Walker Art Center
Herzog & de Meuron - Minneapolis MN 55403 (USA) - 2005
Walker Art Center, Foto: Hubertus Adam
Walker Art Center, Foto: Hubertus Adam

Adaption und Transformation

Mehr öffentlichen Raum zu schaffen, das war das Ziel bei der Erweiterung des renommierten Walker Art Center in Minneapolis. So expressiv das neue Turmvolumen sich auch darstellt: Auf geschickte Weise knüpft es mit heutiger Formensprache an den Ursprungsbau aus den Siebzigerjahren an und öffnet das Kunstzentrum zur Stadt.

von Hubertus Adam

Mit seinen gigantischen Getreidesilos wurde Minneapolis im frühen 20. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Umschlagorte für Getreide in den Vereinigten Staaten. Kilometerlang reihen sich die historischen Grain Elevators entlang der die Hiawatha Avenue flankierenden Schienenstränge, ein weiterer Standort befindet sich östlich des Campus der University of Minnesota.

Das Zeitalter des Getreideumschlags ist vorbei, und fragte man einen heutigen Durchschnittsamerikaner nach Minneapolis, so käme diesem wohl zuerst das Stichwort «Shopping» in den Sinn. Mit dem von Victor Gruen geplanten Southdale Shopping Center (1956) besitzt die Stadt die erste, mit der Mall of America (1992) von Jon Jerde die grösste Mall des Landes. Strategisch günstig in unmittelbarer Nachbarschaft des Flughafens platziert, gilt die von den Bastionen der Parkhäuser und dem Glacis der Parkflächen umgebene Mall of America als touristische Destination ersten Ranges, was nicht zuletzt eine Unzahl von Hotels und Motels beweist, die sich in der Umgebung der Konsumzitadelle angesiedelt haben.

Dass die Innenstädte veröden, ist ein Phänomen, mit dem sich Minneapolis wie andere amerikanische Grossstädte konfrontiert sieht. Und auch hier gilt Kultur derzeit als probates Gegenmittel, um das Image der City aufzupolieren.

In einem gewaltigen Kraftakt haben verschiedene Institutionen zusammengespannt, um ihre Häuser zu erneuern, zu erweitern oder gar neu zu errichten. Im Juni bezieht das Guthrie Theatre seinen neuen, im ältesten Mühlenviertel am westlichen Mississippi-Ufer entstandenen Bau von Jean Nouvel, und im gleichen Monat wird Michael Graves’ Erweiterung des Minneapolis Institute of Arts eröffnet.

Mehr öffentlicher Raum

Den Anfang aber machte schon im vergangenen Jahr die Erweiterung des Walker Art Center durch Herzog & de Meuron, das sich am westlichen Rande der Innenstadt befindet, direkt am Tunnelmund des hier unterirdisch geführten Interstate Highway 94. Die Institution geht zurück auf den Holzhändler Thomas Barlow Walker (1840–1928), der im ausgehenden 19. Jahrhundert alles zusammengetragen hatte, was reiche Sammler in den USA gerne sammelten: Europäische und amerikanische Landschaftsmalerei, Kunst der indigenen Völker der beiden Amerikas, japanische Netsuke, chinesische Jade, Antike und Kunstgewerbe aus verschiedenen Ländern. 1879 öffnete die erste Galerie in Walkers Privatvilla, 1927 liess er am jetzigen Standort ein Museumsgebäude errichten.

Dieser typische eklektische Sammlungsmix wurde erst in den Dreissigerjahren von Daniel Diefenbacher in Frage gestellt. Der seinerzeitige Direktor begann, das Museum gemäss seinem Credo «actual participation in arts and crafts by everybody» grundsätzlich neu zu programmieren: Neben dem Ausstellungsbetrieb veranstaltete er Workshops, Performances und Vorträge – und nannte die bisherige Galerie in «Center» um. Zudem wurde unter Diefenbacher und seinen Nachfolgern der Fokus der Sammlung auf die Gegenwart gerichtet, von Teilen der alten Bestände trennte man sich. Heute besitzt das Center etwa 13 000 Kunstwerke und gilt als eines der bedeutendsten Museen für Gegenwartskunst in den USA. Besondere Sammlungsschwerpunkte bestehen im Bereich Film und Video, digitale Kunst sowie Künstlerbücher und Multiples. 1988 wurde der Skulpturengarten auf dem nördlich benachbarten Grundstück angelegt. Schon 1971 war nach Entwurf von Edward Larrabee Barnes ein neues Museum errichtet worden – ein backsteinverkleideter orthogonaler Turm aus im Spiralryhthmus ansteigenden Sälen mit weissen Terrazzoböden.

