Wohn- und Atelierhaus
Peter Zumthor - Haldenstein (CH) - 2005
Wohn- und Atelierhaus, Foto: Walter Mair
Wohn- und Atelierhaus, Foto: Walter Mair
Wohn- und Atelierhaus, Foto: Walter Mair

Atmosphären

Peter Zumthor: Wohn- und Atelierhaus, Haldenstein

In Peter Zumthors Haus verdichten sich Erinnerungen, Stimmungen und Sehnsüchte. Das Gebäude – eine Komposition von grosszügigen Räumen und verborgenen Nischen, Offenheit und Geheimnis, sinnlichen Texturen und strengen Formen – strahlt eine ungewöhnliche, heitere Ruhe aus.

von Judit Solt

Ein Wohnhaus für sich selbst zu bauen, ist nicht jedes Architekten Sache. Wenn es dennoch einmal geschieht, kann es zum Ereignis werden. Dem Entwerfer, Bauherr und Nutzer in Personalunion steht bei der Verwirklichung lange gehegter Utopien einmal nichts im Weg, und sowohl Autor als auch Publikum hoffen auf ein exemplarisches Gebäude. Doch das Haus, das aus einer solchen Konzentration auf ein bestimmtes Individuum resultiert, verkörpert nicht nur dessen Entwurfsstrategien und Raumkonzepte; bewusste oder unbewusste Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle drücken sich mit ebensolcher Unmittelbarkeit darin aus. Die Auseinandersetzung des Architekten mit dem Entwurf setzt sich, kaum sind die Bauarbeiten abgeschlossen, mit neuer Intensität am eigenen Leib fort und geht nahtlos in eine tägliche Begegnung mit der eigenen Persönlichkeit über.

In Peter Zumthors neuem Wohn- und Atelierhaus in Haldenstein vollzieht sich dies mit grosser Gelassenheit – vielleicht auch deswegen, weil das Persönliche in Zumthors Architektur ohnehin immer stark präsent ist und sich im eigenen Haus lediglich noch etwas ausgeprägter manifestieren kann. Wie alle Bauten Zumthors ist auch dieser von der sinnlichen Abstraktion individueller Empfindungen geprägt – eine sehr dichte, sehr persönliche Komposition von Stimmungen. Zumthor hat sich mit der Realisierung Zeit gelassen, hat die Bilder reifen lassen, und das merkt man. Doch so intim Haus und Architekt miteinander verbunden sind, so deutlich ist auch, dass diese Verbindung eine Qualität generiert, die über das Persönliche hinausgeht und selbst Besucher zu berühren vermag, die sich auf völlig andere Erfahrungen und Erinnerungen berufen.

Klösterliche Stille

Das u-förmige Gebäude befindet sich gleich gegenüber dem bestehenden Architekturbüro. Trotz seiner Grösse fügt es sich in die Topografie des Dorfes ein: Büro- und Besprechungstrakt sind eingeschossig mit Flachdach, nur der Wohntrakt auf der Nordseite hat zwei Geschosse und ein mit Blech gedecktes Satteldach. Nach aussen gibt sich das Haus weitgehend geschlossen, wobei dieser Eindruck gleichzeitig dadurch relativiert wird, dass der Flügel mit dem Atelier etwas kürzer ist als derjenige mit den Wohnräumen: Auf diese Weise wird der geschützte Hof über der Diagonalen von der Strasse aus sichtbar, und auch ein Blick in die Stube am westlichen Ende des Wohntrakts wird angedeutet.

Ansonsten aber lässt das Haus mit seinen glatten Sichtbetonmauern wenig von seinem Innenleben erahnen. Man betritt es über ein langes und schmales Entree im Wohntrakt, das parallel zum lang gezogenen Gebäudekörper und orthogonal zur Gehrichtung verläuft, und gelangt unvermittelt in Zumthors privates Atelier. Hier herrscht – trotz der relativ exponierten Lage gleich beim Eingang – meditative Ruhe. Der hallenartige, zweigeschossige Raum lässt innehalten. Auf der Südseite, zum Hof hin, ist die Fassade auf der ganzen Höhe verglast; ein sanfter Widerschein organischer Üppigkeit dringt nach innen. Ahornbäume verschiedener Sorten, kunstvoll arrangiert und von den ephemeren Farbtupfern diverser Blumen durchsetzt, evozieren die stille Vielfalt japanischer Gärten. Der ganze Raum atmet Heiterkeit und Konzentration. Die lichtdurchflutete Höhe und die kargen, aber edel verarbeiteten Materialien muten fast klösterlich an: Wände und Decke sind aus feinporigem, seidig wirkendem Sichtbeton, dessen warmer Farbton mit den Nuancen der anderen Baustoffe harmoniert. Verwendet wurden Stahl für die Fensterrahmen sowie eine ganze Palette unterschiedlicher Holzarten, die im ganzen Haus für Türblätter und Regale, aber auch als Verkleidung von Nischen zur Anwendung kamen.

