Bauwerk

Wienerwaldgymnasium Tullnerbach
fasch&fuchs.architekten - Tullnerbach (A) - 2023
Wienerwaldgymnasium Tullnerbach, Foto: Hertha Hurnaus
Wienerwaldgymnasium Tullnerbach, Foto: Hertha Hurnaus

Sanieren unter allen Umständen? Dann gäbe es diese Schule nicht!

Das Wienerwaldgymnasium in Tullnerbach bietet die perfekte Musilsche Kombination von Seele und Genauigkeit. Doch heute würde es so wohl nicht mehr errichtet: Aus ökologischer Sicht hätte man den alten Stahlbetonbau an seiner Stelle erweitern und thermisch sanieren müssen.

15. Juli 2023 - Christian Kühn
Wenn von Innovation im Bauwesen gesprochen wird, ist in der Regel technische Innovation gemeint: Materialien mit immer höherer Leistungsfähigkeit und in immer größeren Formaten; neue Heizungs- und Kühlungssysteme mit Erdwärmesonden und Wärmepumpen, die möglichst CO2-neutral arbeiten; oder neue Lösungen für begrünte Fassaden, die das Mikroklima verbessern. Hinter solchen Innovationen stehen langjährige Forschung sowie industrielle Entwicklung. Der Beitrag der Baukunst – so wird oft behauptet – sei dagegen die blitzartige geniale Eingebung im konkreten Entwurf, die zwar jahrzehntelange Übung brauche, aber im Kern irrational bleibe.

Es gibt dieses intuitive Moment tatsächlich, doch in der Baukunst genauso einen systematischen Erkenntniszuwachs, der mit technischer Innovation durchaus vergleichbar ist. Die dazugehörige Methode wird oft als Typologie bezeichnet, als Auseinandersetzung mit typischen Lösungen für bestimmte Bauaufgaben wie Wohnbauten, Schulen, Theater etc., aber ebenfalls für formale Grundmuster wie Linear- und Zentraltypen. Wichtig ist, dass auf der Basis von Typologien Projekte entstehen können, die einander gar nicht ähnlich sehen: Typen sind abstrakte Muster, die sich an eine konkrete Situation anpassen und mit anderen Mustern kombinieren lassen. Typologische Innovation bedeutet, eine Grundidee systematisch von einem Projekt zum nächsten weiterzuentwickeln.

Gute Architektinnen und Architekten produzieren daher nicht nur Entwürfe für konkrete Projekte, sondern sie schaffen ihre eigenen Typologien. Ein Büro, das in dieser Hinsicht hervorsticht, betreiben die Architekten Hemma Fasch und Jakob Fuchs gemeinsam mit Fred Hofbauer in Wien. Von ihnen stammen die Entwürfe für einige der spannendsten Bildungseinrichtungen der vergangenen Jahrzehnte in Österreich, darunter neben mehreren Universitätsprojekten auch insgesamt 14 Schulen.
Offene Atmosphäre

Schon das erste Projekt, eine 1995 fertiggestellte Sanierung und Aufstockung einer HBLA in Krieglach, fiel durch seine leichte Stahlkonstruktion und raffinierte Lichtführung aus dem Rahmen des Üblichen. Internationale Aufmerksamkeit erregten fasch&fuchs mit der im Jahr 2006 fertiggestellten Sonderschule in Schwechat. Das vielfach prämierte Projekt zeichnet sich durch einen tiefen, aber von oben bestens belichteten Baukörper aus, in den auch der große Turnsaal integriert ist, ein aus allen Richtungen einsehbarer, nach außen verglaster Raum. Im vorgelagerten Wintergarten werden nicht nur Pflanzen gezüchtet; im selben Querschnitt ist auch das Therapiebecken der Schule untergebracht. Eine solche einladende und offene Atmosphäre hatte man im österreichischen Schulbau seit Josef Lackners Gymnasium der Ursulinen in Innsbruck nicht mehr gesehen. Und sie war 2006 auch nur bei einer Sonderschule möglich, da die üblichen Schulbaunormen nicht zur Anwendung kommen mussten.

Mit diesem Projekt hatten fasch&fuchs einen entwicklungsfähigen Typus definiert, auf dessen Basis seit 2011 ein Dutzend Schulen errichtet wurde, also im Schnitt eine pro Jahr, alle im Rahmen von Wettbewerben akquiriert. Die Typologie hat sich entwickelt: Neue Elemente kamen dazu wie die Lesetreppe als Herz der Schule oder die Öffnung der Klassenräume zu „Clustern“, die offenes Lernen unterstützen, sowie großzügige Terrassen vor den Klassenräumen, die als Freiklassen dienen.

Auch in der jüngsten Schule von fasch&fuchs, dem Wienerwaldgymnasium in Tullnerbach, knapp an der Wiener Stadtgrenze gelegen, spielen Terrassen eine große Rolle. Die Schule liegt auf einem steilen Südhang mit üppiger Vegetation und schmiegt sich abgetreppt ins Gelände. Der Sportplatz davor ist als im Hang schwebende Plattform ausgebildet, darunter ein offenes Parkdeck. Der Sonnenschutz liegt nicht direkt an der Fassade, sondern auf einem Gerüst 185 Zentimeter davor, wodurch die Vertikaljalousien nicht voll heruntergefahren werden müssen, um die Sonneneinstrahlung zu verhindern, und den Blick ins Freie immer zu gewährleisten.
Stützenfreie Räume

Typologisch verbindet das Projekt einen Terrassentyp mit einem hangseitigen Kammtyp, bei dem jeweils vier Klassenräume einen offenen Hof begrenzen. Durch verschiebbare Wände eignet sich der Grundriss sowohl für ein konventionelles Stammklassensystem, wie es derzeit betrieben wird, als auch für ein Departmentsystem.

Im Inneren wirkt die Schule wie eine gut gegliederte Landschaft mit teilweise sehr hohen, von allen Seiten belichteten Bewegungsräumen mit Längs- und Querblick ins umgebende Grün, das freundlich zurückschaut. Das Farbkonzept der Künstler Gustav Deutsch und Hanna Schimek bereichert diesen Blick durch farbige Gläser, die mit dezenten grünen und braunen Farbtönen wie eine zweite Natur wirken. Konstruktiv sind diese über weite Strecken stützenfreien Räume eine Meisterleistung, für die die Ingenieure von Werkraum verantwortlich zeichnen.

Mit dieser in jeder Hinsicht erfreulichen Schule ist fasch&fuchs die perfekte Musilsche Kombination von Seele und Genauigkeit gelungen. Und trotzdem würde sie heute möglicherweise nicht mehr gebaut. An ihrer Stelle stand nämlich ein Seminarzentrum aus den späten 1970er-Jahren, ein Stahlbetonskelettbau, in dem die Schule seit ihrer Gründung 2008 bereits untergebracht war. Es war zu klein und hätte erweitert und thermisch saniert werden müssen. Es abzureißen und als Bauschutt auf die Deponie zu führen würde heute jedenfalls kritisch hinterfragt werden.

Hier radikal zu denken wird uns nicht erspart bleiben: Neubau-Moratorium bis 2030? Ja, aber nur, wenn wir dafür die geeigneten Typologien entwickeln. Es wäre fatal, die Bebauung der Erde den vorgeblichen Sachzwängen des Bauens im Bestand zu überlassen.

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