Bauwerk

Haas - Haus
Hans Hollein - Wien (A) - 1990
Haas - Haus, Foto: Sina Baniahmad
Haas - Haus, Foto: Sina Baniahmad
Haas - Haus, Foto: Sina Baniahmad

Landeplatz fürs Christkindl

Hans Holleins Haus am Wiener Stephansplatz

15. Oktober 1990 - Otto Kapfinger
Wie kaum ein anderer Bau wurde das" Eckhaus der Nation" in der Wiener Öffentlichkeit während der Planungs- und Bauzeit diskutiert, verdammt und bejubelt. Die einen beschworen den Untergang des Abendlandes die anderen feierten den späten Einzug des 20. Jahrhunderts in die verstaubte Donaumetropole.

Jetzt ist das Haus fertig, und das Ergebnis läßt sich zunächst in fünf Sätzen umreißen. Das Hans-Haus neu zu bauen war notwendig, unbedingt, doch seine Bedeutung wird, trotz alter zivilen Aufregung und medialen Ausschlachtung, überschätzt. Die an den Neubau geknüpften städtebaulichen Hoffnungen haben sich nicht erfüllt - diese Chance wurde vergeben. Touristisch und wirtschaftlich gesehen hat die City unbestreitbar ein maßgeschneidertes Highlight gewonnen. Architektonisch bietet dieses glitzernde, den begehrlichen Blicken auf das Panorama der Stadt und der Waren gewidmete Okular eine opulent verpackte Enttäuschung. In ihrer Essenz, der Darbietung einer zeitgemäßen Phantasmagorie - hier von „Lebenskultur“, dort von „Baukunst“ -, sind Inhalt und Form, Warenhaus und Hülle nahtlos zur Deckung gebracht.

Im Verlauf der Polemik rund um dieses Projekt standen immer wieder „kulturelle“ Einwände im Vordergrund: Es sei ein profaner „Konsumtempel“, eine „Luxusboutique“, die da dem Stephansdom schamlos an den Leib rücke - eine eher lächerliche, bigotte Entrüstung. Als Wien noch Großstadt war und der Dom für die katholische Monarchie und Dynastie ungleich mehr Symbolkraft hatte, prangten direkt vor dem Riesentor drei Stockwerke hoch die Schaufensterfronten der Rothbergerschen Warenhäuser. Das ökonomische Kalkül war damals kein anderes als heute. Wo sonst sollten die exklusiven Modeläden zu finden sein als an den teuersten, prominentesten Plätzen im Zentrum? Grundstückspreis und Rendite sind bekanntlich zwei Seiten derselben Münze. Im Unterschied zur Gründerzeit ist heute der Stephansplatz überdies neben dem Karlsplatz der wichtigste U-Bahn-Knoten der Stadt - und funktioniert die zur Fußgängerzone aufgerüstete Kärntner Straße mehr denn je als Aufmarschschneise für schau- und kauflustiges Volk.

Die Verkehrsfreirnachung, die Dekorierung der Kärntner Straße sowie die Anlage der U-Bahn-Stationen unter dem Stephansplatz waren urbanistische Fehlentscheidungen, die heute aber niemand mehr missen will. In den Szenarien dieser beiden Fakten setzt das neue Haas-Haus einerseits den logischen Schlußstein und schuldet ihnen eben andererseits das Kompromißhafte des Ganzen, die Tragik eines Baukörpers, der vergeblich versucht, in einen optisch sakrosankten, auch technisch offenbar nicht mehr bebaubaren Stadtraum einzugreifen.

Jacob Rotbbergers Kaufhäuser (Architekten: Fellner & Helmer) geben auch dem zweiten populistischen Hauptvorwurf - „Glasmonster im Altbauensemble“ - eine delikate, weil historische Antwort: Seine 13 Meter hohen, insgesamt über 40 Meter langen Portale bestanden aus durchgehenden, proto-modernen Glastafelrastern, die in der Art der späteren „curtain-walls“ den Stockwerken vorgehängt waren. Hätten diese beachtliche Glasfronten (in den oberen Geschossen von Neorenaissance-Formen kontrastiert) den Krieg überlebt, stünden sie heute garantiert unter Denkmalschutz.

