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    Bauen mit wenig Theorie und viel Engagement
    Neue Zürcher Zeitung

    Bauen mit wenig Theorie und viel Engagement

    Die Architektengruppe Mecanoo aus Delft

    Mit einem kreativ gestalteten Wohnblock in Rotterdam haben die Mecanoo-Architekten Mitte der achtziger Jahre demonstriert, dass auch sozialer Wohnungsbau schön sein kann. Inzwischen zählt das nach dem dadaistischen Pamphlet «Mecanoo» von Theo van Doesburg benannte Team zu den erfolgreichsten niederländischen Architekturbüros der letzten Jahre.

    04. Juni 1999 - Robert Uhde

    Der Entwurf war stimmig, keine Frage. Aber dass sie den Wettbewerb zur Bebauung des Rotterdamer Kruisplein tatsächlich auch gewinnen könnten, daran hatten die drei Delfter Architekturstudenten Francine Houben, Henk Döll und Roelf Steenhuis wohl selbst nicht geglaubt. Eilig mietete die inzwischen durch die beiden Studienkollegen Chris de Weijer und Erick van Egeraat erweiterte Gruppe daraufhin einen kleinen Büroraum in der Delfter Innenstadt, und kaum achtzehn Monate später wurden die letzten der insgesamt 97 Sozialwohnungen im Rotterdamer Zentrum fertiggestellt. Um die verschiedenen Formen gemeinschaftlichen Wohnens mit hoher gestalterischer Qualität verbinden zu können, setzten die Architekten dabei von Anfang an auf einen intensiven Dialog mit Bauherren, künftigen Bewohnern und Nachbarn - eine Strategie, die bis heute die Planungsphase ihrer Projekte bestimmt.


    Wohnungsbau

    Seit der Fertigstellung des Wohnkomplexes am Kruisplein vor nunmehr 14 Jahren hat Mecanoo mehr als 220 Projekte entworfen. Etwa 80 davon sind bereits realisiert worden, weitere 35 Projekte befinden sich noch in der Planung. Das kleine Hinterzimmer in de Oude Delft 203 dient dabei nur noch als Bibliothek, denn längst haben sich die Aktivitäten des Büros über das gesamte Gebäude ausgeweitet. Zwei grossflächige Etagen mit einem kirchenähnlichen Raum im Zentrum bieten fast schon fürstliche Arbeitsbedingungen für die mittlerweile rund 60 Mitarbeiter von Mecanoo.

    Die Bedeutung des staatlich gelenkten Wohnungsbaus, der vielen jungen Architekten als Sprungbrett zur Selbständigkeit dient, ist in den Niederlanden nach wie vor gross. Für die Architekten von Mecanoo bildete die Bebauung des Kruisplein den Auftakt zu einer ganzen Reihe weiterer Wohnbauprojekte. Allein in Rotterdam entwickelte die Gruppe Stadtquartiere am Tiendplein (1984-90), an der Hillelaan (1985-89) und am Ringvaartsplas (1988-93). In Maastricht folgte fast zeitgleich die Bebauung des Herdenkingsplein, in Den Haag stellte das Büro vor zwei Jahren ausserdem ein kompaktes Wohngebiet mit rund 800 Wohnungen am Groothandelsmarkt fertig. Die Idee der Gartenstadt, realisiert durch kleinteilige Reihenhausparzellen am Rand des Geländes, wird dabei mit wellenförmig angelegten Blöcken und einem zentralen Hochhaus verknüpft, das - ähnlich wie der zentrale Baukörper in der Rotterdamer Hillelaan - eine deutliche Nähe zu Alvar Aaltos «Neuer Vahr» in Bremen erkennen lässt.

