Bauwerk

Wohnanlage
Jean Nouvel - Wien (A) - 1998
Wohnanlage, Foto: Friedrich Achleitner
Wohnanlage, Foto: Friedrich Achleitner
Wohnanlage, Foto: Friedrich Achleitner

Die Maschen der Wirklichkeit

An der hiesigen Bautradition hat sich Jean Nouvel bei der Planung seiner Wohnhausblöcke in Wien-Floridsdorf orientiert. Und hat dabei zwischen Schrebergärten und Schnellstraßen so etwas wie städtische Ordnung hergestellt

27. September 1997 - Christian Kühn
Stararchitekten sind Markenartikler. Wer bei Richard Meier kauft, wird stets denselben im Quadratraster arrangierten Corbusier-Verschnitt bekommen, ganz gleich, ob er ein Rathaus für Amsterdam oder ein Museum für Barcelona bestellt hat. Frank Gehry garantiert skulptural-dekonstruktive Lieferungen eher organischen Zuschnitts, während bei Zaha Hadid Ähnliches in kantenbetonter Ausführung zu erhalten ist. Natürlich haben diese Architekten Qualitäten jenseits solch oberflächlicher Zuordnungen: Ihr internationaler Marktwert gründet sich jedoch in erster Linie auf formale Exklusivität.

Jean Nouvel, der sicher zur Spitzengruppe internationaler Architekturstars gehört, fällt in dieser Hinsicht aus dem Rahmen. Seine Bauten zeigen kein gemeinsames Repertoire, Formen und Materialien wechseln von Projekt zu Projekt: Das Kulturzentrum in Nantes ist ein schwarzer Quader mit einer Außenhaut aus Gitterrosten; die Fondation Cartier in Paris ein reiner, entkernter Glaskubus; die Mediathek in NŒmes wollte Nouvel völlig unter Erdniveau legen; mit dem „Tours sans fins“ in La Défense mit seiner Fassade aus schwarzem Marmor und bedrucktem Glas lieferte er den Entwurf für das höchste Hochhaus Europas.

Nouvels bekanntester Bau ist das Institut du Monde Arabe in Paris, bei dem er formale Elemente der islamischen Architektur in eine technoide Struktur übersetzt hat, die sich auf den zweiten Blick als ironischer Kommentar zur Ideologie des High-Tech zu erkennen gibt: kein kraftvoller Organismus, wie es noch das Centre Pompidou sein wollte, sondern ein kunstvoll arrangiertes Nebeneinander technischer Finessen.

Für Wien hat Nouvel einen Entwurf zur geplanten Expo 96 gemacht und einen für den Neubau der Generali-Versicherung am Schwedenplatz. Sein Versuch, einem sachlichen Bürohaustypus ausschließlich durch die Behandlung der Fassade Würde und Poesie zu verleihen, konnte in Wien auf kein Verständnis treffen. Der Auftrag ging an Hans Hollein und damit an einen Wiener Markenartikler mit Hang zum Skulpturalen. Als Kompensation darf Nouvel für denselben Bauherrn ein Bürohaus in Vorarlberg bauen.

Im Wohnbau hat Nouvel in Wien zuletzt mit seinem Beitrag für den Umbau der Gasometer in Simmering von sich reden gemacht. Sein Projekt ist das einzige unter den jetzt geplanten, bei dem das Industriedenkmal nicht zur Kulisse degradiert wird, sondern die Einbauten sich der strukturellen Logik der Gasometer anpassen. Der faszinierende Innenraum des Nouvelschen Entwurfs mit seinen spiegelnden Metallverkleidungen könnte zumindest klaustrophobieresistente Gemüter überzeugen.

In der Leopoldauer Straße im 21. Bezirk hat Nouvel eine Anlage mit 75 Wohnungen geplant, die eben fertiggestellt wurde. In einer Umgebung, die im wesentlichen aus Schrebergärten und Schnellstraßen besteht, versuchte Nouvel hier so etwas wie städtische Ordnung herzustellen. Viergeschoßige Zeilen bilden eine Art Blockstruktur, die an den Ecken offen bleibt, um Stiegenhäuser und Durchgänge aufzunehmen. Im Inneren dieses lockeren Blocks findet noch ein freistehendes Gebäude Platz.

Den geringen Anteil an gemeinsamen Grünflächen, der sich aus der dichten Bebauung ergibt, hat Nouvel durch die Schaffung von jeweils den Wohnungen zugeordneten Freibereichen kompensiert. Jede Wohnung im Erdgeschoß hat zur Straße hin einen Garten und auf der Hofseite eine Terrasse. Markiert sind diese Bereiche nicht durch den üblichen Maschendrahtzaun, sondern durch tiefe Tröge aus Stahlbeton, die von den Bewohnern bepflanzt werden sollen.

Als Trennung zwischen den einzelnen Gärten beziehungsweise Terrassen hat Nouvel ein Element entwickelt, das den Charakter der Siedlung wesentlich bestimmt: meterhohe Rankgerüste aus Stahl, die im jetzt noch unbepflanzten Zustand eher an ein Umspannwerk erinnern, aber im Lauf der Zeit zu grünen Wänden werden sollen. Im Zusammenhang mit diesem Element muß auch die Wahl der dominierenden Gebäudefarbe gesehen werden: Alle Außenwände sind in einem dunklen Weinrot gestrichen, die Betontröge vor den Wohnungen ebenso wie die Holzverschalung der Fassade und die Verblechung des Dachs und der Gesimse. Das dunkle, erdige Rot gibt dem an sich schon gedrungenen Baukörper zusätzliche Schwere, vor der die Bepflanzung umso stärker zur Wirkung kommen wird.

