wen­den kann, so­bald man ein An­lie­gen hat. Aber wahr­schein­lich war die Far­be Rot zu ab­schre­ckend, weil die Men­schen da­mit nur Not­fäl­le ver­bin­den.“ Der Knopf ist längst ver­staubt. Statt­des­sen ha­be je­der Be­woh­ner die Mo­bil­num­mer des Haus­be­treu­ers im Han­dy ein­ge­spei­chert.

„Ich bin kein Freund von gro­ßen Plat­ten­sied­lun­gen, aber ich bin ehr­lich ge­sagt auch ein kein An­hän­ger die­ser klein­tei­li­gen und su­per­in­di­vi­du­el­len Struk­tu­ren, die heu­te so tren­dig sind“, sagt Her­bert Ludl. „Tat­sa­che ist: Wenn man den Be­wohn­ern ei­ne ho­he so­zia­le und bau­li­che Qua­li­tät bie­ten will, dann braucht man auch ei­ne ge­wis­se Ma­növ­rier­mas­se. In der gro­ßen Men­ge sind au­ßer­or­dent­li­che An­sät­ze leich­ter rea­li­sier­bar.“

Der Er­folg lie­ge je­doch nicht zu­letzt da­ran, so Ludl, „dass wir da­rauf ge­ach­tet ha­ben, ethni­sche Kon­zen­tra­tio­nen zu ver­mei­den und die Ur­ein­woh­ner und die neu Hin­zu­ge­zo­ge­nen mög­lichst viel­fäl­tig zu­sam­men­zu­wür­feln. Die­se Viel­falt be­darf ei­ni­ges an Ar­beit, aber sie si­chert ein gu­tes, aus­ge­gli­che­nes Mit­ein­an­der.“

2. März 2016 Der Standard

Die Pfle­ge zah­len al­le mit

In der Salz­bur­ger „Ro­sa Zu­kunft“ tei­len sich Jun­ge und Al­te die Kos­ten der Be­treu­ung

Wenn es um In­teg­ra­ti­on geht, dann spricht man in Salz­burg we­ni­ger von Mig­ran­ten als viel­mehr von Se­nio­ren und Pfle­ge­be­dürf­ti­gen. „Wenn Sie mich fra­gen, ist die Ro­sa Zu­kunft, die wir ge­mein­sam mit den Bau­trä­gern die salz­burg und Le­bens­welt Woh­nen er­rich­tet ha­ben, un­ser wich­tigs­ter Bei­trag zum The­ma In­teg­ra­ti­on“, sagt Chris­ti­an Stru­ber, Ge­schäfts­füh­rer von Salz­burg Wohn­bau. „Die Be­völ­ke­rung al­tert, und es zeigt sich im­mer mehr, wie im­mens wich­tig es ist, auch mit den Se­nio­ren und Hoch­be­tag­ten in Kon­takt zu blei­ben.“

Im Wohn­pro­jekt „Ro­sa Zu­kunft“ in Salz­burg-Tax­ham scheint die Zu­kunft der hier Le­ben­den in der Tat ro­sa: Ne­ben 39 Ei­gen­tums- und 58 her­kömm­li­chen Miet­woh­nun­gen gibt es 32 be­treu­ba­re Miet­kauf­woh­nun­gen, die von Salz­burg Wohn­bau er­rich­tet und in La­ge, Zu­schnitt und Aus­stat­tung de­zi­diert für Se­nio­ren zu­ge­schnit­ten wur­den. Be­treut und ge­ma­nagt wer­den die­se Son­der­woh­nun­gen von der Dia­ko­nie Salz­burg. Die­se war auch schon in die Aus­wahl der Be­wohn­er­in­nen und Be­woh­ner in­vol­viert.

„Wir ha­ben uns mit den ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen sehr in­ten­siv be­schäf­tigt“, sagt Mi­cha­el Kö­nig vom Evan­ge­li­schen Dia­ko­nie­werk Salz­burg. „Und wir ha­ben fest­ge­stellt, dass ober­fläch­li­che Kon­tak­te im Netz oder in der un­mit­tel­ba­ren Wohn­um­ge­bung nicht in der La­ge sind, die be­stän­di­ge­ren Be­zie­hun­gen in der Nach­bar­schaft, im Freun­des­kreis und in der Fa­mi­lie zu er­set­zen.“ Um­so wich­ti­ger sei­en da­her at­trak­ti­ve und un­mit­tel­ba­re so­zia­le Nah­mi­lie­us im Haus­ver­band – vor al­lem zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen.

Das so­zia­le Netz in der vom Hal­lei­ner Ar­chi­tek­ten Karl Thal­mei­er ge­plan­ten Wohn­haus­an­la­ge funk­tio­nie­re sehr gut, meint Stru­ber. Und auch die tech­ni­sche Aus­stat­tung der Se­nio­ren­woh­nun­gen, zu der bei­spiels­wei­se auch ei­ne Vi­deo­ge­gen­sprech­an­la­ge zählt, sei gut auf das Ziel­pu­bli­kum ab­ge­stimmt. Ent­täuscht ist man bloß da­rü­ber, wie we­nig das von uns er­ar­beit­ete Mo­bi­li­täts­an­ge­bot an­ge­nom­men wird. Die Idee des Cars­ha­rings sei man­gels Nach­fra­ge ge­schei­tert.

Pro­blem Mo­bi­li­täts­an­ge­bo­te

„Und seit­dem wir im Vor­gän­ger­pro­jekt Frei­raum Max­glan die Er­fah­rung ge­macht ha­ben, dass ei­ni­ge Be­woh­ner die von uns zur Ver­fü­gung ge­stell­te, kos­ten­lo­se Jah­res­kar­te für den öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr bei den Salz­bur­ger Ver­kehrs­be­trie­ben ge­gen Bar­geld ein­tau­schen woll­ten, bie­ten wir auch die­ses Ser­vi­ce nicht mehr an“, so Stru­ber. „Of­fen­bar ist man für neue tech­no­lo­gi­sche Kon­zep­te im un­mit­tel­ba­ren Wohn­um­feld of­fe­ner als im Be­reich Mo­bi­li­tät.“

Über­aus fair und auch durch­aus funk­tio­nie­rend hin­ge­gen ist das An­ge­bot im Be­reich des be­treu­ten und be­treu­ba­ren Woh­nens, denn im Pro­jekt „Ro­sa Zu­kunft“ leis­ten al­le ih­ren fi­nanz­iel­len Bei­trag. Die Brut­to­mie­ten be­tra­gen zwi­schen 8,50 und neun Eu­ro pro Qua­drat­me­ter. Hin­zu kommt ei­ne mo­nat­li­che Be­treu­ungs­pau­scha­le, die al­le Be­woh­ner zu zah­len ha­ben: Die Jun­gen zah­len 30 Eu­ro Pau­scha­le pro Mo­nat, für die tat­säch­lich Pfle­ge­be­dürf­ti­gen oder sons­ti­ge so­zia­le Dien­ste Kon­su­mie­ren­den schlägt das An­ge­bot mit mo­nat­lich 45 Eu­ro zu Bu­che. „Es gibt ei­ne so­zia­le Durch­mi­schung, und in die­sem Be­reich wird un­ser An­ge­bot zum The­ma In­teg­ra­ti­on von den Be­wohn­ern gut an­ge­nom­men.“

2. März 2016 Der Standard

Nach dem Es­sig­gur­kerl kommt das Woh­nen

Auf den ehe­ma­li­gen Maut­ner-Mark­hof-Grün­den er­rich­te­ten ÖSW und Fa­mi­li­en­wohn­bau ein Holz­ver­bund­haus für Se­nio­ren und Mig­ran­ten. Die Ma­te­ri­al­wahl hat at­mo­sphä­ri­sche und auch funk­tio­na­le Grün­de.

Frü­her wur­den hier Senf und Es­sig­gur­kerln pro­du­ziert. Heu­te be­fin­det sich auf dem 80.000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Are­al des 1841 ge­grün­de­ten Tra­di­ti­ons­be­triebs Maut­ner Mark­hof ein Wohn­park mit rund 750 Woh­nun­gen. Mit ein biss­chen Fan­ta­sie könn­te man be­haup­ten, dass ein paar da­von die Idee der Gur­kerl­pro­duk­ti­on bis zum heu­ti­gen Ta­ge auf ma­te­riel­le Wei­se wei­ter­le­ben las­sen. Doch der Rei­he nach.

Nach­dem das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men 2002 sei­nen Be­trieb ein­ge­stellt hat­te und teil­ver­kauft wor­den war, stand plötz­lich ein wert­vol­les Stü­cken Stadt für ei­ne Neu­nut­zung zur Ver­fü­gung. Im Zu­ge ei­nes vom Wohn­fonds Wien aus­ge­lob­ten Bau­trä­ger­wett­be­werbs un­ter dem Ti­tel „Woh­nen mit kul­tu­rel­ler Viel­falt“ ka­men sie­ben Ar­chi­tek­ten und sie­ben ge­mein­nüt­zi­ge Bau­trä­ger zum Zug. Das Ös­ter­rei­chi­sche Sied­lungs­werk (ÖSW) und der Bau­trä­ger Fa­mi­li­en­wohn­bau er­rich­te­ten mit dem Wie­ner Ar­chi­tek­tur­bü­ro Till­ner & Wil­lin­ger zwei Haus­skulp­tu­ren mit 60 klas­si­schen Woh­nun­gen, 25 be­treu­ba­ren Wohn­ein­hei­ten und ei­ner Se­nio­ren-WG, die vom Wie­ner Hilfs­werk be­trie­ben wer­den.

Schö­nes Holz

„Man­che sa­gen, das ist das schöns­te Haus auf dem gan­zen Are­al“, sagt Ar­chi­tekt Al­fred Wil­lin­ger. „Und das freut uns sehr, denn wir ha­ben uns da­für stark­ge­macht, das Pro­jekt in Holz­ver­bund-Bau­wei­se zu er­rich­ten.“ Die bei­den Höl­zer Fich­te und Lär­che sind an der Fass­ade gut er­sicht­lich und las­sen das Pro­jekt von man­chen Blick­win­keln aus wie ei­ne bal­kon­um­rank­te Holz­scha­tul­le er­schei­nen.

Das Holz dient nicht nur der Op­tik und der At­mo­sphä­re, son­dern hat auch funk­tio­na­le Grün­de. „Wir woll­ten ein fle­xi­bles Haus pla­nen, das je­der­zeit auf kul­tu­rel­le Be­dürf­nis­se und un­ter­schied­li­che Wohn­vor­stel­lun­gen rea­gie­ren kann“, so Wil­lin­ger. „Da­her ha­ben wir ei­ne schlan­ke Trag­kons­truk­ti­on aus Stahl­be­ton er­rich­tet, die mit vor­ge­fer­tig­ten und je­der­zeit leicht ver­än­der­ba­ren Holz­ele­men­ten aus­ge­facht wur­de.“

Die Mehr­kos­ten für das deut­lich teu­re­re Holz konn­ten auf in­di­rek­te Wei­se wie­der wett­ge­macht wer­den: Nach­dem die Au­ßen­wän­de dank der Leicht­bau­kons­truk­ti­on um zehn bis 15 Zen­ti­me­ter dün­ner als ei­ne klas­sisch ge­dämm­te Stahl­be­ton­wand aus­fie­len, wur­de im glei­chen Vo­lu­men mehr ver­miet­ba­re Wohn­nutz­flä­che ge­schaf­fen. Die Bau­kos­ten pro Qua­drat­me­ter sind un­term Strich die glei­chen.

„Die In­teg­ra­ti­on bei die­sem Pro­jekt be­trifft aber nicht nur die un­ter­schied­li­chen Ethnien, Kul­tu­ren und Le­bens­um­stän­de“, meint ÖSW-Vor­stand Mi­cha­el Pech, „son­dern auch die Tat­sa­che, dass die In­te­res­sen­ten und künf­ti­gen Be­wohn­er­in­nen be­reits in den Pla­nungs­pro­zess ein­ge­bun­den wur­den.“ Über ei­ne Pro­jekt-Web­si­te konn­ten da­mals Wohn­wün­sche und Woh­nungs­at­tri­bu­te kund­ge­tan wer­den, die in die Pla­nung der Ar­chi­tek­ten ein­flos­sen.

„Mit 33 Pro­zent Mig­ra­ti­ons­an­teil funk­tio­niert die In­teg­ra­ti­on in die­ser Wohn­haus­an­la­ge sehr gut, al­ler­dings braucht es bei so vie­len Men­schen mit Be­treu­ungs­be­darf und Mig­ra­ti­ons­hin­ter­grund von An­fang an ei­ne gu­te so­zi­al­wis­sen­schaft­li­che Be­ra­tung und Be­treu­ung“, so Pech. Und die Sa­che mit dem Gur­kerl? Holz braucht man eben nicht nur zum Bau­en, son­dern auch, um Es­sigs­äu­re herz­us­tel­len. Er­ste­res ist nach­hal­ti­ger.

2. März 2016 Der Standard

Ein Zim­mer, ein Puz­zle­stück

Ein Nord­bahn­hof-Wohn­bau ver­eint klas­si­sche Mie­ter und Flücht­lin­ge un­ter ei­nem Dach

„Da muss ich nicht lan­ge nach­den­ken“, sagt Al­fred Pe­tritz, Ge­schäfts­füh­rer des ge­mein­nüt­zi­gen Wohn­bau­trä­gers Mig­ra. „Wenn Sie mich nach un­se­rem be­sten In­teg­ra­ti­ons­pro­jekt der letz­ten Jah­re be­fra­gen, dann muss ich auf un­ser Wohn­haus auf dem Wie­ner Nord­bahn­hof-Are­al ver­wei­sen.“ 30 der ins­ge­samt 99 Woh­nun­gen im 2013 fer­tig­ge­stell­ten Ge­bäu­de sind für Flücht­lin­ge be­stimmt. Das In­teg­ra­ti­ons­haus, das die­se Woh­nun­gen be­treibt, hat im Erd­ge­schoß so­gar ei­ne ei­ge­ne Be­ra­tungs­stel­le ein­ge­rich­tet.

„Auf­grund un­se­res the­ma­ti­schen Schwer­punkts ha­ben wir hier ei­nen über­pro­por­tio­nal ho­hen An­teil an Ein-Zim­mer-Woh­nun­gen zwi­schen 35 und 40 Qua­drat­me­ter“, so Pe­tritz. „Die­ses An­ge­bot rich­tet sich an an­er­kann­te Asy­lan­tin­nen und Asy­lan­ten, aber auch an sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te.“ Hin­zu kom­men ei­ne Fa­mi­li­en­be­ra­tungs­stel­le und ei­ne Wohn­ge­mein­schaft für Kin­der und Ju­gend­li­che zwi­schen sechs und 16 Jah­ren, die von der MAG ELF be­treut wird. „Ein wich­ti­ges Puz­zle­stück im Pro­jekt“, wie der Mig­ra-Chef be­tont.

„Wir wuss­ten, dass die ur­sprüng­li­che Be­ra­tungs­stel­le des In­teg­ra­ti­ons­hau­ses schon längst viel zu klein war, da­her ha­ben wir die­se In­sti­tu­ti­on be­reits im Bau­trä­ger­wett­be­werb mit an Bord ge­nom­men“, er­in­nert sich Paul Drakl, Pro­jekt­lei­ter bei Hoff­mann Janz Ar­chi­tek­ten. „Na­tür­lich ha­ben wir im Woh­nungs­mix ganz spe­ziell da­rauf ge­ach­tet, dass es vie­le klei­ne, leist­ba­re Gar­çon­niè­ren gibt. Ab­ge­se­hen da­von je­doch, muss ich ganz ehr­lich ge­ste­hen, ha­ben wir auf das The­ma des in­ter­kul­tu­rel­len Woh­nens nicht be­son­ders Rück­sicht ge­nom­men.“ Wenn schon In­teg­ra­ti­on und In­klu­si­on, so Drakl, dann eben auch auf ar­chi­tek­to­ni­scher Ebe­ne.

Von au­ßen ist dem Wohn­haus sei­ne be­son­de­re Nut­zung in keins­ter Wei­se an­zu­se­hen: Stahl­be­ton­bau, wei­ßer Voll­wär­me­schutz, lan­ge, li­nea­re Bal­ko­ne. Die gel­be Loch­blech­ver­klei­dung, die et­was un­re­gel­mä­ßig über die Fass­ade ver­teilt ist, soll das stren­ge Er­schei­nungs­bild des lan­gen Rie­gels et­was auf­lo­ckern. Fass­aden­plat­ten in Holz­op­tik ha­ben nach Aus­kunft des Ar­chi­tek­ten die Auf­ga­be, et­was Wär­me, et­was Ge­bor­gen­heit an­schau­lich zu ma­chen.

Miet­zins von 7,55 Eu­ro

Die Bau­kos­ten bei die­sem Pro­jekt konn­ten auf un­ter 1300 Eu­ro pro Qua­drat­me­ter re­du­ziert wer­den. Da­von pro­fi­tie­ren auch die Mie­ter: Der Miet­zins liegt bei 7,55 Eu­ro pro Qua­drat­me­ter, und wäh­rend der Ei­gen­mit­tel­an­teil bei ge­för­der­ten Miet­woh­nun­gen mit Kau­fop­ti­on in die­ser La­ge in der Re­gel zwi­schen 400 und 500 Eu­ro pro Qua­drat­me­ter kur­si­ert, konn­te er hier auf 398 Eu­ro ge­senkt wer­den. Ei­ne Haus­be­treue­rin, die frü­her selbst im In­teg­ra­ti­ons­haus in der En­gerths­tra­ße wohn­te, küm­mert sich nun um die all­täg­li­chen Be­lan­ge der Mul­ti­kul­ti­be­wohn­er­in­nen.

27. Februar 2016 Der Standard

Herr Treichl sitzt im Groß­raum­bü­ro

Heu­te, Sams­tag, über­sie­deln die letz­ten Mit­ar­bei­ter auf den neu­en Er­ste-Cam­pus in Wien. Das Pro­jekt zeigt, was da­bei her­aus­kommt, wenn Auf­trag­ge­ber und Ar­chi­tek­tin ge­mein­sam über den Be­griff Ar­beit nach­den­ken.

Da hängt ein nack­ter Mann im zwölf­ten Stock. To­mis­lav Go­to­vac, ei­ner der be­kann­tes­ten Per­for­mer und Kon­zept­künst­ler Kroa­tiens, hat sich hier selbst por­trä­tiert, kom­plett ent­blößt, auf dem Dach ste­hend und auf Zag­reb hin­un­ter­bli­ckend. Die Vor­stän­de der Er­ste Bank, der Spar­kas­se und der Im­mo­rent, die hier oben auf der Exe­cut­ive-Eta­ge ta­gen, müs­sen re­gel­mä­ßig an die­ser evi­den­ten, ja ge­ra­de­zu pla­ka­ti­ven fi­nanz­po­li­ti­schen Sym­bol­kri­tik vor­bei­mar­schie­ren.

Die über­le­bens­gro­ße In­stal­la­ti­on des nack­ten, al­ten, sich nicht son­der­lich über­äs­the­tisch prä­sen­tie­ren­den Man­nes ist nicht zu­letzt Sinn­bild da­für, wie selbst­kri­tisch, wie un­be­quem, wie ernst die Er­ste Group das Pro­jekt des neu­en Er­ste-Cam­pus auf dem Ge­län­de des ehe­ma­li­gen Süd­bahn­hofs ge­nom­men hat – vom Wett­be­werb im Jah­re 2007 bis zur al­ler­letz­ten Mi­nu­te. Mit dem heu­ti­gen Tag, Sams­tag, über­sie­delt mit 1200 An­ge­stell­ten die letz­te Tran­che der ins­ge­samt 5000 Mit­ar­bei­ter ins neue He­ad­quar­ter mit Blick auf Haupt­bahn­hof, Schwei­zer­gar­ten und Obe­res Bel­ve­de­re.

„Bis­lang wa­ren wir auf mehr als 20 Wie­ner Stand­or­te ver­teilt“, sagt Mi­cha­el Ha­mann, Pro­jekt­lei­ter der Er­ste Group Im­mo­rent AG, bei der Füh­rung durch den neu­en Cam­pus. „Jetzt wird das ge­sam­te Un­ter­neh­men erst­mals an ei­nem ein­zi­gen Stand­ort ge­bün­delt, was vor al­lem die Kom­mu­ni­ka­ti­on und die in­ter­nen Pro­zes­se ver­ein­fa­chen soll.“ Man weiß schon, was das in der Re­gel zu be­deu­ten hat, wenn sol­che Wor­te fal­len: Flä­chen­ef­fi­zienz, Geld­er­spar­nis, Re­chen­stift. Da muss man schon die Na­se rümp­fen.

Und tat­säch­lich, in den Na­sen­haa­ren kit­zelt es. Das schwar­ze Lehmk­asein, mit dem die Wän­de hier oben ver­spach­telt sind, ist noch nicht ganz aus­ge­dampft, hat noch ei­ne leich­te, aber deut­lich wahr­nehm­ba­re No­te von Milch und Top­fen. „Wir ha­ben uns sehr da­rum be­müht, mit mög­lichst vie­len na­tür­li­chen Ma­te­ria­li­en zu bau­en“, sagt Mar­ta Schrei­eck, die mit ih­rem Part­ner Die­ter Hen­ke am EU-wei­ten Wett­be­werb teil­nahm und den Sieg un­ter mehr als 200 Bü­ros für sich be­an­spru­chen konn­te.

„Und wenn wir von na­tür­li­chen Ma­te­ria­li­en spre­chen, dann mei­nen wir Lehm, Kalk­putz, ge­öl­tes Ei­chen­holz, Be­ton mit na­tür­li­chen Farb- und Zu­schlags­tof­fen so­wie lo­ka­len Schot­ter, der aus­schließ­lich aus der Do­nau kommt. Denn exo­ti­sche, wie auch im­mer ge­ar­te­te bun­te Stei­ne aus ganz Eu­ro­pa hier­her­zu­kar­ren, das hät­te zu die­sem Pro­jekt ein­fach nicht ge­passt.“

Ja so­gar die Fass­ade spricht ei­ne bo­den­stän­di­ge Spra­che, die man im In­ves­to­ren­jar­gon sonst nur sel­ten zu hö­ren be­kommt: Lär­chen­holz-Kons­truk­ti­on mit raum­ho­hen Fens­ter­flü­geln, die man in­di­vi­du­ell nach Lust und Lau­ne öff­nen kann, oh­ne dass da­bei gleich das ge­sam­te Haus­tech­nik­sys­tem kol­la­biert. In man­chen Bü­ros wird trotz win­ter­li­cher Tem­pe­ra­tu­ren kurz Frisch­luft in den Raum ge­las­sen.

