Bauwerk

Erweiterung Schulanlage Rüschlikon
Ramser Schmid - Rüschlikon (CH) - 2006
Erweiterung Schulanlage Rüschlikon, Foto: Roger Frei
Erweiterung Schulanlage Rüschlikon, Foto: Roger Frei

Grosse Häuser, kleine Häuser

Kleine Hütten und grosse Volumina treffen im Pausenhof der Schulanlage Rüschlikon aufeinander. Mit ihrem surreal erscheinenden Arrangement von Baukörpern gelingt es den Architekten, spielerisch Fragen von Proportion, Massstäblichkeit und Kontextualität zu stellen – und auf spannungsvolle Weise zu beantworten.

08. Juni 2007 - Hubertus Adam

Rüschlikon teilt das Schicksal der Agglomerationsgemeinden von Zürich: Es besitzt eine herausragende landschaftliche Lage, ist aber durch hemmungslose Zersiedlung zu einem Ort ohne Eigenschaften geworden. Auch die Schulanlage stellte bisher ein disparates Konglomerat dar, akzentuiert allein durch den markanten, in seiner reduzierten Formensprache durchaus monumentalen Baukörper des Primarschulhauses aus der Zeit um 1910. Der Komplex liegt leicht unterhalb des Bahnhofs in Hanglage, nicht weit entfernt vom Zürichsee. 2003 entschied sich die Gemeinde, einen Wettbewerb für eine Schulhauserweiterung auszuschreiben. Anlass dafür war die baufällige und überdies zu kleine Turnhalle aus den Fünfzigerjahren. Überdies bedurfte es neuer Räume für die Verwaltung, für den Mittagstisch der Schüler und für Therapien.

Vom Konglomerat zum Ensemble

Die jungen Zürcher Architekten Ramser Schmid konnten sich mit einem Konzept durchsetzen, das aus dem heterogenen Konglomerat ein Ensemble macht. Sie brachen die quer am Hang liegende zweigeschossige Sporthalle ab und errichteten an ihrer Stelle eine neue Doppelturnhalle, die gleichsam in den Hang hineingeschoben ist. Die übrigen Räume sind zu einem viergeschossigen Baukörper gebündelt, der turmartig an der Südostecke aufragt und volumetrisch hinsichtlich seiner Grösse und visuellen Präsenz mit dem Primarschulhaus sowie dem weiter oben am Hang stehenden Gemeindehaus korrespondiert. Gemeinsam umstehen die drei Gebäude den neuen Pausenplatz auf dem Dach der Sporthalle.

Das Auffälligste an diesem Pausenplatz, der sich – kommt man vom Bahnhof – gar nicht als Dachlandschaft zu erkennen gibt, sind insgesamt acht kleine quadratische Häuser, die wie Urhütten anmuten. Sie besitzen flache Satteldächer, die nicht überstehen, sodass die klare, reduzierte Volumetrie betont wird; ausserdem finden sich an jeweils zwei Seiten Fenster. Die surreale Ansammlung dieser Miniaturgebäude auf dem Pausenhof bleibt rätselhaft, bis man an ein Fenster herantritt und der Blick unversehens tief hinunter fällt: Bei den Häusern handelt es sich um die Oberlichter der Sporthalle. Nur zwei der kleinen Hütten werden anders genutzt: Die eine dient als Notausgang und Geräteschuppen, die andere – an das Schulhaus
herangeschoben – als Vestibül. Wird die Halle abends genutzt, wirken die Häuschen wie Laternen, welche den Park erhellen.

Spiel mit dem Massstab

Mit den Hütten gelingt Ramser Schmid zweierlei. Zum einen wird die Fläche des Schulhofs in kleine, distinkte Bereiche unterteilt, die von den Schülerinnen und Schülern für unterschiedliche Spiele genutzt werden. Zum anderen treiben sie ein intelligentes Spiel mit Massstab und Grösse. Denn die kleinen Hütten stehen in ähnlicher Relation zu dem aufragenden Neubau wie die Zwerchhäuser im Dachbereich des Primarschulhauses zu diesem. Die Irritation wird noch verstärkt, wenn man die Treppe zwischen Alt- und Neubau hinuntergeht und dem Komplex umrundet. Die Südseite offenbart am deutlichsten, dass die kleinen Häuser und das Schulhaus nicht einzelne Bauten darstellen, sondern gleichsam als Aufsätze aus einem gemeinsamen Sockel, nämlich der Sporthalle, herauswachsen. Hier wird besonders deutlich erkennbar, wie der geschickt gegliederte Neubaukörper sich visuell mit der Umgebung verzahnt und doch auch klar von der disparaten Bebauung ringsum abgegrenzt ist.

Der Haupteingang zur Halle befindet sich auf der Ebene des unteren Pausenplatzes. Schon vom Foyer aus fällt rechter Hand der Blick durch Glasscheiben über die Tribüne hinunter in die noch eineinhalb Geschosse tiefer gelegene Doppelturnhalle, die mit einer Stahlkonstruktion überdeckt ist. Dreissig Meter messen die Hauptträger in der Längsrichtung, und magisch wird der Blick in die wie Kamine nach oben strebenden Durchbrüche gelenkt, deren oberen Abschluss die kleinen Häuser auf dem Pausenhof bilden. Deren Position folgt dem Deckenraster.

Vom grünen Boden der Sporthalle abgesehen, setzten Ramser Schmid im Inneren nur wenige Farbakzente. Nur das Treppenhaus inmitten des Gebäudes ist in kräftigem Gelborange gehalten. Auch das Äussere bleibt dezent: Ein geschlämmter Anstrich in hellgelblichem Ocker, dessen Tönung auf die Umgebung reagiert, überzieht sämtliche Bereiche der Fassaden und sämtliche Bauteile.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese

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