Sinnlichkeit und Geheimnis

Diese sorgfältig mit Holz «gefütterten» Nischen dienen als Orte des Verborgenen und der Geborgenheit. Dazu zählen die präzise in den Beton versenkten Schreine, die in der nördlichen Rückwand des Ateliers als Stau- und Schauraum fungieren, ebenso wie die introvertierte Bibliothek oder die Sitzecke in der Küche. Auch das Kaminzimmer stellt eine Variation dieses Themas dar: Einige Stufen höher gelegen als das Atelier, aber ebenfalls fast zwei Geschosse hoch und auf den Hof ausgerichtet, ist der nahezu quadratische Raum nach dem Vorbild der traditionellen Bündner Stuben ganz mit Holz ausgekleidet. Zum Einsatz kam hier Ahorn; wie ein Futteral fassen die gemaserten Paneele den Raum, dessen Charakter zwischen Geborgenheit und Repräsentation in der Schwebe verharrt. Dieser feinfühlig ausbalancierten Zweideutigkeit entspricht der Umstand, dass zwischen Stube und Strasse zwar ein Sichtbezug existiert, dieser aber durch die leicht erhöhte Lage der Stube wieder etwas zurückgenommen wird.

Ein Pendant hierzu bildet am östlichen Ende des Wohntraktes die Küche: ein länglicher, wiederum etwas höher gelegener zweigeschossiger Raum, der sich über Eck auf das Rheintal und den Calanda-Grat samt Burgruine öffnet. Sichtbeton, Terrazzo, Glas und Chromstahl sind die dominierenden Materialien, aber auch hier gibt es einen Ort des behaglichen Rückzugs: Tisch und Eckbank schmiegen sich in eine eingeschossige Nische, deren Sinnlichkeit – warm schimmerndes Tiger-Redwood und weiches Ziegenleder – die harten Materialien der Umgebung kontrastiert.

Zu diesen mehr oder weniger privaten, aber auch Besuchern zugänglichen Räumen gehören noch das Besprechungszimmer und das Büro. Damit entsteht eine Enfilade von vier auf den Hof orientierten Haupträumen – Stube, Atelier, Besprechungszimmer und Büro. Gegliedert, aber nicht unterbrochen wird dieser Raumfluss durch kompakt wirkende Betonkörper, in denen kleine Kammern eingeschlossen sind. Einige dieser «Höhlen» sind leicht zu finden, wie etwa die Besuchertoilette beim Entree; andere entdeckt man erst allmählich. Im Scharnier von Sitzungszimmer und Büro gibt es beispielsweise ein kleines Archiv; zwischen Stube und Atelier liegt Zumthors Bibliothek, eine ganz mit Holz und Büchern gefüllte Geheimkammer, dessen kleines Lochfenster den Blick auf den Hof fokussiert. Und nicht zuletzt sind auch die Treppen ins Obergeschoss in solchen verborgenen Raumkörpern untergebracht. In diesem Haus gibt es keine Prachttreppe, die den Weg zum Privaten öffentlich inszeniert; und wenn sich im Erdgeschoss Privatsphäre, Arbeit und Repräsentation fein abgestuft vermischen, so endet dies mit radikaler Entschiedenheit dort, wo die Intimität der Bewohner beginnt.

Verborgene Privaträume

Es gibt zwei Verbindungen zwischen Erd- und Obergeschoss, und beide muten wie Geheimwege an. Die eine beginnt in einem kleinen, fensterlosen Archivraum hinter dem Atelier: eine schmale, zwischen zwei Betonwänden eingespannte Treppe, die Assoziationen an versteckte Korridore weckt, wie sie zuweilen in den Mauern von historischen Festungen entdeckt werden. Die andere, etwas breitere Treppe führt in die Küche, bleibt dort aber unsichtbar, weil sie direkt in der geschützten Sitznische mündet, von der sie zudem durch einen Ledervorhang getrennt ist. Durch dieses Verbergen der vertikalen Verbindungen wirkt das Obergeschoss wie eine Welt für sich – ein vom Boden abgehobenes Raummäander mit zwei Schlafzimmern, den zugehörigen Nassräumen und einem langen, verglasten Verbindungsteil, der von einem Arbeitsplatz und einer frei stehenden Holzbadewanne rhythmisiert wird. Zimmer und Verbindungsteil sind grossflächig verglast und bieten schöne Ausblicke auf die Landschaft beziehungsweise den Hof; als Gegensatz zu dieser Weite bilden die mit Stucco Lustro ausgekleideten Nassräume kleine Farbnischen.

Eine Besonderheit des Hauses liegt im Verhältnis von Erd- und Obergeschoss, welche auch ohne sichtbare Verbindung spürbar ineinander verzahnt sind. Während das Erdgeschoss ein Kontinuum von weitgehend offenen Haupträumen bildet, das um den Hof herum angeordnet ist und durch geschlossene, höhlenartige Nebenräume gegliedert wird, findet im Obergeschoss eine weitere Differenzierung statt: Der Raum fliesst hier nicht um den Hof, sondern um den Luftraum des Ateliers herum und wird begrenzt durch den Luftraum von Stube und Küche. Einen Sichtbezug zu diesen Räumen gibt es indes nur an einem einzigen Ort: Im westlichen Schlafzimmer öffnet sich ein quadratisches Guckloch, durch das man ins Atelier hinunter blicken kann. Weil die meisten räumlichen Verzahnungen aber nicht direkt ersichtlich sind, bewahrt das Haus – trotz des zum Teil spektakulären Panoramas, das jegliche Orientierungsschwierigkeit von vornherein ausschliesst, und trotz der puristischen Klarheit seiner Materialisierung – immer ein wenig von seinem Geheimnis.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese, 05.03.2006

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hannes Mayer

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