Bauwerk

Besucher- und Pressezentrum des Österreichischen Parlaments
Geiswinkler & Geiswinkler - Wien (A) - 2005
Besucher- und Pressezentrum des Österreichischen Parlaments, Foto: Manfred Seidl
Besucher- und Pressezentrum des Österreichischen Parlaments, Foto: Manfred Seidl

Besucher- und Pressezentrum des Österreichischen Parlaments

02. Juli 2006 - Az W

Das 1873-1883 nach Plänen von Theophil Hansen „im Geist der griechischen Antike“ errichtete Österreichische Parlament strahlt aufgrund seiner städtebaulichen, architektonischen und symbolischen Prominenz, seiner „Geschichtsträchtigkeit“ und politischen Bedeutung zurecht ein gewisses Beharrungsvermögen aus, das sich jeder architektonischen Erneuerung zunächst latent erwehrt. Die letzte größere bauliche Maßnahme liegt 50 Jahre zurück, als im Zuge des Wiederaufbaus des bombengeschädigten Gebäudes (wobei vor allem der südliche Herrenhaustrakt betroffen war) ein neuer Plenarsaal (Entwurf: Max Fellerer und Eugen Wörle, 1955/56) eingebaut worden war, der bewies, dass die historistische Struktur sehr wohl architektonische Neukonzeptionen zulässt bzw. bedingt, wenn ausreichende Gründe dafür vorliegen. Auch beim jüngsten baulichen Eingriff, der Neugestaltung des zentralen Eingangsbereichs mit Besucher- und Pressezentrum, gab es zahlreiche funktionale Gründe, die für eine strukturelle und architektonisch kenntliche Erneuerung sprachen.

Zunächst sollte es nur um die Behebung eines Bauschadens gehen. Der Parlaments-Brunnen, auf dem die 5,5 m hohe Statue der Göttin der Weisheit Richtung Ringstraße blickt, war seit Jahren undicht und hatte die beidseitigen Rampenfundamente durchfeuchtet, sodass eine Generalsanierung nötig war, zugleich sollte die in den Gewölben unterhalb des Säulenportikus und der Rampe untergebrachte Lüftungsanlage erneuert werden.
Den 2002 für die Sanierung ausgelobten Wettbewerb gewann Architekt Herbert Beier, dessen Projekt die Verlegung der Lüftungsanlage vorsah, um so zusätzlichen Raum für parlamentarische Nutzungen zu gewinnen. Den schon im Zuge dieses Wettbewerbs (von Manfred Wehdorn) eingebrachten Vorschlag, anstelle der seitlichen einen zentralen Eingang hinter dem Brunnen zu schaffen, verwarf man zunächst angesichts des Zeitdrucks und der erwartbaren Widerstände seitens des Denkmalamts.
Im weiteren Verlauf wuchs das Projektvolumen weiter an (die Fundamente der Rampen mussten tiefer gelegt werden, dadurch wurde zusätzliche Nutzfläche gewonnen), zum ursprünglichen Raumprogramm (Eingang, Besuchergarderobe, Informationswände) kamen noch ein neuer Tiefspeicher für die hauseigene Bibliothek, ein Raum für Vorträge bzw. Pressekonferenzen sowie ein neues Studio des ORF hinzu. Wohl aufgrund der symbolischen Tragweite dieser Baumaßnahmen schrieb der Bauherr im Sommer 2004 einen weiteren Wettbewerb aus, der zwar als „Designwettbewerb“ tituliert war, nach Intervention seitens der Architektenkammer aber nicht nur Gestaltungsvorschläge zu den Themen Möblierung, Licht und Material vorsah, sondern auch bauliche Veränderungen als zulässig erklärte. In ihrem Siegerprojekt machten Kinayeh und Markus Geiswinkler von dieser Möglichkeit Gebrauch und schufen einen in seinen Dimensionen überraschenden und durch vertikale Durchbrüche spannungsvollen Kaskadenraum, der sich über eine Stahlbrücke und Freitreppe in die Tiefe schraubt. Zusätzlich gelang es im Laufe der Planung, die schon im ersten Wettbewerb vorgeschlagene Idee des zentralen Eingangs hinter dem Pallas-Athene-Brunnen aufzugreifen und in Absprache mit dem Denkmalamt schlüssig zu lösen. Die hochfaltbaren Stahltore bilden im geschlossenen Zustand eine homogene, allen Sicherheitsvorschriften entsprechende „Wand“ und im offenen Zustand ein kleines Vordach. Vom Entree geht es linkerhand zu Infodesk und Garderoben, geradeaus zu den Sicherheitsschleusen an der Schwelle zum Altbestand und rechterhand über Brücke, Lift oder Treppe ins Zwischen- und Tiefgeschoss des Besucher- und Pressezentrums hinab. In der disziplinierten Materialität und Farbgebung (schwarz-weißer Terazzoboden, Einbaumöbel aus Corian, Stahl und dunkel getönte Gläser) fügt sich der neue Raum - in sich geklärt und vom Bestand sauber getrennt - als respektvolle selbstständige Setzung in den vorhandenen Kontext, ohne mit ihm zu verschwimmen. Ein raffiniertes Beleuchtungskonzept von Bartenbach suggeriert nach oben räumliche Höhe, und die unverzichtbare multimedale Infrastruktur tritt dank ihrer homogenen dunklen Glas-Fassung materiell kaum in Erscheinung. Die visuelle und körperliche Nachvollziehbarkeit der beachtlichen Raumtiefe bildet das zentrale Moment des Entwurfs und teilt sich dem Besucher als Qualität unmittelbar mit. Darüber hinaus erweist dieser Gestus aber auch jenen gigantischen Raumdimensionen des Parlaments eine maßstäbliche Referenz, die sich den Blicken der Öffentlichkeit entziehen. (Text: Gabriele Kaiser)

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Für den Beitrag verantwortlich: Architekturzentrum Wien

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Martina Frühwirthfruehwirth[at]azw.at

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