Ist das Programm des Hauses also der Kommerzialisierung und Touristifizierung des Zentrums bruchlos eingefügt, so sind die städtebaulichen Argumente des Architekten leere Versprechungen geblieben. Schon irn ProJektstadiun. absehbar, daß mit einem gegenüber dem alten Haas-Haus marginal größeren Volumen keine überzeugende räumliche Fassung das Stock-im-Eisen-Platzes gelingen kann. Noch dazu wirken die optischen Effekte der vom Ende der Kärntner Straße aus wirksamen Hauptansicht durch die formale Heterogenität und die abrupten Maßstabswechsel nicht raumbildend, sondern regelrecht raumsprengend.

Es beginnt bei der zu stark forcierten Rundung zum Graben hin, wodurch die ominöse Ecke nicht räumlich gerichtet, sondern richtig „schnell“ gemacht ist, setzt sich fort in den Widersprüchen zwischen der grob proportionierten, abgetreppten Lochblende, dem kleingliedrigen, kraftlosen Gebäudesockel darunter und den an sich perfekten, zu den anderen Fassadenteilen aber hermetisch abgesetzten Spiegelglasflächen - und mündet in die asymmetrische Wirkung des Erkers, der den Platzhorizont mit dem verglasten Oberteil plötzlich in die Höhe reißt, während der untere Teil den heiklen, bodennahen Bereich der Auskragung mit allerlei Schrägen und Kanten traktiert.

Gerade diese Ansicht, die wichtigste, ist sowohl für sich als auch im Verhältnis zum Stadtraum die schwächste. Der Bau wirkt da wie eine gläserne Eruption, die auf halbem Weg in einer steinernen Eierschale steckenblieb. Ungleich besser ist der Anblick vorn Platz vor dem Churhaus, wo sich das überfrachtete Volumen in der Verkürzung strafft und als Kopf des gesamten Baublocks zwischen Graben und Goldschmiedgasse erscheint. Auch die Auskragung ist da durch die Frontalsicht „entschärft“, wogegen sie vorn anderen Ende des Stephansplatzes her gesehen gleichsam aus dem Nichts in den Raum hereinragt.

Eckhaus der Nation,
Verdammt und bejubelt

Man muß Hans Hollein zugestehen, daß er das virulente Äußere des Gehäuses zumindest in der Farbgebung (hellgrüner Quarzit, Aluminium, Glas) recht gut zusammenhält, ja die aus allen Nähten platzenden Formkollisionen damit geschickt, beinahe nobel zurücknimmt. Dennoch: Unter der perfekten Oberfläche erweisen sich etliche Einzelelemente als ungelöst.

Besonders das abgetreppte Stück zum Graben mit der aufwendig verarbeiteten Steinbekleidung erinnert fatal an einen hochgeklappten Fußbodenbelag und zitiert ein reichlich verbrauchtes Motiv. Auf diese untektonische Außenhaut bezogen, wurde wiederholt an Gottfried Seinpers „Bekleidungstheorie“ und ihre Interpretation durch Otto Wagner (Majolikahaus) und seinen Umkreis (Fabiani, Plecnik) erinnert. So naheliegend solche Referenzen sein mögen, einer näheren Prüfung halten sie nicht stand. Ein Blick etwa auf Fabianis Fassade für Portois & Fix in der Ungargasse genügt, um die Spanne zwischen der subtilen Klasse, der Grandezza der Jahrhundertwende, und den bemühten Formalismen der Gegenwart zu verdeutlichen.

Hollein verhüllt einen im Grundriß nicht übermäßig klar aufgeteilten Skelettbau zum Graben hin mit einer schweren Steinhaut, zum Stock im Eisen hin mit einer richtungslosen Glashaut, im Sockelbereich durchgängig mit einer nichttragenden Skeletthaut. Der irritierende äußere Eindruck seines Hauses kommt nicht zuletzt dadurch zustande, daß der tragende Aufbau von den Oberflächen beliebig überspielt und verdrängt wird und daß die äußere Membran mit den Innenräumen keine eindeutig lesbare Wechselwirkung herstellt. Gleichwertige Räume liegen beispielsweise hinter ganz verschiedenen Fassadenelementen, verschiedene Konstruktionsarten dafür hinter gleichen Oberflächen.