Al­les an­de­re als Bü­ro­wü­ste

„Bü­ro­kon­zep­te und Trends im Of­fi­ce-Be­reich än­dern sich so oft und so rasch, dass es am be­sten ist, wenn die Ar­chi­tek­tur so fle­xi­bel bleibt, dass sie all die kurz­fri­sti­gen Mo­deer­schei­nun­gen mit­ma­chen kann“, sagt Schrei­eck. „Und das be­zieht sich nicht nur auf die sich stän­dig än­dern­de All­tags­kul­tur in den Ar­beits­zim­mern, son­dern auch auf die Art und Wei­se, wie das Bü­ro ein­ge­rich­tet, wie das Haus ge­nutzt wird, ob ich es nun mit Raum­zel­len voll­pfer­che oder als Groß­raum­bü­ro be­las­se.“

Ak­tu­ell sind wir im Zeit­al­ter des so­ge­nann­ten Open Spa­ce, des gro­ßen Bü­ros oh­ne Trenn­wän­de und oh­ne ver­schließ­ba­re Zel­len­tü­ren. Die Mö­blie­rung im Er­ste-Cam­pus hilft da­bei, den Raum nicht als graue Bü­ro­wü­ste wahr­zu­neh­men, son­dern als bun­te, sym­pa­thi­sche, ab­wech­slungs­rei­che Land­schaft mit tex­til be­spann­ten La­ter­nen und bunt mö­blier­ten Pflan­zen­in­seln im In­ne­ren. Das Grün­kon­zept, das an man­chen Ecken wie ei­ne ve­ge­ta­ti­ve Oa­se aus der Ge­bäu­de­mit­te sprießt, stammt vom Wie­ner Land­schafts­pla­nungs­bü­ro Au­böck+Ká­rász.

„Die meis­ten Mit­ar­bei­ter ha­ben bei uns kei­nen fi­xen Ar­beits­platz mehr, son­dern kön­nen je­den Tag frei wäh­len, wo sie sich für wel­che Art der Ar­beit am liebs­ten hin­set­zen möch­ten“, sagt Im­mo­rent-Pro­jekt­lei­ter Mi­cha­el Ha­mann. Da ist sie al­so, die be­reits be­fürch­te­te Ein­spa­rungs­maß­nah­me. Die schö­nen, er­go­no­misch ein­wand­frei­en Mö­bel und die ver­schließ­ba­ren Käst­chen mit Fil­zop­tik sol­len den Ver­lust des ei­ge­nen Ar­beits­plat­zes et­was ver­kraft­ba­rer ma­chen. Doch im­mer­hin: „Das Open-Spa­ce-Kon­zept zieht sich bei uns bis zur Vor­stands­ebe­ne hoch“, sagt Ha­mann. „Und ja, auch Herr Treichl sitzt mit sei­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im Groß­raum­bü­ro.“

Dach­gar­ten mit WLAN

Herz­stück des sich so lo­cker da­hin­schlän­geln­den Cam­pus ist das 4000 Qua­drat­me­ter gro­ße Atri­um im Erd­ge­schoß. Pi­az­za sagt man heu­te da­zu, doch die öf­fent­lich zu­gäng­li­che Hal­le zwi­schen den nie­ren­för­mi­gen Ge­bäu­de­trak­ten er­in­nert in der Tat an ei­nen quir­li­gen Stadt­platz ir­gend­wo in Ita­li­en. Und so­gar Sitz­ge­le­gen­hei­ten nach ei­nem Ent­wurf von Hen­ke und Schrei­eck Ar­chi­tek­ten, 40 Stück an der Zahl, sind quer über den ge­deck­ten Platz ver­teilt. Die glit­zernd be­spann­ten Ele­men­te, die in ih­rer Form den Kon­tu­ren der Cam­pus­ge­bäu­de nach­emp­fun­den sind, wer­den von den Mit­ar­bei­tern schon längst „Schrei­xis“ ge­nannt. Auf dem Dach des Atri­ums ist üb­ri­gens ein 10.000 Qua­drat­me­ter gro­ßer Gar­ten an­ge­legt – mit Ahorn, Föh­ren, Kirsch­bäu­men, Bän­ken und flä­chen­de­cken­dem WLAN.

Ei­ne schö­ne­re Bü­ro­si­tua­ti­on, die nach of­fi­ziel­len An­ga­ben der Er­ste Bank Group „mit ma­xi­mal 300 Mil­lio­nen Eu­ro“ zu Bu­che schlug, wird man so schnell in ganz Wien nicht fin­den. Statt Macht­de­mon­stra­ti­on und Ein­schüch­te­rungs­ge­ha­be, wie man dies aus dem Bank- und Fi­nanz­we­sen kennt, orien­tiert sich der Er­ste-Cam­pus dank ei­ner mit höch­ster Se­rio­si­tät wahr­ge­nom­me­nen Rol­le von Auf­trag­ge­ber und Ar­chi­tek­ten­schaft am Maß­stab Mensch. Der Preis da­für bleibt letzt­lich hoch. Fragt man sich doch, wa­rum Bau­kul­tur auf die­sem Ni­veau den Ban­ken vor­be­hal­ten bleibt.

18. Februar 2016 Der Standard

An­ge­li­ka Fitz wird Ar­chi­tek­tur­zen­trum-Che­fin

2017 folgt die Kul­tur­theo­re­ti­ke­rin dem jet­zi­gen Di­rek­tor Diet­mar Stei­ner nach

33 Be­wer­bun­gen aus Ös­ter­reich, Eu­ro­pa und den USA sind seit der öf­fent­li­chen Aus­schrei­bung im Ju­li 2015 im Ar­chi­tek­tur­zen­trum Wien (AZW) ein­ge­langt. Vier da­von wur­den schließ­lich zu Hea­rings ein­ge­la­den. „Ich ha­be den Aus­wahl­pro­zess als ei­nen sehr in­ten­si­ven und dia­lo­gi­schen er­lebt und freue mich, dass ich das AZW als Fan der er­sten Stun­de in die Zu­kunft füh­ren darf“, er­klär­te die sieg­rei­che An­ge­li­ka Fitz bei der gest­ri­gen Pres­se­kon­fe­renz.

Kul­tur­mi­nis­ter Jo­sef Os­ter­may­er (SP), Kul­tur­stadt­rat An­dre­as Mai­lath-Po­kor­ny und Grü­nen-Stadt­rä­tin Ma­ria Vas­si­la­kou lob­ten Fitz als „hoch­ka­rä­ti­ge Fach­frau“ und „in­ter­na­tio­nal an­er­kann­te Aus­stel­lungs­ku­ra­to­rin, Wis­sen­schaf­te­rin und Au­to­rin“. Han­nes Swo­bo­da, Prä­si­dent des AZW-Vor­stands, wies zu­dem da­rauf hin, dass die fi­na­le Ent­schei­dung des acht­köp­fi­gen Vor­stan­des in­klu­si­ve zwei­er ex­ter­ner Be­ra­ter ei­ne ein­stim­mi­ge war.

An­ge­li­ka Fitz, 1967 in Ho­he­nems ge­bo­ren, stu­dier­te ver­glei­chen­de Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft mit dem Schwer­punkt Kul­tur­wis­sen­schaft. Schon kurz nach Grün­dung ih­res ei­ge­nen Bü­ros lan­de­te die Au­to­rin und Aus­stel­lungs­ku­ra­to­rin En­de der 90er-Jah­re in Mum­bai und Neu-Del­hi, wo sie drei Jah­re ver­brach­te und zum The­ma Me­gast­adt forsch­te. In die­ser Zeit brach­te sie auch In­diens al­ler­er­stes Kunst­pro­jekt im öf­fent­li­chen Raum auf Schie­ne.

„Das The­ma Stadt hat mich seit­dem nie wie­der los­ge­las­sen, und ich bin der Mei­nung, dass es ei­nen viel stär­ke­ren Zu­sam­men­hang zwi­schen ur­ba­nem Le­ben, Stadt­ge­sell­schaft und Ar­chi­tek­tur gibt, als den meis­ten von uns be­wusst ist“, sag­te Fitz, die im Bei­rat Ar­chi­tek­tur und De­sign des Bun­des­kanz­ler­amts sitzt so­wie 2003 und 2005 als Kom­mis­sä­rin für den ös­ter­rei­chi­schen Bei­trag zur Ar­chi­tek­tur­bien­na­le São Pau­lo tä­tig war, dem STAN­DARD . So er­klä­ren sich auch ih­re be­ab­sich­tig­ten Schwer­punk­te: Stadt­ge­sell­schaft, Nach­hal­tig­keit so­wie die po­li­ti­sche Kom­po­nen­te von Pla­nung und Städ­te­bau. „Und ich wür­de ger­ne auch mehr und auch brei­te­res Pu­bli­kum ins AZW lo­cken.“

Der bis­he­ri­ge Di­rek­tor Diet­mar Stei­ner, der das AZW 1993 im da­mals ma­ro­den und sa­nie­rungs­be­dürf­ti­gen Mess­epa­last, dem heu­ti­gen MQ, grün­de­te, geht mit En­de des Jah­res in Pen­si­on. 23 Jah­re lang präg­te er die ös­ter­rei­chi­sche Ar­chi­tek­turs­ze­ne mit in­ter­na­tio­nal be­ach­te­ten Aus­stel­lun­gen, Kon­gres­sen und Ver­mitt­lungs­tä­tig­kei­ten ent­schei­dend mit.

13. Februar 2016 Der Standard

Baum­eis­ter mit Pen­ne und Pat­tex

Ar­chi­tek­tur ist kein Kin­der­spiel. Oder doch? Im­mer mehr In­sti­tu­tio­nen bie­ten ein hoch­wer­ti­ges Aus­bil­dungs- und Ver­mitt­lungs­pro­gramm für Kin­der und Ju­gend­li­che an.

Es geht um die Nu­del. Zsom­bor, Schü­ler, neun Jah­re alt, steckt und schraubt die Mac­che­ro­ni und Pen­ne zu ei­nem 60 Zen­ti­me­ter ho­hen Turm zu­sam­men. Die Ver­bin­dungs­kno­ten wer­den mit­tels Pat­tex-Heiß­kle­ber ver­klebt. Dia­go­na­le Ver­stre­bun­gen aus Spag­het­ti sol­len den Teig­wa­ren­wol­ken­krat­zer sta­bi­ler ma­chen. „Ja, so ha­ben wir das ge­lernt. Das sind die Druck- und das sind die Zugs­tä­be, und die Dia­go­na­len sor­gen da­für, dass das Gan­ze nicht wie ein Kar­ten­haus ein­knickt“, er­klärt Zsom­bor. „Aber mein Turm wird be­son­ders sta­bil wer­den. Wa­rum? Na, ganz ein­fach, weil ich in die Hohl­räu­me der Nu­deln über­all Heiß­kle­ber hin­ein­ge­be. So wird al­les noch fes­ter.“

60 Zen­ti­me­ter Bau­hö­he sind er­reicht. Der Kle­ber ist aus­ge­kühlt und ge­här­tet. Jetzt wer­den die Tür­me der an­ge­hen­den Baum­eis­te­rin­nen und Baum­eis­ter dem Be­la­stungs­test un­ter­zo­gen. Mit Te­tra­packs. Mit Sech­ser­packs Mi­ne­ral­was­ser. Mit rand­voll was­ser­ge­füll­ten Kü­beln. Schon nach we­ni­gen Ki­lo­gramm be­gin­nen sich die Nu­deln zu bie­gen, schon bald ist das er­ste Kna­cksen zu hö­ren. Die meis­ten Nu­del­hoch­häu­ser stür­zen bei 10 bis 15 Ki­lo­gramm ein. Zsom­bors Ver­bund­kons­truk­ti­on je­doch ent­lockt den an­de­ren Kin­dern im­mer wie­der ein stau­nen­des „Das gibt’s doch nicht!“, ehe der Turm bei ei­ner Be­la­stung von 29,5 Ki­lo­gramm schließ­lich kol­la­biert und zu sprö­den Split­tern zer­schellt.

„Im ak­tu­el­len Bil­dungs­sys­tem wird Wert auf Kunst und Mu­sik ge­legt, aber das Er­leb­nis der Raum­er­fah­rung und des bau­li­chen, ar­chi­tek­to­ni­schen For­schens und Ent­de­ckens bleibt in der Schu­le auf der Stre­cke“, sagt Mi­chae­la Sau­er, Lei­te­rin des kürz­lich ge­grün­de­ten Ar­chi­tek­turC­lubs Wien. „In un­se­ren Kur­sen wol­len wir die­ses Man­ko nach­ho­len und den Kin­dern und Ju­gend­li­chen ein ge­wis­ses Ge­spür für Raum und Stadt so­wie für die ge­bau­te Um­welt ver­mit­teln.“

Wie be­grei­fe ich den Raum?

Der Ar­chi­tek­turC­lub bie­tet Works­hops in Kin­der­gär­ten und Schu­len an, or­ga­ni­siert aber auch lau­fen­de Kur­se, Mu­se­ums­be­su­che und Stadt­spa­zier­gän­ge zu un­ter­schied­li­chen Schwer­punktt­he­men. Im Ge­gen­satz zum oh­ne­hin schon sehr dich­ten An­ge­bot an Bau­kul­tur­ver­mitt­lung in di­ver­sen In­sti­tu­tio­nen wie et­wa dem Ar­chi­tek­tur­zen­trum Wien (AZW), dem Haus der Ar­chi­tek­tur (HDA) in Graz oder dem aut in Inns­bruck, sol­len die Kin­der und Ju­gend­li­che hier nicht an ei­ner ein­ma­li­gen Ver­an­stal­tung teil­neh­men, son­dern ei­nen lang­fri­sti­gen, mal zehn­wö­chi­gen, mal se­mes­ter­lan­gen Kurs ab­sol­vie­ren. Im Fo­kus ste­he das lang­sa­me Ler­nen, der lang­fri­sti­ge Auf­bau ei­nes Raum­ver­ständ­nis­ses, so Sau­er.

„Mein Ziel ist es, die Kin­der und Ju­gend­li­chen so vor­zu­be­rei­ten, dass sie in der La­ge sind, mit Raum um­zu­ge­hen und ein Grund­ver­ständ­nis für den ei­ge­nen Le­bens­be­reich zu ent­wi­ckeln. Und wenn es nur da­rum geht, dass sie spä­ter ein­mal ih­re Wohn­vor­stel­lun­gen for­mu­lie­ren kön­nen und nicht nur das als gott­ge­ge­ben hin­neh­men, was ih­nen der Woh­nungs­markt vor­setzt.“

Ei­nen Schritt wei­ter als die der­zeit noch mo­bi­le In­sti­tu­ti­on des Ar­chi­tek­turC­lubs ist das so­ge­nann­te bil­ding in Inns­bruck. Die Ein­rich­tung, die in ei­nem ex­pe­ri­men­tel­len Holz­bau im Ra­pol­di­park ne­ben dem städ­ti­schen Hal­len­bad un­ter­ge­bracht ist, wur­de En­de 2014 ge­grün­det und um­fasst Kur­se und Works­hops im Be­reich Kunst und Ar­chi­tek­tur. Pro Wo­che neh­men rund 150 Schü­ler­in­nen und Schü­ler da­ran teil.

„Wir ar­bei­ten aus­schließ­lich mit Ar­chi­tek­tin­nen und Künst­lern so­wie Krea­ti­ven, die mit­ten im Be­rufs­le­ben ste­hen“, sagt bil­ding-Lei­te­rin Mo­ni­ka Abend­stein. Schon seit vie­len Jah­ren en­ga­giert sie sich für Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung für Kin­der und Ju­gend­li­che. Mit dem bil­ding im Ra­pol­di­park ha­be das An­ge­bot nun end­lich ei­ne bau­li­che Ma­ni­fes­ta­ti­on ge­fun­den. „Es heißt im­mer, der Raum sei der drit­te Pä­da­go­ge, doch bei uns steht der Raum ab­so­lut im Vor­der­grund. Al­lein schon am bil­ding selbst, das mit Ar­chi­tek­turs­tu­den­ten ent­wi­ckelt und er­rich­tet wur­de, se­hen die Kin­der, was al­les mög­lich ist.“

Vi­si­on, Neu­gier, Kom­pe­tenz

Das Jah­res­bud­get be­läuft sich auf knapp 100.000 Eu­ro, wo­bei zwei Drit­tel da­von durch För­de­run­gen von Stadt, Land und Bund ab­ge­deckt wer­den. Bei den letz­ten 30 Pro­zent ist Abend­stein auf Spen­den und Spon­so­ren­gel­der an­ge­wie­sen. Die Kur­se selbst sind da­für kos­ten­los. Ge­heizt wird der tem­po­rä­re Pa­vil­lon üb­ri­gens mit­hil­fe des an­gren­zen­den Hal­len­bads. Das oh­ne­hin schon warm auf­be­rei­te­te Was­ser dient hier als ei­ne Art Mi­kro-Fern­wär­me­netz.

„Wir spre­chen im­mer von Vi­sio­nen, ver­ges­sen da­bei aber, dass es die Kin­der sind, die ei­nen ent­schei­den­den Bei­trag zu die­sen Vi­sio­nen leis­ten, denn ih­re Sicht­wei­se ist noch of­fen und vol­ler Neu­gier“, so Abend­stein, die einst selbst als Ar­chi­tek­tin tä­tig war. „Die­se Krea­ti­vi­tät und die­se Ge­stal­tungs­kraft gilt es zu för­dern. Am En­de des Ta­ges ha­ben wir es mit jun­gen Er­wachs­enen zu tun, die er­kannt ha­ben, dass sie ge­stal­ten kön­nen, dass sie ei­nen ge­wis­sen Mehr­wert leis­ten kön­nen, dass sie sich in Stadt­pla­nungs- und Bürg­er­be­tei­li­gungs­pro­zes­se kom­pe­tent ein­brin­gen kön­nen.“

Das The­ma der Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung, ob in­ner- oder au­ßer­schu­lisch, hiel­ten die meis­ten für im­mens wich­tig, er­klärt Ba­ba­ra Fel­ler, Ob­frau der Ini­tia­ti­ve Bau­kul­tur­ver­mitt­lung für jun­ge Men­schen (bink). „In dem Mo­ment aber, wo es da­rum geht, die­se Ver­mitt­lung zu fi­nan­zie­ren und in die Rea­li­tät um­zu­set­zen, wird es schwie­rig. In An­be­tracht die­ser Um­stän­de sind die Ini­tia­ti­ven in Ös­ter­reich tip­top!“

Gro­ßes Vor­bild sind nach wie vor die skan­di­na­vi­schen Län­der. In Finn­land wur­de be­reits 1993 die Ark­ki School of Ar­chi­tec­tu­re for Chil­dren and Youth ge­grün­det. Die In­sti­tu­ti­on, die in Hel­sin­ki star­te­te und be­reits De­pen­dan­cen in Espoo und Van­taa so­wie Fran­chi­se-Ein­rich­tun­gen in At­hen und Thes­sa­lon­iki be­treibt, be­fin­det sich in ei­ner ehe­ma­li­gen Ka­bel­fa­brik am Ran­de der In­nens­tadt und ver­an­stal­tet rund 50 ver­schie­de­ne Kur­se mit mehr als 600 Schü­ler­in­nen und Schü­lern pro Wo­che.

„1993 gab es in Finn­land ei­nen Re­gie­rungs­be­schluss, der be­sag­te, dass künf­tig auch Kunst­spar­ten wie Zir­kus, Thea­ter und Ar­chi­tek­tur in den Schul­plan mit­ein­be­zo­gen wer­den müs­sen“, er­in­nert sich Ark­ki-Di­rekt­orin Pih­la Mes­ka­nen im Ge­spräch mit dem STAN­DARD. „Das war die Ge­burts­stun­de von Ark­ki. Und wis­sen Sie, was mich da­zu mo­ti­viert? Men­schen, die kei­ne Ah­nung von Ar­chi­tek­tur und Bau­kul­tur ha­ben, tref­fen in der Po­li­tik und Bau­wirt­schaft schwer­ge­wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen, die Kon­se­quen­zen auf das ge­sam­te Land und auf vie­le wei­te­re Ge­ne­ra­tio­nen ha­ben. Ich möch­te da­zu bei­tra­gen, die Ent­schei­der von mor­gen aus­zu­bil­den und zu sen­si­bi­li­sie­ren.“

Heu­te bau­en die Kids noch mit Pen­ne und Pat­tex, mit Zu­cker­wür­feln und Kek­sen, mit Le­gos­tei­nen und Kar­ton. Mor­gen schon mit Zie­gel, Stahl und Be­ton. Und viel­leicht mit et­was mehr Hirn und Herz.

Fast al­le in­sti­tu­tio­nel­len Ar­chi­tek­tur­häu­ser in Wien so­wie in den Bun­des­län­dern bie­ten Kur­se und Works­hops für Kin­der und Ju­gend­li­che an. Hin­zu kom­men di­ver­se Pri­vat­ini­tia­ti­ven, die meist mehr­wö­chi­ge Kur­se an­bie­ten.

30. Januar 2016 Der Standard

Der Ma­ril­len­mar­me­la­de­krap­fen-Ef­fekt

Vor­ge­stern, Don­ners­tag, wur­de in Wien der Bau­kul­tur­ge­mein­de-Preis 2016 ver­ge­ben. Die drei Preis­trä­ger Lus­te­nau, Krum­bach und Ybb­sitz zei­gen vor, wie man Ar­chi­tek­tur lebt und die Aus­höh­lung des länd­li­chen Raums stoppt.

Ikea muss war­ten. Ikea, das kann nicht ei­ne Ge­mein­de im Al­lein­gang ent­schei­den. Ikea, das muss ei­ne in­ter­kom­mu­na­le Dis­kuss­ion sein, an der sich die ge­sam­te Re­gi­on be­tei­ligt. Wäh­rend sich an­de­re Bürg­er­meis­ter bei so ei­ner lu­kra­ti­ven An­fra­ge wohl al­le zehn Fin­ger ab­schle­cken und so­fort mit dem Bag­ger an­rü­cken wür­den, schickt der Lus­te­nau­er Ge­mein­de­chef Kurt Fi­scher den schwe­di­schen Mö­bel­gi­gan­ten erst ein­mal auf die War­te­bank. Man möch­te nach­den­ken und die Kon­se­quen­zen stu­die­ren.