    Wo sich andere niederländische Architekturbüros, vor allem OMA oder MVRDV, in manifestartigen Schriften der Utopie einer maximal verdichteten Grossstadt anzunähern versuchen, bekennen sich die Architekten von Mecanoo offen zur Tradition der niederländischen Moderne; zu Jacobus Oud und Gerrit Rietveld oder zu den «Forum-Architekten» um Herman Hertzberger und den vor kurzem verstorbenen Aldo van Eyck, denen vor allem an der sozialen und integrativen Dimension der Architektur gelegen war. Wirkliche theoretische Programme sucht man bei Mecanoo jedoch vergeblich. «Wir sind frei von Dogmen, und das bedeutet, dass wir nie vorab Stellung beziehen», beschreiben Houben, Döll und de Weijer ihre Arbeit (van Egeraat, der bis 1995 massgeblich an zahlreichen Projekten beteiligt war, hat Mecanoo inzwischen ebenso verlassen wie Steenhuis). «Alles andere würde bedeuten, dass sämtliche Diskussionen über Architektur schnell in puren Stilfragen versanden, und die interessieren uns nicht. Wir suchen statt dessen bewusst eine langsame Annäherung. In manchen Fällen muss man ein bestehendes Gewebe fortsetzen und verstärken. In anderen Fällen ist es dagegen ratsamer, das vorgefundene Gewebe durch ein neues zu ersetzen. Die Entscheidungen sind vor allem vom Ort abhängig.»

    Besonders eindrucksvoll lässt sich die Philosophie der Mecanoo-Architekten beim Rotterdamer Wohnhaus von Francine Houben am Kralingse Plas (1990-91) verfolgen. Durch eine fast vollständig gläserne Fassade bietet die lichtdurchflutete Villa am Ende einer Reihe von Häusern aus dem 19. Jahrhundert eine schöne Aussicht auf das Wasser und die Bäume des gegenüberliegenden Parks. Im dreigeschossigen, raffiniert verschachtelten Inneren, mit dem die Architekten an den eleganten Modernismus von Alvar Aaltos Villa Mairea (1937-39) anknüpfen, wurden grosse, durchgehende Räume mit überraschenden Durchgängen geschaffen, die sämtlich in offener Verbindung zueinander stehen. Deutlich zeigt sich dabei die Sensibilität gegenüber den Materialien: Die Projektarchitekten Houben und van Egeraat kontrastierten warme Materialien wie Holz, Kupfer und Bambus mit kühlen Baustoffen wie Glas, Stahl und Beton und erzeugten so ein raffiniertes Design mit ausserordentlich sinnlichen und taktilen, fast schon poetischen Effekten und Reizen. Den für den Boden verwendeten Beton behandelten sie mit einer Lage aus Wachs, die dem rauhen Material einen subtilen Glanz verleiht. Je nach Intimität der Räume wird das Material wärmer, durch das Zusammensetzen von Holz und Stein wird ausserdem die natürliche Farbe verstärkt.


    Landschaftsplanung

    Ein anderes eher kleinformatiges Projekt hatten die Architekten von Mecanoo ein Jahr zuvor ein paar Kilometer weiter südöstlich am Maasufer errichtet. Die frech verspielte, scheinbar ungleichgewichtige Formgebung des «Boompjes»-Pavillons (1989-90) fügt sich nahtlos in die Hafenaktivitäten sowie eine von Kees Christiaanse errichtete schwarze Arkade mit einer zum Wasser hin gelegenen Tribüne ein und bildet zudem ein gelungenes städtebauliches Pendant zum zeitgleich gebauten 16stöckigen Hochhaus von Wim Quist auf der gegenüberliegenden Strassenseite.

    Mit Beginn der neunziger Jahre lässt sich eine deutliche Erweiterung des Aufgabenfeldes von Mecanoo beobachten. Lag der Schwerpunkt des Büros in den ersten Jahren ausschliesslich in den Bereichen Wohnungs- und Städtebau, ist Mecanoo seit einigen Jahren auch auf den Gebieten Landschafts- und Innenarchitektur tätig. Ein überaus gelungenes Projekt haben die Architekten dabei auf dem nach Masterplänen von Rem Koolhaas erweiterten Utrechter Universitätscampus «de Uithof» geschaffen: Die nach dem Vorbild einer arabischen Kasbah errichtete Fakultät für Wirtschaft und Management (1993-95), ein kompakter, relativ flach gehaltener Gebäudeblock aus Beton, Glas, Stahl und Holz, umschliesst in ihrem Inneren drei hofartig angelegte Gärten - einen üppigen Dschungel-Patio, einen japanisch inspirierten Zen-Patio und einen mit Teich und Felsbrocken gestalteten Wasser-Patio.