So unruhig und plakativ das Gebäude dasteht, so komplex ist tatsächlich seine Innenwelt. Das Kernstück bildet ein fünfgeschossiges Atrium, von einem Kunstlicht-Himmel überwölbt. Um auf dem seichten, verzwickten Bauplatz den Innenraum virtuell zu vergrößern, hat Höllein die Halle als Kreisbogenfragment angelegt -unter anderem deshalb, weil auch ein unvollständiger Kreis vom Auge unwillkürlich ergänzt wird und die Raumgrenzen verwischt; ein bekanntes Phänomen, das Hollein bereits beim Siemens-Casino in München und beim Beckschen Laden in New York benützte. Ein weiteres kniffliges Problem betraf die attraktive Einbeziehung des Untergeschosses (mit zusätzlichen Läden und dem Café Haas) in die Halle, was vorzüglich gelungen ist. Man hat im immer noch „prominenteren“ Erdgeschoß nie das Gefühl, sozusagen am Nullniveau zu stehen.

Mit offenen, galerieartigen Gängen umfaßt dieser Binnenraum im Dreiviertelkreis ein ausgeklügeltes Erschließungssystern, eine mit Rolltreppen, Stiegen und Brücken großzügig instrumentierte Bewegungs- und Schaumaschine, die das Publikum via „Erlebnisarchitektur“ zum Flanieren über alle fünf Ladengeschosse anregen soll. Dieser zurückgestaffelte, nach oben zu reicher und reicher ausgestattete Treppenberg präsentiert sich im Gegensatz zu den technoid gehaltenen Galerien als archaisches, an Piranesische Visionen gemahnendes Bühnenwerk.

Hollein hat hier keine Ecke in Ruhe gelassen, reiht Detail an Detail, Blickpunkt an Blickpunkt, fügt Material an Material, Bodenmuster an Bodenmuster, stößt roten Stein an grauen Stuccolustro, beigen Stein an grünen Stein, schwarzen Stein an Lippenstift-grelles Blech, häuft konvexe Bögen über konkave Bögen, knüpft Durchblicke an Tiefblicke, dramatisiert weite Spiegeleffekte mit engen Passagen und Wendungen. Dieser säkularisierte Kalvarienberg kulminiert in einer Art-deco-Aussichtskanzel vor einer fragilen Seufzerbrücke in leuchtendem Rot, ehe die Wegspirale entlang einer mit blauer Bemalung entstofflichten Wand abwärts sinkt.

Walter Benjamin hat die legendären Pariser Passagen und Warenhäuser als die Stätten der kommerziellen Verführung, der sinnlichen Überwältigung des Publikums gedeutet. Die Stimmung ihrer märchenhaften Innenraum-Inszenierungen, welche den Tauschwert der Waren in eine pseudosakrale Aura erheben, hat Hollein bei seinen bekannten Juwelierläden ins Mikrokosmische transportiert. Ähnliches versuchte er nun am Haas-Haus im großen Maßstab. Was im intimen Format der Laden-Etuis, auch noch beim demolierten Verkehrsbüro adäquat war
und durch das Miniaturhafte sogar ironische Distanz, den Balanceakt am Kitsch entlang zuließ, kippt in der öffentlichen, städtischen Haas-Haus-Halle ins Übermaß.

Ironie?
Hier ist alles blutiger Ernst!

Ironie und Selbstreflexion, von einem Avantgarde-Baukünstler und einem deklarierten Manieristen beim Flirt mit dem Symbolischen, dem Banalen oder dem Populären im Sinne von Umberto Eco gefordert, sind am Haas-Haus, Punkte ausgenommen, nicht mehr spürbar. Hier ist alles blutiger Ernst. Die ganze äußere und innere Verpackungsvirtuosität über belanglosen Unterkonstruktionen geriert sich zu gravitätisch. Die Boutique schmeckt zu sehr nach Museum. Da ist zuwenig Schmiß, zuwenig großstädtische Lockerheit oder zuwenig echte Noblesse, je nachdem. Ereignet sich da, mit höchstem Einsatz erkämpft, auf E-Niveau, was bisher Hundertwasser im U-Sektor bot?

Holleins Haus ist verspätet, insofern dieses Spiel mit den Oberflächen, den Ikonographien, Bedeutungen und Wir-kungen - für die siebziger Jahre brisant und signifikant - inzwischen zur Genüge strapaziert wurde. Man hat sich daran sattgesehen.