Um Freibereiche auch für die Bewohner der oberen Geschoße zu schaffen, hat Nouvel seine Baukörper terrassiert: Das erste und zweite Geschoß bilden einen breiteren Sockel, die beiden Obergeschoße springen zurück. Bis auf die Räume im Dachgeschoß verfügt damit jeder Wohn- beziehungsweise Schlafraum über seinen eigenen vorgelagerten Freibereich. Große Fenstertüren erlauben in diesen Räumen eine enge Verbindung zwischen Innen und Außen. Schiebeläden mit verstellbaren Lamellen sorgen bei Bedarf für die nötige Abschirmung.

Die Wohnungen selbst sind großteils Maisonetten. Bei den meisten Typen führt der Eingang über einen kleinen Windfang direkt ins Wohnzimmer, Naßbereiche sind in der dunklen Kernzone der tiefen Baukörper zusammengefaßt. Dieser Grundrißzuschnitt ist ungewohnt, spart aber Erschließungsfläche und macht die Wohnungen großzügig - „Nur eine große Wohnung ist eine schöne Wohnung“, hat Nouvel einmal das Leitmotiv seiner Wohnungskonzepte umrissen. Trotzdem geht es in diesen Grundrissen nicht nur um Fläche: Nouvel legt offensichtlich großen Wert auf symmetrische und manchmal geradezu klassische Zuschnitte, beispielsweise bei einigen Maisonettetypen mit zentraler Wohnhalle.

In seiner Projektbeschreibung weist Nouvel darauf hin, daß er durchaus eine persönliche Interpretation des Wiener Kontexts im Sinne hatte. Wien ist für ihn ein Ort, an dem sich byzantinischer Überschwang mit dem Gefallen an der Strenge der Geometrie trifft, zugleich jene Stadt, der es „innerhalb zweier kurzer Jahrzehnte gelungen ist, Psychoanalyse, Zionismus, Zwölftonmusik, Expressionismus, moderne Architektur und Kunstkritik zu erfinden oder wiederzuentdecken, und die während der zweiten Jahrhunderthälfte mit Pichler, Hollein, den Haus-Ruckern und Coop-Himmelblau den Traum der Avantgarde auferstehen ließ“.

Er selbst habe sich in seiner Interpretation des Genius loci an der „Radikalität von Adolf Loos und der Freiheit von Josef Frank“ orientiert, weil sie das „moderne“ Wien am greifbarsten repräsentierten: „Der Fremde muß sich hier bescheiden, ja sogar etwas schüchtern verhalten und versuchen, seinen Beitrag, der auf jeden Fall exotisch sein muß, respektvoll anzupassen.“

Exotisch ist Nouvels Wohnbau schon deswegen, weil er viele gängige Trends unterläuft: eine elementare tektonische Lösung, zugleich aber ein Baukörper mit klarer Physiognomie, der bewußt historische und symbolische Referenzen sucht. Die Qualität von Nouvels Arbeit liegt generell in der Verweigerung jedes Konformismus, in der radikalen, forschenden Auseinandersetzung mit einer vielfältigen und jeweils einzigartigen Realität. „Ich glaube nicht an Generalisierungen, an kein Modell. Mich interessiert die Poesie einer Situation und das Aufspüren von Bedeutungen in einem Kontext der Pluralität.“

Daß die Realität des Wohnbaus in Wien nicht an den Qualitätsansprüchen von Loos oder Frank gemessen werden darf, mußte Nouvel bei der Ausführung seines Projekts gleich in mehreren Punkten erfahren. In der Durchführung durch einen Generalunternehmer blieben einige Elemente, wie die ursprünglich geplanten schlanken Kamine, die dem Gebäude eine ganz andere Silhouette gegeben hätten, gänzlich auf der Strecke. Anderes wurde in veränderter Qualität ausgeführt, die Rankgerüste etwa, wo statt glänzendem Edelstahl eine matte, pulverbeschichtete Lösung zum Einsatz kam.

Verändert wurde auch das Erschließungssystem. Ursprünglich hätten die Treppenhäuser nur überdacht werden sollen; um Auseinandersetzungen mit Baupolizei und zukünftigen Mietern zu vermeiden, wurden sie schließlich völlig geschlossen - eine teure und ästhetisch unglückliche Maßnahme. Daß auch die räumliche Qualität und die Logik der Bewegung zum Komfort eines Treppenhauses zu rechnen sind, hat bei dieser Entscheidung offenbar keine Rolle gespielt.

Wer jetzt aus dem geschützten Treppenhaus erst wieder auf eine offene Terrasse muß, bevor er seine Wohnung betreten kann, wird zu Recht irritiert sein. Die nachträgliche „Einhausung“ der Treppe zeigt Nouvel schließlich als das, was sie ist: Der Glaskobel reicht so knapp an das weit vorkragende Dach, das ursprünglich zum Schutz der Treppe vorgesehen war, heran, daß es weh tut.

Noch in einem anderen kleinen Detail wird die Psychopathologie der heutigen Wohnbau-Realitäten deutlich: Weil Nouvel alle Freibereiche baulich markiert hat, wären zusätzliche Abgrenzungen eigentlich überflüssig. Das Grundstück besteht aber aus drei unabhängigen Teilen, und daher wurden entlang der Grenzlinien Zäune aus Maschendraht errichtet, die streckenweise die Pflanzentröge begleiten, dann wieder einen Hofbereich in zwei ungleiche Teile zerschneiden.

Architektur und juristische Realitäten laufen ignorant aneinander vorbei. Man darf nur hoffen, daß sie irgendwann wieder zueinander finden

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