Die Stra­te­gie der Vor­arl­ber­ger Rhein­tal­ge­mein­de, die in den letz­ten Jah­ren mit tem­po­rä­ren Bau­ten im öf­fent­li­chen Frei­raum, mit zahl­rei­chen Bürg­er­be­tei­li­gungs­pro­jek­ten und mit ei­nem erst­klas­si­gen Ge­wer­be­kon­zept auf sich auf­merk­sam mach­te, ist bei Wei­tem kein Ein­zel­fall. Die Lis­te an vi­sio­nä­ren und über­aus selbst­kri­ti­schen Ge­mein­den, die sich ernst­haft mit Ar­chi­tek­tur, Raum­pla­nung, Ver­kehrs­po­li­tik und nach­hal­ti­ger Bo­den­be­wirt­schaf­tung be­schäf­ti­gen und da­mit ge­gen die Aus­höh­lung und kul­tu­rel­le Zers­tö­rung des länd­li­chen Raums an­kämp­fen, wird im­mer län­ger.

Vor­ge­stern, Don­ners­tag, wur­den die in­no­va­tivs­ten Or­te Ös­ter­reichs im Pa­lais Eschen­bach in der Wie­ner In­nens­tadt mit dem Bau­kul­tur­ge­mein­de-Preis 2016 aus­ge­zeich­net. Nach 2009 und 2012 wur­de die vom Ver­ein Land­Luft ini­ti­ier­te Aus­zeich­nung da­mit be­reits zum drit­ten Mal über­ge­ben. Aus ins­ge­samt 23 Be­wer­bun­gen wähl­te ei­ne 17-köp­fi­ge Ju­ry in ei­nem mehrs­tu­fi­gen Ver­fah­ren mit­samt Vor­ort­be­su­chen drei Preis­trä­ger. Kurt Fi­scher, Lus­te­nau, ist ei­ner da­von. Eben­falls freu­en dür­fen sich Krum­bach (Vor­arl­berg) und Ybb­sitz (Nie­de­rös­ter­reich).

„In den letz­ten Jah­ren ha­ben wir in Lus­te­nau ei­ni­ge ziem­lich am­bi­tio­nier­te Bau­ten rea­li­siert und auf Schie­ne ge­bracht“, sagt Ma­ri­na Häm­mer­le, ih­res Zei­chens ex­ter­ne Zen­trums­ko­or­di­na­to­rin. Und zählt auf: Re­vi­ta­li­sie­rung des Na­her­ho­lungs­ge­biets Al­ter Rhein, Er­öff­nung des So­zi­al­zen­trums mit be­treu­ten Woh­nun­gen und Se­nio­ren­ca­fé, Mas­ter­plan-Er­stel­lung und Er­wei­te­rung des Ge­wer­be­ge­biets Mil­len­ni­um Park, Er­rich­tung ei­nes neu­en Leicht­ath­le­tik- und Fuß­ball-Sta­di­ons, und dann gibt es noch den Ska­ter-Platz Ha­be­de­re und das so­ge­nann­te Feld­ho­tel. Der tem­po­rä­re Re­cyc­ling­bau des Ar­chi­tek­tur­kol­lek­tivs Kom­pott bot et­li­chen kul­tu­rel­len Events ei­ne Büh­ne und mach­te den Som­mer 2014 auf die­se Wei­se zum Ur­laub in der Stadt.

Die Rück­er­obe­rung des Raums

„Der wich­tigs­te Schritt wird jetzt sein, den Orts­kern zu stär­ken und den von Au­tos be­setz­ten Raum zu­rück­zu­er­obern. Wie bis­her wol­len wir auch hier sehr stark auf Bürg­er­be­tei­li­gung set­zen“, so Häm­mer­le. „Ge­mein­sam mit den Bürg­er­in­nen und Bürg­ern wer­den wir ei­nen Teil der In­nens­tadt zur Be­geg­nungs­zo­ne aus­bau­en. Aber das ist nur der An­fang, denn lang­fri­stig wird es da­rum ge­hen, die Alt­las­ten der vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­re und Jahr­zehn­te zu be­rei­ni­gen und wie­der mehr Woh­nen, Han­del und Frei­zeit ins Zen­trum zu brin­gen.“

Ma­ri­na Häm­mer­le wird kurz still, denkt nach. Das In­ne­hal­ten und Ref­lek­tie­ren scheint in Lus­te­nau Tra­di­ti­on zu ha­ben. Nach ei­ner Wei­le schließ­lich: „Der Bau­kul­tur-Preis 2016 ist ei­ne Be­stä­ti­gung da­für, dass wir am rich­ti­gen Weg sind, und nimmt uns in die Pflicht dran­zu­blei­ben und wei­ter­zu­tun.“

Ge­nau das ist auch die Mo­ti­va­ti­on des Ver­eins Land­Luft. „Es tut sich be­reits wahn­sin­nig viel, und ich spü­re ein ver­stärk­tes Be­wusst­sein im Um­gang mit Bau­en, mit Raum­pla­nung, mit Orts­ent­wi­cklung, mit En­er­giet­he­men, mit al­len mög­li­chen Fa­cet­ten von Nach­hal­tig­keit“, meint der Ver­eins­vor­sit­zen­de Ro­land Gru­ber. „Un­se­re Auf­ga­be ist es, all die­se Im­pul­se vor den Vor­hang zu ho­len und da­für zu sor­gen, dass sich auch an­de­re Ge­mein­den in Ös­ter­reich da­ran ein Bei­spiel neh­men.“

Seit der Nach­kriegs­zeit ha­be man al­les da­ran ge­setzt, den länd­li­chen Raum zu mo­bi­li­sie­ren und das Au­to­mo­bil zum Gott zu er­he­ben. Die Kon­se­quen­zen wer­de man noch vie­le Jahr­zehn­te lang aus­ba­den müs­sen. „Der Do­nut-Ef­fekt macht die Ge­mein­den ka­putt. Er zieht den Or­ten ih­ren Bo­den und ih­re Iden­ti­tät weg, und er macht sie für kom­men­de Ge­ne­ra­tio­nen fad und un­at­trak­tiv. Es ist drin­gend an der Zeit, aus den Do­nuts wie­der Krap­fen zu ma­chen. So rich­tig fet­te Oma­krap­fen mit saug­uter Ma­ril­len­mar­me­la­de im Zen­trum.“

Je­ne hoch­wer­ti­ge Kon­fi­tü­re ist es auch, die die bei­den Preis­trä­ger-Ge­mein­den Krum­bach und Ybb­sitz ins Ram­pen­licht stel­len. Be­reits in den Neun­zi­ger­jah­ren er­ar­beit­ete die Vor­arl­ber­ger Ge­mein­de Krum­bach ein ba­sis­de­mo­kra­ti­sches Leit­bild für Neu­bau, Sa­nie­rung, Bau­land­wid­mung und Orts­ent­wi­cklung. „Fakt ist, dass wir in den letz­ten 60 bis 70 Jah­ren – wie über­all in Ös­ter­reich – viel zu viel Bau­land ge­wid­met ha­ben“, er­klärt Bürg­er­meis­ter Ar­nold Hirsch­brühl im Ge­spräch mit dem STAN­DARD . „Jetzt ru­dern wir wie­der zu­rück und kon­zen­trie­ren uns auf mo­der­ne, in­no­va­ti­ve, zum Teil kol­lek­ti­ve Wohn­mo­del­le im Orts­kern.“

Schmie­de der Sen­si­bi­li­tät

Dass es die 1000-See­len-Ge­mein­de im Bre­gen­zer­wald mit sei­ner Orts­kern­stär­kung ernst meint, be­weist das Pro­jekt Bus:Stop, das 2014 rea­li­siert wur­de. Sie­ben a­tem­be­rau­ben­de Bus­war­te­häus­chen von Ar­chi­tek­ten aus al­ler Welt wur­den da­bei quer über den Ort ver­streut. Das War­ten auf den Land­bus mu­tiert seit­dem zu ei­nem bis zu 30-mi­nü­ti­gen Stu­di­um zeit­ge­nös­si­scher Ar­chi­tek­tur. „Als Bürg­er­meis­ter se­he ich es als mei­ne Auf­ga­be, mit gu­tem Bei­spiel vor­an­zu­ge­hen und die Sen­si­bi­li­tät für Bau­kul­tur zu stär­ken. Und wenn es nur ei­ne Bus­hal­tes­tel­le ist.“

Des­sen ist man sich auch in Ybb­sitz be­wusst. Von je­her zählt die Me­tall­ver­ar­bei­tungs­ge­mein­de mit ih­rer Jahr­hun­der­te al­ten Schmie­de­tra­di­ti­on, die die Un­esco als na­tio­na­les, im­ma­te­riel­les Kul­tur­er­be ver­zeich­net, zu den wohl­ha­ben­de­ren Or­ten Nie­de­rös­ter­reichs. „Wer, wenn nicht wir! Wir ha­ben das gro­ße Glück, auf wert­vol­le kul­tu­rel­le Res­sour­cen zu­rück­grei­fen zu kön­nen, und die­sen Wert müs­sen wir un­be­dingt wei­ter­ent­wi­ckeln“, er­klärt Bürg­er­meis­ter Jo­sef Hof­mar­cher. „Und ja, Bau­kul­tur ist ein Be­kennt­nis zu Qua­li­tät, die Zeit, Geld und En­ga­ge­ment kos­tet. Aber wenn wir im­mer nur al­les da­ran ge­mes­sen hät­ten, was die bil­ligs­te Va­ri­an­te ist, dann wä­ren wir heu­te nicht da, wo wir sind.“

Die dra­ma­ti­schen Wor­te des Chefs ha­ben ei­ne Ent­spre­chung im Bau­li­chen und Or­ga­ni­sa­to­ri­schen, die mehr als be­ein­druckend ist. Fast über­all im Ort drän­gen sich mo­der­ne, bis­wei­len so­gar ra­di­ka­le Stahl­bau­ten ins Orts­bild – ob das nun ein Car­port, ein Wohn­haus, ein Ho­tel mit tem­po­rä­ren Apart­ments, ein Fuß­gän­gers­teg über den Prol­ling­bach oder ei­ne Klär­schlam­man­la­ge ist, die auf den er­sten Blick so­gar als Mu­se­um für zeit­ge­nös­si­sche Kunst durch­ge­hen wür­de.

Vor we­ni­gen Mo­na­ten erst wur­de die Re­vi­ta­li­sie­rung des al­ten Schmie­de­hau­ses fer­tig­ge­stellt. Das denk­mal­ge­schütz­te Haus wur­de mit Zim­mern, Schlaf­sä­len und öf­fent­li­chen Werks­tät­ten aus­ge­stat­tet und dient nun als Lo­gis für Gäs­te aus al­ler Welt, die in Ybb­sitz ei­ne Leh­re oder auch nur ei­nen Frei­zeit-Schmie­de­kurs ab­sol­vie­ren. „Ja, ich bin stolz da­rauf, dass wir un­se­re Tra­di­ti­on wei­ter­pfle­gen. Der Bau­kul­tur­ge­mein­de-Preis ist ein wert­vol­les Prä­di­kat, das uns stärkt, um mo­ti­viert wei­ter­zu­ma­chen.“

23. Januar 2016 Der Standard

85 Mi­nu­ten Glück und Neid

Der Film „The In­fi­ni­te Hap­pi­ness“ von Ila Bê­ka und Loui­se Le­moi­ne ist mehr als nur ein Do­ku­men­tar­film über ir­gend­ein Wohn­haus in Ko­pen­ha­gen. Er ist ei­ne Ode an die so­zia­le Macht von Ar­chi­tek­tur – und hof­fent­lich ei­ne An­re­gung für Po­li­tik und Bau­wirt­schaft.

In der 21. Mi­nu­te wan­dert Schaf Nr. 00214 durchs Bild, macht laut Mää­äh, als wür­de es die Ka­me­ra weg­blö­ken wol­len, und tum­melt sich dann mit sei­nen drei Dut­zend Woll­freun­den durchs Gat­ter, um hier drau­ßen auf der Step­pe das Abend­mahl zu sich zu neh­men. Das tau­send­fach pu­bli­zier­te Haus, das im Hin­ter­grund in die Hö­he ragt und um das sich die gan­ze Welt schon seit Jah­ren reißt, ist Nr. 00214 herz­lich egal. Senkt den Kopf, wid­met sich dem Fut­ter, und Schnitt.

The In­fi­ni­te Hap­pi­ness ist nicht nur ein fil­mi­sches Por­trät des 2011 er­rich­te­ten und mehr­fach preis­ge­krön­ten Wohn­hau­ses „Eight Hou­se“ in Øres­tad, ir­gend­wo am äu­ßers­ten Stadt­rand von Ko­pen­ha­gen, son­dern auch ein un­ge­wöhn­lich tie­fer Ein­blick in das all­täg­li­che Le­ben der hier woh­nen­den Men­schen mit­samt ih­ren Hob­bys, Ri­tua­len und do­mes­ti­zier­ten Tie­ren.

So hält sich dann auch die Ver­wun­de­rung in Gren­zen, wenn in Mi­nu­te 39 plötz­lich Erik auf die Büh­ne tritt und sei­nem künf­ti­gen, der­zeit noch gra­sen­den Rin­der­steak zärt­lich und auch ir­gend­wie ap­pe­ti­tan­ge­regt auf den Bauch klopft. Erik ist Mit­glied der Vieh­zucht-Ge­nos­sen­schaft hier im Hau­se und so­mit ei­ner von rund 100 Haus­hal­ten, die zu­sam­men 20 Bio­kü­he un­ter­hal­ten, um sie am En­de des Jah­res zu schlach­ten und das Fleisch auf die Ge­nos­sen­schaft auf­zu­tei­len. „Ja, in die­sem Haus ist al­les an­ders. Es ist wie ein Berg­dorf ge­baut. Das lässt uns al­le nä­her rü­cken. Wir sind ir­gend­wie so­zia­ler.“

Es ist ge­nau die­ses ge­mein­schaft­li­che Woh­nen und Han­deln, das im Film The In­fi­ni­te Hap­pi­ness den Zu­schau­er 85 Mi­nu­ten lang so wun­der­bar be­rührt. Wäh­rend sich die Dis­kuss­ion über die Zu­kunft des Wohn­baus in Ös­ter­reich meist in der Mö­bel­aus­stat­tung un­de­fi­nier­ter Mehr­zweck- und Ge­mein­schafts­räu­me er­schöpft, ga­lop­piert das Eight Hou­se des dä­ni­schen Ar­chi­tek­tur­bü­ros Bjar­ke In­gels Group (BIG) mit sei­nen 476 Woh­nun­gen und sei­nem mehr als ei­nen Ki­lo­me­ter lan­gen Rad­weg, der sich bis in den zehn­ten Stock hoch­schraubt, schnur­stracks in den Olymp der viel­zi­tier­ten so­zia­len Nach­hal­tig­keit. Und man starrt mit ei­ner or­dent­li­chen Por­ti­on Neid auf die Lein­wand.

„Ich muss ge­ste­hen: Zu Be­ginn war es die Ar­chi­tek­tur, die Äs­the­tik die­ses Hau­ses, die uns fas­zi­niert hat“, sagt die Pa­ri­ser Film­ema­che­rin Loui­se Le­moi­ne. Ge­mein­sam mit ih­rem Part­ner Ila Bê­ka macht sie Do­ku­men­tar­fil­me, sehr lus­ti­ge so­gar, über meist pro­mi­nen­te, welt­be­kann­te Bau­ten. Nach ih­rem De­büt Ko­ol­haas Hou­se­li­fe im Jahr 2009, in dem sie ein be­rühmt­es Ein­fa­mi­li­en­haus des Pritz­ker­preis­trä­gers Rem Ko­ol­haas aus der Sicht der Putz­frau Gua­da­lo­pe vor­stellt, folg­ten Fil­me über das Gug­gen­heim-Mu­se­um in Bil­bao so­wie über Mu­se­en, Kir­chen und Feu­er­wehr­sta­tio­nen von Ren­zo Pia­no, Ri­chard Mei­er und Her­zog & de Meu­ron.

„Doch bei die­sem Film war al­les an­ders“, er­in­nert sich Le­moi­ne. „Wir sind für ei­nen Mo­nat hier ein­ge­zo­gen, ha­ben mehr oder we­ni­ger Woh­nung ge­tauscht mit ei­ner hier le­ben­den Fa­mi­lie und ha­ben das Haus in die­ser Zeit auf ei­ne Art und Wei­se er­lebt, die nicht nur lus­tig, in­ten­siv, aben­teu­er­lich, son­dern auch sehr be­rüh­rend war.“ Nach die­ser Er­fah­rung, meint die 34-jäh­ri­ge Film­ema­che­rin, ha­be man das Eight Hou­se nicht nur als in­no­va­ti­ves Bau­werk, son­dern in er­ster Li­nie als so­zia­les Kraft­werk ver­stan­den.

Er­mü­den­de Schön­heit

In 30 kur­zen Epi­so­den wird Bjar­ke In­gels’ Eight Hou­se mi­nu­ti­ös un­ter die Lu­pe ge­nom­men. Da gibt es den blin­den Chris­ti­an, der im Kel­ler al­te Kla­vie­re res­tau­riert, stimmt und für den Wei­ter­ver­kauf rüs­tet. Da gibt es Pal­le, sei­nes Zei­chens lei­den­schaft­li­cher Er­fin­der­geist, der je­den Tag mit dem Ein­rad die Ram­pe auf und ab fährt. Da gibt es Fa­mi­lie Zhu, die im Ne­bel steht und so wie je­den Tag ne­ben dem Haus Tai-Chi prak­ti­ziert. Da gibt es Git­te und Ma­ria, die zwei Blog­ge­rin­nen und In­stag­ram-Fo­to­gra­fin­nen, die in ih­rer Ar­beit die pu­re Ma­gie die­ses Bau­werks fest­zu­hal­ten ver­su­chen.

Und dann gibt es Je­sper, die­sen un­er­müd­li­chen Gärt­ner mit Kap­pe und Oh­ren­schutz, der mit sei­nem Ra­sen­mä­her je­de Bö­schung und je­den stei­len Te­le­tub­by-Hü­gel im In­nen­hof des Eight Hou­se zähmt. „Das Gärt­nern ist wirk­lich er­mü­dend hier“, sagt er, sicht­lich au­ßer A­tem, nach­dem er die Ma­schi­ne die me­ter­ho­hen Hü­gel Dut­zen­de Ma­le hin­auf­ge­scho­ben und hin­un­ter­ge­zo­gen hat. „Aber das Haus, das ist schön.“

Doch es ist nicht al­les ro­sig im Eight Hou­se, in die­sem Mek­ka der Ar­chi­tek­tin­nen und Stu­den­ten, die das Ge­bäu­de seit Er­öff­nung vor vier Jah­ren bus- und me­tro­wei­se strö­men. Claus und Vir­gi­nia ste­hen in ih­rem Pent­hou­se im letz­ten Stock und bli­cken et­was bö­se in die Ka­me­ra. „Manch­mal kom­men 70, 80 Men­schen die Ram­pe hoch, blei­ben vor un­se­rem Vor­gar­ten ste­hen und schau­en uns ins Wohn­zim­mer rein. Man­che von ih­nen be­tre­ten die Ter­ras­se und pflü­cken ein­fach un­se­re Ro­sen. Ich füh­le mich hier wie in ei­nem Zoo. Und ich bin rich­tig bö­se, denn vor sechs Mo­na­ten hat­te ich ei­nen Herz­in­farkt, und nun muss ich die Woh­nung aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den ver­las­sen.“ En­de der Epi­so­de.

Bjar­ke, du ver­rück­ter Hund!

„Das Schö­ne an un­se­rer Ar­beit ist, dass wir mit der Rea­li­tät ar­bei­ten“, sagt die Re­gis­seu­rin. „Das ist et­was ganz an­de­res als ein Film über ei­ne frei er­fun­de­ne Sa­che. Mit je­dem Film, mit je­dem Zu­sam­men­kom­men mit den Men­schen ler­ne ich viel da­zu. Die Ar­beit öff­net mir die Sin­ne! Wenn Sie so wol­len, ist so ein Film – egal ob im Dre­hen, im Schnei­den oder ein­fach nur im Be­trach­ten – ein gu­tes Werk­zeug, um Vor­ur­tei­le und vor­ge­fass­te Ide­en und Mei­nun­gen ab­zu­bau­en. Mit je­der Mi­nu­te mehr.“

Und was sagt der Ar­chi­tekt höch­stselbst zu die­sem Film? „500 Woh­nun­gen, 1000 Be­woh­ner, das ist schon was“, meint Bjar­ke In­gels auf An­fra­ge des STAN­DARD . „Und so un­gleich wie die Woh­nun­gen sind auch die hier le­ben­den Men­schen. Der Film von Ila Bê­ka und Loui­se Le­moi­ne ist in mei­nen Au­gen ein Kunst­werk, das die so­zia­le Macht un­se­rer ge­bau­ten Um­welt so schön sicht­bar macht.“

13. Mi­nu­te. Bo­ris steht mit sei­ner Frau An­ne im Wohn­zim­mer, schwärmt vom Rad­weg vorm Fens­ter, von den of­fe­nen Woh­nungs­grund­ris­sen, von den Nach­barn, de­nen man hier auf Schritt und Tritt be­geg­net. Zu spä­ter Stun­de – drau­ßen ist es schon dun­kel ge­wor­den – gibt er vor lau­fen­der Ka­me­ra ein Ge­ständ­nis ab: „Hal­lo Bjar­ke, du ver­rück­ter Hund! Du hast hier et­was Un­glau­bli­ches ge­schaf­fen! Ich füh­le mich pri­vi­le­giert, an so ei­nem Ort le­ben zu dür­fen. Bjar­ke, ver­dammt noch mal, ich wünsch­te, ich könn­te mir dein ge­nia­les Hirn aus­bor­gen!“ So ein Kom­pli­ment soll­te, ver­dammt noch mal, als Ap­pell an die ös­ter­rei­chi­sche Wohn­bau­po­li­tik und Wohn­bau­bran­che ver­stan­den wer­den.

„The In­fi­ni­te Hap­pi­ness“ wird der­zeit auf in­ter­na­tio­na­len Film­fes­ti­vals in Ko­pen­ha­gen, New York, Chi­ca­go, Tel Aviv und Syd­ney ge­zeigt.

