MARTa Herford, Foto: Jochen Helle / ARTUR IMAGES
MARTa Herford, Foto: Jochen Helle / ARTUR IMAGES

Ein kleines Guggenheim

Das MARTa-Museum von Frank O. Gehry in Herford

Mit Möbeldesign und Kunst will die ostwestfälische Kleinstadt Herford künftig im internationalen Wettstreit der Museen mitspielen. Dazu hat sie sich von Frank O. Gehry ein exzentrisches Haus bauen lassen, das ganz direkt auf den Bilbao-Effekt abzielt. Der Neubau und die Eröffnungsausstellung hinterlassen eher zwiespältige Eindrücke.

von Klaus Englert

Die mittelalterliche Kleinstadt Herford in Ostwestfalen-Lippe wollte hoch hinaus. Ein Museum für Kunst und Möbeldesign musste her, entworfen vom Kalifornier Frank O. Gehry. Auch der neue Museumsdirektor sollte nicht irgendwer sein, sondern Jan Hoet, der 1992 die Kasseler Documenta IX geleitet hat. So war die Euphorie der Politiker, Unternehmer und Kuratoren kaum zu bremsen, als das neue Haus vor wenigen Tagen eröffnet wurde. Hoet sah schon die «grösste Kleinstadt Deutschlands» entstehen, weil sie es geschafft habe, «Visionen» zu entwickeln. Einen veritablen «Gehry» könne sie vorweisen und stehe nun auf gleicher Höhe mit den Nachbarstädten Bielefeld und Osnabrück, die mit Philip Johnsons Kunsthalle und dem Felix-Nussbaum-Museum von Daniel Libeskind punkten dürfen. Schliesslich fiel der Satz, den man erwartet hatte: «Wir wollen das kleine Bilbao werden», verkündete der Chef der als Betreiberfirma fungierenden gemeinnützigen Gesellschaft für Möbel, Kultur und Kunst. Freudiges Kopfnicken signalisierte allgemeine Zustimmung.

Hybrides Bauwerk

Einen drolligen Namen dachte man sich für das neue Museum aus: MARTa. Dieses kuriose Sprachgebilde steht für «M» wie Möbel, «ART» wie Kunst und «a» wie Ambiente. Was so unbeholfen zusammengezwängt ist, verweist auf ein hybrides Bauwerk, das nicht nur unterschiedliche Funktionen, sondern auch Neues und Altes aufregend miteinander verbindet. Das MARTa, so schwante es vor Jahren dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Wolfgang Clement, sollte ein «Haus des Möbels» zur Förderung des einheimischen Wirtschaftsstandortes werden. Nun ist daraus eine multifunktionale Einrichtung geworden: Ein «Museum für Kunst und Design», ein «Forum für Kultur, Veranstaltungen und Präsentationen» sowie ein «Zentrum für Kompetenz und Information».

Gehry hat daraus eine amerikanische Variante des hierzulande geläufigen «Bauens im Bestand» gemacht. Das Museum erscheint zunächst, wenn man sich ihm vom Bahnhof und von der gewundenen Hauptstrasse her nähert, wie ein kompletter Neubau. Eine verwirrende Architektur, die Klinkerfassade, Stahlbetonkonstruktion und ein wogendes Dach aus Stahlblech miteinander verbindet. Erst der rückwärtige Teil, der sich einem Flüsschen anschmiegt, und das Foyer verdeutlichen die Logik der Konstruktion. Gehry musste nämlich ein denkmalgeschütztes Betriebsgebäude, einen viergeschossigen, klar gegliederten Stahlskelettbau aus den fünfziger Jahren respektieren.

Aufregender Fremdkörper

Die Herforder Bauherren, die gerne auf Gehrys «Energieforum Innovation» im nahen Bad Oeynhausen sowie auf dessen Entwurf für die Erweiterung der Bielefelder Kunsthalle verweisen, dachten natürlich nicht an nahtlose Einpassung des neuen Museums in die umstehenden Gründerzeithäuser, eher an ein werbewirksames Objekt. Für derart exzentrische Projekte ist Gehry bekanntlich der Richtige. Seitdem er vor 25 Jahren im kalifornischen Santa Monica ein kleines Einfamilienhaus mit Ziegelschornstein und Schindeldach lustvoll ausbaute und durch eine Umhüllung aus Wellblech, Drahtgitter und laminierten Holzplatten erweiterte, war allseits klar, was er unter «Bauen im Bestand» versteht. Aber Santa Monica ist nicht Herford. Und Gehrys Zugeständnis, den Massstab zu wahren und die westfälische Klinkertradition aufzugreifen, konnte nicht verhindern, dass das MARTa zum aufregenden Fremdkörper in der mittelalterlichen Kleinstadt wurde.

