Bauwerk

MoMA
Yoshio Taniguchi - New York (USA) - 2004

Die Leichtigkeit eines Monuments

Die Kathedrale der Moderne steht wieder ohne Gerüst. New Yorks MoMA hat durch den japanischen Architekten Yoshio Taniguchi eine Erweiterung und Aufwertung zugleich erfahren. Aus New York berichtet Michael Freund.

20. November 2004 - Michael Freund
Yoshio who? Vor acht Jahren, als er den Zuschlag bekam, war der Architekt Taniguchi nur Insidern als Schöpfer von mehreren beachtlichen Museumsbauten in seinem Heimatland Japan bekannt. Doch jetzt, wo die Eröffnung des von ihm erweiterten und neu gestalteten New Yorker Museum of Modern Art über die Bühne gegangen ist (am heutigen Samstag kann das Publikum es endlich stürmen), jetzt wird er als Liebling seiner Auftraggeber gefeiert. Er habe tatsächlich das Museum wieder in den Hintergrund treten lassen, „als ob es sich in dünne Luft auflösen würde“, wie die New York Times schwärmte. Und Glenn D. Lowry, MoMA-Chef und Auftraggeber, legte noch eins drauf: „Yoshio hat einen nahtlosen Fluss zwischen dem öffentlichen und dem Museumsraum geschaffen.“

Das stimmt Gott sei Dank nur zum Teil. Denn schon in sich ist der Bau nicht ohne Nähte und Brüche und sollte es auch gar nicht sein. Die Moderne, die er enthält und zur Diskussion stellt, ist nicht zuletzt durch das Widersprüchliche, Ungleichzeitige, Gebrochene gerade in einer Stadt wie New York charakterisiert.

Die Baugeschichte des MoMA reflektiert das. Als ob es ein Gesetz wäre, wird es ungefähr alle 20 Jahre generalüberholt und erweitert. 1964 ergänzte Philip Johnson seine erste eigene Heimstatt (zuvor hauste das vor genau 75 Jahren eröffnete Museum in Provisorien). 1984 setzte Cesar Pelli einen langweiligen Wolkenkratzer drauf, dessen Vermietung allerdings für ein beträchtliches Jahreseinkommen sorgt. Die nunmehrige Ergänzung belässt Stile und Materialien in ihrer teilweisen Dissonanz nebeneinander, ergänzt sie durch neue (perfekt glatter schwarzer Granit, grau und weiß quer gestreiftes Glas, geripptes Aluminium) und schafft so eine Galerie der Lesarten, eine Geschichte moderner Architektur - ohne Postmoderne, da hat sich Taniguchi bewusst zurückgenommen (siehe Interview).

Und er hat die ganze Anlage neu konfiguriert, indem er den Skulpturengarten zum Mittelpunkt zwischen Education-Wing, sechsstöckigem Galerienbau und Restaurant gemacht und zur benachbarten 54. Straße hin geöffnet hat, die früher hinter hohen Mauern nur als Lärm präsent war. Nun kann man bereits von hier aus das legendäre Pininfarina-Coupé Cisitalia, einziges Auto der Designsammlung, hinter Glas im zweiten Stock rot leuchten sehen - ebenso wie die Besucher durch Skylights, schräge Öffnungen und überraschende Durchreichen auf den Trump Tower blicken können, auf die St.-Thomas-Kirche, alte Brownstone-Gebäude oder das kecke Chippendale-Häubchen von Johnsons AT&T-Hochhaus.

Austausch in der Tat, und Taniguchi hat diese Idee in den Galeriestockwerken fortgesetzt, wo nun quer durch das enorm hohe Atrium Perspektiven und Bezüge möglich werden, die in der linearen Einkastelung des Vorgängerbaus nicht gelingen konnten. Die Sammlung ist luftiger geworden. Die Architektur auch, wie MoMA-Architekturkurator Terence Riley im Gespräch mit dem STANDARD betonte: „Es ging darum, den Bau quasi zu dematerialisieren. Je weniger man sah, umso teurer wurde es. Zum Beispiel hat Yoshio die Böden bzw. Decken schmäler werden lassen, indem er die Stahlträger anbohrte und daher bestimmte Leitungen durch sie statt unter sie legen konnte.“ Riley, der mit dem Architekten eng zusammenarbeitete, schätzt dessen „Abstraktheit“ („wie bei Italo Calvino: eine verschwindende Leichtigkeit“) und vergleicht sie mit der eher erdigen, schwereren Herangehensweise von Tadao Ando.

Leichtigkeit kann man dem neuen MoMA dennoch nicht wirklich attestieren. Eher strahlt es mehr noch als bisher aus, was zu seiner Rolle geworden ist: Powerhouse und Schiedsrichter der modernen Kunst zu sein und über den Dingen zu stehen. Von den Materialien über die grafische Identität bis zu der für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlich hohen Verarbeitungsqualität im Detail sagt der Neubau über sich: „Du sollst keinen Zweiten neben mir haben.“ Und das mitten im Chaos von Midtown statt auf einem hehren Hügel und ohne billige Angebergeste: Das ist der eigentliche Kunstgriff des Architekten.

Yoshio Taniguchi (67), Sohn und Enkel von Architekten, Architekturstudium in Harvard, doch in Tokio verwurzelt, wirkt auch nicht wie jemand, der sich zu hochtrabender Expressivität hinreißen lässt. Eher führt er sie auf Augenhöhe zurück. „Wir haben keine Kinder“, sagt er. „Es ist, als wäre das MoMA-Projekt meine Tochter.“

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