14. Januar 2016 Der Standard

Chilenischer Architekt Alejandro Aravena bekommt Pritzker-Preis

„Es sind die einfachsten Begriffe und Tätigkeiten wie schlafen, lernen, essen, sich ausruhen, die unser Leben prägen“, sagt der chilenische Architekt Alejandro Aravena. „Die Begriffe sind Teil des kulturellen Erbes. Die Architektur hat die Kraft, dieses Erbe in eine entsprechende bauliche Form zu bringen. Das ist meine Vision.“ Wie Mittwochnachmittag bekannt wurde, ist der 48-Jährige heuer Preisträger der jährlich vergebenen und mit 100.000 US-Dollar dotierten Pritzker-Auszeichnung. „Alejandro Aravena ist Ausdruck für eine neue Generation von Architekten, die ein holistisches, umfassendes Verständnis der gebauten Umwelt haben“, lautet die Erklärung der diesjährigen Pritzker-Jury. „Seine Fähigkeit, soziale Verantwortung, wirtschaftliche Anforderungen, menschliche Bedürfnisse und das Wesen Stadt zu vereinen, hat er bereits mehrfach unter Beweis gestellt.“ Nur wenigen sei es bisher gelungen, Architektur als kunstvolles Unterfangen und zugleich als Antwort auf heutige soziale Anforderungen zu praktizieren. Freude für Brutalisten Auf der einen Seite gibt es die „schönen“ Projekte, um die sich die internationalen Blogs und Medien reißen, die Schulen, Universitätsgebäude, Museen und Forschungseinrichtungen. Das vielleicht beeindruckendste Beispiel aus dieser Tätigkeitssparte der gespaltenen Architektenpersönlichkeit ist das archaisch anmutende, 2014 fertiggestellte UC Innovation Center Anacleto Angelini am Campus der Universidad Católica in Santiago de Chile (Foto). Der massive Betonbau ist ein räumliches Wechselspiel aus Öffnung und Verschlossenheit, das nicht nur die Herzen von Brutalismus-Liebhabern höher schlagen lässt, sondern auch auf die entsprechenden Tageslicht-Anforderungen in den Innenräumen reagiert. Auf der anderen Seite engagiert sich der 1967 in Santiago de Chile geborene Allrounder für hochwertige, aber sozial verträgliche Projekte im Bereich Infrastruktur, öffentlicher Freiraum und kostengünstiger Wohnbau. Die 2001 von ihm gegründete Institution Elemental, die Aravena selbst in Anlehnung an die sonst so häufig anzutreffenden „Think-Tanks“ als „Do-Tank“ bezeichnet (hier wird nicht nur gedacht, sondern auch gehandelt), realisierte bereits Bauten in Chile, Mexico, China, in den USA sowie in der Schweiz. Zu den häufigsten Low-Cost-Projekten von Elemental zählen Wohnbauten und Reihenhaussiedlungen für einkommensschwache Schichten, die wunderbar beweisen, dass man auch mit wenig Budget und einfachsten materiellen Ressourcen nicht nur publikations-, sondern auch lebenswerte Architektur schaffen kann. Die farben- und lebensfrohen Siedlungen wie etwa Quinta Monroy in Iquique, Chile (2004), Monterrey Housing in Monterrey, Mexiko (2010) und Villa Verde Housing in Constitución, Chile (2013) können es mit jedem schicken Kulturbau aufnehmen. Ersatz für Sessel Nicht nur im großen Maßstab, auch in tragbaren Größenordnungen engagierte sich Aravena bereits mit Erfolg. Für den Möbelhersteller Vitra entwarf er 2010 das Alltagsutensil „Chairless“. Der leichte, strapazierfähige Gurt, den man sich um Rücken und Knie schnallt, ist ein ergonomisch fast gleichwertiger Ersatz für Sessel, um auch am Boden sitzend bequem Mahlzeiten zu sich nehmen zu können. Der schlaksige Alltagsarchitekt mit seiner Rockröhrenfrisur ist nicht nur einer der jüngsten Pritzker-Preis-Träger aller Zeiten, sondern nach Lius Barragán (1980), Oscar Niemeyer (1988) und Paulo Mendes da Rocha (2006) der erst vierte Lateinamerikaner, der mit diesem Preis gewürdigt wird. Die Preisverleihung findet am 4. April im UNO-Hauptquartier in New York statt. Kurz darauf wird Alejandro Aravena seine vielleicht größte Probe in der Ambivalenz zwischen Hochkultur und sozialem Engagement bestehen müssen: Für die Architektur-Biennale in Venedig, die im Juni eröffnet wird, wurde er zum diesjährigen Direktor bestellt. Die internationale Nabelschau steht heuer unter dem Generalmotto „Reporting from the Front“ (Berichterstattung von der Front). Damit hat er Erfahrung.

2. Januar 2016 Der Standard

Ein Haus fürs letz­te Stünd­lein

Auf der Pal­lia­tivs­ta­ti­on im Kli­ni­kum Kla­gen­furt ist ein Gar­ten­pa­vil­lon ent­stan­den. Hier sol­len die Pa­ti­en­ten noch ein­mal der Na­tur na­he sein kön­nen. Un­ge­wöhn­lich: Das ge­sam­te Pro­jekt wur­de von Stu­den­ten ab­ge­wi­ckelt.

Ein­mal noch die Son­nen­strah­len auf der Haut spü­ren. Ein­mal noch die Re­gen­trop­fen pras­seln hö­ren. Ein­mal noch den Schnee rie­chen. „So ein­fach kann ein letz­ter Wunsch sein“, sagt Bar­ba­ra Traar, Vor­stand des Ver­eins Pal­lia­tiv Kärn­ten. „Wir be­glei­ten die Men­schen auf ih­rem letz­ten Le­bens­weg, in ih­ren letz­ten Wo­chen und Mo­na­ten, und be­mü­hen uns, ih­nen ei­nen an­ge­neh­men, schmerz­frei­en Ab­schied zu er­mög­li­chen. Im be­sten Fall be­rei­ten wir die Pa­ti­en­ten da­rauf vor, nach Hau­se zu ge­hen und im Krei­se der Fa­mi­lie zu ster­ben.“

Aber manch­mal, da kommt der Tod auch frü­her. Und ja, er kommt ins Kran­ken­haus. Ins Kli­ni­kum Kla­gen­furt zum Bei­spiel. In den Sieb­zi­ger­jah­re-Bau in den drit­ten Stock, um ge­nau zu sein, dort, wo sich die Pal­lia­tivs­ta­ti­on be­fin­det, wo sich un­heil­bar kran­ke Men­schen da­rauf ein­stel­len, in Be­glei­tung von The­ra­peu­ten und Psy­cho­lo­gin­nen aus dem Le­ben zu schei­den. Mit Ne­on­licht, ab­ge­häng­ter De­cke und au­to­ma­ti­sier­ter Luft­um­wäl­zung. Es stinkt nach Des­in­fek­ti­ons­mit­tel. Im neu­en, klei­nen Holz­pa­vil­lon, ein paar Me­ter nur vom Ne­ben­ein­gang der Pal­lia­tivs­ta­ti­on ent­fernt, kann man dem ho­spi­ta­len All­tags­ap­pa­rat für ei­ne Wei­le ent­flie­hen.

An­fang De­zem­ber wur­de der Pa­vil­lon fer­tig­ge­stellt und in Be­trieb ge­nom­men. Ge­plant und er­rich­tet wur­de der 65 Qua­drat­me­ter gro­ße Bau von Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten der Fach­hoch­schu­le Kärn­ten in Spit­tal an der Drau. Zwölf Ent­wür­fe wur­den zu Be­ginn an­ge­fer­tigt. In ei­nem zweis­tu­fi­gen Ver­fah­ren wur­de das Spek­trum erst auf vier, dann auf ein ein­zi­ges Pro­jekt re­du­ziert. Der Ent­wurf von Da­ni­ela Pa­nos­ka und Mi­cha­el Pal­le schließ­lich wur­de in die Tat um­ge­setzt – vom er­sten Strich bis zur letz­ten fest­ge­zo­ge­nen Schrau­be.

Zu ver­dan­ken ist die­ser un­ge­wöhn­li­che Pla­nungs­pro­zess der Ini­tia­ti­ve der Kärnt­ner Lan­des­kran­ken­an­stal­ten-Be­triebs­ge­sell­schaft KA­BEG so­wie dem Ver­ein Pal­lia­tiv Kärn­ten. „Ich sa­ge ganz ehr­lich: Wir fi­nan­zie­ren uns über Spen­den­gel­der, und ei­nen fer­tig aus­ge­bil­de­ten Ar­chi­tek­ten hät­ten wir uns ein­fach nicht leis­ten könn­ten“, so Traar. „Das war zu Be­ginn der Haupt­be­weg­grund, mit un­se­rem Wunsch an die FH her­an­zu­tre­ten. Heu­te kann ich sa­gen, dass das ei­ne sehr gu­te Ent­schei­dung war, denn die Stu­die­ren­den wa­ren en­ga­giert, ha­ben die Bau­auf­ga­be sehr ernst ge­nom­men und wa­ren in der La­ge, sich in die Si­tua­ti­on der Pal­lia­tiv­pa­ti­en­ten hin­ein­zu­ver­set­zen.“

Ver­ti­ka­le Lat­ten aus frisch ge­schnitt­ener Lär­che. Sä­ge­rau. So rau, dass man sich ei­nen Schie­fer ein­zie­hen kann, wenn man zu schnell über die Ober­flä­che streicht. Na­tur halt. Es riecht wie auf dem Holz­platz, be­son­ders die­ser win­ter­li­chen Ta­ge, da die Luft feucht und ne­be­lig ist und die Har­ze und ät­her­ischen Öle leicht in die Na­se auf­stei­gen. Es ist, nach all den Ta­gen hoch oben im drit­ten Stock, ein Rausch der Sin­ne.

Die schräg ver­dreh­te La­ge der La­mel­len blen­det das häss­li­che Kran­ken­haus aus, da­für er­hascht man in den Zwi­schen­räu­men im­mer wie­der ein Stück­chen Na­tur, Schilf­gras oder ein Ge­strüpp, das sich im Früh­jahr wo­mög­lich als Stern­mag­no­lie her­aus­stel­len wird. In den bei­den Ni­schen, die je ei­nen Raum an der fri­schen Luft de­fi­nie­ren – der ei­ne ge­deckt, der an­de­re nach oben hin of­fen –, gibt es ei­ne Sitz­bank mit in­di­rek­ter Be­leuch­tung und ei­ner wett­er­fes­ten Out­door-Steck­do­se. Fürs Kran­ken­bett, für die Beat­mungs­ma­schi­ne, für was auch im­mer.

„Soll ich Ih­nen was sa­gen? Ich ha­be ge­se­hen, wie sehr die Stu­den­ten bei der Sa­che wa­ren, wie viel Be­geis­te­rung sie in die Er­rich­tung ge­steckt ha­ben. Ich fin­de es toll, was da pas­siert ist.“ Rein­hard Bahr ist 78 Jah­re alt. Er hat Krebs im End­sta­di­um, wie er selbst sagt. „Da drau­ßen in der Na­tur zu sein, das gibt mir et­was Be­ru­hi­gen­des. Für kur­ze Zeit schal­tet man von sei­nen Schmer­zen, von sei­nen Ängs­ten, von sei­nem Schi­cksal ab. Ich glau­be, man fin­det in die­sem Raum ein biss­chen Ru­he. Das ist ja auch Sinn und Zweck der Sa­che, oder?“

60.000 Eu­ro hat das Pro­jekt ge­kos­tet. Die Hälf­te da­von stammt von Spen­den­geld­ern von Pal­lia­tiv Kärn­ten, die an­de­re Hälf­te hat die KA­BEG zur Ver­fü­gung ge­stellt. Die Haupt­pro­fi­teu­re die­ses als Pa­vil­lon ge­tarn­ten Ge­schenks sind oh­ne Zwei­fel die Pa­ti­en­ten. Nicht zu­letzt aber ist die Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen Uni­ver­si­tät und rea­ler Auf­trag­ge­ber­schaft auch ei­ne wich­ti­ge, un­be­zahl­ba­re Er­fah­rung für die Stu­die­ren­den.

„Wir ha­ben al­le De­tails vom Fun­da­ment bis zum Dach selbst ent­wi­ckeln müs­sen, und zwar so, dass es prak­tisch und wirt­schaft­lich ist“, sagt Da­ni­el Pe­rei­ra-Arn­stein, ei­ner der in der Aus­füh­rungs­pla­nung und Bau­pha­se be­tei­lig­ten FH-Stu­den­ten. „Und wir muss­ten den Pa­vil­lon so pla­nen, dass wir ihn – mit der Un­ter­stüt­zung ei­ni­ger we­ni­ger Fir­men – selbst bau­en kön­nen. Ich fin­de es gut, dass den Stu­den­ten pra­xis­na­he Er­fah­rung na­he­ge­bracht wird. Da­durch lernt man viel mehr als nur in der Theo­rie.“

Ge­nau das ist auch die Ab­sicht der FH, Stu­di­en­gang für Ar­chi­tek­tur und Bau­in­ge­ni­eur­we­sen. „In Ent­wi­cklungs­ge­bie­ten wie et­wa in Tei­len Süd­afri­kas ha­ben wir schon öf­ter rea­le Pro­jek­te rea­li­siert“, er­klärt Eli­as Mo­lit­schnig, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der FH und grü­ner Ge­mein­de­rat für den Be­reich Pla­nung und Bau­kul­tur in Kla­gen­furt. „In Ös­ter­reich je­doch sind sol­che Zu­sam­men­ar­bei­ten zwi­schen Stu­die­ren­den und rea­lem Auf­trag­ge­ber noch ei­ne Sel­ten­heit. Ei­gent­lich sehr scha­de, denn der Ler­nef­fekt – nicht nur der tech­ni­sche und wirt­schaft­li­che, son­dern vor al­lem auch der so­zia­le – ist enorm.“

Die Stu­den­ten muss­ten ih­ren Ent­wurf nicht nur pla­nen und de­tail­lie­ren und sich an­schlie­ßend ei­nem Hea­ring des Kli­ni­kums Kla­gen­furt und des Ver­eins Pal­lia­tiv Kärn­ten stel­len. Sie muss­ten auch die Bau­kos­ten be­rech­nen, den Sta­ti­ker be­auf­tra­gen und die Ver­hand­lungs­ge­sprä­che mit Baum­eis­ter und Zim­mer­mann füh­ren. Und sie muss­ten die Bau­stel­le bis zur letz­ten Schrau­be ko­or­di­nie­ren. „In Zu­kunft“, meint Stu­di­en­gangs­lei­ter Pe­ter Nigst, „möch­ten wir die­se Pra­xis­er­fah­rung zu ei­nem ver­pflich­ten­den Fach un­se­res Stu­di­ums und so­mit auch zu ei­nem Al­lein­stel­lungs­merk­mal in der ös­ter­rei­chi­schen Ar­chi­tek­tu­raus­bil­dung ma­chen.“

Es gibt in die­sem Land tau­sen­de Pla­nungs- und Bau­auf­ga­ben, für die ex­trem ho­her Be­darf be­steht, ob­wohl in der Pra­xis lei­der nur we­nig fi­nanz­iel­le Mit­tel da­für zur Ver­fü­gung ste­hen. Ar­chi­tek­tin­nen und Bau­in­ge­ni­eu­re in der Aus­bil­dung, die sich mit No­ten, ECTS-Punk­ten und prak­ti­scher Er­fah­rung be­reits zur Ge­nü­ge ho­no­riert füh­len, wä­ren da­für ei­ne sinn­vol­le Pla­nungs­dis­zi­plin.

„Es war ei­ne Zu­sam­men­ar­beit auf Au­gen­hö­he“, blickt Bar­ba­ra Traar, Ver­ein Pal­lia­tiv Kärn­ten, auf das Pro­jekt zu­rück. „Die Stu­die­ren­den ha­ben hoch­wer­tigs­te Ar­beit ge­leis­tet, und ich wür­de mir wün­schen, dass sol­che aka­de­mi­schen Po­ten­zia­le öf­ter aus­ge­schöpft wür­den.“ Rein­hard Bahr blickt vom Fens­ter im drit­ten Stock auf den Pa­vil­lon hi­nab. „So ein schö­nes Häus­chen ist das ge­wor­den. Da will man sich ein­fach nur rein­set­zen und Ru­he ha­ben.“

19. Dezember 2015 mit Maik Novotny
Der Standard

Kons­truk­ti­ve Her­bergs­su­che

Ös­ter­reich stellt sich auf der Ar­chi­tek­tur­bien­na­le 2016 dem The­ma Flücht­lin­ge. Doch Ge­dan­ken da­rü­ber ha­ben sich die Ar­chi­tek­ten schon län­ger ge­macht. Da­bei geht es nicht um Hoch­glanz-Meis­ter­wer­ke, son­dern um ganz ein­fa­che Din­ge.

Manch­mal hilft es, sich aufs We­sent­li­che zu be­sin­nen, auch wenn die­ses We­sent­li­che auf den er­sten Blick ba­nal er­scheint. „Or­te für Men­schen“, der Ti­tel des Ös­ter­reich-Bei­trags für die Ar­chi­tek­tur-Bien­na­le 2016 ist so ein Fall. Or­te für Men­schen – das ist im Grun­de ei­ne Tä­tig­keits­be­schrei­bung für das, was Ar­chi­tek­ten tun.

Doch das All­ge­mei­ne re­sul­tier­te aus dem Aku­ten: „Im Som­mer, als wir beim Brains­tor­ming zum Bien­na­le-Bei­trag sa­ßen, hat uns das The­ma Flücht­lin­ge stark be­wegt“, er­klär­te Bien­na­le-Kom­mis­sä­rin El­ke De­lu­gan-Meissl bei der Prä­sen­ta­ti­on des Kon­zepts An­fang die­ser Wo­che. Die 2016 in Ve­ne­dig aus­ge­stell­ten Or­te für Men­schen wer­den da­her drei kon­kre­te Stand­or­te in Wien sein, an de­nen sich die Te­ams Ca­ra­mel Ar­chi­tek­ten, the Next Ent­er­pri­se und Eoos in den näch­sten Mo­na­ten zur neu­en Hei­mat für Flücht­lin­ge wer­den las­sen.

So om­ni­prä­sent war und ist das The­ma in die­sem Jahr, dass es kaum wun­dert, dass auch an­de­re Bien­na­le-Na­tio­nen sich sei­ner an­ge­nom­men ha­ben: Deutsch­lands Bei­trag steht un­ter dem be­wusst pro­vo­kan­ten Mot­to: „Ma­king Hei­mat. Ger­ma­ny, Ar­ri­val Coun­try.“ Ganz im Sin­ne des Mer­kel’schen „Wir schaf­fen das!“ sol­len da­bei deut­sche An­kunfts­städ­te un­ter­sucht und die Er­geb­nis­se ei­nes „Call for Pro­jects“ vor­ge­stellt wer­den, den das Deut­sche Ar­chi­tek­turm­useum Frank­furt (DAM) im No­vem­ber aus­sand­te, um Bau­ide­en für Flücht­lin­ge zu sam­meln.

Dass dies kei­ne Schau der Hoch­glanz­vi­sio­nen wird, ist ab­zu­se­hen, denn die Bei­trä­ge, die Ar­chi­tek­ten bis­her zur kons­truk­ti­ven Nots­tands­hil­fe ge­leis­tet ha­ben, sind be­wusst prag­ma­tisch. Schon 2014 fan­den sich in Wien die IG Ar­chi­tek­tur und die NGO „Ar­chi­tek­tur oh­ne Gren­zen“ zu­sam­men, um sich un­ter dem Mot­to „Kein Ort. Nir­gends“ in Ar­beits­grup­pen auf die Su­che nach Lö­sun­gen zu ma­chen. Ei­ne da­von ist die In­nen­ge­stal­tung der Asyl­be­wer­be­run­ter­kunft Haus Da­ria, das die Ca­ri­tas in Wien-Fa­vor­iten be­treibt. Der Be­darf, so die be­tei­lig­ten Ar­chi­tek­ten uni­so­no, sei eben vor al­lem die Mo­bi­li­sie­rung des Leers­tands. Ein schi­ckes De­sig­ner-Flücht­lings­heim auf dem Prä­sen­tier­tel­ler wür­de wohl bei al­len Be­tei­lig­ten für Ma­gen­grim­men sor­gen.

An­ge­sichts des sen­si­blen The­mas war Ös­ter­reichs Bien­na­le-Te­am be­müht, zu be­to­nen, es ge­he ge­ne­rell um Räu­me für Hilfs­be­dürf­ti­ge, ob Flücht­lin­ge oder nicht. Auch ein Sym­po­si­um un­ter dem Ti­tel „Ho­me not Shel­ter“ am vo­ri­gen Wo­che­nen­de fass­te den Rah­men wei­ter, bis hin zum leist­ba­ren Woh­nen. „Ho­me not Shel­ter“ ist ei­ne Ko­ope­ra­ti­on der TU Wien mit vier deut­schen Hoch­schu­len zum The­ma „Ge­mein­sam le­ben statt ge­trennt woh­nen.“ Die Er­geb­nis­se wer­den 2016 zu se­hen sein. „Es geht bei der Auf­ga­be da­rum, so pro­gram­ma­tisch zu den­ken, dass die Me­tho­de auch an­dern­orts an­ge­wen­det wer­den kann“, sagt Ale­xan­der Hag­ner von Gau­pen­raub Ar­chi­tek­ten, der die Wie­ner Stu­den­ten be­treut.

Eben­falls Teil des Te­ams ist die Leib­niz-Uni­ver­si­tät Han­no­ver, dort ent­war­fen Ar­chi­tek­turs­tu­den­ten schon im Rah­men ei­nes Wett­be­werbs Woh­nun­gen für Flücht­lin­ge. Der Ti­tel: „The Peo­ples Pro­ject“. Mit­te die­ser Wo­che wur­den die be­sten Pro­jek­te von ei­ner Ju­ry aus­ge­wählt. Bis Fe­bru­ar 2016 sol­len die Ent­wür­fe wei­ter­ent­wi­ckelt und an­schlie­ßend auf dem Ge­län­de vor der Fa­kul­tät für Ar­chi­tek­tur und Land­schaft in Han­no­ver-Her­ren­hau­sen ge­baut und be­wohnt wer­den.

