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    Verwandelte Sphinx
    Neue Zürcher Zeitung

    Verwandelte Sphinx

    Das Céramique-Terrain von Jo Coenen in Maastricht

    Neben Einzelbauten wie dem Niederländischen Architektur-Institut (NAI) in Rotterdam hat Jo Coenen eine Vielzahl städtebaulicher Projekte entwickelt: Nach der Revitalisierung eines Klosters in Tilburg und der Umwandlung der Amsterdamer KNSM-Insel wird demnächst das «Sphinx-Céramique-Terrain» in Maastricht fertig gestellt.

    01. Dezember 2000 - Robert Uhde

    Nur selten liegen Geschichte, Gegenwart und Zukunft derart eng beisammen: In römischer Zeit war Maastricht (Mosae Traiectum) Teil der Heerlinie, die Köln (Colonia Agrippina) mit Boulogne (Bononia) verband. Im Mittelalter wuchs die Bedeutung des ersten Bischofssitzes auf dem Gebiet der heutigen Niederlande rasch - als stumme Zeugen dieser Epoche verankern die Überreste der jahrhundertealten Festungsmauern Maastricht noch heute fest und sicher im Erdboden. Und seit die südlichste Stadt der Niederlande 1992 auch als Ort europäischer Währungspolitik von sich reden machen konnte, schlendern die Touristen noch zahlreicher als zuvor durch den alten Stadtkern mit seinen vielen Strassencafés.


    Ehemaliges Industriegebiet

    Auf dem gegenüberliegenden Ufer der Maas entstand seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Tonwaren-Industrie. Um dem Viertel nach dem Niedergang der Sphinx-Fabriken neue Impulse zu geben und dabei das vernachlässigte Potenzial des rechten Maasufers zu nutzen, entschied sich die Stadt Maastricht in den achtziger Jahren dazu, die 23 Hektaren grosse Fläche um das ehemalige Industriegebiet zu einem zentrumsnahen Quartier mit Büros und Wohnungen für 2500 Bewohner umzuwandeln. Der 1987 vorgestellte und seit 1990 sukzessive realisierte Masterplan des ortsansässigen Architekten Jo Coenen sah vor, den nahe der historischen Stadtgrenze gelegenen Nordpunkt des Viertels durch einen neu angelegten, zentralen Boulevard - die Avenue Céramique - mit der weiter südlich gelegenen Stadterweiterung Randwyck zu verbinden.

    Die entlang dieser breiten Hauptschlagader angeordnete städtebauliche Komposition reagiert auf die verschiedenen Entstehungsperioden von Maastricht: Im Norden, direkt neben den auf einer Läge von 150 Metern ausgegrabenen und neu in Szene gesetzten mittelalterlichen Stadtmauern, strukturiert ein zentrales Scharnier das Sphinx-Céramique-Terrain - neben öffentlichen Funktionen wie einem grossen Marktplatz und einer Geschäftspassage ist hier auch das durch Coenen selbst entwickelte Centre Céramique angesiedelt. Nach Süden hin, wo das Viertel mit Aldo Rossis Bonnefanten-Museum schon vor Jahren ein sichtbares Zeichen erhalten hat, schliessen grosse offene Volumen die Lücke zwischen den geschlossenen Baublöcken der Stadt des 19. Jahrhunderts und der in den achtziger Jahren entwickelten Stadterweiterung Randwyck und schaffen eine ins Monumentale abgewandelte Fortsetzung der durch die CIAM formulierten Auffassungen der modernen europäischen Stadt.

    Die von Norden kommenden Besucher des neuen Viertels werden durch die weit ausgreifenden Arme eines im Knickpunkt der Avenue Céramique gelegenen Baus von Mario Botta empfangen. Durch seine wuchtige, fast bastionhafte Architektur - das in rotem Backstein ausgeführte Ensemble besteht aus einem zentralen Wohnzylinder, der als Scharnier für die beiden flacheren Büroflügel dient - bildet das Gebäude einen weithin sichtbaren Auftakt und schafft eine deutliche Verbindung zur Geschichte der ehemaligen Festungsstadt Maastricht.

    Kultureller und städtebaulicher Mittelpunkt des neuen Quartiers ist jedoch das im letzten Jahr eröffnete und dem Botta-Bau gegenübergelegene Centre Céramique von Coenen - ein aus verschiedenen Volumen collagierter und nahezu gläserner Solitär, der auf acht offen übereinander geschichteten Ebenen die neue Stadthalle, eine öffentliche Bibliothek, das Stadtarchiv, ein Informationszentrum und das Europäische Journalistenzentrum beherbergt. Die nicht öffentlich zugänglichen Büros befinden sich in einem vollständig geschlossenen, mit vorfabrizierten Betonpaneelen verkleideten Volumen, das die Südwand und die oberen beiden Geschosse des Gebäudes umfasst.