Daß Holleins Stärke nicht in einer räumlich-konstruktiv entwickelten Ar-chitektur liegt, sondern in der zelebrierten Symbiose kontroversieller bildhafter Wir-kungen, ist nicht erst seit dem Haas-Haus klar, zeigt sich aber genau da in ihren Grenzen. Wie anfällig eine nicht-struktu-relle, metaphorische Architektur in dieser Dimension für unkontrollierbare Störun-gen ist, illustrieren verschiedene Laden-einrichtungen anderer Designer, deren zweit- bis drittklassige Postmodernität dem vorgegebenen Rahmen in den Rüc-ken fällt.

Wer nun behauptet, ein neues Haas--Haus hätte man in den späten achtziger Jahren cooler und struktureller, technisch brillanter, konstruktiv kühner und trans-zendenter, im Detail knapper und rauher realisieren können, mag im Licht der aktuellen Entwicklung der Szene rundum recht behalten. Dem steht jedoch das Faktum gegenüber, daß der Coup des Bürgermeisters und der Bauherrschaft bei den damals herrschenden Randbedingun-gen in Wien nur mit Hans Hollein - 1985 auf dem Höhepunkt seiner internationalen Reputation - durchzustehen war. Und angesichts der hiesigen baubürokrati-schen Verkalkung konnte vermutlich nur Hollein so viel aus der Sache herausholen.

Die Boutique schmeckt nach Museum

Den Höhepunkt dieses gebauten Par-cours der Schaulust bietet das Dach-Café. Es ist tatsächlich so präzise dirnensioniert, daß von allen Sitzplätzen der Dom samt Südturm vollständig gesehen werden kann. Von dieser hohen Warte aus wird einem aber auch schockartig bewußt, wie sehr der städtebauliche Kahlschlag des 19. Jahrhunderts den Dom isoliert hat und wie mickrig ihn der kleinkarierte Plattensee über den U-Bahn-Decken um-flutet. Da werden auch Holleins Eingriffe am Stock-im-Eisen-Platz, die zu Recht kritisierten Säulen und die Fortsetzung der räumlichen Drangsal des Hauses im neuen Bodenmuster, nichts verbessern.

Sosehr sie den öffentlichen Aufruhr provozierte - die Dachlandschaft zählt zu den Stärken des Hauses. Und zwar des-halb, und das soll nicht zynisch verstan-den werden, weil in dieser rein dekorati-ven, „zweckfreien“ Architektur Holleins Inszenierungskunst wieder ihre eigene Autonomie findet: Ein Flugdach, das schon als Laufsteg für potentielle Selbst-,Mörder prognostiziert wird; ein Tempel-chen auf den höchsten, auch vom Platz noch sichtbaren Punkt als Krone hinauf-gehoben, unter der ein funktionsloser Sockelraum gleicher Größe übrig blieb, ein poetisches Zeichen über entrückter Leere, nächtens gleißend ausgeleuch-tet ... „Landeplatz fürs Christkindl“ nannten es die mit dem Finish dort oben beschäftigten Spengler und Schlosser.

Hat nicht Hans Sedlmayer daran er-innert, Rudolf IV. hätte seinen „Dom“ wohl mit dem „Kristallmantel einer Kathedrale“ bekleidet, doch unter die-sem Königskleid sei St. Stephan die bloß äußerlich aufgewertete Hallenkirche ei-ner Bürgergemeinde geblieben? Wäre der von Sedlmayer behaupete „taumelige Schwindel der Innenraumwirkung“, in den die Kathedralräume den mittelalter-lichen Besucher versetzten, vergleichbar mit den illusionistischen und irritieren-den Effekten, die das neue Haas-Haus innen und außen hervorruft?

Die Baukunst des Mittelalters erstrebte ein Abbild des Himmels, die massenlose Raumwirkung unendlicher Höhe. Der Geschmack des 19. Jahrhunderts wollte diese Himmelsarchitektur als isoliertes Monument mit musealem Blick betrach-ten. Das späte 20. Jahrhundert will ande-res: die städtebauliche Lücke verkleinern und das Ganze den Augen der Gäste und der Parvenus vollendet aufbereiten.

So schlägt der glanzvolle neue Kon-sumtempel sein postmodernes Pfauen-rad, so weit er kann. Und er veredelt den früheren Blick von der Straße zur Apo-theose des Photoblicks unter dem kecken Baldachin. Jetzt kann man von unten diejenigen photographieren, die von dort oben ihre Schnappschüsse nach noch weiter oben tätigen. Der Schluß bleibt Christian Morgenstern: „Die alle blickt hinwiederum / ein Gott von fern an, mild und stumm.“

Erschienen im Presse Spectrum

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