Men­schen­wür­di­ger Wohn­raum

„Die schein­bar so gro­ßen Hin­der­nis­se wie die Ein­hal­tung tech­ni­scher und äs­the­ti­scher Stan­dards so­wie die Be­zahl­bar­keit durch die öf­fent­li­che Hand sind über­wind­bar, wie die Pra­xis un­miss­ver­ständ­lich zeigt“, sagt Mar­kus Gild­ner, Ini­ti­ator und Ent­wi­ckler des Pro­jekts. „Es ist mög­lich, Flücht­lin­gen ei­nen men­schen­wür­di­gen Wohn­raum in­mit­ten un­se­rer Ge­sell­schaft zu bie­ten. Es braucht nur ech­ten Wil­len, mu­ti­ge In­ves­to­ren, wil­li­ge Be­hör­den­lei­ter und ehr­gei­zi­ge Po­li­ti­ker.“

Und manch­mal auch die Pri­vat­ini­tia­ti­ve ei­ni­ger we­ni­ger Pro­ta­go­nis­ten. Im Inns­bru­cker Stadt­vier­tel Sag­gen, nur ei­nen Stein­wurf von der In­nens­tadt ent­fernt, wur­de En­de No­vem­ber die „HER­ber­ge“ fer­tig­ge­stellt. Das Pro­jekt um­fasst 45 Wohn­ein­hei­ten für ins­ge­samt 131 Flücht­lin­ge. Die Re­vi­ta­li­sie­rung des ehe­ma­li­gen Klos­ter­schu­len-Mäd­chen­wohn­heims, das 1960 er­rich­tet wur­de und seit 2008 leers­tand, geht auf ei­ne Ini­tia­ti­ve des Or­dens der Barm­her­zi­gen Schwes­tern zu­rück.

„Tat­sa­che ist, dass die Kir­che über ei­ni­ge leers­te­hen­de Bau­ten ver­fügt“, sagt Schwes­ter Pia Re­gi­na im Ge­spräch mit dem Stan­dard . Die 71-Jäh­ri­ge ist Pro­vinz­vi­ka­rin der Barm­her­zi­gen Schwes­tern und war in das Pro­jekt stark in­vol­viert. „Nach­dem es un­se­re Auf­ga­be als Or­den ist, Men­schen in der Not zu hel­fen, war für uns klar, dass wir die Zur­ver­fü­gungs­tel­lung des ehe­ma­li­gen Wohn­heims auf un­se­rem Grund­stück als Auf­trag se­hen müs­sen. Wir sind zwar schon alt, und ei­ni­ge von uns kön­nen nicht mehr rich­tig zu­pa­cken, aber das war der Bei­trag, den wir leis­ten kön­nen.“

Das Ge­bäu­de wur­de ge­dämmt, mit neu­en Sa­ni­tär- und Elek­tro­ins­tal­la­tio­nen aus­ge­stat­tet so­wie mit ei­ner neu­en Hei­zung ver­se­hen. Pro Ge­schoß gibt es nun ein bis zwei Bal­ko­ne, die als Frei­raum, Wä­sches­tän­der und Open-Air-Rauch­kam­merl die­nen. Da­rü­ber hin­aus wur­de das ge­sam­te Haus mö­bliert und mit Son­der­räu­men wie et­wa Spiel­zim­mer, Näh­zim­mer und Fit­ness­raum aus­ge­stat­tet. Zu den Be­wohn­ern zäh­len Fa­mi­li­en und jun­ge Män­ner aus Sy­rien, Af­gha­nis­tan, Irak, Aser­baid­schan, So­ma­lia und Ni­ge­ria.

Güns­ti­ge Bau­stof­fe

„Der Um­bau zur Her­ber­ge war ein ab­so­lu­tes Low-Bud­get-Pro­jekt“, sagt die zu­stän­di­ge Ar­chi­tek­tin Bar­ba­ra Po­ber­schnigg, Part­ne­rin im Inns­bru­cker Bü­ro Stu­dio Lo­is. „Vor dem Pro­jekt­start ha­ben wir zu­nächst ein­mal ei­ne Um­fra­ge ge­star­tet, wel­che Un­ter­neh­men Aus­lauf­mo­del­le und Fehl­be­stel­lun­gen ab­zu­ge­ben ha­ben. Auf Ba­sis die­ses Ka­ta­logs an güns­tig zu­kauf­ba­ren Bau­stof­fen ha­ben wir dann erst mit der ei­gent­li­chen Pla­nung be­gon­nen.“ Man­che Fir­men, so Po­ber­schnigg, hät­ten ih­re Pro­duk­te und Ma­te­ria­li­en so­gar kos­ten­los oder zum Ein­kaufs­preis wei­ter­ge­ge­ben.

Das Ge­samt­bud­get für Um­bau und Sa­nie­rung be­läuft sich auf 2,5 Mil­lio­nen Eu­ro. Zu­sätz­lich da­zu schlägt die Mö­blie­rung mit 1700 Eu­ro pro Zim­mer zu Bu­che. „Die Ein­rich­tung der pri­va­ten Wohn- und Schlaf­räu­me be­steht zu ei­nem gro­ßen Teil aus Fer­tig­mö­beln, die wir vor Ort mit rund 200 frei­wil­li­gen Hel­fern zwei Ta­ge lang zu­sam­men­ge­schraubt ha­ben“, er­klärt die Ar­chi­tek­tin. Die Mö­bel für die ge­mein­schaft­li­chen Wohn­be­rei­che ha­be man aus di­ver­sen Alt­be­stän­den und Woh­nungs­auf­lö­sun­gen zu­sam­men­ge­tra­gen. Ein Teil der Vin­ta­ge-Ein­rich­tung stam­me von di­ver­sen Dach­bö­den der Barm­her­zi­gen Schwes­tern.

„Wis­sen Sie, ei­ni­ge der Schwes­tern hat­ten Angst, als wir das Pro­jekt ge­star­tet ha­ben“, er­in­nert sich Schwes­ter Pia Re­gi­na. „Aber ich den­ke, die Men­schen brau­chen sich nicht zu fürch­ten. Die Er­fah­rung zeigt, dass es al­len bes­ser geht, so­bald sie nicht mehr hung­rig und hei­mat­los sind. Und wir ha­ben die­sen Men­schen ei­ne Her­ber­ge ge­ge­ben. Ei­ne Her­ber­ge, die kei­ne Hal­le ist und auch kein Zelt.“

Ein Ort für Men­schen eben. Ei­ne neue Hei­mat für die Hei­mat­lo­sen und ei­ne Frisch­zel­len­kur für die Ar­chi­tek­tur, die sich ein­mal mehr ih­rer ur­ei­ge­nen Auf­ga­be ver­ge­wiss­ern kann.

5. Dezember 2015 mit Maik Novotny
Der Standard

Ein neu­es al­tes Haus am Platz

Vor kur­zem wur­de der Wett­be­werb „Wien-Mu­se­um neu“ ent­schie­den. Da­mit ge­hen jah­re­lan­ge Stand­ort­fra­gen und Denk­mal­schutz-Dis­kuss­io­nen zu En­de. Das Sie­ger­pro­jekt von Čer­tov, Wink­ler+Ruck lie­fert er­freu­li­che Ant­wor­ten.

Der Karl­splatz, so das be­kann­te und noch gül­ti­ge Bon­mot von Ot­to Wag­ner, ist we­ni­ger ein Platz als ei­ne Ge­gend. Ein Durch­ein­an­der von We­gen und In­seln, um­stellt von bau­li­chen Schwer­ge­wich­ten. Vie­le ha­ben ver­sucht, die­se Ge­gend in den Griff zu be­kom­men. Ge­wor­den ist da­raus ei­ne Grab­stät­te un­ge­bau­ter Ide­en – auch je­ner von Ot­to Wag­ner selbst, der mit sei­nem Ent­wurf für ein neu­es Stadt­mu­se­um 1902 der Lö­sung schon sehr na­he kam. Sei­nem Bau wä­re es im­mer­hin ge­lun­gen, der do­mi­nie­ren­den Karl­skir­che kei­ne Kon­kur­renz zu ma­chen und trotz­dem selbst­be­wuss­ter Stadt­bau­stein zu sein. Kei­ne leich­te Auf­ga­be.

Dem jet­zi­gen Wien-Mu­se­um von Os­wald Ha­erdtl, er­öff­net 1959, ist das nicht ge­lun­gen – trotz al­ler Fif­ties-Ele­ganz im De­tail. Zu nie­drig, zu un­ent­schlos­sen, zu ver­huscht gibt es sich nach au­ßen, eher den An­schein des Ver­wal­tungs­baus ei­ner un­gla­mou­rö­sen Ge­werk­schaft er­we­ckend als den ei­nes stol­zen Mu­se­ums. Georg Lip­perts 1971 er­bau­tes Win­ter­thur-Haus, in un­be­hol­fe­ner Ver­mitt­lungs­ge­ste wie ein lang­ge­zo­ge­ner Kau­gum­mi zwi­schen Kir­che und Mu­se­um ge­klebt, mach­te die Sa­che auch nicht bes­ser.

Die Auf­ga­be für die Ar­chi­tek­ten beim Wett­be­werb „Wien-Mu­se­um neu“, der An­fang die­ses Jah­res aus­ge­lobt wur­de, war al­so nicht nur die Ent­wi­cklung neu­er Räu­me für das be­eng­te Mu­se­um, son­dern auch ein Sta­te­ment zum Ha­erdtl-Bau, zum Win­ter­thur-Haus, zur Karl­skir­che, zur Ge­gend Karl­splatz. Die 274 welt­wei­ten Ein­rei­chun­gen der er­sten Run­de und die da­raus aus­ge­wähl­ten 14 Pro­jek­te für die zwei­te Run­de zeig­ten dann auch die gan­ze Band­brei­te: Vie­le rück­ten den Ha­erdtl-Bau in die zwei­te Rei­he und stell­ten ei­nen neu­en So­li­tär auf den Karl­splatz, mal form­ver­liebt über­bor­dend, mal spie­le­risch, mal streng. Man­che spiegel­ten die Platz­kan­te des TU-Ge­bäu­des, um die Karl­skir­che sym­me­trisch zu rah­men. An­de­re zerr­ten und zupf­ten am Ha­erdtl-Bau he­rum oder mach­ten ihn zu ei­ner auf­ge­pump­ten XL-Ver­si­on sei­ner selbst – ei­ne Do­ping­sprit­ze fürs Selbst­be­wusst­sein. Die drit­te Grup­pe blieb mit dem Mu­se­ums­zu­bau ganz be­schei­den im Un­ter­grund und de­fi­nier­te die Er­wei­te­rung als Teil des Plat­zes.

Lo­gi­sche Auf­sto­ckung

Dass die Wahl der Ju­ry um den Vor­sit­zen­den Ema­nu­el Christ (Ba­sel) an die­sem Ort nicht auf ei­ne bom­bas­ti­sche Gug­gen­heim-Lö­sung fiel, die wild we­delnd vor der Karl­skir­che her­um­steht, ist zu be­grü­ßen. Mit dem Sie­ger­pro­jekt der Kärnt­ner Ar­chi­tek­ten Wink­ler+Ruck und des Gra­zer Ar­chi­tek­ten Fer­di­nand Čer­tov hat ei­ne lo­gisch und selbst­ver­ständ­lich wir­ken­de Auf­sto­ckung des be­ste­hen­den Mu­se­ums den Vor­zug be­kom­men.

Die ver­glas­te Fu­ge, in der der „Wien-Raum“ zu Hau­se sein wird, hält zum Ha­erdtl-Bau ei­nen re­spek­ta­blen Ab­stand und ver­leiht ihm so mehr stadt­räum­li­che Sub­stanz, oh­ne ihn da­bei kom­plett zu ver­frem­den. Vor den Bau setz­ten Čer­tov, Wink­ler+Ruck ei­nen schma­len Tor­bau – halb Bau­werk, halb Pa­vil­lon – als ein­la­den­des Sig­nal, dass es sich hier um ein Mu­se­um han­delt. Ein Mu­se­um, für das die „Ge­gend“ Karlsplatz ge­nau der rich­ti­ge Ort ist und das an die­sem Platz endlich an­ge­kom­men ist und da­ran teil­neh­men kann.

Ein neu­es al­tes Haus am Platz, 2. Teil
(Interview: Woj­ciech Cza­ja)

Den Bau­ten der ös­ter­rei­chi­schen Nach­kriegs­mo­der­ne man­gelt es an Fröh­lich­keit und Freu­de, sagt Ar­chi­tekt Ro­land Wink­ler von der AR­GE Čer­tov, Wink­ler+Ruck. Beim Wien-Mu­se­um kom­me nun im­mer­hin so et­was wie all­ego­ri­scher Spaß ins Spiel.

Stan­dard: Der Wie­ner Kul­tur­stadt­rat An­dre­as Mai­lath-Po­kor­ny hat Sie bei der Pres­se­kon­fe­renz vor kur­zem als jun­ges Kärnt­ner Te­am be­zeich­net. Ist das ein Kom­pli­ment?

Wink­ler: Ich bin froh, dass er das ge­tan hat, und froh, dass das nicht stimmt. Wir sind Mit­glied der Grup­pe „Jun­ge Ar­chi­tek­tur Kärn­ten“. Die Grup­pe ha­ben wir vor 20 Jah­ren ge­grün­det. Wir fei­ern ge­ra­de Ju­bi­lä­um.

Stan­dard: Ihr Ent­wurf ist ei­ne sehr stil­le, be­hut­sa­me Er­gän­zung zum Ha­erdtl-Bau. War die­ser zu­rück­hal­ten­der An­satz von An­fang an klar?

Wink­ler: In der Aus­schrei­bung war es ver­bo­ten, den Ha­erdtl-Bau auf­zu­sto­cken. Wir ha­ben es trotz­dem ge­macht, und zwar um zwei Ge­scho­ße bzw. um knapp zehn Me­ter, weil wir der Mei­nung sind, dass die Karl­skir­che da­mals – viel­leicht war es vor­aus­ei­len­der Ge­hor­sam – ei­nen zu schwa­chen Nach­barn be­kom­men hat. In ge­wis­ser Wei­se hat der Bau jetzt je­ne Ra­di­ka­li­tät, die dem Karl­splatz bis­lang ge­fehlt hat.

Stan­dard: Vie­le an­de­re Bü­ros ha­ben auf die Pau­ke ge­haut und ein auf­fäl­li­ges Denk­mal à la Gug­gen­heim vor­ge­schla­gen.

Wink­ler: Und das ha­ben wir zu Be­ginn auch! Da wa­ren vie­le, auch sehr wil­de Ent­wurfs­sta­dien da­run­ter. Doch die ha­ben wir al­le wie­der fal­len­ge­las­sen. Denn wenn man be­ginnt, die Schwä­che des Ha­erdtl-Baus aus­zu­glei­chen, in­dem man ihm ei­nen star­ken Bru­der da­ne­ben­stellt, dann er­zeugt man da­mit wo­mög­lich ei­nen Be­lei­dig­ten, der es ei­nem aus der zwei­ten Rei­he her­aus übel­neh­men kann. Das woll­ten wir nicht. Wir ha­ben den Ha­erdtl stark ge­macht.

Stan­dard: Ganz all­ge­mein scheint es, dass der Bau­sub­stanz aus den Nach­kriegs­jah­ren in Ös­ter­reich we­nig Lie­be ent­ge­gen­ge­bracht wird. Das Wien-Mu­se­um ist da ei­ne gro­ße Aus­nah­me. Wo­ran liegt das?

Wink­ler: Es gibt die­se ganz spe­ziel­le Qua­li­tät der 1959/60er, die wir heu­te so sehr lie­ben. Das ist das Bun­te, Lus­ti­ge, Frisch-Fröh­li­che. Das gibt es über­all auf der Welt, nur nicht bei uns. Bei der Nach­kriegs­mo­der­ne in Ös­ter­reich schwingt et­was Trau­ri­ges, et­was Schmerz­vol­les mit. Nur we­ni­ge Bau­ten aus der Wie­der­auf­bau­zeit ma­chen Spaß.

Stan­dard: Kommt jetzt ein biss­chen Spaß mit dem Wien-Mu­se­um neu?

Wink­ler: Na hof­fent­lich! Am stärk­sten wird sich das wohl an der Vor­platz­ge­stal­tung mit dem Ent­ree, dem Kaf­fee­haus und den Sitz­ge­le­gen­hei­ten vor dem Mu­se­um äu­ßern. Mein per­sön­li­cher Fa­vo­rit ist das ver­glas­te Zwi­schen­ge­schoß rund um den Wien-Raum, von dem aus man auf den Karl­splatz wird hin­aus­schau­en kön­nen. In all­ego­ri­schem Sin­ne ist das ei­ne ähn­li­che Raum­fu­ge, wie sie der Karl­splatz für Wien ist.

Stan­dard: Wie wird sich der Karl­splatz ab 2019/2020 mit dem Wien-Mu­se­um neu wei­ter­ent­wi­ckeln? Gibt es ei­ne Zu­kunfts­vi­si­on?

Wink­ler: Ich bin schon froh, wenn ich es schaf­fe, die näch­sten fünf Jah­re zu vi­sio­nie­ren! Nein, ich ha­be kei­ne Ah­nung, wie sich der Karl­splatz wei­ter­ent­wi­ckeln wird. Die­se Un­vor­her­seh­bar­keit ist mei­nes Er­ach­tens ei­ne gro­ße Qua­li­tät die­ses Or­tes – noch nie wuss­te man im Vor­hin­ein, was ei­nem der Karl­splatz als Näch­stes auf­tischt. Aber ich bin froh, dass wir mit un­se­rem Pro­jekt ei­nen klei­nen Bei­trag zum Dia­log mit un­ge­wis­sem Aus­gang lie­fern dür­fen.

28. November 2015 Der Standard

Form folgt Fahr­en­heit

Der Pa­ri­ser Ar­chi­tekt Phi­lip­pe Rahm baut flie­gen­de Ba­de­wan­nen und Gär­ten als Hight­ech-La­bor. Da­bei kon­zen­triert er sich auf un­sicht­ba­re ther­mi­sche, kli­ma­ti­sche Phä­no­me­ne. Sein wich­tigs­ter Bau­stoff: Luft.

Kal­te Luft fällt zu Bo­den, war­me Luft steigt auf, das weiß je­des Kind“, sagt Phi­lip­pe Rahm. „Und den­noch bau­en wir heut­zu­ta­ge so, als wüss­ten wir über das phy­si­ka­li­sche Ein­mal­eins, das uns im täg­li­chen Le­ben um­gibt, nicht das Ge­ring­ste.“ Das kli­mal­ose Bau­en, wie er es aus­drückt, ist dem Pa­ri­ser Ar­chi­tek­ten zu we­nig. Die Form sei­ner Bau­ten und Land­schafts­pro­jek­te folgt näm­lich nicht nur der viel­zi­tier­ten Funk­ti­on, son­dern in er­ster Li­nie kli­ma­ti­schen Ge­ge­ben­hei­ten wie Tem­pe­ra­tur, Luft­feuch­tig­keit, Luft­druck, Wind und Kon­vek­ti­on. Da kann es schon ein­mal pas­sie­ren, dass die Ba­de­wan­ne knapp un­term Pla­fond pickt.

So ge­sche­hen in Ly­on, Quai Per­ra­che, nur ein paar Schrit­te vom Bahn­hof ent­fernt. Für ein jun­ges Ärz­te­paar bau­te Rahm 2011 ein vier Me­ter ho­hes Fa­brik­loft aus, be­stück­te es mit „Räu­men“ (wo­bei die­ser Be­griff in sei­nen Pro­jek­ten ei­ner neu­en De­fi­ni­ti­on un­ter­zo­gen wer­den muss), ar­ran­gier­te da­rin un­ter­schied­li­che Funk­tio­nen wie et­wa Woh­nen, Ko­chen, Es­sen, Le­sen, Schla­fen, Du­schen und Ba­den und ver­band die­se Räu­me schließ­lich mit den nö­ti­gen We­gen in Form von Stie­gen, Lei­tern und schwe­ben­den Platt­for­men.

Fürs Schla­fen, so Rahm, emp­feh­le sich küh­le, tro­cke­ne Luft – al­so run­ter, weit weg vom Ba­de­zim­mer. In der Bi­blio­thek sol­le es an­ge­nehm warm und auf­grund der ge­hor­te­ten Bü­cher eben­falls sehr tro­cken sein – al­so rauf, noch wei­ter weg von den Sa­ni­tär­räu­men. Wenn man in der Ba­de­wan­ne sitzt, brau­che man, da­mit der Kopf nicht ab­kühlt, mög­lichst war­me Luft rund­he­rum – al­so rauf bis an die De­cke da­mit. Und in der Du­sche sol­le es nicht nur warm, son­dern auch feucht sein, mö­ge sich die Luft­feuch­tig­keit um den nack­ten, nas­sen Kör­per schmie­gen – al­so be­sten­falls di­rekt über dem Herd, wo beim Ko­chen so­dann mul­ti­funk­tio­na­le Koch­dämp­fe zum Du­schen­den em­por­stei­gen.

„Wir be­rück­sich­ti­gen beim Pla­nen so vie­le un­ter­schied­li­che Pa­ra­me­ter, von Sta­tik und Ma­te­ri­al­qua­li­tät über Sa­ni­tär- und Elek­tro­tech­nik bis hin zu Brands­chutz, Erd­be­ben­schutz und un­zäh­li­gen bau­recht­li­chen An­for­de­run­gen“, sagt der 48-jäh­ri­ge Ar­chi­tekt, der an der Gra­dua­te School of De­sign in Har­vard un­ter­rich­tet. „Aber bei der Ther­mik setzt un­ser Plan­sinn ein­fach aus. Dann ord­nen wir die Funk­tio­nen so, dass sich das ge­sam­te Le­ben im Be­reich von 40 Zen­ti­me­tern bis 1,80 Me­ter über dem Fuß­bo­den ab­spielt. Den kli­ma­tisch wert­vol­len Raum da­run­ter und da­rü­ber las­sen wir un­be­rück­sich­tigt.“

Je­des ein­zel­ne sei­ner Pro­jek­te wird kom­pli­zier­ten Rech­nun­gen und Si­mu­la­tio­nen un­ter­zo­gen. Am En­de, so der Plan, pro­fi­tiert man mit heiz­tech­nisch ef­fi­zien­ten Wohn- und Ar­beits­räu­men, die – an­statt da­ge­gen – mit dem Kli­ma ar­bei­ten und die ge­sam­te Pa­let­te der Wohl­fühl­zu­stän­de ab­de­cken – wenn man denn auch be­reit ist, wie der Lyo­ner Arzt auf Tü­ren und Wän­de zu ver­zich­ten und, statt auf Par­kett­bo­den zu wan­deln, über Git­ter­ro­ste und Lei­ter­spros­sen zu ba­lan­cie­ren.