Trotz allen Anstrengungen schaffte es Herford nicht, zum kleinen Bruder von Bilbao zu werden. Natürlich konnte der Versuch nur scheitern. Denn das riesige Guggenheim-Museum wirkt in der grauen baskischen Industriestadt wie eine vom Himmel gefallene Sternschnuppe. Nichts von dieser Strahlkraft in Herford: Das MARTa ist eine sich selbst feiernde Architektur, die der Kunst, für die sie gebaut wurde, wenig Luft lässt. Diese Apotheose «alpiner Architektur» im westfälischen Flachland will offenbar unter Beweis stellen, dass man sowohl Konzerthallen in Los Angeles als auch Museen in Westfalen wie Gebirgsmassive bauen kann. Doch selbst der experimentierfreudigste Architekt muss zugestehen, dass Musiksäle als Schuhschachteln und Ausstellungssäle als orthogonale Räume am besten funktionieren. Mit diesem Pragmatismus kann sich Gehry selbstverständlich nicht anfreunden. Im Guggenheim-Museum musste er die Ausstellungsflächen auf ein Mindestmass reduzieren, damit sie sich in die widerspenstige Architektur einpassen liessen. In Herford treffen nun Kubaturen und Kunsträume schmerzlich aufeinander.

Schwierige Ausstellungsräume

Gehry setzte vor den rückwärtig gelegenen Altbau die neuen Bereiche für Forum und Wechselausstellungen, wobei es ihm gelang, diese zur Strasse heranzurücken und gleichzeitig um einen prägnanten Vorplatz zu gruppieren. Vom Altbau ist das neue Ensemble durch eine verwegen vorgeblendete Glasfassade und eine zentrale Wegachse getrennt, die den Zugang zum Museum, zum «Forum», zum «Zentrum» und zum Café mit kupfernen, organisch ausgebuchteten Galerien regelt. Zum Blickfang des Museumsbereichs machte Gehry fünf apsidenartige Baukörper. Diesen setzte er schräg gestellte zylindrische Helme auf, die im Innern als Lichtschächte dienen. Hier erweisen sich die wogenden Wände und tief heruntergezogenen Gewölbe mit ihren zahllosen Zwickeln als problematisch, sie müssen die Kuratoren bei der Hängung der Bilder zur Verzweiflung getrieben haben. Die Ecken und Wellen beengen jede bespielbare Fläche. Selbst mit dem zentral gelegenen «Dom» hatten die Ausstellungsmacher ihre liebe Mühe - trotz seinem quadratischen Grundriss. Praktische Einbaukästen, die eigens für die Eröffnungsausstellung «(My private) Heroes» aufgestellt wurden, können nur kosmetische Abhilfe schaffen.

Problemlos ist hingegen die Präsentation der Sammlung Karl Kerber im ersten Geschoss des Altbaus. Die restaurierten Räume dienen der Kunst besser als die selbstverliebte Architektur Gehrys. Dergleichen konnte Jan Hoet nicht aus der Fassung bringen, denn die narzisstische Präsentation seiner «ganz persönlichen Helden» ergänzt Gehrys Riesenskulptur geradezu kongenial. Diese Schau, die auf die Renaissance der Helden in zahllosen Facetten setzt, macht ratlos, weil sie nichts weiter als ein beliebiges Sammelsurium von Hoets privaten Obsessionen ist. Sie erklärt alles zur Kunst, die Installation von Nazi-Reliquien und Francis Bacons «Kardinal», Jan Ullrichs gelbes Trikot und Georg Baselitz' «Soldat», nicht zu vergessen die neue Grossskulptur des aufstrebenden Herford - Gehrys MARTa.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2005

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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