    Zu noch spektakuläreren Mitteln hat Mecanoo beim Bau der neuen Bibliothek der Technischen Universität in Delft (1992-98; NZZ 2. 6. 98) gegriffen. Von aussen zeigt sich der gegenüber dem 1966 gebauten «Béton-brut-Koloss» des berühmten Hörsaalzentrums von van den Broek & Bakema gelegene Bau weit eher als skulpturale Landschaft denn als universitäres Gebäude. Ein schräg ansteigendes, begehbares Grasdach, das am Fuss der breiten Eingangstreppe beginnt und nach etwa 80 Metern seinen Höhepunkt erreicht, mündet in ein rund 40 Meter hohes kegelförmiges Element, das in seinem Inneren vier Leseebenen beherbergt. Die übrigen Räume der Bibliothek, das Magazin, die Verwaltungsräume und den grossen Arbeitssaal, der durch seine transparenten Glasfassaden einen schönen Blick nach aussen ermöglicht, haben die Mecanoo-Architekten raffiniert unter dem aufsteigenden Grasdach verborgen.


    Typologische Erneuerungen

    Durch die zunehmende Online-Bereitstellung von Informationen verwandelt sich der repräsentative Bücherspeicher von einst mehr und mehr zur multimedialen Schnittstelle zwischen Benutzern und Informationseinheiten. Mit der Strategie, den weitaus grössten Teil des Buchbestandes kurzerhand ins Erdreich zu versenken, wo auf Regalen von insgesamt 45 km Länge rund eine Million Bücher ruhen, haben die Architekten auch eine zeitgemässe typologische Erneuerung der Bauaufgabe Bibliothek geschaffen. Den Besuchern unmittelbar zugänglich sind nur 80 000 wichtige Publikationen in einem vier Geschosse hohen Bücherregal, das an der Stirnseite des grossen Lesesaals vor eine ultramarin leuchtende Wand gehängt wurde. Die Bewegungen der Besucher vor den Regalen verleihen der Wand Tiefe und machen sie zu einem fast schon theatralisch inszenierten Schaufenster. Das gleiche Ultramarin, das sich im übrigen auch bei den Bodenbelägen im Kegel der Bibliothek wiederfindet, hatte die Projektarchitektin Francine Houben schon kurz zuvor beim sensiblen Umbau einer protestantischen Kirche aus dem 18. Jahrhundert zu einem Theater für die Amsterdamer Theatergesellschaft «De Trust» verwendet. Trotz einem Budget von nur 3 Millionen Franken war es ihr dabei gelungen, mit Hilfe von wenigen Akzenten wie Farbe und Licht die Aufmerksamkeit des Publikums auf bestimmte Bereiche zu lenken.

    Zuletzt haben die Mecanoo-Architekten zwei Wohnbauten in Amsterdam fertiggestellt. In der Vinkenstraat das Domizil einer Wohngruppe älterer homosexueller Männer und Frauen, in der im gleichen Block gelegenen Brouwersgracht ein auf den ersten Blick wenig spektakuläres Doppelwohnhaus mit grossen Fensterpartien und Holzvertäfelungen, hinter dessen leicht nach vorne geneigtem Mauerwerk sich jedoch eine um so freiere Anordnung des Grundrisses verbirgt. «Je mehr man in der Lage ist, die Essenz eines Ortes zu verstärken, um so freier ist man in der architektonischen Formgebung. Das könnte man unseren Ausgangspunkt nennen», erklären die Architekten schlicht.

    Robert Uhde

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    Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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