Bauwerk

house heiner
Geri Blasisker - Absam (A) - 2002
house heiner, Foto: Geri Blasisker
house heiner, Foto: Geri Blasisker

Lärchen pflastern seinen Weg

Die alte Turbine und der Parkplatz des elterlichen Sägewerks brauchten eine Überdachung, der Bauherr endlich eine eigene Wohnung. Viel Holz und Eigenleistung steuerte er dem Zubau bei, den ihm Gerhard Blasisker plante.

22. April 2006 - Isabella Marboe
Absam ist ein typischer kleiner Tiroler Ort in der Nähe von Hall: mächtige neue Häuser mit mächtigen Satteldächern vor mächtigen Bergen, dazwischen ein paar uralte schindelgedeckte Höfe und grasende Kühe. Ob im Wald, an Zäunen, Scheiten, Balkonen, Türen, Fensterläden, Stadeln, Schindeln: Holz prägt Landschaft und Dorf.

Der Bauherr und seine Eltern leben davon: Sie besitzen ein Sägewerk. Es liegt an einem asphaltieren Platz zum Liefern und Laden zwischen der Rudolfsstraße im Süden und dem ansteigenden Waldhang im Norden, aus dem der Bach herabstürzt, der die Existenz des Betriebs begründete und die Strom generierende Turbine am Nordosteck des Parkplatzes speist. Das weiß verputzte Lager hinterm alten Sägewerk an der Straße wurde mit der Zeit um zwei Holzgeschoße zum tirolerbalkonflankierten Wohnhaus aufgestockt, in dem der Bauherr bei den Eltern lebte. Das war ihm zu nah und rarer Baugrund zu teuer. Als die alte Turbine überdacht werden musste, wollte er sich damit auch seine eigene Wohnung schaffen.

Architekt Gerhard Blasisker plante ihm einen Zubau, der wie ein Bügel am zweiten Altbaugeschoß andockt und mit einer Betonstiege im Westen aufsetzt. Raumplastisch differenziert, schwebt diese belebenswerte Wohnbrücke mit schmalem Dachterrassenaufsatz nun witterungsschützend über den Parkplatz. Ihre Plattform führt zu Turbinenturm und Wohnung, wo sie sich im Westen zum gedeckten Balkon mit Blick übers Zuliefergeschehen weitet.

Die Umhausung der Maschine wird zur Behausung des Menschen. Großteils aus Lärchenholz, fügt sie sich stimmig an den Altbau und ins Sägewerksambiente. Die verfügbaren 9,5 Meter überm Parkplatz zwischen Haus und Turbine waren so knapp bemessen wie das Budget, was der Bauherr mit sehr viel Holz, Eigenleistung und dem Lebensprinzip „schlicht-klar-funktionell“ mehr als wettmachte.

Puristische Präzision

Der Zubau ist ein Meisterwerk raumgestalterischer Präzision, nichts reiner Selbstzweck, alles hat Sinn. Auf zwei parkplatzbegrenzenden Wandscheiben ruht die Betonplattform mit dem Miniholzhaus, jeder Baum ist vom Bauherrn selbst ausgesucht, geschnitten und verlegt.

Man betritt die puristische Box am Stiegenpodest, wo sich der Abstand zwischen den Lärchenlatten verbreitert, sodass man zum Nachbarn spähen kann und Ostlicht ins überseckverglaste Innere schimmert. Ein Niveausprung von 50 cm im Betonboden teilt den Raum in höhere Ost- und niedere Westhälfte.

Ihr Ostende mit dem weißen, gemauerten Kaminwürfel am kältesten Punkt bildet eine blickschützende Garderobe, Herzstück des Raums ist die u-förmige, multifunktionale Holzmöbelskulptur an der sitzbankbrüstungsflankierten Nurglasfront. Ihre stauraumbergende, hölzerne Längsflanke um drei zarte Stahlstützen gibt dem Wohnen an der offenen Fenstermitte eine gewisse Intimität, die von drei atmosphärischen Oberlichtkreisen betonte Westflanke bietet per Stereoanlage die entsprechende Beschallung, ihre Küchenzeilenrückseite mit Herd liefert die kulinarische Begleitung. Unmerklich ist der Stauraum hinter weißen MDF-Platten ins westliche Wandfeld vor der Balkontür beim Altbauanschluss integriert.

Idyll an der Turbine

In der Osthälfte sind zwei Zimmerboxen mit Nordlicht, raumschonend schmiegt sich der an Boden und Wand moosgrün verflieste, natürlich belichtet und belüftete Sanitärbereich um die kleine Treppe aufs Dach. Schmale Holzstufen, unter denen sich noch etwas unterbringen lässt, führen zwischen moosgrünen Wänden in die von einer runden Oberlichtkuppel erhellte Schlafbox: An der Turbine, hoch überm Sägewerk tut sich an der lärchengelatteten Flachdachterrasse ein lauschig-verstecktes Gartenidyll vor Bach und Bergwelt auf.

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