Ge­baut hat Rahm, der sich selbst als Hy­brid aus Ar­chi­tekt, In­ge­ni­eur und Wis­sen­schaf­ter be­zeich­net, bis­lang nur we­nig. Sein Fo­kus rich­te­te sich stets auf das Künst­le­ri­sche, auf das Theo­re­ti­sche, auf das Me­te­or­olo­gi­sche. Bis er 2011 den in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb für die Er­rich­tung des Ja­de Eco Park in Tai­chung ge­won­nen hat. Mit dem sie­ben Hek­tar gro­ßen Park will sich die Drei-Mil­lio­nen-Ein­woh­ner-Me­trop­ole an der West­küs­te Tai­wans ein tech­ni­sches Denk­mal set­zen.

„Die Luft in Tai­chung ist ex­trem feucht und sti­ckig“, sagt Rahm. „Ge­ra­de im Som­mer ha­ben ei­ni­ge Parks und grö­ße­re Frei­flä­chen feind­li­che Be­din­gun­gen, die den Auf­ent­halt an der fri­schen Luft un­an­ge­nehm und schwie­rig ma­chen.“ Das liegt nicht nur am Smog und am sub­tro­pi­schen Kli­ma, son­dern auch am lo­ka­len Heiz­kraft­werk, das mit 37 Mil­lio­nen Ton­nen pro Jahr den welt­weit größ­ten Koh­len­di­oxid­aus­stoß sei­ner Art hat.

Im Ja­de Eco Park, des­sen Bau An­fang 2014 be­gon­nen hat und der näch­stes Jahr in Be­trieb ge­nom­men wird, soll die Luft mit­tels tech­ni­scher und na­tür­li­cher Maß­nah­men et­was wirt­li­cher ge­macht wer­den. Orien­tie­rungs­punkt für die er­rech­ne­te, er­sehn­te Luft­qua­li­tät ist die kli­ma­tisch ge­mä­ßig­te und dünn be­sie­del­te Ost­küs­te Tai­wans. Da macht es nichts, wenn die punk­tu­el­le Sym­ptom­be­hand­lung der Be­he­bung der ei­gent­li­chen Ur­sa­chen vor­ge­zo­gen wird. Da macht es auch nichts, dass Rahm im Auf­trag der Stadt kur­zer­hand zum De­us ex Ma­chi­na mu­tiert.

Das Ba­tail­lon an Ma­schi­nen um­fasst Was­ser­zers­täu­ber, die für Ver­duns­tungs­käl­te sor­gen, künst­li­che an­ge­leg­te Ver­duns­tungs­be­cken ent­lang der We­ge so­wie ei­ne Viel­zahl von Feuch­tig­keits­ab­sor­bern, die die sol­che­rart an­ge­rei­cher­te Luft so­dann wie­der tro­cken ma­chen. Hin­zu kom­men ei­gens aus­ge­such­te Grä­ser, Sträu­cher und Bäu­me, die ims­tan­de sind, Feuch­tig­keit und Schmutz­par­ti­kel aus der Luft zu fil­tern.

Park mit Kli­maan­la­ge

Doch das ist noch lan­ge nicht al­les. Über künst­li­che Ne­bel­an­la­gen, über Was­ser­dü­sen, die quer über den Park ver­streut sind, so­wie über ab und zu un­ter­ir­disch in­stal­lier­te Küh­lan­la­gen – ei­ne Art um­ge­kehr­te Fuß­bo­den­hei­zung für Mut­ter Na­tur – wird nicht nur die un­mit­tel­ba­re Park­luft ge­kühlt, son­dern auch für ther­mi­schen Luft­aus­tausch zwi­schen den ein­zel­nen Hoch- und Tief­druck­in­seln ge­sorgt. Das Re­sul­tat ist ei­ne Art Wind im Wes­ten­ta­schen­for­mat.

Über fünf Me­ter ho­he Ge­gen­schall­lauts­pre­cher, die sich als mo­der­ne Skulp­tu­ren tar­nen, wird an ei­ni­gen Stel­len im Park der städ­ti­sche Um­ge­bungs­lärm neu­tra­li­siert. Hier soll man zur Ru­he kom­men. Doch die „Well-being-Oa­se“, wie der Park in Prä­sen­ta­ti­ons­fil­men Tai­chungs be­zeich­net wird, ist längst nicht für al­le da. Ul­tra­schall­lauts­pre­cher im Be­reich der Was­ser­flä­chen sol­len läs­ti­ge Mos­ki­tos und an­de­res Mü­cken­ge­tier fern­hal­ten.

Ist das un­se­re Zu­kunft? „Die­ses Pro­jekt ist ein Ex­pe­ri­ment“, sagt Phi­lip­pe Rahm. „Wir wol­len da­mit un­ter­su­chen, in­wie­fern man heu­te schon mit dem Bau­stoff Kli­ma bau­en kann. Viel­leicht ge­lingt uns da­mit ei­ne Art Syn­er­gie aus künst­li­chem und na­tür­li­chem Mi­kro­kli­ma. Wir wer­den se­hen, ob das Kon­zept auf­geht.“

Flie­gen­de Ba­de­wan­ne? Hight­ech-La­bor na­mens Gar­ten? Die Ar­chi­tek­tur hat die Macht des Kli­mas für sich ent­deckt. Ob dies ein Aus­blick auf die Zu­kunft un­se­rer Le­bens­raum­ge­stal­tung ist oder bloß ein kur­zes Aus­rei­zen der Mög­lich­kei­ten und Gren­zen, wird sich erst wei­sen.

Phi­lip­pe Rahm hielt kürz­lich ei­nen Vor­trag auf der Ex­po 2015 in Mai­land. Die Teil­nah­me an die­sem zwei­tä­gi­gen Cli­ma­tec­tu­re-Sym­po­si­um im Ös­ter­reich-Pa­vil­lon er­folg­te auf Ein­la­dung des In­sti­tuts für Ar­chi­tek­tur und Land­schaft, TU Graz.

21. November 2015 Der Standard

Er­wei­te­rung und Auf­sto­ckung für „Wien-Mu­se­um neu“

Kon­zept von Wink­ler+Ruck und Čer­tov setzt sich durch

Um sich die sechs Pro­jek­te der Schluss­run­de räum­lich bes­ser vor­stel­len zu kön­nen, er­zähl­te der Ju­ry­vor­sit­zen­de Ema­nu­el Christ, sei man am Don­ners­tag zur fi­na­len Dis­kuss­ions­run­de an die fri­sche Luft ge­tre­ten. „In die­sem Mo­ment“, so Christ, „war ei­gent­lich klar, wie wir uns zu ent­schei­den ha­ben.“ Frei­tag wur­de die Ent­schei­dung der 15-köp­fi­gen Ju­ry im Wien-Mu­se­um prä­sen­tiert.

Das „Wien-Mu­se­um neu“ am Karl­splatz wird kein schril­ler Zu­bau, kei­ne hy­per­mo­der­ne Land­mark à la Gug­gen­heim, son­dern ei­ne be­hut­sa­me Er­wei­te­rung und Auf­sto­ckung des be­ste­hen­den, denk­mal­ge­schütz­ten Os­wald­Ha­erdtl-Baus aus dem Jahr 1959, des er­sten Mu­se­ums­baus der Zwei­ten Re­pu­blik. Ins­ge­samt soll die Flä­che von der­zeit 8000 um mehr als 6000 Qua­drat­me­ter er­wei­tert und so­mit fast ver­dop­pelt wer­den.

Auf­fäl­ligs­tes Ele­ment ist die dunk­le Be­ton-Box, die der recht zu­rück­hal­ten­den Iko­ne der Mo­der­ne wie ein schwe­ben­des Et­was auf­ge­setzt wird. Die­se wird in Zu­kunft die gro­ßen Wech­sel­aus­stel­lun­gen be­in­hal­ten. Im rund­um ver­glas­ten Zwi­schen­ge­schoß zwi­schen Alt­bau und Neu­bau wird der so­ge­nann­te „Wien-Raum“ mit Ca­fé, rund­um­lau­fen­der Ter­ras­se und ver­miet­ba­ren Ver­an­stal­tungs­flä­chen un­ter­ge­bracht sein.

Vor dem Ein­gang ist ein Por­tal­bau ge­plant, den der neue Wien-Mu­se­um-Chef Mat­ti Bunzl schon jetzt als ei­ne „Ge­ste der Hand­rei­chung“ be­zeich­net. Da­run­ter ent­steht – da­zu wird der Platz vor dem Mu­se­um groß­flä­chig auf­ge­gra­ben – ein un­ter­ir­di­sches De­pot, das das bis­he­ri­ge La­ger in Him­berg ent­las­ten und die Lo­gis­tik im Haus ver­ein­fa­chen soll.

Re­spekt­vol­ler Ein­griff

Der Ent­wurf für die­ses Re­zept, das in den näch­sten Mo­na­ten aus­ge­ar­bei­tet und Ba­sis für ein Ver­hand­lungs­ver­fah­ren wer­den soll, stammt vom Kla­gen­fur­ter Bü­ro Wink­ler+Ruck und vom Gra­zer Ar­chi­tek­ten Fer­di­nand Čer­tov. Wink­ler+Ruck, die sich im Wett­be­werb ge­gen ins­ge­samt 273 in­ter­na­tio­na­le Mit­strei­ter durch­set­zen konn­ten, ha­ben im Be­reich Sa­nie­rung und im Um­gang mit denk­mal­ge­schütz­ter Bau­sub­stanz be­reits lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung.

„Die his­to­ri­sche Sub­stanz ist fan­tas­tisch, da­her bleibt un­ser Ein­griff re­spekt­voll und zu­rück­hal­tend“, so Ar­chi­tekt Ro­land Wink­ler. Die Be­ton­fas­sa­de wird struk­tu­rell zu ei­nem Licht- und Schat­ten­re­lief ge­stal­tet, der Frei­raum vor dem Mu­se­um wird zu­guns­ten ei­ner bes­se­ren Sicht­bar­keit und Er­reich­bar­keit ent­rüm­pelt. Das Bud­get für den Um- und Zu­bau liegt nach Aus­sa­ge von Kul­tur­stadt­rat An­dre­as Mai­lath-Po­kor­ny bei 70 bis 100 Mil­lio­nen Eu­ro. Der Spa­ten­stich ist für 2017 ge­plant. 2019/2020 soll das „Wien-Mu­se­um neu“ in Be­trieb ge­hen.

2. November 2015 deutsche bauzeitung

Das Museum der unsichtbaren Absichten

Erweiterung des Museum Liaunig in Neuhaus (A)

Das bereits unter Denkmalschutz stehende Privatmuseum in Kärnten wurde um Präsentationsräumlichkeiten sowie zusätzliche Depotflächen erweitert. Allesamt liegen eingegraben unter der Erdoberfläche, weil sich dadurch Bau- und Unterhaltskosten minimieren ließen. Zudem bleibt das liebliche Landschaftsbild unangetastet. Durch Rohbaucharme und die Inszenierung natürlicher Lichtquellen entsteht ein höhlenartiger, archaischer, bisweilen sakraler Charakter, dessen Sinnhaftigkeit sich jedoch nicht überall erschließt.

Es ist, als würde man im römischen Pantheon stehen. Massiver Boden, massive Wände, massive Kuppelkonstruktion. In der Mitte der Decke ein rundes Loch, durch das ein kontrolliertes Bisschen Sonnenschein in den Raum fällt. Unweigerlich, als hätte man bereits eine Vorahnung, muss man in die Hände klatschen. Und dann zählen. Noch einmal. Diesmal laut schreien. Und zählen. Fünf Sekunden beträgt die Nachhallzeit. Sakrale, ja fast einschüchternd göttliche Dimensionen tun sich hier auf.

Umso erstaunlicher, dass der kreisrunde, archaisch betonierte Raum zunächst als privater Lagerraum für Plastiken und auch Landmaschinen genutzt wurde. Heute ist der einstige Abstellraum, dessen Geometrie und Bauweise 2010 im Rahmen einer »kleinen Erweiterung« traditionellen Gärungsbehältern nachempfunden wurde und der sich an der Oberfläche wie ein überdimensionaler Maulwurfshügel durch den Grasteppich wölbt, erstmals öffentlich zugänglich. Allerdings wagt man sich als Besucher kaum, das Skulpturendepot zu durchschreiten. Zu mächtig, zu erhaben stehen die bronzenen Figuren umher und beanspruchen die gesamte Halle als Aura für sich. Mit angehaltenem Atem versucht man, bloß nichts zu berühren.

Das 2008 eröffnete Museum Liaunig in der zweisprachigen Gemeinde Neuhaus/Suha in Kärnten, nur wenige Kilometer von der slowenischen Grenze entfernt, zählt zu den aufregendsten privaten Ausstellungsräumen Österreichs. Selten findet man ein Museum mit so viel nacktem, unbeschönigtem Beton, selten eine so kompromisslos zusammengestellte, auf österreichische Gegenwartskunst konzentrierte Privatsammlung wie die des Großindustriellen und Kunsthedonisten Herbert Liaunig. Das Projekt, Resultat eines geladenen Wettbewerbs, aus dem das Wiener Architekturbüro querkraft als Sieger hervorgegangen war, ging damals durch sämtliche Blogs und Gazetten. Und sogar für den Mies van der Rohe Award 2009 wurde es seinerzeit nominiert.

Nicht nur die Raumqualität, auch die ungewöhnliche Entscheidung, die Architektur in die Erde einzugraben und nur an ein paar Ecken ans Tageslicht treten zu lassen, machten den Bau zur Ikone. Das einprägsame Bild der stahlbekleideten Betonröhre, die aus dem Hang über die Bundesstraße B81 zischt, schaffte es als reduzierte Strichzeichnung sogar auf eine Briefmarke – in prominenter Gesellschaft mit dem Kunsthaus Bregenz (Peter Zumthor), dem Kunsthaus Graz (Peter Cook und Colin Fournier), dem Lentos Kunstmuseum in Linz (Weber & Hofer Architekten) und dem Schindler House in Los Angeles (Rudolph Schindler).

Im Dezember 2012 wurde das Museum, nur vier Jahre nach Fertigstellung, als jüngstes österreichisches Objekt aller Zeiten unter Denkmalschutz gestellt. Liaunig höchstpersönlich hatte sich um die Unterschutzstellung bemüht. »Schon beim Steinhaus von meinem mittlerweile verstorbenen Freund Günther Domenig war ich in Sorge, dass es verfallen und in Vergessenheit geraten könnte. Der Denkmalschutz ist ein gewisser Schutz, damit das nicht passiert, damit die Substanz erhalten bleibt. Eines Tages auch hier in Neuhaus.«

Im vorletzten Sommer wurden die Räumlichkeiten, auf die nun die Augen des Bundesdenkmalamts gerichtet sich, von 5 000 auf rund 7 500 m² vergrößert. Kein leichtes Unterfangen, bedenkt man die strengen behördlichen Auflagen, mit denen sich Hausherr Liaunig und querkraft Architekten auseinanderzusetzen hatten. Es sei schon ein eigenartiges Gefühl, das eigene Projekt zu erweitern und dabei zu berücksichtigen, dass man am Altbestand eigentlich kaum mehr etwas verändern darf, meint Jakob Dunkl, einer der drei Partner bei querkraft. »Worauf wir besonders viel Wert legen wollten, aber auch mussten, war die Beibehaltung des rohen, sakralen, unterirdischen Ambientes.«

Zu den neu errichteten beziehungsweise adaptierten Räumlichkeiten zählen neben dem umgewidmeten, nun erstmals öffentlich zugänglichen Traktorenpantheon ein Ausstellungsraum für die Glassammlung Liaunigs (1500 bis 1850) und für Porträtminiaturen aus aller Welt (1590 bis 1890) sowie ein großer, dreieckiger Raum für Wechselausstellungen, in dem zurzeit Arbeiten des irischen Künstlers Sean Scully zu sehen sind. Mit seinen pastosen, schwarz-weiß-grauen und gedeckt bunten Streifen und Balken, die er auf die Leinwand bannt, bringt er Farbe in den sonst nur weiß-grauen Raum. »Weltaneignung« nennt Scully diese Verschmelzung von Licht und Melancholie.

5 m über dem hell beschichteten Boden durchdringen sich gegenseitig riesige, bis zu 35 m lange Stahlbetonträger und umfassen mal dreieckige, mal trapezförmige Waben. Die Bauweise ist ein Zugeständnis an geänderte OIB-Richtlinien (Österreichisches Institut für Bautechnik), nach denen ein Raum, dessen Fußboden-Niveau sich unterhalb der Erdoberfläche befindet, keine primärkonstruktiven Stahlbauteile mehr aufweisen darf. Brandbeständigkeit F90 ist Vorschrift.

Ein bisschen erinnert diese rohe, unverblümte Megastruktur mit ihren bedrohlichen Hohlräumen, in denen chaotisch eingehängte Leuchtstoffröhren (vergeblich) etwas Leichtigkeit und Schwerelosigkeit hineinzubringen suchen, an die Bauten von Peter Eisenman, Louis Kahn, Le Corbusier. »Wir wollten den Raum nackt und unverkleidet belassen«, sagt Jakob Dunkl. »Damit kommt der archaische Charakter dieses Gebäudes, das ja fast zur Gänze in der Erde drinsteckt, besser zur Geltung. Es gibt keinen Unterschied zwischen Rohbau und fertigem Haus. What you see is what you get. Alles ist alles zugleich.« Er hält inne, um dann, nach einer kurzen Kunstpause den bereits vielzitierten querkraft-Slogan zum Besten zu geben: »Kein Gramm Fett.«

Doch warum wird die Kunst in die Erde eingebuddelt? Warum darf sich das so wertvolle Werk des Menschen nicht an der Oberfläche abzeichnen? Der ureigentliche Grund, der 2008 zu dieser Entscheidung geführt hatte, war ein zutiefst pragmatischer. 1 500 Euro/m², hatte Auftraggeber Liaunig damals in der Wettbewerbsausschreibung gefordert, durfte das Gebäude kosten – und keinen Cent mehr. Sogar Architekt Dietmar Eberle, der seinerzeit den Juryvorsitz innehatte, meinte, um diesen Preis könne man nie und nimmer ein Museum bauen. Querkraft hat bewiesen, dass man doch kann.

»Die billigste Außenwand, die man nach heutigem Stand der Technik produzieren kann, ist eine Kellerwand«, sagt Jakob Dunkl. »Genau so ist das gesamte Museum konzipiert. An den paar Stellen, an denen das Bauwerk den Hang durchbricht, haben wir uns ganz normaler Industriebauweise bedient, wie man sie in jedem Gewerbegebiet vorfindet.« Die Kombination machts. Obwohl an der Außenseite Wellblech, Trapezblech, handelsübliche Lichtkuppeln und 08/15-Stahlbauteile zum Vorschein kommen, wirken diese im Dialog mit der sanften, samtig weich dahinfließenden Landschaft um ein paar Nuancen verfeinert und veredelt.

Das Licht wird, wo benötigt, durch entsprechend in die Höhe oder in die Länge verlängerte Lichtrüssel eingefangen. Einzig in der Goldkammer und in den neuen Glas- und Miniatur-Ausstellungsräumen macht man sich die Eigenheiten der unterirdischen Bauweise zunutze und lässt das Tageslicht gar nicht erst ins Innere dringen. Hier erst entfaltet sich der Nimbus des Unterirdischen, des Unsichtbaren und verleiht dem Museum – indem es die volle Konzentration auf die funkelnden, in Summe millionenschweren Exponate richtet – einen Hauch von dramaturgisch durchaus ins Konzept passender Klaustrophobie und Katakombenhaftigkeit.

Kosten wurden durch die unterirdische Bauweise gleich doppelt gespart. Nicht nur durch die Senkung des Baubudgets, sondern auch die Betriebskosten ließen sich durch das umliegende Erdreich, das als wertvolle speicherfähige Masse mit entsprechender Trägheit fungiert, auf ein Minimum reduzieren. »Wir brauchen keine fossilen Brennstoffe«, sagt Reinhold Jamer, zuständiger Haustechniker im Museum. »Gekühlt und geheizt wird bei uns mittels Erdwärme und Wärmepumpe, wobei die Energie über eine Fußbodenheizung in die Räume geschleust wird. Der wirklich große Vorteil gegenüber öffentlichen Einrichtungen jedoch ist, dass wir die Ausstellungsräume nicht rund um die Uhr temperieren und lüften müssen, sondern die Anlage je nach Bedarf ein- und ausschalten können.«

Im Haustechnikraum hinter den Sean-Scully-Gemälden sind heute Stühle, Kartons und Holzkisten geschichtet – Reservematerial für Lesungen und andere Veranstaltungen sowie für die Rückspedition der großformatigen Werke. Eines Tages, so der Plan von querkraft, könne man die Haustechnik ohne Schwierigkeit aufrüsten, sollte das Museum noch einmal erweitert werden. »Das ist aber nicht mein Plan«, sagt Hausherr Herbert Liaunig. »Das Museum ist jetzt groß genug. Es wird keine weitere Ausbaustufe mehr geben.« Nur noch der in die Landschaft eingelassene Skulpturengarten, heute ein Krater in der Wiese, soll kommendes Frühjahr eröffnet werden. Die Baustelle läuft bereits. Das, versichert Liaunig, wird der letzte Akt gewesen sein.

Das Museum Liaunig lebt von einem Paradoxon: Einer der wohlhabendsten Industriellen und Kunstsammler Österreichs hat auf brutale, ja fast kaum zu realisierende Weise den Architekten die Daumenschraube angelegt und das Baubudget bis zum äußersten Minimum gesenkt. Die unterirdische Bauweise – so glücklich sie in der Ausgestaltung auch sein mag, so welt- und neubauoffen sie die Gutachter des österreichischen Bundesdenkmalamts anrücken ließ – ist damit Produkt von Rotstift und härtester, unternehmerischer Ökonomie. Museale Absichten, konzeptionelle Überlegungen und Maßnahmen zum Landschaftsschutz sind nicht mehr als willkommene Begleiterscheinungen, die querkraft hier so wunderbar als Kür ins Projekt zu implementieren wusste. Wie heißt es doch so schön? Zwänge und Einschränkungen beleben den Geist des Architekten. Es bleibt ein Hauch von Irritation.