    Nach Westen, also zur Maas hin, hat Coenen einen fliessenden Übergang zwischen der im Erdgeschoss des Gebäudes gelegenen Stadthalle und dem davor sich ausdehnenden Marktplatz geschaffen - eine gelungene Verbindung zwischen Innen- und Aussenraum, der sich auf Souterrain-Niveau eine Verflechtung mit dem Wasser der Stadsgracht und Teilen der rekonstruierten mittelalterlichen Stadtmauer anschliesst. Diese bilden gemeinsam die südliche Begrenzung des Gebäudes. Direkt nebenan führt der intelligent inszenierte Gang durch die Geschichte von Maastricht zum neu errichteten Theatercafé und von dort in die inzwischen zum Theater umgenutzte, ehemalige Porzellanhalle, die mit ihren backsteinernen Fassaden, der Rosette und den grossen Rundbogenfenstern die Zeit der alten Sphinx-Fabriken in Erinnerung ruft.

    Von der Theaterhalle aus fällt der Blick auf einen lang gestreckten, siebengeschossigen Riegel aus anthrazitfarbenem Backstein, der den Marktplatz nach Norden hin abschliesst. Der durch den Luganeser Architekten Aurelio Galfetti errichtete Bau bietet neben 100 Wohnungen eine im Erdgeschoss gelegene Geschäftspassage. In westlicher Richtung schliessen sich dem Marktplatz zwei von Coenen errichtete Bauten mit Aussicht auf den Fluss an: ein Luxusapartmenthaus und ein Bürogebäude. Und ab 2001 wird eine neue Brücke für Radfahrer und Fussgänger über die Maas führen. In gegenüberliegender Richtung, an der Avenue Céramique und direkt vis-à-vis des Botta-Baus, folgen zwei Gebäude von Alvaro Siza: ein dem geschwungenem Verlauf des Boulevards angepasster, viertelkreisförmiger Wohnblock und ein 17-geschossiger Wohnturm mit Fassaden aus weissem Marmor, Zink und grauem Naturstein.

    Während der nördliche Bereich des Sphinx-Céramique-Terrains bereits Anfang 2001 fertig gestellt sein soll, werden die Arbeiten im südlichen Bereich des Viertels voraussichtlich erst ein Jahr später abgeschlossen. Soeben begonnen hat man hier etwa mit dem Bau eines durch Luigi Snozzi geplanten, direkt am Maasufer gelegenen Appartement-Komplexes: Die lang gestreckte, aus insgesamt zwölf rhythmisch gegliederten Volumen bestehende Zeile soll nach ihrer Fertigstellung 131 Wohnungen bieten - alle mit Blick auf den Fluss und den davor liegenden Charles-Eyck-Park, der das Centre Céramique im Norden mit dem Bonnefanten-Museum im Süden verbindet. Gegenüber Rossis Bau schliessen sich ein bereits fertig gestelltes Bürogebäude von Wiel Arets und ein noch zu errichtender Büroblock von Herman Hertzberger an. Im zentralen Bereich des Viertels - zwischen dem Block von Snozzi im Westen und der durch die historische Einfallsroute gebildeten östlichen Begrenzung - wird die Avenue Céramique von grossflächigen Wohnblöcken mit insgesamt rund 800 Wohnungen gesäumt. Als Architekten dieser Bauten zeichnen Bruno Albert (Lüttich), Theo Teeken (Heerlen), Arno Meijs, Hari Gulikers und Buro Boosten (alle Maastricht), Bob van Reeth (Antwerpen), Hubert-Jan Henket (Boxtel), MBM Arquitectes (Barcelona) und Cruz & Ortiz (Sevilla).


    Harmonische Stadt

    Die Umwandlung des Sphinx-Céramique-Terrains zeigt Jo Coenens Vorliebe für die Ideale der europäischen Stadt: «Jetzt, da die uns umgebende Welt buchstäblich in verschiedene Teile auseinander fällt, sollte die heutige Generation von Städtebauern keine Planungen entwickeln, die diesen Zustand weiter aufrechterhalten oder sogar ironisch unterstützen. Stattdessen sollten ihre Entwürfe die einzelnen Fragmente in Bezug zueinander bringen und so die Situation klären - kurz: Integration statt Divergenz», meint der 1949 im limburgischen Heerlen geborene Architekt, der sein erstes eigenes Büro 1979 in Eindhoven eröffnete und seit 1989 mit bis zu 25 Mitarbeitern in Maastricht tätig ist. Anders als Rem Koolhaas, dessen Interesse an der amerikanischen Stadt zu einem provokanten Aufeinanderprallen von heterogenen Elementen führt, hat Coenen also vor allem eine auf harmonische Zusammenfügung bedachte Stadtplanung im Blick.