Die Erweiterung der Sammlung, aber auch die zunehmenden Aktivitäten des Museums zwangen seit den Neunzigerjahren zu einer Erweiterung. Entsprechend der 1999 gestarteten Initiative More than a Museumversteht sich das Walker Art Center als «only museum in the country persistently engaged in establishing the relationship among artistic activities that occur in the light and dark spaces of galleries and theaters, between static and moving pictures, between real and fictive time». Im Jahr 2000 baten Kathy Halbreich, die Direktorin des Walker, und Chefkurator Richard Flood Herzog & de Meuron um Entwürfe für eine Erweiterung. Dabei sollte es nicht in erster Linie – wie bei den üblichen Anbauten an Museen – um einen Zuwachs an Hängefläche gehen; vielmehr war es das Ziel, das Center in seiner Funktion als öffentlichen Ort zu stärken. Neben Wechselausstellungssälen forderte das Programm einen multifunktionalen Theatersaal sowie neue Foyer- und Restaurantbereiche.

Man kann das Projekt der Architekten aus Basel als Hommage an den seinerzeit Massstäbe setzenden Ursprungsbau von Barnes verstehen. Herzog & de Meuron errichteten nicht nur einen zweiten Turm, der hinsichtlich seiner Grösse mit dem bestehenden Galerievolumen korrespondiert, sondern sie verknüpften alt und neu mit einem flachen Baukörper, der den Sockel des bestehenden Museumsgebäudes entlang der Hennepin Avenue nach Süden hin fortsetzt, im Gegensatz zu diesem aber völlig verglast ist. Der neue Turm, der vor allem das Theater enthält, kragt über den Sockel zur Strasse hin aus, so dass die beiden hoch ragenden Volumina gleichsam einen Vorplatz definieren. Es war ein explizites Ziel des Erweiterungsprojektes, öffentlichen Raum zu schaffen; Raum für die Besucher des Museums und die Veranstaltungen im Walker; Raum aber vor allem, um das bisher sich introvertiert, ja hermetisch gebende Museum mit der Stadt zu verknüpfen. Das ist besonders wichtig in einer amerikanischen Stadt wie Minneapolis, in der öffentlicher Raum beinahe nur noch in kommerzialisierter und privatisierter Form besteht.

Betritt man das Museum vom Vorplatz aus – eine anderer Zugang besteht über die ebenfalls von Herzog & de Meuron entworfene Tiefgarage –, so gelangt man in das Foyer, von dem aus man entweder den neuen Turm betreten kann und dann das von Wolfgang Puck betriebene Restaurant, das Theater und eine Skylobby («skyline room») ganz zuoberst erreicht. Der Weg der Galeriebesucher aber führt entlang der 76 Meter langen Glasmauer, die einen Blick über den Highway auf das Stadtzentrum gewährt, Richtung Altbau; der Boden aus Backstein ist wiederum eine Reverenz an das Barnes-Museum. Aus der orthogonalen Geometrie ausscherend, sind drei neue Ausstellungssäle in die Sockelzone eingelagert. Der nördlichste der Räume leitet über in die Galeriespirale des Altbaus; vom Foyer aus kann man in das Stockwerk darüber gelangen, von der geräumigen rückwärtigen Lounge aus in das Basement, wo sich Kino- und Vortragssaal befinden.

Expressive Dynamisierung

Selbst streng orthogonal konzipiert, tragen die neuen Säle im Sockelbereich auf Grund ihrer verkanteten Positionierung dazu bei, dass die sie umgebenden Foyerzonen expressiv dynamisiert werden und distinkte Teilbereiche entstehen lassen. Noch deutlicher zeigt sich diese im atemberaubenden Treppenhaus des Theaterturms – sowie an dessen Gestalt und Fassadenhaut. Scherenschnitte, welche im gefalteten Papier homologe Formen erzeugen, standen am Anfang des Entwurfsprozesses. Schliesslich wurde die Fassade mit einer Gitterstruktur aus geknicktem, gestanztem und wie geknüllt wirkendem Aluminium verkleidet. Im Gegensatz zu dem wuchtigen Volumen von Barnes wirkt der durch seine Auskragung wie schwebend erscheinende Turmkristall von Herzog & de Meuron filigran; bei Sonnenschein lässt ihn die strahlende und funkelnde Oberfläche nachgerade zur Stadtkrone werden. Durchbrochen wird die Haut von diversen polygonalen Einkerbungen und Fensteröffnungen, die zum Teil flächig gehalten sind, wie etwa vor dem Restaurant, zum Teil aber auch punktuell einen Bezug zwischen innen und aussen herstellen und den Ausblick auf bestimmte landmarksder Stadt inszenieren.

Frappierend in seiner Ausstattung wirkt das Theater mit 350 Sitzplätzen, das als multifunktionales Studio diversen Nutzungen Raum geben kann. Vor zehn Jahren wäre so ein Saal mit Sicherheit als Black Box gestaltet worden; hier ist der mit Rängen ausgestattete Innenraum mit einem omnipräsenten Ornament versehen, das an Spitzendessous erinnert. Herzog & de Meuron haben das florale Muster von einem Brokatstoff übernommen. Als beginne es, ein eigenes Leben zu führen, taucht das den Theatersaal bestimmende Rankenornament auch an anderen Stellen des Gebäudes auf: in den Betonplatten des Vorplatzes, an den Laibungen zu den Eingängen der neuen Ausstellungssäle und an der Einfahrt zur Tiefgarage.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese, 21.04.2006

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hannes Mayer

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