Bauwerk

AHS Contiweg
Atelier Heiss Architekten - Wien (A) - 2010
AHS Contiweg, Foto: Hertha Hurnaus
AHS Contiweg, Foto: Hertha Hurnaus

Die gläserne Mitte

Eine Schule in Hirschstetten: mit überlegter räumlicher Organisation, freundlichen Gängen und einer Empfangshalle, die Aus- und Einblicke erlaubt. Einziges, den Planungsvorgaben anzulastendes Problem: zu eng bemessene Arbeitsräume für die Lehrer.

4. Dezember 2010 - Liesbeth Waechter-Böhm
Im Schulbau herrschen – ungewöhnlich – klare Verhältnisse. Denn das Programm, das ein Architekt zu erfüllen hat, ist in der Regel recht genau definiert. So kann sich der Planer ganz auf das konzentrieren, was aus einer geforderten Anzahl von Räumen mehr macht als die bloß additive Aneinanderreihung, man denkt über Synergien nach, über abwechslungsreiche Raumfolgen, über die qualitative Überformung der geforderten Funktion.

Beim Schulneubau an der Ecke Contiweg/Aspernstraße in Hirschstetten (Donaustadt) lässt sich das sehr gut überprüfen. Dort hat das Atelier Heiss Architekten – das sind Christian Heiss, Michael Thomas und Thomas Mayer – einen Gebäudekomplex „auf die grüne Wiese“ gestellt, der immerhin 36 Stammklassen umfasst. Das ist eine gewaltige Dimension – eine Seitenfassade ist fast 100 Meter lang. Die Schule ist in diesem Herbst in Betrieb gegangen – es handelt sich um einen nicht ganz neuen, aber neu betitelten Schulversuch namens „Wiener MittelSchule“ –, das heißt sie ist noch nicht voll. Belegt sind 17 Klassen, lauter erste und zweite, nur eine dritte Klasse. Über Schülermangel wird man hier künftig also nicht zu klagen haben, wenn die jetzigen Schüler aufsteigen und neue nachkommen.

Städtebaulich war die Situation eindeutig. Der Haupteingang ist an der Ecke zur Aspernstraße situiert, allerdings wurde das Gebäude sehr weit zurückgesetzt, sodass ein großer öffentlicher Vorplatz entstand. Das war schon aus Sicherheitsgründen (Verkehr) wichtig. Es steigert aber auch die Wirkung der markanten Front mit ihrer gläsernen Mitte, die durch eine Art „Vordachplastik“ bekrönt ist, und den beiden Seitentrakten, in die linsenförmige Öffnungen geschnitten sind. Diese Linsenformen sind das dekorative Leitmotiv, auf das man im ganzen Haus trifft: Oft sind sie verglast und setzen in den langen Erschließungsgängen einen wichtigen Akzent, weil sie Licht hereinholen und Ausblicke ermöglichen; oft sind sie aber auch reine „Dekoration“, gezielt platzierte Elemente, die zeigen, was unter der weißen Oberfläche der ziemlich massiven konstruktiven Wände (60 Zentimeter) ist – Ortbeton. Und in einem Fall, im Festsaal, sind diese Linsen „blind“, also weiß wie die Wand. Übrigens zeigen die Architekten den rohen Beton auch in den Klassen und etwa im Festsaal jeweils als viereckige Ausnehmung an der Decke.

Der Komplex ist um einen großen Innenhof komponiert und nach hinten, zu den Sportanlagen durchlässig. Da ist einer der drei Turnsäle eingegraben, das Gelände steigt an, was die Architekten sehr geschickt für Sitzstufen genutzt haben, die zu einer Bühne orientiert sind. Eine verglaste Brückenverbindung im zweiten Obergeschoß schließt das Viereck des Hofes optisch ab, die Verbindung auf der Ebene des ersten Obergeschoßes blieb offen, da ist man nur regengeschützt. Atmosphärisch profitiert der Schulhof von dieser Durchlässigkeit, er weist gewissermaßen über sich hinaus, wird auch zum Weg.

Sehr gelungen sind die Fassaden zum Schulhof. Inhaltlich gibt es hier kaum einen Anlass für besondere gestalterische Maßnahmen, man würde ruhige Fensterbänder erwarten. Und doch treten einzelne Elemente plastisch und farblich hervor. Es sind die Sammelgarderoben, die über das Haus verteilt wurden und jeweils mehrere Klassen bedienen. Tatsächlich sind Zentralgarderoben üblicherweise große „Nicht“-Räume, daher im Keller und nicht gerade angenehm. Andererseits: Wenn man eine saubere Schule haben will? Die Schuldirektorin fand eine Lösung. Geputzt wird zwischen acht und neun, zur ersten Pause ist der Straßenschmutz also weg.

Alle Stammklassen sind nach außen orientiert, alle Sonderräume zum Hof. In den fast überbreiten Gängen finden sich immer wieder Sitznischen, auf dem Boden liegt ein gelber Kunststoffbelag, die Grundstimmung ist – auch durch das Spielerische der Linsenelemente und der Fensterlinsen an den Gangenden – ausgesprochen freundlich.

Generell wurde die räumliche Organisation gut überlegt. Der Festsaal zu ebener Erde etwa lässt sich bei warmem Wetter in den Hof hinein verlängern. Der Direktions- und Lehrerbereich, auch der Schularzt sind so platziert, dass sie vom Schulbetrieb nicht tangiert werden. Was einem allerdings schonjetzt, wo das Haus nur halb voll ist, ins Auge sticht: Die Arbeitsräume für die Lehrer – durchaus gut möbliert, aber eben doch Großraum-„Büros“ – sind rigoros bemessen. Das sind Vorgaben, an denen der Architekt nicht rütteln kann. Aber wie man hier konzentriert arbeiten soll, wenn man derartig dicht an dicht sitzt, das stelle ich mir stressig vor.

Für echte räumliche Besonderheiten gibt es bei Schulbauten in der Regel nur einen Anlass: und das ist die Eingangshalle, die Empfangsgeste für alle, die das Haus benutzen. Diese Möglichkeit haben Heiss Architekten mit ihrer gläsernen, dreigeschoßigen Empfangshalle bestens genutzt – sie ist lichtdurchflutet und erlaubt nicht nur Ausblicke, sondern auch Einblicke – von draußen nimmt man das Leben drinnen immerhin als bewegte Schemen wahr. Die Architekten haben der Attraktion dieser Eingangshalle aber noch etwas „draufgesetzt“. Nur über der Eingangshalle gibt es ein drittes Obergeschoß, das man von draußen gar nicht so richtig wahrnimmt. Es ist die Bibliothek, die durch eine Art umgedrehtes Dach wie in eine Wanne gebettet scheint. Und diese Wanne ist begrünt, wieder mit linsenförmigen Ausschnitten, Ausblicke auf den Vorplatz und in den Schulhof sind also möglich, der Reiz dürfte aber in dieser völlig unerwarteten Grünmaßnahme liegen. Ich sage „dürfte“, weil bei den jetzigen Witterungsverhältnissen viel Vorstellungskraft gefordert ist, um die Situation nachzuvollziehen. Die Architekten hatten das Bild eines Baumhauses vor Augen, als sie diese Bibliothek konzipierten. Die Schuldirektorin sagt, für sie ist es der schönste Raum im Haus.

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