    Ähnlich grosse Dimensionen wie in Maastricht hat Coenen zuvor schon in Tilburg (1992-96) und Amsterdam (1990-98) bewältigt: In Tilburg hinterliess der Zusammenbruch der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgeblühten Textilindustrie zahlreiche leer stehende Fabrikkomplexe. Die weniger durch grosse Gebärden oder monumentale Eingriffe als durch kleine Interventionen gekennzeichnete Masterplanung von Coenen ist vorrangig darauf ausgerichtet, Verbindungen innerhalb des städtischen Raumes zu schaffen. Zentraler Bestandteil dieses Strebens ist die Errichtung eines «Kunstclusters», eines collagenhaft aus verschiedenen rechteckigen und geschwungenen Volumen zusammengefügten Gebäudekomplexes mit grossen städtebaulichen Qualitäten, der auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters ein neues Konservatorium, eine Ballettakademie sowie eine Konzerthalle in sich vereint.

    Im östlichen Hafengebiet von Amsterdam sollte ursprünglich das Ende der siebziger Jahre durch die Verlegung der Hafenaktivitäten zur Brache gewordene Gelände zugeschüttet und mit einer homogenen Blockbebauung überzogen werden. Inzwischen ist das atmosphärische und geschichtliche Potenzial des Areals genutzt und auf den ehemaligen Molen KNSM, Java, Borneo und Sporenburg eine zentrumsnahe Wohnstadt mit rund 6000 Wohnungen errichtet worden. Der eher kleinmassstäblichen, mit vier Quergrachten unterteilten Bebauung des lang gestreckten Java-Eilandes (Masterplan von Sjoerd Soeters) steht eine grossformatige, nach Plänen von Jo Coenen errichtete Bebauung des gegenüberliegenden KNSM-Eilandes entgegen. Als weithin sichtbare Eingangssituation fungiert dabei das deutlich an die Architektur der ehemaligen Lagerhäuser angelehnte Piräusgebäude von Hans Kollhoff und Christian Rapp, von dem aus ein breiter Erschliessungsboulevard bis hin zu einem kreisförmigen, von Coenen geplanten Rundbau am Ende des Eilandes führt. Ähnlich wie beim Sphinx-Céramique-Terrain wird auch die Bebauungsstruktur entlang der KNSM-Laan durch den rhythmischen Wechsel von offenen Räumen und grossflächigen Baublöcken bestimmt.

    Coenen, der seit 1987 als Professor in Karlsruhe, Aachen, Lausanne und Eindhoven tätig gewesen ist und gegenwärtig in Delft lehrt, arbeitete nach Beendigung seines Studiums an der Technischen Hochschule in Eindhoven (1975) vorübergehend mit James Stirling, Luigi Snozzi und Aldo van Eyck. Kaum verwunderlich also, dass auch seine eigenen Entwürfe stark durch die geschichtsbewusste Vernetzung von Architektur und Städtebau sowie das Formen des Übergangs zwischen beiden Elementen gekennzeichnet sind: Über weit ausgestreckte Tentakeln, über Sockel oder monumentale Treppen, offene Eingangshallen oder freistehende Säulen nehmen sie Besitz von ihrer Umgebung, so dass sich der Aussenraum fliessend in den Innenräumen fortsetzt.

    «Architektur leite ich immer aus dem städtischen Kontext ab, in dem das Neue entstehen soll», sagt Coenen. Im Gegensatz zu den Auffassungen der Forum-Architekten um Aldo van Eyck und Herman Hertzberger, deren Gebäude fast vollständig durch die städtische Struktur aufgenommen werden, behaupten sich die Bauten von Coenen wesentlich stärker als autonome Objekte in der Stadt. Seit 1992 zeigt sich dabei eine zunehmend freiere Formgebung: Der «freundliche Monumentalismus» seiner früheren Arbeiten macht mehr und mehr Platz für luftig zusammengefügte Collagen, die jedoch - wie das Maastrichter Centre-Céramique-Gebäude, der Kunstcluster in Tilburg oder die 1997 fertig gestellte Polizeistation in Sittard - nach wie vor als Element ihres städtebaulichen Kontextes zu lesen sind.

    Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist der viel beachtete Bau für das Nederlands Architectuur-Instituut (NAI) in Rotterdam (1988-93): Das schräg gegenüber dem Boymans-van-Beuningen-Museum (1929-35) und in Sichtweite der 1992 eröffneten Kunsthalle von Koolhaas gelegene Gebäude-Ensemble ist gestalterisch und funktional deutlich in vier verschiedene Bereiche gegliedert - von der über einen künstlich angelegten Teich führenden Brücke gelangen die Besucher in einen betonierten Sockelbau mit Foyer, Café und Buchhandlung, in einen gläsernen Aufbau mit Leseraum, Auditorium und Verwaltungsräumen, in ein mit Backstein ausgebildetes Museums-Volumen und in einen lang gestreckten, spitzwinkligen Archivflügel. Überbrückende Elemente und die ausdrucksstarke Orchestrierung von transparenten und opaken Fassaden schaffen vielfältige Beziehungen zwischen Innen- und Aussenräumen und verbinden den Bau mit der Rochussenstraat. «Eine offene Atmosphäre, die die Besucher einlädt, sich am Architektur-Diskurs zu beteiligen», meint Coenen.

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