2. November 2015 Der Standard

Wolf D. Prix entwarf Alban-Berg-Denkmal

Skulptur soll im Frühjahr 2016 vor Staatsoper stehen

Alban Bergs Vermächtnis, darunter etwa die Opern Wozzeck und Lulu sowie die Einführung der Zwölftonmusik, ist weltberühmt. Und doch ist der Wiener Komponist (1885-1935) in seiner Heimatstadt bislang unterrepräsentiert. Das soll sich nun ändern. Gestern, Montag, präsentierte die Alban-Berg-Stiftung im Kulturministerium in Anwesenheit von Kulturminister Josef Ostermayer (SP) die Pläne für das Alban-Berg-Denkmal, das im kommenden Frühjahr auf dem Herbert-von-Karajan-Platz vor der Wiener Staatsoper aufgestellt werden soll. „Eigentlich hasse ich die Metapher von Architektur und gefrorener Musik, weil sie ein Blödsinn ist“, sagt Wolf Prix, der für den Entwurf – eine abstrakte Variation über vier Notenbilder – verantwortlich zeichnet. „Aber in diesem Fall stimmt es wirklich.“ Der Chef des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au hat nicht nur eine persönliche Vorliebe für die Musik Bergs und seiner Zeitgenossen Arnold Schönberg und Anton Webern, sondern auch eine familiäre Beziehung: „Mein Großonkel Klaus Maetzl war Mitglied im ersten Alban-Berg-Streichquartett.“ Die Kosten der sechs Meter hohen Skulptur, die laut Präsident Maximilian Eiselsberg „höchstwahrscheinlich in Nirosta errichtet werden soll“, trägt die Stiftung selbst. Rund fünf Prozent der eingenommenen Tantiemen bis 2005 (70 Jahre nach dem Tod des Komponisten) und somit des derzeitigen Stiftungsvermögens werden in die Planung und Errichtung des Denkmals investiert.

24. Oktober 2015 Der Standard

So muss Wohn­zim­mer

Ge­stern, Frei­tag, wur­de der Bau­her­ren­preis 2015 ver­ge­ben. Un­ter den sechs Preis­trä­gern fin­det sich auch ei­ne al­le Maß­stä­be spren­gen­de Wohn­haus­an­la­ge im Wie­ner Sonn­wend­vier­tel. Da kann man glatt vor Neid er­blas­sen

Darf ich Ih­nen ein klei­nes Ge­heim­nis an­ver­trau­en? Aber schrei­ben Sie das dann auch so in die Zei­tung?“, fragt Ishrat Za­far. „Ach, ist doch egal.“ Sie bleibt in der Woh­nungs­tü­re ste­hen. Es riecht nach Cur­ry und in­di­schen Ge­wür­zen. „Ich bin jetzt 40 Jah­re alt, aber ich ha­be mein gan­zes Le­ben lang nie­mals schwim­men ge­lernt. Ich kom­me aus Dha­ka, der Haupt­stadt von Bang­la­desch, und da gibt es kaum Ba­de­mög­lich­kei­ten. Da muss ich erst nach Wien kom­men, um end­lich zu schwim­men an­zu­fan­gen!“

Die Ein­la­dung zur sport­li­chen Er­tüch­ti­gung im Schwe­be­zu­stand ist in der Tat mehr als ver­lo­ckend. Auf Stie­ge 1 gibt es ein Kel­ler­schwimm­bad mit Sau­na, Dampf­bad und Fit­ness­raum. Ein­tritt vier Eu­ro, na­tür­li­ches Ta­ges­licht von oben, zwei Au­to­ma­ten für Co­la und Kaf­fee, und so­gar ei­ne Süd­see­ku­lis­se mit Pal­mens­trand und azur­blau­em Was­ser ist da. Je­den Mon­tag ist Frau­en­tag. Vor al­lem von den mus­li­mi­schen Be­wohn­er­in­nen und An­rai­ne­rin­nen aus der Um­ge­bung wird das An­ge­bot re­ge ge­nutzt. An man­chen Ta­gen, sagt Fa­ti­ma, die zehn­jäh­ri­ge Toch­ter, die be­reits ins Gym­na­si­um geht, ste­hen die Frau­en Schlan­ge bis nach drau­ßen. „Manch­mal ge­he ich mit. Ich fin­de das Frau­en­schwim­men voll cool.“

Ge­stern, Frei­tag, wur­de das „Wohn­zim­mer Sonn­wend­vier­tel“, so der of­fi­ziel­le Na­me des Wohn­bau­pro­jekts im Hin­ter­land des neu­en Wie­ner Haupt­bahn­hofs, als ei­nes von ins­ge­samt sechs Ge­bäu­den (sie­he un­ten) mit dem Ös­ter­rei­chi­schen Bau­her­ren­preis 2015 aus­ge­zeich­net. Die Preis­ver­lei­hung fand im Werk­raum Bre­gen­zer­wald in An­dels­buch statt. Der Ort ist kein Zu­fall, schließ­lich ist Pe­ter Zum­thors Hand­werk­er­haus ei­ner der Preis­trä­ger des letz­ten Jah­res. „Üb­li­cher­wei­se ge­hen Ar­chi­tek­tur­prei­se an die Ar­chi­tek­tin­nen und Ar­chi­tek­ten“, sagt Mar­ta Schrei­eck, Prä­si­den­tin der Zen­tral­ver­ei­ni­gung der Ar­chi­tek­tIn­nen Ös­ter­reichs (ZV). „Mit die­sem Preis je­doch möch­ten wir all je­ne Men­schen vor den Vor­hang ho­len, die die­se Leis­tun­gen über­haupt erst er­mög­li­chen, ja so­gar ein­for­dern. Es ist ei­ne Wür­di­gung der of­fe­nen, qua­li­täts­be­wuss­ten Bau­her­ren und Auf­trag­ge­be­rin­nen. Oh­ne die­se wä­re die Ar­chi­tek­tur in Ös­ter­reich nicht da, wo sie heu­te ist.“

15 Me­ter lan­ge Ta­fel

Drei lan­ge Rie­gel, viel Be­ton, ver­zink­ter Stahl an der Fass­ade und je­de Men­ge durch­geo­me­tri­sier­te Ar­chi­tek­tur­kom­po­si­ti­on im Be­reich der Log­gien und Bal­ko­ne. Auf­ge­lo­ckert wird die stren­ge Er­schei­nung der Wohn­haus­an­la­ge von drei ro­ten, acht­ge­scho­ßi­gen Skulp­tu­ren im In­nen­hof. Mit­tels gum­mi­en­ten­gel­ber Brü­cken, die im drit­ten und vier­ten Stock durch die Luft pfei­fen, wer­den die ins­ge­samt 427 Woh­nun­gen zu ei­ner zu­sam­men­hän­gen­den Stadt in der Stadt ver­bun­den.

Zu so ei­ner Stadt ge­hö­ren aber nicht nur pri­va­te Wohn­räu­me, son­dern auch öf­fent­li­che und halb­öf­fent­li­che Ein­rich­tun­gen. Und da­von gibt es im Wohn­zim­mer Sonn­wend­vier­tel je­de Men­ge: Schwimm­bad, Well­ness-Cen­ter, Fit­ness­raum, Ju­gend- und Mu­sik­zim­mer, ei­ne Aus­stel­lungs­ga­le­rie, ein klei­nes Thea­ter mit Büh­ne und öf­fen­ba­rer Glas­fass­ade, ein Mäd­chen­zim­mer, ei­ne Klet­ter­hal­le, ei­nen drei­ge­scho­ßi­gen In­door-Spiel­platz mit Rut­schen­la­by­rinth (Selbst­ver­such, Tem­po, Hal­le­lu­ja), ei­ne Ge­mein­schafts­kü­che mit Spei­se­saal, ei­nen Grill­platz mit ei­ner 15 Me­ter lan­gen Ta­fel, ja so­gar ei­nen fix ein­ge­bau­ten Open-Air-Markt­stand, der sams­tags von 8 bis 15 Uhr mit Bio­pro­duk­ten aus den Bun­des­län­dern be­stückt wird, zäh­len zum Aus­stat­tungs­ka­ta­log die­ses viel­leicht un­ge­wöhn­lich­sten Wohn­hau­ses Wiens.

Das Highl­ight je­doch, das sa­gen vie­le, ist der Ki­no­saal, der wie ei­ne winds­chie­fe Box im Be­ton­wirr­warr des Stie­gen­hau­ses zu hän­gen scheint. Im On­li­ne-Ka­len­der ist un­schwer zu er­ken­nen, dass das Ho­me-Ci­ne­ma mit sei­nen zwölf Sitz­plät­zen die näch­sten drei Mo­na­te mehr oder we­ni­ger rest­los aus­re­ser­viert ist. Vor al­lem die UE­FA Cham­pi­ons Lea­gue hat es den Vä­tern und Ehe­män­nern an­ge­tan. Ins­ge­samt, heißt es, be­tra­gen die Ge­mein­schafts­flä­chen rund sie­ben Pro­zent der Ge­samt­wohn­flä­che. Kein Wun­der, dass das Pro­jekt in der ak­tu­el­len Aus­ga­be des Wirt­schafts­ma­ga­zins brand eins (Schwer­punkt Im­mo­bi­lien) als „Lu­xus­apart­ment-An­la­ge“ mit „Voll­kom­mu­ni­ka­ti­on“ be­zeich­net wird.

„Ich ha­be noch nie zu­vor so ei­ne Wohn­haus­an­la­ge be­treut“, sagt Ge­rhard Weiß­kir­cher. Der 48-Jäh­ri­ge ist Ge­schäfts­füh­rer von IFSM und Fa­ci­li­ty-Ma­na­ger vor Ort. Par­don, Con­cier­ge heißt es hier, wird man bei ei­ner Füh­rung durch die Räum­lich­kei­ten kor­ri­giert. „Je­den­falls war für mich von An­fang an klar, dass die­ses Pro­jekt ei­nen, wenn nicht gleich meh­re­re Prei­se ab­kas­sie­ren wird. Es ist ein­fach per­fekt.“

Auch Christ­oph Nimm­rich­ter, sei­nes Zei­chens Gar­ten­ge­stal­ter, der mit sei­ner Fa­mi­lie ei­ne 64 Qua­drat­me­ter gro­ße Woh­nung mit 60 Qua­drat­me­ter (!) gro­ßer Ter­ras­se be­wohnt, ist vom Wohn­zim­mer vor dem Wohn­zim­mer mehr als an­ge­tan. „Ich ha­be das Ge­fühl, dass man die Nach­barn in die­sem Pro­jekt ra­scher ken­nen­lernt als in an­de­ren Wohn­haus­an­la­gen. Es hat fast ei­ne Art Dorf­cha­rak­ter. Und das sa­ge aus­ge­rech­net ich, der im­mer in Alt­bau­ten ge­lebt hat und dem Neu­bau so skep­tisch ge­gen­über­stand!“ Die Ar­chi­tek­ten hin­ter dem vor ei­nem Jahr fer­tig­ge­stell­ten Wohn­zim­mer Sonn­wend­vier­tel sind die drei Bü­ros Klaus Ka­da, Stu­dio Vlay mit Le­na Stree­ru­witz und Riepl Kauf­mann Bam­mer Ar­chi­tek­tur. Der hier wohl­weis­lich aus­ge­zeich­ne­te Bau­trä­ger nennt sich win4wien, ein Zu­sam­men­schluss der vier Wohn­bau­trä­ger Neu­es Le­ben, Neue Hei­mat, EBG und Mi­schek.

„Ich freue mich über den Preis, und ich hof­fe, dass das Pro­jekt in Zu­kunft vie­le In­ves­to­ren und Bau­trä­ger in­spi­rie­ren wird“, sagt Mi­chae­la Mi­schek-Lai­ner von win4wien. „Es war ei­ne ziem­li­che Her­aus­for­de­rung, das al­les un­ter ei­nen Hut zu brin­gen, und wir muss­ten in­tel­li­gent und ef­fi­zient pla­nen, aber es ist sich aus­ge­gan­gen.“ Von den 55 Mil­lio­nen Eu­ro Ge­samt­bau­kos­ten wur­den von An­fang an 1,9 Mil­lio­nen Eu­ro fürs Schwimm­bad und wei­te­re 300.000 Eu­ro für die Aus­stat­tung der Ge­mein­schafts­flä­chen re­ser­viert. „Die­ses Bud­get war vom er­sten Tag an sa­kro­sankt“, so Mi­schek-Lai­ner. „In die­sem Be­reich durf­te kein ein­zi­ger Cent ein­ge­spart wer­den.“ So muss Woh­nen.

21. Oktober 2015 Der Standard

Lift me up!

Beim Leo­pold­to­wer in Wien-Don­aus­tadt ver­zich­te­te Bau­trä­ger ÖSW auf För­der­mit­tel und schlich­te­te den Woh­nungs­mix nach ei­ge­nem Er­mes­sen zu ei­nem 85 Me­ter ho­hen Turm. Bloß für die nö­ti­ge An­zahl an Lif­ten reich­te das Geld schein­bar nicht mehr aus.

„Der Aus­blick aus un­se­rer Woh­nung ist ein­fach ein Traum“, sagt No­di­ra Aza­no­va. „Wir schau­en nach Sü­den, di­rekt auf die In­nens­tadt, und so­gar den Ste­phans­dom kön­nen wir von un­se­rem Wohn­zim­mer aus se­hen.“

Die 27-Jäh­ri­ge stammt aus Us­be­kis­tan. Ge­mein­sam mit ih­rem Mann, der in der Uno ar­bei­tet, und ih­ren bei­den Klein­kin­dern wohnt sie in ei­ner Ei­gen­tums­woh­nung im zehn­ten Stock. Drei Zim­mer mit Bal­kon für 275.000 Eu­ro, das sei durch­aus okay. „An­de­re Wohn­pro­jek­te wa­ren deut­lich teu­rer“, so Aza­no­va.

Ei­nen Stock un­ter ihr wohnt die Psy­cho­lo­gie-Stu­den­tin Christ­ine Pu­fitsch. Die 23-Jäh­ri­ge hat­te es auf ei­ne Woh­nung mit gu­ter öf­fent­li­cher An­bin­dung zur Uni ab­ge­se­hen. „Die U1 fährt prak­tisch an der Woh­nungs­tür vor­bei, und auch sonst ist mit den Ge­schäf­ten im Ein­kaufs­zen­trum Ci­ty­ga­te al­les da, was man zum täg­li­chen Le­ben braucht.“ 55 Qua­drat­me­ter be­wohnt sie in Mie­te. Da­zu gibt es ei­nen rund zehn Qua­drat­me­ter gro­ßen Bal­kon. Die ein­ma­li­ge Miet­vor­aus­zah­lung in der Hö­he von 30.000 Eu­ro – ja, so heißt der Be­trag im Bau­trä­ger­fach­jar­gon – be­kommt sie bei Aus­zug wie­der zu­rück­er­stat­tet. „Das passt al­les ganz gut. Nur die Ge­gend … na ja, In­dus­trie und Ge­wer­be halt.“

Der Leo­pold­to­wer mit sei­nen 26 Stock­wer­ken und ins­ge­samt 302 Woh­nun­gen wur­de im Som­mer an die Be­wohn­er­in­nen und Be­woh­ner über­ge­ben. Der 85 Me­ter ho­he Turm in der Sey­rin­ger Stra­ße 5, der schon von wei­tem sicht­bar aus der Ebe­ne des be­gin­nen­den March­felds em­por­schießt, ist nicht nur die bau­li­che Ant­wort auf den stei­gen­den Wohn­be­darf in Wien, son­dern auch ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu den im­mer schwie­ri­ger zu fi­nan­zie­ren­den Bau­grün­den, die den ge­mein­nüt­zi­gen Bau­trä­gern zur Ver­fü­gung ste­hen. Das kom­plet­te Haus wur­de frei­fi­nan­ziert – oh­ne ei­nen ein­zi­gen Cent För­der­geld.

„Als ge­mein­nüt­zi­ger Bau­trä­ger kommt man heu­te kaum noch an leist­ba­re Grund­stü­cke he­ran“, sagt Mi­cha­el Pech, Vor­stand des Ös­ter­rei­chi­schen Sied­lungs­werks (ÖSW), im Ge­spräch mit dem STAN­DARD . „In Zu­sam­men­spiel mit den ge­stie­ge­nen tech­ni­schen und bau­recht­li­chen An­for­de­run­gen gibt es manch­mal kei­ne an­de­re Mög­lich­keit, als so ein Pro­jekt au­ßer­halb des eng­ge­steck­ten Rah­mens der För­der­bar­keit zu er­rich­ten.“

Un­ter­schied­li­che Ty­po­lo­gien

Leist­bar im her­kömm­li­chen Sin­ne, meint Pech, sei­en die Woh­nun­gen den­noch – zu­min­dest ein gro­ßer Teil da­von. Denn schließ­lich wer­den im Leo­pold­to­wer vie­le un­ter­schied­li­che Wohn­ty­po­lo­gien mit­ein­an­der ver­mischt, wo­durch sich die Mög­lich­keit er­gibt, güns­ti­ge­re Miet­woh­nun­gen, die Mie­ten im durch­aus för­der­ba­ren Be­reich auf­wei­sen, mit hoch­wer­ti­ge­ren Ei­gen­tums­woh­nun­gen und mö­blier­ten Apart­ments auf Zeit quer­zu­fi­nan­zie­ren. Un­term Strich er­gibt sich ein wirt­schaft­li­ches Null­sum­men­spiel für den ei­nen, ein Mix an güns­ti­gen und hoch­wer­ti­gen Wohn­räu­men für den an­de­ren.

„Wir ge­hen schon lan­ge mit der Idee schwan­ger, ein frei­fi­nan­zier­tes Wohn­hoch­haus zu er­rich­ten“, so Pech. „Vor vier Jah­ren schon hat­te ich die­ses Pro­jekt erst­mals auf dem Schreib­tisch, aber da­mals hat­te ich mich noch nicht drü­ber­ge­traut. Mitt­ler­wei­le se­he ich drin­gen­den Hand­lungs­be­darf. Wien wächst ra­sant, die Ge­sell­schaft ver­än­dert sich, und mitt­ler­wei­le sind 45 Pro­zent al­ler Woh­nun­gen in Wien Sing­le­haus­hal­te.“

Ent­spre­chend viel­fäl­tig sieht das Spek­trum der an­ge­bo­te­nen Woh­nun­gen aus: In den un­ter­sten fünf Ge­scho­ßen gibt es 107 voll­mö­blier­te Kurz­zeit­apart­ments, die man für zwei Mo­na­te bis zwei Jah­re mie­ten kann. Be­treib­erin die­ser rund 40 Qua­drat­me­ter gro­ßen Woh­nun­gen, die sich an Ex­pats, Aus­lands­stu­die­ren­de und Men­schen in ver­zwick­ten fa­mi­liä­ren Ver­hält­nis­sen wie et­wa Tren­nung und Schei­dung rich­ten, ist die ÖSW-Toch­ter room4rent.

Fa­ti­ma Afs­har ist ei­ne von ih­nen. Die 40-jäh­ri­ge Stu­den­tin aus dem Iran wohnt mit ih­rem Sohn im fünf­ten Stock. „Es war al­les da, nur das Ge­schirr und den Tep­pich ha­be ich selbst kau­fen müs­sen“, sagt Afs­har, die in Wien Ame­ri­can Stu­dies und Eng­lish Li­te­ra­tu­re stu­diert. „Ich mie­te die Woh­nung für zwei bis drei Mo­na­te. Auf die­se Wei­se ha­be ich ge­nü­gend Zeit, um mich nach ei­ner pas­sen­den Woh­nung um­zu­schau­en, oh­ne Druck und oh­ne Stress.“

In den Stock­wer­ken sechs bis neun gibt es 36 kom­pak­te Smart-Woh­nun­gen auf Miet­ba­sis (ÖSW), vom zehn­ten bis zum 17. Stock­werk 72 frei­fi­nan­zier­te Ei­gen­tums­woh­nun­gen (Bau­trä­ger Woh­nungs­ei­gen­tum), da­rü­ber schließ­lich ex­klu­si­ve Ei­gen­tums­woh­nun­gen und Pent­hou­ses, die die bei­den Bau­trä­ger 360°, eben­falls ei­ne ÖSW-Toch­ter, und 6B47 Re­al Es­ta­te In­ves­tors ver­mark­ten. Die Qua­drat­me­ter­prei­se hier oben in den Wol­ken lie­gen be­reits bei 4300 bis 5500 Eu­ro. Ein Pent­hou­se ist be­reits weg, drei sei­en noch zu ha­ben, so Pech.

„Ma­xi­mal fle­xi­bel“

Nicht von un­ge­fähr er­in­nert die Ar­chi­tek­tur­spra­che ein we­nig an den be­nach­bar­ten 100 Me­ter ho­hen Ci­ty­ga­te-To­wer, den die Stumpf AG er­rich­te­te. Bei­de Hoch­häu­ser wur­den vom Wie­ner Ar­chi­tek­tur­bü­ro quer­kraft ge­plant. „Das Re­zept ist ganz ein­fach“, meint Ar­chi­tekt Gerd Er­hartt. „Es gibt tra­gen­de Au­ßen­wän­de, ei­nen tra­gen­den Stie­gen­haus­kern, al­les an­de­re da­zwi­schen ist in Leicht­bau er­rich­tet – auch die Woh­nungs­trenn­wän­de.“ Auf die­se Wei­se sei das Hoch­haus ma­xi­mal fle­xi­bel. „Vom Loft bis zur Kleinst­woh­nung ist al­les mög­lich“, so Er­hartt. Das zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­ge Farb­kon­zept in den Gän­gen stammt von Hei­mo Zo­ber­nig. In düs­ter dun­kel­grün und vor­letzt­klas­sig vio­lett aus­ge­pin­sel­ten Kor­ri­do­ren heim­zu­kom­men ist nicht je­der­manns Sa­che.

Ein­zi­ger Knack­punkt des Leo­pold­to­wers ist aus­ge­rech­net je­nes Ding, mit dem das Funk­tio­nie­ren ei­nes Hoch­hau­ses steht und fällt. „Wis­sen Sie, es lebt sich hier wirk­lich gut“, sa­gen Ka­rin und Ibra­him Yil­diz, die im 14. Stock woh­nen. „Aber dass es für die Woh­nun­gen im Hoch­haus nur zwei Lif­te gibt, ist ei­ne Ka­ta­stro­phe. Manch­mal ste­hen wir in der Früh fünf, sechs, sie­ben Mi­nu­ten lang da und war­ten, bis der Auf­zug da ist. Da über­legt man sich drei­mal, ob man in die Woh­nung zu­rück­fährt, wenn man et­was ver­ges­sen hat.“ Sieht so Le­bens­qua­li­tät aus?

Nach Aus­kunft Pechs be­trägt das In­ves­ti­ti­ons­vo­lu­men „et­was über 50 Mil­lio­nen Eu­ro“. Ein paar Pro­mil­le drauf, und der Leo­pold­to­wer wä­re ein hoch­wer­ti­ges, in sich schlüs­si­ges Hoch­haus mit ei­ner ent­spre­chend hoch­wer­ti­gen Er­schlie­ßung ge­wor­den. Die Kür des 85 Me­ter ho­hen Turms, des­sen In­nen­le­ben auf meh­re­re Bau­trä­ger und meh­re­re Wohn­mo­del­le auf­ge­teilt wur­de, ist ge­lun­gen und ein gu­tes Bei­spiel für al­ter­na­ti­ve Fi­nan­zie­rung im teu­er ge­wor­de­nen Wien. Wa­rum aus­ge­rech­net an der Pflicht ge­spart wur­de, bleibt ein Rät­sel. Den rund 600 Be­wohn­ern des Hau­ses ist man ei­ne Er­klä­rung (oder noch bes­ser ein paar Auf­zü­ge) schul­dig.

3. Oktober 2015 Der Standard

Woh­nen als die Sum­me der Teil­chen

Auf dem Hun­zi­ker-Are­al in Zü­rich wur­de das Zu­sam­men­le­ben in der WG völ­lig neu er­fun­den. Statt in klei­nen, ab­ge­schot­te­ten Zim­mern ko­exis­tiert man nun in ei­ner rie­si­gen Clus­ter-Woh­nung mit ein paar klei­nen Ein­lie­ger­woh­nun­gen. Das hat was.

Komm rein in die Stu­be!“, sagt Mar­co Gäh­ler, 27 Jah­re alt, ge­fühl­te 2,10 Me­ter groß bis zu sei­nem Schei­tel, rollt laut­los ins Wohn­zim­mer und plat­ziert sich mit ei­ner hal­ben Pi­rou­et­te rück­lings auf die Couch. „Die Woh­nung ist so groß, dass ich manch­mal Lust ha­be, ein paar Run­den zu dre­hen und neue Fi­gu­ren aus­zu­pro­bie­ren, ein­fach so.“ An sei­nen Fü­ßen hat er ein Paar Ska­ter­schu­he fest­ge­schnallt, sol­che, die man nor­mal­er­wei­se in ei­ner Half­pi­pe vor­fin­det, ge­wiss nicht zwi­schen Vor­zim­mer und Kü­che. „Ich weiß, das sind un­ge­wöhn­li­che Haus­schu­he. Man ge­wöhnt sich dran.“

Mar­co ist Phy­si­ker, Che­mi­ker und IT-Pro­gram­mie­rer und wohnt im so­ge­nann­ten Clus­ter-Haus auf dem neu be­bau­ten Hun­zi­ker-Are­al im Nor­den Zü­richs. Frü­her wur­den hier Be­ton­fer­tig­tei­le für die gan­ze Schweiz her­ge­stellt, heu­te ste­hen hier 13 Wohn­häu­ser mit ins­ge­samt 450 Woh­nun­gen, die un­ter dem viel­ver­spre­chen­den Ti­tel „Mehr als Woh­nen“ fir­mie­ren. Ne­ben den Du­plex Ar­chi­tek­ten, die das in Zie­gel und Be­ton er­rich­te­te Clus­ter-Haus ge­plant ha­ben, sind noch ei­ni­ge an­de­re Zür­cher Ar­chi­tek­tur­bü­ros mit von der Par­tie. Die Mi­schung könn­te wil­der nicht sein.

„Mehr als Woh­nen“ be­deu­tet: Die Be­wohn­er­in­nen und Mit­glie­der der Ge­nos­sen­schaft ver­zich­ten auf ihr ei­ge­nes Au­to und so­mit auch auf ei­nen in der Re­gel kost­spie­li­gen Ga­ra­gen­platz. Im Ge­gen­zug wird ih­re As­ke­se mit mehr oder we­ni­ger lu­xu­riö­sen Ser­vi­ce-Zu­ckerln be­lohnt. Das An­ge­bot er­streckt sich von Cars­ha­ring und Elek­tro­mo­bi­li­tät über Ge­mein­schafts­kü­chen, Glas­häu­ser, Kräu­ter­be­ete bis hin zu im Haus in­te­grier­ten Ho­tel­zim­mern für den Tan­ten­be­such aus Über­see. Vor al­lem aber be­sticht die Wohn­haus­an­la­ge, an der sich mehr als 60 Zür­cher Wohn­bau­ge­nos­sen­schaf­ten be­tei­ligt ha­ben, durch ein enor­mes Pot­pour­ri an neu­en Wohn- und Grund­riss­ty­po­lo­gien.

„Ich fin­de die­se Woh­nung klas­se“, sagt Mar­co. „Ich ha­be zwar schon mal in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft ge­lebt, aber hier hat je­der sei­nen ei­ge­nen Rück­zugs­be­reich, und es gibt kein An­stel­len am WC und kei­ne Strei­te­rei­en we­gen der Zahn­pas­ta­tu­be.“ Je­der Clus­ter be­steht aus ei­nem rund 200 Qua­drat­me­ter gro­ßen Wohn­be­reich für al­le, da­zwi­schen lie­gen – wie Häu­ser rund um ei­nen Dorf­platz – klei­ne, au­tar­ke Ein­lie­ger-Mi­ni­woh­nun­gen mit Wohn- und Schlaf­be­reich, Tee­kü­che und ei­ge­nem Dusch­bad. Die Tü­ren ste­hen die meis­te Zeit of­fen. Ab und zu nur ver­kriecht sich je­mand und ward ei­nen gan­zen Tag lang nim­mer ge­se­hen.

„400 Qua­drat­me­ter zu zehnt, mit ei­ner rie­si­gen Wohn­kü­che, ei­nem 30 Me­ter lan­gen Wohn­zim­mer, das uns ehr­lich ge­sagt viel zu groß ist, ei­ner über­durch­schnitt­lich gro­ßen Log­gia, auf der man mit Freun­den gril­len und Par­tys fei­ern kann, und das al­les mit­ten in Zü­rich …“, er­zählt Mar­co mit ei­nem im­mer brei­ter wer­den­den Grin­ser und ei­ner ge­wis­sen Süf­fi­sanz in sei­ner schwy­zer­düt­schen Stim­me, „al­so ich wür­de das schon als so­zia­len Lu­xus be­zeich­nen.“

Zwei Eta­gen über ihm wohnt Karl Klisch. Der 49-jäh­ri­ge Tier­arzt stammt aus Ham­burg und lebt nun seit knapp über ei­nem Jahr in Zü­rich. „Wenn ich schon ei­nen Ta­pe­ten­wech­sel vor­neh­me, dann will ich auch ei­ne neue Art des Woh­nens aus­pro­bie­ren“, sagt er. „Ich fin­de die­ses Pro­jekt und die­se Form des Zu­sam­men­le­bens ex­trem be­rei­chernd. Ich ge­nie­ße das Mit­ein­an­der.“ Vis-à-vis wohnt An­na Ham­bit­zer, 28 Jah­re alt, Phy­si­ke­rin und Elek­tro­me­di­zi­ne­rin. „Hier zu sein ist wirk­lich mehr als nur woh­nen“, sagt sie. „Die­ses Haus ist ein Bei­trag für ein zu­künf­ti­ges, ge­sell­schafts­über­grei­fen­des Ko­exis­tie­ren, weit über die klas­si­sche Stu­den­ten-WG hin­aus.“

Miet­ver­trag nach sechs Mo­na­ten

Un­ge­wöhn­lich ist je­doch nicht nur der Woh­nungs­grund­riss, son­dern auch das Ver­mie­tungs­mo­dell. „Be­reits ei­ne klei­ne Grup­pe von nur drei Leu­ten kann sich bei uns für ei­ne Woh­nung an­mel­den“, sagt An­dre­as Ho­fer, Ge­schäfts­füh­rer der ei­gens für die­ses Pro­jekt ge­grün­de­ten Su­per-Bau­ge­nos­sen­schaft Mehr als Woh­nen. „Da­nach ha­ben die Leu­te ein hal­bes Jahr Zeit, um in Ei­gen­ini­tia­ti­ve ei­ne grö­ße­re Wohn­ge­mein­schaft zu for­mie­ren. In die­ser Zeit un­ter­stüt­zen wir sie fi­nanz­iell, da­mit sie die Ge­samt­mie­te nicht al­lein auf­brin­gen müs­sen.“

Erst nach Ab­lauf die­ser Frist star­tet der Miet­ver­trag mit der Ge­nos­sen­schaft. Die WGs sind von nun an au­tark und küm­mern sich selbst­stän­dig um die Be­le­gung und Nach­ver­mie­tung ih­res Woh­nungs­clus­ters. „In­dem man Ver­ant­wor­tung ab­gibt, stärkt man bei den Be­wohn­er­in­nen und Be­wohn­ern ein Stück weit auch den Ge­dan­ken ei­nes Mit­ein­an­ders“, so Ho­fer. „Man­che Ge­nos­sen­schaf­ten ha­ben die­ses Mo­dell be­reits seit über zehn Jah­ren im Port­fo­lio. Es funk­tio­niert per­fekt.“

Die Mie­ten im Clus­ter­haus lie­gen je nach Grö­ße, Stock­werk und Him­mels­aus­rich­tung zwi­schen 4000 und 6000 Fran­ken, rund 3700 bis 5500 Eu­ro. Ob­wohl je­der ein­zel­ne Mie­ter ei­nen ei­ge­nen Miet­ver­trag be­kommt, obliegt es der Wohn­ge­mein­schaft zu ent­schei­den, wie die­se für die mo­nat­li­che Mie­te auf­kom­men will. Man­che WGs ha­ben den Ge­samt­preis ein­fach nur durch die An­zahl der Be­woh­ner di­vi­diert, an­de­re ha­ben kom­pli­zier­te For­meln ent­wi­ckelt, die die Grö­ße der pri­va­ten Ein­lie­ger­woh­nung so­wie ei­ne an­tei­li­ge, mal ge­sieb­tel­te, mal ge­ach­tel­te, mal ge­neun­tel­te Nut­zung der Ge­mein­schafts­flä­chen be­rück­sich­tigt. Schweiz halt.

„Die Wohn­form der Zu­kunft“

„Ich den­ke, dass sich die­se groß­städ­ti­sche Wohn­form in Zu­kunft noch dra­ma­tisch wei­ter­ent­wi­ckeln wird“, sagt Dan Schürch, Pro­jekt­lei­ter im zu­stän­di­gen Ar­chi­tek­tur­bü­ro Du­plex. „Das Clus­ter-Woh­nen ist für mich die mo­der­ne Va­ri­an­te der Groß­fa­mi­lie mit all ih­ren ge­sell­schaft­li­chen Ab­si­che­run­gen wie Kin­der­be­treu­ung, Kran­ken­pfle­ge und ganz all­täg­li­cher Hil­fe im Al­ter, so wie man das von Bau­ern­hö­fen von frü­her kennt. In die­sem Fall bloß ha­ben wir das so­zia­le Pro­gramm auf ei­ne mo­der­ne, 400 Qua­drat­me­ter gro­ße Pass­iv­haus­woh­nung um­ge­münzt.“

In Ös­ter­reich, und da vor al­lem in und um Wien, ha­ben sich in den letz­ten Jah­ren schon et­li­che Bau­grup­pen for­miert, die be­reits Er­fah­rung mit Au­tar­kie, Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und der gro­ßen Bür­de und Wür­de der Ei­gen­ver­ant­wor­tung ma­chen konn­ten. Al­ler­dings be­schränkt sich die­ses Mo­dell auf Woh­nen im Ei­gen­tum. Der näch­ste Schritt wird sein, auch Mie­te­rin­nen und Mie­tern die­se Frei­hei­ten zu­zu­ge­ste­hen. Um ein so in­no­va­ti­ves Pro­jekt wie „Mehr als Woh­nen“ auch hier­zu­lan­de zu rea­li­sie­ren – da­zu braucht es nicht nur mu­ti­ge Bau­trä­ger, frisch durch­lüf­te­te Be­hör­den, son­dern auch ein völ­li­ges Um­den­ken der Bau­ord­nung, der För­der­richt­li­ni­en und nicht zu­letzt des sprö­den, ver­al­te­ten Miet­rechts­ge­set­zes.

Über das Clus­ter-Haus in Zü­rich wur­de ein Do­ku­men­tar­film ge­dreht. „Mit den Au­gen der an­de­ren“ ist noch bis 17. Ok­to­ber in der Ar­chi­tek­tur­ga­le­rie Ber­lin zu se­hen. www.ar­chi­tek­tur­ga­le­rie­ber­lin.de

Die Aus­stel­lung „Da­heim. Bau­en und Woh­nen in Ge­mein­schaft“ im Deut­schen Ar­chi­tek­turm­useum (DAM) in Frank­furt am Main wid­met sich in­no­va­ti­ven Wohn­bau­ten in Eu­ro­pa und der gan­zen Welt. 26 über­aus in­spi­rie­ren­de Pro­jek­te wer­den da­bei un­ter die Lu­pe ge­nom­men. Zu se­hen bis 28. Fe­bru­ar 2016. www.dam-on­li­ne.de

26. September 2015 Der Standard

Ein Brett vorm Kopf

Ja, auch in Wien gibt es Holz. Ei­ne Ju­ry hat die be­sten Holz­bau­ten der letz­ten zehn Jah­re un­ter die Lu­pe ge­nom­men und prä­miert. Am Don­ners­tag­abend wur­de der wien­wood 15 über­ge­ben.

400 Qua­drat­me­ter Frei­heit. So groß ist die Flä­che der insge­samt vier Hort­grup­pen oben im er­sten Stock. 100 Kin­der zwi­schen sechs und zehn Jah­ren to­ben hier all­nach­mit­tags hin und her und kreuz und quer und wild durch­ein­an­der, oh­ne dass man je so ge­nau sa­gen kann, wer ei­gent­lich wo hin­ge­hört. Das mag wohl auch da­ran lie­gen, dass es im ge­sam­ten Hort­be­reich kei­ne ein­zi­ge Tür, kei­ne ein­zi­ge Trenn­wand, kei­ne ein­zi­ge räum­li­che Ein­schrän­kung gibt. Vor­ge­stern, Don­ners­tag, wur­de der Kin­der­gar­ten Schu­ko­witz­gas­se in Wien-Don­aus­tadt als ei­nes von ins­ge­samt sechs Pro­jek­ten mit dem Holz­bau­preis wien­wood 15 ausgezeichnet.

„Ich muss ge­ste­hen, dass die of­fe­ne Hort­grup­pe auf so gro­ßer Flä­che ein ziem­li­ches Um­den­ken war“, er­in­nert sich die Kin­der­gar­ten­lei­te­rin Ger­tru­de Meis­ter. „Es dau­ert vie­le Mo­na­te, ja viel­leicht so­gar Jah­re, bis man sich da­ran ge­wöhnt und da­mit zu ar­bei­ten be­gon­nen hat, dass so ei­ne Öff­nung al­ter, ein­ze­men­tier­ter Mus­ter nicht nur Nach­tei­le, son­dern auch sehr vie­le Vor­tei­le mit sich bringt.“

Stu­di­en be­le­gen, dass Kin­der in gro­ßen Grup­pen ten­den­zi­ell ru­hi­ger sind und we­ni­ger Ag­gres­si­ons­po­ten­zi­al ha­ben. Hin­zu kom­me, so Meis­ter, das Er­ler­nen von Frei­heit und Wahl­mög­lich­keit: „Na­tür­lich bin ich als Hort­kind ei­ner be­stimm­ten Grup­pe und ei­ner be­stimm­ten Pä­da­go­gin zu­geord­net. Aber in so ei­ner Kin­der­ta­ges­stät­te oh­ne Mau­ern ler­ne ich, dass ich letz­tend­lich selbst Ver­ant­wor­tung über­neh­men und mir den Tag auch nach mei­nen ei­ge­nen Vor­lie­ben ge­stal­ten kann.“

Der Ein­satz von Holz spielt in die­sem Raum, dem viel­zi­tier­ten drit­ten Pä­da­go­gen, ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Ei­ner­seits deckt das Holz sämt­li­che hier be­nö­tig­ten An­for­de­run­gen an Akus­tik und Raum­be­hag­lich­keit ab. An­de­rer­seits – auch das be­le­gen Un­ter­su­chun­gen der letz­ten Jah­re – wirkt sich ei­ne höl­zer­ne Um­ge­bung auf Kin­der und Ju­gend­li­che be­ru­hi­gend im Sin­ne der Herz­fre­quenz und för­der­lich im Sin­ne der Kon­zen­tra­ti­on aus. Mit an­de­ren Ma­te­ria­li­en wä­re ein sol­ches pä­da­go­gi­sches Kon­zept zwar nicht un­mög­lich, aber schwie­ri­ger in der Um­set­zung.

700 Eu­ro Heiz­kos­ten pro Jahr

„Was mir bei die­sem Pro­jekt so gut ge­fällt, ist der gu­te Al­te­rungs­pro­zess des Hau­ses“, sagt Cle­mens Kirsch, Sie­ger des 2009 aus­ge­schrie­be­nen, EU-wei­ten Wett­be­werbs und Er­bau­er des Kin­der­gar­tens, der nun sei­ne sech­ste Sai­son be­strei­tet. „Das Holz al­tert schön und wür­de­voll. Die fünf Jah­re seit Er­öff­nung sind dem Haus kaum an­zu­se­hen.“ Was den Wie­ner Ar­chi­tek­ten be­son­ders freut: Die in der Pla­nungs­pha­se kal­ku­lier­ten Be­triebs­kos­ten konn­ten – fast, al­so mit ei­ner ge­rin­gen Über­schrei­tung – ein­ge­hal­ten wer­den. Im Schnitt be­lau­fen sich die Heiz- und Kühl­kos­ten die­ses mit ei­ner Wär­me­pum­pe aus­ge­stat­te­ten 1200 Qua­drat­me­ter gro­ßen Hau­ses auf ge­ra­de mal 700 Eu­ro pro Jahr. Das er­füllt selbst Be­woh­ner ei­ner mit­tel­gro­ßen Neu­bau­woh­nung mit Neid.

Er­rich­tet wur­de der Kin­der­gar­ten Schu­ko­witz­gas­se als so­ge­nann­ter Holz­hy­brid­bau. Das heißt: Meh­re­re Ma­te­ria­li­en wie et­wa Be­ton, Stahl und Holz wur­den je nach sta­ti­scher und bau­phy­si­ka­li­scher An­for­de­rung mit­ein­an­der kom­bi­niert, wo­bei der Holz­an­teil mit mehr als 50 Pro­zent deut­lich über­wiegt. Kirsch: „Bo­den­plat­te, De­cke, Säu­len und Stie­ge sind aus Stahl­be­ton. Der Rest be­steht aus Holz­ele­men­ten, die im Bre­gen­zer­wald halb vor­ge­fer­tigt und an­schlie­ßend per Tief­la­der nach Wien trans­por­tiert wur­den.“ In nur 14 Ta­gen war die zim­mer­manns­mä­ßi­ge Mon­ta­ge der Ele­men­te vor Ort ab­ge­schlos­sen.

„Da ist noch Luft nach oben“

Knapp ein Vier­tel al­ler heu­te Jahr für Jahr in Wien ein­ge­reich­ten Pro­jek­te sind be­reits Holz­bau­ten. „Da hat sich in den letz­ten 20 Jah­ren schon sehr viel ge­tan“, meint Al­fred Tei­schin­ger, Pro­fes­sor für Holz­tech­no­lo­gie und nach­wach­sen­de Roh­stof­fe an der Bo­ku Wien, der al­le fünf Jah­re um­fang­rei­che bun­des­wei­te Er­he­bun­gen zu die­sem The­ma macht. „Ge­mes­sen an Ge­samt­ös­ter­reich, wo auf­grund sei­nes ho­hen Wald- an­teils be­reits 43 Pro­zent al­ler Neu­bau­ten in Holz er­rich­tet wer­den, ist das aber noch im­mer ziem­lich we­nig. Da ist noch Luft nach oben.“

Auf die­se Ent­wi­cklungs­po­ten­zia­le hin­zu­wei­sen und die­se Luft nach oben aus­zu­nut­zen, das ist die Mis­si­on des wien­wood 15, der als Ge­mein­schafts­pro­jekt von pro­Holz Aus­tria, Ar­chi­tek­tur­zen­trum Wien und Stadt Wien heu­er zum zwei­ten Mal ver­ge­ben wur­de. „Mit die­sem Preis“, sagt Georg Bin­der, Ge­schäfts­füh­rer von pro­Holz Aus­tria, „möch­ten wir Holz der Be­völ­ke­rung, vor al­lem aber den Be­hör­den ins Ge­dächt­nis ru­fen. Mei­ne Vi­si­on ist, Holz in der Stadt als voll­wer­ti­gen und gleich­be­rech­tig­ten Bau­stoff zu eta­blie­ren.“

Die­sen Zu­stand gab es in der Ver­gan­gen­heit be­reits des Öf­te­ren. Die his­to­ri­schen Fach­werk­häu­ser in Deutsch­land und Frank­reich prä­gen bis heu­te das Er­schei­nungs­bild gan­zer Groß­städ­te. Und hier­zu­lan­de? „Al­lein das grün­der­zeit­li­che Wien wä­re oh­ne Holz ab­so­lut un­denk­bar“, sagt Ar­chi­tekt Cle­mens Kirsch und ver­weist auf die in Holz er­rich­te­ten Tram­de­cken und Dach­stüh­le die­ser Bau­ten. Bes­ser als an­hand die­ser mehr als hun­dert Jah­re al­ten Häu­ser kann man Nach­hal­tig­keit nicht dar­stel­len.“

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag